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Lustige Erzählungen für Leserinnen und Leser zwischen zwölf und hundert aus der fruchtbaren Gegend der Hana zwischen den mährischen Städten Brünn und Olmütz, als noch die Vergangenheit des Kaiserreichs Österreich/Ungarn lebendig war, obwohl schon Böhmen und Mähren und die Slowakei sich zu einem eigenständigen Staat zusammenschlossen, der zwanzig Jahre unter dem Namen Tschechoslowakische Republik existierte.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Statt eines Vorworts
Hanakien
Im Schaukelwald
Das Geheimnis
Im Zirkus
Das Zicklein
Wie der Zufall eine Idee ins Leben rief
Der Finger einer Frau zieht stärker als zwei Ochsen
Der Ponyhof
Die Versammlung
Der Minister und das Schülerparlament
Hanabachprobleme
Kleine Ursach, große Wirkung
Hanakien im Spiegel der Presse
Ausfall, Reinfall, Einfall
Kleiner Stups mit großen Folgen
Quellsucher in Einsatz
Das Wünschelrutenwunder
Brunnenbohren mit Musik
Eine Überraschung jagt die andere
Das klitzekleine Königreich wird berühmt
Applaus den Fleißigen
Der Minister bekommt ein Kind
Die Offenbarung
Kommt Zeit, kommt Rat
Frau Martha wird Tante, Bruder Wenzel wird Onkel, und Schaukeljunge Jan hilft Tante Martha beim Umzug
Der Geschenkesommer
Die Erbschaft
Des Geschenkesommers letzter Teil
Das Telefon – oder wie der Minister Hanakien zu modernisieren versuchte
Hanakien wird verdrahtet
Die Sankt-Martins-Gaudi
Wie Lehrer und Schüler mit der Geschichte um die Erfindung des Telefons den Winter überbrückten
Fleißige Hörer machen fleißige Lehrer
Des klitzekleinen Königreichs Telefonanschluss an die Welt
Schaukeljunge Jan, das Gymnasium, und des Ministers missglückte Transporthilfe
Jan und der Grüne Heinrich
Jans Erfindung weckt Begehren
Das Werk lobt seinen Meister, der Abend lobt den Tag
Lieber ein Tropfen Weisheit als ein Sturzbach voll Glück
Nachwort
Das Ende des hanakischen Königreichs
Über die Kunst, Geschichten an der richtigen Stelle enden zu lassen
Über die Autoren
Lieber Gerd,
Du hättest mich Deine Geschichten aus Hanakien nicht lesen lassen dürfen.
Du hast es getan und nun dieses Manuskript erhalten.
Es sind immer noch jene Erzählungen, die Du einst zu Papier brachtest, um sie Deinen beiden Enkelinnen Eva und Mira vorzulesen. Geschichten, die sie in ihre Träume mitgenommen hatten und mich, viele Jahre später, dazu verführten, dieses Hanakien, wie es Deiner Erinnerung und Phantasie erwuchs, liebevoll in ein zweites Entwicklerbad zu tauchen.
Möge sich mein Staunen über das Ergebnis auch auf Dich und vor allem auf eventuelle Leserinnen und Leser übertragen – egal, ob erst mit zwölf oder bereits mit hundert Jahresringen versehen.
Mir haben Deine Geschichten großen Spaß bereitet.
Lutz Jahoda, Heidesee, zwischen Frühherbst 2017 und Herbst des Erscheinungsjahres 2018.
Hanakien ist ein klitzekleines Königreich.
Da fließt der kleine Fluss Hana durchs Land. Und weil er so klein ist, wird er nur Hanabach genannt. Es gibt eine kleine Stadt, einen kleinen Wald, einen großen Nussbaum, und einen König gibt es selbstverständlich auch. König von Hanakien müsste er eigentlich heißen, doch der König ist bescheiden und bezeichnet sich nur als Oberhanak, wohnt in der kleinen Stadt in einem großen Haus, das die Leute „unser Schloss“ nennen, wohnt darin mit seiner Frau, der Königin und Oberhanakin, und den beiden Prinzessinnen Eva und Mira, regiert von dort aus das Land und bewacht im Herbst den Nussbaum.
Dann gibt es in der Geschichte noch einen Minister, Evas Schulklasse und einen Lehrer, der später auch Miras Klassenlehrer wird, es gibt viele Vierbeiner und andere Bewohner, die in den Geschichten vorkommen werden. Und alle Geschichten haben sich wirklich ereignet - oder könnten sich so ereignet haben.
Eines morgens ging Eva in den Wald, um Gras für die Kaninchen zu holen. Wie sie da so ging und nach dem saftigsten Gras Ausschau hielt, kam sie an einen wundersamen Platz. Da stand mitten im Wald ein Schwein aus Holz, mit ganz langen Beinen, und am Bauch des Schweins waren Haken angebracht, an denen eine Schaukel hing.
Da vergaß Eva das Gras und die Kaninchen, lief zur Schaukel und probierte, ob es sich wirklich darauf schaukeln ließ.
Und wie sie so schaukelte und schaukelte, sah sie aus luftiger Höhe hinter Büschen einen Jungen, der an Brettern sägte, schraubte und hämmerte.
Klar, dass Eva neugierig wurde, zu schaukeln aufhörte, zu dem Jungen hinlief und ihm bei der Arbeit zusah.
Nach einer Weile unterbrach der Bub sein Tun und sagte: "Wenn du schon das Gras für deine Kaninchen vergisst und mir auch sonst nicht helfen kannst, dann bring mir bitte wenigstens etwas zu trinken. Oder siehst du nicht, wie ich schwitze."
Und so lief Eva nach Hause, holte eine Flasche Apfelsaft und brachte sie dem Jungen.
Als sie dann später doch noch mit dem Gras nach Hause kam, waren die Kaninchen schon ziemlich hungrig, und ihr Vater, der Oberhanak und König, fragte, wo sie denn so lange gewesen sei. Da erzählte sie ihm von dem Jungen im Wald und von der lustigen Schaukel.
Da wunderte sich der König, weil er weder etwas von diesem Jungen im Wald, noch jemals von Schweineschaukeln gehört hatte.
Und so rief er den Lehrer zu sich und fragte, ob er den Jungen kenne und ob der zur Schule gehe. Der Lehrer wusste von nichts, und so rief der König den Minister, aber auch der wusste von nichts, und so schickte der König den Minister in den Wald, um den Jungen nach dessen Namen zu fragen und auch, ob er zur Schule gehe.
Der Minister ging also in den Wald, fand den Platz mit der Schaukel, fand den Jungen bei der Arbeit an einer zweiten Schaukel, staunte über den Eifer des Buben und über dessen Kraft, die er sich offenbar immer wieder mit einem kräftigen Schluck aus der Apfelsaftflalasche holte.
Eine Weile sah er dem Jungen zu, der sich nicht bei der Arbeit stören ließ, eifrig weiter hämmerte und nagelte und sägte, bis der Minister, dieser Nichtbeachtung wegen ungedulduldig und zornig, seine Hand auf den Nagel legte, den der Bub gerade einschlagen wollte, was vom Herrn Minister nicht gerade klug war. Der Hammer, zielgerichtet längst im Schwung, war nicht mehr aufzuhalten, und so war es ein Jammer anzusehen und anzuhören, wie der Minister schrie, sich an seinen großen Zeh fasste und auf einem Bein im Kreis herumhüpfte.
Der Junge wunderte sich sehr und fragte: "Warum fasst du dich an den großen Zeh, wenn ich doch nur deinen Daumen traf?"
Da antwortete der Minister, dass er viel besser hüpfen könne, wenn er den Zeh anfasse, und hüpfen müsse er schließlich, weil es doch so weh tue.
Der Junge hörte zu arbeiten auf, weil es ihm leid tat, dem Minister weh getan zu haben, und so tröstete er ihn.
„Genug getröstet“, brummte der Minister, „sag mir lieber, was du hier machst.“
„Schweineschaukeln“, sagte der Junge. „Das sieht man doch. Ich baue eine Schweineschaukel nach der anderen, und das so lange, bis alle Kinder im Königreich Hanakien eine Schaukel haben und später jedes Kind auf der ganzen Welt seine eigene Schaukel hat, und Kinder nie mehr streiten müssen, wer zuerst und wie lange schaukeln darf.“.
Der Minister fand, dass dies eine prima Idee sei, ging zum König und berichtete. Der zupfte sich am Ohr, um sich zu erinnern, warum er den Minister eigentlich in den Wald geschickt hatte, schließlich fiel es ihm ein, und er fragte: "Haben Sie sich erkundigt, ob der Junge in die Schule geht?"
Da sagte der Minister, dass er das vergessen habe, weil er doch so sehr hüpfen musste.
„Hüpfen?“, wunderte sich der König. „Wohin hüpfen? Und warum? Sie sind doch weder ein Hase noch ein Känguruh.“
Der Minister antwortete: "Weil mich der Junge mit dem Hammer auf den großen Zeh, ach nein, auf den Daumen – ach, ich weiß nicht mehr, wohin er geschlagen hat!"
Da wurde der König zornig und ging selbst in den Wald, um den Jungen zu fragen, wo er mit dem Hammer den Minister getroffen habe. Auf den Daumen oder auf den großen Zeh?
„Auf den Daumen natürlich“, antwortete der Junge.
„Rechts oder links?“
„Auf den rechten Daumen“, sagte der Junge.
„Gut“, sagte der König, ging befriedigt nach Hause, um dem Minister mitzuteilen, dass es der rechte Daumen war.
Als der Minister das hörte, war er zufrieden, rieb sich den rechten großen Zeh, weil er meinte, der tue immer noch weh und fragte den König, ob der Junge denn nun zur Schule gehe oder nicht.
Da musste sich der König eingestehen, dass er vor lauter Daumen und großem Zeh diese Frage auch vergessen hatte. Also sagte er nur Papperlapapp und erklärte dem Minister, dass der Bub im Wald sehr wohl Daumen und großen Zeh unterscheiden könne und auch schon wisse, wo rechts und links sei. Kein Grund also, deshalb noch einmal in den Wald zu gehen, zumal er jetzt viel zu müde sei.
Und bevor sich der König auf seinen Thron setzte, sagte er noch: „Ehe ich vergesse, lieber Minister, dass Sie immer noch nicht wissen, wo Ihr Daumen und wo Ihr großer Zeh sitzt, ordne ich am heutigen Sonntag an, dass Sie vom morgigen Montag an in die Schule gehen werden, um zu lernen, ob Ihr Daumen zum Fuß oder der große Zeh an die Hand gehört, wobei Sie bei der Gelegenheit den Jungen gleich fragen können, ob er zur Schule geht oder nicht.“
Dann gähnte der König laut und schlief so lange, bis ihn seine Frau, die Königin, zum Mittagessen rief.
Ob der Minister tatsächlich noch einmal zur Schule musste? Oder ob ihm am Sonntag doch noch einfiel, wo der Daumen und wo der große Zeh sitzt? Und dass es von jedem zwei Stück gibt – einen Daumen links und einen Daumen rechts an der Hand, und einen großen Zeh am linken und einen am rechten Fuß?
Wer das gerne wissen möchte, muss einfach nur weiterlesen.
Eines Abends nach dem Abendbrot, der König des klitzekleines Königreichs Hanakien, dessen Frau, die Königin, wie auch die beiden Kinder Eva und Mira, saßen noch zu Tisch, als der König herumzubrabbeln begann, als redete er zu sich selbst, sagte "Ich weiß ja nicht, ich darf ja nicht", schaute zur Zimmerdecke, als käme von dort oben eine Antwort, um dann wieder herumzudrucksen: "Na ja, vielleicht dürfte ich doch. Oder sollte ich lieber nicht? Andererseits, was macht es schon aus, wenn ich schließlich möglicherweise doch; denn morgen erfahren es alle ohnehin. Trotzdem wäre es vielleicht besser, wenn ich nicht ..."
Da fuhr ihn seine Frau verärgert an: "Entweder du sagst jetzt, was du willst, oder du bist still. Siehst du nicht, wie du die Kinder neugierig machst? Dabei sollten sie längst schlafen. Aber wie sollen sie schlafen, wenn deine Worte wie gespannte Flitzbogen wirken, die niemals abgeschossen werden."
Da blieb dem König nichts anderes übrig, als wenigstens etwas verlauten zu lassen: Seltsame Leute seien in der Königlichen Kanzlei gewesen, um für einige Tage den Platz am Teich anzumieten. Doch mehr sei gegenwärtig dazu nicht zu sagen.
Das sei reichlich wenig, bemerkte die Königin unwirsch, und auch die Kinder schmollten, wollten wissen, ob denn wenigstens morgen Genaueres zu erfahren sein werde.
Da wiegte der König den Kopf, was auch wieder nicht zu deuten war, ob dies nun ein Ja oder ein Nein sein sollte, sagte aber schließlich doch noch soviel, dass man gespannt bleiben dürfe auf den morgigen Tag; denn Vorfreude sei, wie das Sprichwort sagt, die schönste Freude.
Etwas Freudiges also! Aber was wohl? Hatte der König etwa Weihnachten vorverlegt? Am liebsten wären Eva und Mira die ganze Nacht über wach geblieben, um nachzudenken, was diese Leute mit dem angemieteten Platz am Teich vorhaben könnten.
Am nächsten Morgen war Papa König bereits wieder zum Regieren außer Haus, so dass die Kinder ihn nicht mit weiteren Fragen quälen konnten. Auch die Mutter Königin zeigte sich unwissend. Und so blieb es für die Kinder beim Üblichen: Waschen, Anziehen, Frühstücken, Zähne putzen, Schulranzen packen, und die Frühstücksbrote nicht vergessen.
So eilig und problemlos sei es mit den Geschwistern am frühen Morgen noch nie vorangegangen, wunderte sich die Königin, lächelte still vor sich hin und hätte darauf wetten mögen, den Umweg zu kennen, den die Mädchen nehmen werden.
Und so geschah es dann auch. Eva und Mira liefen nicht wie sonst schnurstracks zur Schule, sondern geradewegs zum Teich und blieben wie angewurzelt stehen, als sie das bunte Treiben erblickten: die vielen Wagen, große und kleine, lange und kurze, sogar ein Kranwagen war dabei, auch ein Traktor, der gerade noch einen Wagen mit Fenstern auf den Platz schleppte, zwischen den Wagen liefen Männer, die Stangen transportierten. Und auf allen Wagen standen große Buchstaben, und Mira begann zu buchstabieren: „R-A-S-T-E-L-L-I“, und Eva, die schon fließend lesen konnte, sagte: „Rastelli!“
Als sie zur Schule kamen, gab es schon auf den Gängen Unruhe, Rätselraten auch im Klassenzimmer, weil bereits einige Kinder ebenfalls das geschäftige Tun auf der Wiese gesehen hatten. Ein Schüler schrie: „Hanakien wird reich! Auf der Wiese wird nach Öl gebohrt!“ Einige sprachen von einer Wanderbühne, von einem Theater auf Rädern. „Es wird ein Zoo!“, rief der Schaukelbauer aus dem Schaukelwald. „Ich habe einen Löwen brüllen hören!“
Da stand plötzlich der Lehrer in der Tür zum Klassenzimmer und rief: „Wenn hier einer brüllt, bin ich das! Und ich bin kein Löwe. Also Ruhe!“
Und so wurde es mucksmäuschenstill, weil alle Kinder glaubten, der Lehrer würde jetzt das Wiesengeheimnis lüften, aber er sagte nur den Satz, den Eva und Mira schon kannten, weil ihn bereits gestern Vater König gesagt hatte, und so sprachen sie ihn mit dem Herrn Lehrer im Chor: „Vorfreude ist die schönste Freude!“
Und weil Eva und Mira eifrig mitgesprochen hatten, freute sich der Lehrer so sehr, dass er versehentlich weiterredete und sagte: „Weshalb ich nur so viel verraten kann, was ich eigentlich gar nicht verraten sollte: Auf der Wiese am Teich, da gastiert nämlich ...“
So still, wie es in diesem Augenblick wurde, war es im Klassenzimmer eigentlich sonst nur in der Nacht, was den Lehrer mehr erschreckte als der Umstand, dass er um ein Haar verraten hätte, was schließlich im Auftrag des Königs geheimzuhalten war.
Und so vollendete der Lehrer seinen Satz unvollendet, ließ ihn in der Luft hängen, wie einen verirrten Luftballon in den Zweigen eines hohen Baumes, und sagte lediglich den für die Kinder langweiligsten Satz aller Sätze: „Und so schlagen wir jetzt die Rechenhefte auf!“
Da stöhnten die Kinder, weshalb der Lehrer gnädig hinzufügte: „Weil das Unternehmen auf der Wiese eine ganze Menge mit Rechnen zu tun hat.“
Da waren die Kinder nun völlig durcheinander und fragten, wie denn Freude und Rechnen zusammenzubringen sei.
„Ja“, sagte der Lehrer, „Freude steht nur dem ins Haus, der richtig gerechnet hat. Aus diesem Grund begrüßen wir heute noch einmal unseren Herrn Minister, der zusätzlich als Finanzminister tätig werden wird, weil mit dem Wiesenunternehmen auch Einnahmen für das Königreich zu verbuchen sein werden.“
Und so wurde an diesem Schultag nur gerechnet und gerechnet. Und für die Kinder wurde das Rätsel um das Rätsel immer rätselhafter.
Endlich schlug die Turmuhr zwölf, und das hieß: Hurra, der Unterricht für heute ist zu Ende! Jedes Kind versuchte zuerst durch die Schultür hinauszudrängen. Der Minister wirbelte wie ein Brummkreisel mit, hätte beinahe seine Brille verloren. Auch unsere beiden Prinzessinnen wurden mitgerissen, wären fast mit dem ganzen Haufen Kinder die Treppe des Schulhauses hinuntergefallen, und klar, dass alle nur ein Ziel hatten: die Wiese am Teich.
Als erstes fiel den Kindern auf, dass überall an den Straßenlaternen bunte Plakate hingen.
Auch Fähnchen und Wimpel wehten an bunten Schnüren von Baum zu Baum, Zettel flatterten von einem Wagen, der durch die Straßen der Stadt rollte. Eva hob so einen Zettel auf, und Mira wollte wissen, was darauf geschrieben steht. Und so las Eva vor: „Zirkus Rastelli erstmalig in Hanakien! Heute Nachmittag mit einer großen Zirkusparade durch die Hauptstraße der Stadt!“
Das lasen die anderen Kinder auch. Und so rannten alle neugierig zur Wiese am Teich, wo gestern noch Gänse und Enten umhergewatschelt waren, wo aber inzwischen ein rotweiß gestreiftes Zelt stand. Riesengroß stand es da, eingezäunt von den bunten Zirkuswagen rings um das Zirkuszelt mit vier Masten, auf denen rotweiße Fahnen wehten, alle mit der Aufschrift „Rastelli“. Auf einem der Wagen stand ein Schild mit dem Hinweis „Zirkuskasse“, auf einem anderen Wagen stand „Große Tierschau“. Es war das reinste Zauberland, wie es die Kinder im klitzekleinen Königreich Hanakien noch nie gesehen hatten.
Eva zeigte auf den Kassenwagen und sagte zu Mira: "Schau doch, dort gibt es Eintrittskarten, komm wir holen uns welche!“
Gesagt getan, beide liefen zu dem Wagen, und Eva sagte zu der Frau hinter dem Fenster: "Können wir bitte zwei Karten für uns und auch Karten für unsere Mama und unseren Papa haben?"
Da lachte die Frau und sagte: „So einfach ist das nicht, da müsst ihr schon sagen, für welche Vorstellung, ob für die Nachmittagsvorstellung oder für die Vorstellung am Abend. Auch an welchem Tag ist wichtig. Wir sind ja mehrere Tage hier. Und ganz wichtig: Die Eintrittskarten kosten Geld. Habt ihr denn welches?“
Da musste Eva kleinlaut zugeben, kein Geld zu haben und außerdem zu Hause erst fragen zu müssen, an welchem Tag und zu welcher Zeit und ob überhaupt ein Zirkusbesuch gestattet sein wird.
Da lächelte die Frau an der Kasse und meinte: „Wenn ihr artig gewesen seid und auch brav in der Schule, wird das bestimmt klappen.“
Aufgeregt liefen Eva und Mira nach Hause, um von der Zirkusparade zu erzählen, die sie unbedingt sehen wollten.
Nur leider war die Stimmung im Königshaus nicht gerade rosig, weil die Prinzessinnenmutter, streng wie eine Königin zu sein hatte, und darum bereits ungehalten war. Das Mittagessen sei inzwischen kalt geworden, schimpfte sie, müsse noch einmal aufgewärmt werden, was ein Essen nicht besser mache. Außerdem wären die Hausaufgaben zu erledigen, was schließlich wichtiger sei als so eine Parade.
„Wir haben heute keine Hausaufgaben!“, rief Eva strahlend.
„Dann hat der Lehrer das nur vergessen“, erwiderte die Königin.
„Das glaube ich nicht“, fügte Eva hinzu. „Unser Lehrer war heute ziemlich durcheinander, redete ständig von diesem Unternehmen auf der Wiese, ließ den Minister rechnen, wieviel Futter ein Löwe braucht, wieviel Futter ein Elefant, was ein Quadratmeter Wiesenland an Pacht im Monat kostet und wieviel das umgerechnet auf eine Woche sein wird. Und so glaube ich, dass er uns nur deshalb keine Hausaufgabe aufgegeben hat, weil er selbst dabei sein möchte, wenn die Zirkusleute durch die Straßen ziehen und deshalb auch den Schülern diese Freude nicht nehmen wollte. Unser Lehrer ist nämlich ein lieber Lehrer.“ „Hm“, brummte die Königin, schob das Essen noch einmal in die Bratröhre, lächelte und sagte: „Dann wollen wir den König fragen, wie er die Sache sieht.“
Der König sah die Angelegenheit wie immer, wenn Angelegenheiten auf ihn zukamen, die außerhalb seiner Regierungsgeschäfte lagen, und sagte, dass dies die Königin zu entscheiden habe.
Und so entschied die Königin, weil sie eigentlich genau so neugierig wie die Kinder auf die Zirkusparade war, sofort nach dem Essen mit Eva und Mira zur Hauptstraße zu gehen.
Also ging der König wie gewohnt zum Regieren, wo er, wie immer nach dem Essen, sofort wieder einschlief, und die Kinder mit der Mutter zur Parade eilten.
Es war ein wunderschöner Nachmittag. Die Sonne schien, und an der gesamten Hauptstraße entlang standen dicht gedrängt die Bürger von Hanakien in Erwartung der Parade. Die beiden Prinzessinnen staunten, wie viele Menschen es in diesem klitzekleinen Königreich Hanakien gab.
Und da ging es auch schon los: Zuerst war die Musik zu hören, und kurz darauf waren auch die Musikanten zu sehen. Trompeter an der Spitze, dahinter ein Musikant mit einem unwahrscheinlich großen Instrument, das sich wie ein riesiger Zuckerkringel um den Körper schlang und links seitlich über dem Kopf in einem gewaltig großen Schalltrichter endete, aus dem in ganz tiefen Tönen ein noch gewaltigeres „Bopbopbop“ hervorbrummte. Im Rhythmus der Schritte immer wieder dieses „Bopbop-bopbopbopbop-bop-bobobo“, und dazwischen die Klarinetten, gespielt von lustig gekleideten Leuten.
Ein Mann in der Menschenmenge meinte, dass dieses große Instrument eine Tuba sei. Ein anderer widersprach, sagte, dass eine Tuba zwar auch groß sei und ähnlich tief klinge, aber dieses Instrument Sousaphon genannt werde.
„Bravo!“ rief eine Stimme. Es war der Lehrer, der dem Instrumentenexperten applaudierte, als dieser auch noch erklärte, dass eine Tuba vor dem Körper getragen werde, ein Sousaphon hingegen, um den Körper geschlungen, von der rechten Schulter gehalten wird.
„Genau so, wie hier zu sehen!“, schrie der Lehrer, um über die laute Musik gehört zu werden. „Und den lustigen Namen hat das Instrument von dessen amerikanischem Erfinder John Philip Sousa, dem wohl berühmtesten Marschmusikkomponisten der Welt!“
„Bravo!“, brüllte jetzt wieder der Instrumentenexperte. „Und den Marsch, den wir gerade hören, ist sein bekanntester!“
„Ja!“, schrie der Lehrer zurück. „Ich weiß sogar den Titel: The Stars and Stripes Forever!“
Jetzt applaudierten auch die Menschen ringsum. Die Hanakier, weil sie einen so klugen Lehrer hatten, und die anderen Zuschauer, weil die Musik so schmissig spielte. Und schließlich jubelten alle, als die Artisten kamen, die Jongleure und Clowns mit ihren Künsten.
Zwei Spaßmacher waren besonders lustig. Beide schlugen Rad und Purzelbäume, einer verlor dabei erst einen Schuh, dann den anderen und hatte plötzlich drei Schuhe in der Hand, mit denen er jonglierte. Der andere Clown, dem ein Schuh fehlte, zog schimpfend auch noch den zweiten Schuh aus, schleuderte ihn wütend in Richtung seines Kollegen, der ihn aber auffing, so dass er jetzt mit vier Schuhen jonglieren konnte.
Plötzlich stand ein weiß geschminkter Clown zwischen den beiden und wollte schlichten. Er tat sehr vornehm, trug einen spitzen Hut, hatte eine Trillerpfeife im Mund, und immer, wenn er pfiff, spritzte Wasser aus dem Hut, abwechselnd auf den einen Clown, dann wieder auf den anderen, worauf sich die Streithähne schnell einig waren und den Weißclown in Schwierigkeiten brachten, indem sie sich gegenseitig die vier Schuhe zuwarfen, auffingen und wiederum zuwarfen, worauf sich der zwischen den hin und her fliegenden Schuhen bedrängte Weißclown nicht anders zu helfen wusste, als nun ebenfalls seine Schuhe auszuziehen, und den einen Schuh gegen den linken Clown und den anderen Schuh gegen den rechts stehenden Clown zu werfen. Doch welch ein Pech für den Weißclown, als auch diese Schuhe aufgefangen wurden, so dass jetzt sechs Schuhe in der Luft waren, an ihm vorbeipfiffen, und er so zum Gefangenen fliegender Schuhe wurde.
Jubel und Applaus entlang der Straße. Auch aus den Fenstern der Häuser klatschten die Bewohner Beifall. Doch schon zogen die nächsten Attraktionen vorbei: Ein Mann mit einem Feuerstab, den er sich kurz in den Mund steckte und die Flamme sofort wieder ausspieh. Ein Feuerschlucker sei das, meinte einer. Der Lehrer erklärte, dass man das zwar so bezeichne, der Artist allerdings die Flamme keineswegs schlucke, sondern sofort wieder ausspucke.
Da lief bereits ein weiterer Artist vorbei: ein Vierbeiniger allerdings, der aber nur auf seinen Vorderbeinen lief, was schon etwas Besonderes war, da er während dieses bewegten Handstands auf Pfoten auch noch bellte und mit dem Schweif wedelte.
Zwei Artisten sprangen sich gegenseitig auf die Schultern. Mal war der eine oben, dann wieder der andere, um auf dem Kopf des Partners jeweils einen Kopfstand vorzuführen, was jedesmal so aussah, als wären sie am Kopf zusammengewachsen.
Dann wurde ein Teil der Tierschau präsentiert, vorgeführt von einer eleganten Dame in Rosa, mit einer schwarzen Federboa um den Hals, flankiert von zwei Ziegenböcken, auf denen Äffchen ritten. Und schließlich – Höhepunkt der Parade: ein Elefant, auf dem ein dunkelhäutiger Mann saß, mit einem weißen Turban auf dem Kopf, nach allen Seiten grüßend winkte und zwischendurch Werbezettel hinabwarf, die der Wind ergriff und über die Menschenmenge verteilte.
Ein Zettel landete auf Miras Kopf, Eva las, was darauf gedruckt stand und sagte: „Wir müssen uns schnellstens Eintrittskarten besorgen, weil die besten Plätze sonst weg sind. Große Nachfrage! Das steht hier mit Ausrufezeichen und großen Buchstaben geschrieben! Und die Anfangszeiten stehen auch noch da, und die Eintrittspreise ebenfalls!“
Nicht nur Eva und Mira bedrängten ihre Mutter. Auch die anderen Kinder waren außer Rand und Band, hüpften um Vater und Mutter und riefen: „Karten kaufen, Karten kaufen! Heute noch! Heute noch!“
„Ich glaube, dass ihr euch anders verhalten solltet“, sprach die Königin zu Eva und Mira. „Schließlich seid ihr Prinzessinnen. Also fragt euren Vater, den König.“
„Schaut doch!“, rief Eva. „Da sitzt doch unser Papa! Dort drüben im Wirtshausgarten!“
Und tatsächlich saß er dort, der König mit seinem Minister. Beide hatten einen Bierhumpen vor sich, und der König sah recht zufrieden aus.
Ein günstiger Augenblick, dachte Eva. Den sollte ich nutzen. Und so lief sie hinüber und fragte Papa König, ob er sich die Zirkusparade angesehen habe.
„Natürlich nicht“, sagte der König. „Was heißen soll, natürlich schon, denn zum Regieren gehört schließlich auch, dass man sich informieren muss, was so vor sich geht im Königreich Hanakien, dem klitzekleinen, wie die Leute sagen, aber allein schon desterwegen sehr bedeutenden Königreich. Und nur deshalb, sozusagen amtlich, habe ich mir die Parade ansehen müssen.“
Und amtlich wichtig war auch seine Miene und die Art, wie er nach dem Bierhumpen griff und zum Minister „Prost, Rastelli!“ sagte.
Da wusste die Königin, dass ihr Mann, der König, schon mehr als nur einen Humpen getrunken hatte, was zwar für ihn nicht gesund, aber mitunter recht günstig war. Und so beschwichtigte sie die Kinder, lehrte sie flüsternd, königliche Diplomatie zu wahren und sich in Geduld zu üben, weil dann, wie auch in der Politik, alles gut werde.
Und so warteten Königin und Prinzessinnen geduldig, bis der König sein amtliches Bier ausgetrunken hatte, warteten schließlich auch noch, als er sich dorthin begab, wo auch Könige zu Fuß hingehen, wie das Sprichwort sagt. Daher auch die Redensart jemand gehe sein Geschäft erledigen, anstatt des profanen und unfeinen Satzes, er müsse aufs Klo.
Und als er und der Minister vom „Regierungsgeschäft“ wieder zurück waren, sagte Mira, deren diplomatische Geduld im wahrsten Sinn des Wortes noch in den Kinderschuhen steckte, wann es denn nun endlich losgehe mit dem Eintrittskartenkauf.
Da machte Papa König eine königlich beschwichtigende Bewegung, sagte „gemach, gemach“, was auch wieder so ein Wort war, über das man sich den Kopf zerbrechen könnte, weshalb ein Schlafzimmer in gehobenen Kreisen als Schlafgemach gilt. Und so warteten die Kinder gespannt, welche Richtung der König einschlagen würde: etwa heimwärts, Richtung Schlafgemach, oder vielleicht doch Richtung Zirkus?
Der König ging Richtung Zirkus. Da hüpften Eva und Mira vor Freude. Doch der König ging nur bis zum nächsten Eiswagen, kaufte für jedes Kind ein Schokoladeneis und für sich und die Königin ein Vanille- und Erdbeereis. Dem Minister hingegen spendierte er nur eine Waffel. Schließlich müsse der Minister noch einen Auftrag erledigen. Da dürfe er nicht mit einem eisbekleckerten Dienstanzug erscheinen.
Und so schritt der Minister mit seiner Waffel Richtung Zirkuswiese, während der König den Weg zum Schloss einschlug.
„Hallo, hallo!“, rief die Königin, als die Kinder dem Minister hinterherlaufen wollten. „Hier geht ´s lang! Immer dem König nach!“
Und so trotteten die Kinder dem König und Vater traurig hinterher. Nicht einmal das schmackhafte Schokoladeneis vermochte sie zu trösten.
Doch zu Hause dann die große Überraschung: Fünf Herolde marschierten auf. Zwei von ihnen trommelten, zwei bliesen ein zweistimmiges Fanfarensignal, und der fünfte Herold rief über den Trommelwirbel hinweg: „Hiermit überreiche ich im Auftrag des Königs von Hanakien vier Ehrenlogenkarten für die morgige Nachmittagsvorstellung im Zirkus Rastelli! Die Prinzessinnen Eva und Mira mögen vortreten und die Karten in Empfang nehmen!“
Da vergaßen die Geschwister alle hanakische Hofetikette, jubelten und hüpften mit den Eintrittskarten um die Zirkusherolde herum, rechneten, wie viele Stunden es noch bis morgen Nachmittag sein werden, wurden müde, spielten noch ein bisschen, aßen Abendbrot, gingen früh ins Bett und träumten von feuerfressenden Hunden, von Ziegenböcken, die ihre Schuhe verloren, und von einer rosa gekleideten Frau mit schwarzer Federboa, die auf den Händen lief und von einem Elefanten, der auf dem Turban eines Inders einen Kopfstand machte.
Am nächsten Morgen ging für die beiden Prinzessinnen alles seinen gewohnten Gang. Der Zirkusbesuch am Nachmittag machte zwar den Tag zu einem ganz besonderen Tag. Dennoch lief wieder einmal alles wie am Schnürchen: Waschen, Anziehen, Frühstücken, Zähneputzen, Schulranzen packen, und die Frühstücksbrote nicht vergessen. Und auch die Königin war bester Laune und schmunzelte wissend, als sie merkte, dass es die Kinder wiedereinmal eilig hatten.
Und so hätte nur der König gestaunt, die Prinzessinnen noch vor Unterrichtsbeginn zwischen den Zirkuswagen zu sehen, wo das Leben gerade erwachte, die Tiere gefüttert werden mussten, die Artistenfrauen ihre bunten Auftrittskostüme wuschen und zum Trocknen auf Leinen hängten, die von einem Wagen zum anderen Wagen gespannt waren. Fast alle Wagen hatten auf ihren Dächern Lüftungsrohre. Aus einigen dieser Rohre rauchte es sogar, weshalb sich Mira wunderte und fragte, ob denn die Zirkusleute in diesen Wagen wohnen?- Worauf Eva antwortete, dass dies wohl so sei. Schließlich habe sie den Lehrer vom „Fahrenden Volk“ reden hören. Also werde es in den Wagen auch eine Kochstelle geben. Und wie zur Bestätigung ertönte ein lautes „Ihja!“ Da mussten die Prinzessinnen lachen, als sie das Eselchen entdeckten, dessen Fell von einem jungen Burschen gestriegelt wurde.
Und die beiden Clowns, die Eva sofort wiedererkannte, waren auch schon wach und trainierten mit ihren Schuhen.
Bestimmt wäre noch einiges zu entdecken gewesen, doch die Zeit drängte, also trennten sie sich schweren Herzens von dem bunten Anblick und trösteten sich mit der Gewissheit, in wenigen Stunden bereits wieder hier zu sein, und dann sogar zur Vorstellung in einer Ehrenloge sitzen zu dürfen..
Über den Unterricht in der Schule, an diesem für Eva und Mira so wichtigen Tag, gibt es wenig zu sagen. Lernen halt, wie immer: Rechnen, Lesen, Schreiben. Probleme gab es nach wie vor mit dem Minister, der inzwischen zwar schon bis Fünfhundert zählen konnte, aber mit der folgenden Aufgabe noch seine Schwierigkeiten hatte: Auszurechnen nämlich, wieviel Geld je verkaufter Eintrittskarte in die Königliche Hofkasse gelangen wird, wenn der Zirkus, laut königlichem Erlass, von jeder eingenommenen Krone drei Heller Nutzungsentgelt für die Wiese wird abgeben müssen.
Da kam der Minister ins Schwitzen. Einige Kinder mussten lachen. Der Schaukeljunge aus dem Schaukelwald hielt drei Finger hoch. Leider hatte der Minister keine Brille auf. Eva flüsterte: „Drei Heller je eingenommener Krone!“ Doch der Minister hörte auch schwer.
Schließlich rettete sich der Minister mit dem schlauen Satz, dass die Pachteinnahme erst dann wird errechnet werden können, wenn der Zirkus am Ende seines Gastspiels die Anzahl der verkauften Karten wissen wird.
Dagegen vermochte der Lehrer nichts zu sagen. Nur der Schaukeljunge rief laut, dass sich am Schluss von der Gesamtsumme der Einnahmen per einfacher Prozentrechnung die Pachtzahlung für die Wiese ergeben wird.
An dieser Stelle kam nun der Lehrer ins Schwitzen, weil er es nicht mochte, wenn ein Schüler fast genau so viel wusste wie er.
Zu Hause gab es dann das übliche Brimborium um die Art, wie Eva gelegentlich zu essen pflegte: entweder langsam und unlustig oder vor Aufregung appetitlos. Anschließend folgte noch das Gerede um die Notwendigkeit des Waschens, was wiederum Mira zelebrierte. Also musste die Königin einen Spiegel holen, um Mira zu beweisen, dass es um den Mund noch Spuren des Mittagessens gab.
Eva fragte, ob sie das rote T-Shirt anziehen dürfe. „Selbstverständlich“, sagte die Mutter Königin. „Schließlich gehen wir nur in den Zirkus und nicht zum Stierkampf.“
Fesch sahen die Prinzessinnen aus: Eva in den neuen gestreiften Hosen, passend zum roten Oberteil. Mira in ihrem neuen bunten Kleid. Beide gekämmt. Kurzum: Eva und Mira waren die hübschesten Kinder des klitzekleinen Königreichs Hanakien. Da war die Mama richtig stolz.
Treffpunkt: Zirkuseingang. So war es ausgemacht. Bitte nicht zu früh und nicht zu spät.
Schließlich könne eine Königin mit ihren Töchtern nicht wie bestellt und nicht abgeholt vor einem Zirkuseingang stehen und warten. Und so war es zehn Minuten vor 15 Uhr, als pünktlich auch der König eintraf und alle vier das Zirkuszelt betraten, nicht einfach geleitet von einem livrierten Platzanweiser, sondern vom Zirkusdirektor Rastelli persönlich. Mitternachtsblauer Frack, dazu der passende Zylinderhut, aber weiße Stiefelhosen, die in lackledernen schwarzen Langschäftern steckten.
„Wie der gestiefelte Kater“, flüsterte Eva ihrer Schwester ins Ohr.
Verglichen mit dem morgendlichen Eindruck, war die Zirkuswelt bereits von außen eine ganz andere. Wie musste das erst an einem Herbstabend sein, wenn es bereits dunkel war und die tausend bunten Glühbirnen brannten. Verwandelte Welt, farblich überhöht, auch die gespielte Vornehmheit, angenehm festlich eben.
Die Ehrenloge war unmittelbar am Manegenrand, direkt gegenüber der Empore, wo die Orchestermusiker gerade Platz nahmen.
Eva und Mira staunten über die Größe des Zeltes und die in weitem Rund aufsteigenden Sitzplatzränge. Die Arena – von Papa König als Manege bezeichnet – war mit rotem Tuch ausgelegt. Sehr vornehm.
„Und was ist mit dem unbedeckten sandigen Streifen in der Mitte?“, wollte Eva wissen.
„Der ist freigehalten für das Pferd, auf dem der Zirkusdirektor hoch zu Ross herausgeritten kommen wird.“
Die Kinder staunten, was der Papa alles wusste. Nur der Königin war klar, dass der König sich soeben verraten hatte. Zu ihr hatte er gestern gesagt, einer unaufschiebbaren Ratsherrensitzung beiwohnen zu müssen. Aber Pustekuchen: Bei der Zirkuspremiere war er gewesen. Inkognito natürlich. Wahrscheinlich wiedereimal als Stallbursche verkleidet. Das tat er öfter gern, wenn er des Volkes Meinung erfahren wollte.
Die Königin lächelte und schwieg und freute sich, wie sich der König mit seinem Wissen immer tiefer in seinen Schwindel hineinredete.
„Unterhalb der Orchesterempore, hinter dem roten Samtvorhang, ist das sogenannte Entree. Von dort werden die Artisten auftreten“, erklärte der König seinen Töchtern. „Und der Balkon mit den Musikern über dem Eingang ist deshalb so hoch, damit auch Pferde mit Reitern und Elefanten noch reichlich Platz haben.“
Eva und Mira sahen sich um und entdeckten so nach und nach all ihre Schulkameraden, den Jungen vom Schaukelwald, den Lehrer, sogar der Minister war da, der ja bereits bis fünfhundert zählen konnte und deshalb keine Schwierigkeiten haben dürfte, die Zuschaueranzahl zusammenzuzählen, wobei noch zu bedenken sein wird, dass es unterschiedliche Preise gab. Die teuersten Plätze waren bestimmt die mit rotem Samt bezogenen Logensitze, und die billigsten ganz oben auf den Bänken. Das alles wird der Minister bedenken müssen. Nicht umsonst saß er zwischen dem Lehrer und dem schlauen Schaukeljungen aus dem Schaukelwald.
Der König erklärte seinen Töchtern auch noch die einzelnen Zirkusrequisiten unterhalb der Zirkuskuppel.
„Requisiten sind notwendige Gebrauchsgegenstände“, übersetzte die Königin.
„Was da oben an zwei Schnüren hängt, ist ein Trapez“, sagte der König.
„Ein Schaukelreck“, verdeutlichte die Königin. „Oder so“, sagte der König, und sagte danach gar nichts mehr, vielleicht auch nur deshalb, weil die Scheinwerfer angingen, untermalt von Paukenschlägen – für jeden Scheinwerfer einen, und es waren vier. Worauf sofort die Zirkuskapelle zu spielen begann. Es war dieselbe, die schon die Parade angeführt hatte. Nur klang die Musik im Zelt viel lauter und noch schöner als auf der Straße. Es war wieder dieser amerikanische Marsch, komponiert von diesem genialen Sousaphon-Erfinder John Philip Sousa. Das hatte sich Eva gemerkt. Schon allein deshalb, weil der Lehrer gesagt hatte, dass bei dieser Musik selbst Leute mit einem Holzbein Lust bekämen, im Takt mitzumarschieren.
Und da ging auch schon der rote Vorhang auf, und hereinmarschiert kamen sämtliche Artisten und Clowns, Zauberer, Messerwerfer, Tierbändiger, Seiltänzer, Luftakrobaten, Kunstreiter und Jongleure.
Und zuletzt, tatsächlich auf dem Sandpfad, kam der Zirkusdirektor auf einem Schimmel, der im Passagetritt, dem Takt der Musik folgend, Vorderfuß und Hinterhand, wie der Fachmann sagt, hob und senkte. Rechter Vorderfuß, linke Hinterhand, linker Vorderfuß, rechte Hinterhand – und das genau im Takt, während der Herr Direktor seinen Zylinder grüßend schwenkte, und das Publikum im Rhythmus klatschte.
Als die Musik endete, dankte er den Gästen für ihr Kommen, grüßte noch einmal zur Ehrenloge, ohne den hohen Gast zu erwähnen, weil der König ein bescheidener König war und darum gebeten hatte, jegliches Aufsehen zu vermeiden.
Dann stellte der Direktor die Ansagerin vor. Es war die Dame in Rosa mit der schwarzen Boa, diesem Federschal, der im Scheinwerferlicht tatsächlich wie eine gefiederte Riesenschlange wirkte, die sich besonders üppig um den Hals der Sprecherin schlang. Und so stellte Madame Rosé sogleich alle Mitwirkenden namentlich vor, nannte die jeweiligen Attraktionen, so dass die Gäste wussten, wer was vorführen wird und was das Publikum an zirzensischen Künsten erwartet.
Dann spielte die Zirkuskapelle wieder einen Marsch, um den Artisten die Möglichkeit zu geben, im Rhythmus abzumarschieren, begleitet vom erneuten Taktapplaus der Gäste. Bejubelt wurde der Schimmel, der jetzt, ohne Reiter, im kunstvollen Passagetritt als letzter die Manege verließ, der Direktor einen Kratzfuß vollführte, um zu zeigen, dass auch er den Passagetritt beherrscht, und viel Vergnügen wünschte mit der ersten Darbietung: „Der ultimativ einzigartig musikalischen und komischen Glatzkopfband!“
Zwei Clowns rollten die fehlende rote Teppichbahn über den Sandstreifen, so dass die Manege jetzt einheitlich rot im Scheinwerferlicht erstrahlte.
„Edel, edel!“, rief der König und applaudierte begeistert den Glatzköpfen zu, weil ihm offenbar gestern schon dieser Auftritt gefallen hatte. Und so ging Schlag auf Schlag das Programm weiter: Nach den ulkigen Musikanten überraschte ´Die Frau mit den dressierten Tauben´ das Publikum, dann überraschte ´Das Kautschukmädchen´, das seinen Körper wie eine Schlange bewegte und sich so weit nach rückwärts zu biegen vermochte, um noch den Kopf zwischen den Knien durchstecken zu können. Atemberaubend die Frauen und Männer der ´Luftini-Familie´, einer Saltomortale-Darbietung zwischen schwingenden Trapezen. Fliegende Artisten unter der Zirkuskuppel, mutige Künstler der Lüfte, die sich am Schluss ihrer Darbietung aus der Zirkuskuppel fallen ließen, aber von einem Sicherheitsnetz aufgefangen wurden.
Die Schuhjongleure zeigten nicht nur, womit sie schon während der Parade glänzten. Sie jonglierten mit Porzellan und behaupteten, es sei das teure aus Meißen, das schon „August der Starke“ benutzt hatte. Mit zwei chinesischen Vasen wurde balanciert. Ebenfalls kostbar, weil angeblich aus der Sammlung des Bayernkönigs Ludwig II.
Auch dabei atemlose Stille, nur unterbrochen von gelegentlichen Angstschreien der Zuschauer, wenn eine der schwankenden Vasen zu kippen drohte, eine sogar fiel, jedoch knapp über dem Boden noch aufgefangen wurde.
Madame Rosé, die Ansagerin mit der schwarzen Federboa um den Hals, applaudierte und rief ihr „Ausgezeichnet! Vollendet! Vortrefflich! Bravo!“ gleich in mehreren Sprachen. „Výborně, výtečně!", war auch dabei, weil im klitzekleinen Königreich Hanakien auch tschechische Bürger lebten. Und für eventuelle Touristen aus England, Frankreich, Italien und Spanien rief sie auch noch: „Excellent! Parfait! Perfettamente! Estupendo!“
Dann glänzte ein Zauberer mit seinen Tricks, ging durch die Zuschauerreihen, sprach mit einigen Gästen, kehrte in die Manege zu seinem Zaubertisch zurück und breitete dort all die Gegenstände aus, die er den Leuten während des Gesprächs geschickt entwendet hatte: Brieftaschen, Krawattennadeln und Haustorschlüssel einiger Herren. Auch Armbänder und Halsketten einiger Damen waren dabei. Einem Mann hatte er sogar die Krawatte abgebunden, ohne dass dieser es gemerkt hatte.
Tosender Applaus, als die Bestohlenen gebeten wurden, ins Scheinwerferlicht zu kommen, um sich ihre Sachen wiederzuholen, und zwei Herren vom Zauberer noch einmal zurückgerufen werden mussten, weil der ´König der Taschendiebe´ ihnen erneut etwas gestiebitzt hatte, während sie in der Manege ihr Eigentum einpackten.
„Welch ein Programm!“, jubelten die Zuschauer und applaudierten. „Bravo!“, riefen die Prinzessinnen, die nicht glauben mochten, als die Ansagerin sagte, dass jetzt eine Pause von 20 Minuten beginne, um den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, vor dem Zelt Erfrischungen zu kaufen.
So ging auch die Königsfamilie hinaus, aber da war bereits eine so lange Schlange vor dem Eisstand, dass der König sich nicht auch noch anstellen wollte. Außerdem sei das Umherschauen viel wichtiger und interessanter, meinte er und hatte recht damit, weil viele Kinder aus der Schule in der Vorstellung waren. Auch der Schaukeljunge aus dem Schaukelwald war da, und so ging es mit Fragen und Antworten hin und her. Hast Du das gesehen und dies und jenes? Die Fliegenden Artisten waren Spitze! Aber die jonglierenden und balancierenden Clowns auch! Und der Zauberer erst, der sich König der Taschendiebe mit Rückgabegarantie nannte. So war die Pause schnell vorbei.
Ein livrierter Zirkusdiener mit einer großen roten Gumminase, die er als Hupe benutzte, lief umher und rief: „Die Pause ist zu Ende! Bitte wieder Platz zu nehmen!“ Und wenn einer nicht reagierte, weil er vielleicht schwer hörte, erhielt er den Töff-töff-Nasenhupton direkt ins Ohr gehupt. Das wirkte und beschleunigte den Vorgang.
Auch das fanden die Kinder lustig. Und nachdem die Zuschauer alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, stellten sie eine Veränderung fest: der rote Manegenbelag fehlte. In der Pause war er entfernt worden.
Auf ein Trompetensignal gingen die Scheinwerfer wieder an, der Arenaboden blendete wie Wüstensand in der Mittagssonne. Die Glatzenband kam musizierend hereingewatschelt. Obwohl als Beduinen verkleidet, die haarlosen Häupter turbanumhüllt, hatten Eva und Mira die Musikanten an ihren schwarzen Bärten sofort wiedererkannt.
Die Klarinetten dudelten eine Orientweise. Für die stoisch einmarschierenden Kamele Heimatklänge, meinte die Königin und glaubte, in den Augen der Tiere Tränen entdeckt zu haben.
„Blödsinn“, sagte der König. „Wenn die Wasserspeicher im Höcker voll sind, zeigt sich das im Feuchtigkeitsgehalt der Augen! Das ist der Druck des Wassers!“
„Mein lieber Oberhanak“, flüsterte die Königin, „das mit dem Wasserspeicher im Höcker hat die Wissenschaft längst widerlegt. Ein wenig an Wasser mag vielleicht auch im Höcker stecken; doch die einhundert bis zweihundert Liter, die so ein Tier in fünfzehn Minuten aufnehmen kann, stecken in den von der Natur speziell für diese Tiere eingerichteten Zellen in der Magenwand.“
Der König erwiderte brummend, dass er den Lehrer fragen werde. Und falls die Aussage stimme, werde er über einen Kamelorden nachdenken.
„Sehr gut“, sagte die Königin und sah den beiden Wüstenschiffen auf je vier Beinen zu, wie sie sich im Rhythmus der Musik entlang der Manegenbegrenzung einmal im Kreis bewegten. Wankend und schwankend, tatsächlich wie ein Schiff in sanfter Dünung.
Dann, auf ein Kommando der beiden Kamelführer, knieten sich die Tiere hin und waren jetzt nur noch Stimmungskulisse für die folgende Szene: Männer in orientalisch bunter Kleidung stürmten in die Arena. Entsprechend veränderte sich die Musik. Nur noch zwei bliesen in ihre Klarinetten, die beiden anderen trommelten wild mit flachen Händen auf die Trommelbespannung. Und ebenso wild bewegten sich die Männer, begannen sich zu drehen, während die Klarinetten mit spitzen langgezogenen Tönen die Drehungen befeuerten.
„Tanzende Derwische im Trance!“, sagte der König.
Blödsinn, hätte jetzt die Königin am liebsten gesagt, unterließ diese Revanche und äußerte nur, dass echte Derwische sich zwar auch drehten, aber Gewänder trugen, wie sie Mönche zu tragen pflegen, allerdings statt Kapuzen Hüte auf den Köpfen hatten, die wie schlanke hohe Blumenkübel aussahen.
Das sei die türkische Variante, sagte der König. Außerdem gebe es noch eine mit weiten schwingenden Röcken in schillernden Farben, die bei starken Drehungen der Träger oder Trägerinnen eine enorme Wirkung erzielen, als würde eine bunte Gemüsepizza um die Körper wirbeln, schneller als die Tänzer selbst. Dies hier hingegen seien Derwischkostüme, wie sie im Sudan getragen werden.
Die Königin schwieg dazu und war sich nun völlig sicher, dass der König diese Information vom Zirkusdirektor haben musste. Und wer weiß, ob er nicht auch schon bei der Generalprobe zu Gast war. Die Königin nahm es leicht, musste sogar laut lachen, als ihr ein Satz einfiel, in dem das Wort Derwisch drinsteckte: Wetten, mein König, dass ich dich eines Tags bei deinen Schwindeleien derwisch?
„Ja“, rief der König, „auch ich finde die Burschen lustig!“
Um Klarheit in die Sache zu bringen: Diese sogenannten Derwische waren Flickflack-Akrobaten. Auch sie drehten sich, aber mehr in der Luft, indem sie Handstandüberschläge vollführten, in rasend schneller Folge. Sogar die Kamele wurden übersprungen. Zuerst mit einem einfachen Salto, dann von Sprung zu Sprung kühner. Einer der Männer vollführte auf dem Höcker eines Kamels einen Kopfstand, spreizte die Beine zu einem Victory-Zeichen, und die anderen flogen durch dieses V - entweder mit gestrecktem Körper oder zusammengekugelt wie ein Medizinball.
Die Zuschauer jubelten und applaudierten, als die Akrobaten, auf den Kamelen sitzend und dem Publikum zuwinkend, die Manege verließen, begleitet von den unermüdlich musizierenden und trommelnden Glatzkopfbeduinen.
Madame Rosé erschien und kündigte die nächste Nummer an: Cowboys mit ihren Reit- und Lassokünsten.
Jetzt war wieder das Blasorchester auf der Empore über dem breiten Entree an der Reihe. Rhythmisch urwüchsige Countrymusic erklang. Erneut brandete Beifall auf. Westernmusik war in Hanakien sehr beliebt, weil sie den hanakischen Polkaweisen ähnelte. Und so klatschten die Zuschauer im Takt, und von den preiswerten oberen Bankreihen ertönten Begeisterungspfiffe, einige Burschen stießen Jodelrufe aus. Es war das reinste Hillbillyfest, wie es in den Südstaaten Nordamerikas nicht besser geklungen hätte. Und als die Cowboys auf feurigen Pferden hereingaloppiert kamen, haarscharf an der Ehrenloge vorbei, erschraken Eva und Mira. Von den Pferdehufen aufgewirbelter Sand flog über die Manegenbegrenzung. Es roch nach Dung und Sägespänen. So erhielten die Gäste in den Logen unmittelbar an der Reitbahn eine Menge duftender Zutaten für ihr Geld.
Und erneut gab der König leichtsinnig sein Insiderwissen preis, indem er erklärte, dass die wilden Reiter weder Cowboys seien, noch aus der nordamerikanischen Prairie kamen, sondern lediglich verkleidete Kosaken waren.
„Was heißt hier ´lediglich´?“, sagte die Königin und applaudierte begeistert, als sich die Reiter während des gestreckten Galopps der Pferde vom Sattel hinunterschwangen, den Manegensand berührten und schon wieder obenauf waren und gleich wieder unten und wieder oben. Auch dieser zirzensische Wirbel war einmalig. Peitschen knallten. Jetzt stand ein Reiter aufrecht auf seinem Pferd, und ein anderer vollführte einen Kopfstand, während ein dritter Kosakencowboy aus dem Stand auf ein Pferd sprang, hinter dem Reiter landete, auf dessen Schultern kletterte und Huckepack mitritt.
Selbstverständlich wurden auch Lassokunststücke gezeigt. Clowns, die ängstlich schreiend davonliefen, wurden von einer zielgenau geworfenen Lassoschlinge eingefangen. Ein Lassomeister vermochte seine Wurfschlinge so geschickt über dem Kopf zu drehen, dass sie sich erweiterte, auf und ab tanzte, um den Körper des Cowboys schwerelos hoch- und niederschwebte, sich über dem Kopf drehend wieder verengte und wie ein Heiligenschein aussah, den sich der König von Hanakien gelegentlich wünschte, wenn er seiner Frau, der Königin, wieder einmal Regierungsfehler verschweigen musste – mitunter innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehr Fehler als eine Woche Tage hatte.
Großartig war auch der bewundernswerte Messerwerfer und Peitschenkünstler, dessen Partnerin ebenso zu bewundern war, die sich vor einer Bretterwand von geworfenen Bowiemessern einrahmen lassen musste, von Messerklingen, die zwanzig Zentimeter lang waren. Als Westerngirl, mit einer Zigarillo im Mund, frei in der Manege zu stehen und mit keiner Wimper zu zucken, geschweige mit dem Kopf, wenn mit jedem Peitschenhieb die Zigarillo um einen Zentimeter kürzer wurde, wäre auch nicht gerade der Traumberuf der Leute, die bangend den Atem anhielten – vor jedem Messerwurf, vor jedem Peitschenschlag mit der zwei Meter langen Peitsche aus schwerem geflochtenen Leder.
Die Schlussattraktion war der indische Arbeitselefant, den die Kinder schon kannten. Erstaunlich auch dessen Kunststücke, wie auch der Mut des Trainers, sich unter den gewaltigen Vorderfuß des Elefanten zu legen. Dass gleichzeitig ein Schlangenbeschwörer mit einer Kobra auftrat, gehörte zur Komplettierung des Indienbildes.
Als noch einmal alle Artisten zum gemeinsamen Schlussbild auftraten, wussten die Prinzessinnen nicht, wie ihnen geschah. Hatte die Zirkusvorstellung nicht gerade erst begonnen? Wieso war schon Schluss? Wie konnte es nur sein, dass die Zeit so schnell verflogen war?
Am Ausgang überlegte die Familie, ob es nicht besser sei, statt sich hier nach einer Bockwurst anzustellen, doch lieber zum Wirtshaus zu gehen. Dort könne der Vater ausgiebig essen und ein Bier trinken, die Mama ebenfalls und die Kinder könnten Palatschinken mit Eis und Sahne schleckern.
Und so machten sie es dann auch. Die Eltern aßen ein Schnitzel und tranken ein Bier, die Kinder aßen Palatschinken mit Vanille- und Schokoladeneis und ganz viel Sahne. Das Zuschauen im Zirkus war so anstrengend gewesen, weshalb die Kinder nicht alles essen konnten. Also musste Vater König aushelfen, worum er nicht lang gebeten werden musste.
Welch ein aufregender Nachmittag! Zu Hause angekommen, fragten Eva und Mira, ob sie vielleicht morgen Nachmittag noch einmal den Zirkus besuchen dürften.
Erst im Herbst wieder, sagte Papa König. Dann werde der Zirkus möglicherweise wieder im klitzekleinen Königreich Hanakien Station machen. Schließlich müsse von Morgen an wieder gelernt und regiert werden. Doch im Herbst, falls der Zirkus noch einmal käme, werde die Familie erneut den Zirkus besuchen.
Mit diesem Versprechen schliefen die Kinder rasch ein, träumten vom bunten Herbst und vom ebenso bunten Zirkus Rastelli, der dann wieder auf der großen Wiese beim Teich stehen wird.
Als Eva und Mira nach einigen Tagen auf ihrem Weg zur Schule noch einmal diesen kleinen Abstecher zur großen Wiese am Teich machten, stellten sie fest, dass vom Zirkus fast nichts mehr zu sehen war. Es sah aus, als wäre schon so gut wie alles in den Wagen verstaut, Nur vom großen Zelt standen noch die vier Masten, aber auch da waren die Männer gerade dabei, einen der Maste mit Hilfe des Krans abzubauen. Die Prinzessinnen waren ein wenig traurig, trösteten sich aber gegenseitig mit dem Gedanken, dass schließlich Kinder in anderen Städten auch den Zirkus und sein Programm sehen wollten.
Da die Kinder mit ihren Gedanken immer noch beim Zirkus waren, nutzte der Lehrer die Gelegenheit, erinnerte an die fliegenden Schuhe der Jongleure, übte mit den Kindern Kopfrechnen, ließ die Schuhe von vier Artisten durch die Luft fliegen und fragte, wie vieler Hände es bedürfte, mit jeder Hand einen der fliegenden Schuhe aufzufangen.
Klar, dass der Junge aus dem Schaukelwald die Anzahl der Hände sofort wusste und fragte, ob es nicht lustiger wäre, mit dem Lineal auf der Nase ein Radiergummi zu balancieren und anschließend einen Aufsatz darüber zu schreiben.
Die Balancier-Idee fand der Lehrer weniger gut, doch mit dem Aufsatz war er einverstanden. „Allerdings mit einem anderen Thema“, fügte er hinzu. „Und als Hausaufgabe die Überschrift: Mein Besuch im Zirkus. Und bis morgen abzuliefern! Dafür dürft ihr jetzt schon nach Hause.“
Da war der Jubel groß, und klar, dass die Prinzessinnen noch einmal nachschauen wollten, wie weit die Zirkusleute mit dem Abbau vorangekommen waren. Doch als sie zur Wiese kamen, war weit und breit nichts mehr vom Zirkus zu sehen. Lediglich an dem Platz, wo die Manege war, sahen sie noch einen runden Fleck mit Sägemehl, und dort, wo das Zelt mit den Tieren stand, war noch etwas Stroh zurückgeblieben.
Und so gingen sie ein wenig traurig über die Wiese, schauten hierhin und dorthin, ob nicht vielleicht doch etwas vom Zirkus zurückgeblieben war, als sie hinter einem Busch am Teichufer ein klägliches mäh, mäh, määäh hörten. So gingen sie auf Zehenspitzen näher heran - und was sahen sie hinter dem Gebüsch? Ein kleines Zicklein lag da, versuchte aufzustehen und davonzulaufen, aber es war zu schwach: seine Vorderbeine knickten ein.
Ängstlich schaute es zu den Kindern, die aber nur näher kommen wollten. Ganz leise sagte Eva: „Hab keine Angst, wir tun dir ja nichts, wir wollen dich nur streicheln.“ Und Mira sagte: „Ich bin Mira, und das ist meine Schwester Eva. Und wie heißt du?“
Das Zicklein schaute, sagte nur kurz „Mäh!“ und schnappte nach Miras kleinem Finger und fing an, eifrig daran zu saugen.
„Das Zicklein muss aber sehr hungrig sein, wenn es so schnell zu saugen versucht, obwohl es uns doch noch gar nicht kennt“, sagte Eva.
Mira kicherte, weil es so am Finger kitzelte, doch Eva zögerte nicht lang, nahm das Zicklein auf den Arm und entschied, es nach Hause zu tragen, wo es vorerst sicher sein würde vor Raubvögeln, die gelegentlich über Hanakien kreisten.
Das Zicklein fühlte sich wohl auf Evas Arm, Vater und Mutter waren sprachlos, nur der Minister nutzte die Gelegenheit, wiedereinmal seine Rechenkünste zu beweisen und sagte: „Zu zweit gingen die Prinzessinnen fort, und zu dritt kamen sie wieder!“
„Das sehen wir“, sagte der König. „Wir haben das Zicklein zur Kenntnis genommen, finden es alle herzig, aber jetzt bringt bitte das Baby schnell wieder zur Mutter zurück.“
„Zu welcher Mutter?“, fragte Eva.
„Zur Mutter Ziege, natürlich“, sagte der König.
„Das Baby hat keine Mutter!“, rief Mira.
„Und es hat Hunger, wie zu sehen ist!“, rief die Königin.
„Dann handelt es sich hier um ein hungriges Findelkind“, stellte der König fest.
„Halbwaise oder Vollwaise?“, fragte der Minister.
„Vorspeise“, sagte der König und duckte sich, weil er die Königin kannte, die derlei derbe Scherze nicht mochte.
„Das Zicklein braucht Milch“, sagte die Königin. „Etwas angewärmt!“ Dieses Kommando gab sie sich selbst und sorgte sogleich für alles. Dann rief sie noch: „Wir nehmen Miras alte Nuckelflasche!“
Eva meinte, dass das Zicklein getauft werden müsse, worauf der Minister fragte: „Römischkatholisch oder protestantisch?“
„Namentlich“, sagte Eva. „Ich schlage ´Buschi´ vor, weil wir das Baby hinter einem Busch am Teich fanden - versteckt im Gestrüpp.
Der Minister notierte den Namen, sagte: „Fürs Katasteramt.“
Der König sagte: „Buschi ist doch kein Grundstück!“
„Pardon“, sagte der Minister, „fürs Standesamt natürlich“, und schrieb buchstabierend in sein Notizbuch: „Buschi von Königshausen.“
„Das Zicklein ist doch nicht hier geboren“, schimpfte der König. „Also muss es auch nicht ins Geburtsregister eingetragen werden!“
Mira durfte die Flasche mit der angewärmten Milch halten, Buschi, immer noch auf Evas Arm, nuckelte eifrig mit geschlossenen Augen, als dieses friedliche Bild durch einen Schrei gestört wurde.
„Jeschisch!“, lautete der Ruf, verkürzt abgeleitet vom tschechischen „Ježíš-marjá!“, der Sprache, die in Hanakien neben der deutschen Sprache zusätzlich existierte und „Jesusmaria!“ bedeutete, häufig in Verbindung mit dem Zusatz „Was ist denn jetzt schon wieder passiert?!“
Und was geschehen war – genauer gesagt, vergessen worden war: das war der Auflauf in der Backröhre.
Tatsächlich! Inzwischen roch das Angebrannte auch der König. Und die Königin ließ jetzt den Jesus weg und rief nur noch „Maria und Josef!“, griff nach den Topflappen, riss die Backröhrenklappe auf, fasste beherzt nach der Auflaufform, beförderte sie mit Schwung auf den Küchentisch. Der König wedelte mit der Hand den Rauch von der Form und schrie: „Das ist kein Auflauf, das ist ein Brikett! Und die Zeitungen werden schreiben: Zicklein gerettet, König verhungert!“
„In Hanakien ist noch keiner verhungert!“, sagte die Königin, kratzte das oberflächlich nur leicht Angekohlte schnell ab, so dass der Auflauf noch zu genießen war.
Das taten dann alle auch, allerdings gab es ein weiteres Problem. In dem Augenblick, als Eva das Zicklein absetzen wollte, fing es kläglich an zu meckern. Da blieb Eva nichts anderes übrig, als mit dem Zicklein auf dem Schoß ihre Auflaufportion zu essen.
„Jetzt noch einen guten Kaffee zur Verdauung“, sagte der König, wollte sich gerade genussvoll zurücklehnen, als er bemerkte, dass der Minister nicht mehr im Raum war und es außerdem plötzlich sehr laut im Schloss wurde. Da sprang er auf, schrie „Revolution!“ und schickte seine Frau hinaus ins Treppenhaus, um nachzusehen und notfalls zu verhandeln.
Also stand die Königin auf, ging hinaus, sah nach, kam kurz darauf lachend zurück und sagte: „Es war die Feuerwehr. Der Minister hat sie alarmiert, hat gemeldet, dass die königliche Küche brennt.“
„Und?“, fragte der König. „Hast du die Männer wieder zurück ins Depot geschickt?“
„Hab ich nicht“, sagte die Königin, die eine praktische Königin war. „Was ich allerdings sagte: Wenn ihr schon einmal hier seid, dürft ihr den Schlossgarten unter Wasser setzen. Schließlich hat es zwei Wochen lang nicht geregnet!“
Klar, dass die Prinzessinnen dabei zuschauen wollten. Also drückte Eva ihrer Mama das Zicklein in den Arm, Mira dem Papa die Nuckelflasche – und fort waren beide.
„Und dass mir ja die Pulverkammer trocken bleibt!“, rief der König den Kindern hinterher.
Am Abend wurde endlich beraten, was mit dem Zicklein geschehen soll. Die Kinder wollten es natürlich behalten, aber Papa König meinte, dass dies auf keinen Fall ginge, denn es gehöre ja dem Zirkus, und die Tierpfleger hätten es sicher nur versehentlich zurückgelassen.
Da war die Königin derselben Meinung, sagte, dass man den Zirkus suchen und das Zicklein zur Mutter zurückbringen müsse.
Somit hatte der Minister eine neue Aufgabe, das Zicklein ein gemütliches Körbchen zum Schlafen, und die Familie bereits am nächsten Nachmittag die ministerielle Information, dass der Zirkus inzwischen in Hulein angekommen sei.
„Ausgezeichnet“, sagte der König, „morgen ist Samstag, demnach kein Schulunterricht, also wird die gesamte Familie nach Hulein fahren können. Das wird ein abwechslungsreicher Ausflug.“
Die königliche Karawane auf dem Weg zum Bahnhof sah lustig und bunt aus: Der König mit seinem Spazierstock an der Spitze, dahinter Eva und Mira mit ihren Rucksäcken, und am Ende der Gänsemarschformation die Königin, ebenfalls mit einem Rucksack, aus dessen oberem Ende das Zicklein neugierig hervorlugte.
Selbstverständlich hatte es noch ein Gezeter gegeben, in wessen Rucksack das Zicklein transportiert werden dürfe. Mira wollte es tragen, Eva wollte es tragen, der König selbstverständlich nicht. Wenn es ein Löwe oder ein Tiger wäre, gäbe es keine Diskussion, sagte der Familienboss. Kleintiere hingegen seien laut Protokoll zur hoheitlichen Begleitung nicht vorgesehen. So kam es dazu, dass die Königin inkognito reiste, den vorübergehenden Rang einer Kammerzofe erhielt, am Schluss der Karawane marschierte, auf dem Rücken den Rucksack mit einer Decke und einem Kissen, worauf das Zicklein saß.
Am Bahnhofschalter kaufte der König Fahrkarten nach Hulein, es gab keinerlei Schwierigkeiten, die Familie brauchte nicht lang zu warten, da fuhr die Lokomotive dampfend in den Bahnhof. Fünf Wagen hatte sie zu ziehen. Einer davon war der Gepäck- und Postwagen. Die Familie stieg gleich in den ersten Waggon. Das Zicklein durfte aus dem Fenster schauen. Die Fahrt dauerte gar nicht so lang, dann waren sie auch schon in Hulein, fragten den Stationsvorsteher nach dem Zirkus. Der wusste von keinem Zirkus, sagte, dass er wissen müsste, wenn ein Zirkus in der Stadt wäre. So etwas spreche sich am Bahnhof zuerst herum. Also ging die Familie auf den Bahnhofsvorplatz, fragte den Polizisten. Der schüttelte zwar auch den Kopf, zeigte aber auf ein Plakat an der Litfaßsäule und fragte: „Meinen Sie vielleicht den?“
Eva streckte und reckte sich und las: „Zirkus Rastelli in Kremsier.“
Der König überzeugte sich und sagte: „Dann müssen wir halt nach Kremsier fahren.“ Und still für sich dachte er: Wäre ja auch das erste Mal, dass der Minister einmal nichts durcheinander gebracht hätte!
Also wieder hinein in den Bahnhof, Fahrkarten nach Kremsier gekauft und auf den Zug gewartet.
Als der Zug endlich ankam und die Familie einsteigen wollte, sagte der Schaffner: „Ziegen und anderes Getier müssen im Gepäckwagen transportiert werden.“
Wie das denn funktionieren solle ohne Käfig, fragte der König. Das Tier sei noch ein Baby. Der Schaffner blieb unnachgiebig.
„Dann steige ich eben mit in den Gepäckwagen“, sagte die Königin.
Das gehe schon gar nicht, entgegnete der gestrenge Schaffner, weil der Gepäck- und Postwagen nur für Gepäck und Post vorgesehen sei, die Personenwagen hingegen für Erwachsene, für Kinder und Hunde. So sei nun einmal die Vorschrift, also helfe da gar nichts.
Da streckte sich der König des klitzekleinen Königreichs, ließ seine Augen funkeln, legte Zorn in seine Stimme und sagte, dass er allmählich das Gefühl habe, dass doch noch etwas helfen könne.
„Und was wäre das?“, wollte der Schaffner wissen.
„Eine Watsche“, sagte der König.
