Geschichten von der Jagd - Hermann Löns - E-Book

Geschichten von der Jagd E-Book

Hermann Löns

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Beschreibung

Dieses eBook: "Geschichten von der Jagd" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Inhalt: Ausgewählten Erzählungen (Widu, Der Wächter des Moores, Schlohwittchen, Murrjahn, Die Kraniche, Isegrims Irrgang, Glitsch, Der Geizhals, Die Entenmutter, Stummel, Die Wilderer, Fifichen, Der alte Seehund, Das Ende, Mäuschen im Busch, Ein Trauerspiel, Fenus, Der letzte Schrei, Der Markwart, Die Brachvögel, Adelig Volk) Was da kreucht und fleugt (Das Geheimnis des Haselbusches, Das blaue Wunder, Die Großmutter, Der braune Tod, Der Kantor, Die drei Bauchredner, Am alten Mutterbau, Wittbart, Der Bornbusch, Die Reiher, Die Otter, Der Morgenspaziergang, Ein Schlauberger, Die Käuzchen, Müschen, Am Murmeltierbau, Der Zaunkönig) Kleine Jagdgeschichten (Um die Ulenflucht, Der Bock vom Weißen Moor, Hellnachtspirschgang, Auf tauben Dunst, Die Pirschwarte, Die Hubertusjagd) Niedersächsisches Skizzenbuch (An den Ufern der Örtze, Der Wald der großen Vögel, Der Heidweg, Die Heidjäger, Das Naturdenkmal, Der Hellweg, Der Dampfpflug, Unter dem Machandelbaum, Landregen, Am Muswillensee, Der unbekannte Wald, Das Blachfeld, Drei Recken der Vorzeit, Ein Sommertag am Südharz, Das Tal der Lieder, Die bunte Stadt am Harz, Im Tiergarten bei Kirchrode, Der Stadt am hohen Ufer, Im deutschen Erdölgebiete, Einsame Heidfahrt, Osnabrücker Steinurkunden, Münsterische Luft) Hermann Löns (1866-1914) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller. Schon zu Lebzeiten ist Löns, dessen Landschaftsideal die Heide war, als Jäger, Natur- und Heimatdichter sowie als Naturforscher und -schützer zum Mythos geworden.

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Hermann Löns

Geschichten von der Jagd

Was da kreucht und fleugt + Kleine Jagdgeschichten + Niedersächsisches Skizzenbuch + und vieles mehr

e-artnow, 2014
ISBN 978-80-268-1479-5

Inhaltsverzeichnis

Widu
Der Wächter des Moores
Schlohwittchen
Murrjahn
Die Kraniche
Isegrims Irrgang
Glitsch
Der Geizhals
Die Entenmutter
Stummel
Die Wilderer
Fifichen
Der alte Seehund
Das Ende
Mäuschen im Busch
Ein Trauerspiel
Fenus
Der letzte Schrei
Der Markwart
Die Brachvögel
Adelig Volk
Was da kreucht und fleugt
Das Geheimnis des Haselbusches
Das blaue Wunder
Die Großmutter
Der braune Tod
Der Kantor
Die drei Bauchredner
Am alten Mutterbau
Wittbart
Der Bornbusch
Die Reiher
Die Otter
Der Morgenspaziergang
Ein Schlauberger
Die Käuzchen
Müschen
Am Murmeltierbau
Die Großstadtschwalbe
Der Zaunkönig
Kleine Jagdgeschichten
Um die Ulenflucht
Der Bock vom Weißen Moor
Hellnachtspirschgang
Auf tauben Dunst
Die Pirschwarte
Die Hubertusjagd
Niedersächsisches Skizzenbuch
An den Ufern der Örtze
Der Wald der großen Vögel
Der Heidweg
Die Heidjäger
Das Naturdenkmal
Der Hellweg
Der Dampfpflug
Unter dem Machandelbaum
Landregen
Am Muswillensee
Der unbekannte Wald
Das Blachfeld
Drei Recken der Vorzeit
Ein Sommertag am Südharz
Das Tal der Lieder
Die bunte Stadt am Harz
Im Tiergarten bei Kirchrode
Der Stadt am hohen Ufer
Im deutschen Erdölgebiete
Einsame Heidfahrt
Osnabrücker Steinurkunden
Münsterische Luft

Widu

Inhaltsverzeichnis

Auf der Heide vor dem Dorfe lagen Zigeuner; ihre Weiber waren fett, ihre Pferde mager. Und mager waren auch die Hunde, die unter den einen Wagen gebunden waren.

Es waren drei schottische Schäferhunde, ein gelber Weimaraner Vorstehhund, ein weißer Setter, ein eisengrauer Wolfspitz und ein schwarzer, rotgebrannter Teckel. Sie balgten sich um Knochen und trockne Brotrinden und sahen dem feinsten Zigeuner, der an dem Wagen vorüberging, mit haßerfüllten Augen nach; denn sie waren überall zusammengestohlen.

Einzig und allein ein junger Terrier war nicht unter dem Wagen, sondern drei Bengels und zwei Mädchen spielten mit ihm nach Zigeunerart. Sie zerrten ihn an einem Stricke hin und her, fingen Bienen, die sie ihm ansetzten, um sich an seiner Angst zu weiden, steckten ihm eine nackte schwarze Schnecke in das Maul und wollten sich totlachen, als er das Tier herauswürgte und die Nase im Grase rieb, um den üblen Geruch loszuwerden, und schließlich warfen sie ihn so lange in den Teich, bis er zuletzt halb ertrunken herauskam und vor Todesangst hübsch machte.

Gerade wollten sie ihn noch einmal in das schlammige Wasser werfen, da schrie der älteste Lümmel hell auf und flog kopfüber in den Teich, ein anderer folgte ihm und der dritte rieb sich das Bein; ein lang aufgeschossener Junge von sechzehn Jahren stand mit einem Eichenstock in der Faust vor ihnen und schlug mit zornrotem Gesicht rechts und links auf die beiden Bengels, die katzennaß aus dem Schlamm krochen, ein, ohne sich um das Gekreisch der beiden halbnackten Mädchen und das Gekeife von zwei schmierigen Hexen, die hinter dem Wagen hervorgeschossen kamen, zu kümmern. Er nahm den zitternden Hund auf den Arm und ging dem Forsthause zu, dessen schwarzweißes Fachwerk freundlich von dem Walde hersah.

Eine Stunde später kamen drei Gendarmen angeritten und brachten die Zigeuner, die des Pferdediebstahls verdächtig waren, nach der Kreisstadt. So blieb der Terrier auf der Försterei. Dort hatte er es gut, denn der Hegemeister und seine Frau waren sehr tierlieb, und als der Forstlehrling das Tier anbrachte und erzählte, wie er dazu gekommen war, sagte sein Lehrprinz: »Von Rechts wegen durftest du das nicht tun; aber wahrscheinlich hätte ich es genau so gemacht. Aber wie heißt er denn?« Ja, das wußte der Lehrling auch nicht und da sagte der Hegemeister: »Dann soll er Widu heißen!« Der Lehrling machte ein dummes Gesicht: »Wie ich?« Der Hegemeister lachte: »Wie ich nicht, Widu,« antwortete er.

Auf der Försterei gefiel es Widu ausgezeichnet, bald noch besser als in dem Hause in der großen Stadt, vor dessen Tor der Zigeunerbengel ihn am Viehmarkttage gestohlen hatte. Er wurde bald ebenso glatt und stämmig, wie er früher rauh und schlottrig gewesen war, hatte immer gute Laune und lernte alle möglichen Kunststücke, Totstellen, Apportieren, Verlorensuchen, Reifenspringen und Ballfangen. Ganz von selbst lernte Widu dann das Rattenjagen, und in sechs Wochen gab es keine Ratte mehr auf der Försterei. Im Februar nahm ihn der Hegemeister zum Fuchssprengen mit, und als der Hund sich dabei so vorzüglich machte, arbeitete er ihn spaßeshalber auch auf Schweiß, wenn ein Stück Rotwild oder eine Sau krank geschossen war. »Der Hund ist großartig, wenn er nur nicht solchen dummen langen Fang hätte,« pflegte er zu sagen; denn von Terriern verstand er nichts.

Es dauerte nicht lange, da sagte er das nicht mehr. Widu war ein leidenschaftlicher Jäger geworden, der nicht nur allein hinter den Hasen und Rehen umherhetzte, sondern auch Hirschmann, den Schweißhund des Hegemeisters, zum Wildern verführte.

Deshalb verschenkte der Hegemeister ihn an einen Kollegen, der ganz einsam in der Heide wohnte und einen wachsamen Kläffer haben wollte.

Es war im Januar, da warf der Hegemeister einen Brief, den er von dem Oberförster bekommen hatte, gegen die Wand, daß es knallte, denn der Oberförster schrieb ihm, es wäre ein Ministerialerlaß da, daß die Sauen abgeschossen werden sollten und am anderen Tage sollte in dem Belaufe des Hegemeisters getrieben werden. Das paßte dem Alten gar nicht, denn alles konnte er vertragen, nur keine Treibjagden, und so machte er am anderen Tage beim Stelldichein ein Gesicht, wie der Hund, wenn er am Bienenzaun vorbei muß. Mit einem Male bekam er helle Augen, denn er sah, daß Widu auch da war und sich mit Hirschmann sehr ungestüm begrüßte. Die Förster, die von den englischen Hunden nichts wissen wollten, machten sich über Widu lustig und fragten seinen Herrn: »Was ist das eigentlich für ein Gemüse? Sieht ja fast wie eine Kreuzung zwischen Handtuch und Kolkrabe aus,« denn ein weißer Hund mit schwarzen Abzeichen als Jagdhund, der kam ihnen lächerlich vor, und einer meinte: »Ist wohl so’n englischer Rattenfänger oder Aapenpintscher oder sonst so’n besserer Gutestubenhund?« Der Revierförster, der einen trockenen Humor hatte, meinte aber: »Kann wohl sein, denn Ratten fängt er ausnehmend gut; ob er aber auch Aapen pintscht, das weiß ich nicht.« Da platzten alle los.

Nach dem ersten Triebe wurden die angeschweißten Sauen nachgesucht, und kaum vernahm der Hegemeister, daß Widu in der Dickung Standlaut gab, da schnallte er Hirschmann und dieser machte, daß er zu seinem Freunde kam. Der Oberförster pirschte sich selbst an die kranke Sau heran und gab ihr den Fang und dann sagte er dem Revierförster, der mit ihm gegangen war: »Nehmen Sie die Hunde an!«

Das war leicht gesagt, aber schwer getan. Als der Förster lockte, sah Widu den Hirschmann und Hirschmann den Widu an, und dann, was hast du, was kannst du, weg waren sie, und sie hörten nicht, daß der Förster pfiff und brüllte und daß der Oberförster schimpfte und fluchte. »Da haben wir den Salat,« schrie er; »nun macht uns das Luderzeug das Jagen ratzekahl und wir können eine Meile weiter gehen!« So wurde es auch, man pfiff, man schrie, man blies, aber es war alles für die Katz. Jiffjiff, jaffjaff, hukhuk ging es; hier spritzten die Rehe aus der Dickung, da polterte das Rotwild über die Bahn, dort stoben die Sauen hin. In einer Viertelstunde war das unberührt gebliebene Jagen, das nach dem Frühstücke vorgenommen werden sollte, leer, und die Nachbarjagen auch. »Guten Morgen, meine Herren,« sagte der Forstmeister; »nun können wir nach dem Schwierbruche gehen. Verfluchtige Zucht.« Als er sah, daß der Hegemeister gar nicht mehr so brummig aussah wie vorhin, drohte er ihm mit dem Finger und sagte: »So, darum haben Sie Ihren Transpirierköter wohl bloß geschnallt, damit er mit dem Schachbrett sich einen lustigen Tag machen sollte!« Der Hegemeister schüttelte den Kopf: »I wo wer’ ich denn, Herr Oberförster!« Aber als der Oberförster sich umdrehte, grinste der Alte ganz schmutzig hinter ihm her und gab Widus Herren eine feine Zigarre und einen noch feineren Kognak.

Widu bekam gehörige Wichse, als er sich bei der Försterei einstellte, und von da ab hatte er es nicht mehr so gut, denn er mußte an der Kette liegen. Nun diente eine Magd auf der Försterei, die auf ihre Herrschaft ärgerlich war, weil diese sie nicht so oft zum Tanzen gehen ließ, wie sie mochte; und darum brachte sie dem Hunde die Kunst bei, sich das Halsband abzustreifen und wieder hineinzuschlüpfen, und nun wilderte er so lange, bis der Förster hinter seine Streiche kam, ihn in eine Kiste steckte und zu einem Kollegen schickte, der in einem Hofjagdrevier angestellt war. Er legte einen Brief dabei und darin stand: »Widu heißt er, ist ein ausgemachter Schweinehund und jagt ganz vorzüglich an Sauen, aber auch an allem andern, was Haar hat. Totschießen mag ich ihn nicht; steckt ihn in die Findermeute.«

So wurde Widu Mitglied der Findermeute und wurde bei dem Arbeiter Grammann eingestellt. Dort hatte er es nicht so besonders, denn die Kost war mäßig und er mußte, weil er ein Wilderer war, einen Knüppel tragen, weswegen er sich das Jagen bald abgewöhnte. Ab und zu hatte er doch sein Vergnügen, denn wenn Grammann keine andere Arbeit hatte, grub er Hamster aus und Widu biß sie tot, oder sein Herr jagte in den Scheunen auf Marder und Iltisse und dabei machte sich der Hund so gut, daß er mit der Zeit ohne Knüppel laufen durfte, wenn Grammann im Felde zu tun hatte. Dann schnüffelte er in den Gräben und Wasserfurchen umher, grub Mäuse aus, beschlich Wühlratten und packte auch ab und zu einen Hamster. Im Dorfe war er sehr beliebt, denn wer Ratten auf seinem Hofe hatte, der ließ Widu holen, und der machte kurzen Prozeß mit ihnen. Mit der Zeit jagte er von selber auf Ratten, besonders in nebeligen Nächten, und dabei stellte er einmal einen fremden Kerl, der die Räucherkammer des Vorstehers geleert hatte und mit einem Sacke voll Schinken und Würsten sich aus dem Dorfe stehlen wollte; er ließ den Mann nicht von der Stelle und machte einen solchen Lärm, daß die Bauern aus den Betten sprangen und den Dieb festnahmen. Das brachte Widu eine dicke Leberwurst, die allgemeine Achtung, den Ehrentitel Obernachtwächter und die nähere Bekanntschaft des Forstmeisters ein, der ihn holen ließ, wenn Jungfüchse gegraben werden sollten.

Eines Tages sagte Grammann zu ihm: »Ja, Junge, morgen gibt es Arbeit für dich.« Widu dachte, es ginge auf Füchse, aber es kam anders. In aller Frühe holte ihn sein Herr aus dem Stall, in den er ihn der Sicherheit halber mit »Wasser«, einem rasselosen Fixköter, den er ebenfalls in Hut hatte, eingeriegelt hatte, heraus und koppelte ihn mit »Wasser« zusammen. Widu brachte seine Nase nicht von dem alten, schmierigen, viel geflickten Kittel seines Herrn, denn daraus kam ihm eine Witterung entgegen, die er nicht vergessen, obzwar es schon lange her war, daß er auf der Rotfährte der Sauen jagen durfte. Er beschnüffelte den Kittel von oben bis unten und fing an zu winseln und zu bellen und an der Koppel zu reißen, daß Grammann zu seiner Frau sagte: »Der wird gut, Mutter; der hat Schweineverstand!«

Widu machte große Augen, als er auf dem Sammelplatze ankam. Da waren viele, viele Hunde, alle zu zweien und zweien an der Koppel, und viele Grünröcke, die alle in einer Reihe standen und auf einmal an zu blasen fingen. Und da begannen alle Hunde Hals zu geben und Wagen auf Wagen donnerte heran, und aus ihnen stiegen grüne Röcke. Dann trabten Widu und Wasser hinter dem Treiber durch den Schnee und beide zogen nach der Seite und winselten, denn auch Widu wußte, worum es sich handelte, denn alle die Männer in den verschossenen Kitteln rochen nach Sauenwitterung. Widu zog, was er ziehen konnte, bis er mit Grammann hinter dem Rüdemanne war, und er sah sich den Hund an, liebelte mit ihm und meinte: »Ich glaube, der schlägt ein.« Als dann die ersten Schüsse fielen und Widu am ganzen Leibe zitterte und dabei durch die Nase piepte, sagte er: »Der schlägt bestimmt ein.«

Hinten am Walde blies ein Horn ein krauses Signal; alle Hunde heulten los, legten sich in die Riemen und rissen die Koppelführer hinter sich her, daß Winterlaub und Astwerk stob. Ein anderes Signal erscholl und da riß Grammann die Koppel zurück. Widu wußte zuerst nicht, wie ihm zumute war, als er fühlte, daß er nicht mehr am Riemen war, aber als er das gellende »Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too!« vernahm, mit dem der Rüdemann ihn anjuchte, da stürmte er dahin, daß der Schnee stob, und im Umsehen verschluckte ihn die verhangene Fichtendickung.

Jagen, jagen, endlich wieder einmal an Sauen jagen! Wo sind sie, die Schwarzkittel? Hier waren sie! Und da ist eine grobe Sau! Drauf und dran! Hinaus mit dir aus dem Busch! Ob du willst oder nicht! Blase nur, wetze nur, das hilft dir nichts! Annehmen? Da kennst du Widu schlecht, der sieht sich vor! Da ist ja auch Freund Wasser! So, nun ist die Sache erst richtig! Du verbellst von vorn und ich zwicke ihn am Pürzel, dann wird er schon laufen! Siehst du wohl, zureden hilft! Und nun hinterher! Hei, das ist doch ein Leben, doch etwas anderes, als Hamster greifen und Ratten fassen. Jiff, Jaff, hukhuk! Und jetzt knallt es schon! Er schiebt sich an dem Wurfboden ein! Wie er bläst, wie er wetzt, wie er um sich schlägt! Immer vorsichtig! Siehst du, Wasser, beinahe wärst du geschlagen! Das war falsch! Wer kommt denn auch einem hauenden Schwein von vorne! So wird die Sache gemacht!

»Hu Su,« gellt es hinter den Hunden, »hu Su, wahr too, wahr too, wahr too,« und der Rüdemann kommt angepoltert. Und da machte, während Wasser den Keiler verbellte, Widu einen langen Sprung, faßte das rechte Gehör der Sau, hielt es fest, und ehe der Basse zuschlagen konnte, warf er sich ihm über den Rücken, so daß die Sau den Kopf nicht mehr bewegen konnte, Wasser faßte das andere Gehör, und im nächsten Augenblicke brach die Sau zusammen, denn das Weidmesser des Rüdemanns war ihr hinter das Blatt gefahren. Er wollte Widu abliebeln, aber der war schon wieder weiter gestürmt, und oben am Hang, gerade dem Kaiserstand gegenüber, tönte sein heller Hals hinter den Sauen her, und mehr als eine hetzte er vor den Stand des Kaisers, und jedesmal, wenn er eine angeschweißte Sau stellte, machte er den Sprung, den bisher nur Mulatt, der berühmte Mulatt, heraushatte, der jetzt das Gnadenbrot bei dem Forstmeister bekam.

»Ein Haupthund ist er, ein Kapitalhund!« rief der Rüdemann den Kollegen zu; »er hat den großen Griff heraus! Und alle Signale kennt er.« Und er klopfte sich auf den Schenkel, rief: »Daher, daher!« und liebelte Widu ab. Aber er lachte, als der Hund bei ihm blieb und Grammann die Zähne wies, und er machte es mit dem Forstmeister ab, daß er den Hund bei sich behalten durfte. Nun hatte es Widu wieder besser, denn die Försterfrau kochte ein Essen, wie es sich für einen Hund gehört, Reis mit Fleischabfällen; dann waren da drei Kinder, die sich mit ihm abgaben. Er begleitete sie, wenn sie in die Schule gingen, blieb vor der Tür der Schule liegen und ging mit ihnen wieder nach Hause. Auch mit Müschen, der Katze, wurde er gut Freund, und er, der sonst jede Katze schlank gewürgt hatte, fraß mit ihr aus einem Napfe und erlaubte es ihr, daß sie ihn als Ruhekissen benutzte. Er war ein so artiger, folgsamer Hund geworden, daß der Förster und die Kinder ihn ruhig in das Gatter mitnehmen durften, denn wenn er nicht angejucht wurde, hetzte er nicht. Als die Kinder an einem schönen Frühherbstmorgen durch den Forst gingen, wollte der starke ungarische Hirsch, der dort ausgesetzt war, sie annehmen. Ratlos standen sie da und schrien, denn sie waren in einem Altholzbestande, und es war kein Baum in der Nähe, der zu erklettern war. Aber sie hatten an Widu nicht gedacht. Ehe der Hirsch sich dessen vermutete, fuhr er ihm in die Keule und verbiß sich so, daß der Hirsch sich in einem fort um die Runde drehte und die Kinder Zeit gewannen, das Gatter zu überklettern. Widu aber hetzte hinterher den Hirsch bis oben in den Berg hinein und kam nach einer Weile bei den Kindern an.

Als sich das begab, hatte Widu schon vier Hofjagden hinter sich, und manche Schmarre an Kopf und Schulter bewies, welch ein Draufgänger er war. Aber schwer war er nie geschlagen worden, denn er war schlau und gewandt, paßte immer den richtigen Augenblick ab und dann machte er seinen großen Griff. Aber als er nun die Kinder vor dem Hirsche bewahrt hatte, sagte die Försterin: »An die Sauen sollst du mir nun aber nicht wieder, Widuchen, denn sonst wirst du mir am Ende zuschanden geschlagen.« Als der Tag der Hofjagd da war, mußte Widu also zu Hause bleiben. Er wurde in das Wohnzimmer eingesperrt, aber als die Magd den Kaffeetisch abdeckte, fuhr er an ihr vorbei, sauste hinter der Wagenreihe her und sprang auf einmal an dem Rüdemann empor. Ankoppeln aber ließ er sich nicht; er hatte gemerkt, daß sein Herr ihn absichtlich nicht mitgenommen hatte, und so blieb er jedem Menschen zehn Schritte vom Leibe. Aber es fiel ihm nicht ein, die Jagd zu stören; er wartete, bis die Meute angerüdet wurde, und ehe die anderen Hunde losgekoppelt waren, fuhr er als erster in die Dickung. Als nach den zweiten Triebe vor dem Kaiserstande Strecke gemacht wurde, sagte der Kaiser: »Da fehlt noch ein hauendes Schwein, das meine Kugel hat. Es muß sich da in das Tannenhorst gesteckt haben.« Der Rüdemann, Widus Herr, nahm einem Koppelführer die Saufeder ab, ging auf die Dickung los und suchte die Sau an. Es blieb alles ganz still, und schon dachten alle, daß der Keiler dort nicht steckte, da fuhr er so plötzlich heraus, daß der Rüdemann gar nicht dazu kam, die Feder auf ihn zu richten und schleunigst beiseite springen mußte. Aber dabei stürzte er, und der Keiler holte schon zum Todeshiebe aus, da sprang Widu hinzu, faßte das rechte Gehör des Bassen und wollte sich über seinen Rücken werfen, verlor aber den Boden unter den Füßen, kam vor das Gebräch der Sau und wurde quer durch die Rippen geschlagen, gerade in dem Augenblick, als ein alter Rüdemann mit eisgrauem Barte dem Keiler auf den Rücken sprang und ihm das Weidmesser in das Herz jagte.

Widu lag unter dem Keiler; aus dem zwei Finger breiten, handlangen Schmisse sprudelte das hellrote Lungenblut in den Schnee. Sein Herr kniete bei ihm nieder und streichelte ihn, während ihm die Tränen in die Augen kamen, und der Hund leckte ihm die Finger und wedelte. Dann ließ er den Kopf sinken, streckte sich und war tot. Alle die hohen Herren sahen ihn sich an, als er neben der Sau in dem Schnee lag, und ein Prinz brach einen Bruch von einer Fichte, strich ihn über den Anschuß des Keilers, steckte ihn dem toten Hunde unter das Halsband und sagte: »Schade, ein so edler Hund! Aber auch ein edler Tod! Dafür gebührt ihm ein Denkstein.«

An dem Fuße der Eiche, wo er den tödlichen Schlag empfing, gruben sie dem Hunde ein Grab, betteten ihn auf frischer Tannhecke und deckten ihn mit grünen Brüchen zu, und jetzt steht ein Stein da, der eine Wolfsangel aufweist, darunter Jahr und Tag der Jagd und darüber das Wort: Widu.

Der Wächter des Moores

Inhaltsverzeichnis

Das Moor schläft und träumt und redet im Schlafe halblaut und undeutlich. Es hört sich an, als ob die Mooreule seufze, oder ein Frosch quarre, eine Bekassine meckere, aber es ist das alles nicht. Das Moor spricht bloß im Schlafe das aus, was ihm träumt.

Da nun das Moor schläft, muß Blitz, der Kiebitz, wachen, denn auch Blank, seine Frau, schläft. Es ist ihr zu gönnen; sie hat es den Tag über nicht leicht gehabt, denn es ist keine Kleinigkeit, vier wibbelige Kinder, von denen jedes seinen eigenen Kopf hat, zwölf Stunden lang und mehr zu bemuttern.

Und der gestrige Tag war besonders schwer für sie. Es fehlte nicht viel, so hätte der Sperber eins der Kleinen erwischt; gleich darauf mußte Mutter Blank mit heftigem Flügelgefuchtel die böse Otter verscheuchen, die sich auf das Jüngste zuschlängelte. Dann mußte sie ihre Brut vor der Rohrweihe in Sicherheit bringen, späterhin sie aus dem Bereiche von Meister Adebars langem Schnabel besorgen und noch am späten Abend dem Ekel von Igel seine Gelüste auf Kiebitzkinderfleisch austreiben. Nun schlief sie fest über ihren vier Kleinen und Blitz hielt Nachtwache.

Er hatte seiner Frau getreulich den Tag über geholfen, all das Gesindel abzuwehren, das den Kinderchen zu Leibe wollte. Doch deswegen wußte er, was seine Vaterpflicht war; wenn ihm auch einmal die Augen zufallen wollten und der Kopf ihm schwer wurde, er hielt aus und wachte. Jeden Laut weit und breit vernahm er, das Heulen des Dampfers da hinten, das Geschnurre des Nachtfalters hier vorne, das ferne Gedonner der Eisenbahn, und das Geknister, das die Maus im Heidekraut hervorbrachte. So steht er nun da auf einem Beine auf dem verrotteten Torfhaufen und lauscht in die Nacht hinaus. Auf einmal reckt er sich hoch, richtet die Holle auf, spreizt die Ohrfedern, gibt sich einen Ruck, schwingt sich lautlos empor und fliegt leise, um seine gute Frau nicht zu wecken, hin und her. Denn es knisterte da etwas, und knickte, und brach. Ein Reh ist es, eine alte, hochbeschlagene Ricke, die ausgerechnet hier herunter dämeln muß, obgleich sie den Damm entlang einen viel bequemeren Wechsel nach der Brandstatt hat, wo das frische Junggras schießt. »Dummes Luder!« denkt Blitz, »dir will ich deine Taperei beseibeln.« Mitten vor den Kopf stößt er sie und schlägt ihr die Schwingen so tüchtig um die Lauscher, daß sie mit einer jähen Flucht von dannen poltert und laut schreckend davontrollt. Blitz lacht in sich hinein, obzwar er ein bißchen ärgerlich ist, denn seine Frau ist von dem Geschmäle der Ricke aufgewacht und fragt ihn ziemlich ungnädig: »Was ist denn nu’ wieder los? Nich’ einen Augenblick hat man seine Ruhe! So, weiter nichts, als die olle dämliche Ricke? Und deshalb mußt du mich aus’m besten Schlafe jagen? Na, ich sage man bloß: die Männer! Es ist dir wohl zu viel, auch mal einen Augenblick aufzupassen? Was sagst’e? Du hätt’st gedacht, es ist der Fuchs? Na ja, das kennt man schon! Um Ausreden seid ihr ja nie verlegen! Willst wohl mal eben ‘n bißche nach ‘m Bruche, wo die Junggesell’n und die Witwen sind? Bloß mal eben hin, nich! Ach ja, man hat’s nich leicht.« Blitz läßt sie reden. Er nimmt dem nicht so ernst. »Frauensleute!« denkt er und tut so, als hätte sie ihm Liebenswürdigkeiten gesagt. Er steht wieder auf dem zusammengefaulten Torfringel, horcht in die Nacht hinaus und denkt bei jedem Traumlaut des Moores: »Das war die alte dämliche Mooreule, die ja immer und immer was zu stöhnen hat. Und das ist die zappelige Bekassine, die hysterische Person, und das der Frosch, die Großschnauze, und da hoppelt wieder so eine alte pampsige Satzhäsin ‘rum, und die Ralle könnte endlich auch einmal aufhören mit ihrem albernen Gepfeife, und was war das da eben? Ach so, bloßig ‘ne Sternschnuppe! Ein Segen, daß die Olle sich wieder beruhigt hat! Na ja, man kann es ihr weiter nicht für übel nehmen; sie hat ja ihre Last und Not! Und wie die Frauensleute einmal so sind!«

So steht er Stunde auf Stunde da, erst auf dem einen Beine, und dann, wie es ihm einschläft, auf dem anderen, bis gegen Morgen die Sonne ein Loch in die Nachtwolken brennt, das Moor erwacht, die Nebeldecke von sich wirft und deutlich an zu reden fängt mit Heidelerchensang, Pieperschlag und Brachvogelgeflöte. Da trippelt er nach den drei dichten Wollgrasblüten, zwischen denen seine Frau sitzt, und wie er sieht, daß sie wach ist, fragt er freundlich: »Na, Blankchen, gut geschlafen? Und sind die Kleinen alle munter? Komm, mach’ dich erst hübsch und frühstücke; ich bleibe solange bei den Kindern! Und sieh mal, hier sind ganz ausgezeichnete kleine fette saftige Schneckchen, und da gibt es tadellose zarte Raupen! Also laß dir man Zeit; ich passe derweilen auf!« Erst tut Frau Blank so, als habe sie schlechte Laune: aber dann schwingt sie sich mit fröhlichem »Kuwitt!« empor, fliegt sich den Schlaf aus dem Leibe, läßt sich nieder, bringt ihr Gefieder in Ordnung, nimmt einige Schneckchen zu sich, auch etliche Räupchen und Käferchen, und trippelt dann schleunigst zu den Kindern hin: »Laß doch, Blitz; du verstehst ja doch nichts davon. Siehste, ich sag’ dir ja, beinah hätte das Zweite ‘ne Wespe übergeschluckt! Es ist schrecklich: diese Männer! Nu geh’ man bloß und paß auf! Du machst doch bloß weiter nichts als lauter Dummerhaftigkeiten.« Blitz läßt seine Holle herunterfallen, macht ein dummes Gesicht, läßt sich einige Käfer und ein paar eben ausgeschlüpfte dicke Schlammfliegen schmecken, schluckt zwei, drei, vier Kieselsteinchen hinab, der besseren Verdauung halber, paßt aber unterdessen scharf auf, ob nicht irgendwelches Getier oder irgendein anderes Wesen seiner Familie zu nahe komme. Sogar den Frosch, der ihm entgegenstolpert, will er hier nicht haben und versetzt ihm einen solchen Hieb auf die Schnauze, daß der Dickkopf ganz entsetzt von dannen humpelt. Ihm, Blitz vom Geschlechte derer von und zu Kiewitte, hat alles, was im Moore kreucht und fleucht, vom Balge zu bleiben und aus dem Wege zu gehen!

Deshalb ekelt er den Storch so lange an, bis der sein Gefieder erhebt und anderswo den Fröschen und Mäusen nachstelzt, ödet er das Hermelin, bis es sich von dannen begab, ulkt er den Fischotter, der von den Karpfenteichen zum Flusse wechseln will, so ruppig an, daß der eine sich in den Graben stürzte und unter Wasser weiter rann, paßt so lange auf eine Krähe, bis sie einsah, daß sie hier keine Ruhe findet, und grault schließlich auch die alte Satzhäsin aus seinem Bereiche. Und dann meint er, daß er auch ein wenig an sich selber denken müsse, einmal, weil es ihn hungert, und dann, um sich seiner Familie zu erhalten.

Aber wie er gerade so in schwankem Fluge über das Brandmoor hinwegtaumelt, da sieht er, man sollte es nicht denken, auf einem Kiefernstubben einen Fleck, einen roten Fleck, einen verdächtigen Fleck, einen sehr verdächtigen, äußerst verdächtigen Fleck, einen Fleck, der ihm viel zu haarig vorkommt, als daß es ein roter Wacholderbusch sein könnte; und darum schwenkt er sich nieder, gewahrt, was es ist, hebt sich, stößt wieder hinab und schreit: »Kuwitt, der Fuchs, pfui, der Lump, willst du fort, du Hund, hui, weg, du krummer Hund, hui pfui, Kuwitt!«

Da steht auch Blankchen auf, und legt los; na, und wenn die den Schnabel so richtig auftut, dann bekommt es nicht nur ihr lieber Mann Blitz mit der hellen Angst und schweren Not, sondern sogar Reineke Rotvoß, der Räuber, Gaudieb und Buschklepper. Erst tut er so, als ginge ihn das Geschimpfe und Geschebbel so gut wie gar nichts an; mit der Zeit wird es ihm aber zu dumm und er denkt einen Augenblick daran, aufzuspringen und einen von den Schreihälsen an dem Kragen zu packen, gibt diesen Gedanken aber sofort auf, denn er weiß aus Erfahrung, daß es ihm ein jedes einzige Mal scheußlich vorbeigelungen ist.

So reckt er sich, streckt er sich, gähnt mit dem Fange, dehnt seinen Rücken, um nicht den Anschein zu erwecken, als kniffe er vor den Kiebitzen aus, flöht sich ein wenig, schubbt sich ein Weilchen, und dann macht er, daß er fortkommt, verfolgt über das Moor und die Heide bis dicht vor die Dickung von Blitz und Blank, des Moores getreulichen Wächtern.

Schlohwittchen

Inhaltsverzeichnis

Der alte, halbverfallene Kalkofen, der mitten in der Feldmark liegt, ist die Wohnung von Schlohwittchen.

Eine bessere Hausung hätte sie sich nicht aussuchen können. Brombeeren, Heckenrosen und Weißdorn wuchern da, auch ein Haselbusch und ein krüppeliger Waldbirnbaum; der Bach ist nicht weit davon und der Vorwald ganz in der Nähe.

So leidet Schlohwittchen das ganze Jahr über nie Hunger. Im Frühling und Sommer findet sie genug Vogelbrut, Käfer und Eidechsen, und in der übrigen Zeit gibt es Mäuse und Wühlratten. Außerdem kann ihr weder Hund noch Habicht dort so leicht beikommem, weil die Dornen ihr Deckung geben und die alten Trümmer überreich an Schlupflöchern sind. Ab und zu kommt es vor, daß ein Hund, der einen Wagen begleitet, auf der Landstraße Schlohwittchens Spur wittert und sie bis zu ihrer Raubfeste hält, aber er mag noch so viel winseln und jaulen, scharren und kratzen, die Bruchsteinblöcke sind fest und Schlohwittchens Bau ist tief; so dauert es meist nicht lange, und der Hund zieht wieder ab, wie er gekommen ist, und Schlohwittchen erscheint unter dem Dornbusch und äugt mit seinen schwarzen Guckerchen dem Köter schadenfroh nach, verschwindet, taucht an einer anderen Stelle auf, ist abermals fort und gleich wieder da, prüft die Luft mit dem schwarzen Näschen und geht auf Beute aus.

»Itsch!« sagt der Raubwürger ärgerlich. Er hat schon seit einer Stunde auf der Spitze des verkrüppelten Birnbaums gesessen und auf die Maus gelauert. Schmalhans ist Küchenmeister bei ihm. Die Zeiten sind vorbei, da es überall von Käfern und Jungvögeln wimmelte und von Mäusen und Fröschchen krimmelt. Dicht verschneit ist Feld und Flur, die Spatzen und Goldammern sind vorsichtig und es ist ein Zufall, läßt sich eine Maus blicken. Endlich sah der Würger eine unter dem Dornbusche hin und her springen und dachte schon, er hätte sie. Da tauchte das Raubwiesel auf, lauerte einen Augenblick, machte einen Satz, die Maus quietschte auf und der Würger stob ab. Schlohwittchen aber sitzt da, die Maus zwischen den nadelscharfen Zähnchen, steif wie ein Stock. Da es so weiß wie der Schnee ist, so wäre es unsichtbar, verrieten es nicht die Augen, das Näschen und der Schwanzzipfel, alle vier kohlschwarz.

Mit der zappelnden Waldmaus im Fange macht es ein paar Sätze in das freie Gelände hinein, richtet sich wieder auf, nickt mit dem Köpfchen, zuckt mit dem Schwänzchen, hopst noch ein Endchen weiter, bis dahin, wo der Schnee ganz eben ist, und dann läßt es die Maus laufen. Aber kaum hat die drei Sprünge gemacht, so hat Schlohwittchen sie wieder am Wickel. Sechsmal treibt sie es so, dann beißt sie ihre Beute tot, verschwindet damit in dem Kalkofen und ist sofort wieder da. Sie hat keinen rechten Hunger und hat sich deshalb die Maus verwahrt. Aber auf Jagd muß sie dennoch gehen. In langen Sätzen, alle Augenblicke ein Männchen machend, strebt sie der Landstraße zu, denn dort gibt es Beute genug. Die Spatzen, Goldammern und Haubenlerchen treiben sich bei dem Pferdemist umher, und sie sind nicht so ganz schwer zu übertölpeln.

Hinter einem Busche dürrer Rainfarnstengel richtet Schlohwittchen sich auf. »Tiri tiririli« geht es vor ihr. Auf einem Steinhaufen am Rande der Straße sitzt eine Haubenlerche und lobt die Senne. Schlohwittches Schwarzaugen funkeln, das Näschen schnuppert gierig und das Schwanzzipfelchen zuckt hin und her. Dann ist sie in der Furche verschwunden, schaut hinter dem Grenzsteine hervor, versinkt wieder, kommt unter dem Durchlasse heraus, ist abermals fort, schaut hinter dem Apfelbaume hervor, und gerade, wie die Haubenlerche zum fünften Male ihre Haube aufrichtet und zu singen beginnen will, macht Schlohwittchen einen jähen Sprung und in einem Angstpfiff endet die Lerche ihr Liedchen. Ein bißchen Geflatter, ein letztes Gezappel, aus ist es mit ihr und das Hermelin schleppt sie in sein Verließ, wo es sich an der leckeren Beute gütlich tut.

Satt ist der weiße Mörder nun wohl, quappsatt, aber des Jagens müde noch lange nicht. Hops, hops, hops geht es in der Furche entlang, unter der Brücke her, in die Drainröhre hinein und wieder hinaus, dem Bache zu. Jede Deckung wird benutzt, denn die freie Fläche ist gefährlich. Der Raubfußbussard könnte dort lauern, oder ein Hund des Weges kommen. So hält Schlohwittchen denn alle Augenblicke an, sieht sich um, und hüpft weiter. Wupps ist sie fort, wie eine vorüberfliegende Krähe ihren Schatten auf den Schnee wirft, wipps ist sie wieder da. Endlich ist der Bachbord erreicht und dort ist sie sicher, denn da ist Deckung die Menge, Weidengebüsch, Schlehdorn, Hasel und allerlei Gestrüpp. Die beste Ecke ist es in der ganzen Jagd des Raubwiesels. Da gibt es Mäuse und Wühlratten, allerlei Vögel und wer weiß was alles. Gestern erwischte Schlohwittchen eine dicke, kohlschwarze Wollmaus. Sie wehrte sich gewaltig und hampelte und strampelte nach Kräften. Das half ihr aber alles nichts; sie mußte dennoch sterben.

Mit der alten Fasanenhenne, die das Hermelin vor einigen Tagen beschlich, ging es jedoch nicht so gut. Arglos kratzte die Henne an einer schneefreien Stelle nach Gewürm und Sämereien. Behutsam schlich Schlohwittchen näher, ganz behutsam, und dann ein Sprung und ein wildes Aufpoltern, und ehe das Wiesel so recht wußte, was geschehen war, lag es mit dröhnendem Köpfchen und gequetschten Rippen in dem Gestrüppe und hüpfte dann stark lahmend seiner Burg zu. Deswegen macht es heute wohl sehr lange Augen, als es am anderen Ufer den Fasanenhahn nach Schlehen springen sieht, traut sich aber nicht zu ihm hin. Das Wasser scheut es nicht; wohl aber die Kraft des bunten Vogels. So hoppelt es weiter, ein Männchen nach dem anderen machend und schnüffelnd. Über ihm ertönt ein sanftes Gezwitscher. In der Krone der krummen Kopfweide unterhalten sich vier Seidenschwänze. Das wäre so etwas für Schlohwittchen. Aber gerade, wie es hochklettern will, kommt der Sperber angeschwankt, geht mit einem der Nordlandsvögel in den Griffen ab und die anderen stieben fort.

»Wenn nicht, denn nicht!« So etwas Ähnliches mag das Wiesel denken und hüpft weiter. In jeden hohlen Weidenbaum schlieft es ein und kommt bald oben, bald unten wieder heraus, hier von der Amsel mit Geschimpfe begrüßt, dort von dem Zaunkönige mit Entrüstung empfangen. Auch der Eisvogel, der von einer Brombeerranke aus auf Ellritzen lauert, traut dem Weißpelzchen nicht und fährt mit schrillem Schrei von dannen, verfolgt von den funkelnden Augen des Räuberchens, das dann im Wacholdergestrüppe verschwindet. Hier hat es vor einigen Tagen ein Junghäschen gerissen, das erste in diesem Jahre. Einige Wollflöckchen hängen heute noch in den Zweigen. Das war ein leckerer Fraß. Plötzlich richtet das Wiesel sich auf. Da unten klatscht und platscht es. Wupps, ist es mit einem Kopfsprunge in dem flachen Wasser der Bachbucht, und wipps, ist es schon wieder auf dem Land, eine halbpfündige Forelle zwischen den Zähnen. Heftig wehrt sich der Fisch, aber Zweck hat das nicht. Es geht ihm so, wie der Maus und der Haubenlerche. Schlohwittchen frißt nur ein wenig von der leckeren Leber; das übrige läßt sie liegen und hüpft dann weiter. Bei dem Schlehenbusch vor der Wiese liegen gern die Rebhühner; vielleicht ist dort etwas zu machen.

Halb frech, halb schüchtern begibt es sich dahin. Mitten im Freien schrickt es zusammen und drückt sich in eine Furche; es hat etwas vernommen, das ihm gefährlich vorkam. Ist das nur ein Baum, das da steht, oder ist es ein Mensch? Es hat ja viel Angst, aber es ist auch sehr neugierig, und so richtet es sich auf, hält die Pfötchen vor der Brust zusammen, nickt mit dem Köpfchen und schnuppert. Aber jäh verschwindet es wieder, denn der Baum hat sich bewegt. Aber am Ende war das eine Täuschung, und so stellt es sich wieder hoch, denn von dem merkwürdigen Baum her kam eben ein dünner Mausepfiff, und dem hält es bei aller Angst nicht stand. So hüpft es denn drei Schritte voran, und dann bekommt es einen Todesschreck, denn nun sieht es ganz deutlich, daß das lange Ding sich bewegt. Es will fort, aber da donnert und blitzt es auch schon, und Schlohwittchen hat an zwei Stellen einen furchtbaren Schmerz, kann nicht vom Flecke und windet sich hin und her, bis der Hund des Jägers es sich um den Fang schlägt und es aus und zu Ende ist mit Schlohwittchen.

Murrjahn

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»Sonne ist das beste, was wir in der Art haben«, denkt Murrjahn und räkelt sich vor seinem Bau. Besonders die Morgensonne ist sehr wohltätig. Das fühlt Murrjahn deutlich. Erst hat er auf dem Bauche gelegen, platt wie ein Eierkuchen, und sich den Buckel schmoren lassen; nun wälzt er sich auf den Rücken und läßt sich den Bauch durchwärmen.

Wie wunderschön das ist! Murrjahn stöhnt behaglich. Auf einmal zuckt er jäh zusammen und juckt sich heftig in der linken Weiche, und dann in der rechten, und unter der einen Achsel und unter der anderen, und dann hier und dann dort; die Flöhe werden in der warmen Sonne doppelt unverschämt.

Darum scharrt er den Staub tief auf, pudert sich damit den Bauch ein, wälzt sich murrend und knurrend darin umher, bis die braunen Quälgeister ablassen, ihn zu peinigen; dann legt er sich wieder auf den Rücken, schließt die Seher fast ganz, läßt sich von Amsel, Drossel, Fink und Star etwas vorsingen, und hat so das Gefühl, daß er es jetzt bedeutend besser habe als früher.

Denn der alte Dachs hat eine Vergangenheit, eine bewegte Vergangenheit. Kein Dachs am ganzen Rodenberge und darüber hinaus hat eine derartige, wie Murrjahn, überhaupt kein lebendes Wesen in dieser Gegend. Höchstens Pockenfritze, der anscheinend sorglos, in Wirklichkeit sehr vorsichtig, den Pirschsteig entlang geschlendert kommt, um nachzusehen, ob sich nicht ein Reh in den Schlingen gefangen hat, kann auf eine ähnliche Vergangenheit zurückblicken, denn er hat schon einmal wegen Ströppens und Widerstandes gegen die Staatsgewalt sitzen müssen.

Murrjahn schreckt aus seinem süßen Druseln auf. So leise Pockenfritze auch schleicht, der Dachs hat es doch vernommen. Viel flinker, als man es ihm zutrauen möchte, hat er sich aufgerichtet. Nach allen vier Windecken wittert er, wobei der schwarzweiße Kopf blitzschnell hin und her fliegt, und dann macht er kurz kehrt und verschwindet in seinem Baue. Traue einer den Menschen! Es sind übele Geschöpfe. Murrjahn kennt sie zur Genüge. Zwei Jahre hat er unter ihnen gelebt. Und später hat er mehr als einmal die Bekanntschaft erneuern müssen, obschon ihm sehr wenig daran lag und er ihnen nach Möglichkeit aus der Kehr ging. Aber einmal erwischte er auf einer Treibjagd ein paar Schrote, mehrere Male wurde er in mondhellen Nächten mit Hunden gehetzt und hatte Mühe, sie abzuschlagen, und die fehlende Zehe an der linken Hinterbrante blieb in einem Tellereisen hängen.

Darum wartet er fast eine Stunde in der Tiefe seines Baues, bis ersieh wieder hervorwagt. Noch viel vorsichtiger ist er dabei als vorhin. Aber im Baue leidet es ihn nicht; er hat Sonnendurst und Lichthunger. So rutscht er denn der entlegensten Ausfahrt des weitverzweigten Baues zu, der, die zwischen den drei mächtigen Samenbuchen mündet, über der dichter Jungwuchs stockt und unter der die Wand steil abfällt. Dort ist er sicher, das weiß er. Trotzdem windet er aber dennoch erst lange, ehe er ausschlieft, und erst, als er sich davon überzeugt hat, daß das Geräusch vor ihm von einer Amsel verursacht wird, nimmt er wieder sein Sonnenbad. Platt und breit liegt er da, wie tot; aber er vernimmt jeden Laut. Daß, als er sich einmal wieder kratzen muß, erst der Zaunkönig, dann die Amsel und schließlich der Häher fürchterlich schimpfen, läßt ihn kühl. Auch das Schmalreh, das über ihm herumtritt, stört ihn nicht in seiner Ruhe. Aber dann öffnet er die Seher; er hat ein ganz feines, dünnes Gewisper vernommen, und das wirkt auf seinen Magen. Hurtig steht er auf und trottet dahin, von wo es kam, scharrt in dem welken Gekraut und führt sich dann laut schmatzend fünf halbnackte junge Rötelmäuse zu Gemüte. Sie sind recht saftig und zart und schmecken nach mehr. So begibt er sich weiter, sticht hier im Mulme nach Würmern und Schnecken, entrindet mit den scharfen Krallen dort einen morschen Baumstumpf und macht sich über die Käferlarven darin her, findet noch ein Mausenest, und abermals eins, und ein viertes, fünftes, sechstes und siebentes, und stößt dann sogar auf eine ausgewachsene Blindschleiche, die gerade dabei ist, ihr altes Kleid auszuziehen, aber nun nicht mehr dazu kommt.

So ganz wohl und sicher fühlt er sich aber bei seinem Pirschgange nicht. Wenn er sich auch nur in dunklen Umrissen an die Zeit erinnern kann, als er immer in einem muffigen Zwinger saß, ewig dasselbe langweilige und oft ekelhafte Futter bekam und nur herausgelassen wurde, um sich von allerlei Kläffern zausen lassen zu müssen, die Angst vor einer Wiederholung seiner scheußlichen Zeit ist ihm geblieben. Gerade ist er dabei, ein Hummelnest auszugraben, da verhofft er, denn von der Trist her erschallt Hundegebell. Es ist sehr weit bis dahin, aber Murrjahn empfindet es doch als Störung. So frißt er eilig die Hummelbrut hinunter und trottet wieder dem engen Stangenorte zu. Hundegebell; pfui! Das Scheußlichste, was es gibt. Zwei Jahre lang hat er es auf dem Schliefplatze ausstehen müssen. Bis dann der Tag kam, daß der Wärter Geburtstag hatte und so viel Bier und Schnaps trank, daß er vergaß, die Zwingertüre zu schließen und Murrjahn entweichen konnte. Wie besinnungslos war er in die Freiheit hineingesaust, hatte auf der Landstraße eine Radfahrerin in Ohnmacht versetzt und war im Walde mitten zwischen sechs Sommerfrischlerinnen geraten, die mit dem Angstgequietsche: »Ein Wildschwein, ein Wildschwein!« wie wahnsinnig auseinanderstoben.

Murrjahn hatte sich aber ebensosehr verjagt und war voller Angst und Entsetzen weitergeflüchtet. Alles war ihm so neu, so fremd, so unbekannt, denn er war knapp anderthalb Jahr alt gewesen, als er gegraben und in den Zwinger gebracht wurde, in dem er zwei Jahre verbringen mußte, Wand an Wand mit mehreren Füchsen, abscheulichen Stinkern, deren Ausdünstung ihm unausstehlich war. Was wußte er noch von der Welt, von Moor und Mulm, von Würmern und Schnecken? Auf faulem Stroh hatte er liegen müssen und Kartoffeln, Brot und halbfaules Pferdefleisch fressen müssen. Ratlos saß er im wilden Walde; sein Magen knurrte; ganz schwach wurde ihm. Da hörte er im Laube etwas wispern. Eine alte Erinnerung kam ihm, daß dieses Gewisper in irgendeinem Zusammenhange mit etwas stehe, das gut zu fressen sei. Er lief hin, scharrte, fand vier junge Mäuse, prick und fett, und die schmeckten ausgezeichnet. Und er stach weiter nach Untermast, wie es seine Mutter ihn gelehrt hatte, und pfropfte sich voll mit Würmern, Maden, Larven, Schnecken, Käfern, Raupen, Mäusen und was es sonst noch gab, bis ihn ein kleiner Köter aufspürte und so lange hetzte, bis es Murrjahn zu dumm wurde, er sich stellte und den Kläffer so zurichtete, daß er jaulend forthinkte. Trotz dieses Sieges war Murrjahn aber durch dieses Erlebnis der Wald verleidet, und so trottete er weiter und immer weiter, bis er zum Rodenberg kam und den verlassenen Mutterbau fand und sich darin häuslich einrichtete.

Dort kann ihm weder Mensch noch Hund beikommen, denn es ist zur Hälfte ein Felsenbau, der nicht gegraben werden kann, und da die Röhren zum Teil über tiefe Gesteinsspalten führen, so schicken die Jäger ihre Hunde nicht mehr hinein, weil sie wissen, daß sie dann nicht wieder zutage kommen. Ein halbes Dutzend Gerippe von Hunden, die dort elend verschmachten mußten, modern in dem Lehm, den Murrjahn darüber scharrte, denn er ist sehr für Reinlichkeit. Deswegen wird er immer sehr fuchtig, ladet sich einer von den Stinkefüchsen bei ihm zu Gaste, denn das sind Schweinigel, die allerlei Fraß zu Bau schleppen und die Hälfte dort verludern lassen, so daß Murrjahn hinterher das Forträumen besorgen kann, und dann noch acht Tage vor dem strengen Füchseln um alle Lebenslust kommt. Im allgemeinen hat er aber Ruhe, denn es gibt Baue genug am Berge und der Fuchs lebt auch lieber für sich allein.

Hier am Berge hat Murrjahn es gut. An Fraß ist kein Mangel und in der Hauptsache geht es auch ruhig zu. Anfangs fuhr er nur nächtlicherweile zur Weide; allmählich gewöhnte er sich aber daran, auch tagsüber umherzubummeln, wenn auch unter aller Vorsicht und immer in der Nähe des Baues. Heute gefällt es ihm ausnehmend über Tage. Die Luft ist rein, denn in der Nacht fiel ein lauer Regen, die Sonne scheint, und so krimmelt und wimmelt es im Grase und kribbelt und krabbelt es unter dem Moose. Eben burrt ein Maikäfer Murrjahn vor die Nase, dann kommt eine halbflügge Amsel angetolpatscht, und jetzt begeht ein Maulwurf die Dummheit, gerade da aufzustoßen, wo der Dachs das Fallaub abwittert. Wupps, ist er gefaßt und verschwindet dort, wo der Maikäfer und die Jungamsel hingerieten. »Schöner Morgen heute Morgen«, denkt Murrjahn und wittert um sich, denn der strenge Geruch des Bärenlauchs sticht ihn. Die Finken schlagen, die Schwirrer trillern, die Tauben rucksen, und überall burren die Maikäfer; alle Augenblicke kann der Dachs einen zerknatschen und dabei an Bucheckern denken, die fast ebenso schmecken. So bummelt er friedlich umher und stopft in sich hinein, was er an Getier antrifft, ab und zu sich kratzend, wenn das Ungeziefer in seiner Schwarte es gar zu bunt treibt.

Ein gesegneter Tag ist es heute; nicht weniger als sechs dicke Blindschleichen findet der Dachs auf dem sonnenbeschienenen Pirschsteige. Die Mäuse haben fleißig geheckt; alle naselang stößt er auf ein Nest. Auf einmal aber erschrickt er furchtbar, schnauft geängstigt, wird ganz kurz und breit und verbreitet einen stechenden Talggeruch um sich, denn mit beträchtlichem Getöse plumpst etwas vor ihm in das Laub. Murrjahn prallte zurück und machte, daß er zwischen die wilden Stachelbeerbüsche kam. Da verhofft er. Aber dann spitzt er die Gehöre, äugt scharf und schnuppert gierig, denn das, was da im Gestrüpp herumhopst und ängstlich quarrt, das scheint ihm nichts Gefährliches zu sein. Vorsichtig schleicht er näher, und immer dichter heran; seine Seher funkeln, die Nase geht hin und her, und dann springt er vor und schnappt zu, und ob auch die halbflügge Krähe, die vom Nestrande fiel, noch so sehr quarrt und noch so hampelt und strampelt, ein Biß mit den scharfen Zähnen, und sie läßt den Kopf hängen. Das ist ein Fraß! Fett ist sie wie eine Schnecke. Das lohnt sich eher als Maikäfer und Regenwürmer; Murrjahn schmatzt, daß es weithin zu hören ist und eine alte Ricke, die an ihm vorüberzieht, ihn entrüstet anschmält.

Gesättigt und zufrieden trollt er jetzt seinem Baue zu. Vor der Hauptfahrt, die von Waldreben und wilden Stachelbeeren gänzlich umwuchert ist, macht er es sich in der Sonne wieder bequem und geht den Flöhen ernstlich zu Leibe. Dann rollt er sich zusammen und druselt, bis es Abend wird und die Sonne zur Rüste geht. Es gibt Mondschein, und den Dachs gelüstet es, einen Gang in die Feldmark zu unternehmen. Drei Male ist es ihm dabei eklig ergangen, denn die Jäger waren mit den Hunden zugange und die stöberten Murrjahn auf und hetzten ihn. Das eine Mal schlug er den Teckel glatt ab und flüchtete zu Baue. Als er aber schön dicht dabei war, vernahm er ein verdächtiges Geräusch, machte kehrt und flüchtete in die verwachsene Dickung, wo er in einen Notbau einfuhr, der den Jägern unbekannt war. Das andere Mal stellten ihn zwei Hunde; aber Murrjahn hatte es auf dem Schliefplatze gelernt, seine Schwarte zu wahren. Er steckte die Nase unter sich, öffnete seine Talgdrüse, bot den Hemden den Specknacken und schlug mit den scharfen Fängen giftig keckernd bald unter der linken, bald unter der rechten Vorderbrante so geschickt nach den Hunden, daß sie jaulend den Platz räumten und ihn fahren ließen.

Beim dritten Male aber hetzte ihn ein großer Köter bis vor den Bau, und als er einfuhr, fühlte er sich von einen Gewirr von Ranken oder was es so war, behindert. Das Fangnetz war aber schlecht angepflockt und morsch, und so riß er es mit in die Tiefe. Viele Stunden plagte er sich damit ab, sich davon zu befreien, und seitdem war er doppelt vorsichtig, besonders bei Mondlicht. Und ehe er zu Baue fährt, prüft er erst sorgfältig, ob die Fahrt nicht wieder mit einem Netze verstellt oder gar mit einem Eisen verlegt ist, denn als er einmal zu Bau rutschen wollte, klappte es hinter ihm und das Eisen schnappte ihn an einer Zehe. Trotz des großen Schmerzes ruckte er aber so heftig an, daß die zerschmetterte Zehe abriß und er frei wurde. Alles das hat ihm Vorsicht beigebracht, und so gern er nun, wo der Mond alles so schön blank macht, zu Felde trollte, so zieht er es doch vor, unter Deckung zu bleiben und im Vorholze nach Untermast zu stechen, die es dort überall reichlich gibt, Würmer, Käfer, Larven, Mäusebrut und allerlei süße Knollen und Zwiebeln.

Gegen den Vormorgen aber erhebt sich ein Wind und da trottet er zu Baue, und kaum ist er dort angelangt, da versteckt sich der Mond, die Wolken platzen und es regnet in Strömen. Murrjahn ist das gleich; er hat sich bis oben vollgestopft und wird so lange schlafen, bis der Regen aufhört. Er kann es aushalten.

Der einsame Wisent

Das war nun schon der dritte Tag, daß die weißen Wetterköpfe rund um das Bruch sich reihten.

Jedweden Mittag kamen sie hinter der Wohld und der Geest und dem Moor heraufgestiegen, bis zum Platzen mit Blitz und Donner geladen; jeden Abend brachte der Vollmond sie grinsend wieder dahin, von wo sie gekommen waren, ohne daß sie ihr Gift und ihre Galle los wurden.

Die Luft lag dick auf den Bruche. Alle Blumen ließen die Köpfe hängen, und sogar die Buttervögel und Schillebolde wurden faul. Einzig und allein die Bremsen, die Mücken und die Gnitten fanden Freude an der Schwüle und verekelten Mensch und Getier das Leben.

Der Kolkrabe, der mit offenem Schnabel auf dem Runensteine vor der Wohld blockte und jappte, schwang sich mit einem Rucke davon, korrte ärgerlich und schraubte sich aufwärts, denn in der Dickung tappte es laut und brach es gewaltig.

Ein mächtiges Haupt, zottig und breit behörnt, schob den Wirrwarr von Porst, Ellern und Fichten fort, äugte mit bösen Lichtern vor sich hin und zog schnaufend den Wind ein.

Ein alter Wisentbulle war es. Ihn, den Häuptling des Rudels, ihn, den Herrn über zwanzig Muttertiere und Jungkühe, ihn, den Bärenzerreißer und Wolfindieluftschmeißer, hatte ein jüngerer Bulle abgekämpft und von dem Rudel weggetrieben, mit Schmach und Schande ihn bedeckt und einsam und allein gemacht.

Das war das eine. Aber noch mehr Weh kam über ihn, das ihn mit Wut erfüllte. Wohin er zu einem anderen Rudel trat, wurde er von dannen gejagt und so behandelt, als hätte er die schwere Seuche im Leibe. Schließlich traf er einen Leidgenossen an, einen ungehörnten Bullen, das Gespött und die Verachtung aller Wisentrudel. Mit dem war er seit der Brunft in der Heide hin und her gezogen. Mehr als einmal hatte er an ihm seine üble Laune ausgelassen, ihm, wenn ihm das Blut in das Haupt schoß, die Spitze des Horns zu schmecken gegeben, ein anderes Mal aber wieder ihn da gescheuert, wo die Holzböcke saßen und fraßen.

Aber nun war er allein, ganz allein, so allein, wie der Stein, auf dem der Rabe eben geblockt hatte. Sein Freund, der hornlose Bulle, war in ein Fangloch gestürzt und elend drin verendet. Das alles und die Schwüle und das stechende Geschmeiß machten ihn wild vor Ingrimm. Der alte Bulle schnaufte wütend, denn eine Witterung, die er mehr haßte als die vom Bär und Wolf, zog ihm in die Muffel, Witterung von Mensch. Er hob das furchtbare Haupt, peitschte seine Weichen mit der Schweifquaste, daß es knallte, und zog der feindlichen Witterung entgegen. Früher war er ihr immer ausgewichen, einst, als er noch in den Sumpfwäldern leben durfte. Nun, da er von seinesgleichen dahin gejagt war, wo das Tier, das auf zwei Beinen ging, lebte, ging er ihm nicht mehr aus dem Wege.

Er sog die Luft ein, und zugleich Hunderte von Mücken und Gnitten, hustete sie aus, brummte wütend und zog dahin, von wo der greuliche Geruch kam. Er hatte eine Wut auf dem Leibe, eine furchtbare Wut, die er loswerden mußte. Er hatte vorhin eine tote Fichte, die ihm im Wege stand, aus dem Boden gehoben und zerfetzt, hatte einen Ameisenhaufen, der ihn ärgerte, als Spreu in die Luft geschmissen, und schließlich erst einem Jungbären, der ihm entgegentappelte, den Garaus gemacht, und dann dessen Mutter, die vor Angst und Wut brüllend auf ihn losfuhr, zu Brei getrampelt. Und jetzt wollte er die zweibeinigen Biester umbringen.

So zog er dahin, wo ihrer drei das Vieh an dem grünen Saume des Baches hüteten. Der älteste von den drei Jungen bekam mit einem Male ganz blanke Augen, befahl mit einer festen Handbewegung seinen Brüdern, bei der Herde zu bleiben, schlich sich zu einem Ellernbusche, von dem zu einem zweiten und dritten, legte seinen besten Pfeil auf die Sehne des Bogens, riß die Sehne vom Bogen und jagte, während er vor Jagdgier seine langen Zähne in sein Kinn grub, dem Wisentbullen, den seine Falkenaugen erspäht hatten, einen Pfeil in das Blatt, und als der Bulle mit einem starken Ruck zeichnete, lachte er fröhlich in sich hinein.

Es war sein letztes Lachen im Leben. Ehe er sich versah, war der Bulle vor ihm, stieß ihm ein Horn zwischen die Rippen, warf ihn empor, nahm ihn wieder auf, schleuderte ihn abermals weiter, trampelte ihn zu Brei, daß sein Blut das Gras befleckte, hob dann sein gewaltiges Haupt hoch, schnaufte laut, schüttelte sich, senkte die Hörner, brach in die Herde ein, schlitzte dem Bullen, der ihm entgegentrat, den Leib auf, stieß dem nächsten Jungen, der vor Todesangst zitternd stehenblieb, ein Horn in den Leib, schmiß Stück um Stück von der Herde beiseite, kehrte zu dem Leitbullen zurück, gab ihm den Rest, machte einen formlosen Haufen aus ihm und trollte sich, zufrieden, daß er sein Gift und seine Galle los war, nach der Beeke zurück, in deren Schlammflut er sich kühlte.

Unterdessen war der dritte Junge nach dem Dorfe auf der Geest gerannt, hatte mit den Händen gefuchtelt, drei, vier Worte geschrien, war umgeklappt und hatte, als er sich verholt hatte, erzählt, was sich im Bruche begeben habe. Sofort hatten alle wehrhaften Männer die Speere genommen und waren im Laufschritt dem Bruche zugeeilt, hatten abgespürt, die Wohld umstellt, und die leichtfüßigsten Jungkerle über dem Winde in das Holz hineingeschickt. Sie drückten nun langsam die Dickung durch.

Sie fanden den Bullen lange nicht. Er dagegen hatte sie schon geraume Weile vernommen. Aber es war keine Angst in ihm, und auch keine Wut, nur Gleichgültigkeit und Verachtung. Ab und zu, wenn die Mücken zu unverschämt wurden, zog er sein Haupt unter das Wasser, schüttelte es dann, äste das Schilf ab, das ihm entgegenwuchs, grunzte wohlig, scheuerte die Keulen an einem vermorschten Stumpfe, der in der Flut lag, und hatte so das Gefühl, daß er in der Nacht ein Rudel suchen und sich ihm wieder als Oberhaupt aufdrängen wolle. Denn er fühlte sich wieder, seitdem er zwei der zweibeinigen Tiere samt ihrem Anhang von Vieh beiseite geschmissen hatte.

Da brach es bei ihm in den Ellernloden, brach anders, als wenn ein Elch zieht, ein Hirsch, ein Reh oder sonst etwas. Neugierig hob er das Haupt aus dem Schlamme, zog Wind ein und trat, als er wieder die ihm bis zum Zerplatzen ekelhafte Witterung aufnahm, auf das Ufer. Da standen drei von den Geschöpfen, die er nicht leiden konnte, von den nackthäutigen, schlimm duftenden, lauten, denen der Wolf auswich und sogar der Bär. Er aber ging ihnen nicht aus dem Wege. Er dachte nicht daran. Er wollte ihnen zeigen, wer hier im Bruche Herr und Häuptling wäre. Was die wohl wollen? Keine Haare! Keine Hörner! Keine Hufe! Und so dünn und so leicht! Und als Waffe nichts als Geschrei, und den Gestank, den er nicht vertragen konnte.

Merkwürdige Tiere! dachte er, als der eine mit dem Arm durch die Luft fuhr. Aber dann tat es ihm mit einmal auf dem linken Blatte erst ein wenig, und dann sehr weh. Er warf das Haupt zur Erde und stürmte auf die drei Feinde los. Wieder traf ihn ein Schmerz, im Nacken, und dann fühlte er ein Weh in der Hüfte, und eins, das irgendwo mitten in seinen Eingeweiden saß. Und dann war ihm alles einerlei; er war mitten zwischen den Menschen, fühlte nichts mehr als eine Freude, genau so, wie damals, als er den alten Platzbullen zu Tode stieß, und der ihm dabei die Dünnung schrammte, als er erst einen, dann den anderen und zuletzt den dritten seiner Feinde bald zwischen den Hörnern, bald zwischen den Hufen hatte, obwohl er an mehr als einer Stelle seines Leibes feurige Schmerzen empfand und eine seltsame Schwäche über ihn kam.

Angewidert und doch angenehm berührt, beschnupperte er die Reste seiner Gegner und trat in die Wohld zurück. Die Speere, die ihm im Leibe staken und belästigten, streifte er ab, indem er wütend durch das unraume Holz brach. Aber sehr weh tat ihm das, und ganz matt wurde er darauf. Und merkwürdig ängstlich und schwach wurde ihm, so daß er die enge Wohld verließ und nach der freien Heide hinzog. Als er so weit gewechselt war, verhoffte er, sog wohlgefällig den kühlen Luftstrom ein, der über die Geest herunterwirbelte, und fiel unter einer alten Eiche zusammen, während die Wetterwolken und der Mond sich darum zankten, wer das letzte Wort haben solle.

Da aber der Mond schon etwas an Kraft verloren hatte, behielt die eine Wolke, die über das Moor kam, zuletzt doch recht und spie so viel Gift und Galle aus sich heraus, daß einer ihrer Blitze die alte Eiche traf und sie zersplitterte und versengte samt dem alten einsamen abgekämpften und weidewund geschossenen Wisentbullen.

Nichts blieb von ihm als sein schwarzgebranntes Haupt mit den gewaltigen Hörnern, und das hängte der Gaupriester als Gottesmal über Tors Heiligstatt auf, wo es hing, bis Wind und Wetter es zermürbten und unter die Erde brachten.

Die Kraniche

Inhaltsverzeichnis

Die Nachtluft ist weich und warm. Ein schwüler Wind streicht über den Fluß und raschelt in dem undurchdringlichen Nilgrasdickicht, das seine Ufer umhegt. Mücken singen leise, Enten schnattern im Schwimmkraut, und ab und zu pfeift und schnarrt eine Nachtschwalbe.

Wo der Fluß sich in drei Arme teilt, ragt eine lange und breite Sandbank hervor. Auf ihr stehen dreißig große, langbeinige Vögel, haben die Köpfe im Gefieder verborgen und schlummern bis auf den einen, der Frühwache hat. Hochaufgerichtet steht er da und lauscht in die Nacht hinaus und rupft ab und zu am Federkleide.

In der Ferne ertönt ein dumpfer Donnerruf, und hinterher schrillt ein gellender Trompetenklang. Der wachthabende Kranich kümmert sich nicht darum. Des Löwen Zorngebrüll, des Elefanten Warnruf bedeutet ihm nichts, und auch nicht das Prasseln und Krachen im Dickicht, das Plumpsen und Platschen in der Flut und das Schnauben und Prusten vor der Sandbank. Nilpferde sind es, harmlose Riesen. Aber nun rauscht es ganz leise und stetig in den Wellen und kommt näher und näher. Der Wächter reckt den Hals lang und länger, neigt den Kopf ein wenig zur Seite, dann schlägt er mit den Schwingen, daß es raschelt, und stößt einen halblauten Ruf aus; er warnt seine Genossen vor dem Krokodil, das auf die Insel zurudert. Im Nu fahren alle Köpfe aus den Federn, dreißig Hälse richten sich auf, dreißig ärgerliche Schreie erschallen, so daß die zehn Elefanten, die rasselnd und prasselnd durch das doppelmannshohe Gras ziehen, anhalten, die Rüssel emporheben und wittern, ob die Luft auch rein sei.

Ein feuerroter Punkt erscheint über dem Papyrussumpfe. »Kirri, kurri, kri,« ruft der wachthabende Kranich; »Kurri, kri, kirri,« antworten die anderen. »Auf! Nach Hause! Hurra!« Sie nehmen einen Anlauf, breiten die Flügel aus, schwingen sich über den Fluß und steigen hoch und höher, wirr durcheinander fliegend, bis die ältesten und stärksten Stücke sich dem Wächter, der die Spitze genommen hat, anschließen und die übrige Schar sich ihnen beiordnet. In Keilform gereiht, sausen sie dahin, der Sonne entgegen, die ihnen den Weg weist, und deren glühende Scheibe den Nebel in den Gründen verjagt.

Aus dreißig Kehlen schallt es herunter: »Krui, kurr, kirr, karr, korr, kirril« »Leb wohl, Afrika! Leb wohl, Weißer Nil mit deinen Papyrussümpfen! Lebt wohl, ihr Elefanten und Nilpferde, ihr Hirsefelder und Grassteppen, lebt wohl, lebt wohl! Es geht heim, über Land und Meer, über Berg und Fluß, es geht heim nach Moor und Bruch! Lebt wohl! Auf Wiedersehen im Herbst! Korr, karr, kirr, kurr, kirri, krui.« Die langbeinigen, dunkelbraunen, splitterfasernackten Neger, die neben ihren Herden hertraben und sie nach neuen Weideplätzen treiben, sehen den Kranichen einen Augenblick nach und rennen dann wieder schreiend und schnalzend hinter ihren Rindern her.