Geschichten für den Nahverkehr - Beate Quester-Brüning - E-Book

Geschichten für den Nahverkehr E-Book

Beate Quester-Brüning

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Beschreibung

Der erste Band der Geschichten für den Nahverkehr kommt kriminell und phantastisch daher: Gemordet wird in der Kurpfalz, in Saigon oder auf Madeira, Leichen finden sich am Badesee, im Ferienhaus, auf Wanderwegen oder werden in der Ostsee entsorgt, seltsame Wesen aus Parallelwelten tauchen hinter Schulhauswänden und in Kleiderschränken auf, ein Jugendfußballturnier eskaliert zu einer Massenschlägerei ... Ein unnachgiebig unterhaltsames Lesevergnügen für kurze oder lange Fahrten mit Bus und Bahn!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über die Autorin:

Beate Quester-Brüning, geboren 1961 in Mannheim, studierte Psychologie, Geschichte und Informatik in Berlin, ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, arbeitet in der IT und lebt seit 1994 in Ulm. Auf diversen Fortbildungen - unter anderem beim Bastei-Lübbe Verlag in Köln, an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel sowie beim writers'studio in Wien - befasste sie sich intensiv mit dem schriftstellerischen Handwerk.

2015 gewann der Kurzkrimi ›Beseitigung‹ einen Preis beim Schreibwettbewerb des Buchjournals. 2016 erhielt sie den ersten Preis bei einem Essaywettbewerb im Rahmen der Worldpress Photo Exhibition.

Alle aus dem Buchverkauf resultierenden Einnahmen der Autorin gehen als Spende an Ärzte ohne Grenzen

Für Lotta

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Lotta findet eine Leiche

Tod in Saigon

Beseitigung

Winzertod

Hinter der Tür

Am Abgrund

Der Insolvenzverwalter

Der kleine Bruder

Die Schatten der Levada

Jagdzeit

Gnorks

Das Fußballturnier

Vorbemerkung

Im Auto sitzend, blechisoliert von Viren, Bazillen und den Eigenheiten der restlichen Menschheit, zieht die Landschaft wahllos vorbei. Mit stierem Blick auf die Fahrbahn ergreift den Fahrenden die Monotonie des vorbeirauschenden Verkehrs, nur ab und zu ein Seitenblick auf das verschwommene Profil des links Überholenden oder rechts Überholten.

Im öffentlichen Nah- und Fernverkehr kommen sich Menschen näher. Das kann unangenehm sein, wenn dem Sitznachbar stinkende Dämpfe entweichen. Es kann aber auch bereichern, wenn sich spontan Gespräche mit Mitreisenden ergeben. Wer in der Menge Distanz sucht, starrt aus dem Fenster, traktiert sein Smartphone, döst vor sich hin oder liest ein Buch.

Die vorliegenden Geschichten sollen keinesfalls die Distanz fördern, sondern unterhalten und nahegehen.

Viel Spaß beim Lesen zwischen Hamburg und Harburg, Kreuzberg und Wedding, München und Stuttgart oder wo immer der Weg hinführt!

Lotta findet eine Leiche

Lotta riss einen Grashalm aus und kitzelte damit die Sohle des Fußes, der aus dem Gebüsch ragte. Er zuckte nicht, rührte sich kein bisschen. Die Frau, der dieser Fuß gehörte - Lotta war sich sicher, dass es sich um eine Frau handelte, denn die Fußnägel waren rot lackiert, und neben dem Fuß lag eine hochhackige Sandale, die mit silbernen Perlen verziert war - musste tot sein. Oder schlief sie nur? Erneut strich Lotta mit dem Halm über die nackte Sohle, diesmal heftiger. Keine Reaktion. Sie seufzte zufrieden.

Eine Leiche! Sie hatte eine Leiche gefunden! So weit sie wusste, war bisher noch keiner aus der Familie jemals auf eine Tote mitten in einem Wald, versteckt unter einem Busch gestoßen. Voller Vorfreude malte sie sich die erstaunten und vor Neid erblassenden Gesichter ihrer älteren Geschwister Eddie und Emma aus, wenn sie ihnen ihren Fund zeigen würde.

Lotta stutzte. Sollte sie den beiden überhaupt von ihrer Entdeckung erzählen? Es lag ein gewisser Reiz darin, ein Geheimnis zu haben, im Kreise der anderen zu sitzen und zu denken: ›Ihr habt ja keine Ahnung, was ich heute erlebt habel‹ Außerdem war es ihre Leiche, und keiner sollte sie ihr wegnehmen! Während sie noch über das Für und Wider der Geheimhaltung nachdachte, hörte sie Eddie rufen.

»Lotta, wo bist du denn?« Hastig nahm sie eine Handvoll Laub, warf sie über den Fuß und stopfte die Sandale tiefer in den Busch hinein. Dann verließ sie das Wäldchen am See und eilte auf Eddie zu.

»Da bist du ja endlich!« Eddie verzog das Gesicht zu einer Miene, die alle Brüder aufsetzen, wenn sie gezwungen werden, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern. »Wir wollen essen. Wo hast du denn gesteckt?« Lotta wollte schon mit ihrer aufregenden Neuigkeit herausplatzen, aber im letzten Moment verkniff sie es sich. Wenn sie Eddie jetzt in ihr Geheimnis einweihte, ganz ohne Zeugen, würde er bestimmt behaupten, er hätte die Leiche gefunden. In ihren Augen war Eddie ein rücksichtsloser Wichtigtuer, der alle anlog, um sich ins beste Licht zu setzen. Sie wollte lieber warten, bis sämtliche Geschwister beisammen waren, bevor sie ihren Fund verkündete.

Mama und Emma hatten Pommes und Bratwürste am Kiosk besorgt und warteten schon ungeduldig. Papa war auch wieder da. Er hatte, kurz nachdem sie am Badesee eingetroffen waren, einen Anruf aus dem Büro bekommen und noch einmal weggemusst.

Es war normal, dass er auch am Wochenende arbeitete, aber heute hatte Mama auf einen Familienausflug bestanden - er hätte in letzter Zeit zu viel gearbeitet und würde gar nichts mehr mit den Kindern unternehmen. Lotta war es egal, ob Papa dabei war oder nicht. Er kümmerte sich sowieso nicht um sie. Am ehesten interessierte er sich noch für Eddie, mit dem er über Fußball und Computer redete, und manchmal auch für Emma. Ihre glänzenden Schulnoten und ihr niedliches Auftreten nahm er zum Anlass, stundenlang vor den Nachbarn, Freunden und Verwandten mit seiner gelungenen Tochter zu prahlen. Die hagere Lotta mit den dünnen Haaren, der viel zu langen Nase und den mittelmäßigen Zeugnissen erwähnte er bei solchen Unterhaltungen nicht. Es gab sogar Bekannte ihrer Eltern, die gar nicht wussten, dass es zwei Mädchen in der Familie gab. Selbst ihr kleiner Bruder Tom erhielt mehr Aufmerksamkeit von ihm als sie, da er so ein süßer, tapsiger Blondschopf war. Nein, Papa konnte, wenn es nach Lotta ging, jedes Wochenende im Büro verbringen, und er war der letzte Mensch dem sie von ihrem sensationellen Fund erzählen würde.

Papa hatte sich abseits von den anderen auf einem Handtuch niedergelassen und knabberte lustlos an einer Pommes, während er abwesend auf den See starrte. Mama warf ab und zu ärgerliche Blicke zu ihm hinüber. Im Gegensatz zu ihm hatte sie Lottas Erscheinen sehr wohl bemerkt. Kritisch musterte sie die dreckigen Knie ihrer Tochter und die kleinen Zweige, die sich in ihren Haaren verfangen hatten.

Lotta fühlte sich durchschaut. Sollte sie Mama in ihre Entdeckung einweihen? Sie zögerte. Soweit sie wusste, war eine Leiche eine ernsthafte Angelegenheit, von der man Kinder üblicherweise fernhielt. Freuen würde Mama sich über den Fund sicher nicht.

»Wie siehst du schon wieder aus!«, schimpfte Mama. »Und wo warst du denn so lange? Ich hatte dir gesagt, du sollst nicht so weit weggehen!« Lotta zog einen Flunsch. Sie war doch bloß dem Papa hinterher gesprungen, als er nach dem Anruf aus dem Büro Richtung Parkplatz gegangen war. Er hatte sie angeraunzt und zurückgeschickt. Als sie wieder zu den anderen zurückgekommen war, hatten sich Eddie und Emma auf der Picknickdecke breitgemacht und sie fortgejagt. Mama hatte sie nicht mitnehmen wollen, als sie zur Toilette ging, um den kleinen Tom, der in seine Badehose gekackt hatte, zu säubern. Also war Lotta ein wenig herumgestreunt und schließlich wieder auf dem Parkplate gelandet, wo sie zwischen den parkenden Fahrzeugen Anschleichen übte. Aber dann hatte sie Papa entdeckt, der sich mit jemanden, der in einem Auto saß, unterhielt. Da sie sich sicher war, dass er sie nicht sehen wollte, war sie in das angrenzende Wäldchen ausgewichen, hatte im Unterholz nach Käfern und Ameisen gestöbert, sich auf die Suche nach etwas Aufregendem - einer Höhle, einem wilden Tier oder einem Schatz - gemacht und versucht, auf einem Baum zu klettern. Dabei war sie abgerutscht und ins Gras gefallen und direkt vor ihr hatte der Fuß aus dem Busch geragt.

Niemand hatte sie bei sich haben wollen, nicht einmal Mama, und jetzt machte sie ihr Vorwürfe, dass sie herumgestreunt war! Nein, Mama hatte es nicht verdient, in ihr Geheimnis eingeweiht zu werden.

Lotta biss so herzhaft in ihr Bratwurstbrötchen, dass Ketchup auf Emmas weißen Bikini spritzte.

»Igitt, pass doch auf, du blöde Kuh!« Emma sprang angewidert auf.

»Du siehst aus, als ob du deine Tage hast«, feixte Eddie, woraufhin ihm Emma eine Ohrfeige verpasste. Der kleine Tom fing an zu heulen, ließ seine Pommestüte fallen und hinterließ bei dem Versuch, zu Mama zu krabbeln, eine Spur aus rotweißen Schlieren auf der Picknickdecke. Eddie klaubte ein paar matschige Pommes auf und schmierte sie Lotta in die Haare.

»Passt gut zu deinem Bio Haarschmuck«, spottete er. Emma verschwand jammernd Richtung Toilette, um ihren Bikini zu reinigen.

»Hört auf!«, brüllte Mama und versuchte eine Weile vergeblich, die Decke von Pommes, Geschmiere und heulendem Tom zu befreien. Papa ignorierte das Schlamassel. Er blickte weiter unverwandt auf den See und drehte sich noch nicht einmal um, als Toms Heulen in schrilles Schreien überging.

Lotta bemerkte verwundert, dass Papa trotz der Hitze leicht zitterte. Blöder Papa, dachte sie, wir sind ihm völlig egal, und ihre Mama tat ihr ein bisschen leid in dem Chaos. Um ihr beim Aufräumen zu helfen, sammelte sie ein paar der verstreuten Pommes auf, trat in eine Ketchuppfütze und hinterließ mit jedem Schritt blutrote Fußabdrücke auf der Decke.

Emma kam mit finsterer Miene von der Toilette zurück. »Ich kriege den Fleck nicht raus, ihr seid doch alle blöde ...«

Weiter kam sie nicht, denn Tom torkelte auf sie zu und krallte seine verschmierten Hände in ihre Beine, woraufhin Emma ihr Gleichgewicht verlor und auf Lotta fiel, die beim Ausweichen Eddies Colaflasche umstieß, so dass sich das braune Getränk über das Comicheft ergoss, in dem er gerade geblättert hatte. Jetzt brüllten alle, aber Mama brüllte am lautesten.

»Es reicht! Ab in den See und macht euch sauber! Nehmt Tom mit und passt auf ihn auf!«

Sie legte Tom die Schwimmflügel an und scheuchte die Kinder mit einer müden Geste davon.

»Ich habe noch Hunger!«, wollte Lotta sagen, aber sie spürte, dass das jetzt nicht gut ankommen würde.

Im See ging der Streit weiter. Während Tom jauchzend zwischen seinen Geschwistern herum planschte, versuchte Eddie, Emma unter Wasser zu ziehen.

»Hör auf, du Idiot!« Emma stieß ihn weg. »Meine Frisur! Tunk doch lieber Lotta, die hat doch sowieso keine!«

Freudig kam Eddie dieser Aufforderung nach,. Als Lotta prustend und nach Luft schnappend wieder auftauchte, lachte Eddie hämisch. »Du siehst aus wie ein nasses Ferkel! Komm her, mein Schweini, komm, komm, komm!«

»Sweini, Sweini!«, brabbelte Tom, und Emma kringelte sich vor Lachen. Erneut versuchte Eddie, Lotta zu tunken, aber es gelang ihr, ihm mit ein paar kräftigen Schwimmstößen zu entkommen und sich an einem Pfahl des nahen Badestegs festzuklammern.

»Ihr seid so blöd und gemein!«, schrie sie ihre Geschwister wütend an. »Ich werde euch nie verraten, wo die Leiche ist!« Ups! Da war es ihr herausgerutscht. Eddie spie ihr Wasser ins Gesicht und musterte sie mit zusammengekniffenen Augen, während er wie der Weiße Hai bedrohlich um sie herum paddelte. »Hast du einen toten Frosch gefunden oder was?«

»Quatsch!«, sagte Lotta und spürte, wie ihre Wangen trotz der Kühle des Wassers zu glühen anfingen. »Eine richtige tote Frau!«

Emma rollte mit den Augen. »So ein Schwachsinn. Hast du einen Sonnenstich, du Lügenbiest? Kann mich jemand von dieser Monsterschwester erlösen?«

»Ihr Blödiane, kommt doch mit, ich zeige sie euch, die liegt da hinten im Wald, unter einem Busch!« Lotta ließ den Pfosten los und kraulte wutentbrannt Richtung Ufer. Eddie sah Emma spöttisch an. »Sollen wir dem kleinen Sweini folgen? Oder wollen wir es lieber ertränken?«

»Wir können uns die Sache ja mal ansehen. Mir wird sowieso kalt.« Emma schnappte sich Tom und zog ihn mit sich mit ans Ufer.

Mama hatte das Picknickchaos halbwegs beseitigt. Mit hochrotem Kopf zupfte sie die Pommesreste aus der Decke und schmiss sie in eine Mülltüte, während Papa ein paar Schritte von ihr entfernt wütend auf- und ablief. Lotta kannte das schon. Die beiden mussten sich gestritten haben, wie so oft in letzter Zeit. Papa konnte wahnsinnig fiese Sachen sagen, und Mama fing dann immer an zu weinen. Aber heute schien sie die Tränen wegen der anderen Badegäste zu unterdrücken.

»Wo wollt ihr hin?«, fragte sie mit belegter Stimme, als Emma Tom auf der Decke absetzte und sich umwandte, um mit Eddie und Lotta Richtung Wäldchen zu laufen.

»Nix besonderes, nur mal so herum schauen«, antwortete Emma.

»Will auch mit! Lottas Leiche gucken!«, plärrte Tom beleidigt.

Papa blieb wie angewurzelt stehen. Mama seufzte. »Trocknet euch doch erst ein bisschen ab, dann könnt ihr gehen. Aber falls Lotta wirklich irgendwo ein totes Tier gefunden hat, fasst es nicht an!«

»Nein, Ihr bleibt alle hier!« Papas Aufbrausen ließ die Kinder zusammenzucken. Mama warf ihm einen verwunderten Blick zu. »So, wie ihr euch benehmt, habe ich keine Lust mehr, zu bleiben«, schimpfte er. »Wir fahren nach Hause, zieht euch an! Ich muss nur noch schnell zum Auto, weil ich dort meine Unterhose vergessen habe. Ihr bleibt so lange hier und rührt euch nicht vom Fleck!«

»Ihr habt gehört, was euer Vater gesagt hat.« Mamas Stimme klang müde. »Legt euch zum Aufwärmen noch einen Moment in die Sonne, bis er wiederkommt«

Lotta protestierte. »Aber ich wollte den anderen noch zeigen, was ich...«

»Jetzt sei einfach still!«

Maulend ließ sich Lotta im Gras nieder und schubste erbost mit ihrem großen Zeh einen Käfer von einem kleinen Stein hinunter. Mama fing an, die Taschen zu packen.

»Aber da ist sie doch.« Stirnrunzelnd zog sie eine karierte Boxershort hervor.

Wenig später kam Papa abgehetzt und verschwitzt zurück.

»Deine Unterhose war in der blauen Tasche, du bist ganz umsonst gegangen.«

»Weiss ich«, knurrte Papa. »Jetzt beeilt euch. Wir gehen.«

»Du hast da was im Haar«, sagte Emma, die sich schläfrig neben Eddie auf der Decke rekelte. Unwirsch entfernte Papa ein Blatt, das sich verfangen hatte.

Es dauerte lange, bis die Familie alles eingepackt hatte und abmarschbereit war.

»Lotta, wo sind deine Schuhe?«, fragte Mama.

Lotta zuckte mit den Schultern. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie fehlten.

Mama seufzte. »Hans, geh doch schon mit Tom und Eddie vor und nehmt ein paar Taschen mit.«

»Immer müssen wir auf Lotta warten«, stöhnte Emma.

Mama und die Mädchen suchten die Umgebung ab, bis Lotta plötzlich einfiel, wo sie ihre Schuhe gelassen hatte.

»Ich weiß, wo sie sind«, krähte sie heraus. »Die habe ich da hinten im Wald vergessen.« Ein freudiges Strahlen huschte über ihr Gesicht. »Dann kann ich euch auch gleich beweisen, dass ich mit der Leiche nicht gelogen habe. Die liegt nämlich direkt daneben!«

Mama und Emma tauschten genervte Blicke aus, luden sich die restlichen Taschen auf und folgten Lotta, die vergnügt vor ihnen her sprang.

Der Fuß war verschwunden.

Ungläubig starrte Lotta auf das Gebüsch und das Häufchen Laub davor. Sie war sich absolut sicher, dass dies die richtige Stelle war, denn zwei Meter entfernt standen ihre Schuhe im hohen Gras.

»Hier war die tote Frau!« Verzweifelt kroch Lotta in den Busch hinein in der Hoffnung, dass die Leiche vielleicht nur ein bisschen nach hinten gerutscht war.

»Komm da raus!« Mamas Stimme klang mehr als genervt. »Wir müssen los, die anderen warten.«

»War doch klar, dass da nichts dahinter steckt«, höhnte Emma. »Kleine Schwester Lügenmaul, wie immer!«

»Schau doch!« Triumphierend hielt Lotta ihr die hochhackige Sandale mit den Silberperlen unter die Nase. »Die hat der toten Frau gehört!«

»Na klasse.« Emma schnaubte verächtlich. »Ein toller Fund. Eine Sandale. Und noch dazu eine hässliche. Die sieht genau so geschmacklos aus wie die, die Papas Sekretärin Frau Schreiber immer trägt. Du bist einfach nur dämlich!«

Lotta umfing eine schwarze Wolke aus Wut und Enttäuschung. Ihre Leiche war gestohlen worden, Emma verspottete sie, niemand würde ihr jemals wieder glauben und alle würden weiter auf ihr herumtrampeln. Sie fing an zu heulen und bemerkte erst gar nicht, dass Mama, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, plötzlich stehen blieb und sich wieder umdrehte.

»Frau Schreiber«, flüsterte sie so leise, dass Lotta es zwischen ihren Schluchzern kaum verstand. Mama nahm Lotta die Sandale aus der Hand und betrachtete den Schuh eingehend. Sie schob die beiden Mädchen beiseite und inspizierte schweigend das niedergetretene Gras vor dem Gebüsch, das an einer Stelle merkwürdig rotbraun verfärbt war.

»Schau mal!«, rief Emma plötzlich. »Da hat jemand noch mehr hässliche Sachen entsorgt!«

Ein Ohrring hatte sich in den Zweigen des Busches verfangen, ein auffälliges Stück mit rotglitzernden Perlen und aus protzigem Gold. Mama wurde blass. Sie zupfte den Ohrring ab und betrachtete ihn eingehend.

»Frau Schreiber. Hans.«

Was und wie ihre Mama das sagte, kam Lotta so seltsam vor, dass sie aufhörte, zu weinen. Emma sah ihre Mutter, die wie eingefroren mit Ohrring und Schuh in der Hand da stand, besorgt an. Nach einer Ewigkeit, in der sich nichts rührte und nur das Rascheln der Blätter im Wind und das Surren der Mücken zu hören war, legte Mama behutsam den Ohrring und die Sandale ins Gras und drehte langsam eine Runde um den Busch herum. Sie wirkte seltsam unnahbar in ihrer Konzentration, mit der sie jeden Bestandteil des Gebüschs und des Bodens zu betrachten schien. Schließlich zog sie ihr Handy hervor und sah die Mädchen an, als hätte sie eben erst ihre Anwesenheit bemerkt.

»Setzt euch unter den Baum dort hinten und rührt euch nicht, verstanden!«

Zögernd wählte Mama eine Nummer, legte auf, und wählte erneut.

»Hallo, spreche ich mit der Polizei?«

Tod in Saigon

Die Hälfte von Stefans Gesicht lag in einem roten See aus Blut, der sich auf den weiß glänzenden Fliesen ausgebreitet hatte. Seine gebrochenen Augen stierten glasig Richtung Toilette. Die Beine ragten seltsam verkrümmt aus dem Badezimmer heraus. Es roch nach süßlichem Urin, herbem Rasierwasser, rostigem Eisen und Kot.

»Liebe Frau Weber, nachdem Sie den Ermordeten als Ihren Geschäftskollegen Stefan Marten identifiziert haben, möchte Ihnen der Herr Kommissar noch ein paar Fragen stellen.«

Die schrille Stimme der Dolmetscherin schmerzte in meinen Ohren. Sie stand direkt hinter mir, neben dem Kommissar, einem unauffälligen schmächtigen Mann mittleren Alters mit schütterem Haar, der trotz der schwülen Hitze einen zerknitterten, grauen Mantel trug. Auch der Hotelbesitzer und der Mann von der Rezeption hatten sich eingefunden. Ich hörte die beiden im Hintergrund miteinander tuscheln. Natürlich verstand ich kein Wort.

»Fragen Sie.« Ich antwortete, ohne den Blick von der Gehirnmasse abzuwenden, die aus Stefans zerschmettertem Hinterkopf quoll.

»Sie haben erzählt, dass sie zusammen mit Herrn Marten heute Nachmittag um halb fünf von einem Geschäftstermin ins Hotel zurückkamen. Sie behaupten, dass Sie sofort auf Ihr Zimmer im vierten Stock fuhren, während Herr Marten an der Rezeption blieb, um sich wegen der kaputten Klimaanlage in seinem Zimmer zu beschweren. Der Kommissar möchte wissen, ob Sie dabei jemanden begegnet sind.«

»Nein.«

»Der Hausmeister, der die Klimaanlage reparieren sollte, klopfte gegen halb sechs bei Herrn Marten an. Niemand öffnete. Also schloss er die Tür mit der Generalkarte auf. Er fand Ihren Geschäftspartner so vor, wie Sie ihn jetzt sehen, und verständigte sofort Herrn Phu an der Rezeption. Dieser rief den Notarzt und die Polizei, woraufhin...«

Der Kommissar unterbrach sie. Er hatte eine angenehm tiefe Stimme, die nicht zu seiner hageren Gestalt passte.

Die Dolmetscherin kicherte verlegen. »Der Kommissar meint, ich rede zu viel. Er möchte wissen, ob Sie Herrn Marten, nachdem Sie sich von ihm in der Eingangshalle getrennt hatten, noch einmal gesehen oder gesprochen haben.«

»Nein.«

Ich drehte mich abrupt um. Der schwarze Pagenschnitt der Dolmetscherin sah aus wie festgeschweißt. Sie schielte. Ihr hohles Grinsen erinnerte mich an meine demente Tante Berta.

»Der Kommissar möchte wissen, was Sie auf Ihrem Zimmer gemacht haben.«

»Ich habe mich etwas ausgeruht und danach angefangen, zu packen. Morgen fliege ich zurück nach Deutschland. Stefan wollte wegen eines interessanten Kaufangebots noch länger bleiben. Wir hatten uns erst wieder um acht Uhr zum Essen verabredet.«

»Der Kommissar fragt, was für Geschäfte Sie tätigen.«

»Stefan und ich handeln mit asiatischen Kunstobjekten.«

»Der Kommissar möchte wissen, wie häufig Sie in Vietnam tätig sind.«

»Normalerweise bin ich zuhause in unserer Galerie für den Verkauf zuständig, während Stefan sich um den Einkauf kümmert. Es ist das erste Mal, dass ich ihn begleitet habe.«

»Und wieso waren Sie diesmal dabei?«

»Stefan hatte mich überredet, mitzukommen. Er meinte, es wäre bestimmt spannend für mich, die Länder kennenzulernen, deren Kunstwerke wir vermitteln. Aber ich hasse es, zu reisen.«

»Warum?«

»Ich bevorzuge das, was ich kenne.«

Die Dolmetscherin gab ein gackerndes Kichern von sich.

»Das verstehe ich. Während meiner Zeit in Deutschland habe ich die vertrauten Gewohnheiten und unser heimisches Essen auch sehr vermisst.«

Ihr greller Plauderton ließ meine Nerven vibrieren.

»Hören Sie, warum wollen Sie das alles wissen? Herr Phu erzählte mir vorhin, der Mörder wäre schon gefasst. Es würde sich um einen stadtbekannten Hoteldieb handeln, der sich im Nachbarzimmer verbarg.«