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Dieses Buch enthält in chronologischer Abfolge Anekdoten und Begegnungen mit sehr sonderbaren jungen Menschen, die allesamt auf ihre Art Weise am Rande unserer Welt existieren - Geschöpfe der Unterwelt. Manche dieser Anekdoten sind amüsant, manche traurig, manche schockierend, manche schmutzig und manche alles das zusammen und mehr. Die Geschichten spielen auf dem Dorf, hinter dessen vermeintlicher Idylle nur zu oft Abgründe lauern, im Schatten anonymer Hochhaussiedlungen und in Großstadtwüsten, in düsteren Diskos und auf sonnenbeschienen Lichtungen, in Pennerbuden und Flachdachbungalows. Es ist ein lustiges kleines Buch...und eines, das das Fürchten lehrt.
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Seitenzahl: 249
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Personen und Handlung dieses Buches sind fiktiv. Jede Ähnlichkeit zu lebenden Personen und Ereignissen ist rein zufällig.
Maklh 1,2.3
Ein Ariadnefaden
Der Chronist
Lucia
Onkel Willi
Roderich
Kain
Judas Spielberg
Krötenstecher Wolfgang
Kirsten
Die Frau in Schwarz und das Kind in Weiß
Veronika, der Schwanz ist da
Cora Andromeda
Major Tom
Die Unheilige Dreifaltigkeit
Die lustigen Schwestern
Tod in Venedig
Herr Glahn
Die Schöne und das Biest
Der Traum vom fallenden Kind
Kann man auch lesen oder eben nicht.
Die Unterwelt ist bevölkert mit Teufeln und gemarterten Seelen. Die beiden sind oft schwer auseinanderzuhalten.
*
Der Kerngehalt der Lehre von der göttlichen Vorherbestimmung ist der, dass Gott bereits vor aller Zeit beschlossen hat, Jakob zu lieben und Essau zu hassen. Über die Gründe seines Entschlusses sind wir im Unklaren. Allein die Folgen sehen wir.
*
Dante beschreibt Neun Kreise der Hölle. Die meisten davon sind in der Nähe von Duisburg und Stuttgart zu finden.
*
Das Leben spielt mit uns wie eine Katze mit der Maus. Mal geht es uns an den Kragen, und wir glauben, es gäbe keinen Ausweg mehr. Aber dann, im letzten Augenblick, kommt unerwartet Rettung. Und wir hüpfen ein paar Sätze weiter, froh, davongekommen zu sein. Bis uns plötzlich die eherne Klaue des Schicksal wieder am Schwanz packt.
Dieses Spiel geht solange wie das Fatum seinen Spaß mit uns hat oder wir seine Liebenswürdigkeiten auszuhalten vermögen.
*
Vier Sätze, aus denen Tor und Weiser das gleiche lesen: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Die Hölle, das sind die anderen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun.
Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Den Mangel an einem Idol, einem Gott in Fleisch und Blut, an dessen Tun und Rede ich mein eigenes Selbst hätte ausrichten können, habe ich stets schmerzlich empfunden. Später im Leben habe ich mich deswegen immer größeren Ideen angetragen, die den fehlenden Vater ersetzen, meine ängstliche Seele führen, meinen krummen Charakter gerade richten sollten. Aber weil ich ein wildwüchsiges und ungestümes Lebewesen bin, das nicht Gutes von Bösem, und Recht von Unrecht zu scheiden vermag, taugten auch die großen Ideen nichts für mich und ebenso wenig ich für sie.
Unter den Religiösen war ich ein Sünder. Unter den Sündern ein Moralist. Unter den Moralisten galt ich als dekadent. Unter den Dekadenten als Spießer. Unter den Spießern als leidenschaftlich. Und den Leidenschaftlichen war ich immer ein wenig zu reserviert.
Wenn nichts und niemand einen will und braucht und dulden mag, d.h. wenn da nichts ist, an das man sich klammern kann, so sinkt man allmählich zum Bodensatz der Menschheit ab. Das ist die eigentliche Unterwelt, das Urbild aller Abgründe.
Aber anstatt Einsamkeit und Verzweiflung findet der Verworfene auf dem Grunde aller Flaschen stets eine laute und fröhliche Gesellschaft vor. Da sind noch viele andere Unerwünschte und Kastenlose. Sehr viele sogar. Legion, wenn man so will. Die Unterwelt ist belebt. Und auch voller strahlender Vorbilder und weiser Lehrer. Die süße Jesbel sitzt auf dem Fenstersims und schwingt ihre schönen Beinchen, Lots brave Töchter tanzen Haut an Haut mit gewissen Herren von auswärts, Kain vergärt sein Gottesopfer zu Hochprozentigem und Judas gibt dem grinsenden Kellner ein lächerlich großzügiges Trinkgeld. Eine bunte Gesellschaft von Verlieren und Verlorenen feiert dort unten alle Tage und Nächte. Und weil sie eigentlich keinen Anlass haben zu feiern, die Verworfenen, feiern sie einfach sich selbst. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?
Und ich, der ich zu Religion und Moral nichts tauge, ich lebe aus Mangel an Möglichkeiten eben mitten unter ihnen. Halb Chronist ihrer Schicksale, halb Teilhaber. Halb Auge, halb Hand.
Am Ende der Straße gegenüber dem Friedhof lag das kleinste Haus des Dorfes. Ein rostiger Maschendrahtzaun umgab seinen kleinen Garten. Und vor dem kleinen Haus in einer kleinen Einfahrt parkte ein kleiner Fiat 500.
Dieses Haus war das Heim einer italienischen Gastarbeiterfamilie. Der Vater arbeitete am Fließband. Am Wochenende schraubte er an seinem Fiat herum oder werkelte am Haus. Deutsch sprach er leidlich. Doch zog er es vor, zu schweigen, wann immer er konnte. Dabei war er nicht unfreundlich. Einfach ein stiller, arbeitsamer Mann aus dem Süden. Die Mutter stand den ganzen Tag in der Küche und besorgte den Haushalt. Sie hatte sich geweigert, die Sprache des Landes zu lernen. Wenn sie im Dorfsupermarkt einkaufen ging, gab es kein Hallo und kein Dankeschön. Sie nickte nur ab und an. Aber ohne zu lächeln. Und immer wirkte sie gehetzt, wenn sie mit gesenktem Haupt durch das Dorf eilte. So als laufe sie vor etwas davon. Wie ein aufgescheuchter Vogel. Meist trug sie ein schönes, schwarzes Kopftuch und einen gestrickten Überwurf, den sie über der Brust zusammenhielt. Sie war sehr schlank. Die Wangen eingefallen. Die großen, braunen Augen wanderten stets unruhig umher. So als hielten sie Ausschau nach Gefahren.
Man nannte sie einfach die Margot. Das war vermutlich die Verdeutschung eines weit hübscheren italienischen Namens. Ihr Mann hieß John von Giovanni. Allein die Tochter wurde bei ihrem richtigen Namen gerufen: Lucia, ausgesprochen Luhtschia.
*
Lucia gab mir meinen ersten Kuss.
Sie war ein wildes Mädchen mit absurd dicken, schwarzen Locken. Die ihr bis zum Steiß gingen. Einmal versuchte ich, ihr durch das Haar zu fahren. Aber meine Hand blieb stecken. Obwohl Lucia in Deutschland geboren war, hatte sie einen leichten italienischen Akzent. Das kam daher, dass man sich bei ihr zuhause nur der Sprache ihrer Heimat jenseits der Alpen bediente.
Abgesehen von den ein, zwei Wochen unserer Liebe, in welche mein erster Kuss fiel, und ihrem gefährlich dichten Haar habe ich kam noch Erinnerungen an sie. Dabei gingen wir bis Ende der Grundschule in die gleiche Klasse.
Die Sache mit dem Kuss geschah wohl zu Beginn der zweiten Klasse. Wir müssen also acht oder so gewesen sein. Lucia und ich gingen manchmal gemeinsam nach hause. Unsere Häuser lagen in der gleichen Straße. Lucia war es, die den Vorschlag gemacht hatte. Er kam ganz plötzlich wie aus dem Nichts.
„Willst du mich mal auf den Mund küssen?“
Abenteuerlustig wie ich damals schon war, stimmte ich natürlich sofort zu.
Es war ein sehr unspektakulärer Kuss. Wir pressten unsere Lippen eine Minute oder so aufeinander. Und das war auch schon alles. Denn mehr wusste auch sie nicht.
Daraufhin freundeten wir uns ein bisschen an. Wir waren ja jetzt gewissermaßen Geliebte. Auf jeden Fall nannte Lucia mich jetzt ihren Geliebten. Das war sehr schön, fand ich. Schöner als die öden Gespräche und die langweilige Küsserei, die wir täglich wiederholten. Irgendwann lud sie mich zu sich nach hause ein.
„Willst du ich mal besuchen, Geliebter?“
Ich war neugierig, das geheimnisvolle kleine Haus gegenüber dem Friedhof einmal von innen zu sehen zu bekommen. Also ging ich freudig mit.
*
Das kleine Haus am Ende der Straße gegenüber dem Waldfriedhof war sehr sauber. Und sehr spartanisch eingerichtet. So wirkte es von innen gar nicht mehr so klein. Obwohl es tatsächlich winzig war. Das Erdgeschoss bestand aus einer Küche, einer Garderobe unter der Stiege und einem winzigen Schlafzimmer, das komplett vom elterlichen Doppelbett ausgefüllt wurde. Über die Stiege gelangte man in das ausgebaute Dachgeschoss. Es war mit dunkelbraunen Fichtenbrettern vertäfelt. Nur in der Mitte konnte eine ausgewachsene Person aufrecht stehen. Aber für Kinder war dieser Raum ideal. Ich würde ihn bald zu sehen bekommen. Die Toilette war noch wie in alten Zeiten hinter dem Haus. In einem baufälligen Schuppen wurde ein riesiger Waschzuber zur samstäglichen Reinigung von Mensch und Kleidung aufbewahrt.
Lucia stellte mich zuerst ihrer Mutter vor. Die beiden sprachen Italienisch miteinander. Es klang ein wenig so, als würden sie streiten. Ich wurde ein bisschen nervös. Aber dann war alles wieder gut. Margot musterte mich nur etwas argwöhnisch, bevor sie sich wieder ihren Töpfen zuwandte. Lucia und ich setzten uns an den Küchentisch.
„Lass uns malen,“ schlug sie vor.
Also malten mir. Und zeigten uns unsere Werke.
„Das ist aber schön,“ meinte sie zu einem meiner Bildchen. „Schenkst du mir das?“
„Ja. Schenkst du mir eins zurück?“
„Such aus,“ sagte sie. Sie breitete vier oder fünf Blätter vor mir aus. Ich kann mich nicht mehr genau an die einzelnen Motive erinnern. Nur noch an den überwältigenden Eindruck der Farben. Lucia bevorzugte Rot und Pink. Sie konnte sehr ebenmäßige Herzen malen, was ich außerordentlich beeindrucken fand.
Plötzlich hörte ich ein grässliches Heulen von oben. Es war sehr laut und klang weder nach Tier, noch nach Mensch. Lucias Mutter beantwortete den Ruf mit einem sehr lauten und schnellen Gegenruf. Dann murmelte sie etwas vor sich hin.
„Was war das?“ fragte ich.
„Meine Schwester.“
„Ich wusste nicht, dass du eine Schwester hast,“ sagte ich.
„Doch, doch,“ meinte Lucia. „Willst du sie sehen? Sie ist oben.“
Und schon hatte mich Lucia am Ärmel gepackt. Wir gingen die knarrende Stiege hoch. Sie war sehr eng und die Stufen fühlten sich weich an. Da saß Lucias Schwester. Sie saß auf einem Plastikstuhl vor einem Plastiktisch und malte mit Wachsmalstiften große Kreise und Striche auf ein Stück Papier. Ein dicker Speichelfaden hing ihr vom Mund. Sie trug einen violetten Pullover und eine graue Jogginghose. Ihre dicken, schwarzen Haare waren ganz kurz geschoren. Ich schätze, sie war irgendwo zwischen fünfzehn und dreißig. Es war schwer zu sagen. Vor allem für mich.
Als sie uns sah, begann sie in ein schreckliches Geheul auszubrechen. Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
„Das ist Maria,“ sagte Lucia unbeeindruckt.
Ich hatte große Angst.
„Sie ist geistig behindert,“ sagte Lucia.
„Ah.“
„Aber sie tut nichts.“
Sie ging zu ihrer Schwester und streichelte sie wie ein Hündchen. Maria protestierte plötzlich und warf den Oberkörper wild hin und her. Da schlug Lucia sie auf den Rücken und schrie sie auf Italienisch an. Und dann hörte ich die Mutter unten schreien. Und nun begann auch Maria zu schreien. Ihr Speichel flog durch die Luft.
Ich wich ein paar Schritte in Richtung Stiege zurück. Bereit, beim kleinsten Anzeichen einer Eskalation, mein Heil in der Flucht zu suchen.
Doch Lucia verpasste ihrer Schwester nur noch eine heftige Kopfnuss, worauf diese wimmernd die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Dann gingen wir wieder nach unten. Hier schrien sich Lucia und ihre Mutter eine Weile an. Dann zog mich Lucia nach draußen.
*
„Lass uns zur Hexenschlucht gehen,“ schlug sie vor.
Die Hexenschlucht war eine kleine, aber tiefe Schlucht. Alle Kinder kannte sie. Sie lag nur wenige Minuten hinter dem Waldfriedhof.
Wir nahmen die Abkürzung über den Friedhof, schlüpften durch ein Loch am rückseitigen Zaun, stapften durch das Unterholz und gelangten bald auf den Weg, der zur Schlucht führte. Die ganze Zeit hielt Lucia meine Hand. Davon und von dem Zusammentreffen mit ihrer Schwester war ich sehr aufgeregt.
Dann stiegen wir die Schlucht über einen kleinen, gewundenen Pfad hinab. Es war ein unheimlicher Ort. Die Felsenwände waren mit Moos und Farnen überwachsen. Dazwischen waren etliche Höhleneingänge zu sehen. In denen hausten natürlich allerlei Unholde und Monster. Vor allem die alte Wessel fürchteten wir. Das war die Hexe, die angeblich in dieser Schlucht gelebt hatte und irgendwann im Mittelalter verbrannt worden war. Angeblich! Denn es ging das Gerücht, dass sie dem Feuertod irgendwie entkommen sei und noch immer in dieser Schlucht hause. In einer der Höhlen. Diese Geschichte war keineswegs nur unter uns Kindern verbreitet. Viele von den Alten im Dorf schworen Stein und Bein, die Hexe selbst bei nächtlichen Spaziergängen gesehen zu haben. Und sie machten sie verantwortlich für manchen Selbstmord und manche Fehlgeburt.
Das gute war, dass Wessel nur in der Nacht herauskam. Am Tag war man sicher von ihr und konnte ungestört in der Schlucht spielen. Eine beliebte Mutprobe bestand darin, nach Einbruch der Dunkelheit hinabzusteigen. Nur die Tapfersten wagten sich bis ganz nach unten. Und auch sie hielten es dort nur wenige Minuten aus.
Wir setzten uns auf einen flachen Stein. Wir saßen so eng, dass sich unsere Beine berührten. Und dann küssten wir uns wieder ein wenig. Das heißt, wir schlossen die Augen und pressten die Lippen aufeinander bis uns langweilig wurde.
„War deine Schwester eigentlich schon immer so?“ fragte ich.
„Oh nein. Sie war ganz normal. Und sie hat Geige gespielt. Das ist ein schweres Instrument. Aber sie war sehr gut. Und sie übte sehr viel. Sie spielte sogar in einem Orchester.“
„Was ist denn ein Orchester?“
„Das ist wie die Kapellen beim Schützenfest nur mit mehr Leuten und anderen Instrumenten.“
„Ah.“
„Aber das ist lange her. Bevor ich geboren war. Mein Papa hat´s mir mal erzählt.“
„Und wie ist sie so geworden?“
„Also, Maria war so gut auf der Violine, dass sie auf eine spezielle Musikantenschule sollte. Das ist eine Schule, wo man nichts anderes macht, als nur Instrumente zu üben. Aber Sänger gibt’s auch. Aber keine Tänzerinnen, die gehen auf die Ballettschule. Und das ist seltsam, weil sie ja immer zu Musik tanzen. Aber dann kann man es auch wieder verstehen, weil sie ja kein Instrument spielen und auch nicht singen,“ erklärte Lucia.
„Ja,“ stimmte ich zu und nickte. Das alles schien mir sehr einleuchtend.
„Auf jeden Fall fuhr mein Vater mit Maria zu der Musikantenschule. Denn nur die besten Musikanten dürfen auf die Schule gehen. Also müssen sie eine Probe machen. Und die besteht darin, dass sie ganz schwere Lieder spielen müssen. Und die Lehrer hören ihnen zu. Und nur, wenn man alles ganz richtig spielt, wird man genommen. Und das ist sehr, sehr schwer,“ erklärte Lucia.
„Oh.“
„Maria übte also furchtbar viel. Viele Wochen. Und dann kaufte mein Vater ihr ein hübsches schwarzes Kleid und sie fuhren in die Stadt zur Musikantenschule. Und Maria spielte auf ihrer Violine vor den Lehrern. Und auch Papa war da. Und er sagte: Die Lehrer wären sprachlos gewesen, so gut habe sie gespielt. Und dass er selbst noch nie etwas Schöneres gehört hätte. Aber plötzlich, noch während sie spielte, ließ sie die Violine fallen und fiel dann selbst um. Und dann brachte man sie in ein Krankenhaus. Sie lag in einem Koma. Für ein Jahr so. Koma ist, wenn du schläfst und nicht aufwachst, auch wenn dich einer zu wecken versucht.“
„Das weiß ich,“ warf ich ein. Denn ich wusste wirklich, was ein Koma war. Meine Großmutter hatte es mir einmal erklärt. Ich hatte den Ausdruck wohl im Fernsehen aufgeschnappt und sie danach gefragt.
„Nach einem Jahr wachte sie also wieder auf. Aber seither war sie geistig behindert,“ schloss Lucia.
„Ah.“
„Papa hat die Violine verbrannt,“ fügte Lucia hinzu.
„Hm.“
Und dann küssten wir uns wieder.
„Ich will mal deinen Pimmel sehen,“ sagte Lucia.
Ich zog meine Hose herunter und packte meinen Pimmel aus. Lucia sah ihn mit einer Mischung aus Staunen und Ekel an.
„Darf ich ihn mal anfassen?“ fragte sie.
„Nein,“ sagte ich.
„Willst du mal meine Scheide sehen?“ fragte sie.
„Ja.“
Sie zog ihre Jeans und ihr pinkes Höschen herunter. Ich betrachtete die sonderbare Wölbung mit dem Strich darauf, der mich an einen lippenlosen Mund erinnerte. Wie seltsam, dass sie keinen Pimmel hatte.
„Pieselst du daraus?“ fragte ich.
„Ja. Soll ich´s dir zeigen?“
„Ja.“
Sie ging in die Hocke und pieselte etwas.
„Ha.“
Dann zog sie ihre Hose wieder hoch und wir gingen zurück. Wir beeilten uns. Denn die Sonne stand schon tief und die Schatten wurden länger und länger. Wir wollten ja nicht, dass uns die alte Wessel kriegte.
Onkel Willi, eigentlich Großonkel Willi, besuchte meine Großmutter einmal in der Woche. Ich glaube es war Mittwoch Vormittag. In illo temporis wohnte ich bei meiner Großmutter und darum habe ich sehr lebhafte Erinnerungen an ihren Bruder.
Er kam stets in Jägertracht. Mit Lederhosen, kniehohen Strümpfen, einer grünen Joppe, einem Hut mit Federbusch und einer Weste mit Münzen als Knöpfen, an denen ich fasziniert spielte, wenn ich auf seinem Schoß saß. Immer hatte er eine Zigarre im Mund und roch nach Schnaps.
Polternd betrat Willi die Küche.
„Na, Elfriede,“ rief er. Seine Stimme war durchdringend und sehr laut.
„Willi, was gibt’s?“ erwiderte seine Schwester den Gruß. Dann setzte er sich breitbeinig an den Küchentisch.
„Komm,“ sagte er zu mir und klopfte auf seine Schenkel. Seinen Geruch empfand ich zwar abstoßend, doch die Münzenknöpfe an seiner Weste und die Aussicht auf ein Fünfzigpfennigstück lockten mich immer wieder auf seinen Schoß. Ein Fünfzigpfennigstück reichte in der Bäckerei um die Ecke für fünf Zuckermäuse oder einen halben Amerikaner oder eine Kugel Schokoeis.
„Rauch doch nicht so vor dem Kind,“ protestierte Oma manchmal, wenn Willi an seiner feuchten Zigarre sog.
„Ah“, meinte er abfällig grinsend. „Das hält der schon aus, der Stöpsel.“
Meine Großmutter bewirtete ihn mit Schinkenbrot und selbstgebranntem Schnaps. Dann redeten sie ein wenig. Dorfklatsch meist. Wer wen geheiratet hatte, wer gestorben war, wer welches Haus ver- oder gekauft hatte. Und so weiter.
Einmal, nachdem Willi gegangen war, meinte meine Großmutter, sie müssen ihrem Bruder immer die Würmer aus der Nase ziehen. Ich kann mich so genau daran erinnern, weil mich die Vorstellung, jemandem Würmer aus der Nase zu ziehen, tagelang beschäftigte. Als Willi uns in der folgenden Woche wieder einen Besuch abstattete, starrte ich die ganze Zeit von unten auf seine behaarten Nasenlöcher.
„Was ist denn, Stöpsel?“ fragte er mich.
„Hast du Würmer in der Nase, Onkel Willi?“
Er begriff erst nicht. Dann aber lachte er schallend los und sein Speichel traf mich im Gesicht.
*
Willi hasste seine Frau Tekla. Er hasste sie zutiefst. Meiner Großmutter gegenüber sprach er immer schlecht über sie. Weil sie ihm keine Kinder geboren hatte. Und wegen einer Geschichte mit einem Franzosen als er an der Front stand und fürs Vaterland gegen den Russen kämpfte. Auf jeden Fall tyrannisierte er Tekla ganz furchtbar und das war im ganzen Dorf bekannt. Meine Großmutter musste ab und an intervenieren, wenn er es mit seinen Gemeinheiten wieder einmal zu weit trieb und Tekla verzweifelt bei uns anrief. Als er noch jünger gewesen war, lange vor meiner Geburt, hatte er sie auch geschlagen. Einmal sogar so schlimm, dass sie beinahe gestorben wäre. Seither aber hatte er sie nicht mehr angerührt.
Tekla habe ich nur ein paar mal gesehen. Auf irgendwelchen Familienzusammenkünften, Beerdigungen zumeist. Sie war dicklich und sah immer ein wenig traurig aus. Ihre Wangen waren knallrot wie angemalt.
*
Willis Besuche hörten irgendwann auf. Er hatte einen Schlaganfall erlitten.
„Was ist ein Schlaganfall?“ fragte ich Oma.
„Das ist, wenn einer sei ganzes Leben gesoffen hat und ein Bösewicht ist und der Herrgott ihn zur Strafe schlägt, dass er sein Lebtag wie ein hilfloses Kind wird.“
Ich dachte über diese Erklärung nach, konnte mir aber keinen Reim darauf machen, wie das aussah, wenn Gott einen schlägt.
Wie dem auch war, nun war es an meiner Großmutter und mir, Willi zu besuchen. Wir gingen einmal die Woche. Sein Haus lag zehn Minuten zu Fuß in einer Gasse, die steil abfiel und die wir im Winter gelegentlich als Schlittenbahn missbrauchten.
Willi saß im Rollstuhl am Küchentisch. Er hatte stark Gewicht verloren. Speichel lief aus seinem Mund. Und er redete sehr undeutlich. Wenn man ihn nicht gleich verstand, wurde er böse und schrie. Aber dann verstand man ihn noch weniger. Ich versteckte mich hinter meiner Großmutter. Die schimpfte ihn wegen seinem Benehmen aus.
„Reiß dich zusammen, Willi!“ sagte sie. „Im Krieg hast du noch ganz anderes ausgehalten. Das ist kein Mann, der sich so aufführt.“
Und da hatte meine Großmutter gewiss recht. Denn sie hatte mir einmal erzählt, dass Willi im Krieg lebendig begraben und nur durch Zufall gerettet worden war. Nach fast zwei Tagen. Das klang bei weitem schlimmer als im Rollstuhl zu sitzen. Kein Grund also, sich so zu benehmen.
Aber Willi riss sich nicht zusammen. Er wurde von Woche zu Woche unausstehlicher. Und so stellten wir unsere Besuche irgendwann ein. Nur Tekla rief von Zeit zu Zeit noch an. Sie schluchzte am Telefon. Und meine Großmutter schüttelte den Kopf und sagte: „So führt man sich nicht auf. Das ist kein Mann.“
*
Willi beendete sein Leben von eigener Hand. Und er tat es auf eine so spektakuläre Weise, dass es für Wochen Gesprächsthema Nummer Eins im Dorf war. Noch heute erinnern sich die Älteren mit einer Mischung aus Entzücken und Grauen daran.
Tekla nutzte den Zustand ihres Mannes, um einige Veränderungen im Haus vorzunehmen, die der Tyrann ihr vordem strikt untersagt hatte. Diese Verschönerungen waren ihre einzige Freude und der dürftige Lohn für lange Jahre voller Entbehrungen. Es waren zumeist kleine Dinge. Doch der Tyrann gönnte ihr auch das nicht. Sie kaufte ein neues Teeservice. Willi fegte mit seiner guten Hand die Kanne vom Tisch. Sie stellte einen Blumenstrauß ans Fenster. Willi stieß die Vase um. Endlich kaufte sie ein kleines Kristallpferd und platzierte es außerhalb seiner Reichweite ganz oben auf einem Regal. Weil Willi das Figürchen nicht erreichen konnte, riss er schließlich ganze Regal um, wobei er sich selbst verletzte.
Endlich ließ Tekla das Wohnzimmer frisch tapezieren und kaufte ein neues Sofa. Ich kann mich an das delikate Blumenmuster der Tapete und den grünlich schimmernden Plüschbezug des Sofas noch lebhaft erinnern. Willi war außer sich darüber. Er weigerte sich fortan das Wohnzimmer zu betreten und schalt und beleidigte Tekla in einem fort. Aber was konnte er in seinem Zustand dagegen tun? Tekla hatte am Ende gewonnen. Außerdem war er auf seine Frau angewiesen. Sie musste ihn füttern, ihn saubermachen, ihm auf die Toilette und ins Bett helfen. Es muss ihn wahnsinnig gemacht haben, plötzlich so hilflos zu sein. Und der Frau ausgeliefert, die er hasste. Was er an Leben übrig hatte, fand zwischen Toilette, Schlafzimmer und Küche statt. Vor allem seine geliebten Wälder fehlten ihm. Denn Willi war ein passionierter Jäger gewesen, der ganze Tage in der Natur verbringen konnte.
Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Er verlangte nach seinem Gewehr. Als Tekla ihn entsetzt fragte warum, beschimpfte er sie.
„Soll´s denn verrosten, du dumme Ganz, du?“ lallte er.
Sie brachte ihm die Flinte. Ungeladen versteht sich. Und Willi machte sich daran, sie mit seiner guten Hand einzuölen, wie es noch ging. Er tat fortan jeden Tag. Und er wurde ganz ruhig dabei. Ein Segen war das für seine arme Frau.
Eines Tages verließ Tekla das Haus, um zur Apotheke zu gehen. Irgendwie war es Willi gelungen, ein paar Schuss Munition aufzutreiben. Es war ein großes Mysterium, wie er in seinem Zustand daran kommen konnte. Bis heute machen verschiedene Theorien die Runde. Böse Zungen behaupten sogar, Tekla hätte ihm die Kugeln in die Tasche geschmuggelt. Auf jeden Fall rollte Willi ins Wohnzimmer, platzierte sich mit dem Rücken zum neuen Sofa, steckte den Lauf in den Mund und drückte ab. Sein Gehirn spritzte über Sofa und Tapete. Die Schweinerei war spektakulär, das neue Wohnzimmer ruiniert. Als Tekla nach hause kam, fiel sie in Ohnmacht. Dann rief sie den Notdienst. Man brachte sie ins Krankenhaus.
So endete das Leben meines Großonkels Wilhelm mit einem letzten Racheakt an seiner armen Frau. Mag sein, dass ich ihn in der Unterwelt wiedersehe. Rauchend, trinkend, schimpfend. An den Gestaden des Styx. Ob er dem Fährmann, der den Kahn steuert, auch ein Fünfzigpfennigstück in die Hand gedrückt hat?
Ich war in der dritten Klasse, als Roderich eingeschult wurde. Sein sonderbares Erscheinungsbild hat sich mir tief eingeprägt. Obwohl er zwei Klassen unter mir war, überragte er uns andere. Er hatte nur einen dünnen Flaum blonder Locken durch den die weißliche Kopfhaut zu sehen war. Roderichs Haut war überhaupt ganz weiß. Wie Milch. Oder Schnee. Seine Augen waren ein wässriges Blau. Seine schmalen Lippen blutleer. Sein Kopf war langgezogen und wirkte irgendwie deformiert. Wie ein in der Mitte eingedrücktes Ei. Seine Gliedmaßen waren außerordentlich dünn und disproportioniert. Die Arme waren zu lang, die Schultern zu schmal, der Bauch vorgewölbt, die Brust eingefallen usw. Nichts passte zusammen. Es war, als hätte ein grausamer Gott die Reste in seiner Menschenmanufaktur zusammengekehrt und zu diesem Wesen zusammengesetzt.
*
Der erste Eindruck, den Roderich in uns erweckte, war ein überwältigendes Gefühl von Ekel. Wir waren Kinder und noch tief in einem primitiv-animalischen Ethos verwurzelt. Ein Ethos, der vorschreibt, Gesundes zu lieben und Krankes zu hassen. Man hatte uns noch nicht genug von den Früchten zivilisatorischer Moral zu kosten gegeben. Und daher verstanden wir auch noch nicht, alle Menschen unbesehen ihrer Eigenarten gleich und von ganzem Herzen zu lieben.
Natürlich stieß uns auch Roderichs Name sofort auf. Komisch klang der in unseren Ohren. Roderich… Was war das? Wir hießen Thomas und Alex und Markus und Steffen und Jan und was nicht alles. Aber Roderich hieß niemand. Der Name klang so falsch wie die Person, die er bezeichnete, aussah. Irgendwie brachte mein Kinderhirn Roderichs Namen mit der Figur des wilden Friederichs aus dem Struwwelpeter in Verbindung. Der Roderich, der Roderich, das war ein arger Wüterich. Aber auch das passte nicht. Roderich war nämlich das Gegenteil eines argen Wüterichs. Er war das geborene Opfer, passiv und wehrlos.
Ich muss Roderichs Eltern an dieser Stelle übrigens in Schutz nehmen. Wie ich später erfuhr, hatten sie ihr Kind nicht aus Boshaftigkeit so genannt. Vielmehr lag ihr Sohn nach einer schweren Geburt im Sterben. Und weil man glaubte, das Kind werde den nächsten Tag nicht erleben, nottaufte man ihn auf den Name des Großvaters väterlicherseits, um jenem damit eine Freude zu machen. Aber Roderich lebte. Und der Name lebte mit ihm. Und Roderich lebte mit dem Namen.
*
Am Tag seiner Einschulung war der Schulhof mit Eltern und Erstklässlern gefüllt. Die ersteren hatten Fotoapparate, die letzteren riesenhafte Schultüten. Obwohl es ein chaotisches Gewühl war, stach Roderich aus der Menge heraus. Weil er, wie gesagt, größer war als die anderen Erstklässler. Und weil seine Eltern nicht da waren. Und weil er eine kurze gelbe Latzhose mit hellblauen Nadelstreifen trug, aus denen seine dürren weißen Beinchen herausschauten. Unbeweglich stand er da mitten im Gewühl. Und betrachtete mit seinen wässrigen Augen den Tumult.
Dann verteilten sich die Erstklässler. Folgten ihren Lehrern in die Klassenräume. Der Schulhof leerte sich allmählich. Auch die Eltern fuhren nach hause. Allein Roderich blieb zurück. Bis eine Lehrerin ihn ansprach.
„Und wer bist du?“
„Roderich.“
„Ist das dein Nachname?“
Roderich schüttelte den Kopf.
„Und in welche Klasse gehst du?“
„In die erste.“
Stirnrunzelnd prüfte die Lehrerin ihre Liste.
„Roderich, Roderich… Hier bist du ja. Warum bist du denn nicht mit der 1c gegangen?“
Roderich sah sie ausdruckslos an.
„Also komm,“ sagte die Lehrerin unwillig. Selbst sie schien sich ein bisschen vor ihm zu ekeln.
*
Wir mochten Roderich nicht. Aber wir quälten ihn auch nicht. Noch nicht. Er war zu fremdartig und abstoßend. Eine Aura von Krankheit und Verfall umgab ihn. Das hielt uns fern. Kinder meiden instinktiv, was ihnen schaden kann. Sie sind selbst noch dem Tod zu nahe. Ihre Leiber sind fragil, ihre Gesundheit brüchig. In ihren Zellen steckt eine Urangst, die sie argwöhnisch macht.
Wir sahen Roderich nur in den Pausen. Er stand in einer Ecke des Schulhofs. Den Ranzen auf dem Rücken. Er aß nie irgendetwas. Vielleicht hatte er keinen Hunger. Vielleicht hatten ihm auch seine Eltern nichts mitgegeben. Manchmal tat er mir leid, wie er da so stand und mit seinen wässrigen Augen in eine Welt hinaussah, die so gar nichts mit ihm zu schaffen haben wollte. Aber ich brachte es auch nicht über mich, zu ihm zu gehen, um Hallo zu sagen. Er war mir einfach zu widerwärtig. Und ich fürchtete den Spott meiner Kameraden. Ich wollte mich nicht mit dem Ruch der Krankheit verunreinigen. Also hielt ich mich fern. Und beobachtete Roderich.
Es gab natürlich nicht viel zu beobachten. Immer stand er am gleichen Platz. Mit dem Ranzen auf dem Rücken. Wie bestellt und nicht abgeholt. Wenn die Sonne schien, glänzte der blonde Flaum auf seinem Kopf. Und ich dachte an das Märchenwort: Haare wie Gold. Prinzessinnen hatten Haare wie Gold. Das sollte schön sein. Roderich aber war hässlich. Das gleißende Blond des Flaums stach sich mit dem madigen Weiß der Kopfhaut.
*
Obwohl wir Größeren uns ihm gegenüber anfangs zurückhielten, entkam Roderich doch nicht den obligatorischen Schulhofhänseleien. Es waren seine Klassenkameraden, die ihn irgendwann zu beleidigen und verspotten begannen. Wie gehässige Zwerge tanzten sie um den bleichen Riesen. Sie gaben ihm einen neuen Namen. Sie nannten ihn Stinkerich.
Das kam daher, dass Roderich tatsächlich stank. Aus dem Mund. Nach Fäulnis. Der stinkt aus dem Mund, wie die Kuh aus dem Arsch. Aber da war noch ein anderer Gestank. Schwer lokalisierbar. Er umgab ihn tatsächlich wie eine diffuse Aura. Es war eine Mischung aus Puder und Exkrement. Der pervertierte Geruch eines Babys.
Weil die Kleinen es uns vormachten, wagten auch wir uns endlich heran. Und lachten Roderich aus.
„Der stinkt ja wirklich!“
„Und wie!“
„Als hätt er sich vollgeschissen.“
Und dann sprang einer von uns vor und klopfte Roderich auf den Hintern.
„Der hat ja ne Windel an,“ jauchzte er.
Der arme Roderich stand nur da und senkte den Kopf vor lauter Scham.
Nun sprangen auch andere hervor. Und berührten Roderichs Hinterteil, um sich zu vergewissern.
„Ne, Windel. Ne, volle Windel!“
„Hosenscheißer!“
Einer ging sogar so weit, Roderichs Latzhose am Bein hochzuziehen. Und tatsächlich wurde die weiße Plastikhüllen einer Windel sichtbar.
„Iiih, der hat sich die Windel vollgeschissen,“ schrien wir nun wie von Sinnen.
„Stinkerich.“
„Hosenscheißer.“
Und wir umtanzten Roderich wie die Teufel in der Hölle die Seelen armer Sünder. Nur, welcher Sünde hatte sich Roderich schuldig gemacht? Ich tanzte und schrie mit den anderen. War nicht besser als sie. Und doch spürte ich währenddessen deutlich in meinem Herzen, das ich eine große Gemeinheit beging. Roderich tat mir leid. Vor allem, weil die Aufsicht habenden Lehrer lange nicht einschritten. Sie standen zusammen auf der anderen Seite des Schulhofs und beobachteten uns. Wenn wir uns unter einander kappelten, waren sie immer schnell zur Stelle. Aber Roderich ließen sie im Stich. Mein Vertrauen in die Autoritäten wurde zutiefst erschüttert und hat sich seither nicht wesentlich erholt.
Die Pausenglocke erlöste Roderich von uns. Er hatte seine Tortur mit eingezogenem Kopf schweigend ertragen.
*
