Geschichten paradoxer Welten - Max Cooper - E-Book

Geschichten paradoxer Welten E-Book

Max Cooper

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Beschreibung

Kurzgeschichten: Dystopisch (2084) Unheimlich (Black Eyes / Die Jolle / Verschwörung) Gemein (Dienstreise / Ein Wintermorgen / Die Party) Humorvoll (Hund-Mensch, Mensch-Hund) Liebevoll (Der Hund und der Fährmann)

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Buch:

Die Geschichten:

Dystopisch (2084)

Unheimlich (Black Eyes / Die Jolle / Verschwörung)

Gemein (Dienstreise / Ein Wintermorgen / Die Party)

Humorvoll (Hund-Mensch, Mensch-Hund)

Liebevoll (Der Hund und der Fährmann)

Max Cooper:

Im normalen Leben treibt Max sich mit einer Anwaltszulassung ausgestattet in der Welt herum, hält Seminare, besucht Rockkonzerte, stapft durch den Schlamm von Wacken, geht mit seinem Hund spazieren, steht auf Steaks, Autos und Motorräder, spielt gelegentlich Comedy und liebt seine Familie.

Er verfasst Kurzgeschichten und Romane. Vom – gar nicht so heimatlichen – (Heimat)-Krimi über eher humorvolle Geschichten bis zum Vampyrroman schreibt er das, worauf er gerade Lust hat. Gelegentlich verliebt er sich in seine Figuren und wenn er sie nicht (mehr) mag, bringt er sie um.

Sein Roman "Sühnegeld - Rachefieber in Garmisch" ist 2020 bei HAWEWE erschienen

INHALT:

D

YSTOPIA

2084

Ü

BERNATÜRLICHE

W

ELT

Black Eyes

Die Jolle

Verschwörung

A

BGRÜNDE

Tödlicher Nil

Verhängnisvoller Tag

A

LLTAGS-

W

ELT

Dienstreise

Ein Wintermorgen

Die Party

H

UNDE-

W

ELT

Hund – Mensch, Mensch – Hund

Der Hund und der Fährmann

E

PILOG

DYSTOPIA

2084

1

»Lieben Sie Ihre Tochter?« Die Stimme des CorrSec-Beamten klingt dumpf. Fast, als wäre ich unter Wasser und er spräche vom Ufer aus zu mir.

Doch ich liege nicht im Wasser. Ich sitze in einem Meer aus Schmerz.

Ich erinnere mich an graue, schmucklose Betonwände, einen mit dem Boden verschraubten Stahltisch und eine Art Zahnarztstuhl, an dem sie mich festbinden. Elektroden an meinen nackten Körper kleben. Einen Zugang in meine Armbeuge legen. Keine Fenster. Nur das kalte Licht des LED-Strahlers an der Decke.

Ich friere. Doch die Kälte ist längst dem Brennen gewichen.

Dann gehen sie hinaus. Lassen mich alleine. Alleine mit ihm. Dem Einzigen, der nicht die blauschwarze Uniform der CorrSec trägt. Er trägt Jeans und ein Hawaii-Hemd. Doch selbst die ungewohnten, fröhlichen Farben verblassen neben dem eiskalten Grau seiner Augen.

»Lieben Sie Ihre Tochter?«

Sag ihnen, was sie hören wollen! Meine innere Stimme. Die klingt wie die längst verblasste Stimme meiner Frau. Sag ihnen einfach, was sie hören wollen!

»Lieben Sie Ihre Tochter?« Seine dumpfe, eisige Frage. Immer und immer wieder. Mechanisch wiederholend. »Lieben Sie Ihre Tochter?«

Sag ihnen, was sie hören wollen!

»Lieben Sie Ihre Tochter?«

Ich öffne meine Lippen. Schmerz flammt auf. An den blutigen Löchern, wo bis vor Kurzem noch meine Schneidezähne gewesen waren.

Blutige Spritzer aus meinem Mund, während ich antworte. »Ja, du Dreckskerl. Ich liebe sie! Sehr sogar!«

Er zischt zwischen den Zähnen.

Brennender Schmerz. Mein ganzer Körper ein einziger, fleischiger Klumpen Schmerz.

Ich drifte davon.

2

»Vater, was ist das?« Rebecca zeigt auf einen Mann, der einen Hund an der Leine führt. Ihr Blick drückt Verwirrung aus.

»Das ist ein Hund Rebecca.«

»Was ist ein Hund?«

»Das ist ein domestiziertes Säugetier, das vom Wolf abstammt. Früher hatten viele Menschen Hunde. Aber inzwischen sind sie fast ausgestorben. Der Hund dort ist sicher schon sehr alt.«

»Wofür sind Hunde gut?«

»Viele Hunde lebten mit den Menschen zusammen. Oft in deren Wohnungen. Andere Hunde halfen beim Hüten von Schafen und anderen Tieren. Wieder andere Hunde halfen der Polizei. Hunde können sehr gut riechen und z.B. Drogen finden, oder Menschen, die bei Unglücken verschüttet wurden.«

»Das verstehe ich. Aber warum lebten Hunde mit den Menschen zusammen?«

»Nun viele Menschen waren einsam und die Hunde waren etwas Gesellschaft für sie. Sie bereiteten ihnen Freude.«

»Aber Freude ist doch verboten!« Becca bleibt stehen, stemmt ihre Arme in die Hüften und blickt mich streng an.

»Deswegen gibt es nur noch so wenig Hunde.«

Becca nickt zufrieden und geht weiter.

Heute ist für uns ein besonderer Tag. Der einzige Feiertag den es noch gibt. Der Tag des großen Lockdowns. Heute ist es uns erlaubt, ohne triftigen Grund unsere Wohnungen zu verlassen. Spazieren zu gehen. Und heute dürften wir sogar ohne Maske hinaus gehen. Das erste Mal seit Jahren.

Zu Beginn der Pandemie sah man noch verschiedenste Masken. Lustige Gesichter, Teufelsfratzen, politische Statements. Doch als Letztere zu viel wurden, wurden verpflichtende Einheitsmasken eingeführt. Als Zeichen der Freiheit, wie die Politiker sagten. Die meisten Passanten tragen ihre Einheitsmaske. Als Instrument der Freiheit. Denn unter der Maske kann man lächeln, ohne dass die CorrSec es sehen können. Unser kleiner, privater Widerstand. Lächeln. Denn Freude ist verboten. Und Lächeln drückt Freude aus.

Ich schaue auf meine Tochter. Rebecca ist jetzt fast acht Jahre alt. Noch gezeugt auf die alte Weise. Doch das sage ich ihr nicht. Sie würde das nicht verstehen. Auch wenn sie schon seit vier Jahren ins Homeschooling geht. Die Geschichte der Zeit vor dem großen Lockdown steht erst in einigen Jahren auf dem Lehrplan. Wenn die Kinder ein Alter erreicht haben, in dem sie mental gefestigt sind.

»Was ist das, Vater?« Becca deutet auf ein verfallenes Kino.

»Das war ein Kino. Dort kamen Menschen zusammen, um sich gemeinsam Filme auf einer großen Leinwand anzusehen.«

»So wie das Streaming auf unserem Weltfenster?«

»So ähnlich.« Weltfenster, wer war nur auf die Idee gekommen, Fernseher so zu nennen? Aber der Begriff war inzwischen verpflichtend.

»Wie viele Menschen sind da zusammengekommen? Fünf? Dafür scheint das Gebäude aber viel zu groß!«

Ich erinnere mich an meine Jugend. Als wir in den Ferien ins Kino gingen. Popcorn aßen und manchmal heimlich ein Bier tranken, wenn der Verkäufer am Verpflegungstresen einen guten Tag hatte. Fünf? Nun hundertfünfzig oder mehr traf es da eher. »Nein, nicht fünf, Becca. Eher fünfzig.«

»Bitte nennt mich nicht Becca, Vater. Mein Name ist Rebecca. Fünfzig! Aber das ist doch viel zu viel. So viele Menschen in einem Raum! Das ist doch verboten!«

»Deswegen ist das Kino ja auch geschlossen.«

Wir kommen auf eine Kontrollstelle der CorrSec zu. Ich werfe einen raschen Blick zu Becca, um zu prüfen, ob der Mindestabstand passt. Vor uns ein Fremder mit Einheitsmundschutz eines anderen Staates. Offenbar ein Geschäftsreisender. Denn sonst ist kein Grund denkbar, warum er hier sein sollte. Private Reisen, vor allem in andere Staatsgebiete, sind schließlich verboten.

Der Fremde zeigt einem CorrSec-Beamten sein Smartphone. Der Beamte nickt und hält dem Fremden ein Funkthermometer vor die Stirn. Das Gerät gibt einen schrillen Ton von sich.

Der Fremde beginnt zu rennen.

Ein CorrSec-Beamter stoppt ihn mit einem Elektroschocker.

Eine Drohne kommt herangeflogen und bedeckt den zuckenden Fremden mit einer dicken Plastikfolie. Die Folie zieht sich automatisch zusammen, wickelt den Mann luftdicht ein und transportiert ihn davon. Wahrscheinlich in eine Entsorgungsstation. Wenn er Glück hat, erstickt er, bevor er dort ankommt.

Becca ist an der Reihe und hält ihr Smartphone hoch. Der CorrSec scannt die Daten ihrer CorrApp. »Rebecca?«

»Ja, mein Herr.«

»Ist das dein Vater?« Er deutet auf mich.

»Das ist der Mann, der mich großzieht. Damit ich ein nützlicher Teil der Gesellschaft werde.«

Der CorrSec nickt. »Weißt du, was mit dem Mann da eben passiert ist?«

»Das war sicher ein Corr-Positiver, der sich nicht freiwillig in Quarantäne begeben hat. Sie haben ihn entdeckt und seiner gerechten Strafe zugeführt. Um die Gesellschaft zu schützen.«

Der CorrSec nickte erneut. »Wie lange bist du schon im Homeschooling, Rebecca?«

»Seit vier Jahren, wie vorgeschrieben. Mein Erzieher hält sich an die Regeln.«

»Habt ihr Körperkontakt. Dein Erzieher und du?«

»Natürlich nicht! Das ist verboten. Und außerdem erscheint mir das ekelig.«

»Wie gefällt es dir. Hier draußen?«

»Ein wenig mulmig ist mir schon. Ungewohnt. Und so viele Menschen.«

»Ja, besser, du bleibst hier auf der Hut. Gut, geh weiter. Und bleib gesund.«

»Das wünsche ich Euch auch.«

Er winkt mich heran und scannt meine CorrApp. »Ihr Update ist fällig. Die Frist läuft morgen ab.«

»Ich werde das heute Abend machen.«

»Gut. Ihre Tochter?« Natürlich weiß er, dass sie meine leibliche Tochter ist. Zum einen ist sie zu alt für ein aktuelles Kind, zum anderen hat er unsere Apps gescannt.

»Ja. Und ich wurde als ihr Erzieher eingeteilt.« Das ist außergewöhnlich. Das weiß ich auch. Üblicherweise wachsen Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern auf, sofern es diese überhaupt noch gibt. Doch in meinem Fall hat das CorrKabinett eine Ausnahme gemacht. Weil ich sie und ihre Mutter schon vor der Geburt verlassen hatte. Und weil ich bereit war, sie aufzuziehen. Auf die alte Art gezeugte Kinder waren nur schwer zu vermitteln.

»Lieben Sie die Kleine?« Er zwinkert mir zu, doch ich erkenne die Falle.

»Nein. Ihre Mutter hat mich damals reingelegt und wollte mir ein Kind anhängen, das ich nie haben wollte. Deshalb hatte ich sie noch vor der Geburt verlassen. Und nach dem großen Lockdown fragte man mich, ob ich das Kind erziehen würde. Der Mutter konnte man das Kind ja kaum lassen.«

»Gut, dass Sie sich so für die Gesellschaft einsetzen.«

»Wir wenigen Verbliebenen müssen für den Erhalt der Rasse sorgen.«

»Bleiben Sie gesund.«

»Sie ebenso.«

Er lässt mich passieren.

Sag ihnen, was sie hören wollen! Das war das Letzte, was Beccas Mutter zu mir sagte. In der Nacht, in der sie mich wegschickte. Sie hatte damals schon verstanden, was auf uns zukam. Die Anzeichen richtig interpretiert. Und ihr Plan war letztendlich aufgegangen. Becca wuchs bei mir auf. Wenigstens bei einem Menschen, der sie liebt und nicht nur verwaltet. Auch wenn ich ihr meine Liebe nicht zeigen darf.

Allie war infiziert. Sie wusste das, als sie mich fortschickte. Im Gegensatz zu mir. Sie starb am Tag der Geburt. Sagten sie. Vermutlich wurde sie, als Infizierte, aber in eine der Entsorgungsstationen gebracht, die sie gerade errichteten. Auch wenn diese damals noch Hospize hießen.

Beinahe hätte ich nach Beccas Hand gegriffen, als wir weitergingen. Doch ich bemerke meinen Verfall in alte Gewohnheiten rechtzeitig und stelle den Mindestabstand schnell wieder her.

»Das war zu nah, Vater«, tadelt sie mich und ich entschuldige mich bei ihr. Die herangeflogene Drohne begnügt sich ein »Achten Sie besser auf den Mindestabstand!«, auf ihrem Display zu zeigen und verschwindet kurz darauf wieder.

Wir betreten den Park. Einzelne Erwachsene mit Kindern neben sich spazieren über die geschotterten Wege. Alle halten den Mindestabstand ein. Die meisten Kinder sind deutlich jünger, als Becca. Auf die neue Art gezeugt. Eine Frau blickt mich wissend-mitleidig an. Ein Mann sagt »Ich bin stolz, in einer Gesellschaft zu leben, für die Menschen wie Sie sich aufopfern!«

Stolz auf unsere Gesellschaft. Eines der wenigen Gefühle, die man offen zeigen und ausdrücken darf.

Ich nicke dem Mann zu. Nicht zu viel Kommunikation. Soziale Kontakte sind auf das absolut notwendige Mindestmaß zu beschränken. Vor allem persönliche Kontakte. Virtuell ist ein wenig mehr zulässig. Im Rahmen des verfügbaren Datenvolumens.

Doch der Großteil meines Datenvolumens geht mit Beccas Homeschooling, meinem Homeoffice und mit Streaming drauf. Da bleiben für private Kommunikation allenfalls dreißig Minuten pro Monat übrig. Und das ist schon viel.

Der Park. Früher, vor dem großen Lockdown, war ich mit Allie sehr oft hier spazieren gegangen. Vermutlich wurde Becca auch hier gezeugt. In einer lauen Sommernacht. Hinten im Schutz des Pavillons. Wehmütig blicke ich auf das inzwischen dem Verfall preisgegebene Gebäude. Früher hatten wir dort mit Freunden gegrillt, Bier getrunken, Spaß gehabt, uns geliebt. Doch seit Spaß, Liebe und faktisch auch Freundschaften verboten waren, gab es keinen Bedarf mehr für den Pavillon. Dem Gemäuer ging es da nicht besser als all den Kinos, Theatern und Gaststätten. Auch wenn Kunst, Kultur und Gastronomie schon vor dem großen Lockdown systematisch pulverisiert wurden. Anfangs hatten die Mächtigen noch so getan, als wollten sie diese Branchen retten. Doch vermeintliche Rettungspakete verpufften. Ich glaube, dass das von Beginn an der Plan gewesen ist. Doch sagen würde ich das natürlich nie.

Im Pavillon sitzt eine einsame Frau. Ich weiß nicht, ob sie wirklich einsam ist. Doch wer ist das in unserer Zeit nicht? Sie erinnert mich an Allie. Die gleiche Haarfarbe, das fein geschnittene Gesicht.

Moment, das kann doch nicht, ..., das ist ... ist sie das? Unmöglich. Allie ist tot. Das haben sie gesagt. Aber ... .

Die Frau steht auf und zeigt kurz auf die Bank. Dahin, wo sie eben noch saß. Ich versuche, meine Augen schärfer zu stellen. Scheiß Brille. Vor allem, da ich sie in der Wohnung liegen gelassen habe.

Die Frau ist weg.

Vorsichtig navigiere ich uns zum Pavillon. Becca folgt mir. Mit dem nötigen Abstand.

»Vater, was ist das für ein Ort?«

»Ein Pavillon. Früher haben Menschen sich hier getroffen.«

»Wie in dem Kino?«

»So ähnlich.«

»Wart Ihr auch hier? Früher?«

»Ja. Vor dem großen Lockdown sehr oft.«

»Mit Mutter?«

»Woher ...?«

»Ich weiß, dass Ihr mein Vater seid. Und dass ich eine echte Mutter hatte. Das hat mir der Arzt erzählt.«

»Welcher Arzt?«

»Mein Tutor. Im Homeschooling.«

Ich nehme mir vor, künftig öfter genauer darauf zu achten, was Becca im Homeschooling so treibt. Aber irgendwie passt es, dass sie sich auf diese Weise in die Erziehung einmischen. Hatte ich wirklich etwas anderes erwartet?

Ich setze mich auf die Bank in dem Pavillon und schaue mich vorsichtig um. Da, in einem Sprung im Holz der Lehne steckt ein Zettel. Ich schiebe das Papier schnell in meine Jackentasche. Schon komisch, wie schnell ich vergessen habe, wie echtes Papier sich anfühlt.

3

Wieder in der Wohnung. Ich gehe ins Bad und verschleiße die Tür. Der Zettel. Mit zittrigen Fingern falte ich ihn auseinander. Auch wenn es schon Jahre her ist, die Schrift erkenne ich auf Anhieb, auch wenn die Worte hastig hingeschmiert wurden. Allie. Sie ist es also gewesen.

Keine Zeit. Ich lebe. Du bekommst eine neue Stelle angeboten. Nimm sie an. A.

Meine Finger gleiten über das Papier. Immer und immer wieder.

»Vater, geht es Euch gut?«

Gott, wie ich es hasse, dass meine eigene Tochter mich siezt. Doch das ist Teil des Programms zum Social Distancing. Eines von Beccas Hauptfächern. So sehr ich den Zettel behalten möchte. Allies erste Nachricht, nachdem ich jahrelang dachte, sie seit tot. Doch es ist nicht sicher. Ich darf ihn nicht behalten. Ich spüle ihn in der Toilette hinunter. Sehe zu, wie er im Wasserstrudel verschwindet.

4

Becca hat ihren Kopfhörer auf und fixiert abwesend ihren Monitor. Früher dachte ich immer, online lernen klappt für maximal zwei, drei Stunden am Tag wirklich effektiv. Doch Becca – und mit ihr augenscheinlich fast alle anderen Kinder – schafft problemlos sechs oder gar acht Stunden täglich. Und das an sechs Tagen die Woche. Sonntags steht Sport auf dem Programm. Natürlich auch mit einem Online-Trainer. Ihr Kinderzimmer erinnert mich an ein Hotel-Fitnessstudio aus der Zeit, als es noch Hotels gab. Nur besser ausgestattet. Eines Tages hatte ein Lieferant vor der Tür gestanden und die Geräte geliefert. Zusammen mit Beccas Computerterminal. An diesem Tag endete ihre Kindheit und sie wurde Schülerin.

Ich hatte das Glück – oder das Pech, wie man es nahm – schon vor dem großen Lockdown nur einen Computer und etwas Datenvolumen für meine Arbeit zu brauchen. Der Vor- oder Nachteil, wenn man Programmierer war. Inzwischen verdiente ich mein Geld bei einem Energiekonzern. Sicherer Job, denn wenn unserer Gesellschaft eines brauchte, waren es Datennetze und Strom. Auch wenn von unserer Gesellschaft nicht mehr so wahnsinnig viel übriggeblieben war.

»Vater«, Becca blickt hoch und legte ihren Kopfhörer weg. »Wussten Sie, dass vor dem großen Lockdown beinahe acht Milliarden auf der Erde lebten?«

»Ja, Rebecca. Damals war das Thema Überbevölkerung ganz weit vorne in der öffentlichen Diskussion.«

»Und wo sind die hin?«

»Hast du das nicht eben gelernt?«

»Nein, das kommt erst nächste Woche.« Sie wirkte neugierig-traurig.

Echt jetzt? Cliffhanger beim Unterricht? Ich kannte das eigentlich nur von den Streaming-Serien.

»Nun, ein Großteil in an Corr gestorben. Oder an den mit der Pandemie einhergehenden Hungersnöten und der schlechten medizinischen Versorgung in vielen Ländern«, versuchte ich mich an einer Erklärung.

Doch wie sollte man einer Achtjährigen erklären, dass einige Politiker irgendwann beschlossen hatten, die eigene Bevölkerung zu kasernieren und den Rest einfach verrecken zu lassen? An einem Virus, der einem Labor entstammte und für den sie kein Heilmittel fanden?

Wie erklärte man einer Achtjährigen, dass die politischen Führer beschlossen hatten, sieben Milliarden Menschen einfach auf Mülldeponien zu entsorgen?

Fast ganz Afrika, der größte Teil Südamerikas, viele Staaten der USA, Großbritannien und weite Teile Asiens waren durch Corr inzwischen praktisch entvölkert.

Einen Großteil der arabischen Welt hatten reaktionäre, amerikanische Militärs mit Atombomben pulverisiert und in Osteuropa hatte ein Bürgerkrieg das Seine dazu beigetragen.

Und die, die übrig geblieben waren, lebten seit Jahren im großen Lockdown.

Denn ein Heilmittel gab es immer noch nicht. Und auch keine Impfung.

Mir ist klar, dass meine Antwort Becca nicht zufriedenstellen wird. Zu meiner Erleichterung klingelt in diesem Augenblick mein Smartphone. Eine mir unbekannte Nummer. Teils dankbar, teils verwundert nehme ich das Gespräch an.

»Spreche ich mit Leonard Burger?« Eine mir unbekannte Stimme.

»Ja«, antworte ich zögerlich. In diesen Zeiten kommt es nur noch selten vor, dass man überhaupt einen Anruf erhält. Und noch viel seltener von einer unbekannten Person.

»Eine gemeinsame Bekannte hat mir Ihre Nummer gegeben, Herr Burger. Sie hat mir erzählt, dass Sie als Programmierer bei einem Energiekonzern arbeiten.«

Eine gemeinsame Bekannte? Allie? Das musste der Typ sein, den Allie mit ihrer Nachricht gemeint hatte. Vorausgesetzt, er würde mir einen neuen Job anbieten.

»Das ist korrekt.«

»Nun, bei mir ist eine Stelle für einen Programmierer frei geworden. Und nachdem unsere Bekannte so von Ihnen geschwärmt hat, dachte ich mir, ich frage einmal nach, ob Sie womöglich Interesse hätten.«

»Sagen Sie mir auch, für welches Unternehmen das wäre?«

»Kein Unternehmen, Burger. Ein Ministerium. Öffentlicher Dienst. Interesse?«

»Grundsätzlich ja.«

»Schön. Dann kommen Sie morgen vorbei und wir besprechen alles persönlich. Ich lasse Ihnen die genauen Daten in Ihre CorrApp einstellen.«

Persönlich besprechen? Bei physischer Anwesenheit? Das ist mehr als ungewöhnlich. Meine CorrApp informiert mich über einen neuen Termin. Morgen. 10.30 Uhr. Herr PHM Georg Knopp. CorrSec, Zentrale Hauptverwaltung.

Fuck, ich soll für die Corr-Bullen arbeiten!? Keine Chance! Allie hin oder her. Ich arbeite doch nicht für diese Faschisten!

Eine neue Nachricht in meiner CorrApp. Mein Arbeitgeber bedankt sich für die gute Zusammenarbeit und bedauert mein Ausscheiden: Doch natürlich haben wir großes Verständnis und allergrößte Hochachtung für Ihre Entscheidung, Ihre hervorragenden Fähigkeiten künftig direkt im Dienste unserer Gesellschaft zu erbringen!

Aber das kann ...

»Vater!? Was ist Datenschutz?«, reißt Becca mich aus meiner Starre.

»Etwas, das schon vor Jahren komplett abgeschafft wurde«, flutscht es mir heraus.

»Aber im Unterricht haben sie gesagt, dass der Datenschutz eines der höchsten Güter unserer Gesellschaft ist«, empört sich Becca.

»Nun, Rebecca, dann habe ich da wohl etwas verwechselt.«

5

Die Zentrale Hauptverwaltung der CorrSec. Bisher hatte ich es immer vermieden, diesem alten Backsteinbau mit seiner martialischen Fassade näher, als unbedingt nötig zu kommen. Früher hatte das Gesundheitsministerium hier seinen Sitz. Und böse Zungen behaupteten, dass davor Stasi und Gestapo hier verdeckte Einsatzstellen hatten. Wie passend. Nur, dass die CorrSec nicht im Verborgenen agierte.

Ursprünglich waren es die örtlichen Gesundheitsämter, die im Kampf gegen die Pandemie an vorderster Front standen. Doch bald ging diesen Behörden, die eher auf betuliche Tierbeschauen ausgelegt waren, Personal und Fachwissen aus. Dann kam Hilfe vom Militär. Unterstützendes Personal zur Kontaktverfolgung, wie es damals hieß.

Als die Grenzen zunehmend unsicherer wurden, zog man die Soldaten zur Grenzsicherung ab. Die Gesundheitsämter wurden von da an durch Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter unterstützt. Und schließlich dem Verfassungsschutz unterstellt. Kurz nach dem großen Lockdown wurden schließlich Gesundheitsämter, Bundes- und Landespolizei und Verfassungsschutz zur CorrSec zusammengefasst. Zu der Behörde, die faktisch das Land regierte. Die mir einen Job aufdrängte.

Und vor deren schmiedeeisernem Portal ich jetzt stehe.

Etwas verloren scheue ich mich um. Wie kommt nah hier rein? Das Portal ist verschlossen. Und nirgends gibt es eine Klingel oder Ähnliches. Ich hole mein Smartphone raus. Vielleicht sollte ich diesen Knopp einfach anrufen.

Unvermittelt schwingt das Portal lautlos auf und ein CorrSec-Beamter tritt heraus. Wortlos nimmt er mein Smartphone und scannt meine CorrApp.

»Mitkommen, Burger. Man erwartet Sie.«

Ich werde in einen fensterlosen Raum geführt, der eher aussieht wie ein Vernehmungszimmer oder eine Folterkammer, als ein Büro, das man für ein Vorstellungsgespräch nutzen würde.

»Burger! Schön, dass Sie gekommen sind.« Die Stimme, die aus einem Lautsprecher dröhnt, gehört eindeutig Knopp. »Bitte entschuldigen Sie die etwas ungemütlichen Umstände. Doch solange der Scan läuft, müssen wir Sie leider isolieren. Nicht, dass Sie ein Positiver sind und die ganze Einheit anstecken. Vorschriften. Sie verstehen. Ich lasse Sie dann holen, wenn die Formalitäten abgeschlossen sind.«

»Scan?«

»Entschuldigung, das können Sie ja nicht wissen. Wir führen einen Gesundheitscheck durch. Sie befinden sich in einem Ionisierungsraum. Hier werden Sie - einfach gesagt – durchleuchtet. Harmlose Krankheitserreger werden dabei gleich abgetötet und wenn sie mir Corr infiziert sind, werden Sie vollautomatisch entseucht. Standardprozedur für alle unsere neuen Angestellten.«

‚Entseuchen‘. Welch sarkastische Umschreibung für töten und entsorgen.

»Stellen Sie sich auf die Markierung.«

30 Minuten später – meine Beine werden langsam taub – öffnet sich die Tür und der CorrSec-Beamte bedeutet mir, ihm zu folgen. Er führt mich in ein Büro, das mindestens doppelt so groß ist, wie meine komplette Wohnung. Statt des – hier offenbar üblichen – Grau ist das Büro in hellen Pastellfarben gehalten. Eine gemütlich wirkende Sitzecke mit schweren Ledersesseln, eine Hausbar mit Glaskaraffen, ein monumentaler, erstaunlich aufgeräumter Schreibtisch, der von einem riesigen Curved-Monitor dominiert wird. Neben der Sitzecke steht auf einem Ständer ein Aschenbecher, in dem eine halb gerauchte Zigarre liegt. Ich komme mir etwas verloren vor.

»Setzen Sie sich.« Ich hatte gar nicht bemerkt, dass Knopp hinter mir durch die Tür getreten war. So außergewöhnlich sein Büro war, so ungewöhnlich war auch sein Äußeres. Er trug weder eine CorrSec-Uniform, noch den in Politikerkreisen sonst üblichen aschgrauen Anzug. Knopp war in verwaschenen Jeans und einem alten Band-Shirt von Rammstein gekleidet. Gott, wie ich deren Musik vermisste.