Gesicht zur Wand - Hans-Gerd Pyka - E-Book

Gesicht zur Wand E-Book

Hans-Gerd Pyka

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Beschreibung

Schon als Jugendlicher in den 1970er Jahren gerät Bodo Lederer in Konflikt mit der DDR-Obrigkeit. Trotz guter schulischer Leistungen wird ihm der Zugang zur Erweiterten Oberschule verwehrt und auch als Ringkämpfer werden ihm zunehmend Steine in den Weg gelegt. Für die Verweigerung des Wehr- und Ersatzdienstes wird er zu einer Freiheitsstrafe von achtzehn Monaten verurteilt. Im Gefängnis reift in ihm der Entschluss, das Land zu verlassen. Zusammen mit seinem Freund Vierkant ersinnt er einen Plan ... In »Gesicht zur Wand« erzählt Hans-Gerd Pyka die bewegende Geschichte einer Flucht aus der DDR und eines steinigen Neuanfangs im Westen. Für seine Arbeit an dem Roman erhielt der Autor ein Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste und ein Arbeitsstipendium für Literatur des Künstlerhauses Ahrenshoop. »Pyka ist ein magischer Erzähler, und wie jeder vernünftige Magier weiß er, dass er in der Realität zu beginnen hat.« (Johannes Groschupf)

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Seitenzahl: 1034

Veröffentlichungsjahr: 2024

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inhalt

Cover

Intro

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Abspann

Hans-Gerd Pyka

Gesicht zur Wand

Roman

DREIVIERTELHAUS

für Annette

1. Kapitel

Frühjahr 1960 zwischen Botenick und Flossendorf.

Martha Lederer humpelte die Chaussee entlang. Dunkel war’s, die Straße leer, das Kopfsteinpflaster kalt. Sie hatte sich die Schuhe ausgezogen. Wenn man die halbe Nacht tanzt, wild, hat man’s nachher an den Füßen. Hätte sie mal das Angebot des Brigadiers nicht ausgeschlagen: »Wolln Se mit nach Flossendorf? Kann noch nen Sozius gebrauchen.«

Aber sie erbrach sich gegen das Motorrad und den Mast der fdj. Jemand lachte, weil da noch der Lappen dranhing und im Sozialismus der Fahnenmast heiliger war als der Weihnachtsbaum. Hätte sie mal auf ihre Freundin gehört: »Kannst hinterm Ausschank übernachten.«

Sie humpelte der Mondsichel entgegen, hatte keine Angst, auch nach zwei Kilometern nicht.

»Warum ausgerechnet mich?«, antwortete sie immer, wenn die Mutter warnte: »Geh nicht die Chaussee nach Flossendorf, wo die Büsche Hände haben!«

So eine Hand hätte sie gebissen, wenn’s hätte sein müssen. Dann passierte alles sehr schnell. Aus dem Scheinwerferlicht wurde ein Auto, aus dem Auto ein Wartburg, aus dem Unbekannten Herr Muskat, aus dem Sitz ein Bett und aus ihrem »Nein« schließlich –am 23. Dezember 1960 – Bodo Lederer.

Das Kind hatte die braunen Augen der Mutter und die hohe Stirn des Vaters, den er nur zweimal gesehen hat. Das erste Mal mit vier Jahren, als jemand im Wartburg vorbeiraste, die Pfütze spritzte und Herr Klump aus der Meierei ihm verriet: »Das war dein Vater.«

Das zweite Mal im Trabant. Da wusste Bodo schon: Das isser!

Der Vater hielt nicht an, auch beim Russendenkmal nicht, als zufällig die große Blumenvase umkippte. Bodo dachte: Der kann nicht anders, weil er keine Bremse hat wie andere kein Benzin.

Von Beruf war der Vater Gartenbauingenieur, wohnte gelegentlich im Nachbardorf Teutz und hatte von Karlshorst bis Buch den Rasen unter sich.

Die Hebamme, hat man ihm berichtet, staunte über Bodos große Hände und rief: »Kapitalistchen!«

Sie konnte in der Windel die Zukunft lesen und sagte dem Baby eine düstere voraus. Ja, Bodo war nicht ihr Lieblingskind, sonst aber schien alles und jedes diesen kräftigen, gesunden Jungen zu mögen: der helle Stationssaal mit den weißen Kacheln, der lächelnde Ulbricht über der Tür, der hüpfende Reisigbesen und die lustige Schleife überm Hintern der Kinderärztin.

»Du hast nicht einmal geweint«, hatte die Mutter ihm erzählt.

All das sah Bodo im fünften Lebensjahr wieder, als er noch einmal im Krankenhaus lag, mit Verdacht auf Typhus. Weihnachten und Silvester. Das war eine tolle Zeit im Weißen Krankenhaus von Demmin. Typhus hatte der Junge nicht, wie sich herausstellte. Den bekam die Großmutter, die sich davon aber schnell erholte.

In der Schule schrieb Bodo einen Aufsatz, der mit einer Drei bewertet wurde: »Die nächstgrößere Stadt in der Nähe von Flossendorf, wo ich aufwachse, heißt Demmin, und die liegt im Bezirk Neubrandenburg. Ist eine schöne, kleine Stadt, die schönste, die es überhaupt gibt. In Demmin bin ich auch geboren, im Krankenhaus. Wir haben zwei, das rote und das weiße. Das hat mit den Farben zu tun. Das weiße war eigentlich die Ulanenkaserne. Daraus wurde dann das Haus für Geburten und für ansteckende Krankheiten, also genau richtig für mich.«

Seine Mutter ist sechstausend Tage alt gewesen, als Bodo einen Tag alt war, rechnete der Schuster ihm mal vor. Die Mutter lernte den Beruf der Weberin in Sachsen, wohin sie nach Bodos Geburt wieder zurückging, sodass der Junge von Anfang an bei seiner Großmutter aufwuchs, die ihm die Mutter ersetzte. Bodo hat seine Großmutter, wie die Stasi es später formulierte, »als Quasimutter akzeptiert und geliebt«.

Die Mutter kam alle paar Monate und immer in der vierten Dezemberwoche nach Flossendorf. Sie brachte Geschenke mit, und der Junge trug lange Zeit die Vorstellung mit sich herum, dass der Weihnachtsmann eine Frau hätte, die seine Mutter wäre. Als Sohn seiner Mutter war Bodo also mit dem Weihnachtsmann verwandt, war ein Weihnachtsmannkind oder »Weihkind«. Hocherfreut sprang Bodo 1965 um den geschmückten Baum herum: »Ich bin ein Weihkind, bin ein Weihkind!«

Die Mutter verstand »Weinkind«, nahm den Jungen in die Arme und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das Bodo bis heute nicht vergessen hat: »Wer weint, verliert sein Lachen. Wer lacht, verliert sein Weinen. Pass immer gut auf, dass du beides nicht verlierst.«

Die Mutter war für Bodo eigentlich eine liebe Tante, die er »Mara« rief, ein Name, der hinterm Tannenbaum wie »Mama« klingen konnte. Zur Großmutter sagte er »Mamu«, auch noch, als er erwachsen und dem Kindermund eine Rockerlippe gewachsen war. Sich selbst nannte Bodo zur Kindergartenzeit manchmal aus unerfindlichen Gründen »Walter«, was die Großmutter nicht hören durfte, denn sie hatte etwas gegen Ulbricht.

Die Großmutter bewohnte in Flossendorf ein kleines Bauernhaus, das neben der evangelischen Kirche stand, wo die Großmutter zum Gottesdienst ging, nicht immer, aber oft. Wenn sie aber in ihrer Stube blieb, brummte sie: »Man hält den lieben Gott nicht aus, wenn der Pfarrer spricht.«

Das Haus grenzte mit seinem Hof an die Friedhofsmauer. Es war strohgedeckt, man nannte es das Schnitterhaus. Schnitter hießen auch die Vertragsarbeiter aus Polen, die bei der Ernte halfen. Wenn sie mit blitzenden Sensen über den heißen Acker spazierten, bewarfen die Flossendorfer Jungs sie mit faulen Kastanien. Vor dem Krieg besaß die Großmutter einen Bauernhof in der Nähe von Krakau. Sie verfluchte das Jahr 33, als Hitlers Rede im Volksempfänger flammte und der Großvater im eisigen Stall, wo der Kot im Hintern gefror, bei einem kranken Gaul Wache hielt, schließlich an Lungenentzündung starb.

»Krakau, meine schöne Insel, bis die Haie anrückten und dem Hitler die Flosse hoben«, sagte die Großmutter, als Bodo in der Schule Fotos vom Zweiten Weltkrieg gesehen hatte und zu Hause davon erzählte. Der Krieg vertrieb aus Krakau erst die Nachtigallen, dann die Amseln, schließlich die Großmutter und ihre sechs Kinder. Das Pferd, das im Frühjahr 45 den Kistenkarren Richtung Sachsen zog, hieß Napoleon. Als es abgeschossen wurde, gab’s drei Wochen lang fettige Suppe, bis der Suppentopf zerschossen wurde.

Bodo spielte die Flucht aus Schlesien, wie er sie sich vorstellte, in seiner Lieblingsecke nach: auf der Friedhofsseite der Kirchmauer, zwischen dem Grab des einäugigen Majors Holzenbring, gestorben am 14.11.1914, und dem Kletterbaum, dessen Hanfseil Bodo so oft erneuerte, bis der Pfarrer aufgab, es abzuschneiden. Die Großmutter war bei diesem Kinderspiel ein muffiges, flaumfedriges Meisennest. Ihre sechs Kinder: Mausgewölle. Von links, von Osten also, kamen die Russen: Ziegelsteinstücke, über fünfzig und messerscharf. An den Seiten, in den Graben rollend: Eierkohlen, also Hungerbäuche. Über allem Unglück: der Schatten der Deutschen Eiche.

Die armseligen Umstände, unter denen sie im Februar 46 von Sachsen nach Flossendorf kamen, um in das Haus ihrer verstorbenen Schwester zu ziehen, hatte die Großmutter ihrem Bodo mehrmals erzählt, wenn sie ihre offenen Beine mit einer Tinktur einrieb, die sie beim Förster gegen Himbeermarmelade oder gegen selbst angesetzten Apfelwein tauschte.

Bevor sie berentet wurde, hatte die Großmutter als Bäuerin in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft des Typs 1 gearbeitet, später in einer lpg des Typs 2 und viel später in einer des Typs 3. »Beim ersten wird einem das Erdbeerbeet unter den Füßen weggenommen, beim zweiten dazu die Hacke und beim dritten der Pisspott und der Wohnstubenschrank« , so hatte sie es ihrem Bodo einmal erklärt.

Dennoch schaffte sie es, nebenbei einen Acker, die Ställe und das alte Haus zu bewirtschaften, dessen Strohdach gegen Osten schimmelte und gegen Westen mit Blechen verhunzt war, die zu ersetzen die Großmutter im Laufe dreier Jahre siebenundzwanzig Glas Quittengelee kostete. Bis zur Verplombung der Haustür durch die Stasi wurden ein Deckenbalken und zwei Fenster im Tausch gegen vier Liter Blaubeermarmelade und ein Fass Rumobst ausgewechselt. Einmal, im Winter, als sie vor dem Kamin Karten spielten und die Küchenbalken knackten, hielt die Großmutter das Pik-As vor die Lippen und flüsterte: »Horch! Die Bude häutet sich.«

»Wie eine Schlange«, sagte Bodo, und die Großmutter: »Wie unsere Genossen nach der Wahl. Der Kern bleibt derselbe.«

In den beiden Ställen stand Viehzeug: zwei Kühe, Schweine, ein Bulle mit einem abgebrochenen Horn, Schafe, Ziegen, Hühner, nicht immer alles gleichzeitig, sondern im Laufe der Jahre wechselnd. Die Großmutter galt als unvermögend, jedenfalls im Vergleich zu ihren Kindern, die in den Westen ausgewandert waren, bevor Mauer und Stacheldraht sie daran hätten hindern können. Bis auf Martha gingen alle rüber. Martha blieb nur deshalb bei ihrer Mutter, weil sie die jüngste war. Acht Jahre betrug der Abstand zur nächstälteren Schwester Elfriede, die nach Bremen zog, zehn Jahre zu Ewald, der in Düsseldorf Karriere machte, elf zu Robert, der erst in Kassel, dann in Hamburg lebte, dreizehn zu Amalie, die nach Alberta, Kanada, ging, vierzehn zu Paul, der in Hannover reich wurde.

Großmutter und Martha hatten nicht damit gerechnet, dass es Richtung Ratzeburg, Lübeck und Malente, wo Verwandte des Großvaters lebten, irgendwann mal einen Todesstreifen geben würde. Was Bodo von seinen Onkeln und Tanten blieb, waren Briefe und Postkarten aus aller Welt und Pakete, die zu allen Zeiten ankamen, nicht nur zu Ostern und zu Weihnachten. Die Verwandten im Westen versorgten ihre Zurückgebliebenen mit Lebensmitteln und alltäglichen Dingen in solcher Menge, dass der Postbote an manchen Tagen zweimal kommen musste. Das war eine gute Hilfe, zumal der Großmutter nur siebenundzwanzig Mark Rente zustanden. Hinzu kamen allerdings das Kindergeld für ihren Enkel und fünfzig bis hundert Mark, die Martha monatlich aus Sachsen schickte. Ein Arbeiter, der eine Familie zu versorgen hatte, verdiente damals zwischen vierhundertfünfzig und fünfhundert Mark.

Bodo war den Umgang mit Westwaren gewohnt. Einmal, als er von der Großmutter zum Konsum geschickt worden war, um eine Creme zu kaufen, hatte er den Namen vergessen, wusste sich aber zu helfen, indem er eine Dose beschrieb, die er kannte. Prompt platzte der Verkäuferin der Kragen: »Das darfst du doch nicht sagen, das ist die Nivea aus dem Westen!«

Die Großmutter verdiente mit ihrem Garten einiges dazu. Sie versorgte Kindergarten und Kinderkrippe mit Obst und Gemüse, im Herbst lieferte sie geröstete Haselnüsse, im Winter eingeweckte Himbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren und Kirschen. Sie kombinierte auch Holunder mit Brennesselblättern. Ihre aromatischen »Glas-Birnen« ließ sie vom Milchmann abholen und auf dem Wochenmarkt in Demmin verkaufen. Wenn sie wochentags Hühner schlachtete, dann in der Regel zwei, drei mehr für die Schulküche. Einen Knecht zu beschäftigen, konnte sie sich nicht leisten. Die Bauern halfen sich aber untereinander, auch mit landwirtschaftlichen Maschinen. Jemand fuhr für die Großmutter einen Schwadmäher oder einen Mähbalken und bekam dafür Hackholz vor die Tür gestellt. Auch Schweine brauchte die Großmutter nicht selbst schlachten, das erledigte der Nachbarsbauer. Dafür durfte er sich ein paar Flaschen Obstwein mitnehmen. Die Großmutter kelterte viel Wein, dunklen, schweren – dafür war sie berühmt. In dem Jahr, als die Stasi den Jungen aus Flossendorf abholte, stand der Kartoffelkeller voller Flaschen.

Es gab im Dorf keine Tür, die verschlossen war, jedenfalls keine Tür eines Bauern. Kam der Briefträger, rief er: »Dach ooch.«

Dann ging er einfach ins Haus und legte, was er zu bringen hatte, auf den Küchentisch. Die Küche war das erste Zimmer, in das man gelangte; es gab keinen Flur. Da saß nun die Großmutter auf ihrem weißen Holzstuhl, dessen Farbe abblätterte und in dessen Lehne ein handgroßes Herz gesägt war, stellte den Emailletopf mit den Brechbohnen vom Schoß auf den Tisch, wischte sich die Hände an dem karierten Lappen, den sie immer bei sich liegen hatte, und sagte auf Plattdeutsch: »Möchte Gustl Brief vielleicht ein Gläschen Nix?«

Der Briefträger ließ sich auf den schmalen Hocker fallen, stellte die Posttasche daneben, legte die Mütze ab und antwortete ebenfalls auf Platt: »Ist verboten, ein Gläschen Nix.«

Die Großmutter erhob sich, wobei ihr etwas auf den Boden fiel, ein paar Brechbohnenstängel oder das Messer, bückte sich danach, schob ihr dunkelblaues Kopftuch von der Stirn und stöhnte: »Ooch, meine …« Sie meinte ihre schmerzenden Beine, sprach das Wort aber nicht aus.

»Heut ist’s das dritte.« Die Großmutter hatte nämlich vier davon. Das erste war das linke, und hier die Vorderseite, das zweite die Vorderseite des rechten, das dritte die Rückseite des linken und das vierte die Rückseite des rechten. Der Postbote kannte die Besonderheit längst und blickte, wenn die Großmutter »das dritte« sagte, auf die kartoffelknollige, bestrumpfte und mit einer Binde umwickelte Wade des linken Beines und sagte etwas Tröstendes, worauf die Großmutter antwortete: »Ja, der Kriech kriecht mir immer noch hinterher.«

Dann schlurfte die Großmutter über den Klinkersteinfußboden zum Küchenschrank, nahm zwei leere Senfgläser heraus, stellte eins dem Postboten vor die Finger, die er immer wie zum Gebet auf der Wachsdecke ablegte, schlurfte noch einmal zum Schrank und kam mit einer angefangenen Flasche zurück, die mit einem Einweck-Etikett verziert war, auf dem etwas Handgeschriebenes stand: »Brombeer 63.«

»Viel Papier?«, fragte sie, während sie einschenkte, und der Postbote antwortete: »Zu viel Partei.«

»Ja, die Partei hat immer Pech. Müssen viel lesen, die Genossen, und werden nicht schlau. Ich habe, Gustl Brief« – die Großmutter sah den Boten mit ihren dunkelbraunen Augen an, als müsse sie sich vergewissern, ob ihm immer noch zu trauen war – »ich habe mir geschworen, meinem Bodo Lesen beizubringen, wie ich’s kenne. Mit vier Augen. Zwei für die Partei und zwei fürdas Eigentliche.«

Gläserklingen in der Küche und das Gebrüll einer Kuh gleich hinterher. Die Großmutter nahm ihren Topf, drückte ihn in die Hüfte, schlurfte am Postboten vorbei durch die Tür, die direkt in den Stall führte, wo rechts zwei Kühe glotzten und links die Pumpe stand. Hier stellte sie den Topf auf den Eisenrost und drückte die schwere Stange auf und ab, bis sich ein Schwall kalten Wassers in den Topf ergoss.

»Ich hab was Kapitales«, rief der Bote aus der Küche.

Als die Großmutter zurück war, lag ein kleines, graubraunes, mit einer groben Kordel verschnürtes und mit schön geschwungenen Buchstaben beschriftetes Paket auf dem Wachstuch. Adressiert an Bodo Lederer, Hausnummer 14, Flossendorf bei Demmin, Deutsche Demokratische Republik. Dazu drei weitere Worte: »Geschenksendung. Keine Handelsware.« Und ein Ausrufungszeichen.

Die Großmutter schaute beiläufig drauf, stellte den Topf auf den Herd und murmelte: »Paul stößt wieder was ab, und wir fangen es auf.«

Der Postbote guckte in sein Glas.

»Passen Sie gut auf, Frau Lederer, dass die nicht mal was nachBerlin ablenken!«

Die Großmutter wischte sich die Hände an der buntgeblümten Kittelschürze. »Nicht, solange Gustl Brief die Klappe hält.«

»Ich bin ganz unten«, flüsterte der Postbote, als müsste er befürchten, dass das Vieh mithörte.

»Besser als ganz oben«, sagte die Großmutter, nahm eine Schere aus der Küchentischschublade und schnitt die Kordel auf.

»Dann hätte ich eine Dreiraumwohnung«, sagte der Postbote. »Und keinen Wein von Lederer«, sagte die Großmutter.

Der Postbote bückte sich zur Tasche und zog mit seinen schnellen Kneifzangenfingern einen kleinen, dünnen Brief heraus. Die Großmutter warf einen flüchtigen Blick drauf.

»Karl-Marx-Stadt.«

Die Großmutter kippte das Paket an, faltete das Packpapier auf.

»Auch wenn meine Martha in Chemnitz wohnt, kommt mir der Marx nicht ins Haus!«

Der Postbote schüttelte den Kopf, es sah aus, als schmeckte ihm der Wein nicht mehr.

* * *

»Gesicht zur Wand!«

Damals, als ich klein war, musste ich eine Art Stützkorsett tragen. Wegen meiner O-Beine oder weiß der Deiwel warum. Ich weiß auch noch, dass ich Strumpfhosen anziehen musste. Durch das Korsett rissen die immer ein. Das sind nämlich Metallschienen gewesen. Meine Oma hat sich das ein paar Wochen angeguckt, dann hat sie gesagt: »Nee, gib ab, das Ding.«

Sie sind trotzdem gerade geworden, meine Beine. Damals gab es nicht so viele farbenfrohe Sachen. Ich hatte zwei kurze graublaue Hosen, aus Wolle waren die, mit Hosenträger und Knöppen. Und eben jene grauen Strumpfhosen oder dunkelblaue. Ich sah immer ganz geschlossen aus. Oma hat das alles selber gestrickt. Einen Pullover werde ich nie vergessen, der kratzte. Hab ich den gehasst! Der war spinatgrün und sonnenblumengelb, drei bis vier Zentimeter breite Streifen.

* * *

»Bo-mein!«

Die hintere Küchentür ging auf, gab den Blick zur dunklen Diele frei. Dort stand ein Junge, vier Jahre ungefähr, den Daumen seiner rechten Hand im Mund, blonde Locken, o-beinig in grauen Strumpfhosen, die Augen auf den Postboten gerichtet. »Nimm’s raus!«, ermahnte die Großmutter. Der Junge zog seinen Daumen aus dem Mund, zog einen Flunsch, schaute zornig drein.

»Sag Gustl Brief guten Tag!«, ermahnte die Großmutter, ohne den Jungen weiter zu beachten. Sie hatte das Paket inzwischen geöffnet, las einen winzigen Zettel, brummelte etwas Unverständliches. Der Junge hatte ein breites und erstaunlich grobes Gesicht, eine kräftige Nase und eine hohe Stirn. Seine schönen braunen Augen waren weit aufgerissen wie die seines Kätzchens, das er mit der linken Hand so kräftig am Nacken festhielt, dass es beinahe leblos wie ein Teddy in der Luft hing. Statt den Mann zu begrüßen, sagte Bodo: »Pipi.«

Die Großmutter drehte ihren Kopf, sah das Malheur in seiner Hose, stand von ihrem Stuhl auf, rieb ihr drittes Bein und schnappte sich den Jungen, der augenblicklich das Kätzchen losließ, das miaute und benommen in die Dämmerung der Diele zurückhüpfte.

* * *

»Gesicht zur Wand!«

Das Klo war nicht im Haus. Dahin musstest du über den Hof und ungefähr fünfzehn Meter die Friedhofsmauer entlanggehen. Hier stand das Plumpsklo neben dem Misthaufen. Außerdem die Scheune. Mich hat’s nicht gestört, ich fand’s nur amüsant, wenn wir Besuch aus Rostock hatten, eine Freundin meiner Oma und Verwandtschaft. Wenn die nachts aufs Klo mussten, haben die sich nicht getraut. Du hattest aber keine andere Chance, um dahin zu kommen. Wir hatten eine kleine Funzel und eine weiße Glocke draußen dran. Die Glocke hast du geläutet, wenn du musstest, und wenn meine Oma drauf saß, hat sie zurückgerufen: »Hab’s noch!«

Im Klo selber konntest du kein Licht einschalten. Das war nur eine Holzhütte mit Loch. Jauchegrube, Misthaufen, Plumpsklo, alles beieinander. Dass das gleich runterplatschte in die Grube, war normal. Alle Jahre kam dieser olle Äppelpflücker, hat das Ding leergepumpt und die Scheiße auf den Acker gebracht. Irgendwann, weiß ich noch, als der Typ 2 aufgelöst wurde und Typ 3 an der Tagesordnung war, da durften wir auch kein Vieh mehr halten außer zum Eigenbedarf, und der war ganz schön begrenzt. Da kam auch der Äppelpflücker nicht mehr und wir mussten in einen Eimer scheißen, bis er voll war, und den dann durchs Dorf tragen bis neben den Gemeinschaftsmisthaufen, denn irgendwann kannst du’s zu Hause nicht mehr einbuddeln, weil sonst der ganze Hof voll davon gewesen wäre. Also hatte jeder in seinem Klo in einer Ecke einen Lederhandschuh, der schon steif war, den man sich überzog und damit den Henkel die Straße entlang trug, um die Scheiße am anderen Ende des Dorfes abzukippen. Der Lederhandschuh verschwand dann wieder in der Ecke. Bei uns beiden, wir waren ja bloß zu zweit, mit dem Zehnlitereimer, da hast du eine Woche zu tun gehabt, bis der voll war. Der hatte Löcher, damit das Dünne ablief, das andere blieb drin. Manchmal hat man abends einen getroffen, der auch gerade seinen Eimer weggebracht hat oder beim Abkippen am Misthaufen war. Das war bei unserem Zuchtstall, dem lpg-Zuchtstall für Schweine. Da stand auch ein Jungbullenstall und oben drüber befand sich die Kornkammer, wo das ganze Futtergetreide für das Dorf gelagert war. Jeder Bauer, der immer noch Hühner hatte, bekam beim Abgeben der Eier so und so viel Kontingent, oder man bekam Marken, womit man sich, wenn man so und so viel zusammen hatte, einen Zentner Weizen abholen durfte und nichts weiter dazu bezahlen brauchte. Aber man musste eben Eier abliefern. Später haben wir den Weizen bezahlen müssen. Wenn du das nicht wolltest, hast du das Getreide nicht gekriegt, aber das war eine Frage der Beziehungen.

* * *

Die Großmutter kehrte in die Küche zurück, mit dem Jungen vor sich, der nun die kurze Lederhose trug, die im Jahr zuvor aus Düsseldorf gekommen war. Der Postbote war eingenickt, zuckte nun zusammen, als hätte ihn ein Vorgesetzter ertappt. Der Junge entdeckte das offene Paket, riss sich von der Hand über seinem Kopf los, lief zum Tisch und stöberte im Papier. Die Großmutter nahm ein Einweckglas voll Himbeeren vom Regal, wo sie zu Dutzenden die weiß getünchte Wand rot anleuchteten, und reichte es dem Postboten mit den Worten: »Damit Gustl Brief mir keine Luftsprünge macht.«

Der Mann nahm das Glas mit einer blitzschnellen Bewegung an sich und ließ es in seiner Tasche unter den noch zu verteilenden Briefen verschwinden.

»Räuber!«, rief der Junge, der Postbote zuckte schon wieder, doch Bodo meinte das Plastikauto, das er aus dem Papier genommen hatte und mit dem er nun spielte.

Der Postbote verabschiedete sich, die Großmutter brühte eine Tasse Kaffee aus Hamburg auf, während Bodo auf dem Steinfußboden die Geräusche eines Autos von sich gab. Dann setzte die Großmutter sich wieder, lehnte sich zurück, drückte mit derselben Handbewegung, mit der sie Wäscheklammern steckte, ihre Lesebrille auf die Nase, nahm den Brief aus Chemnitz an sich und las halblaut: »Liebe Mama, lieber Bo-mein!«

Sie wiederholte: »Lieber Bo-mein!« und sah zu dem Jungen runter.

»Hörst du! Martha hat geschrieben!«

Dann las sie vor: »Ich wäre jetzt gerne bei Euch. Aber die Juckelei mit der Reichsbahn, das ist mir zu lange, und Urlaub habe ich auch kaum noch. Nun reisen meine Gedanken zu Euch, mit dem Sputnik sogar. Was hat denn mein lieber Bo-mein in der Woche gegessen? Auch mal einen Apfel? Hier esse ich keine, weil die bitter schmecken. Aber die Flo-Dorfer, die sind ja süß. In Sachsen …«

Die Großmutter las nun stumm weiter, dann sagte sie:

»Aber das versteht mein lieber Bo-mein noch nicht. Die Zustände.«

Die Großmutter schwieg wieder und machte ein besorgtes Gesicht. Am Ende des Briefes vergaß sie sogar, den lieben Bo-mein von seiner Martha zu küssen.

* * *

»Gesicht zur Wand!«

Da habe ich mit einer Reaktion von der Armee gerechnet. Ich habe mir gedacht: Na gut, wartest du drauf, was kommt. Aber es kam nichts. Und dann … Ich hatte Geburtstag, war 18, bekam die englische Lederjacke geschenkt, Marlen wollte nicht verraten, wo sie das Wunder herhatte, fast wie neu. Marlen hatte Fieber, tat mir leid. Wir blieben ein paar Stunden zusammen, in ihrem Zimmer, sie sagte, dass ich doch von meinem Tag nichts gehabt hätte. Ihre Mutter brachte uns einen Kuchen rein, ihr Vater ließ sich nicht blicken, gratulierte mir nicht einmal. Marlen legte sich ins Bett, sie wollte unbedingt, dass ich zu meinen Freunden gehe. Ich sagte: »Kommt nicht in Frage.«

Sie sagte: »Das ist doch kein schöner Geburtstag, mit einer kranken Marlen.«

Ich sagte: »Du siehst trotzdem zum Anbeißen aus.«

Sie heulte, und dann wollte sie mit mir ein bisschen … was ich nicht wollte, weil sie ja krank war, und außerdem … in ihrem Zimmer, das ging doch nicht!

Mit meinen Freunden war ich dann am Abend unterwegs, im Roten Turm, der einzigen Kneipe in Karl-Marx-Stadt mit weniger als drei Prozent Stasi am Tresen. Danach saßen wir im Hotel Moskau, an der letzten Bar, die noch ausschenkte. Gegen eins wollte ich mit dem Nachtbus nach Hause fahren. Ich ging um die Ecke herum in die Nischelgasse, wo der Karl-Marx-Kopf steht, gegenüber vom Interhotel. Roter Turm, Hotel Moskau, alles im Stadtzentrum. Die Bushaltestelle war wegen Bauarbeiten verlegt worden, bis direkt zum Kopf.

»Vor dem Nischel da«, haben wir gesagt. Und die Sachsen konnten das besonders gut. Ein riesengroßer Kopf, ein richtiges Monument. Unten befindet sich ein Podest. Das war beheizt, damit ja die Kränze und die Ehrensträuße nicht einfroren. Der pure Luxus, alles für die Vergötterung der sozialistischen Helden. Jedenfalls setzte ich mich dahin, wo die Kränze abgelegt wurden, dann hast du wenigstens einen warmen Arsch, dachte ich mir. Es war Dezember 78, saukalt, ein Tag vor Weihnachten. Auf einmal kommt da ein Polizist, ganz normal ein abver mit seiner Hängetasche. Abschnittsbevollmächtigter. Der kommt um die Ecke, spricht mich an, fragt, was ich hier mache und warum ich hier rumsitze. Ich sage: »Weil es oben kalt ist und hier warm und der Bus noch nicht da ist, auf den ich warte.«

Das war meine Antwort, die er wahrscheinlich so nicht erwartet hat. Er wird laut, sein Ton scharf: »Haun Sie sofort vom Denkmal ab!«

Ich sage: »Du, pass auf!«

Ich habe den gleich mit »du« angesprochen, mir war der Respekt vor diesen Leuten längst verloren gegangen.

Ich sage: »Was willst du von mir? Wenn hier Leute rüberlaufen, um Kränze abzulegen, kann ich doch wohl sitzen und auf denBus warten!«

Die Diskussion scheint ihm nicht zu gefallen: Plötzlich fasst er an meine Jacke und versucht, mich hochzuziehen. Ich mache mich schwer, bleibe sitzen, ich wiege schon hundert Kilo, wenn ich mich nicht schwermache. Der aber zieht weiter. Da knackt an meiner Jacke eine Naht auf, und irgendwie … ich ticke aus und stecke den Typen in den Schnee! Dann nehme ich ihm das Funkgerät ab, werfe es auf das Podest und rufe, dass er mich in Ruhe lassen und woanders rumscheißen soll. Jedenfalls kann ich gar nicht so schnell gucken, wie plötzlich links und rechts Polizisten auftauchen, vier oder fünf. Die packen mich, überwältigen mich. Die fesseln mich, und dann bin ich es, der in den Schnee gesteckt wird. Ein paar Minuten später fährt ein Barkas vor. Ein b1000 ohne Fenster. Kastenwagen, grauweiß lackiert. So sahen die Dinger damals alle aus. Wie ein Lieferfahrzeug. Man hat damit Menschen geliefert.

Es kam mir nicht nur so vor, dass alles innerhalb von Minuten passierte, es lief wirklich schnell ab. Ich saß hinten allein im Auto, die Hände auf den Rücken gefesselt, eiskalte Handschellen. Die Beine gefesselt, spezielle Schellen, die an den Knöcheln drückten. Man hatte mir bei der Festnahme meinen Ausweis abgenommen und meinen Namen über Funk durchgegeben, und dann wurde der Haftbefehl, der gegen mich schon vorher lief, wie ich später erfuhr, gleich vollzogen.

Ich wusste ja gar nicht, was los war. Wo es hin ging. Man hatte mir nichts gesagt. Man hatte mich einfach da reingesperrt. Stockdunkel war’s. Während der ersten vierzig, fünfzig Meter konnte ich natürlich noch abschätzen, wo ich mich befand. Dann spürte ich: Das Auto biegt ab. Man beugt sich ja automatisch in die entgegengesetzte Richtung. So konnte ich mir ungefähr denken, wohin es ging. Und dadurch, dass ich Lkw-Fahren gelernt hatte, wusste ich ungefähr, wie schnell das Ding fuhr. Dann ahnte ich schon nach der zweiten Kurve: Aha, es geht Richtung Kaßberg. Wir sind ja nicht weit davon entfernt gewesen. Irgendwann aber verlor ich völlig die Orientierung. Als wir anhielten, dachte ich eigenartigerweise, wir stehen vor Marlens Block. Ich dachte, die lassen mich hier raus und ich kann zu meiner kranken Freundin ins Bett kriechen. Und ich dachte, dass sie ihren Vater, der das ja nie erlauben würde, mitnehmen, einen Grund dafür würde es schon geben, und wenn es keinen gab, war’s ja auch normal. Ich hörte das Quietschen eines Blechtors, wie ich es von der lpg kannte. In der ddr quietschten alle Tore gleich, das Fahrzeug bewegte sich vor, das Tor schloss sich. Dann war Totenstille. Ich habe nur meinen Atem gehört, gesehen habe ich nichts, es gab keine Notbeleuchtung. Durch ein Loch im Dach fiel ein Lichtpünktchen herein, wahrscheinlich von Scheinwerfern in einem Innenhof, wo der Barkas nun drinstand. Von den Herrschaften ließ sich keiner blicken. Gefühlte Zeit: eine Stunde. Es kam mir ewig vor. Dann, plötzlich, riss man die Tür auf, nahm mir die Beinschellen und die Handschellen ab. Ich musste raus. Es war arschkalt. Die Schleuse, oder was das hier war, ist zum Glück überdacht gewesen, jedenfalls teilweise. Und direkt hier musste ich mich ausziehen. Splitternackt. Ich musste mich an die Wand stellen, breitbeinig, und musste wieder warten. Ich durfte mich nicht bewegen. Hinter mir standen zwei Uniformierte, die mich bei jeder Bewegung anschrien. Ich fror mir den Sack ab. Ich versuchte mir etwas vorzustellen, das mich wärmt. Ich zwang mich, mir Marlens Hand vorzustellen, wie sie mich in diesem Zustand …Ich dachte: Wenn ihr Idioten wüsstet …

Nach, ich weiß nicht, einer halben Stunde vielleicht ging rechts eine Tür auf.

»Rein da!«, rief einer. Ich sprang rein und befand mich in einem olivgrün und hellgrau gestrichenen Flur, der Fußboden war schwarz.

Man stieß mich in einen Duschraum, wo ich mich waschen musste. Hier wurden mir auch gleich die Haare abgeschnitten, Glatze, ohne dass man mich gefragt hätte, ob ich das überhaupt wollte. Der Friseur ist selbst ein Gefangener gewesen, den sie meinetwegen geweckt hatten. Er gähnte, stank aus dem Mund und furzte. Als er wieder fort war, hörte ich in der hallenden Kellerstille, in der ich mich befand, immer noch das Schnippeln seiner Schere. Die Typen haben nicht mit mir gesprochen, nur eben, dass sie mich anschrien, wenn ich etwas fragte, ich solle die Klappe halten. Es war nicht so, wie ich anfangs noch glaubte, dass man mich gleich in eine Zelle sperrt und mir am nächsten Morgen in aller Ruhe erklärt, was los ist, überhaupt nicht. Ich sollte hier stehen bleiben, mit dem Gesicht zur Wand, und es verging endlos viel Zeit, ohne dass etwas passierte, bis der Engel links neben mir stand und mir ins Ohr flüsterte, dass ich mich auf eine heiße Badewanne freuen könne. Der Engel verschwand in dem Moment, als ich meinen Kopf in seine Richtung drehte, und jemand schrie:

»Gesicht zur Wand!«

Der Engel kam wieder, diesmal von rechts, Marlen, flüsterte ich, wenn ich das noch einmal mache, verscheuchen sie dich wieder, und du hast geantwortet: Feigling.

Ich drehte also meinen Kopf nach rechts und schon wieder schrie man mich an, und der Engel flog davon. Es kam mir dann lange Zeit so vor, als hätten die mich vergessen und der Engel mich auch. Plötzlich sollte ich in den Flur zurückgehen, nackt, immer noch nackt, und um ein paar Ecken herum in die Kleiderkammer laufen. Hier brüllte man wieder:

»Gesicht zur Wand!«

Dann erhielt ich meine Sträflingskleidung und durfte sie anziehen, was mir wie eine Erlösung vorkam.

Ich wurde in einen kleinen, kaum beleuchteten Raum geführt, ohne Fenster. Hier standen zwei Holzbänke, fest mit der Wand verschraubt, und hier musste ich wieder warten. Ich steckte meine Pranken in die Hosentaschen, die Pranken wurden klein und schmal, hatten glatte Fingernägel, und ich sah durch den Stoff den schwarzen und den roten Nagellack und den gelben Daumen.

Gib mir deine Hand, sagte ich.

Meine westdeutsche?

Egal.

Dann nimm meine ostdeutsche.

Ich nahm also ihre ostdeutsche Hand und führte sie zur Wand, legte sie auf den kalten Beton und meine Wange dagegen.

Ist ziemlich rau, deine Hand, sagte ich, und Marlen antwortete: Nimm die andere, die ist puschelig.

Aber sie war nicht puschelig.

* * *

Um sieben geweckt, angezogen. Da stand ein Glas Milch auf dem Tisch, das ich in einem Zug ausgetrunken habe. Dann sind wir erst mal in den Stall gegangen und haben das Vieh versorgt, bevor wir frühstückten. Aufs Klo hat sie mich schon nicht mehr gebracht, da gab es keine Fisimatenten, ich musste selber hin. Sie hat gleich die Eier eingesammelt.

»Mamu, kuck, hier ist eins mit Hut!«, habe ich gerufen, wenn an der Schale noch etwas Kot klebte.

Nach dem Frühstück hat Oma entweder nach dem Feld gesehen oder nach dem Garten, je nachdem, welche Jahreszeit war. Im Sommer, bei angenehmem Wetter, hat sie mich auf den Acker mit rausgenommen, zum Rübenziehen. Ich blieb bei ihr, bis die größeren Nachbarskinder, Mädels und Jungs, aus der Schule kamen. Die sollten dann auf mich aufpassen. Das taten die natürlich nicht konsequent. Manchmal hat mich Oma auf dem Hof mit einer Wäscheleine an der alten Pferdehalterung festgebunden. Ich war geschickt genug, mich unbemerkt zu befreien und mich selber wieder festzubinden, sobald ich mich ausgetobt hatte. Am liebsten habe ich mich an die Straße gestellt, denn ich wollte einen der Trecker anhalten, um mitzufahren. Morgens bin ich manchmal auf den Milchwagen vom Ollenruter Müller gehüpft. Der hatte keinen Trecker, sondern ein Pferdefuhrwerk. Damit besuchte er die Bauern und sammelte die Kannen ein, um sie zur Molkerei zu bringen.

Unser Dorf war nicht sehr groß, aber es gab alles, was man zum einfachen Leben brauchte. Wir hatten einen Fleischerladen, einen Bäckerladen, wir hatten zwei Kneipen, wir hatten einen Schneider, einen Schuster und so etwas, was man heute Tante-Emma-Laden nennt, wo man alles Mögliche bekam: Spielzeug, Cordhosen, Gummistiefel, Kittelschürzen, Kopftücher, Wäscheklammern. Und dann hatten wir die Station, wo die Eier angenommen wurden, in der lpg, wo man auch sein Obst und Gemüse abgab. Dann hatten wir eine bhg, eine Bäuerliche Handelsgenossenschaft, da gab’s Gasflaschen, Kohle, Nägel, Zäune, Stacheldraht, alles, was ein Bauer braucht, um sein Vieh einzusperren oder die Scheune zu reparieren. Für mich war natürlich Spielzeug das A und O. Frau Hein stellte es im Regal auf, als brauchte man dafür nichts zu bezahlen, als gehörte es einem schon, wenn man die Bimmeltür aufzog. Zum Beispiel lagen da schöne kleine Ziegelsteine, die wie Lego-Steine aus Düsseldorf aussahen, aber aus rotem Ton waren. Ich besaß keine, aber ein paar Ton-Indianer. Gerd Schult von schräg gegenüber hat mir mal einen kaputt gemacht. Das hat er bereut, weil ich schrecklich weinte und jeder guckte und fragte, was denn um Gottes willen passiert sei. Die Indianer gingen schnell zu Bruch. Man brauchte sie bloß mit einer Stahlkugel zu treffen. Die haben wir uns im lpg-Hof aus dem Schrott rausgekloppt, aus verschlissenen Kugellagern, die dort vor sich hin rosteten. Die Kugeln waren auch gut zum Katschi-Schießen. Dazu haben sich die größeren Jungs aus Treckerreifen schwarze Gummistrippen geschnitten, denn die hatten mehr Zug als Omas Einweckgummis. Bernd Schulzens Opa war unser Schuster im Dorf, der hat uns die Strippen mit Lederstriemen verbunden, schön fest, denn er hatte dafür die richtigen Fäden. Er machte ja auch Sattelzeug und Pferdegeschirr heil. Uns Kindern hat er viele Dinge zusammengenäht, die nicht erlaubt waren, ein netter alter Mann. Schrader hieß er. Schuhe hat er natürlich auch repariert, und er stellte Klumpschuhe für Behinderte her. Außerdem hat er Lehrlinge ausgebildet. Einer von uns, Jochen, hat bei ihm gelernt und wurde dann Schuster in einem Dorf mit dreihundertfünfzig Einwohnern.

* * *

Als Bodo Lederer in den Kindergarten kam, war er dreieinhalb Jahre alt und das Jahr 1963 sechs Monate. Das Haus, in dem der Kindergarten untergebracht war, befand sich auf der anderen Seite des Friedhofs, was der Großmutter nicht gefiel. Sie befürchtete, der Junge würde von zu Hause immer geradewegs durch das Gräberfeld laufen, statt drum herum, und das hätte vielleicht einen schädlichen Einfluss auf sein Gemüt. Gelegentliche Spaziergänge über den Friedhof hingegen könnten ihm nicht schaden, wären sogar förderlich, meinte sie, denn so könne man dem Kind begreiflich machen, wo eines Tages alles Menschliche lande, sogar die Genossen.

Der Kindergarten war in einem Backsteingebäude untergebracht, das im Abendlicht wie ein roter Dauerlutscher leuchtete. Das jedenfalls hatte Bodo seiner Tante Amalie nach Alberta, Kanada, geschrieben, nicht direkt geschrieben, aber der Großmutter für die Tante diktiert, die ihm prompt zurückschrieb, dass die Sonne in Kanada niemals so schön leuchten könne wie das Kindergartenhaus in Flossendorf/Demmin.

Das rote Haus war einst ein Gutshaus. Das Dorf hatte früher vier Gutshäuser gehabt.

»Als die Kommunisten kamen«, erzählte die Großmutter, »hatten die Gutshäuser nichts anderes im Sinn, als aus Flossendorf zu flüchten, doch sie waren zu schwer. Wegzulaufen schafften nur die Gutsherren und ihre Familien. Die Häuser haben es aber nie aufgegeben, unser Land zu verlassen. Sie rütteln und schütteln sich vom Keller bis zum Dach. Darum die vielen Risse, Bo-mein, und die Löcher im Giebel.«

In das zweite der Gutshäuser zog die Schule ein, im dritten wohnten Genossen, die auf der lpg arbeiteten. Das vierte war unbewohnt und baufällig, ein Lehmhaus neben einem Teich mit Schilf und einer versteckten Quelle.

* * *

Das war toll, mit einer endlosen Wiese dahinter. Hier haben Jungs aus dem Oberdorf gegen Jungs aus dem Unterdorf Cowboy-und- Indianer gespielt. Auch mit den Zwillen, aber nicht mit Stahlkugeln, sondern mit selbstgemachten Kügelchen aus Lehm, die trotzdem ziemlich wehgetan haben. Die Wiese war eigentlich eine Kuhkoppel, mit einer Hühnerfarm ganz am Ende, eine, die aus dieser komischen Pappe zusammengebaut war, Sauerkrautplatten haben wir dazu gesagt. Das Zeug sah wirklich wie gepresstes Sauerkraut aus. Außen hellblau gestrichen, dahinter die Hühner. Ein Loch mit Eisenkreuz als Fenster. So eingesperrt möchte ich nie sein, habe ich gedacht.

* * *

Den kleinen Bodo steckte man in die kleinste Kindergartengruppe, zu Frau Nowack. Frau Nowack sah streng aus. Groß, schmales Gesicht fast ohne Mund, große schmale Nase, dunkelbraune Brille mit Schläfenbändchen. Sie hatte eine Schürze umgebunden, buntgeblümte Kittelschürze. Jede Frau hatte sich damals solch ein Ding um Bauch und Busen gewickelt, es sei denn, man wollte in die Stadt fahren, dann ausnahmsweise nicht. Aber wenn man zur Nachbarin gegangen ist oder in den Stall oder gegen Abend mit dem Mann vor dem Haus auf der Bank saß: Immer blühte die Kittelschürze dazwischen.

Ebenso wenig Theater gab es mit dem täglichen Schuhzeug: Holzklötzer mit Riemen oder alte, oben abgeschnittene Gummistiefel, die standen vor jedem Haus. In die schlüpfte man, wenn man mal eben über den Hof gehen oder einkaufen musste. Wenn man also irgendwo zu Besuch war und aufs Klo wollte, hat man draußen vor der Tür immer etwas vorgefunden, das man benutzen konnte, um gleich loszulaufen, durch Staub, Matsch oder Jauche.

Die Großmutter ist mit Bodo das erste und zweite Mal, so wie es sein sollte, zum Kindergarten um den Friedhof herumspaziert, obwohl der Junge die Abkürzung kannte. Schon beim vierten Mal bevorzugte er heimlich den geraden Weg an den Gräbern vorbei, für eine Kontrolle fehlte der Großmutter die Zeit. Auch den Kindergartenschuppen mit den Bällen, Schaufeln und Förmchen kannte der Junge längst, bevor er das Recht hatte, damit zu spielen. Er hatte die Kinder vom Friedhof her beobachtet und jedes einzeln beneidet. So hatte er es kaum erwarten können, endlich selbst ein Kindergartenkind zu sein.

Bald gefiel ihm der Aufenthalt hier nicht mehr. Jedes Kind hat sich nämlich gleich nach dem Mittagessen schlafen legen müssen, so etwas kannte Bodo von zu Hause nicht. Man musste sich daran gewöhnen. Bodo drückte sich ab der zweiten Woche vor der lästigen Pflicht, indem er ausriss, auch mehrmals hintereinander. Frau Nowack schickte dann einige der größeren Kinder zu Großmutter Lederer, um den Bodo zurückzuholen. Das war nicht einfach, denn er versteckte sich, entweder im Stall am Hintern des Bullen, wo sich keiner hintraute, oder auf dem Heuboden. Zwischen den Ballen verkroch Bodo sich sowieso gerne, denn hier war es still und im Winter warm, hier roch es nach dem Schinken aus der Räucherkammer, nach Sauerkraut und nach geteerten Hanfseilen. Und hier hatte er beim spinnenwebenschwarzen Schornstein seine Geheimecke, in der er einige Kostbarkeiten aufbewahrte, vier angekokelte Märchenbücher zum Beispiel, die er nach einem Küchenbrand aus dem Haus der Rosens gerettet hatte. Außerdem siebenunddreißig Kugellagerkugeln, die der freche Rolf bei der Omnibushaltestelle liegen gelassen hatte, aber eigentlich ein Pirat von der Müritz herüberschoss. Bodo konnte all diese Kugeln, was niemand sonst schaffte, mit einer Hand festhalten!

Wenn gar nichts half: rufen, suchen, drohen, und wenn die Großmutter befürchten musste, dass Frau Nowack selbst vorbeikommen würde, um den Jungen am linken Ohr zurück in den Kindergarten zu ziehen, versuchte sie es gegen ihre Überzeugung mit einem Trick: »Lakritz, kein Witz!«, rief sie dann. Bodo aß leidenschaftlich gerne Lakritz. Für eine kleine Stange hätte er sich eine Tracht Prügel abgeholt, wenn die Großmutter denn geschlagen hätte, aber das tat sie nie. Stattdessen hielt sie ihn am Kragen fest, gab ihm, was er wollte, und überstellte ihn den Fängern, die dann ebenfalls, um sie milde zu stimmen, ein Stück von dem schwarzen Gold in die Hand gedrückt bekamen.

Bald fand Bodo im Kindergarten Freunde, derentwegen er glattweg vergaß, in der Mittagspause abzuhauen. Kinder, die er vorher nicht gekannt hatte, weil sie in einem anderen Teil des Dorfes wohnten, weiter nördlich, oberhalb der Chaussee.

Flossendorf. Ein Bild des Ortes hielt ein Jahr später ein hölzerner Klapperstorch im Schnabel, den Onkel Robert aus Münster geschickt hatte. Das Bild hatte Bodo im Kindergarten für die Großmutter malen müssen: Sein Flossendorf mit allem, was dazugehörte. Die Häuser um die Kirche herum, der Dorfplatz, die lpg, die Traktorentechnik. Links die Landwirtschaft, rechts die Viehwirtschaft. Das Dorf war zweigeteilt: Die eine Seite, die mit dem Vieh, wies mehr Stallungen auf, die andere mehr Einzelhäuser, Schnitterhäuser. Bodo hatte in seinem Bild die beiden Hälften durch einen Wassergraben getrennt. An beiden Ufern standen Angler, aber nicht dem Wasser zugekehrt, sondern der Straße und dem Platz. Sie sahen bedrohlich aus, ihre Angeln ähnelten Flinten. Frau Nowack missfiel das Bild, zumal es den Graben in Wirklichkeit gar nicht gab. Die Großmutter aber sagte zu ihrem Jungen: »Du siehst den Spalt genau dort, wo er ist.«

Die Viehbauern wollten mit den Landbauern nichts zu tun haben. Das war schon immer so. »Mülchmüscher« nannten die einen die anderen und wurden von den anderen »Jelee« genannt. Die Großmutter, die man zu den Viehbauern zählte, obwohl sie auch Futterpflanzen anbaute, sprach von »unnatürlicher Zellteilung«. Viele der Kinder aus dem Linksdorf, das mit der Landwirtschaft, spielten nicht mit jenen aus dem Rechtsdorf. Erst der Kindergarten brachte zusammen, was zusammengehörte.

* * *

Wenn ein Schwein geschlachtet wurde, war ich von Anfang an dabei. Dann bin ich auf die Schweinebucht geklettert, ein gemauertes Rechteck, einen Meter fünfzig hoch, vorne mit Gitter und so lang und breit wie ein Schwein. Darauf saß ich und beobachtete, wie die Fliegen immer mehr wurden, als ob sie den kommenden Tod riechen würden. Uhlands Werner wurde gerufen, ich sah zu, wie Werner, der zu den wenigen Katholiken im Dorf gehörte, sich bekreuzigte und dem Tier in der Schweinebucht etwas Eisernes in den Kopf schlug. Der massige Körper krachte wie ein Kartoffelsack zu Boden. Dann wurden die Hinterläufe an einer Kette hochgezogen, Werner stieß mit dem Fuß einen Eimer unter die Schnauze und schnitt mit einem sichelartigen Messer die Halsschlagader durch, sodass das Tier hängend ausblutete. Ich habe die Eimer und Schüsseln in die Küche getragen. Das Blut war warm und dampfte, und immer ersoffen darin ein paar Fliegen.

»Bo-mein-Gold!«, rief Mamu, wenn sie mich kommen sah. Sie lächelte wie sonst nur zu Weihnachten, und ich glaubte, ihr das Allerwertvollste vom Schwein gebracht zu haben. Sie kippte das Blut durch eine Windel, kochte es und machte Blutwurst daraus. Das war normal. Was auf dem Hof herumlief, außer Hunden, Katzen, Mäusen, Ratten, wurde gegessen.

* * *

Wenn die Großmutter mit ihrer rotkarierten Schürze in den Stall ging, wusste Bodo genau, was gleich passieren würde. Dann suchte sie sich ein Huhn aus, entweder ein altes, das dann in die Suppe kam, oder ein junges zum Braten. Mit dem flatternden Huhn an der Hand ging sie zum Haubock, nahm die Axt und hackte dem Tier den Kopf ab. Sie hielt es hoch, bis es ausgelaufen war. Bodo nahm einen Stock, spießte den Hühnerkopf wie eine Trophäe auf, berührte die Augenlider, die sich langsam schlossen, und sagte jedes Mal: »Wenn ich groß bin, werde ich kein Huhn.«

In der Küche dampfte Wasser im Topf auf einem Herd mit eisernen Ringen und Platten, den die Großmutter mit Holz und Kohlen heizte. Das Huhn kam ins Wasser, anschließend wurde es gerupft. Bodo saß dabei, schob dem aufgespießten Hühnerkopf ein Augenlid hoch, sagte: »Guck, dein Rest!«

»Au-mein-Finger«, rief die Großmutter, weil ihr die heißen Federn wehtaten. Nun passierte das Beste: Bodo rollte Papier zusammen, träufelte Spiritus drauf und reichte es der Großmutter, die es anzündete und dem Huhn die Härchen abbrannte.

»Das stinkt wie Satan«, sagte sie, und Bodo stellte sich den Teufel vor: ein schwaches Huhn in der starken Hand seiner Oma.

* * *

Morgens bin ich zum Kindergarten gelaufen, stolz mit Brottasche. Bis ich die bekam, hat es ein paar Wochen gedauert. Oma musste sie beim Sattler bestellen. Eine aus Leder. Schweinsleder. Sie wurde extra angefertigt. Meine war dunkelbraun. Es gab auch hellbraune. Oder es gab welche … wie hieß das Zeug? Ganz einfache, die gab’s nicht beim Sattler, die konnte man bei der ho kaufen. Aus Gummi. Wie eine Wachstuchdecke. Innen mit einem Bügel. Der hat uns verdammt interessiert, dieser Bügel. Wir haben so ein Ding mal auseinandergenommen, zwei Jungs und ich, weil das lustig aussah. Ganz anders als meine Brottasche. Die hatte ja der Sattler gemacht. Eine stabile. Da hinein passten ein paar Stullen und eine Milchflasche. Sah wie eine Pfadfindertasche aus. Jedenfalls trug ich das Ding wie ein Indianer um den Hals. Und los! Da drin konntest du einiges verstecken. Ab und zu habe ich in meiner Brottasche Spielzeug mit nach Hause genommen, was wir nicht durften. Ich habe es immer wieder zurückgebracht. Mit nach Hause nehmen und zurücktragen, das gefiel mir einfach. Was mir nicht gefiel, war etwas anderes: Wenn ich mir meine Stulle ansah, war die immer kleiner als die Stullen der anderen. Ich hatte ja zu große Hände.

Auf dem Schreibtisch von Frau Nowack stand etwas Interessantes. Damit konnte man wippen, im Prinzip wie mit einem Schaukelpferd, aber keins für uns Kinder, sondern eins für die Erwachsenen: Frau Nowacks Tintenlöschwippe. Unter der Wippe klemmten mehrere Schichten Löschpapier. Immer wenn wir heimlich ein Blatt abrissen, kam ein neues zum Vorschein, das nahm kein Ende – oder nur manchmal. Einige Blätter haben wir mitgenommen, geklaut eigentlich. Auf dem Friedhof stachen wir uns mit einer Nadel in den Zeigefinger und klecksten Blut drauf. Einmal entstand auf einem dieser rosafarbenen Blätter ganz ohne weiteres Zutun ein Auge, das uns anguckte wie Frau Nowacks Auge. Die Schrift auf dem obersten Blatt der Tintenlöschwippe war die Schrift von Frau Nowack, aber falsch herum. »Flossendorf« stand dort falsch rum, und einmal stand dort »Deutsche Demokratische Republik« falsch rum. Oma fand das lustig.

* * *

Bodo wirkte oft gedankenverloren, und mindestens einmal am Tag passierte es, dass er stolperte und hinfiel. Wenn er mit aufgerissenem Hosenbein zur Großmutter kam, sagte sie: »Flo-Dorf ist nicht D-Dorf und Bo-mein nicht von Bessarabien.«

Dann musste die Großmutter stopfen und flicken, oder es wurde, wenn sie wegen anderer Pflichten dazu keine Zeit hatte, die nächste »Lieferung« aus D-Dorf, Hamburg oder Kanada abgewartet. Dann kam Gustl Brief mit einem Westpaket wie gerufen, und die Großmutter rief ihrem Jungen zu: »Neue Flicken von drüben!«

Im Ort lagen überall dicke Steine herum, und mit den größten hatte man den Friedhof eingefasst. Das Gelände war aufgeschüttet worden, lag zwei Meter über dem Umfeld. Von den Gräbern konnte Bodo ohne große Anstrengung auf die Steinemauer hopsen. Jenseits der Mauer ging’s aber zwei Meter fünfzig abwärts, die hinunterzuspringen sich auch der Mutigste dreimal überlegte. Also lief der Junge die Mauer entlang bis zum Dach des kleinen Geräteschuppens, wo die Großmutter all jene Werkzeuge aufbewahrte, mit denen sie nicht umgehen konnte und die sie gegen Gefälligkeiten an die Nachbarn auslieh. Auf diesen Schuppen hüpfte der Junge, und von hier aus war’s ein Katzensprung über den Stall zu einer der Dachluken. Das Haus konnte man auf mehreren Wegen betreten: entweder durch die Eingangstüren vorne und hinten oder durch die Stallungen oder durch die Scheune oder durch den kleinen Anbau. Als Bodo die Zahlen bis zwanzig lernte, fand er heraus, dass der Bauernhof außen und innen sechzehneinhalb Türen hatte. Die halbe war die Hühnerklappe in der Kuhstalltür. Später bastelte Bodo in diese Hühnerklappe eine noch kleinere für die Küken und ärgerte sich maßlos, wenn die Tierchen stattdessen einen Spalt in der Bretterwand bevorzugten. Im Winter wurden die wenigsten Türen benutzt. »Mamu, wir haben nur elf Auf-Zus«, sagte Bodo einmal, im Winter 64. Damals sind sie morgens zuerst in den Stall gegangen und haben sich aufgewärmt, so wie Knecht Ruprecht, von dem man erzählte, dass er zwischen den Kühen stand und sie am Hals umarmte, wenn er fror. Ja, bei den Tieren brauchte man nicht zu heizen. Jahre später, als die Großmutter kaum noch Vieh halten durfte, da war’s kalt im Stall, und die Zahl der Türen verringerte sich auf sieben.

»Taub wie der Kommunismus!«, schimpfte die Großmutter, wenn Bodo nicht hören wollte.

»Was ist eigentlich Kommunismus?«, fragte der Junge an einem Sonntag, als die Großmutter im Wohnzimmer ihre Sammeltassen putzte. Die Großmutter erschrak, denn sie hatte ihn hinter ihrem Rücken nicht erwartet. Sie ließ die schöne Tasse fallen – ein Knall, und das Porzellan zersprang. Jahre später erinnerte Bodo sich an jene zerbrochene Sammeltasse, an den Schrecken seiner Großmutter und an ihr Schweigen, wenn jemand das Wort »Kommunismus« aussprach.

Der anfängliche Ausreißer Bodo Lederer blieb drei Jahre im Kindergarten. Während dieser Zeit stieg er von der kleinen Gruppe in die mittlere auf und von der mittleren in die große. Frau Nowack herrschte mit großem Geschick über alle drei Gruppen gleichzeitig. Sollte die eine basteln, schickte sie die andere zum Spielen hinaus und sagte der dritten, dass sie malen sollte. Ein typisches Kindergartenbild jener Zeit hatte drei Vorgaben zu erfüllen. Erstens der Vordergrund: Ein Fachwerkhaus, ein Traktor, ein Schiff oder eine Eisenbrücke. Zweitens der Hintergrund: Sonne, blauer Himmel. Drittens der Rote Stern. Der Rote Stern musste überall drauf sein.

* * *

Wenn du irgendwas gemalt hast, das dir einfiel, und mehr nicht …das ging nicht. Dann kam die Nowack und verlangte den Stern. Als ich in der mittleren Gruppe war, sollten wir den tapferen Sowjetsoldaten auf einem Panzer malen. Du konntest den Panzer so gut hinkriegen, dass er fast losschoss – fehlte der Stern, weil du ihn vergessen hattest, hat sie dich streng angesehen. Ich habe das Ding immer zuerst gemalt, damit ich’s nicht vergessen konnte. Nur einmal nicht. Wir sollten die Nacht malen und zur Nacht ein Geisterhaus. Ich ließ den Stern weg.

»Den sieht man nicht, weil Nacht und Nebel ist«, sagte ich. Die Nowack hob den Finger und erklärte: »Der Sowjetstern leuchtet immer, auch wenn er nicht leuchtet.«

* * *

Was Frau Nowack selten gelten ließ, waren Krankheiten. Sie behauptete unerschütterlich, dass die meisten Krankheiten eingebildet wären. Selbst wenn sie offensichtlich war und mit einem Thermometer messbar, haftete der Krankheit etwas Ungültiges an. Dann sagte Frau Nowack: »Gesund, aber nicht ganz ohne.« Was dieses »nicht ganz ohne« zu bedeuten hatte, erklärte sie nie.

Eines Tages, Bodo befand sich in der großen Gruppe, bekam der Kindergarten hohen Besuch: vom Bürgermeister! Alle paar Wochen kam nämlich einer der hohen Herren von Flossendorf vorbei, um sich nach dem Stand der sozialistischen Kleinkinderziehung zu erkundigen. Der Fleischbeschauer beispielsweise, der Tierarzt oder jemand von der lpg. Als der Bürgermeister vorfuhr, wischte er sich den Schweiß von der Stirn, sah blass aus und schniefte. Alle Kinder standen stramm, nur Bodo nicht. Er trat vor, zeigte auf den Mann und rief: »Der ist gesund, aber nicht ganz ohne!«

Frau Nowack bat für ihren Schützling, der ungefragt den Mund aufgemacht hatte, um Entschuldigung. Der Bürgermeister aber bedankte sich und sagte, dass er nur gekommen sei, um seinen Besuch abzusagen, weil er sich krank fühle.

Eines Tages sollte Bodo, statt in den Kindergarten, zur Poststation laufen. Die Großmutter hatte ihn geschickt. Sie litt ja unter ihren offenen Beinen, und diesmal war’s besonders schlimm: Das vierte blutete. Außerdem hatte sie hohes Fieber. Die Nachbarin, Tante Else, die keine Tante war, half nach Kräften, und nun sollte der kleine Bodo nach Sachsen, Karl-Marx-Stadt, telefonieren und seine Mutter fragen, ob sie ein paar Tage nach Flossendorf kommen könne, um das Vieh zu versorgen. Also hatte Bodo auf der Poststation »guten Tag« zu sagen und irgendwie verständlich zu machen, dass er telefonieren müsse. Er schaffte das auch: »Frau Lörtscher … ich muss nämlich mal … meine Mutter anrufen wegen … weil Mamu gesund ist, aber nicht ganz ohne.«

Frau Lörtscher zeigte ihm den Apparat. Um an den Hörer an der Wand zu gelangen, stellte Bodo sich auf einen Hocker. Dann drehte er die Kurbel, ganz so, wie die Großmutter es ihm erklärt hatte, und hielt den Hörer ans Ohr. Die Großmutter hatte ihm außerdem gesagt, dass er warten müsse, bis Frau Lörtscher die Leitung umgestöpselt hat, doch das hatte der Junge in der Aufregung vergessen. Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Schnell sprang er vom Hocker, behielt den Hörer in der Hand, lief, soweit das Kabel reichte, Richtung Hintertür und rief: »Frau Lörtscher, zu Marx stöpseln bitte!«

Bodo kurbelte, als wär’s eine Kaffeemühle, bis er eine Stimme hörte, die Post in Demmin. Die Post in Demmin verband ihn weiter zur Post in Dresden. Von der Post in Dresden wurde er zur Post in Karl-Marx-Stadt verbunden. Und von hier verband man ihn ein viertes Mal, nämlich zum veb Strickwaren Wilhelm Pieck. So groß war die ddr.

Die Mutter bestellte aus Sachsen gegen den Willen der Großmutter einen Arzt, und dann holten sie die Großmutter ab, mit einem b1000, den Bodo so schnittig fand, dass er in den nächsten Tagen, bis man die Großmutter aus dem Demminer Krankenhaus zurückbrachte, Krankenwagenfahrer werden wollte. Martha Lederer kam zwei Tage später und blieb zwei Wochen, bis Ostern 65.

In dieser Zeit hat Bodo zum ersten Mal einer Frau unter den Rock geguckt. Was die da drunter haben. Ein Junge von der großen Gruppe sagte: »Hier, der Spiegel, den musst du dir auf den Schuh legen, und dann schiebst du den nach vorne.«

Bodo klemmte das Ding zwischen die Schnürsenkel seines rechten Schuhs, es war ja bloß ein kleiner runder Taschenspiegel, in der Mitte mit einem Ring zusammengedrückt. Er passte den richtigen Moment ab, stellte sich neben Frau Nowack, die einen Rock anhatte, und sah ihren Schlüpfer, der ihm allerdings völlig unspektakulär vorkam. Frau Nowack, der es auffiel und die keinen Spaß verstand, schimpfte den Jungen dafür aus, kam sogar mit ihm nach Hause, berichtete der Großmutter von dem Unfug und nannte Bodo und seine Freunde ungezogene Lorbasse. Als Frau Nowack wieder fort war, behauptete Bodo, nur den Rock und mehr nicht gesehen zu haben. Die Großmutter aber fragte: »Was für einen Schlüpper hat sie denn an?«

»Na, einen rosanen«, platzte Bodo heraus.

Drei Wochen keinen Nachtisch, das war die Strafe, die die Großmutter keine drei Mahlzeiten durchhielt.

Trotzdem die Mutter in diesen vierzehn Tagen den Haushalt besorgte, hielt sie sich weitgehend zurück, wenn es um die Erziehung ihres Jungen ging.

»Frag Mamu«, sagte sie, wenn Bodo etwas auf dem Herzen hatte. Dann spazierte Bodo zum Krankenbett seiner Großmutter, bat sie um dies und das, und manchmal schickte ihn die Großmutter zur Mutter zurück mit den Worten: »Frag Mara.«

Am Abreisetag der Mutter wiederholte sich das Spiel, bis Bodo nichts anderes mehr einfiel, als seine Mutter an der Hand zu fassen, sie ins Schlafzimmer der Großmutter zu ziehen und folgenden Satz zu sagen: »Mamu, weil Mara Mamu sagt und du Mara, sagt Mara Mamu, und ich will jetzt Papa sprechen.«

Der Nachbar auf der gegenüberliegenden Seite links war Bäcker Hase, der einen Sohn hatte, der Ronny hieß und genauso alt war wie Bodo. Ronny litt winters wie sommers unter seiner Rotznase, sie lief ihm pausenlos. Darum hatte er immer einen Stapel Taschentücher bei sich. Waren sie nass, blieben dem Jungen nur die Hemdsärmel, erst der linke, dann der rechte. In seiner Not hat Ronny im Sommer 65 seine Unterhose ausgezogen, um sich darin zu schnäuzen. Ob sich seine Nasenflügel einfärbten, ist nicht überliefert, aber die Kinder riefen ihm hinterher: »Ronny scheißt vom Kinn zum Pony!«

Bodo rief nicht mit, denn Ronny hatte einmal einen Satz gesagt, den Bodo nicht wieder von ihm hören wollte: »Dein Papa, weiß der Geier, hat überall seine Eier.«

Bäcker Hases Großvater war auch schon Bäcker gewesen. »Backhase« war in Flossendorf ein traditionsreicher Betrieb. Bodo und Ronny kannten die Stunde, in der Pause war und der Bäcker mit dem Wecker auf der Mehlbank schlief. Sie fanden überall, wo sie es brauchten, ein Loch im Zaun, huschten weiter um die runde Außenwand, hinter die Truhe, durch den kleinen Flur, rein in die Küche, hinten wieder raus, und hier lag schon das Frischgebackene, duftete das warme Obst. Die Jungs steckten sich etwas von dem weichen Streuselteig in den Mund, den Bäcker Hase mit Butter, Mehl und einer Prise Hirschhornsalz geknetet, gezupft und unter einem Tuch hatte ruhen lassen, oder sie griffen in die silbernen Überseeboxen, nahmen sich Paranüsse, Pinien- und Cashewkerne, von denen man später in der ddr nur träumen konnte. Bäcker Hase brauchte sie hauptsächlich für die Schokolade, die er auf großen Kuchenblechen in alle möglichen Formen goss. Eins dieser süßen Bilder zeigte den Umriss von Walter Ulbricht, dem die Großmutter gern den Kopf abbiss, wobei sie verzückt die Augen verdrehte und »schrecklich, schrecklich« sagte.

Die Großmutter bezahlte mit Naturalien. Räucherschinken und ausgenommene Hühner nahm Bäcker Hase am liebsten an. Sollte Bodo Brot holen, ging er in den Hühnerstall, sammelte ein paar Eier auf, lief zum Bäckerladen rüber und legte sie in einen Korb, der neben dem Tresen auf einem dreibeinigen Hocker stand, bekam dafür das Laib, und es war gang und gäbe, dass Bodo ein Stück Kuchen dazu bekam. Im Laden bediente die Bäckersfrau. Als sie gestorben war, im Februar 65, Ronny war vier Jahre alt, da gab der Bäcker statt einer Schaufel Erde eine Handvoll Butterstreusel ins offene Grab.

Wenige Monate nach dem Tod seiner Frau kaufte Bäcker Hase einen Fernseher, Typ Sibylle 3, 53 cm Bildröhre, teiltransistorisiert, vom rft-Gerätewerk und war damit einer der Ersten im Dorf, die solch ein Gerät besaßen. Ronny durfte nicht fernsehen, denn der Bäcker war der Ansicht, dass so etwas für kleine Jungs nur schädlich sein konnte. Also schlichen sich Bodo und Ronny in die Wohnstube, und da stand das Ding in der Ecke: eine Mattscheibe in einer dunkelbraunen Holzplatte, geschmückt mit einer jener Deckchen, die die Bäckersfrau in ihren letzten Jahren zu Hunderten gehäkelt hatte. Den Fernseher einschalten, das traute sich Ronny nicht. Also setzten sich die Jungs davor und schalteten ihre Fantasie ein.

* * *

»Gesicht zur Wand!«

Was ich bekommen habe: ein Hemd. Es sah einem Fischerhemd ähnlich, aber hellblau mit weißen Streifen und mit einem kurzen Kragen. Eine umgefärbte Armeeuniform, eine mit gelben Streifen an den Ärmeln, Hosenseiten und auf dem Rücken. Unterwäsche. Ich habe graue Unterwäsche bekommen, gerippte. Und Socken. Und Schuhe: schwarze Arbeitsschuhe ohne Schnürsenkel, viel zu große. Die Hose war auch viel zu groß. Ebenso die Jacke. Die Jacke hatte keine Knöpfe und die Hose keinen Gürtel. Mir war das egal. Ich habe selten so viele Dinge auf einmal geschenkt bekommen wie im Gefängnis auf dem Kaßberg. Etwas wunderte mich: Es hätte alles eher ein paar Nummern kleiner als größer sein müssen, denn es wurde doch überall im Staat an Material gespart!

Ich saß in diesem kahlen Raum, sollte wohl auf etwas warten, wusste nicht worauf. Ich konnte mich nur auf den Boden und auf die Sachen setzen, die ich bekommen hatte. Kein Klo, aber ein Loch im Beton.

Nicht gucken, sagte sie und pinkelte ins Gras.

Stinkt, sagte sie.

Nach Parfüm, antwortete ich.

Sie ließ ihre Hose unten, und ich roch zwei Stunden ihr Parfüm.

Irgendwann, morgens, wie ich später merkte, ging die Tür auf, und man schob mir heißen Kaffee, eine Scheibe Brot, Margarine und Marmelade vor die Füße. Ich hatte gerade ein wenig getrunken, da kam jemand reingestürmt und brüllte: »Ab zum Haftrichter!«

Also ohne Frühstück raus, durch einen Flur in einen anderen Trakt. Offenbar ein Verwaltungsbau. Ich dachte, die stecken mich wieder in eine Schleuse, aber ich wurde gleich in das Zimmer geführt, in dem der Haftrichter saß. Ich weiß nicht mehr, wie der aussah. Er stützte seine Arme auf einem leeren Tisch ab, sagte, ohne eigentlich auf meinen Fall einzugehen: »Wegen Verweigerung des Wehrdienstes. Haftbefehl wird aufrechterhalten. Sie bleiben in Haft bis zur Verurteilung.«

Tür auf. Wieder raus. Was jetzt? Ich versuchte, mit einem von den Uniformierten zu sprechen, bekam keine Antwort. Die haben mich den Flur entlang geschubst, bis jemand brüllte: »Gesicht zur Wand!«

Also hatte ich stehen zu bleiben: dreißig Zentimeter vor der Wand, ungefähr eine Schuhlänge, mit meinem Gesicht zur Wand. Zwei Stunden. Drei. Vier. Ich wusste es nicht.

Bis der Kerl befiehlt: »Umdrehen!«

Dann darfst du dich umdrehen. Sagt der das nicht, hast du dir die Wand anzusehen, die Kratzer, die Furchen, kannst dir was vor der Wand einbilden, einen Film wie im Fernsehen, kannst dir eine Brust vorstellen oder sonstwas. Ich habe nicht probiert,mich umzudrehen.

Woran denkst du?

An dich.

Du denkst an Ingrid Steeger.

Im Pelzmantel.

Ich kann mir keinen Pelzmantel vorstellen.

Wir lachten beide, und dann kroch diese Genossin aus dem Trabant. Die hatte einen Schal um den Hals, und du hast gesagt: Wie die Steeger.

Ich habe geantwortet: Die echte ist schöner, und du hast gesagt: Das wollte ich wissen.

Irgendwann, nach hundert Stunden, wollte ich mich hinhocken. Ich dachte: Hier ist eh keine Sau, denn ich hörte niemanden mehr hinter mir oder in der Nähe. Ruhst dich also ein wenig auf dem Fußboden aus, mit dem Gesicht zur Wand, mit ihrer Brust über mir statt direkt vor meinen Augen. Aber dazu kam es nicht. Ich habe meine Beine nur ein wenig eingeknickt, da schrie schon einer. Der muss irgendwo ganz hinten gestanden haben. Ich soll mich gefälligst nicht rühren! Ich hatte nicht bedacht, dass die am Ende des Ganges ihren Guckkasten hatten, wie ich später sah.