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Lia, eine etwas über 40jährige Frau, fährt ans Ligurische Meer. Vorübergehend trennt sie sich von ihrem Freund Steff. Die beiden wollen ihre langjährige Beziehung überdenken. Für diese Auszeit mietet Lia eine Wohnung mit Sicht auf das Meer. Sie erkundet Landschaft, Farben, Düfte, zeichnet und denkt über ihr Leben nach. Täglich fährt sie nach Noli, trifft einen ausgehungerten Kater, den sie Jonas tauft und sich um ihn kümmert. Lia lernt einen alten Mann kennen, ein deutscher Bildhauer. Die Fischer gaben ihm den Spitznamen "Noli". Allabendlich, während die Fischer ihre Netze auslegen, fährt er hinaus, um seine unruhigen Nächte auf seinem Boot zu verbringen. Niemand weiss so genau, warum. Lia und 'Noli' freunden sich an und führen Gespräche über ihr Schicksal. Voller Vertrauen erzählt 'Noli' seine heimliche Geschichte, seine Schwächen und seine Trauer, die er nicht überwinden kann, weil seine Frau ihn für immer verlassen hat. Schlaflosigkeit und Schmerz lassen ihn nächtens aufs Meer hinaus fliehen. In Varigotti begegnet Lia einer Opernsängerin. Anna, eine etwas über 50jährige, elegante Frau, die mit einem Dirigenten verheiratet ist. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine aussergewöhnliche Beziehung. Anna lädt Lia nach Genua zur Galavorstellung ein. In Genua kommt Lia auf die Spur eines wahren Geheimnisses. In Noli steht ein grosses Stadtfest in Vorbereitung. Anna erhält von der Gemeinde den Auftrag, zu singen; sie sagt nur zu, weil Lia sie darum bittet. Auf dem Fest erfährt nun auch 'Noli' von der Wahrheit. Ahnungslos tanzen Anna, 'Noli' und Lia durch den Abend. Um Mitternacht verabschiedet sich 'Noli', er fährt trotz des vielen Alkohols noch zum Meer hinaus und kehrt nicht wieder zurück. Lia erzählt Anna diese Tragödie und legt ihr gehütetes Geständnis ab. Lias Auszeit geht zu Ende, sie fährt zurück zu Steff. Anna und Lia trennen sich und gehen beide ihren eingeschlagenen Weg.
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Impressum:
Susanne Kneisl, Zürich
Satz und Gestaltung Atelier Papyr-X Zürich
Susanne Kneisl
1948 in Österreich geboren.
Fundstücke, die das Meer
ans Ufer spülte, kurz belichtet
und von der nächsten Welle
wieder weggetragen.
So tauchten die Bilder in
diesem Roman an die Oberfläche,
funkelten und verschwanden wieder –
gleichnishaft –
aber nicht übereinstimmend
mit lebenden Personen.
Kurzinfo
Klappentext
Eine sehnsuchterweckende Geschichte über Auszeit, Verlust und Liebe. Neben einer ungewöhnlichen Beziehung, Meer, Kunst, gutes Essen, Farben und Düften, nähert man sich immer mehr an die Spur eines lange verborgenen Geheimnisses.
Klappentext
Lia, eine etwas über 40jährige Frau, fährt ans Ligurische Meer. Vorübergehend trennt sie sich von ihrem Freund Steff. Die beiden wollen in gegenseitigem Einverständnis ihre langjährige Beziehung überdenken.
Für diese Auszeit mietet Lia eine kleine Wohnung in Varigotti, mit Sicht auf das Meer.
Sie erkundet die Landschaft, die Farben und Düfte, zeichnet und denkt über ihr Leben nach.
Täglich fährt sie ins Nachbarstädtchen Noli, wo sie eines Tages einen ausgehungerten Kater findet, den sie kurzerhand Jonas tauft und um den sie sich rührend kümmert.
Dort lernt sie auch einen alten Mann kennen, Noli, die Fischer gaben ihm diesen Spitznamen, wie der Ortsname selbst. Er ist ein deutscher Bildhauer, über achtzig und lebt seit langer Zeit in Italien. Allabendlich, während die Fischer ihre Netze auslegen, fährt ‚Noli’ hinaus, um seine unruhigen Nächte auf seinem Boot zu verbringen. Niemand weiss so genau, warum.
Lia und Noli freunden sich an, eine zärtliche und fürsorgliche Freundschaft entsteht zwischen den beiden. Von diesem Tag an führen sie Gespräche über das Leben und ihrer beider Schicksal. Voller Vertrauen erzählt Noli seine heimliche Geschichte, seine Schwächen und seine Trauer, die er nicht überwinden kann, weil seine Frau ihn für immer verlassen hat. Schlaflosigkeit und Schmerz lassen ihn nächtens aufs Meer hinaus fliehen.
In Varigotti begegnet Lia einer Opernsängerin. Anna, eine etwas über 50jährige, elegante Frau, die mit einem Dirigenten verheiratet ist. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine aussergewöhnliche Beziehung.
Anna lädt Lia nach Genua ein, wo sie einen Auftritt in einer Galavorstellung hat. Lia ist überwältigt von der Oper und von Annas Wesen. In Genua kommt Lia auf die Spur eines wahren Geheimnisses, welches Lia allerdings für sich behält.
In Noli steht ein grosses Stadtfest in Vorbereitung. Anna erhält von der Gemeinde den Auftrag, zu singen; sie sagt nur zu, weil Lia sie darum bittet.
Auf dem Fest erfährt nun auch Noli von der Wahrheit. Ahnungslos tanzen Anna, Noli und Lia durch den Abend. Um Mitternacht verabschiedet sich Noli, er fährt trotz des vielen Alkohols noch zum Meer hinaus und kehrt nicht wieder zurück.
Lia erzählt Anna diese Tragödie und legt ihr gehütetes Geständnis ab.
Die ersten grauen Wolken verdichteten sich zunehmend zu einem schweren, gewitterhaften Himmel. Einzelne, grosse Tropfen fielen auf die Strasse, und der Asphalt dampfte in der Hitze. Lia fuhr etwas langsamer, denn jeden Augenblick würde es regnen. Sie stellte den Scheibenwischer ein, machte das Fenster zu und drehte die Lüftung auf die höchste Stufe. Die Windschutzscheibe lief an. Mitten in Albenga hagelte es, und in kürzester Zeit war die Strasse weiss. Lia musste anhalten; sie fuhr auf den nächsten Parkplatz und liess die haselnussgrossen Hagelkörner auf ihr Auto prasseln. Mit beiden Händen hielt sie sich die Ohren zu und kniff die Augen zusammen, als würde sie ihren Wagen vor den kleinen Beulen, die sie schon auf dem blauen Blech wie Tüpfelchen auf dem Dach sah, schützen. Das Hagelgewitter hatte den Verkehr zum Erliegen gebracht. Als das Unwetter etwas nachliess, schlich Lia in ihrem Wagen im Schritttempo durch das Zentrum. Sie brauchte mehr als eine Stunde, um die Stadt zu durchqueren. Sie dachte, während sie sich ganz nach vorn über das Steuer beugte: ‚Wie wenig es doch braucht, unsere wohl gelobte Technik lahm zu legen’.
In Varigotti hatte sie eine kleine Wohnung gemietet mit Sicht auf das Meer. Das kleine Städtchen, das Lia besonders liebte wegen der drei, vier kubischen Häuser, die abseits der Hauptstrasse direkt am Meer lagen. Sie erinnerten sie an Griechenland, wo die Häuser terrassenförmig ineinander verschachtelt sind, nur hier trotzen die Gemäuer im verwaschenen Gelb, Abricot und Blau dem Wind. Die Balkone schienen in der Luft zu hängen, und wenn man hinunterschaute, sah man auf den winzigen Kiesstrand, wo nur noch ein altes, ausrangiertes Schiff lag, dessen Farbe zum grössten Teil abgeblättert war. Sie parkte den Wagen vor dem Haus und lud das Gepäck aus. Das Fahrrad, das sie immer mitnahm, wenn sie ans Meer fuhr, musste sie richtig aus dem kleinen Auto zwängen, dem sie dann auch jedes Mal ein paar Kratzer verpasste. Die Eingangstür war verwittert, aber das verblasste, etruskische Rot herrschte noch vor. Lia stellte ihr Fahrrad in das enge, nach Moder riechende Treppenhaus, packte Koffer und Reisetasche, trug sie hinauf in die Wohnung. Sogleich öffnete sie die Balkontüre, um die abgestandene Luft etwas zu erfrischen. Die Wolken türmten sich wie Schneeberge auf am Horizont, die Wellen schlugen sanft auf den Kiesstrand. Lia schaute hinaus, wärmte sich an der Sonne, lehnte sich auf die Brüstung und liess sich von den weissen Wolkengebilden mitziehen, bis Tiger und Bär miteinander verschmolzen und der Wind sie allmählich davontrug.
Lia versorgte ihre Sachen im Schrank, stellte sich vor den Spiegel und zog den Lidschatten etwas nach. Sie hatte zugenommen, worüber sie sich ärgerte.
‚Wenn ich nur mehr Disziplin hätte beim Essen’, sagte sie, in ihrer Eitelkeit beleidigt, mürrisch vor sich hin.
Aus der Reisetasche nahm sie das Skizzenbuch und einen Bleistift und setzte sich auf den Bettrand. Die Räume waren hoch gebaut, wegen der Hitze, sagte damals die Vermieterin.
In jedem Zimmer hing eine hässliche Lampe in der Mitte, deren Licht matt auf die weiss gekalkten, feuchten Wände schimmerte. Lia ging hinaus auf den Balkon und setzte sich an das kleine, runde, etwas angerostete Tischchen, wo gerade noch Platz war für einen einzigen Stuhl. Sie öffnete das Skizzenbuch, fuhr mit dem Bleistift dem Horizont nach und malte mit einem dünnen Pinsel eine blaue Wasserlandschaft. Sie verharrte mit dem Blick auf das Meer, schaute auf das unruhig gleissende Licht, das auf dem Wasser silbern flimmerte. Lange ist es her, seit sie gemalt und gezeichnet hatte. Der Tod von Lynn liess die Farben verblassen. Lynn war Bildhauer und Maler gewesen, ein grosser, kräftiger Mann, er starb vermutlich an der Einsamkeit, am ewigen Kampf um Anerkennung, die ausblieb, weil viele ihn boykottierten aus Neid oder aus Furcht. Er war noch Zeuge der Dreissiger Jahre, in seinen jungen Jahren noch befreundet mit vielen bedeutenden Künstlern aus jener Zeit. Aber Lynn fand seinen Platz nicht in der Ordnung der Galerien und Museen.
Ja, früher war Lia fast jeden Tag in seinem Atelier. Er war es, der ihr beibrachte, wie das Innen-Geschaute in diaphansten Farbklängen auf die Leinwand zu übersetzen war. Er vermochte es, ihr die Kunst über das Herz zu vermitteln. An der Kunstschule lernte sie wohl Zeichnen und Malen, aber das Unaussprechbare, das der Maler dem Betrachter vermitteln will, lernte sie bei ihm. Lynn sagte immer: „Lia, du bist mit meiner Seele verbunden!“
Lia schaute hinaus in das Ungefähre, Tränen fielen ihr auf das Papier und vermischten sich mit dem Blau. ‚Eine blaue Träne auf dem Silberdach’, so hiess das Bild, das sie vor Jahren für Lynn gemalt hatte. Das Herz war ihr schwer, sie legte das Malzeug zur Seite und schloss die Augen. Die Sonne brannte in der Mittagsstunde, Lia war eingeschlafen. Die Glyzinientrauben, sie blühten zum zweiten Mal in diesem Jahr, hingen lautlos vom Dach herunter, die Bienen summten von Blüte zu Blüte und schlürften den schweren Duft aus dem Gelb der Staubbeutel. Es war absolut still, Siesta, nur das gleissende Licht projizierte stumme Schattenbilder auf die zarten Farben der alten Häuser.
Lias Hände lagen entspannt auf ihrem Bauch, schmale, feine Hände, sie wurde oft angesprochen ihrer Hände wegen.
‚Geigerin?’
‚Nein, natürlich nicht’, antwortete sie jeweils bescheiden und konnte gar nicht verstehen, dass man ihr so etwas überhaupt zutraute.
Als junges Mädchen hatte sie zwar in der Schule Geige gespielt, aber sie wusste, dass das Talent zur Musikerin nie ausreichen würde. Sie wurde Grafikerin, arbeitete im Kampf um Termin und Geld, obwohl dies nie ihrem sensiblen Empfinden entsprach. Nach Jahren erlitt sie einen Zusammenbruch, sie war am Ende mit ihren Nerven.
In dieser Zeit innerer Orientierungslosigkeit fuhr sie mit Steff, ihrem Freund, nach Frankreich, um ihr Leben neu zu überdenken. Sie reisten ziellos umher, kramten die über zehn Jahre gesammelten Vorwürfe hervor und schoben sich gegenseitig den Wolfspelz zu. Jede Beziehungskrise erhöhte die Hemmung gegenseitigen Öffnens um eine Umdrehung mehr. Was einmal nach jener Augustnacht so selbstverständlich gewesen war, verzog sich mehr und mehr in ein sozusagen stabiles Sturmtief. Steff wollte die Auseinandersetzungen analysieren, sezieren, Lia dagegen verschloss sich immer eisiger. Steffs Eifersucht, seine ständige Kritik, sei es aus Sorge oder einfach aus Unzufriedenheit, drängte Lia in einen Raum, der sich immer mehr verengte. Aussichtslos. Die Reise, ein leeres Nebeneinanderhergehen, erwies sich als Flucht vor sich selbst. Genau genommen wäre es an der Zeit gewesen, sich zu trennen, mindestens versuchsweise, auf eine bestimmte Zeit. Nein, lieber zerfleischte man sich, als dass man den gewohnten Alltagstrott aufgegeben hätte. Die heimliche Angst vor allem Neuen hinderte sie an der eigentlichen Arbeit, die eine Beziehung erforderte. Zweifelsohne waren da auch wieder freundlichere Zeiten, und man hielt sich an diesem Strohalm für Mutlose fest. Die Angst vor dem Leben überhaupt liess keine Einsamkeit zu. In der Schadhaftigkeit der schleichenden Gewöhnung leugnete jeder sein eigenes Ich.
Dieser oberflächlichen Champagnermeetings wurde Lia überdrüssig und wollte, bevor sie sich ganz verlor, etwas Lebensfreundlicheres in sich wachsen lassen. Sie zog sich von der Werbung fast gänzlich zurück, übernahm in der Stadt ein kleines Antiquariat, das sie durch ein Zeitungsinserat gefunden hatte, um alte Bücher zu verkaufen. In einem der eng aneinander gereihten Häuserblöcke, wo vermooste Fassaden sonnenlos vor sich hin alterten, richtete sie sich im Hinterraum des Antiquariates ein kleines Atelier ein. Das schmale, gegen den Hinterhof hinaus liegende Fenster liess spärliches Licht in den Raum dringen, nur mittags schien für eine halbe Stunde die Sonne herein und verlieh dem Raum einen eigenartigen Reiz.
Obwohl Lia sehr viel las, merkte sie bald, dass sie noch einiges dazu zu lernen hatte, um ihre neue Arbeit zu meistern. Oft trank sie Kaffee mit ihren Kunden, liess sich auch in längere Gespräche ein und lernte dadurch, wo und wie sie die vergriffenen Bücher finden konnte. Der Verdienst war knapp, aber die Freiheit war ihr das wert. Sie merkte bald, dass ihr Steff gar nicht mehr fehlte. Er war als Literaturkritiker nicht immer ausgelastet, so dass er darauf bestand, jeweils am Nachmittag im Laden mitzuhelfen. Ohne etwas zu erwidern, willigte Lia ein. Sie kam sich feig vor, weil sie nicht imstande war, ihm einfach klar zu sagen: ‚Nein!’ Um einem allfälligen Streit auszuweichen, wählte Lia den Weg des geringsten Widerstandes und gab nach. Steff schleppte also nachmittags Bücher, verkaufte sogar, obwohl er eher scheu war und sich lieber hinter seinem Schreibtisch verkroch. Lia schwieg und fand sich mit der halben Freiheit ab.
Aus einem offenen Fenster tönte in dumpfer Lautstärke Klaviermusik. Lia erwachte aus ihrem Tagtraum. Die braunen Stirnfransen fielen ihr locker über ihre melancholischen, graugrünen Augen. Sie fuhr sich mit den Händen kämmend durchs Haar und horchte auf. Jemand sang dazu, übte vermutlich. Eine Frauenstimme so rein und schön, eines ihrer Lieblingsstücke aus der Oper ‚Il Trovatore’. Lia liebte Opern über alles, es musste die Stimme einer Opern- oder Konzertsängerin sein. Noch im Traum versunken sog sie diesen Gesang in sich hinein und liess sich von diesen vollen, traurigen Klängen in die Erinnerung tragen. Jahre ist es her, seit sie diese Oper immer wieder auf den Plattenteller gelegt hatte und in einem sphärischen Rausch der Sopranstimme folgte, die ihr ein fast lustvolles, schmerzliches Empfinden vermittelte.
Inzwischen war es vier Uhr geworden, Lia kleidete sich um, zog schwarze Hosen, eine weisse Bluse und Strandschuhe an. Sie schlug den Kragen hoch, schaute noch einmal in den Spiegel und strich mit den Händen durch ihr wildes Haar. Sie hängte ihre Handtasche um, nahm das Fahrrad und fuhr ins nächste Städtchen, nach Noli. Die Hitze war jetzt schon erträglicher. Die staubige Küstenstrasse schlängelte sich am Meer entlang, der Asphalt glänzte silbern in der Sonne. Ein Lastwagen donnerte an ihr vorbei, und sie musste sich an der Lenkstange festhalten, um nicht durch den Sog des Luftwiderstandes ins Schwanken zu geraten. Lia wischte sich den Schweiss von der Stirn. ‚Nicht ganz ungefährlich’, dachte sie, und stieg vom Fahrrad. Die Luft, ein Gemisch von Diesel und wilden Kräutern, nahm ihr den Atem; zudem stieg die Strasse etwas an, und Lias Unsportlichkeit zwang sie, das Fahrrad neben sich her zu schieben und ein gutes Stück zu Fuss weiter zu gehen. Die Sonne schien im späten Nachmittagslicht auf die mittelalterliche Stadt, die kulissenhaft wie ein liegender Halbmond zwischen Berg und Meer lag. Lia schwang sich auf das Fahrrad und fuhr, diesmal ohne zu bremsen, den Berg hinunter. Steff lachte sie jeweils aus, wenn sie beim Hinunterfahren bremste. Anfangs der Arkaden, bei einer Eisdiele, kettete sie das Fahrrad an, überquerte die Hauptstrasse und setzte sich an einen freien Tisch in einem der zahlreichen Strandcafés. Sie bestellte Cappuccino, blätterte in dem auf dem Tisch liegenden Corriere und lehnte sich in den weissen Plastiksessel zurück. Sie faltete die Zeitung zusammen, bewunderte wie der Cameriere kunstvoll aus Kaffee und Milchschaum, durch langsames Hin- und Herschütteln ein Herz hervorzauberte. Vorsichtig nahm sie einen Schluck Kaffee, um ja nicht das süssbittere Herz zu zerstören.
Der Cameriere lächelte verlegen und sagte: „Il cuore batte solo per l’amore“, und zwinkerte ihr mit dem linken Auge zu.
Lia schlug die Beine übereinander und fühlte ein seltsames Weh, das von der Magengrube her langsam aufstieg zu einer unerträglichen Beklommenheit, die sie erröten liess. Ein Gefühl von schlechtem Gewissen plagte sie plötzlich.
‚Was zum Teufel hat mich bewogen, alleine ans Meer zu fahren, Steff mit der ganzen Arbeit im Hause zurück zu lassen’, fragte sie sich und stellte sich vor, wie er ihr grollte. Und doch, diese elenden Zankereien, die sich in letzter Zeit häuften, brachten sie dazu, aus einer unbedingten, inneren Notwendigkeit Abstand zu nehmen. Sie nahm das Handy und stellte Steffs Nummer ein. Er nahm ab, das Gespräch war friedlich, er fragte nach dem Wetter und ob das Meer noch warm genug sei zum Baden. Also alles in Ordnung.
Vergebens machte sie sich Sorgen um ihn, Steff war doch selbständig genug und auch ganz gerne einmal alleine. Seine hagere Gestalt war ja nicht unbedingt seiner unregelmässigen Essensweise zuzuordnen, vielmehr ein Grund seines Hanges zur Askese.
Lia wie auch Steff waren in alltäglichen Dingen äusserst ungeduldig; das war einer der Gründe, warum sie sich so oft zankten. Mitunter lachten sie darüber und vergassen sogleich die etwas bösartigen Worte, die sie sich gegenseitig mehr oder weniger laut austeilten.
Lia trank nun beruhigt ihren Cappuccino aus und ging zu Fuss zum Fischerhafen. Es war nicht eigentlich ein Fischerhafen im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr ein Teil des Strandes, wo die Fischer ihre Netze flickten und die Boote bereitstellten für die nächtliche Ausfahrt. Lia zog die Schuhe aus, krempelte die Hose bis über die Knie und ging barfuss über den Strand, zuckte manchmal zusammen, weil die Steine, auf die sie trat, an den Fusssohlen schmerzten. Sie biss auf die Zähne und ging so aufrecht wie möglich knietief ins Meer. Das Wasser war vom Hochsommer her noch warm, und so klar, dass man bis auf den Grund sehen konnte. Leider waren keine Muscheln zu finden, nur ausgewaschene, verschiedenfarbige Steine. Lia bückte sich und las rosa und olivgrüne Steine auf, die der Form weisser Bohnen glichen. Das Meer war blaugrau, kleine Schaumkrönchen kräuselten sich im Wind und blitzten auf wie entzündete Wunderkerzen. So ein seltsames Blau und ein solches fast schneetreibendes Glitzern hatte sie noch nie gesehen. Sie blinzelte mit den Augen, um das Wasserschauspiel klarer zu sehen. Mit der Hand schirmte sie die Sonne ab und blickte hinüber zum Kalksteinfelsen Capo di Noli. Steff würde sofort die Kamera nehmen und wie ein Jäger das Bild festhalten wollen, um dem Vergänglichen ein Schnippchen zu schlagen. Lia schaute hin, solange, bis sich das Licht veränderte und das Meer sich ruhig bewegend, schattenlos in tieferem Blau die Wellen auf- und abspielen liess.
Lias Hosen waren jetzt bis über die Knie nass, sie krempelte sie hinunter und setzte sich, immer noch barfuss, auf ein umgekehrt liegendes Schiff. Eine Katze kam neugierig, mit erhobenem Schwanz auf sie zu. Lia bückte sich zu ihr und lockte sie mit dem üblichen ‚ps ps ps’ näher zu sich. Getigert, ein Ohr schwarzweiss, gelbe Augen, mit starkem Schnurrbart, aber etwas abgemagert, schnupperte sie an Lias Finger und liess sich streicheln.
,Ein Kater’, bemerkte sie bei genauerem Hinschauen. Schnurrend strich er um Lias nasse Hosenbeine und bettelte um ein paar Häppchen.
„Jonas“, sagte Lia zu ihm, „nicht jetzt, später kriegst du den Rest meines Nachtessens, das ist versprochen.“
Der Kater legte sich unter das Schiff, leckte sich, als hätte er alles verstanden. Lia zog die Beine an, stützte die Ellenbogen auf die Knie und drückte das Kinn fest auf die Handrücken, die Augen gleichmütig ins Meer gerichtet, vielleicht gegen den Dampfer, der Richtung Genua fuhr.
Zwei Fischer sassen auf einem ausgedienten Benzintank vor ihren Booten, rauchten und besprachen in ihrem Dialekt ihr Vorhaben für den kommenden Fang. Immer wieder hustend, des Zigarettenrauchs wegen, zogen sie langsam die gelben Netze mit berufserfahrener Fertigkeit auf das Boot. Braungebrannt die bärtigen Männer; man sah die Stürme, denen sie entronnen waren, in ihren blitzenden Augen. Das Meer hatte etwas Verbindendes, wenn die Fischer fuhren und den nächtlichen Wogen trotzten, gemeinsam gegen die Gefahr, die das Leben jede Nacht von ihnen forderte. Die Stimmen wurden immer lauter, Schiffe wurden ans Ufer geschleift, Netze aufgehängt und Bottiche ausgespült. Jonas sprang auf das Boot und stubste mit der Nase Lias Rücken.
„Wann endlich gibt’s denn den versprochenen Rest?“, schnurrte das Tier.
Die abendliche Betriebsamkeit war schon in vollem Gange, und es hätte einem fast ein wenig bange werden können inmitten dieser Männerschar. Lia streckte sich, die Knochen taten ihr weh vom langen Sitzen, und sie schaute dem emsigen Treiben zu. Ein einziges Schiff war ohne Netze ausgerüstet, noch unbemannt, blau und weiss der Rumpf, und in roter, etwas zittriger Handschrift, seitlich am Heck stand: ‚QuoVadis.’ Lia hatte dieses Schiff im Auge. – ‚Quo Vadis’ – ‚wohin gehst du?’
Die Abendsonne vergoldete das Meer, ein Glimmerteppich schwamm wie ein Bracelet an der unruhigen Wasseroberfläche. Das Licht war jetzt zu schwach, um Schatten zu werfen; vereinzelt sah man die ersten roten Streifen am Himmel, das Meer rauschte in unermüdlichem, gleichschweren Takt. Lia sah am Ende des Strandes einen älteren, grossen Mann, er hinkte ein bisschen und ging langsamen Schrittes, leicht vornüber geneigt zu den Schiffen. Lia verfolgte ihn mit den Augen. Er trug dunkelblaue, weite Hosen, ein weisses Hemd und eine schwarze Schiffsmütze, eine einsame Gestalt, silhouettenhaft im Gegenlicht. Die Sonne war rot, ein riesiger, fast überlebensgrosser Feuerball färbte die dünnen Schleierwolken rosa, die Stimmen verstummten, und man hörte nur noch das Ächzen der Boote, die jetzt ins Wasser geschoben wurden. Der Mann hielt einen Augenblick inne, drehte sich um und ging, ein paar Worte wechselnd, zwischen den Fischern hindurch, geradewegs auf Lia zu. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.
„Signora, buona sera, fa sempre caldo”, sagte er belanglos in wunderschönem Italienisch.
“Sì, abbastanza, buona sera.”
Er ging auf sein Schiff zu und strich mit der Hand sanft über die rote Schrift. Er nestelte an einem Haken, schraubte einen Deckel auf und füllte Benzin in den Tank.
Er schaute auf, lächelte und fragte so nebenbei: „Da dove viene?“, und machte eine Handbewegung ins Landesinnere.
„Dalla Svizzera, Signore.“
„Sie sprechen aber ganz gut Italienisch“, sagte er plötzlich auf Deutsch, und Lia war mehr als verblüfft, so dass es ihr augenblicklich die Sprache verschlug. Er machte sich daran, das Boot ins Meer zu schleifen.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, und Lia legte kräftig Hand an, um das Schiff ins Wasser zu schieben. Er bedankte sich und sagte: „Ich heisse Noli, sag einfach Noli zu mir, die Fischer hier nennen mich alle so. Wie heisst du?“
„Lia“, sagte sie verlegen und schaute ihm in die wasserblauen Augen.
Langsam stieg er auf sein Schiff, öffnete die Luke zur Koje und zog mehrmals an der Schnur, bis endlich der Motor ansprang. Ein blauer Dunst gurgelte aus einem Loch, knapp oberhalb der Wasserlinie, das vermutlich so etwas wie ein Auspuff sein musste. Das Schiff schaukelte im Leerlauf hin und her, pflitsch, pflatsch, tönte es, und die Metallhaken an den Masten klangen wie ein Windspiel.
Die Fischer zündeten die Karbidlampen an, drehten die Schiffe landauswärts und mit einem dumpf dröhnenden Brummen fuhren sie hinaus. Noli fuhr als Letzter, er stand vorne am Bug, hielt sich mit der einen Hand am Mast fest, mit der anderen am Steuerrad. Lia stand regungslos da, sie blickte hinaus aufs Meer; Tränen liefen ihr über das Gesicht, als wäre es ein Abschied für immer. Nur noch als schaukelnde, schwarze Schatten mit einem Lichtpunkt, der sich im Wasser verdoppelte, fuhren die Fischer in das Dunkel der Nacht. Lia wischte sich die Tränen ab, schämte sich fast ein wenig ihrer Sentimentalität wegen, zog die Strandschuhe an und ging hinauf zum Quai. Eigentlich hatte sie gar keinen Hunger, aber Jonas kam ihr in den Sinn – schon Jonas wegen musste sie essen gehen; sie hatte ihm doch den Rest des Nachtessens versprochen. Ein Versprechen ist ein Versprechen!
Die Italiener promenierten gelassen in ihrer eleganten Abendgarderobe, spazierten auf und ab, parlierten, und das Städtchen leuchtete einladend im warmen Kunstlicht. Ein monotones Gemurmel widerhallte aus den alten Mauern, als führten sie Selbstgespräche, ein Gefühl von Zuhausesein vermittelnd. Lia schlenderte durch die Gassen, es duftete herrlich von allerlei – Risotto, gebratenen Fischen und Pasta. Sie suchte sich ein kleines Restaurant in der obersten Gasse aus, trat ein und setzte sich an ein Tischchen in der Nähe des Kamins. Abends war es schon kühler, im Kamin brannte zwar kein Feuer, aber die Möglichkeit ein Feuer machen zu können, genügte Lia schon, um sich wohlige Wärme einzubilden. Auf dem weissen Tischtuch aus feinem Satin mit gesticktem Schriftzug, ‚Albergo da Romeo’, lagen Stoffservietten und ein Strohkörbchen gefüllt mit Grissini und weissem Brot. Der Padrone selbst kam mit der Karte; ein weisses Tuch um das Handgelenk geschlagen, fragte er freundlich, was er denn zu Trinken bringen solle. Lia bestellte Wein, Ligurischen Rosé, und ein Mineralwasser ohne Kohlensäure. Sie schlug die Karte auf, wusste zwar schon, was sie zum Essen bestellen würde, Fisch nämlich, und sie dachte an Jonas. Der Padrone brachte ein Steinzeugkrüglein mit dem Wein und eine kleine Flasche Mineralwasser.
Lia fragte ihn, was er denn für Fisch hätte. Heute hätte er Branzino al vapore oder Tintenfisch in salsa all'arrabiata zu empfehlen. Sie entschied sich für den Branzino und bestellte dazu einen kleinen Salat. Lia suchte die Toilette auf, um etwas Papier zu holen, um später die Häppchen für Jonas einzupacken.
Sie setzte sich unauffällig wieder an den Tisch und dachte fürsorglich an Steff; so ein Essen hätte er eigentlich auch verdient, und es würde ihm zudem noch gut tun. Sie stellte sich vor, wie er aus dem Kühlschrank eines seiner obligaten Joghurts herausnahm, ein Stück Brot dazu, und womöglich stehend das Ganze verschlang. Lia liebte über alles einen schön gedeckten Tisch mit weissem Tischtuch; ‚Kultur muss sein’, dachte sie, ‚auch wenn man alleine isst’.
‚Warum nur waren sie beide so verschieden, er auf dem Land zu Hause, sie in der Stadt am Meer’, fragte sie sich, während der Padrone ihr das Essen brachte. Es duftete herrlich, Olivenöl mit etwas Knoblauch, Lia teilte den Fisch, die eine Hälfte für sich, die andere für Jonas. Sie ass mehr aus Genuss als aus Hunger, der Fisch schmeckte hervorragend. Sie nahm das Toilettenpapier, schaute nach rechts und nach links, gerade war es günstig, und sie wickelte ungesehen den Fisch ein und steckte das Päckchen in die Hosentasche. – Plötzlich hatte sie es ziemlich eilig und wollte bezahlen. „Il conto per favore“, rief sie dem Padrone zu, „il pasto era buonissimo“, zahlte und verliess das Ristorante.
Das Öl drückte feucht auf ihre Haut, und auf der Hose war ein grosser fettiger Fleck zu sehen. Sie legte die Hand auf den Fleck und ging schnellen Schrittes zum Hafen. Der Strand war leer, nur das umgekehrte Schiff lag im Mondlicht als einsames Überbleibsel noch da. Nichts mehr war zu erkennen, das Nachtlicht flimmerte unruhig im Wasser, und das Rauschen der Wellen trug nächtliche Geheimnisse über das Meer.
„Jonas“, flüsterte Lia, „komm, ps ps ps, das Versprechen“, nichts regte sich, nur immer dieses einsame Rauschen.
„Psp ps ps, komm doch, ich habe dir etwas mitgebracht.“
Lia blieb stehen und wartete. Sie legte das Papier in der Nähe des Schiffes auf den Boden und hoffte, dass der Kater, durch den Geruch angezogen, auftauchen würde. Sie wartete mehr als eine halbe Stunde. Seltsam, wenn Steff sie so lange warten liesse, würde sie wütend den Platz verlassen oder sich mit ihm streiten. Lia ging auf und ab, das Papier mit dem Fisch behielt sie streng im Auge, denn sie wollte sicher sein, dass Jonas sein Häppchen bekäme. Da, ein leises, zittriges Miau. „Ps ps ps, komm doch endlich, bist du’s, Jonas?“
Lia kauerte auf dem Sand und raschelte mit dem Papier, zuerst im Trab, dann noch etwas schneller, kam das Tier, geradeaus, gierig auf den Schmaus zu. Jonas frass ziemlich hastig, biss in die Gräte und würgte den Fisch hinunter, misstrauisch, als würde Lia ihm das eben Gegebene wieder wegnehmen. Der Kater setzte sich hin, den Schwanz im Halbkreis um die Pfoten gelegt, den Kopf leicht nach vorne gestreckt putzte er mit der linken Vorderpfote, immer über das rote Zünglein kreisend, bedächtig das Gesicht. Lia traute sich nicht, ihn zu stören, und wartete geduldig eine ganze Weile, bis sie es wagte, ihn zu streicheln. Jonas bedankte sich schnurrend und strich ihr um die Beine. Lia kraulte ihn am Kinn, „ciao, ciao caro, bis morgen“, und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, zur Hauptstrasse, wo sie ihr Fahrrad deponiert hatte.
Lia schloss hastig die Kette auf, stieg schwungvoll auf das Fahrrad und fuhr ziemlich schnell die Küstenstrasse entlang. Sie trat mit aller Kraft in die Pedalen; getrieben von Angst keuchte sie den Berg hinauf, am Capo di Noli vorbei, und traute sich nicht mehr vom Fahrrad zu steigen.
‚Hätte ich nur den Bus genommen’, dachte sie, aber der letzte fuhr um elf und jetzt war es schon Mitternacht. Wenn Steff nur da wäre; sie würde sich sicher fühlen. ‚Warum habe ich nicht ein Zimmer in Noli gemietet’, – Vorwurf um Vorwurf radelte sie Richtung Westen und beruhigte sich erst, als sie die Lichter von Varigotti erblickte. Sie schwenkte ein, überfuhr das Rotlicht einer Baustelle, bog in ziemlichem Tempo nach links bis vor die Haustüre. Sie kramte den grossen, eisernen Schlüssel aus der Handtasche, schloss auf, stellte das Fahrrad in den Hausgang und schloss sogleich die Türe wieder zu. Sie zitterte vor Anstrengung, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte laut vor sich hin: „Spinnst du eigentlich, wovor brauchst du solche Angst zu haben. Wohl übermüdet.“ Matt stieg sie die Treppe hoch, trat hastig in die Wohnung und schloss zweimal ab. Die Handtasche warf sie schnell auf den Boden, legte sich auf das Bett und schlief in den Kleidern ein.
Die Morgensonne schien schon herbstlich durch den wehenden Vorhang ins Zimmer, und an der Wand wiegte sich das Gittermuster, das sich wie ein Lichtbild durch den lauen Wind bewegte. Das grün gestrichene, breite Eisenbett stand in der Ecke gegenüber dem Fenster.
Lia war halbwach, drehte sich noch ein paar Mal hin und her und dachte so vor sich hin, ‚du musst ja zum Umfallen müde gewesen sein, dass du in den Kleidern ins Bett fielst. So, und jetzt raus mit dir, es ist ja schon neun’. Lia stand auf, zog sich aus und duschte. Im Zimmer roch es nach Fisch. Ach, die Hose mit dem Fleck, sie weichte sie im Lavabo in Seifenwasser ein und öffnete alle Fenster, um diesen öligen Geruch loszuwerden. Sie schlüpfte in ein Paar frische Hosen und in ein T-Shirt, stellte sich vor den Spiegel und schminkte sich die Augen. Das Telefon, Steff, sie sieht seine Nummer auf dem Display.
Ein Arbeiter, der auf dem Nachbarland geholzt hatte, war verunglückt, er hatte sich mit dem Gertel ins Bein gehauen. Steff hatte ihn zum Pronto Soccorso gebracht, die Wunde sei ziemlich tief und der Holzfäller totenbleich, sagte Steff. Sonst sei nichts Ausserordentliches passiert, und übrigens gehe es ihm gut und er arbeite viel auf dem Land. Der tägliche Anruf war wie gewöhnlich liebevoll, und Lia riet ihm, doch auch eine ausgiebige Siesta einzuschalten, um seinen Rücken zu schonen.
Lia nahm Sonnenbrille, Geld für Kaffee und Fleckenmittel, und ging zu Fuss ins Dorf. Der starke Geruch von Kaffee und frischem Brot erweckte in ihr noch grössere Lust auf ein Frühstück. Sie trat in die nächste Bar, nahm eine Brioche aus dem Glaskasten und bestellte den obligaten Cappuccino. Das schwarze Gilet, das der Kellner offen trug, glänzte wie das gewachste Fell eines Rappen. Er hantierte flink hinter der Marmortheke, machte Espresso, Marocchino, und Lias Cappuccino. Mit der Dampfdüse erhitzte er die Milch, schüttelte den Metallkrug ruckartig, um möglichst viel Schaum über den Kaffee giessen zu können. Alles miteinander servierend, klapperte er mit den Löffeln, stellte die Tassen auf die Unterteller und schob elegant die Zuckerschale dazu. Ein bisschen Cacao darüber und die weisse Tasse stand vor ihr auf dem Marmortischchen, mit dem schönsten Herzflirt darauf. Nur die Italiener verstanden es, Cappuccino mit Schokoladenherzen, Blümchen und Blättchen zu verzieren. Mit einem wohligen Gefühl im Magen zahlte Lia an der Kasse, nicht ohne das Augenzwinkern des Kellners zu übersehen, und ging hinüber zum Alimentari. Sie kaufte ein Mineralwasser, ein Fleckenmittel und Tierfutter für Jonas, sie steckte alles zusammen in einen dünnen, milchiggrünlichen Plastiksack und spazierte gemütlich nach Hause. Futter und Mineralwasser stellte sie in den Kühlschrank, öffnete die Verpackung des Fleckenmittels und las die Gebrauchsanweisung. Sie legte eine Fleckentablette ins Lavabo, rieb den öligen Fleck gemäss Vorschrift aus und liess die Hose im Wasser liegen.
Heute wollte Lia den Bus nach Noli nehmen, sie packte Skizzenbuch und Futter für Jonas in die Tasche und schlenderte erwartungsvoll zur Haltestelle. Mit einer schwarzen Dieselwolke kam der staubblaue Pullman auf die Station zu, Einheimische und Touristen lösten die Fahrkarten beim Chauffeur und setzten sich auf die speckigen, teilweise zerschlissenen, braunen Kunststoffpolster. Lia stand vorne, in der Nähe des Fahrers, hielt sich an einer Stange fest, und schaute aufs Meer. Während der Fahrt verfolgte sie das Blau, blickte hinaus in die Weite und dachte an Noli.
Mitten im Ort hielt der Bus an, und, um dem Touristenstrom zu entfliehen, drängte sich Lia etwas nach vorn, stieg rasch aus und ging geradewegs zum Fischerhafen. Sie schaute umher, schlängelte sich um die Netze und suchte ihren neuen Freund. Da, Jonas lag sorglos ausgestreckt auf dem umgekehrten Schiff und hob nur frech den Kopf, als er Lia erblickte. Langsam näherte sie sich ihm, und fuhr mit der Hand zärtlich über das sonnenerwärmte Fell – Jonas schnurrte.
Sie öffnete die Aluminiumschachtel und stellte die Dose neben das Schiff. Ein kurzer Sprung, und, um nicht mit seinen Artgenossen teilen zu müssen, frass er, ohne aufzublicken, hastig, und schob dabei die Büchse im Sand vor sich hin. Sauber ausgeputzt, Lia lächelte und dachte, ‚so ein gieriges Tier, ja, manchmal sieht man ähnliches auch bei Menschen’. Jonas biss noch ein paar Mal in die leere Büchse, nahm einen schwerfälligen Satz auf das Schiff und leckte seinen weissen Schnurrbart. Sie flüsterte ihm ins Ohr, dass sie bald wiederkomme, und streichelte ihn, bis er sich ausstreckte.
Lia ging nun den Strand entlang, Richtung Kalksteinfelsen. Ein gräulicher Dunst lag über dem Horizont, ein Schiff rauchte in der Ferne, die Sonne schien heute etwas bleich und das Meer hatte ein aufwallendes, schmutziges Grün. Lia schaute immer wieder zurück, ihre Augen suchten die Strandgänger ab, unermüdlich hielt sie Ausschau nach Noli, diesem seltsamen Mann. Sie kehrte um, suchte sein Schiff auf, aber es lag nur blauweiss, verlassen da, Spuren vom nächtlichen Meer verschweigend, wartend bis Noli ihm den Dienst abverlangte. Enttäuscht ging Lia ins Städtchen, schaute sich die Auslagen an, Früchte und Gemüse, die frischen Fische auf Eisstücke gelegt, geduldig, bis sie gebraten oder gekocht auf irgendeinem Mittagstisch den Gaumen erfreuten. Die Düfte mischten sich über Waschmittel, rohem Fisch und frisch gebackener Pizza zu einem Irrgarten südländischer Gerüche. Tauben gurrten in den Turmlöchern, ab und zu ertönte ein flirrendes Schlagen der Flügel in die Stille, wenn sie das Nest wechselten. Lia ging unruhigen Schrittes durch die Gassen zur Piazza Morando, in der Nähe der Kirche San Michele. Da spielten die alten Männer Boccia, tranken Aperitivo, andere sassen auf den Bänken unter den Platanen und schauten einfach nur zu. Aus der alten Bar gegenüber hörte man nur unverständliches, lautes Gerede. Lia setzte sich auf eine Mauer am Rande der Bocciabahn und beobachtete die Männer beim Spiel. Die noch jungen Palmen im Stadtgarten knisterten und wiegten stattlich ihre breiten Fächer im Vormittagswind. Lia, von Unruhe geplagt, stand auf und schritt die Via Colombo hinunter gegen das Meer. An der Piazza Manin, dem ehemaligen Gemüseplatz, vorbei, überquerte sie die Küstenstrasse und ging ziemlich entmutigt in ein Strandcafé. Sie bestellte „un caffè“ an der Bar und bat den Kellner, er solle ihn auf die Terrasse bringen. Die Terrasse, zwar nur ein einfaches Holzgerüst mit blauen Plastiktischen und ebensolchen Stühlen, dafür mit Sicht auf das Meer. Lia ging hinaus – sie wagte keinen Schritt weiter, am hintersten Tisch in der Ecke, in Gedanken versunken, sass Noli. Hier hätte sie ihn nie erwartet. Der Kellner kam, Lia nahm ihm wortlos die Tasse vom Tablett und ging geradewegs zu Noli.
„Darf ich stören?“, fragte sie scheu.
Noli schaute auf und nickte mehrmals sehr langsam. Lia verhielt sich still, jedes Wort wäre wie ein Schlag gewesen, und sie nippte geräuschlos an ihrem Kaffee, der ihr jetzt fast ein bisschen zu bitter war.
„Schön, dass du da bist“, sagte er nach längerem Schweigen.
„Gestern, als ich hinausfuhr, habe ich oft an dich gedacht.“
Die schwarze Schiffsmütze lag zerknittert neben ihm auf dem Sessel. Jetzt erst sah man seinen schön geformten Kopf, eine mit zwei tiefen Falten geprägte, hohe Stirn, eine schmale kantige Nase, die etwas Vornehmes an sich hatte. Aus den hellblauen Augen sprach eine seltsam melancholische Traurigkeit. Seine grauweissen Strähnen trug er etwas länger, was ihm ein künstlerisches Aussehen verlieh. Er schaute Lia tief in die Augen und wippte mit dem Kopf bedächtig auf und ab.
„Ja, ja“, sagte er, „seit zwanzig Jahren bin ich hier. Einsamkeit zu ertragen, ist härter als hartes Brot. Seit Katharina mich verlassen hat, fahre ich jeden Tag zur Dämmerstunde mit den Fischern hinaus. So entrinne ich dem schlaflosen Dunkel, und das Meer macht mir das Herz sanft. Das Salz zerfrisst den Hass, und die Gischt wirft dir Wasserstaub wie Tränen ins Gesicht, und du spürst es nicht mehr – das Weinen.“
Er legte die Hand auf Lias Arm, schluckte leer und sagte leise, fast zärtlich: „Lia, du siehst Katharina ähnlich.“
Lia hätte weinen mögen, und, um die Tränen zu unterdrücken, schaute sie ins Meer, kein Wort hätte sie herausgebracht, die Kehle war wie zugeschnürt. Lange Zeit schwiegen sie, jede Frage wäre in diesem Moment ein Obszönum gewesen.
„Ich bin zu einem Monument geworden, versteinert, das, was ich früher aus Stein geschaffen habe, Skulpturen, ja, eine unvollendete Skulptur, das bin ich heute. Die Marmorblöcke sind überwachsen, die Figuren vermoost, sie stehen alle vor meinem alten Haus, dort oben auf dem Berg.“
Noli machte eine müde Handbewegung landeinwärts.
„Unordentlich stehen sie da und warten wie ich auf das Aushauchen der Seele. Katharina fürchtete meine Anhänglichkeit, wahrscheinlich nicht nur das, sie hatte sich immer mehr zurückgezogen. In der Einsilbigkeit unserer Gespräche ist sie aus dem Gleichgewicht geraten, sie sagte nichts mehr, und ich musste ihre Gedanken erschweigen. Dann ging sie weg und kam nie wieder. Mein Attribut, ein dünner Schatten meiner selbst, wartend auf die Antwort, die mir Katharina noch schuldet. – Dies hier war das letzte Geschenk, das sie mir machte“, Noli zeigte auf die schwarze Schiffsmütze, „sie ist noch wie neu, unabgenützt wie meine Gefühle zu ihr. Ich weiss, das ist pures Selbstmitleid, übersteigertes, ja, und scheinbar Erkanntes verhindert noch lange nicht das Absterben der Wurzeln.“
Er krempelte energisch seine Hemdsärmel zurück, fuhr sich mit der Hand übers Haar und setzte die Mütze auf. Lia schwieg, ein Gefühl des Elends stieg in ihr hoch; sie fühlte sich schwer. Mit den Gedanken nicht mehr zurechtkommend, senkte sie ihren Blick auf den Bretterboden. –
„Lia“, sagte Noli, als wäre nichts geschehen, „komm wir gehen zusammen essen, ich lade dich ein.“ Er bezahlte den Kaffee und nahm Lia väterlich an der Hand, dann gingen sie wortlos in das Städtchen.
„Heute wollen wir zu Pino gehen, die Mamma kocht vorzüglich, und zu zweit macht das Essen mehr Freude.“
Lia war es nicht ums Essen, voller Wehmut dachte sie an das Gespräch zurück und drückte Nolis Hand fester.
‚Da Pino’, ein typisch italienisches Restaurant, ein Familienbetrieb, schon fast voll, aber sie fanden noch einen freien Tisch.
„Hier findest du praktisch keine Touristen, gefällt es dir?“
„Ja, wunderbar, da war ich noch nie, gehst du oft dahin?“
„Fast jeden Mittag, hier fühle ich mich ein bisschen zu Hause.“
Die hellgelb verputzten Wände waren überfüllt mit Bildern, die entweder zu hoch oder schief hingen, alles Szenen von Fischerhäfen oder kitschigen Stillleben. Die Tische waren eng aneinander gereiht, mit weissen Tischtüchern und Stoffservietten versehen, Besteck, Wein- und Wassergläser glänzten ordentlich auf den Tischen und verliehen dem Raum etwas Festliches. Die hohen Glasvitrinen mit allerlei Fischen und Meeresfrüchten vervielfachten sich in den Spiegeln, und es sah aus wie in einem kulinarischen Labyrinth.
„Lia, wenn du magst, bestelle ich für uns zwei ein bisschen Meeresfrüchte mit gebratenen Melanzane und einen schönen Wein dazu, bist du einverstanden?“
„Ja, gerne, alleine bestelle ich so etwas nie, weil ich nicht weiss, wie man das isst.“
Noli rief die Nonna und bestellte, ohne in die Karte zu schauen.
Lia dachte an Steff, ihn zu verlassen, nach zwanzig Jahren weggehen für immer, wortlos, aus dieser Enge auszubrechen, diesen Gedanken hatte sie mehrmals schon gehabt. Noli lächelte.
„Woran denkst du?“
Lia kam sich schlecht vor und sagte leise: „Zwanzig Jahre, eine halbe Ewigkeit – Zeit verpflichtet, ist verpflichtend auch ohne Versprechen.“
Die Nonna, eine kleine, rundliche Frau, sie trug einen schwarzen Rock mit ganz feinen weissen Tüpfchen, darüber eine weisse Schürze umgebunden, die sie vorne mit einem roten Band zusammengeknüpft hatte. Sie brachte eine grosse, silberne Platte mit verschiedenen Muscheln, Crevetten und kleinen gegrillten Fischen. Rundherum lagen die gebratenen Auberginen schön angerichtet, wie kleine Rosetten einer atmenden Meerblume. In einem Körbchen aus Plastik brachte die Nonna frisches, weiches Weissbrot und dazu eine Flasche Rotwein aus der Gegend. Noli schenkte den Wein ein und prostete Lia zu.
„Manchmal hält man das Leben nur aus mit einem kräftigen Schluck Wein“, sagte er lachend.
Sie assen die Muscheln, und Noli zeigte Lia, wie man die Schalen knackte. Die gebratenen Auberginen schmeckten herrlich, mit Fisch und ‚salsa arrabiata’, und es war für beide ein köstlicher Genuss. Noli schenkte immer wieder Wein ein, und die Stimmung hob sich mehr und mehr zu einer gesprächigen Heiterkeit.
„Weisst du, Lia, früher als wir noch in Deutschland lebten, war meine Frau mit mir nie einverstanden, am liebsten hätte sie meine Skulpturen alle zu sehr teuren Preisen verkauft. Ich habe vieles verschenkt; die Unmöglichkeit, mein Geschaffenes zu bewerten, hat Katharina mit Unverständnis, manchmal mit Wut quittiert, und wir stritten uns oft deswegen. Vielleicht hatte sie ja auch recht, wir mussten den Lebensunterhalt irgendwie verdienen, aber ich scherte mich nicht darum, weil wir immer zu leben hatten, zwar bescheiden, was mir völlig genügte. ‚Das Leben ist kurz’, sagte ich ihr, ‚wir sollten uns gegenseitig verschenken, und immer wieder neu verschenken’. Offenbar hatte sie nicht verstanden, was ich meinte, und warf mir vor, Schenken sei auch Feigheit, dann nämlich, wenn man nicht dazu stehen kann, dass das, was man geschaffen hat, auch einen Wert hat. Zu Geld hatte ich nie eine grosse Beziehung, ein Ding der Notwendigkeit, für mich ist es eher dazu da – ja, um dich zum Essen einzuladen oder um sonst etwas Schönes zu tun. Luxus brauche ich nicht. Im Einfachen liegt das Kreative, ich will es selbst tun, und nicht machen lassen.“ Lia nickte, der Wein war ihr in den Kopf gestiegen, und sie musste sich anstrengen, um seinen Worten zu folgen. Noli schenkte sich noch einmal Wein ein und nahm einen kräftigen Schluck. „Jetzt gehe ich hinauf zur Siesta; ich brauche einen tiefen Schlaf, um die Nacht auf See zu durchwachen, meine Gedanken in die Flut zu werfen und leeren Herzens, wie ein Kind im Mutterschoss der Wellen, auf und ab zu schaukeln. Vor Sonnenuntergang erwarte ich dich bei meinem Schiff.“
Noli liess die Rechnung aufschreiben, und sie verliessen gemeinsam das Lokal. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und ging langsam das Städtchen hinauf. Lia blieb stehen, verblüfft über diesen plötzlichen Abschied, dann schaute sie ihm nach, bis er in den engen Gassen verschwand.
Lia war müde, das Essen lag ihr schwer im Magen, sie war es nicht gewohnt, mittags so üppig zu essen. Der Wein hatte sie schläfrig gemacht und erschwerte ihr die Entscheidung, ob sie ans Meer oder auf den Berg gehen sollte. Im steinernen Gedränge der Häuser ging sie hinauf zur Bocciabahn, und setzte sich eine ganze Weile unter die Palmen. Sie blickte in die leeren Schatten, schüttelte mehrmals den Kopf, um wieder zu sich zu kommen, und raffte sich dann auf, um die schmalen Treppen bergauf zum Castello zu steigen. Feigenbäume ragten über die Gärten und die Zikaden orchestrierten zirpend das Flimmern der Mittagshitze. Auch wenn Lia sich ihre zweiundvierzig Jahre nicht eingestehen wollte, musste sie oft stillstehen und eine Verschnaufpause einlegen. Von hier aus sah man aufs Meer, das im Preussischen Blau kontrastreich das Chromgelb der Zitronen und das dumpfe Oxydgrün der Blätter, zur gemalten Kulisse – einer „Natura morta“ - hervorhob. Die Bougainvilleas drängten aus den Mauern und die Blüten zierten sich in reinstem Purpur, weiss Gott, woher sie hier ihre Lebenskraft nahmen. Die Strasse schlängelte sich jetzt in steilen Kurven hoch, und die Gärten hingen lautlos in ihrer Üppigkeit über der Stadt. Lia setzte sich unter einer Schirmpinie auf die noch übrig gebliebene Mauer, nahm den Skizzenblock hervor und zeichnete. Zuerst die groben Umrisse, dann zog sie die Linien zu Türmen, Dächern und Fassaden, und baute sich ihre eigene Stadt auf. Sie spuckte in die Hand, drückte etwas Farbe aus der Tube, verrieb sie und setzte die Akzente dünn mit Umbra, Englischem Rot und wässerigem Blau, mit dem Finger auf das Blatt Papier.
Während sie die Farben trocknen liess, schweifte ihr Blick zu der alten Italienerin, die mit Plastiksäcken beladen umständlich ein Tor öffnete, um vermutlich den Garten zu bewässern. Lia erhob sich und ging der riesigen, mittelalterlichen Stützmauer entlang hinauf zum Castello. Das Tor war märchenhaft überwachsen, wilde Brombeeren verwehrten den Eintritt und die Geschichte des Hauses verharrte in Schweigen. Lia pflückte ein paar Kletterrosen und bog in den erdigen Weg, Richtung Spotorno ein. Gut eine Stunde ging sie strammen Schrittes dem schmalen Pfad entlang, zur Rechten das Meer und zur Linken der kräuterbewachsene, steile Hang. Der Duft von wildem Ginster, frischem Thymian und Rosmarin erleuchtete Lias Geist, und sie fühlte sich leicht wie ein Schmetterling. Immer wieder musste sie stillstehen, eine Blume betrachten oder sich im Blau der grossen Sehnsucht verlieren. Die Stille und das Flirren der Hitze liessen in ihr ein seltsames Glücksgefühl aufkommen. Sie verspürte diesen schweren Druck in der Herzgegend, fast ein wenig Verliebtheit, diesen geheimnisvollen Augenblick im Leben, der sie in eine zärtliche Rührseligkeit einhüllte.
Wie war es doch damals, als Steff ihr in die Augen schaute, und sie sich so selbstverständlich in die Arme fielen. Die Begegnung, die, zu- oder unzufällig, beiden gleichzeitig das unbeschreibbare Höhenfeuer entfachte und sie unausweichlich zusammenkommen liess. Lia dachte, ‚ich hatte keine Wahl, wenn das ‚Coup de foudre’ die Entscheidung übernimmt und den Weg der Vorbestimmung einschlägt.’ So ganz von sich aus hätte sie Steff vielleicht gar nicht als Mann gewählt. Jetzt sind die Alltagstrümmer aufgeschichtet und, um diese Altlasten zu entblättern, wäre vermutlich die Hilfe eines Therapeuten notwendig gewesen. Steffs depressive und oft vorwurfsvolle Gehässigkeit, die auch über Wochen andauern konnte, trieb Lia, immer mehr ernüchternd, in die Flucht eines workaholic-ähnlichen Zustandes. Die Waage balancierte das wachsende Unverständnis einmal auf und einmal ab, und beide fürchteten im Geheimen die Aufwallungen der gestauten und unausgesprochenen Wünsche. Die Gabe, sich ein Idealbild vorzustellen, bewahrte sie vielleicht vor dem gänzlichen Verlust der schönen Illusionen, und verhinderte möglicherweise auch den kompletten Absturz in die nüchterne Wirklichkeit. Steff hielt sich an diesem Ausschliesslichkeitsanspruch fest, und in seiner Genügsamkeit fixierte er sich stur auf Lia und merkte nicht, dass er aus einem unbewussten Vernichtungswillen die Liebe langsam ersticken liess. Vertrauen wäre das solideste Fundament überhaupt, wenn es nicht immer wieder durch die krankhaft auftauchende Eifersucht missbraucht würde. Die Liebe, hatte ihre eigenen Krisen, krankte mitunter daran, dass auch sie einmal absterben könnte. Pflegte man die Liebe behutsam, bewusster und tagtäglich, sie würde vielleicht nicht sterben. Der Alltag konnte sie auch zu Tode konsumieren, und nur wenigen gelang es, die Liebe überhaupt am Leben zu erhalten. Wenn man nur Gewissheit hätte, dass das Gleichgewicht der Liebe nicht aus der Schwebe geriete. Oft lag, als balancierendes Fazit, das schlechte Gewissen in der einen und die Verlustangst in der anderen Waagschale.
Lia spekulierte ein wenig, ob Steff sich wohl auch Gedanken machte über ihre Beziehung. Jetzt, da sie vorübergehend getrennt waren, und jeder die Gelegenheit hatte, über sich selbst nachzudenken, dachte Lia oft an Steff, und es kam manchmal sogar das Gefühl von Sehnsucht in ihr auf. Lia scheiterte wahrscheinlich an dem Anspruch an das Absolute; in Herzensdingen galt für sie nur die poetische, die romantische Seite, und sie verstand es, jedem Konflikt elegant aus dem Wege zu gehen. Nach jedem Streit bröckelte in ihr etwas Liebe ab, und die Beziehung zu Steff näherte sich mehr und mehr zu einer blossen, wirtschaftlichen Gemeinschaft. Es gab aber auch immer wieder Zeiten, in denen sie einen sehr liebevollen Umgang miteinander pflegten; nur dieser Möglichkeit, sich zu öffnen, einmal den Versuch zu wagen, über ihre Gefühle zu reden, dieser Möglichkeit wich Lia kategorisch aus. Warum, das wusste sie selbst nicht genau, vielleicht weil ihre Mutter damals schon das Gefühlsleben verleugnete und tabuisierte. Lia pflegte, ausser zu ihrer Mutter und ihrem Bruder, keinen Kontakt mehr zur Familie; sie legte vielmehr Wert auf ihre Wahlverwandtschaften. An ihre Jugend erinnert sie sich nur ungern, an das immer wieder erfolglose Fragen nach ihrem wirklichen Vater. Die Mutter liess zeitlebens die Frage offen und verweigerte jegliche Antwort. Bereits früh in ihrer Jungmädchenzeit fühlte sich Lia von der Familie vereinnahmt und reagierte oft empfindlich, ja überfordert. Sie fühlte sich ständig unter Kontrolle, und hatte nur noch den einen Wunsch, auszubrechen. Das vermeintliche Gefühl, ein Opfer der Neugierde zu sein, förderte in ihr einen unstillbaren Verheimlichungszwang.
Die zeitweise spürbare Verschlossenheit war für Steff geradezu eine Aufforderung, in Lias bissiger Zurückgezogenheit nach verschütteten Gefühlen zu graben. Diesen Mangel an Offenheit, den sie wohl von Natur aus hatte, reizte Steff immer wieder, und er konnte es nicht unterlassen, an Lias eigentlicher Lebenslust zu kratzen, auf das sie jeweils mit tiefer Verdüsterung und sperriger Sinnlosigkeit antwortete. Im Sog der Möglichkeit hätte sie vielleicht ihr Stillschweigen preisgegeben – vielleicht – freiwillig. Manchmal wurde sie sich dessen bewusst, wertete es aber für sich rasch als blosses Pianissimo in einigen Abschnitten ihres Lebens ab, und wendete sich sogleich an die nächste Partitur.
Während sie ihren Gedanken nachhing, fielen ihr gewisse Parallelen mit Katharina auf. Sie fühlte sich ertappt und stolperte selbst über ihre eigenen Epochen. Sie nahm teil an der Kehrseite eines anderen Lebens, und verglich Nolis Gemütszustand mit der beharrlichen Ausdauer der Traurigkeit, die manchmal auch auf Steff hätte zutreffen können.
Lia lehnte sich müde an einen Feigenbaum und überlegte, ob sie auch schon die Hälfte des Weges hinter sich hatte. Der Weg leuchtete in sattem Ockergelb, und die beiden Sandspuren wurden durch einen mit grünem, stacheligem Kraut bewachsenen Mittelstreifen getrennt. Das späte Nachmittagslicht schien auf die Dächer von Spotorno, ein Kondensstreifen, den eben noch ein Flugzeug hinter sich hergeschleppt hatte, verblasste am Himmel. Der Weg bog jetzt nach rechts, hinunter zum Meer. Die Pinien warfen schmächtige Schattenkreise auf die goldene Erde. Bereits sah man die ersten Häuser, prächtige, alte italienische Villen mit stattlichen Gärten. Bananenbäume, weisser und roter Oleander zierten die Terrassen, alle mit Blick auf das Meer. Spotorno zeigte sich von der vornehmsten Seite, die herausgeputzten Häuser und Gärten, vielleicht ein Reklusium der Richesse. Lia ging die schmalen Treppen hinunter in die Altstadt, sie musste auf den Boden schauen, um ja keinen Tritt zu verfehlen, so eng waren die Stufen. Die Aussicht gefiel ihr hier weniger gut, den Stränden entlang ragten die mondänen Hotelkästen über die Felsklippen und beengten die Weite des Horizonts.
Im alten Stadtteil war ein emsiges Treiben, die Geschäftsleute öffneten scheppernd die metallenen Rollläden, schleppten Waren auf die Gassen und füllten dann ihre Auslagen für den Verkauf. Lia blieb vor einem Schaufenster stehen und schaute hinunter in die Backstube einer Pasticceria. Der Konditor wallte grosse Teigflächen aus, zog sie von Hand hauchdünn auseinander und legte sie geschickt auf ein Blech. Dann kam die Füllung mit Nüssen und Schokolade, die er mit routinierter Behendigkeit zu kleinen Häufchen auf den Teig legte. Das Ganze wurde mit einem ebenso dünnen Teig zugedeckt und sofort in den Ofen geschoben. Der Bäcker blinzelte Lia zu und reichte ihr einige von den bereits gebackenen Patisserien zum Probieren durch die schmale Öffnung des Oberlichtes hindurch. Der süsse Duft war unwiderstehlich und Lia steckte diese Schleckerei sogleich in den Mund. Sie schickte dem Bäcker einen Handkuss in die Backstube und ging weiter. Lia, die Zeit verschlendernd, blieb immer wieder vor den Geschäften stehen, schaute die Köstlichkeiten in den Auslagen an und trödelte gemächlich durch die Stadt. Vor dem grossen Dom stand eine Gruppe Touristen, sie betrachteten die Fassade, und eine Reiseleiterin erklärte die Geschichte in einer für Lia unverständlichen Sprache. Lia schlüpfte durch die offen stehende Seitentüre, schubste die Schwingflügel auf, trat in die Kirche ein und zündete zwei Kerzen an; eine für Lynn und eine für den Schutzengel.
Um der Reisegruppe nicht in die Quere zu kommen, verliess Lia die Kirche ohne lange zu verweilen; das Hauptschiff der Kirche wollte sie sich ein anderes Mal anschauen. Sie ging geradewegs zur Bushaltestelle und studierte den Fahrplan, in zwanzig Minuten fuhr der nächste Bus. Lia ging hinüber zur Promenade, kaufte sich ein Eis und suchte sich ein paar Ansichtskarten aus. Sie lehnte sich an das Geländer beim Steg und schaute den Kindern zu, wie sie Sandburgen bauten und wie sie sie gegenseitig immer wieder zerstörten.
