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Malerisch an der Küste über dem ligurischen Meer gelegen, schmiegt sich das alte Dorf Villa an die Hügel. Anna und Bernt haben hier vor 30 Jahren ein Haus erworben und sich langsam in die Geschichte der Gegend und ihrer Bewohner vorgetastet. Ihr kostbarster Schatzfund in einem verlassenen Nachbarhaus ist ein Kistchen mit uralten Fotonegativen auf Glasplatten, die die Bewohner des Dorfes und der Küstenorte am Meer in den Jahren von 1895 - 1900 portraitieren. Bernt bereitet die Bilder auf, Anna forscht über die Motive und organisiert eine Foto-Ausstellung, die viele Menschen sehen wollen. In ihrem Buch hält sie Erzählungen der italienischen und fremden Besucher fest und zeichnet auf feinfühlige Art ein buntes Mosaik der Menschen, die in dem heute international gewordenen Dorf zusammengefunden haben. Der Wandel des Dorfes von einem nur auf Maultierpfaden zugänglichen Ort traditioneller Olivenbauern vor 125 Jahren zum heutigen europäischen Feriendomizil vollzieht sich hinter der schönen Fassade allerdings nicht immer ganz reibungslos...
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ina Hubert hat nach vielen Berufsjahren in der Entwicklungszusammenarbeit mit dem Schreiben begonnen. Ihr erstes Buch führt die Leser nach Italien. Als Soziologin und Sprachwissenschaftlerin interessiert sie sich für den gesellschaftlichen Wandel im 20. Jahrhundert.
Kapitel 1: Der Sonntag danach
Ende der Ausstellung Verspätete Besucher: Franziska, Paola, Alfred
Kapitel 2: Der Montag davor
Beginn der Ausstellung – Erster Hauskauf durch Ausländer Besucher – Marco, Signora Grazietta
Kapitel 3: Dienstag
Objets trouvés – Künstler suchen Dorf Besucher: Rosetta, Monique, Petra, Andreas, Elsa, Erdmuthe
Kapitel 4: Mittwoch
Alte Mauern – Handwerk, Handel und Wandel Besucher: Ahmad, Emilio, Peter
Kapitel 5: Donnerstag
Beziehungsgeflechte – Wer Zwietracht sät Besucher: Norbert, Rosalina, Dorothea, Vincenzo
Kapitel 6: Freitag
Alte Wurzeln – Enkel und Ahnen Besucher: Gilberto, Camillo, Alessandra, Filippo
Kapitel 7: Samstag
Straßenfest mit dem Verschönerungsverein
Kapitel 8:
Etwas später im Jahr Nach einem Jahr
Liste der Personen und Lageskizze der Häuser im Roman
Das wäre geschafft! Es ist ein wunderschöner Abend. Am westlichen Himmel deuten lila und rosa Streifen an, dass die Sonne gerade hinter der Bergkette versunken ist, die hinter dem ligurischen Bergdorf Villa den Talkessel abschließt. Etwas müde drückt Anna die beiden Flügel der verwelkten alten Holztür des alten Oratoriums (Bethaus) zu und bringt den Bügel des kleinen Anhängeschlosses in seine Stellung. Überglücklich und zufrieden schaut sie zurück durch den kleinen Schlitz der halb geöffneten Tür ins Innere. Der letzte Tag ihrer Fotoausstellung war noch einmal richtig anstrengend. Die Drahtvorrichtungen an der Decke und an den Wänden, an denen die 120 Jahre alten Fotografien befestigt waren, hatte sie am späten Nachmittag zusammen mit ihrem Partner Bernt, seiner Großnichte Sonny und anderen lieben Helfern abgenommen.
Sonny haben sie gerade unten in „ihrem“ Küstenstädtchen am Tyrrhenischen Meer zum Bahnhof gebracht. Es sei himmlisch gewesen bei Onkel und Tante in Villa, und sie sei traurig abzureisen, hat sie mit einem verträumten Lächeln zum Abschied gesagt. Zwei Wochen hat sie im ligurischen Olivendorf oberhalb der Küste verbracht und kräftig mitgeholfen, die vergrößerten Aufnahmen aus dem vorigen Jahrhundert zu montieren, zu beschriften, im Oratorium sowie am Haus von Anna und Bernt aufzuhängen. Quer über der kleinen Gasse neben dem Haus hängt noch immer ein lebensgroßes Bild von einem jungen Mann, und man kann sich vorstellen, wie er vor vermutlich 120 Jahren eben diesen schmalen Weg heraufgestapft kam. Das Konterfei von zwei Damen steht am unteren Ende der Gasse vor dem heutigen „Schwedenhaus“ auf einer Holzstaffelei. Und am Fuß der Rampe, die von der Piazza hoch zum Oratorium führt, wurde mit Hilfe einiger tüchtiger Nachbarn ein Banner mit Wegweisern zur Ausstellung angebracht. Bei all diesen Arbeiten war Sonny eifrig und gelenkig, mit Nägeln, Hammer und Zangen bewaffnet, auf Leitern und an Hauswänden emporgeklettert, mehr oder weniger verstohlen bewundert von all den helfenden Männern. Besonders Stefano, der junge Sohn des Schlossers aus Annas italienischer Nachbarschaft, konnte sich kaum sattsehen an der hübschen, blonden Sonny und wachte sehr besorgt darüber, dass sie sich nicht verletzte, bei all den Kraxeleien. Sollte sich da etwas angebahnt haben? Sonny hatte immerhin einmal verschmitzt bemerkt, dass sie ihn sehr nett finde und er ihr ein wenig Italienisch beigebracht habe.
Annas und Bernts weite Reisen nach Afrika und Asien und ihre langjährigen Aufenthalte dort im Rahmen von Entwicklungsprojekten haben ihr Interesse und ihre Empathie für andere Gesellschaften und Traditionen befördert. Bereits als Kind hatte Anna ein ausgeprägtes Interesse für archäologische Ausgrabungen gezeigt. Ausgiebig hat sie in den Nachkriegstrümmern gewühlt, in der Hoffnung auf historische Funde zu stoßen. Stolz hat sie dann die eigenhändig ausgegrabenen und gesäuberten Steine, Scherben und Tierskelette in ein benachbartes Museum getragen und dem Museumswärter, der mittlerweile ihr heimlicher Freund geworden war, zum Auslegen dieser Funde zusammen mit den anderen Kostbarkeiten in den hübschen Glasvitrinen gebracht.
Das alles hat sich natürlich im Laufe der Jahre relativiert. Dem Sprachenstudium folgte nach einigen Jahren das Soziologiestudium, was ihr ermöglichte, zusammen mit Bernt, dem Stadtplaner, in die Welt zu ziehen und als soziologische Beraterin bei vielen Fachthemen der Entwicklungszusammenarbeit mitzuwirken. Nach 30 Jahren intensiver Auslandstätigkeit hatten beide den Wunsch, einen hübschen Ort in Ligurien zu finden, um sich eine Ferienbleibe am Mittelmeer zu schaffen. Sie fuhren zurück in den kleinen Ort Villa, den sie bereits in den Siebzigerjahren durch Besuche bei ehemaligen Nachbarn kennen gelernt hatten. Sie hatten Glück und fanden dort das Haus ihrer Träume. Hier verschmolzen die Erinnerungen an Afrika und Asien in wundersamer Weise. Viele der warmherzigen, lauten und mitunter chaotisch erscheinenden Verhaltensweisen der Ligurer erinnerten sie an Afrika, die Olivenhaine auf steinigen Terrassen und die steilen Mauleselpfade an Nepal.
Seitdem in ihrem Nachbarhaus – genannt das Schwedenhaus – vor einem Jahr antike Fotonegative auf Glasplättchen mit alten Dorfansichten und Porträts gefunden worden waren, ist viel passiert. Ein Dorfverschönerungsverein mit dem klingenden Namen „Villa im Herzen“ wurde gegründet und widmet nun dem Dorf und seiner Geschichte viel Aufmerksamkeit. Anna hat gerade noch einmal die Eintragungen im Gästebuch gelesen. Was könnte man daraus schließen? Vielleicht hat sich im Dorf etwas verändert, vielleicht ist etwas wachgerüttelt, wieder zum Leben erweckt worden? Es ist, als würden lose Enden langsam wieder zusammenwachsen. Viele Personen der Vergangenheit, ihre Geschichten und damit ein Teil der Seele dieses Dorfes scheint wieder lebendig geworden zu sein. Etwa 40 Besucherinnen und Besucher aus der Küstenregion, den umliegenden Dörfern und sogar aus Deutschland sind seit der Ausstellungseröffnung am letzten Sonntag hierhergekommen. Die lokalen Besucher haben Anna an die alten Einwohner und deren Geschichten erinnert. Auch daran, wie sich das Dorf verändert hat, wie schon vor Jahrzehnten Scharen von Einwanderern zu den Olivenbauern hinzugekommen sind, sie auch teilweise – das muss man schon sagen – ersetzt haben. Die alte Generation liegt auf dem Friedhof, die jüngere Generation ist an die Küste gezogen. Neue Zuwanderer kamen aus Nord- und Süditalien, später aus Nordeuropa und sogar aus Nordafrika. Außer Italienern leben hier heute Schweizer, Dänen, Norweger, Schweden, Engländer, Marokkaner, Deutsche. Ein buntes, internationales Dorf ist mittlerweile hier entstanden, wo vor hundert Jahren noch ein von der Welt abgeschnittenes Olivendorf lag, das mit viel Tradition, innerer Kultur und Zusammenhalt gesegnet war, von wo aber auch viele junge Nachkommen, besonders in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, auf der Suche nach Arbeit und dem urbanen Leben ausgewandert sind. Was blieb, sind die bäuerlichen Häuser, die Dorfkirche und das Oratorium, alles in bester Lage dem Meer zugewandt.
Wie ein schlafender Drache liegt das Dorf auf einem Bergrücken und streckt sich von oben nach unten und von Norden nach Süden dem Meer entgegen. Um im Bild zu bleiben, könnte man sagen, dass sein langer, dünner Leib aus dicht aneinander gebauten Häusern und Schuppen besteht. Oben, wo der Bergrücken breiter wird und in die Berge übergeht, die das Dorf wie eine weites, zum Meer hin offenes Amphitheater umgeben, hat der Drache seine Hinterbeine nach rechts und links ausgestreckt und seinen dünner werdenden Schwanz in dem Bergwald über dem Dorf versteckt. Dort sind nur noch wenige Reste von alten Hütten und Stützmauern aus jenen Zeiten zu finden, als noch Oliventerrassen bewirtschaftet wurden. Seinen Kopf hat der Drache unten auf die letzte kleine Anhöhe gelegt, wo der Bergrücken steil ins Tal abfällt; so hätte er eine schöne Aussicht auf das Mittelmeer, wenn er mal blinzeln würde.
Hinter seinem Hals sitzt die Kirche wie ein Reiter in seinem Sattel und sorgt dafür, dass der Drache schön ruhig bleibt und den Einwohnern kein Ungemach bereitet. Vor der Kirche liegt die Piazza, auf die man kommt, wenn man mit dem Auto von dem Hauptort Casaldi ins Dorf hinauffährt. Ein Teil dieses Dorfplatzes wird, wie in vielen italienischen Dörfern, als Parkplatz genutzt. Wer sich auskennt, kann über eine steile Rampe bis auf den Kopf des Drachen fahren; dort gibt es in Miniaturausgabe dieselbe Szene noch einmal: auf dem Kopf reitet hier das Oratorium und davor gibt es wieder eine Piazza, dieses Mal wesentlich kleiner, aber ebenfalls genutzt als Parkplatz. Von hier kommt man nur zu Fuß weiter und gelangt über die typischen engen Gassen zu einigen der großen alten Häuser, die sich die etwas wohlhabenderen Olivenbauern vor ungefähr 300 Jahren in bester Lage und mit kleinen Nutzbauten und Gartenterrassen an den Seiten mit Sicht aufs Meer erbaut haben.
Vom Vorplatz des Oratoriums sind es nur etwa 50 Meter bis zu Annas und Bernts Haus, das man sich wie die linke Schläfe des Drachen vorstellen könnte; jedenfalls kann Anna aus dem Arbeitszimmer sehr schön auf das Meer und ins Tal hinunterschauen. Der Blick nach rechts wird von der Nase des Drachen bzw. einem Nachbarhaus begrenzt. An dieses schließt sich ein großer Block von weiteren Nachbarhäusern an; eines davon bildet die rechte Schläfe des Drachen, das einst von dem Schweizer erworben wurde, der als erster ausländischer Immobilienkäufer das Dorf „entdeckt“ hatte – so ähnlich wie Kolumbus einstmals West-Indien.
Von außen gesehen macht das alte Bethaus aus der Barockzeit einen eher nichtssagenden Eindruck. Das rechteckige Gebäude mit seinen alten Mauern, dem abblätternden Putz, dem grauen Dach und den kleinen eckigen Luken im oberen Bereich an den Seitenwänden öffnet sich zu dem kleinen Vorplatz hin. Dort steht seit mindestens 100 Jahren, das kann man aus alten Fotos schließen, ein alter Mandelbaum. Eine meistens halb geöffnete, zerfurchte Holztür und ein rostiges Gitter geben den Blick frei in sein Inneres. Ein halbmondförmiges Fenster über dem Eingang wirft ein schwaches Licht hinein, am gegenüberliegenden Ende schließt eine Apsis mit einem ähnlich geformten Fenster über einem Altar den Raum ab. Man erkennt außer ein paar bunten Fresken an der Decke und Engelchen aus bröckelndem weißem Stuck vor allem Risse und Spuren von grünem Schimmel. Dieses Bethaus stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist älter als die eigentliche Dorfkirche. Es ist der Heiligen Franziska von Alessandria gewidmet. Die wunderschöne bemalte Holz-Statue dieser Heiligen, eine würdige Darstellung einer Frau in kostbarer Kleidung, die früher einmal Bestandteil und Schmuck des Oratoriums war, steht heute in der Hauptkirche, ein paar Dutzend Meter weiter auf dem Dorfplatz.
Die wesentlich größere Kirche ist in ihrem Erscheinungsbild ebenfalls schlicht, hat aber einen später angebauten, etwas gedrungenen Glockenturm mit einem orange-roten Dach. Diese Dächer haben hier in der Gegend oft die Form eines Zwiebelturms, aber dieser gleicht eher einem Kürbis. Jede Stunde erklingt eine scheppernde Glocke, und man fragt sich, aus welchem Metall sie wohl gegossen ist. Man fühlt sich an die Filme über Don Camillo und Peppone erinnert, aber leider gibt es hier keinen mutigen Priester mehr und erst recht keinen kommunistischen Bürgermeister; ein reisender Priester hält nur bei Bedarf die Messe und ein Bürgermeister sitzt im Rathaus, im Hauptort der Kommune, Casaldi, circa drei Kilometer entfernt. Allerdings ist diese Kirche innen überaus prächtig ausgestattet, was jeden Besucher überrascht und in Staunen versetzt. Auch sie stammt aus dem 16. Jahrhundert, ist allerdings ein paar Jahre jünger als das Oratorium. Man weiß heute, dass beide Kirchen sowie etliche kleinere Kapellen am Rande des Dorfes und in den Oliventerrassen von ortsansässigen Olivenbauern eigenhändig finanziert und errichtet wurden. Dabei gilt es zu bedenken, dass Einnahmen früher allein aus Oliven und Öl erzielt wurden. Hier, etwa 350 Meter über dem Meer lebten vor 300 Jahren um die vierhundert Menschen, die ganz auf den Olivenanbau angewiesen waren. Heute sind es nur noch circa vierzig dauerhaft hier Wohnende und saisonweise etliche Ferienhausbesitzer und deren Besucher. Das Leben der früheren Einwohner war eng mit den religiösen Festen und ihren schönen Kirchen verwoben. Dort wurden Kinder getauft und Tote beklagt, Heilige verehrt, Ehen geschlossen, dort wurde gesungen, gelitten und gefeiert. Lokale Pfarrer dokumentierten viele Begebenheiten und berichteten über Jahre hinweg die kleinen Ereignisse an ihre Bischöfe. Diese und andere Niederschriften aus Archiven, die Freunde des Dorfes ausgegraben und verfügbar gemacht haben, sind Quellen der Enthüllungen und Geschichten, aus denen Anna schöpfen konnte und die sie sehr inspiriert haben, sich in das frühere Leben der Menschen hier hineinzudenken.
Vor ca. 100 Jahren hatte ein begabter Fotograf aus dem Ort, Bernardo, das Leben der früheren Einwohner von Villa in hervorragender Weise in seinen schwarz-weißen Bildern festgehalten. Bernardo war ein in Turin ausgebildeter Ingenieur und Hobby-Fotograf zugleich. Es zog ihn immer wieder ins Dorf zurück, wo er wie ein Chronist Familienmitglieder und Dorfeinwohner ablichtete. Die Fotos zeigen Porträts von Frauen und Männern, wie sie in ihrer besten Kleidung, sozusagen im Sonntagsstaat, vor ihren Häusern stehen, wie sie auf den Feldern arbeiten, wie sie ihre Kinder zur Taufe festlich geschmückt haben oder wie sie ihre kleinen Babys – das war damals üblich – eingewickelt haben. Sie zeigen ganze Familien in ihren Innenräumen, wie sie bei Brot und Wein am Tisch sitzen oder vor ihren massiven Holzbetten stehen. Auf anderen Bildern zeigt der Fotograf, wie die städtische Bevölkerung in den Küstenstädten lebte und arbeitete und wie sie das Strandleben um die Jahrhundertwende genoss. Diese Schwarz-Weiß-Fotos auf Glasnegativen hat Bernt abfotografiert und dadurch digitalisiert. Danach hat er sie fototechnisch bearbeitet und vergrößert. Gemäß einiger schriftlicher Hinweise des Fotografen Bernardo datieren sie von 1895 bis 1900. Für die Ausstellung haben Anna und Bernt die Ablichtungen auf weißes Papier geklebt, um sie besser an den von der Decke hängenden Installationen im Oratorium befestigen zu können. Die baulichen Veränderungen im Dorf haben Anna und Bernt versucht, anhand von Bildkopien aus einem Album aus den Sechzigerjahren, das auf Tischen ausliegt, und von eigenen Vergleichsfotos aus der Gegenwart einzufangen. Außerdem ist am Eingang neben der Türe eine alte Katasterkarte angebracht, anhand derer man ehemalige Ortsnamen identifizieren kann. Und im Fonds des Oratoriums hängen ein paar fotografische Ansichten von Gegenden, die Anna und Bernt nicht identifizieren konnten – sozusagen als Rätselbilder.
Die Anmerkungen im Gästebuch zeigen, dass die Ausstellung sehr von den Besuchern geschätzt wurde, Erinnerungen in ihnen wachgerufen hat und sie wirklich Freude daran hatten, aber auch, dass sich neue Fragen stellten, zum Beispiel wie die jüngere Generation mit diesem internationalen Feriendorf in Zukunft umgehen wird, ob sie die sich eröffnenden neuen Gelegenheiten konstruktiv aufnehmen oder sich vom Dorf ganz abwenden wird.
„Grazie per l’impegno che avete messo per ricreare la storia di questo villaggio e aver riaffiorato i ricordi del paese. La mostra è stata bella e interessante!“
„Danke für die Mühe, die Sie aufbrachten, um die Geschichte dieses Dorfes wieder ins Bewusstsein zu rufen und um die Erinnerungen der Gegend zu bebildern. Die Ausstellung ist schön und interessant!”
„Ciò che per noi è ‚scontato‘, agli occhi di tanti ‚stranieri‘ diventa meravigliosamente interessante. E quasi una magia, di cui vi ringraziamo.“
„Was für uns normal erscheint, wird in den Augen vieler Fremder wunderbar interessant. Das ist beinahe magisch, dafür danken wir euch.” „Non avrei mai immaginato tanto amore per questo piccolo ma grande paese. Grazie, mille volte grazie.“
„Ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemand so viel Liebe für diesen kleinen, aber großartigen Ort aufbringen könnte. Danke, tausend Dank.“
„Veramente un grazie infinito per la vostra sensibilità. Un regalo per le nuove generazioni.“
„Wir danken euch wirklich unendlich für eure Sensibilität. Ein Geschenk für die neuen Generationen.“
„Complimenti vivissimi per il grande lavoro e l’eccezionale risultato. Grazie per avercelo presentato e per aver conservato tanto prezioso materiale.”
„Großes Kompliment für diese großartige Arbeit und das erreichte Resultat. Danke, dass ihr uns das vorgestellt und so viel wertvolles Material für uns aufbewahrt habt.“
Franziska,das Bild und der Fotograf
Annas Nachbarin Franziska, die schöne blonde Hanseatin, kommt gerade aus dem ‚Hamburger Haus‘ die Gasse herauf zum Oratorium gelaufen. „Ciao, Anna, wo sind die Bilder, die du mir schenken wolltest?“, ruft sie ihr zu. – „Ich habe sie auf dem Tisch für dich zusammengerollt, ich hole sie dir rasch.“
Anna hatte noch am Samstag einen Aushang gemacht mit dem Angebot, dass am Ende der Ausstellung die ausgestellten Bilder verschenkt werden können. Dieses Schild war zwar im Laufe der Ausstellung auf merkwürdige Weise von der Außenseite der Holztür verschwunden, aber Franziska hatte sich dennoch an das Versprechen erinnert.
Anna händigt Franziska die Bilder aus, die sie und ihre Kinder sich ausgesucht haben und in ihrem Haus aufhängen wollen. „Franziska, du hast dir eines der schönsten Porträts der Ausstellung ausgesucht. Falls ich mal ein Buch herausgebe, käme dieses Foto sicherlich auf die Titelseite“, fügt Anna hinzu. Franziska schlägt vor, zuhause zusammen mit den Kindern das Bild nochmals anzuschauen und zu entscheiden, wo es hängen soll.
Es zeigt ein älteres Paar mit zwei Kindern und dem für die Region typischen schwarz-weiß gefleckten Jagdhund, der auf einem Stuhl sitzt, vor der Hauswand eines gemauerten bäuerlichen Hauses. Die beiden Erwachsenen, wohl die Eltern der Kinder, wenden sich etwas schräg zur linken Seite und schauen aus dem Bild hinaus, während das kleine Mädchen zu ihren Füßen und der Hund direkt in die Kamera blicken. Der Mann trägt einen etwas knittrigen, schwarzen Anzug mit Weste, ein weißes Hemd ohne Kragen und einen Hut, fesch nach hinten gerückt. Er ist hager, hat fülliges dunkles Haar und einen Schnurrbart. Sein linkes Bein ist nach vorn gestellt, die rechte Hand hält das Revers seiner Jacke. Über der linken Schulter hängt ein Gewehr, und mit der Hand hält er den Hund am Halsband fest. Er sieht noch jugendlich aus, lächelt mit geschlossenen Lippen. Seine Frau, etwas kleiner als er, wirkt ein wenig verhärmt. Sie trägt ein langes dunkles Kleid mit einer Brosche am Hals, die Haare zu einem Dutt aufgesteckt. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, und ein bescheidenes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Im rechten Arm hält sie ein schlafendes Kleinkind, das ein Spitzenhäubchen und ein hell kariertes weites Kleidchen mit einem weißen Kragen trägt. Unter dem Kleid schaut ein weiteres Stück Spitze hervor. Die Hand der Frau ruht auf den Schultern ihrer etwa vierjährigen Tochter, die vor ihr steht. Das kleine Mädchen trägt eine Schleife im zurückgekämmten langen Haar. In seinem hellen Kleidchen und den hoch geschnürten Lederstiefeln, im Arm eine Puppe, steht es stramm da und schaut etwas erstaunt, fast ängstlich mit großen Augen in die Kamera.
Die Familie steht vor der Fassade eines bäuerlichen Steinhauses; man erkennt Fenster, eine Türe und kunstvoll gemauerte Torbögen.
Anna und Franziska setzen sich gemütlich auf die kleine Terrasse über dem Torbogen und legen das Bild vor sich auf den Tisch. Franziskas große Tochter schaut ihnen interessiert über die Schultern. „Wie süß die Kleine aussieht und wie sie angezogen ist!“ ruft Franziskas Tochter. „Wisst ihr, wer das Mädchen ist?“ fragt Anna. „Nein“, antwortet Franziska, „sag bloß, das ist jemand aus dem Dorf, den wir noch kennen?“ „Nicht direkt“, erwidert Anna, „aber vielleicht erinnerst du dich an eine gewisse Giovanna, eine kleine ältere Dame, die ab und zu mit ihrem Mann im Sommer für ein paar Tage herauf kam in einem alten Fiat? Sie wohnte in dem weißen Anbau drüben am Ende der Reihe der Häuser in der kleinen Gasse neben dem Oratorium. Das kleine Mädchen auf deinem Bild ist nämlich Giovannas Mutter, die Erwachsenen sind ihre Großeltern. Sie lebten damals in dem ursprünglichen bäuerlichen Haus, das neben dem Anbau steht. Dieses Haus wurde inzwischen umgebaut, aber die alten Bögen und Mauern kommen noch zum Vorschein. Hier auf dem Bild steht die Familie genau davor“, erklärt Anna. „Ach ja, die alte zierliche Giovanna, ich weiß, wen du meinst“, sagt Franziska. „Ich habe erst kürzlich mit einem ihrer Söhne gesprochen, der seine Ferien jetzt öfters mit seiner Familie in dem weißen Anbau verbringt.“
„Genau“, sagt Anna, „es gibt zwei Söhne; einen von ihnen habe ich auch mal getroffen und nach seiner Familiengeschichte gefragt. Da hat er mir ein wenig über seine Mutter und seine Großmutter erzählt. Giovannas Mutter stammte aus einer ortsansässigen Familie mit dem Nachnamen, den früher fast alle Einwohner hier hatten. Sie hatte schwere Zeiten durchzustehen. In den Kriegsjahren hat sie alleine als junge Frau mit ihrer Tochter im Dorf gewohnt und ein paar Zimmer vermietet. Sie war eine Frau, die schon früh aus dem Dorf hinaus strebte, was in der damaligen Zeit für eine Frau eher eine Seltenheit war. Sie zog an die Küste, verliebte sich in einen mobilen Händler aus Italiens Süden und folgte ihm auf seinen Verkaufstouren. Dann wurde Giovanna geboren, aber die Beziehung zu dem Händler war leider gescheitert. Giovannas Mutter kam zurück ins Dorf und zog ihre Tochter alleine auf. Ihre eigenen Eltern, die alten Herrschaften hier auf dem Bild, waren bereits früh gestorben. Das alles erzählte mir Giovannas Sohn, der bestätigte, dass er dieses herrliche Familienporträt auch selbst besitzt.“ Nachdenklich schauen Anna und Franziska das Bild an und versuchen, sich in die Zeit des Fotos, aber auch in jene der Kriegsjahre hineinzuversetzen. „Man stelle sich vor, in jener Zeit eine alleinerziehende Mutter in einem abgelegenen Olivendorf zu sein“, meint Franziska. „Ich möchte nicht in ihrer Lage gewesen sein.“ „Ja, das war sicher nicht einfach“, pflichtet Anna ihr bei. „Und wohin soll nun das Foto, Franziska?“ „Ich glaube, hier im Esszimmer neben dem Buffet hätte es einen guten Platz. Was meinst du?“, fragt Franziska. Sie laufen hinüber und probieren es aus. „Ja, prima“, pflichtet ihr Anna bei und schlendert zurück zur Ausstellung.
Über die Identität des Fotografen, der dieses Bild und die anderen wundervollen Aufnahmen gemacht hatte, war Anna und Bernt zunächst wenig bekannt, außer dass er der Onkel einer sehr alten Frau namens Franca war. Diese hatten sie sogar noch kennengelernt, als sie in den frühen Siebzigerjahren ab und zu im Dorf ihre Ferien bei Freunden verbracht hatten, die ein Haus hinter der Dorfkirche aufgebaut hatten. Franca lebte in einem Teil des Häuserkomplexes an der Vorderseite des Dorfes. Sie kam in langen schwarzen Kleidern zu Fuß die Gassen heraufgestiegen, auf dem Kopf ein Bündel geschnittenes Gras für ihre Ziege. Auch der Vorbesitzer in Franziskas Haus, Volker, ein Künstler aus Hamburg, hat sie noch kennengelernt, als er in den frühen Neunzigerjahren sein Haus erstand. Es war die alte Franca, die Volker angeblich stolz erzählte, dass sie einen Onkel hatte, der ein ‚ingegnere‘ (Bauingenieur) war und als Junge eine klösterliche Schule in einer großen Küstenstadt besucht hat. Er hatte stets viele Fotos gemacht hat, von denen sie einige wie einen teuren Schatz in einer Holztruhe aufbewahrte. Das war Bernardo.
Bernardo war also ganz offensichtlich in einem jener Häuser des großen quadratischen Komplexes groß geworden, deren Besitzer heute zum Teil Franziska und ihre Familie, zu einem anderen Teil die Nachkommen des ersten Hauskäufers aus der Schweiz und zu wieder einem anderen Teil neuerdings eine schwedische Familie ist. Er war eines der wenigen Dorfkinder, das für damalige Verhältnisse ziemlich privilegiert war, denn seine Erziehung und Ausbildung fielen doch sehr aus dem Rahmen, ungewöhnlich für eine Bauernfamilie aus diesem Dorf. Einige seiner Fotos erlauben kleine biografische Einblicke – ein paar Bilder zeigen zum Beispiel Padres in Kutten, was auf seine Schulfreunde und seine Nähe zur Kirche hindeutet. Andere zeigen städtische Gebäude und das Strandleben in der Küstenstadt unterhalb der Dörfer, was vermuten lässt, dass er zum Stadtmenschen geworden war. Keines der Fotos jedoch zeigt ihn selbst; nur einmal hatte er sich selbst als Schatten abgebildet. Und auf einigen Bildern verrät ein an die Wand gehängter Hut irgendwo am Bildrand seine heimliche Handschrift – ganz offensichtlich hatte Bernardo Humor!
Auf jeden Fall muss er den Menschen in dem heute noch original vorhandenen Gebäudekomplex der in einem Block aneinandergebauten Häuser in Annas Nachbarschaft viele Besuche abgestattet haben, davon zeugen all jene Bilder, die in der Ausstellung gezeigt werden. Einige seiner feinen Aufschriften auf den Kartons mit den Glasnegativen zeigen, dass er seine eigenen Eltern, Brüder, Schwestern, Neffen und Nichten und eventuell Besucher und Nachbarn abgelichtet hatte. Die Mauern und Arkaden des großen Gehöfts zur Meeresseite hin dienten ihm oft als willkommene Kulisse, vor denen viele der Familienmitglieder posieren mussten. Auch der Eingang zu einem der Gebäudeteile am unteren Ende der Gasse, direkt gegenüber der Ecke von Annas Haus, ist auf einigen Fotos klar wiederzuerkennen.
Paola,ihre Familie und die neue Heimat
Von der anderen Seite kommt Paola die Rampe von der Piazza herauf und hält ein Stück zerknäultes Papier in der Hand. „Habt ihr das vielleicht verloren? Es lag unten auf der Straße“, fragt sie. „Oh ja, das ist das Plakat, das ich an die Tür geheftet hatte. Vielleicht hat es der Wind weggeweht“, sagt Anna. Es ist tatsächlich das verloren geglaubte Plakat mit dem Angebot an die Besucher, sich nach der Ausstellung Fotos abzuholen. Offenbar hatte der Wind es von der Eingangstür losgerissen. Anna hatte schon Schlimmeres vermutet, womöglich hatte es jemand abgenommen? Vielleicht gab es Widerstände gegen diese Ausstellung, vermutete sie. Die Besucher waren begeistert, aber wer wusste schon so genau, wie manche Dorfbewohner wirklich reagierten.
Die Ausstellungsvorbereitungen hatten nämlich ergeben, dass es eine andere Chronistin der Dorfgeschichte gab. Carmela, Paolas Tochter, hatte vor vielen Jahren zusammen mit Freunden ein Album mit Familienfotos aus dem Leben der Dorfbewohner zusammengestellt und es „Per non dimenticare“ (Um nicht zu vergessen) genannt. Sie verband damit einen liebevollen, emotionalen Appell, der auch als Text im Album vermerkt ist, die Erinnerung an die alten Einwohner mit Respekt zu bewahren. Der Text lässt darauf schließen, dass sie dieses Dorf sehr liebt und das langsame Verschwinden der alten Einwohner und der Dorftraditionen zutiefst bedauert. Es lässt auch vermuten, dass sie die Verwandlung des Dorfes zu einem Feriendorf überwiegend für Ausländer nicht als nur vorteilhaft erfahren hat.
Das Album enthält eine etwas wild zusammen gewürfelte Ansammlung von Familienfotos, Dorfansichten, Prozessionen, Hochzeiten, vor allem aus den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren. Dabei werden die damaligen Bewohner meistens mit ihren Ruf- und Spitznamen vorgestellt. Diese sind entweder Hinweise auf ihre Berufe, ihre Herkunft, ihre väterliche Familie, oder es sind einfach Verniedlichungen oder Verulkungen ihrer ursprünglichen Namen, z.B. il calzolaio (der Schuster), il Piemontese (der Mann aus Piemont), Giannollu (der kleine Hans). Für Außenstehende, die diese Menschen nicht kennen, heißt es, eine schwere Nuss zu knacken, wenn man herausfinden will, wer die einzelnen Personen waren und in welcher Beziehung sie zueinanderstanden, denn sie trugen beinahe ausschließlich den gleichen Nachnamen. Nur ein „di“ (von) in Verbindung mit einem anderen Vornamen z.B. Federico di Niccolò, verrät, dass Niccolò der Vater von Federico war. Oft führt einen das aber auch nicht weiter im Verständnis der Verwandtschaftsverhältnisse der Familien untereinander. Für Ausländer ist es ein Puzzlespiel, doch für Einheimische ein genauer Hinweis dafür, mit wem man verwandt ist und vor allem, wie die Gebäude- und Geländeteile einmal vererbt wurden. Die später zugewanderten italienischen und ausländischen Dorfbewohner spielen in dem Album verständlicherweise kaum eine Rolle.
Carmela selbst gehört nicht zu den alteingesessenen Dorfbewohnern, sie kam in den Achtzigerjahren zusammen mit ihrer Familie aus Kalabrien, die hier eine neue Heimat suchte. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg waren schon immer viele Wanderarbeiter aus dem verarmten Süden und aus dem benachbarten Piemont in die Olivendörfer gekommen, um im Winter bei der Olivenernte zu helfen. Manche fanden hier die Liebe ihres Lebens, verheirateten sich und blieben, andere kehrten jedes Jahr zurück. Oft war die Liebe im Spiel, so auch bei Carmelas Bruder Raffaele, der zunächst alleine als Arbeitssuchender für eine Saison gekommen war. Er verliebte sich in eine junge Frau, die heute noch in Annas Nachbarschaft lebt. Damals war sie ein Mädchen aus der nahe gelegenen Hafenstadt. Als er zurückkam, brachte er seine gesamte Familie mit.
In der Ausstellung wollte Anna zunächst ausschließlich die gefundenen Fotos von Bernardo aus den Jahren 1895-1900 zeigen. Die ursprünglich teilweise beschädigten und verstaubten Glasnegative, in Zigarettenetuigroße Pappschachteln verpackt, waren nach einiger Zeit des Vergessens während eines Umbaus im heutigen Schwedenhaus wieder aufgetaucht.
Da die neuen Besitzer des Hauses nichts damit anzufangen wussten, hatten sich Bernt und Anna der Glasnegative angenommen. Bei den vorsichtigen, eigenhändigen Entwicklungsmaßnahmen kam eine wunderbare Sammlung antiker Aufnahmen zum Vorschein, für die damalige Zeit von großartiger fotografischer Qualität. Sie wollten diese gerne einem größeren Publikum vorstellen.
Auch war es Anna seit Langem schon ein Anliegen, ein stärkeres Bewusstsein für die Geschichte der Menschen im Dorf zu schaffen, den wunderbaren alten Bauernhäusern und Mauern wieder Leben einzuhauchen und bei Besuchern einen größeren Respekt vor der schwierigen Existenz und dem Wirken seiner ehemaligen Bewohner hervorzurufen. Schließlich wohnten sie in den alten Gemäuern, deren schiefe Winkel, Ecken, Anbauten und Kanten viele Geschichten zu erzählen schienen. Dies war ihr deshalb so wichtig geworden, weil sie den Funktionswandel und die Veränderung des Dorfes von einem armen, auf den Olivenhügeln versteckten und schwer zugänglichen Dorf, in herrlicher Lage über dem Meer, hin zu einem Feriendorf mit ständig wechselnden Besuchern aus aller Welt darstellen wollte. Die damit verbundenen sozialen Veränderungen schienen ihr besonders interessant. Da die meisten Kurzzeit-Besucher heute hauptsächlich am Strandleben und ihren eigenen familiären oder gruppendynamischen Aktivitäten oder aber an ausschließlicher Ruhe in den alten Häusern und auf den Terrassen interessiert sind, fehlt ihnen oft der Zugang zur Geschichte des Dorfes. Sie zeigen wenig bis kein Interesse für die zugegebenermaßen kaum noch sichtbare alte Dorfkultur. Dafür gibt es bisher leider auch kaum Angebote oder Anregungen im Dorf. Diese Veränderung und die Ignoranz vieler Touristen schmerzen Anna schon lange und haben sie dazu geführt, über eine Ausstellung nachzudenken, die an die Alltagskultur der Bewohner erinnert.
Die Aufnahmen in dem besagten Album von Carmela hatten Anna bereits zu einem früheren Zeitpunkt fasziniert, hauptsächlich jene aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Sie fühlte sich inspiriert, mehr über die Häuser und ihre Bewohner herauszufinden. Carmelas Album bot wirklich einen reichhaltigen Einblick in das damalige Leben und Treiben im Dorf. Man konnte aus den Bildern viele Geschichten erahnen, wenn man sich bemühte. Carmela hatte sich einen großen Verdienst erworben mit diesem Kompendium, das nun für alle verfügbar war und das mehr bot als etwa die eigenen vergilbten Fotos in der Kommodenschublade der eigenen Großmutter. Anna hatte die im Album erwähnten biografischen Daten und Namen der dargestellten Personen gründlich studiert, sich auf dem Friedhof um Ergänzungen bemüht und einige Geschichten der einheimischen und später zugezogenen Bewohner gesammelt. Sie fand dabei zwar kaum Verbindungen zu den viel älteren Aufnahmen von Bernardo, war aber dennoch der Meinung, dass einige von Carmelas gesammelten Fotos eine ideale Ergänzung wären, um in der Ausstellung den sozialen Wandel des Dorfes zu illustrieren. Sie hatte dabei nicht vordergründig an Porträts oder Familienfotos gedacht, sondern an Aufnahmen, die einige der sich im Laufe der Jahrzehnte verändernden Strukturelemente des Dorfes zeigen, zum Beispiel die Piazza, bestimmte Gassen und Häuser, charakteristische Ecken, einige besonders prominente Bäume, die Illustrierung der Wirtschaftsweise und der damals lebendigen Traditionen der Einwohner.
Anna hatte ursprünglich die Idee, um Carmelas Mithilfe zu bitten, um einige Fotos aus dem Album zu vergrößern und aktuellen Bildern der Situation von heute gegenüberzustellen. Da Carmela dies aber leider abgelehnt hatte, zum Teil mit der Begründung, die Fotos dürften nicht weiterverwendet werden, das habe sie den Eigentümern versprochen, bat Anna ein paar Freunde, ihr deren Alben für die kurze Zeit der Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise konnte Anna mehrere Exemplare des Albums auf einem großen Tisch auslegen, um so mit einigen Hinweisen eine visuelle Ergänzung der baulichen Veränderungen im Dorf für die Zuschauer zu schaffen. Einige Aufnahmen von Baulichkeiten, ohne irgendwelche Personen zu zeigen, hat Bernt zudem abfotografiert, vergrößert und neben eigenen aktuellen Aufnahmen der gleichen Situation gehängt.
Carmela ist eine eigenwillige Persönlichkeit. Ihr äußeres Erscheinungsbild ist das einer eher androgyn wirkenden, durchaus attraktiven, jungen Person. Sie versteckt ihr Äußeres unter leger sportlicher Kleidung und einer Schirmmütze, die sie stets trägt, sodass man Augen und Mimik nur erahnen kann. Sie arbeitet als Hausmeisterin, manchmal Pflegerin in privaten Haushalten. Man sieht sie aber auch oft im Dorf, wo sie unter Einsatz all ihrer physischen Kräfte und etlicher schwerer Gerätschaften Gärten, Straßenränder und leere Grundstücke umgräbt, säubert und Berge von abgeschnittenem Laub verbrennt. Wenigstens einmal am Tag überquert sie mit ihren vielen Hunden die Piazza an der Kirche und führt sie im umliegenden Gelände spazieren. Ab und zu fährt sie mit ihrem kleinen Jeep die enge Bergstraße zum Nachbarort entlang, wobei sie kurz hupt und winkt, wenn sie an einem vorüberfährt.
War es möglich, dass Carmela versucht hatte, die Ausstellung zu boykottieren? Vielleicht war das Entfernen des Plakats ihre kleine heimliche Strafaktion gewesen? Anna und Bernt konnten und mochten sich dies nicht vorstellen. Anna vermutet dennoch, dass Carmela sich vielleicht in ihrer Ehre gekränkt fühlte, denn wie konnten Fremde es wagen, Bilder aus dem Leben der einheimischen Bevölkerung in einer großartig angekündigten Ausstellung zu zeigen? Wie konnten sie sich anmaßen, etwas von der lokalen Kultur verstanden zu haben? Und wieso haben sie nicht respektiert, dass die Familien aus dem Dorf, die ihr, Carmela, die Bilder ihrer Liebsten für ein eher ‚intimes‘ Album zur Verfügung gestellt hatten, nicht wünschten, öffentlich ausgestellt zu werden? Vielleicht hatte Carmela ja Recht, dachte Anna und wir haben uns hiermit etwas angeeignet, eine Grenze überschritten, etwas gewagt, was die einheimische Bevölkerung zwar höflich gutheißt, aber im tiefsten Herzen verletzt? Wie das Plakat auf die Straße gelangt war, konnte letzten Endes nicht geklärt werden. Aber die Tatsache, dass Paola, die Mutter von Carmela, das Plakat eben vorbeigebracht hat, lässt Anna spekulieren, dass zumindest sie die Ausstellung wohlwollend zur Kenntnis genommen hat. Anna hofft, dass sie irgendwann noch einmal Gelegenheit hat, ausführlicher mit Carmela über ihre Vermutungen zu sprechen.
„Danke, Paola“, sagt Anna und nimmt das Schild entgegen. Es hat ja nun seine Schuldigkeit getan. Paola geht am Oratorium vorbei und steuert auf das Hamburger Haus zu. Sie wird wohl bei Franziska vorbeischauen, denn die beiden sind gut befreundet. Paola schaut öfters nach Franziskas Haus, wenn diese nicht da ist. Jetzt wird sie sie wahrscheinlich begrüßen wollen.
Alfredund seine Feriengäste
Alfred, Annas und Bernts schwedischer Nachbar aus dem Haus unterhalb ihres eigenen, schlendert am Oratorium vorbei. „Did you see the exhibition?“, fragt ihn Anna. Schließlich war er es, in dessen Haus die Glasnegative gefunden worden waren. „Yes, quite nice“, ist sein Kommentar. Dabei kann Anna sich nicht erinnern, dass er auch nur einen Fuß in die Ausstellung gesetzt hat. Er wohnt gerade bei einer Freundin im Oberdorf und trägt kurz ein paar Taschen hinunter zu seinem eigenen Haus. Bereits sein Schwiegervater Jan, der als erfahrener Architekt die Umbauarbeiten an dem Schwedenhaus geplant und überwacht hat, hatte Anna davon in Kenntnis gesetzt, dass seine Tochter und sein Schwiegersohn wenig Interesse an historischen Sachverhalten oder dem Leben der anderen Dorfbewohner zeigten.
Als Jan zu Beginn der Bauzeit wieder einmal aus Schweden in einer Tag-und-Nacht-Fahrt bis nach Ligurien durchgebraust war und man in dem Haus noch nicht übernachten konnte, wohnte er ein paar Tage in Annas Gästeapartment. Das von ihm geplante neue alte Haus nahm immer mehr die Gestalt eines Landhauses im Toskana-Stil an, mit gepflasterten Terrassen auf mehreren Niveaus, wenig Grün, keinem Baum, kaum Schatten, einem offenen Duschplatz unter einer hölzernen Vorrichtung, einem Ständer aus Holz mit Drähten zum Wäscheaufhängen, einem Deko-Mühlstein, einem Essplatz mit Grillanlage im Freien, ebenfalls ohne Überdachung.
