Gespenster-Krimi 47 - Horror-Serie - Ian Rolf Hill - E-Book

Gespenster-Krimi 47 - Horror-Serie E-Book

Ian Rolf Hill

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Beschreibung

Es war das Zerrbild eines menschlichen Wesens! Mühsam bäumte es sich auf und stieß ein grässliches Fauchen aus, das seinen Häschern über das nächtliche Moor entgegenwehte wie das bösartige Zischen einer riesigen Schlange. Der Hunger biss und nagte in seinen Eingeweiden, sodass es kaum fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Es hatte zwar erst vor Kurzem gespeist, doch der Kampf gegen die einfältigen Narren am helllichten Tag, hatte es seiner Kraft beraubt ...

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Seitenzahl: 131

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Inhalt

Cover

Impressum

Wucherungen des Wahnsinns

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati / BLITZ-Verlag

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9928-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Wucherungendes Wahnsinns

von Ian Rolf Hill

Prolog

Es war das Zerrbild eines menschlichen Wesens, das sich aufbäumte und ein grässliches Fauchen ausstieß, das seinen Häschern über das nächtliche Moor entgegenwehte wie das bösartige Zischen einer riesigen Schlange. Der Hunger biss und nagte in seinen Eingeweiden, sodass es kaum fähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Es hatte zwar erst vor Kurzem gespeist, doch der Kampf gegen die einfältigen Narren am helllichten Tag hatte es seiner Kraft beraubt.

Reingelegt hatten sie ihn, diese vermaledeiten Bauern!

Erst geködert mit ihrer eigenen, ruchlosen Brut und anschließend mit Fackeln, hölzernen Spießen, Äxten und Kreuzen ins Moor getrieben …

Das Wesen verharrte für einen Moment und legte den Kopf in den Nacken. Es richtete den Blick seiner trüben Augen in den dunklen Himmel, suchte das volle Rund des Mondes, dessen Licht ihm Kraft und Stärke verlieh. Doch sein nächtlicher Begleiter verbarg sich hinter dicken Wolkenbänken und ließ seinen Schützling im Stich. Das Geschrei und Gegröle der Menge, das er für einen kurzen Augenblick verdrängt hatte, drang nun umso lauter an sein empfindliches Gehör.

Das Wesen senkte den Kopf und starrte in das Moor hinaus, in dessen Weite kleine Lichter aufblitzten. Gehetzt warf es einen Blick über die Schulter und gewahrte die Mauer aus Leibern, die vom zuckenden Schein der Fackeln beleuchtet wurde.

Es stieß ein drohendes Knurren aus und spürte die Wut in sich aufsteigen, die für einen Wimpernschlag die Angst überlagerte, die sein totes Herz umklammerte. Wie schwach und leicht zu überwältigen war doch der einzelne Mensch – und wie stark und bedrohlich wurde er, wenn er in der Gemeinschaft auftrat.

Unmöglich konnte er es mit ihnen allen aufnehmen. Schon gar nicht in seinem geschwächten Zustand. Er musste sich verstecken und Kraft sammeln. Erst das Blut von Tieren, später vielleicht das von Wanderern. Er hatte einen entscheidenden Vorteil, und das war die Zeit, die seinem Dasein kein Ende zu setzen vermochte. Bekam er keine Nahrung, dörrte er aus und fiel schließlich in eine totenähnliche Starre, nur dass er eben nicht endgültig sterben würde. Im Gegenteil, in diesem Zustand würde er in der Lage sein, Jahrhunderte zu überdauern.

Unwillig schüttelte die Kreatur den Schädel und stieß ein abfälliges Schnauben aus, bevor sie sich in Bewegung setzte. Hinein in das nächtliche Moor, das ihr Schutz vor den Häschern gewähren würde.

O schaurig ist's übers Moor zu gehn …

»Willst du es dir nicht noch einmal überlegen, Frieda?«

Sabrina Berger stand in der offenen Schlafzimmertür und beobachtete ihre Mitbewohnerin dabei, wie diese hektisch Kleidungsstücke in einen großen Koffer warf.

Ohne in ihrem Tun innezuhalten antwortete Frieda: »Was gibt’s da zu überlegen? Die Vorlesungen für dieses Semester sind gelaufen, und ich habe Tante Sieglinde viel zu lange schon nicht mehr besucht. Außerdem habe ich in Moordieck die nötige Ruhe, um diese Hausarbeit zu schreiben.«

Mit ihren langen, dunkelblonden Haaren, die wie Seide schimmerten, und den rehbraunen Augen über der Stupsnase war Frieda der Traum vieler Kommilitonen. Ein Umstand, der für einigen Wirbel im Leben der unternehmungslustigen Germanistik-Studentin sorgte, die generell zu überstürzten Reaktionen neigte.

So wie jetzt.

Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete ihre beste Freundin und Mitbewohnerin in Personalunion, wie Frieda eine dicke Winterjacke aus dem Kleiderschrank zerrte und achtlos in den Koffer schleuderte. Es war Hochsommer, und die Thermometer zeigten knapp unter dreißig Grad.

»Ich bezweifele, dass das die wahren Gründe für deine Reise sind.«

Frieda ließ die Arme hängen und beäugte die dicke Jacke. Mit Tränen in den Augen drehte sie sich zu Sabrina um.

»Mario ist so ein Arsch.«

Kraftlos ließ sie sich auf die Kante des Bettes sinken, auf dem der Koffer darauf wartete, gefüllt zu werden. Sabrina betrat das Zimmer und nahm neben Frieda Platz. Sanft legte sie ihr einen Arm um die Schulter. »He, was ist denn los? Vor zwei Tagen wart ihr doch noch ein Herz und eine Seele. Letzte Woche wolltet ihr sogar noch mit nach Italien.«

Frieda zog die Nase hoch und kramte aus der halb offenen Schublade des Nachttisches eine Packung Taschentücher. Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und putzte sich umständlich die Nase. »Nirgendwo fahr ich mit dem hin. Sorry, es tut mir leid, aber ich muss wirklich raus hier. Am besten allein.«

Sabrina wiegte die Freundin in den Armen. »Was ist denn eigentlich passiert?«

Frieda ließ das Taschentuch sinken. »Vorgestern bin ich noch mal ins Seven gegangen. Ich wollte Mario überraschen … und da … und da … hab ich ihn mit Luisa gesehen.«

Das Seven war die Szenekneipe, in der Friedas Kommilitone und derzeitiger Freund Mario kellnerte. Auch Frieda kehrte dort häufiger ein, doch vor zwei Tagen hatte sie Mario deutlich zu verstehen gegeben, dass sie keine Zeit hätte und unbedingt an dieser Hausarbeit schreiben müsse. Mario war wütend und enttäuscht gewesen, hatte aber schließlich eingesehen, dass er Frieda nicht von ihrem einmal gefassten Entschluss abbringen konnte.

Nur hatte die den ganzen Abend über ein schlechtes Gewissen gehabt, und sich sowieso nicht auf das Thema der Hausarbeit konzentrieren können. Und so war es gekommen, wie es hatte kommen müssen.

Mario, kein Kind von Traurigkeit, hatte den monatelangen Avancen von Luisa nachgegeben und kurz nach Thekenschluss die rassige Schönheit leidenschaftlich geküsst. Ausgerechnet als Frieda auftauchte, um ihren Freund abzuholen. Ohne ein Wort zu sagen, war sie fortgerannt.

Jetzt war Sabrina auch klar, weshalb sich ihre Freundin und Mitbewohnerin die letzten anderthalb Tage über so merkwürdig verhalten hatte.

»Oh, dieses Miststück«, kommentierte sie Luisas Benehmen, die dafür bekannt war, den Männern den Kopf zu verdrehen. Umso mehr, wenn diese in einer Beziehung oder sogar verheiratet waren. In Sabrinas Augen hatte Luisa ein echtes Problem. Nichtsdestotrotz gehörten zu einem Betrug immer zwei.

Sabrina überlegte kurz, während Frieda damit fortfuhr, ihre Sachen zu packen. Diesmal sichtlich geordneter. Offenbar hatte es geholfen, ihrer Freundin das Herz auszuschütten. Sabrina sah ihr eine Weile zu. Schließlich sagte sie: »Vielleicht ist es das Beste so. Ja, fahr ruhig zu deiner Tante nach Moordieck. Bring Abstand zwischen dich und Mario. Warte ab, ob er sich meldet. Aber versprich mir, dass du nicht sofort antwortest, wenn er dir schreibt. Lass ihn schmoren.«

Frieda schloss den Koffer und lächelte ihre Freundin an. »Das mache ich. Und, hey, es tut mir leid wegen Apulien.«

Sabrina winkte ab. »Mach dir darüber keine Gedanken, Herzchen. Thomas und ich können uns auch allein amüsieren. Mario und diese Zicke Luisa nehmen wir jedenfalls nicht mit. Versprochen.«

»Du bist ein Schatz«, rief Frieda und konnte schon wieder lachen. Sabrina hatte ein echtes Talent dafür, immer das richtige Wort zur rechten Zeit zu finden.

Die Freundinnen umarmten sich innig, bevor Frieda ihre Sachen in den kleinen VW Polo lud und sich auf den Weg nach Moordieck machte. Ihre winkende Hand, die sie aus dem offenen Seitenfenster hielt, war das Letzte, was Sabrina von ihr sah, ehe der Kleinwagen um die Ecke bog.

Die Fahrt auf der dicht befahrenen Autobahn dauerte fast drei Stunden. Offenbar war halb Deutschland unterwegs und zwar genau in dieselbe Richtung, die auch Frieda eingeschlagen hatte. Seufzend ergab sich die junge Frau in ihr Schicksal. Was hatte sie denn erwartet? Es war schließlich Urlaubszeit.

Auf der Hälfte der Strecke verfluchte Frieda ihre Kurzentschlossenheit und wäre sicherlich umgekehrt, wenn sie sich nicht schon längst bei Tante Sieglinde angemeldet hätte. Die ältere Frau freute sich ein Loch in den Bauch. Viel zu lange hatte sie ihre Nichte vermisst.

Und so ertrug Frieda die Fahrerei im überhitzten Volkswagen mit stoischer Gelassenheit. Ein Königreich für eine Klimaanlange, dachte sie missmutig. Da sie eine wahre Frohnatur war, hielt ihre trübsinnige Stimmung nicht lange an, und je mehr sie sich dem kleinen Dorf Moordieck in der Heide näherte, desto besser wurde ihre Laune.

Vergnügt pfiff sie vor sich hin, als der Kleinwagen über die schmale Landstraße in das malerische Dörfchen zuckelte. In Moordieck war zwar nicht die Zeit stehen geblieben, doch das Leben war hier spürbar entschleunigt. Keine Spur von Großstadthektik. Hier warteten die Autofahrer noch geduldig, wenn ein Landwirt seine Kuhherde umsiedelte und sie über die Straße führte. Niemand käme auf die Idee deshalb zu hupen oder Stress zu machen.

Obwohl der strenge Geruch der Tiere für die empfindliche Nase der Studentin gewöhnungsbedürftig war, lächelte sie still in sich hinein. Beidseits der Straße sah sie die wunderschönen, alten Bauernhäuser mit den gepflegten Vorgärten. Eine behagliche Stille lag über dem Dorf. Es war früher Nachmittag, und die Dörfler hatten eben erst ihre Mittagsruhe beendet. Die war für die Bewohner von Moordieck eine zwingende Selbstverständlichkeit. Wehe dem, der es wagte, um diese Zeit den Rasenmäher anzuwerfen.

Der Landwirt mit seinen Kühen bog in eine kleine Seitengasse ab, und Frieda konnte endlich wieder Gas geben. Lachend winkte sie dem Burschen auf dem Traktor zu, der lässig an den Schirm seiner alten Schiebermütze tippte.

Weit brauchte die Studentin nicht mehr zu fahren, obwohl Tante Sieglindes Haus am anderen Ende des Dorfes stand, beschattet von hohen Eichen.

Frieda bekam ein schlechtes Gewissen, als sie das vertraute Anwesen sah, mit dem sie so viele liebgewonnene Kindheitserinnerungen verband. Sie ließ sich viel zu selten hier blicken, und sie wusste, wie sehr Tante Sieglinde an ihr hing, denn eigene Kinder waren ihr und ihrem verstorbenen Mann Bruno leider nie vergönnt gewesen.

Dabei hätte es Frieda gefallen, eine Cousine oder einen Cousin zu haben. Ihr Bruder Max war acht Jahre älter als sie und schon früh von zu Hause weggezogen, sodass er schnell die obligatorischen Besuche nicht mehr mitgemacht hatte. Mittlerweile arbeitete er für eine große Bank in Bayern, und die Geschwister sahen sich nur noch selten. Eigentlich gar nicht mehr, seit ihre eigenen Eltern vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.

Friedas Vater war Tante Sieglindes Bruder gewesen und hatte mit seiner Frau in einem Dorf gut zehn Kilometer von hier entfernt gelebt. Nach dem Tod hatte Max, der Erbe des Hauses, alles verkauft und der Heimat gänzlich den Rücken gekehrt.

Frieda hingegen hatte sich voll und ganz in ihr Studium gestürzt und auch die gut gemeinten Angebote ihrer Tante, sie zu besuchen, immer wieder ausgeschlagen. Stattdessen hatte die kontaktfreudige Studentin ihren Kummer in den Armen häufig wechselnder Liebhaber zu vergessen gesucht.

Frieda steuerte den VW an den Rand der Straße, die hinter dem Haus ihrer Tante direkt in einen Feldweg überging. Der wurde bestenfalls von Traktoren befahren. Die Studentin hatte den Motor noch nicht abgestellt, da erschien bereits die vertraute Gestalt von Tante Sieglinde in der offenen Tür des rustikalen Bauernhauses.

Auch jetzt trug sie eine ihrer obligatorischen Kittelschürzen, die so viele schöne Erinnerungen wachrief. Vorweihnachtliches Keksebacken, Gartenarbeit, Brettspiele und natürlich Herr Kater. Wie so oft stromerte die alte schwarze Katze um die Beine der gutmütigen Frau. Frieda kannte das Tier nur als Herr Kater.

Der musste doch auch schon fünfzehn Jahre auf dem Buckel haben, oder?

Frieda stieg aus dem Auto und fand sich sofort in der festen Umarmung ihrer Tante wieder.

»Frieda, Kind, was bin ich froh dich zu sehen. Bist du gut hergekommen? Lass dich anschauen. Mein Gott, wie hübsch du geworden bist.«

Frieda lachte. »Tantchen, ich krieg gar keine Luft mehr. Ich freue mich ja auch dich zu sehen. Und dich natürlich auch, Herr Kater.«

Nachdem Tante Sieglinde sie losgelassen hatte, beugte sich zu dem Tier hinunter, um ihm den Kopf zu streicheln, den es um Aufmerksamkeit heischend an den Beinen der Studentin rieb.

Er stellte sich sogar kurz auf die Hinterbeine, um das Köpfchen gegen die Hand des Zweibeiners zu stupsen. Allerdings kam das Tier nicht mehr so hoch wie früher. Auch Herr Kater wurde älter.

»Jetzt komm erst mal rein, Liebes. Ich habe Kaffee und Kuchen gemacht. Du musst ja richtig ausgehungert sein. Wie dünn du geworden bist. Komm, Frieda, komm.«

Frieda schnappte sich Koffer und Rucksack und folgte ihrer Tante, die die Tasche mit dem Laptop trug. Herr Kater trottete maunzend hinterher. Ein Leckerli musste doch wenigstens drin sein.

Das hatte Frieda auch tatsächlich nicht vergessen und kramte die Tüte mit den Knuspertaschen aus dem vorderen Fach ihres Rucksacks, den sie auf die Eckbank in der Küche stellte. Den Koffer hatte sie im Eingangsbereich stehen lassen, der so groß war wie ihr Zimmer in der Studenten-WG.

Überhaupt war alles im Haus riesig, wenn man bedachte, wie eng der Wohnraum teilweise in den Großstädten war. Selbst wenn Frieda sich auf die Zehenspitzen stellte und die Arme nach oben reckte, fehlte mindestens noch ein Meter bis zur getäfelten Decke.

Die Küche, die direkt gegenüber der Eingangstür lag, war groß genug, damit auch ein Esstisch darin Platz fand, an dem locker acht Personen sitzen konnten. Von hier aus erreichte man auch die kleine Speisekammer, die zugleich als Durchgang zum Hof fungierte.

Ein breiter Flur führte zwischen Küche und Eingangsbereich zu den übrigen Räumlichkeiten. Die alten Möbel aus dunkel gebeiztem Holz verstärkten den rustikalen Eindruck. Hier stammte nichts von irgendwelchen schwedischen Möbel-Discountern. An den Wänden hingen gerahmte Landschaftsgemälde. Küche und Flur besaßen einen steinernen Fußboden, der zu jeder Jahreszeit kalt war, sodass Frieda ihre Sandalen zunächst anbehielt.

Schmunzelnd sah sie dabei zu, wie sich Herr Kater auf die Hinterbeine stellte und mit den vorderen Tatzen vorsichtig ihre Hand ergriff, um sich daran festzuhalten, während er die ihm dargebotene Köstlichkeit verschlang.

»Na, da freut sich aber jemand über deinen Besuch«, bemerkte Tante Sieglinde lächelnd, während sie ein Tablett mit Geschirr, Kaffeekanne, Milch und Kuchenplatte belud. Frieda erwiderte das Lächeln. »Es scheint, er hat mich noch nicht vergessen.«

»Wie könnte er auch? Herr Kater ist alt, aber nicht senil. Ich bin froh, dass er noch da ist.«

Frieda nickte gedankenverloren und hob entschuldigend die Schultern, als das letzte Leckerli aus ihrer Hand verschwunden war und Herr Kater fragend maunzte.

»Das glaube ich dir gern. Wie alt ist er jetzt? Fünfzehn?«

»Dreizehn. Und wenn er so weitermacht wird er zwanzig. Zum Glück herrscht hier kein Durchgangsverkehr. Die Bauern mit den Treckern kennt er schließlich. Und sie kennen ihn.«

Tante Sieglinde wollte das schwere Tablett anheben, um es nach draußen in den Hof zu tragen, wo der klobige Gartentisch mit den Holzstühlen stand. Frieda sah es und verscheuchte die ältere Dame, die die Sechzig schon lange überschritten hatte. Ihr Haar war mit den Jahren grau geworden. Auch an ihr war die Zeit nicht spurlos vorübergegangen.

»Nix da, Tantchen. Das Tablett trage ich. Noch kenne ich den Weg nach draußen.«

Durch einen Vorhang aus Plastikstreifen, der Fliegen und andere Insekten draußen halten sollte, erreichten die beiden Frauen den Hof. Die ersten Meter waren gepflastert, ehe der Rasen begann, der zum nahen Waldrand hin leicht anstieg. Der aromatische Geruch von Kiefernnadeln drang in Friedas Nase und ließ erneut Erinnerungen in ihr aufsteigen.

Wie sie als kleines Mädchen mit den anderen Kindern aus dem Dorf hier gespielt hatte.

Damals hatte sich keiner der Erwachsenen Sorgen gemacht, wenn sie im Wald spielten.

Statt eines Zaunes wurde das Grundstück von einer dichten Hecke aus Hainbuchen begrenzt. Auch das hatte Frieda immer gemocht. Auf der rechten Seite standen hohe Fichten, die den Blick zum Nachbargrundstück verdeckten. Zur anderen Seite hin erstreckten sich weite Äcker auf denen meistens Spargel, Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben angebaut wurden.

Frieda stellte das Tablett auf den wuchtigen Holztisch, den Onkel Bruno aus Eichenholz gebaut hatte. Ebenso wie die rustikalen Holzstühle und die beiden Bänke, die an den Längsseiten des Tisches standen.

Tante Sieglinde verteilte Teller und Tassen, während Frieda den Kuchen anschnitt. Erdbeere und Kirsche, und später im Jahr würde es wieder Pflaumenkuchen geben. Sie liebte die frischen Obstkuchen ihrer Tante.