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Im Alter von fünf Jahren wird Odette Verger in den Taunus verschickt. Nach sechs Wochen kehrt sie traumatisiert zu ihrer Familie zurück. Das Vertrauen in die Menschheit ist grundlegend zerstört. Fortan ist Odettes Leben geprägt von Misstrauen, Angst, Albträumen und Selbstkontrolle. Trotz allem ist ihr Lebenswille ungebrochen. Die Entdeckung von Alkohol und anderen Drogen weist ihr einen Weg, auf dem sie sich unbeschwert und frei von Furcht in einer Gesellschaft bewegen kann, die ihr nicht behagt. Sie beschließt so viel Spaß am Leben zu haben, wie sie kriegen kann. Doch bald beginnt ihr Körper paradox auf ihre Überdosen zu reagieren. Das Eis in dem nicht nur ihre traumatischen Erfahrungen eingefroren sind, beginnt zu schmelzen. Als sie sich in einem Text wiederfindet, den ein Bekannter über seine Jugend verfasst hat, holt sie die Vergangenheit mit aller Gewalt ein. Ihr Leben bricht aus allen Fugen. Es beginnt eine turbulente Zeit, die sie zwingt die Augen zu öffnen und sich einer Erinnerung zu stellen, die sich unaufhaltsam ihren Weg aus dem ewigen Eis zurück in ihr Gedächtnis bahnt.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2020
Nachdem das Eis, in dem sie ihre Kindheit bewahrt hatte, geschmolzen war, begann sie sich zu fragen, was die Ursache für ihre Verwandlung gewesen sein könnte.
Was konnte sie aus dem Getuschel der Mädchen schließen, das durchblicken ließ, dass sie „schon wieder“ die ganze Nacht auf dem Melkschemel verbracht hatte? Wie oft hatte es sich wiederholt, dass sie vom „Pott“ nicht in den Schlafsaal zurückkehrte? Was passierte in den Nächten, an die sie keine Erinnerung mehr hatte? Schlief sie neben der Aufsicht auf dem Holzfußboden? Wenn nicht, wo schlief sie dann? Was hatte die Albträume ausgelöst, die sie über mehrere Jahrzehnte hinweg heimsuchten? Fragen, auf die es keine Antworten gab. Es machte keinen Sinn, sich in Vermutungen zu versteigen.
Fakt war, dass das, was mit ihr im Taunus passierte, nicht darauf zurückzuführen war, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Dass zu einem Bedürfnis wurde, sich von einer Gesellschaft zu distanzieren, von der sie sich bedroht fühlte, war nichts als eine logische Konsequenz. Wie vertrauensvoll konnte man sich in einem System bewegen, in dem Fürsorge hieß, dass Ärzte Traumata verschrieben für deren Kosten Krankenkassen aufkamen.
Misstrauen hatte sie nicht ohne Grund. Sie hätte gerne darauf verzichtet.
Die Geschichte von Odette Verger ist nur eine von Millionen:
Verschickungsheime.de
Cristina Ahnert
Gesellschaftsfreie Zone
oder
Mit Laub und Seele
Roman
© 2020 Cristina Ahnert
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-14482-8
Hardcover: 978-3-347-14483-5
e-Book: 978-3-347-14484-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Personen und die Handlung des vorliegenden Werkes sowie die darin vorkommenden Namen und Dialoge sind sämtlich erfunden und Ausdruck der künstlerischen Freiheit der Autorin. Jede Ähnlichkeit mit realen Begebenheiten, Personen, Namen und Orten wäre rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Prolog
Als ich sechs Jahre alt war, begann ich an meiner Fiktion eines glücklichen Lebens zu arbeiten. Mein fünftes Lebensjahr hatte damit geendet, dass das Personal in einem Verschickungsheim mein Vertrauen systematisch in Furcht verwandelte. Ich war damals noch zu klein, um zu verstehen warum.
Ohne Vertrauen ergab mein bisheriges Leben keinen Sinn. Wenn ich leben wollte, musste ich also Umdenken. Ich konstruierte einen siamesischen Zwilling, der die Public Relation übernahm. Er misstraute allen und ließ niemanden zu mir durch. Dann sorgte er für eine Verkleidung, die meine neugewonnene Verletzlichkeit herausfilterte und vor meinem Umfeld verbarg. Damit blieben nicht nur meine Angst, sondern auch alle anderen irreversiblen Erfahrungen, die ich in dem Landschulheim gemacht hatte, meine ganz persönlichen Geheimnisse, mit denen ich nicht gewillt war, hausieren zu gehen.
Auf Andere wirkte ich fortan nicht nur willensstark, sondern auch unnahbar und sogar arrogant.
Einem PC sehr ähnlich, hatte der Zwilling im Laufe der Zeit immer mehr Macht über mich. Das konnte ich gut zulassen, denn die Fiktion war ja das Einzige, was sich für mich gut anfühlte. Bereitwillig gab ich das Zepter aus der Hand und versteckte mich mit meinen Erfahrungen hinter einer Mauer. Dort ruhten wir in Frieden an einem schönen Ort des Vergessens.
Die Dinge veränderten sich, als auch die Fiktion begann, sich nicht mehr gut anzufühlen. Damit begann der Zwilling, seinen Zweck zu verfehlen und ich wollte hinaus. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellte.
Um mir einen Weg nach draußen zu bahnen, musste ich ziemlich scharfe Geschütze auffahren.
Die Furcht, die mich bisher lediglich gelähmt hatte, wurde mir dabei zu einer großen Hilfe und wir entwickelten uns zu einem ziemlich guten Team. Derweil schlummerten die Erlebnisse aus dem Landschulheim noch immer zufrieden vor sich hin.
Ich machte einen Deal: Die Angst durfte mit `raus unter der Bedingung, dass wir die schlimmsten Erinnerungen zurücklassen würden. Die Rechnung ging für alle auf. So dachten wir und trennten uns einige Jahre später im Guten.
An dieser Stelle möchte ich Elena Ferrante zitieren:
Und sie glaubten, was früher geschehen sei, wäre vorbei, und um in Ruhe leben zu können, ließen sie Gras darüber wachsen, dabei steckten sie doch in diesen Dingen von früher und zogen auch uns mit hinein, und so setzten sie diese Dinge, ohne es zu wissen, fort.
Während ich diese Geschichte schrieb, wurde ich von einer Wut getrieben, die solange blieb, bis ich gewillt war zwischen den Zeilen zu lesen. Mich zu verstehen, war ein langer Prozess. Doch dann wurde mir endlich klar, was der Schmerz mit uns macht, wenn wir unsere emotionale Welt abkoppeln.
Als sich mir meine Wut erklärte, wurde sie zur Trauer.
Odette Verger
Dienstag, 06. November
Eigentlich hatte er die Post gar nicht mitnehmen wollen. Aber als er den dicken DIN-A4-Umschlag aus seinem Briefkasten herausragen sah, wurde er doch neugierig. Er zog das Kuvert aus dem geöffneten Maul des Briefkastens und nahm es mit in die Wohnung. Das Papier war an mehreren Stellen eingerissen und hatte ganz offensichtlich eine lange Reise hinter sich.
Der Absender war in kyrillischen Buchstaben verfasst. Die Stempel auf den Briefmarken kaum zu entziffern.
Auch wenn ihm nur wenig Zeit blieb, bis man ihn auf der Neueröffnung eines Szeneladens erwartete, riss er den Umschlag auf. In seinen Händen hielt er einen gelben Schnellhefter, in den ein Stapel Kopien abgelegt worden war.
Folgender Brief war beigefügt:
Norilsk, am 19.10.2018
Sehr geehrter Herr Carazzo,
durch einen Zufall ist mir Ihr Buch „Klang einer Jugend“ in die Hände geraten.
Sehr gelungen - mein Kompliment!
Zu meinem Erstaunen stolperte ich bei den äußerst amüsanten Schilderungen Ihrer Kindheits- und Jugenderlebnisse über einen Namen, der mir durchaus bekannt ist - Olga Varanski.
In Ihrer Geschichte erscheint sie sozusagen aus dem Nichts, und deshalb ist es mir eine Freude, Ihnen bei der Frage nach ihrer Herkunft ein wenig weiterhelfen zu können.
Ich lernte sie vor vielen Jahren in Russland kennen.
Unsere jeweiligen Lebensumstände hatten uns von der Taiga in die nördlichsten Regionen Sibiriens verschlagen. Es war sehr kalt und es gab kaum einen Tag, an dem nicht jeder einzelne Atemzug deutlich sichtbar war. Der Atem legte sich wie eine kleine Wolke vor jedes Gesicht, so dass es schien, als würden die Gesichtszüge eines Jeden verschwimmen und mit seiner Umgebung zu einer Illusion verschmelzen.
Wie Sie treffend beschrieben haben, handelte es sich bei Frau Varanski um eine hübsche Erscheinung. Auch ich hielt mich gerne in ihrer Nähe auf, ohne jedoch die Hoffnung zu hegen, sie würde mich auch nur eines Blickes würdigen.
Sie können sich meine Verwunderung vorstellen, als sie eines Tages an meine Tür klopfte und um Einlass bat.
Sie war in der letzten Zeit immer blasser geworden und als sie nun vor mir stand, war sie so durchsichtig, dass man sie für ein Gespenst hätte halten können.
Sie ergriff meine Hand, schaute mir ins Gesicht und bat mich, ihre Aufzeichnungen für sie in Verwahrung zunehmen. Dorthin wo sie gehen würde, würden ihr diese keinen Nutzen bringen und da sie nicht wüsste, ob sie jemals wiederkäme, wollte sie ihre Notizen wohl aufgehoben wissen. Mit diesen Worten legte sie ein hellbraunes, in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, lächelte mir zu und verschwand über die Schwelle, von der ich niemals geglaubt hätte, dass Olga Varanski auch nur einen Fuß darüber setzen würde.
Bis zum heutigen Tage ist sie nicht zurückgekehrt.
Um es kurz zu machen:
Beigefügt habe ich den Teil aus ihren Notizen, der über den Ort ihrer Herkunft Vermutungen zulässt.
Darüber hinaus schicke ich Auszüge, die die Zeit beschreiben, in der sie in der Nähe von Hennersbeck lebte. Sie decken sich also mehr oder weniger mit dem Zeitfenster Ihres Buches.
Ich bin mir sicher, es wäre in Olga Varanskis Sinne, dass ich Ihnen die Textteile zukommen lasse, schließlich scheint sie Ihnen ja einmal viel bedeutet zu haben.
Da sie mich gebeten hat, ihre Notizen gut zu verwahren, möchte ich Sie bitten, diese vertraulich zu behandeln. Ich bin mir jedoch sicher, dass sie auch bei Ihnen in guten Händen sein werden.
Hochachtungsvoll
Theodor Torgonjowitsch
Er ließ das Papier sinken.
Es war ewig her, dass er die Kurzgeschichten über seine Jugend geschrieben hatte. Sie waren damals einmal im Monat unter der Rubrik „How to Dorf“ in einer Tageszeitung erschienen. Später hatte ein Studentenverlag die Kurzgeschichten unter dem Namen „Klang einer Jugend“ verlegt und in den Buchhandel gebracht. Das Büchlein wurde wider Erwarten zum Verkaufsschlager. Jung und Alt hatte sich angesichts der unterhaltsamen Erzählungen vor Lachen die Bäuche gehalten. Er war durch das Land gezogen, hatte Lesungen abgehalten und dazu beigetragen, dass sich seine Zuhörer im Anschluss daran, mit einem Lächeln auf ihrer Seele, auf den Heimweg machten. Er hatte die Zeit, in der er auf dem Land in der Nähe von Hennersbeck lebte, á la „Alfred, das Ekel“ in eine amüsante Familienparodie verpackt und ganz nebenbei seine Familiengeschichte verarbeitet.
Dann hatte er begonnen Kunst zu studieren. Ein Studium, das ihn in seinen Bann zog. Um sich von seiner Familie zu distanzieren, hatte er seinen Namen geändert. Die Lust am Schreiben verebbte.
Unter seinem neuen Namen war er mittlerweile als schillernde Gestalt überall in Hannover bekannt wie ein bunter Hund.
Er legte den Brief beiseite.
Olga Varanski hieß eigentlich Odette Verger.
Er war damals sehr verliebt in sie gewesen. Leider war ihre Beziehung nie über ein freundschaftliches Verhältnis hinausgegangen.
Dabei hatte er regelmäßig alles Erdenkliche dafür getan, romantisches Ambiente zu kreieren, das sie in seine Arme hätte treiben sollen.
Bei Kerzenlicht hatte er Odette seine „Augensammlung“ gezeigt. Dabei handelte es sich um große, weiße Murmeln, die er bemalte, so dass sie aussahen wie Glasaugen. Auf einem speziell gefertigten schmalen Regal über seinem Bett, schien seine Sammlung den ganzen Raum im Blick zu haben. Odette war zwar vor Ehrfurcht erstarrt, das hatte er genau gesehen, aber verzückt in seine Arme sank sie dennoch nicht. Nicht einmal dann, als sie sich ein „Auge“ aussuchen durfte.
Daraufhin hatte er seine Strategie geändert.
Ganz ohne Kerzenlicht erzählte er ihr, als er sie spät abends durch den dunklen Wald auf ihrem Heimweg begleitete, gruselige Hugo Hammer Geschichten, die er sich ausdachte, um sie dazu zu bringen, sich zu fürchten. Leider war auch dieser Schachzug nicht von Erfolg gekrönt. Statt sich vor Angst an ihn zu klammern und sich von ihm beschützen zu lassen, hatte sie überhaupt nicht mehr aufgehört zu lachen.
Doch was er auch tat, um eine knisternde Stimmung zu erzeugen, die ihm, dem Helden in der Finsternis, eine schmachtende Jungfrau bescherte, es ließ sie kalt. Bevor er kapitulierte, zauberte er sein letztes Ass aus dem Ärmel und schenkte ihr einen Straßenbegrenzungspfahl. Das zwei Meter lange und mindestens 20 kg schwere Kantholz, auf dem er befestigt war, inklusive.
Keine Chance! Egal, welches Register er zog, der gewünschte Effekt blieb aus.
Sie hatte ihn lediglich belustigt bei seinen Anstrengungen beobachtet und ihn, nachdem er kurz davor war unter der Last seines Geschenkes zusammen zu brechen, darüber aufgeklärt, dass es ein leichtes sei, das Plastikteil mit den Reflektoren von dem Kantholz abzuziehen.
Ohne Holz wog sein Geschenk nur noch wenige Gramm.
Bis zum heutigen Tage wurde er das Gefühl nicht los, dass sie Spaß daran gehabt hatte, ihn unter seiner Last zusammen brechen zu sehen.
Es klingelte an der Tür. Er wurde abgeholt. Keine Zeit mehr, sich noch länger mit Olga Varanskis Leben zu beschäftigen.
Eilig stopfte er den Schnellhefter zurück in den Umschlag und warf ihn auf die Kommode im Flur. Er schaute noch einmal in den Spiegel, um zu überprüfen, ob es sein Lächeln noch immer mit der 60 Watt Birne des Deckenstrahlers aufnehmen konnte.
Er nickte zufrieden und verschwand durch die Haustür, um sich vom Hannoveraner Nachtleben aufsaugen zu lassen.
Durch die Wucht, mit der er die Tür zuschlug, kam der Hefter ins Gleiten.
Auch wenn es sich um einen Schnellhefter handelte, bewegte sich dieser im Zeitlupentempo seitlich zwischen dem Möbel und dem langen Mantel herab, der an der Garderobe hing. Mit einer leichten Drehung orientierte er sich an einer wolligen Falte und kam hinter Carlos hellgrünen Gummistiefeln zu liegen, wo er sich gemütlich anlehnte.
Als Carlo einige Tage später nach Hause zurückkehrte, war die gut versteckte Post aus Russland vorerst in Vergessenheit geraten.
Sonntag, 21.April
Am Morgen erwachte Carlo mit einem trockenen Gegenstand im Mund, der ständig an seinem Gaumen klebte. Im Halbschlaf versuchte er, den vermeintlichen Fremdkörper loszuwerden, der ihn am Atmen hinderte. Er nahm seine Hand zur Hilfe, um das elende Teil aus seinem Mund zu entfernen und stellte fest, dass es sich bei dem, was sich so merkwürdig anfühlte, um seine eigene Zunge handelte, die verzweifelt überall in seiner Mundhöhle nach Feuchtigkeit suchte. Carlo drehte sich auf die Seite und stöhnte auf. Sein Kopf parierte auch die kleinste seiner Bewegungen mit einem bohrenden Kopfschmerz, der sein allmählich erwachendes Bewusstsein mit Wellen von Übelkeit überspülte.
Im Liegen und versuchte er mit der Hand, die Wasserflasche zu ertasten, die neben seinem Bett zu stehen pflegte.
Erleichtert spürte er den Verschluss der Glasflasche, fuhr mit der Hand am Flaschenhals herab und umschloss mit seinen Fingern den gläsernen Korpus. Als er die Flasche anhob, strengte es ihn so sehr an, dass sein Kopf zu bersten schien. Er legte die Wasserflasche neben seinem Gesicht auf die Matratze und öffnete vorsichtig die Augen. Leer! Mist!
Als er schon dachte, dass es um ihn nicht schlechter stehen konnte, veranlasste ein Stöhnen am anderen Ende des Bettes seinen Kopf, sich vorsichtig auf die andere Seite zu drehen.
Bitte nicht, dachte er als er Henriette erkannte. Zu seinem Kater gesellte sich die Scham.
Er versuchte, so viel Kontakt zu seinem Bewusstsein aufzunehmen, dass sich feststellen ließ, in welchen Bekleidungszustand er neben ihr unter der Bettdecke lag. Erleichtert erspürte er seine Hose, seine Strickjacke, Socken. Immerhin. Lediglich die Schuhe fehlten.
Dass er sich nicht um eine ungewollte Schwangerschaft einer schön getrunkenen Bettgenossin Gedanken würde machen müssen, stimmte ihn froh.
„Der Tag fängt besser an, als es im ersten Augenblick den Anschein hatte“, ging es ihm durch den Kopf, während er sich auf die Bettkante rollte.
Er blieb noch einen Moment am Rand sitzen, schloss die Augen und versuchte die latente Übelkeit zu ignorieren, die sich seiner bemächtigte.
So vorsichtig wie möglich, versuchte er sich zu erheben, damit sich die Anstrengung so wenig wie möglich auf seinen pochenden Schädel auswirkte. Doch mit jeder Sekunde, die er dort auf der Bettkante verbrachte, wurde ihm klarer, dass er nicht darum herumkommen würde, sich zu übergeben. Er erhob sich so schnell, wie es ihm möglich war, und eilte ins Badezimmer. Bis zum Klo schaffte er es nicht mehr und kotzte in das Waschbecken.
„Puh, das war knapp“, dachte er, kniete sich vor die Kloschüssel und steckte sich noch einmal den Finger tief in den Hals. Als er nichts mehr erbrechen konnte als Magensäure und gelbe Galle, erhob er sich und wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser. Während er sich abtrocknete und dabei in den Spiegel blickte, versuchte er ein Lächeln, das jedoch bei weitem die 60 Watt Marke verfehlte und an der 25 Watt Hürde der Badezimmerlampe scheiterte.
Auf dem Weg in die Küche stütze er sich an der Garderobe ab und stolperte dabei über seine Gummistiefel, die in Begleitung eines braunen, zerknitterten Umschlages quer durch den Raum flogen. Die Gummistiefel ließ er einfach liegen, wo sie waren, den Umschlag nahm er fast unbewusst in die Hand und legte ihn auf den Küchentisch. Dann setzte er Kaffee auf.
Olga Varanski, ach ja. Die hatte er total vergessen. Das musste an der Nacht mit der Pudelmütze gelegen haben.
Er nahm einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche, die er aus der Speisekammer genommen hatte und setzte sich an den Küchentisch. Vielleicht gelang es ihm mit ihrer Hilfe, seinen beklagenswerten Zustand zu verdrängen und auf andere Gedanken zu kommen. Auch wenn er noch weit davon entfernt war, nüchtern zu sein, versuchte er, sich zu konzentrieren und begann zu lesen.
Am Anfang war das Laub
Die Erinnerungen an mein Leben beginnen in einem Berg von Laub. Trockenes, von der Sonne aufgewärmtes Laub, das unter mir nachgab, mich trug und warm bettete. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es seinen Platz auf der Terrasse für immer behalten können. Für einige Stunden gehörte er mir. Genau bis zu dem Zeitpunkt, als seine Geborgenheit, Schubkarre um Schubkarre, einem gesellschaftlichen Ordnungswahn zum Opfer fiel. Aber lange genug, um diesen tiefen Eindruck in mir zu hinterlassen und zu spüren, dass es auf diesem Planeten bedingungslose Nestwärme gab. Man durfte sich fallenlassen und wurde weich gebettet.
Meine Eltern leiteten mich, ließen mich los, damit ich eigene Schritte gehen lernte und freuten sich an der Begeisterung, mit der ich mein Leben begann. Ich sprudelte über vor Glück, zappelte vor Ungeduld, wusste sehr genau, was ich wollte und wenn ich neue Eindrücke aufsog, konnte ich sehr konzentriert und sehr still sein. Bäume waren mein Dach im Regen, Tiere fanden ihren Weg direkt in mein Herz. Ich wuchs und fühlte mich allem gewachsen.
Im Laufe der Zeit gab es einige Orte, die mein damaliges Gefühl wieder wach riefen: Die ausgewaschenen Wurzeln der glänzenden, grauen Buchen, die mich in ihre starken, fast silbernen Arme nahmen und mir von ihrem Standort aus einen herrlichen Blick über die Felder gewährten. Das hohe gelbe Gras, in dem ich verschwand, um Bucheckern zu essen; die starken, knorrigen Äste der Eichen und natürlich der warme Bauch unseres Schäferhundes, der die gleiche Farbe hatte wie das Gras, in dem ich meine Bucheckern aß.
Schon als ich anderthalb Jahre alt war, schrieb meine Mutter in mein Kinderbuch, dass ich mich zu einer selbstbewussten Dame mit einem starken Willen entwickelt hätte, die gerne, allein auf dem Sofa sitzend, in ihren Illustrierten blättern würde. Es bereitete mir keine Mühe, mich selbst oder auch andere zu unterhalten.
Ich hatte in dem Alter bereits viel Zeit allein bei meinen Großeltern in Dänemark verbracht. Aufenthalte, die ich völlig ohne Heimweh und mit viel Vertrauen in mein Umfeld genoss. Wir verbrachten gern Zeit im Garten und am Strand. Ich vermute, dass meine Liebe zum Meer aus dieser Zeit herrührte, denn am Ende meiner Sommerferien musste meine Großmutter darauf achten, dass ich nicht vollbekleidet ins Wasser lief, weil mich das Meer, sobald ich es erblickte, magisch anzog. Meine Mutter schilderte wie ich mit meinem kleinen, roten Spielzeugtelefon lange Gespräche nach Kopenhagen führte, sobald ich wieder zu Hause war. Es war offensichtlich, dass ich meine Großeltern vermisste.
Einige Jahre später war ich so eigenständig, dass es fast unmöglich wurde, mich von etwas abzubringen, das ich mir vorgenommen hatte. Vielleicht weil sich kaum ein Kind dazu bereit erklärte, meine Phantasien mit mir in die Tat umzusetzen, heckte ich meist allein meine Pläne aus. Meine Eltern erfuhren erst von meinen Abenteuern, wenn ich sie bereits erlebt hatte.
So hatte ich, als ich vier Jahre alt war, mit Sachsband ein Halfter gebunden, war auf die Wiese gegangen und hatte mit der größten Selbstverständlichkeit den Shetland Ponyhengst vom Nachbarn gezäumt und auf den Feldweg geführt. Leider war ich noch so klein, dass ich am Aufsteigen scheiterte. Der Nachbar fing seinen Vierbeiner und mich auf der Straße ab, auf der wir beiden zügig in Richtung Stutenwiese trabten. Weder das Pony noch ich konnten nachvollziehen, warum diesem herrlichen Abenteuer so schnell ein Ende gemacht wurde.
Bauer Albers war sehr ungehalten. Im Gegensatz zu meinen Eltern blieb ich davon unberührt. Ich plante bereits meinen nächsten Coup und buddelte seine Schäferhündin aus ihrem Zwinger aus, auch wenn ich genau wusste, dass das streng verboten war. Man fand mich schlafend, mit dem Daumen im Mund und dem Kopf auf dem warmen Bauch des Hundes, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte bis ich wach wurde. Bauer Albers bekam einen Tobsuchtsanfall, der allerdings nicht verhinderte, dass sein Hund zu uns umzog. Ich konnte nicht verstehen, warum man sich über etwas aufregen konnte, dass sich so gut und so richtig anfühlte.
Es kam jedoch der Tag, an dem er mich endlich am Schlafittchen packen konnte. Ich hatte mein Bötchen auf dem Gülleteich schwimmen lassen. Der Wind hatte es weit hinausgetragen und als ich versuchte, es zu greifen und wieder ans Ufer zu ziehen, fiel ich hinein. Bauer Albers nutzte die Gelegenheit, packte mich an meinem Anorak und rettete mir das Leben. Danach schlossen wir Frieden und ich durfte ihm beim Melken zusehen.
So laut ich sein konnte, wenn ich mich freute, oder wenn ich mit anderen Kindern spielte, so leise konnte ich sein, wenn ich mich zurückzog, um mich auf eines meiner „Projekte“ zu konzentrieren. Meine Streifzüge durch die Natur hatten zwei Gesichter.
Mit meiner Freundin Ilka saß ich stundenlang im Gebüsch und erzählte ihr Geschichten von feinen Damen, deren Bekanntschaft ich in den dänischen Illustrierten meiner Mutter machte. Ich teilte mit ihr die bunte Welt der Erwachsenen und dachte mir jede Menge Unsinn aus, von dem ich glaubte, dass es zum Großwerden dazugehörte. Wie beispielsweise Watte in den Ohren zu haben. Das hatte ich bei Tante Tilda gesehen, ohne zu wissen, dass das mit Ohrenschmerzen verbunden war. Das Mark aus einem Holunderast wurde mit ein wenig Phantasie zu Tante Tildas Ohrenwatte und landete zu Hauf in unseren Gehörgängen, wo es einige Tage später auf sehr schmerzhafte Art und Weise von einem Ohrenarzt wieder entfernt wurde. Die Vogelbeeren, die ich gegessen haben sollte, weil ich keine Kirschen fand, hätten ihren Weg nach draußen, durch einen widerlichen, orangefarbenen Gummischlauch gefunden, den man mich zu schlucken nötigte, damit ich mich nicht vergiftete. Wenn ich sie tatsächlich gegessen hätte. Die Welt der Erwachsenen begann ein Geschmäckle zu entwickeln.
Um in die Natur einzutauchen, blieb ich allein. Ohne Ilka oder andere Spielkameraden gelang es mir, so lange bewegungslos und leise zu sein, dass die Mäuse, die ich im Knick beobachtete, begannen zwischen meinen Schuhen fangen zu spielen. War ich in Begleitung, gelang das nie.
Wie mir meine Eltern erzählten, waren mir Ängste als Kleinkind völlig fremd. Im Alter von drei Jahren war ich im Stockfinsteren ganz allein den Feldweg heruntergegangen, um mein Dreirad zu holen, das ich am Wegesrand vergessen hatte. Als meine Mutter anbot, mich zu begleiten, weil ihr bei dem Gedanken, mich allein in die Nacht hinauszuschicken, mulmiger zumute gewesen war als mir, lehnte ich ab. NACHT war ganz offensichtlich nichts, wovor ich mich fürchtete. Ohne dass ich sie bemerkte, folgte sie mir in sicherem Abstand und beobachtete, wie meine kleine, dunkle Gestalt den hellen Sandweg herunterbummelte, das Dreirad bestieg und nach Hause fuhr.
Auch Gründe mich zu trösten, gab es kaum. Ich weinte im Grunde nur, wenn ich meinen eingeschlagenen Weg nicht zu Ende gehen durfte. Als ich mir im Alter von zwei Jahren das Knie aufschlug und das Blut an meinem Bein herablief, ging ich zu meiner Mutter und sagte: „Guck mal Mami, meine Saft läuft raus!“
Der Wille, mit dem ich anstrebte, etwas genauso zu tun, wie ich es mir vorstellte, war kaum zu brechen und da es damals keine Möglichkeiten gab, meinen Tatendrang und Wissensdurst mit Hilfe von Psychopharmaka in kontrollierte Bahnen zu lenken, war meine Mutter verständlicherweise besorgt. Dem Kinderarzt, der ihr empfahl, mich zu „verschicken“, damit sie zur Ruhe kam und ich ein paar Pfunde zulegte, war nicht klar, dass genau 1000 Gramm reichen würden, um mein Leben völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Ich wurde verpackt und in den Zug gesetzt. Eine nicht enden wollende Bahnfahrt, deren Endstation ich mit Neugierde erwartete. Von Kiel in den Taunus. Abgestempelt wurde ich dann dort.
Untergebracht waren wir in einem großen beigefarbenen Gebäude. Wir, das hieß etwa fünfzig Jungen und Mädchen im Alter von acht bis fünfzehn. Ich fiel mit meinen fünf Jahren ein wenig aus dem Rahmen. Einige Wochen später durfte ich allerdings im „Landschulheim“ meinen sechsten Geburtstag feiern.
Die Jungen wohnten auf der ersten Etage, die Mädchen in der zweiten. Zuerst teilte ich mir ein Zimmer mit fünfzehn anderen Mädchen, wurde aber im Laufe der kommenden sechs Wochen meines Aufenthaltes mehrfach umquartiert. Wenn neue Gruppen eintrafen und der Bettenplan geändert werden musste, damit befreundete Mädchen in einem Zimmer schlafen konnten, musste ich umziehen.
Der Tag war streng strukturiert: morgens gab es ein gemeinsames Frühstück, anschließend einen Spaziergang durch die angrenzenden Wälder. Diese Wanderungen waren die einzige Möglichkeit, mich von der Gruppe zu entfernen, und unter dem Vorwand Pilze zu suchen, allein durch das Unterholz zu pirschen.
Zu Pilzen habe ich auch heute noch ein ganz besonderes Verhältnis.
Zum Landschulheim zurückgekehrt, durften wir noch eine Weile auf einem eingezäunten Hofgelände spielen. Von dort rief man uns in den Speisesaal ab, wo wir gemeinsam zu Mittag aßen und es auch schon mal gemeinsam wieder ausspuckten. Nach dem Essen gab es unausweichlich eine Mittagsstunde, die wiederum im Speisesaal mit Tee oder Caro Kaffee beendet wurde. Im Anschluss an das Heißgetränk spazierten wir noch einmal in der Gruppe durch den Taunus und aßen dann gemeinsam zu Abend. Auf das Abendessen folgten eine kurze Freizeit und eine Zeckenkontrolle. Daraufhin schickte man uns ins Bett.
