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Am Ufer des Lago Maggiore leben auf einer Anhöhe der Grundschullehrer Francesco Gespucci und der machtversessene Regionalratsvorsitzende Signore Mansardo. Beide haben das Wohl ihrer Region und Heimat im Sinn. Dies wollen sie jedoch auf unterschiedliche Art und Weise erreichen, wobei sie hierbei immer wieder aneinander geraten. Werden sie ihre Streitereien einstellen und zusammenarbeiten als bekannt wird, dass die Planung einer Sondermülldeponie die Idylle und Schönheit Ihres Dorfes bedroht? Mit viel anspruchsvollem und spitzfindigem Humor wird die Geschichte zweier völlig unterschiedlicher Menschen erzählt, die ein und dasselbe Ziel verfolgen. Das Buch lässt an Italienurlaube erinnern. Es beschreibt das ländliche Norditalien mit seiner einzigartigen Landschaft und der unverwechselbaren herzlichen Mentalität der dort lebenden Menschen.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Sonne steht sehr hoch an diesem herrlichen Freitagmittag. Die großen Ferien sind seit dieser Woche vorüber und der allgemeine Schulbetrieb hat wieder seinen gewohnten Verlauf aufgenommen.
Seinen alten Kollegen und Lehrmeister, Signore Bertani, hat Francesco in Mailand besucht. Signore Bertani war mit Leib und Seele Lehrer, genau wie Francesco es immer hat werden wollen und auch geworden ist. Jedes Jahr im Sommer, wenn Francesco ihn in Mailand besucht, hat Francesco Angst vor dieser Reise. Früher fuhr er öfter. Dann nur noch in den großen Sommerferien und zur Weihnachtszeit und schließlich, seit drei Jahren, nur noch zur Sommerzeit. Trotz Francescos schmaler und für einen Mann Anfang 40 beinahe zierlichen Figur, ist er eigentlich kein Angsthase. Im Gegenteil. Er gehört mit zu den mutigsten Männern in seinem Dorf am Lago Maggiore. Selbst mit Papa Mansardo hat Francesco sich schon mehr als einmal angelegt und das, obwohl Signore Mansardo den reichsten und mächtigsten Mann dieser Region darstellt. Manche behaupten sogar, Mansardo würde Mafioso-Methoden anwenden, was ihm aber selbstverständlich nicht nachzuweisen ist.
Im Laufe der Jahre hat Francesco bei seinen Aufenthalten in Mailand immer mehr mit ansehen müssen, wie Bertani in sich zusammen gefallen ist. Giuseppe Bertani, der Mann, der stets das Unrecht bekämpft und sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat. Der Mann, dem es in den 80er Jahren gelungen ist, die träge Regierung der norditalienischen Metropole dazu zu bringen, mehr als eine Milliarde Lire in den Bildungssektor einfließen zu lassen. Der Mann, der nie ruhte und ein Aktivist vor dem Herrn war wie kein Zweiter. Diesem Mann, der Francescos Lehrmeister, Idol und Freund ist, wurde die Kraft geraubt. Francesco überlegt, ob der Ausbruch der schweren Krankheit die Schuld an Bertanis Lage ist oder ob das Alter des 75jährigen ihm so zugesetzt hat. Ein Pflegefall ist Bertani geworden.
An den Rollstuhl gefesselt und umsorgt von einer tunesischen Haushälterin. Früher, als Francesco noch in Mailand lebte und gerade als Lehrer angefangen hatte, da haben er und Bertani sich oft getroffen. Francesco ist jede Woche zu Bertani gelaufen und sie haben sich über die Schule, die Schüler und deren Eltern unterhalten.
Francesco erzählte seine Probleme, Bertani hörte aufmerksam zu und sie erarbeiteten nächtelang gemeinsam Lösungen für Francesco.
Francesco schmerzt es, den Verfall seines Freundes sehen zu müssen. Das Schlimme für ihn ist nicht, dass Bertani alt geworden ist oder dass er im Rollstuhl sitzen muss. Für Francesco ist es schrecklich den Verfall des einst so aktiven Mannes sehen zu müssen. Bertanis Lebensgeist und Lebensfreude nahmen mit der Zeit immer mehr ab. Nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig ist Bertani ein Schatten seiner selbst geworden. Diese Gestalt hat nichts mehr mit dem Bertani zu tun, den Francesco so verehrte. Und das ist es, wovor Francesco sich so sehr fürchtet: selbst irgendwann seine Lebensenergie zu verlieren.
Als Francesco sich vor einer Woche von Bertani verabschiedete und Mailand mit dem Zug gen Lago Maggiore verlies, überkam ihn im Abteil ein Glücksgefühl. Er fährt nach Hause, in sein Dorf an diesem wunderschönen norditalienischen See! Eine kleine Ansiedlung auf einer Anhöhe, von der man teilweise atemberaubende Ausblicke auf den See und die ihn umgebenden majestätischen Berge genießen kann. Sein Dorf ist nicht sehr groß. Knapp über 500 Einwohner zählt es. Dennoch hat es alle nötigen Einrichtungen, die eine Gemeinde benötigt. Francesco ist dort an der Scola Elementari als Grundschullehrer beschäftigt, ausgebildet und unterwiesen von Giuseppe Bertani, einer Ikone im italienischen Schulwesen.
Francesco freut sich auf das neue Schuljahr. Er würde eine neue Klasse bekommen, da seine alte Klasse auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt worden ist. Er hatte die Ehre, die Kinder auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie auf den Ernst des Lebens vorzubereiten. Ganz besonders liebt er an seiner Arbeit die Tatsache, dass er die kleinen Lebewesen formen kann. Er ist es, der Ihnen Werte und Weltanschauung vermittelt, wenn dies in den eigenen Familien nicht praktiziert wird, was seiner Meinung nach leider viel zu oft der Fall ist. Er gibt den Kindern eine gute Erziehung und Ethik mit auf den Weg. Er hat die Chance die Welt durch diese Kinder gerechter werden zu lassen.
Nun werden die Würfel neu geworfen, dachte er bei einem Nickerchen im Zugabteil. 20 kleine Menschen werde er in wenigen Tagen unter seine Obhut nehmen und sie unterrichten und unterweisen. Er wird sie zum Lachen bringen und zum Weinen. Er wird sie in den Arm nehmen und sie bestrafen. Er wird, wie er es schon einige Male zuvor gemacht hat, ein gerechter Klassenlehrer sein, genauso wie er es von Giuseppe Bertani gelernt hat.
Die erste Woche war vorüber gegangen. Am Montag war Francesco mindestens genauso aufgeregt gewesen wie seine zwanzig neuen Schüler, die von ihren Eltern und Großeltern in die große Turnhalle der Grundschule begleitet wurden. Der Tag der Einschulung ist immer ein großer Festakt. Obwohl es jedes Jahr ähnlich ist, ist es für Francesco doch immer wieder aufregend und neu. Francesco ist ein sehr empathischer Mensch, der zeigt, wann er sich freut und wann er böse oder traurig ist. Er lebt seine Gefühle aus und verbirgt sie nicht hinter einem nichtssagenden, monotonen Gesichtsausdruck. So ist es auch nicht verwunderlich, dass vor allem er gegrüßt und beachtet wird, anstatt seiner Rektorin, die eben genau über diese stets einheitliche Mimik verfügt.
Manchen seiner Kolleginnen und Kollegen ist Francesco zu lebhaft.
Einige behaupten gar, er sei infantil. Genau diese sind es jedoch, die gelangweilt an dieser Zeremonie teilnehmen und nur an den Chianti denken, den sie zur Mittagszeit daheim endlich in Ruhe zu sich nehmen können. Mindestens die Hälfte der hier angestellten Lehrkörper sind Leerkörper, denkt Francesco über seine Kollegen.
Menschen, die dem alltäglichen enormen Schulstress nicht gewachsen sind und innerlich aufgegeben haben. Menschen, die nur noch hier sind, um irgendwie den von ihnen geforderten Unterricht abzuhalten und dann möglichst schnell wieder aus der Schule zu verschwinden. Solche Leute hätten besser einen Beruf vor einem Computer wählen sollen, bei dem sie nicht mit menschlichem Leben in Kontakt kommen. Dies wäre besser für beide Seiten, für die Kinder und für diese Kollegen.
Viele Kinder, die in dieses Schuljahr neu eingeschult werden, sind Francesco bereits bekannt. Bei manchen hat er zuvor die älteren Geschwister unterrichtet, andere sieht er häufig im Dorf, wenn er einkaufen oder spazieren geht. Da diese Grundschule nicht nur im Dorf, sondern auch im näheren Umkreis davon die einzige ist, kommen jedoch auch immer aus den anderen Gemeinden Kinder hinzu, die Francesco bisher noch nie gesehen hat.
Nach der Einführungsrede der Rektorin fand ein Theaterstück der dritten Klasse unter Leitung von Maria Andretti statt. Maria und Francesco können sich gut leiden. Maria ist eine der wenigen Lehrerinnen, die beinahe genauso engagiert diesen Beruf ausübt wie Francesco selbst. Er mag ihre herzliche und ehrliche Art, wie sie mit den Kindern umgeht. Leider ist sie zu gutmütig und lässt viel zu viel mit sich machen. Besonders bei der Pausenaufsicht verliert sie ab und zu die Kontrolle über die Kinder, die sich dann raufen und nur Dummheiten im Kopf haben. Des Öfteren hat Francesco solche Situationen beobachtet und ist dann Maria zu Hilfe gekommen.
Gemeinsam haben sie die Lage dann immer recht schnell unter Kontrolle bringen können. Maria liebt die Musik und die Schauspielkunst. Sie selbst spielt Klavier, Gitarre und Geige. Sie ist eine, für italienische Verhältnisse, große und schlanke Frau Mitte dreißig. Weil sie so einen langen Hals hat und viele Männer - besonders Francesco - überragt, würde sie keinen Kerl abbekommen, lästern ihre Kolleginnen. Francesco stört es nicht, dass er mehr als einen Kopf kleiner ist als Maria. Er hat ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr und so soll es sein und bleiben.
Die angehenden Grundschulkinder waren fasziniert von dem Theaterstück, das Maria über mehrere Wochen mit den Kindern eingeübt hatte. Die Kinder, die heute den Sprung vom Kindergarten in die Grundschule bestreiten mussten, verloren so allmählich die Scheu und die Angst vor dieser neuen Situation. Am Ende des Theaterstücks gab es einen typisch italienischen, überschwänglichen Applaus, der in stehende Ovationen überging. Besonders die Eltern der schauspielernden Kinder überboten sich mit Beifallsbekundungen. Lediglich einige der lethargischen Lehrerkollegen und die Rektorin gaben einen Höflichkeitsapplaus, der aus maximal 10-mal In-die-Hände-klatschen bestand und nicht über 30 Dezibel hinauskam, was in etwa der Lautstärke eines brummenden Kühlschrankes entspricht.
Schließlich war der große Augenblick gekommen. Es waren 58 Kinder auf drei Pädagogen zu verteilen, zu denen auch Francesco gehörte. Die Lehrer wurden kurz vorgestellt und in Klasse 1a, 1b und 1c eingeteilt. Francesco ist der Klassenlehrer für die 1a, während seinen beiden Kolleginnen die anderen Klassen zugewiesen wurden.
Die Namen der Kinder wurden aufgerufen und die Kleinen begaben sich mit ihren viel zu großen Schulranzen zu ihren neuen Lehrern.
Bei jeder Namensnennung gingen manche Kinder nervös, andere voller Elan und Vorfreude zu ihren neuen Klassen. Die wohl aufgeregtesten Personen in der Halle waren jedoch nicht die eingeschulten Kinder, sondern deren Eltern. Eine Mutter hat ihren Sohn weinend umarmt und ihm mit einem Taschentuch nachgewunken, während er die 20 Meter nach vorne zum Kopf der Turnhalle ging. Ein Vater hat seine kleine Tochter auf dem Weg zu ihrer Klasse pausenlos fotografiert. Wie ein Model, das in den großen Mailänder Modehäusern den Laufsteg entlang geht, hat er sie aus beinahe jeder Perspektive aufgenommen.
Francesco hörte die Namen der Kinder, die er die nächsten Jahre unterrichten durfte. Er schloss leicht die Augen und stellte sich behaglich vor, wie es zukünftig wohl sein wird. Da wurde die kleine Sophia zu ihm aufgerufen, deren Vater die örtliche Metzgerei betreibt. Ab und zu wird dieser ihm wahrscheinlich die eine oder andere Leckerei zukommen lassen. Offiziell ist das natürlich nicht erlaubt, aber es wäre eine viel zu große Beleidigung, solche Köstlichkeiten nicht anzunehmen. Die vorlaute Julia, die sicherlich eine gute Klassensprecherin abgeben und eine Führungsposition in der Klasse einnehmen wird, wurde ihm ebenfalls zugeteilt. Und der dicke Pedro, der beim Fußballspielen einen gewaltigen Schuss drauf hat und Francesco aus Versehen einmal sehr feste anschoss.
Dann wurde Francesco ein letztes Kind zugewiesen. Der Aufruf dieses Kindes weckte ihn aus seinen Visionen, und seine Gesichtszüge wechselten von entspannt zu mehr als skeptisch und argwöhnisch. Kann es sein, dass die Rektorin sich verlesen hat?, dachte er im ersten Moment mit weit aufgerissenen Augen. Aber als er das Kind auf sich zukommen sah, wusste er, dass ein Irrtum ausgeschlossen ist. Dieses Gesicht ist unverkennbar. Die Augen, das Kinn, die Konturen. Sogar der Haarschnitt ist an den seines Vaters angepasst. Mit strenger Stimme sagte Francesco zu dem Jungen: »Stell Dich zu den anderen da hinten hin, Stephano Mansardo.«
Mansardo. Jedes Mal, wenn Francesco diesen Namen hört, verdunkelt sich sein Gesicht. Ausgerechnet in seine Klasse musste ein Mansardo eingeteilt werden. Stephano Mansardo, der jüngste Sohn des wohl bekannten Papa Mansardo. Der Mann, der die Region in seiner Hand hat und der die Gesetze nur dann einhält, wenn ihm danach ist.
Die Mansardos sind eine alt eingesessene Familie hier am Lago Maggiore. Seit dem späten achtzehnten Jahrhundert haben sie sich hier angesiedelt und betrachten sich als die Fürsten und Wächter der Region. Es ist ihre Heimat und die halten sie sauber, so sagen sie.
Wer mitmacht, dem geht es gut. Wer gegen diese Familie ist, bekommt die Macht des Clans zu spüren. Die Mansardos haben selbst die Carabinieri unter ihrer Kontrolle. Es ist ein offenes Geheimnis, dass großzügige Spendengelder von der Familie Mansardo in die hiesige Polizeikasse geflossen sind. Nicht zu guter Letzt heißt es, dass der Sohn des Hauptkommissars mit der ältesten Tochter der Mansardos liiert sei.
Allerdings regieren die Mansardos oft zur Zufriedenheit der Bevölkerung. Alles ist erlaubt, solange das Allgemeinwohl dadurch gestärkt wird. So lautet deren offizielle Devise. Und genau das ist es, was Francesco zur Weißglut bringt. Die Gesetze werden so gedreht und gebogen, wie es den Mansardos passt. Zwar geht es der Bevölkerung dann meist besser, jedoch vergessen die Mansardos auch nicht, für sich immer einen Profit herauszuschlagen. Viele Bewohner der Region sehen die Mansardos aber nicht als die souveräne Macht, die bestimmt, was gemacht wird, sondern haben sie zu ihren Beschützern auserkoren, denen man dafür dann auch gerne die ein oder andere Sonderabgabe zahlt. Daher kommt auch der Spitzname Papa Mansardo, obwohl der eigentliche Name des Familienoberhauptes Antonio Vittore Mansardo lautet.
Und Signore Mansardo ist geschickt. Um seinen guten Ruf zu wahren, hat er für seine Untertanen stets ein offenes Ohr. Er lässt sie bei vielen Entscheidungen mitbestimmen und teilhaben. Dafür hat er einen Regionalrat gegründet, dessen nicht wählbarer Vorstandsvorsitzender natürlich er selbst ist. Der Rat setzt sich weiterhin aus sieben Ratsmitgliedern der umliegenden Dörfer zusammen, die von den jeweiligen Bewohnern gewählt werden.
Nicht die Bürgermeister bestimmen also die Zukunft ihrer Dörfer und der Region, sondern der Regionalrat. Die Bürgermeister nehmen eher repräsentative Aufgaben wahr. Zusätzlich darf bei jeder Ratsversammlung die regionale Presse teilnehmen und die wichtigsten Fakten veröffentlichen. Diese Entscheidung hat Signore Mansardo wohl schon des Öfteren bereut, denn die Nachrichten dieser Versammlungen verkaufen sich sehr gut. So wird es für den Patriarchen nicht einfacher, einen Beschluss gegen den Willen der Ratsmitglieder durchzusetzen. Aber auch hier hat Signore Mansardo wieder Talent bewiesen: Er hat es geschafft, in den jeweiligen Gemeinden genau die Kandidaten zu fördern, die es nicht wagen ihm zu widersprechen. Und so sitzen derzeit sechs Mitglieder im Rat, die nur selten ihre Stimme erheben und auch nicht viele Fragen stellen.
Beim siebten Ratsmitglied ist es Signore Mansardo jedoch nicht gelungen, seinen Wunschkandidaten auf den Posten zu bringen. Das siebte gewählte Mitglied ist kein geringerer als der Grundschullehrer Francesco Gespucci, der stets dem großen Signore Mansardo die Stirn bietet. So war es auch vor einigen Wochen, als im Regionalrat über den Standort der neuen Mülldeponie debattiert wurde.
Kurz vor Schließung der abendlichen Sitzung erhebt der Ratsvorsitzende Signore Mansardo seine Stimme: »Meine lieben Ratsmitglieder und Signore Gespucci. Obwohl der Abend schon recht fortgeschritten ist und wir alle nach Hause gehen wollen, habe ich noch eine Überraschung für euch parat. Die norditalienische Abfallliga sucht einen Platz, auf dem sie eine Zwischenlagerstätte für Müll errichten möchte. Ich muss euch ja nicht sagen, dass das viele Arbeitsplätze und eine hübsche Summe an Lire für uns und unsere Region bedeuten würde. Es ist mir gelungen, zusammen mit diversen Fachleuten einen geeigneten Ort für dieses Projekt zu bestimmen und die notwendigen Baupläne fertigstellen zu lassen. Wie ihr mich kennt, wisst ihr, dass alles bereits bestens geplant und organisiert ist.
Wir können durch eine kurze, mehrheitliche Abstimmung die Bauausführung beginnen lassen und das Thema abhaken. Also, wer dafür ist die Pläne zu genehmigen, der hebe nun seine Hand.« Signore Mansardo hält die zugebundenen Pläne in der einen Hand, während er mit der anderen genüsslich an einer Zigarre zieht. Die Ratsmitglieder, Wein trinkend und ebenfalls rauchend, sind dabei ihre Hand zur Abstimmung zu heben, ohne die Pläne überhaupt betrachtet zu haben. Doch bevor die Abstimmung endgültig vollzogen wird, meldet sich Francesco zu Wort. »Sehr verehrter Herr Vorsitzender. Hätten Sie die liebenswürdigste Güte, uns alle hier Anwesenden ebenfalls einen Blick in die von Ihnen allein entworfenen Pläne werfen zu lassen?!« »Wenn Ihr unbedingt darauf besteht« entgegnet ihm Signore Mansardo knurrig und faltet die Pläne auf dem Tisch aus. Während die übrigen Ratsmitglieder eher gelangweilt zusehen und teilweise unerfreut darüber sind, dass der Abend nun noch länger werden könnte, betrachtet Francesco intensiv die Pläne. Nur einen kurzen Moment später bemerkt er, dass mit diesen Plänen etwas nicht stimmt. Es geht um die gewählte Lage der Zwischenlagerstätte. Innerlich aufgebracht, äußerlich jedoch ruhig und sachlich wirkend, erhebt er sein Haupt und wendet sich den Ratsmitgliedern, vor allem jedoch dem Ratsvorsitzenden zu. »Sehr verehrter Signore Mansardo. Bitte korrigieren Sie mich, aber ist das nicht exakt die Piazza della Pescatori, wo ihr diese neue Müllzwischenlagerstätte hinsetzen wollt?« »Nun, das habt ihr gut erkannt, Signore Gespucci. Dieser Platz eignet sich perfekt als Standort für diese Zwecke. Er ist quasi in der Mitte unserer Dörfer und dadurch von jedem gut zu erreichen.« »Ist das nicht der Platz, auf dem in den Sommerabenden unsere Alten sitzen und sich an ihre Jugend entsinnen. Wo unsere Jungen und Mädchen an Sonntagen spielen und Frohsinn verbreiten?«, fragt Francesco nun provokant in die Runde und erhebt dabei langsam seine Stimme. »Was wollt Ihr damit ausdrücken, Signore Gespucci?« entgegnet ihm Signore Mansardo, auf dessen Stirn sich nun einige Schweißperlen sammeln.
Doch Francesco setzt nach. »Ist das nicht der Platz, auf dem immer die Fischerfeste stattfinden?«. Die anderen Mitglieder werden nun aufmerksamer und schauen sich die Pläne ebenfalls an. Der Journalist, der den ganzen Abend mehr oder weniger teilnahmslos im Hintergrund dabeisaß, beginnt sich zu regen, Fotos zu schießen und eifrig Notizen in seine Unterlagen zu schreiben. Dieses Aufleben der anderen Anwesenden trägt sichtbar nicht zum Wohlbefinden von Signore Mansardo bei, der sich zu rechtfertigen versucht. »Meine Herren, die Feste dort finden doch nur zweimal im Jahr statt. Dann muss halt ein anderer Platz für diese beiden Termine gefunden werden. So schwierig wird das ja wohl nicht sein. Ich denke damit ist die Sache wohl erledigt.« Francesco erhebt sich ruckartig von seinem Stuhl und sagt mit immer lauterem Wortklang »Ja, Ihr habt recht, Signore Mansardo. Zweimal im Jahr wird dort die Tradition der Vorfahren dieser Menschen hier zelebriert. Auf diesem Platz, wo seit 100 Jahren, seit einem ganzen Jahrhundert, jedes Jahr zweimal gefeiert wird. Dort wo ein Denkmal zu Ehren der Ahnen steht, die diese Ortschaften und die Region mit aufgebaut haben.« »Signore Gespucci, ich denke…« möchte Signore Mansardo einen letzten verzweifelten Gegenangriff starten, doch Francesco fällt ihm ins Wort und richtet sich nun an die anderen Anwesenden. Mit energischer Stimme und einer Pose, die an einen römischen Heerführer erinnern lässt, führt er das Wort »Ihr, meine lieben Ratsmitglieder, wollt diesen ehrwürdigen und historischen Platz entwürdigen und eine Mülldeponie daraus machen? Den Menschen hier ein Stück Tradition entreißen? Einen Platz vernichten, der Alt und Jung verbindet? Nun gut, wenn ihr das vor Gott und euren Mitbürgern vertreten könnt, dann stimmt diesen Plänen zu. Ich werde jedoch nicht verantwortlich sein für diesen Frevel an unserer Kultur«. Stille. Die Mitglieder sehen sich schweigend untereinander an. Auch Signore Mansardo fällt zunächst nichts Ebenbürtiges mehr ein, was er diesem Feuerwerk an Wörtern entgegensetzen könnte. Er versucht verzweifelt, die Situation zu Ende zu bringen. Mit einem Taschentuch tupft er sich den Schweiß von seiner Schläfe. Er greift zu seiner Zigarre, nimmt einen kräftigen Zug. Nach einem Moment der Besinnung atmet er tief durch und wendet sich den Ratsmitgliedern wieder zu »Nun, wir haben genug von euren sentimentalen Einwänden gehört, Signore Gespucci. Die Piazza della Pescatori ist und bleibt der geeignetste Ort für unsere Deponie. Wir stimmen nun ab und ich warne Sie, Ratsmitglied Gespucci, noch weitere Propagandareden zu halten! Wer für diesen Standort der Deponie ist, der hebe seine Hand«. Schnell und bestimmt geht Signore Mansardos Arm in die Höhe. Jedoch scheint die Ansprache von Francesco, der seine beiden Arme ausgestreckt auf dem Tisch abstützt, Wirkung zu zeigen. Die übrigen sechs Ratsmitglieder betrachten sich gegenseitig. Keiner von ihnen wagt es, Signore Mansardo in die Augen zu schauen. Beinahe verlegen richten sie ihre Blicke nach unten auf die Tischplatte oder auf den Boden. Nicht eine weitere Hand ist zur Abstimmung an diesem Abend zur Befürwortung der Errichtung des Müllzwischenlagerplatzes erhoben worden.
Am nächsten Tag war in der Gazette della Regionale zu lesen, dass der Standort für die Deponie abgelehnt worden ist. Auf die Frage Mansardos an Gespucci, wo er denn gedenke die neue Deponie zu erstellen, gab dieser gelassen zur Antwort: »Sowas dürfen Sie mich doch nicht fragen, Herr Ratsvorsitzender. Ich bin nur ein einfacher Grundschullehrer, der von so etwas keine Ahnung hat!«.
Und nun muss Francesco den Filius unterrichten. Nach bestem Wissen und Gewissen. Seinen Vater, Signore Mansardo, konnte Francesco bei der Einschulung übrigens nicht unter der Elternschar ausmachen. Und das, obwohl der Jüngstgeborene das Lieblingskind des Familienoberhauptes ist.
Die ersten Wochen vergingen und heute ist Freitagmittag. Die Schule ist aus und die Kinder verlassen gerade den Klassenraum in Richtung Wochenende. Francesco hat die vergangenen Tage regelmäßig bis in den späten Abend hinein gearbeitet. Er hat für Stephano Mansardo extra schwierige Aufgaben zusammengestellt.
Dem Jungen von diesem Feudalherren werde er schon zeigen, was es heißt, hart ran genommen zu werden. Zu Francescos Leidwesen jedoch hat der Junge alle ihm gestellten Aufgaben gewissenhaft und meist richtig erledigt. Stephano ist ein fleißiger Schüler und Francesco muss sich eingestehen, dass er so etwas wie Sympathie für dieses Kind empfindet. Laut Gesetz ist es vorgeschrieben, dass zu Beginn der neuen Schulzeit ein Gespräch mit den Eltern der Schüler zu führen ist. Meist kommen nur die Mütter, da die Väter entweder arbeiten müssen oder ein unglaubliches Talent für Ausreden an den Tage legen. Francesco hat ein ungutes Gefühl im Bauch, denn ausgerechnet heute, an diesem Freitagabend, steht das Gespräch mit den Mansardos an. Gloria Mansardo, die Frau von Signore Mansardo, ist eine sehr stille Schönheit. Ihr Alter von knapp über 40 Jahren sieht man ihr keineswegs an. Sie ist nicht oft zu sehen. Sie zieht es vor sich zurückzuziehen und meidet die Öffentlichkeit. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann. Doch noch hat Francesco ein paar Stunden Zeit, da er erst am Abend mit den Mansardos verabredet ist.
Francesco verspürt ein kleines Brummen in seiner Magengegend.
Kein Wunder, es ist ja schließlich schon nach 13:00 Uhr und er hat diesen Tag lediglich eine Brotscheibe mit Honig zum Frühstück verspeist. Er beschließt in die Pizzeria Siciliana zu gehen. Francesco kennt den Wirt Calerati sehr gut. Vor einiger Zeit hat Francesco dessen Sprössling vier Jahre lang unter seiner Aufsicht gehabt. Der Junge war und ist wie sein Vater. Er redet und redet und hat doch selten etwas zu sagen. Francesco kann sich noch erinnern, da waren Signora und Signore Calerati zusammen bei einem Elterngespräch in der Schule. Beide sprachen gleichzeitig ohne Punkt und Komma auf den armen Francesco ein und gaben ihm wertvollste Ratschläge, wie er doch seine Klasse zu führen hätte und was er verbessern könnte.
Und so ist es immer noch. Würden die Caleratis bei einer offenen Herzoperation anwesend sein, würden sie dem Chirurgen sicherlich sagen, wie er seinen Patienten zu behandeln habe, wie er das Skalpell anzusetzen hat und dass er doch aufpassen soll, damit es nicht so viel blutet. Ansonsten sind die Caleratis aber eine Herz von einer Familie. Italiener seien in Europa für ihr wildes Temperament, ihre Herzlichkeit und Lebhaftigkeit bekannt, hat Francesco einmal in einer Zeitschrift gelesen. Vermutlich war der Journalist dieser Reportage genau in dieser Pizzeria Siciliana essen gewesen, denn all diese Aussagen treffen auf die Caleratis zu wie auf keine zweite Familie in wahrscheinlich ganz Italien. »Mama. Papa. Schaut wer gekommen ist«, sagt der Sohn zu seinen Eltern, die Francesco noch nicht bemerkt haben. »Der Signore Professore« bestätigt Signore Calerati lauthals, um das Gesehene verbal zu untermauern. Schon hat Francesco drei intensive Umarmungen, sechs Begrüßungsküsse auf die Wangen und einen dicken Freundschaftskuss von Signora Calerati auf den Mund bekommen. Unaufgefordert wird er zu einem gedeckten Tisch geführt. Signore Calerati setzt sich zu ihm, während seine Frau in die Küche verschwindet und der Sohn eine Karaffe Wein und zwei Gläser bringt. Sein Essen wählen darf Francesco nicht, da die Caleratis stets glauben zu wissen, was der Professore heute gedenkt zu sich zu nehmen. Francesco kennt dieses Verhalten natürlich, aber er findet es auch spannend, was die Caleratis sich diesmal für ihn ausdenken werden. Und eins kann Francesco nicht behaupten: Jemals von den Caleratis kulinarisch enttäuscht worden zu sein.
»Lieber Signore Professore« beginnt Signore Calerati das Gespräch, während er zuerst seinem Gast und dann sich selbst ein Glas Rotwein eingießt. Nach etlichen Erzählungen über ihn, die Pizzeria und seine Familie, eröffnet Calerati ein Thema, bei dem Francesco hellhörig zu werden beginnt.
»Mein lieber Professore, habt ihr schon gehört, dass Papa Mansardo Neuwahlen in unserem Bezirk abhalten möchte?« »Hier? In unserem Bezirk? Dazu hat er kein Recht« entgegnet ihm Francesco kühl.
»Das Ratsmitglied ist alle drei Jahre von den gemeldeten Einwohnern der Stadt zu wählen. Und bei uns fand die letzte Wahl vor einem Jahr statt, wo ich mich zum Glück gegen diesen Halunken und Speichellecker Domini klar und fair durchgesetzt habe. Domini ist doch sogar über ein paar Ecken mit Mansardo verwandt, wenn ich mich nicht irre?« »Doch sicher, also ja, Domini ist ein Verwandter dritten Grades mütterlicherseits. Und ja, ihr habt die Wahl gewonnen und es dürfte eigentlich erst nächstes Jahr wieder gewählt werden.« sagt Calerati mit zögernder Stimme, was so ganz und gar nicht seine Art ist. »Aber?« entgegnet ihm Francesco barsch, der genau in diesem Moment seine Spaghetti a la Carbonara bekommen hat.
»Aber. Nun, es ist so, dass, als ihr in Mailand wart, es eine Sondersitzung gegeben hat. Und wenn dort einstimmig beschlossen wird, dass die Ratsmitglieder von ihrem Amt zurücktreten, es Neuwahlen geben muss. So stand es zu mindestens in der Gazette della Regionale.« Signore Calerati steht auf und geht zu einem Tisch, auf dem mehrere Zeitungen und Zeitschriften liegen. Schnell hat er die entsprechende Regionalzeitung gefunden und reicht sie Francesco. »Hier, bitte, Signore Professore. Da steht es. Und da ihr nicht hier wart und dagegen gestimmt habt, verlief die Abstimmung einstimmig. Da ist nichts zu machen Signore Professore«, erklärt Calerati. Francesco überfliegt die Gazette. Aufgebracht haut er auf den Tisch, so dass Signore Calerati erschrocken zusammenzuckt.
»Dieser Taugenichts von Mansardo. Dreht und wendet alles und jeden so, wie es ihm passt.« sagt Francesco wütend. Er schlingt die vorzügliche Portion Spaghetti in einem enormen Tempo hinunter und bezahlt seine Rechnung. Der Wein geht aufs Haus und traditionell verabschieden die Calerati den Herrn Professore mit einer intensiven Umarmung. »Ihr könnt euch sicher sein, Signore Professore, dass wir wieder für euch stimmen werden. Und wir sagen auch unseren Freunden dass sie euch wählen sollen.« Francesco bedankt sich bei den Caleratis und verlässt die Pizzeria.
Aufgebracht von diesen Nachrichten geht er schnellen Schrittes zu sich nach Hause, in sein Appartement in der vecchia strada, die nur 100 Meter weit von seiner Schule entfernt ist. Er hat die ganzen Tage keine Zeit gehabt, weder die Gazette zu lesen, noch seine Post zu bearbeiten. Nun erinnert er sich daran, dass, als er aus Mailand wieder heim kam und die Post aus dem Briefkasten holte, ein Brief dabei war, der zum einen keine Briefmarke hatte und zum anderen handschriftlich an ihn adressiert war. Und jetzt, als er näher darüber nachdenkt, fällt ihm auf, dass er diese Handschrift ganz genau kennt.
Bei ihm daheim angekommen, läuft er so schnell er kann das Treppenhaus hoch in den zweiten Stock, wo sich seine Dreizimmerwohnung befindet. Eigentlich hätte er viel lieber die Erdgeschosswohnung beziehen wollen, da er nichts mehr liebte als die Sommernächte draußen im Garten auf einem Liegestuhl zu verbringen. Leider war dies nicht möglich, da die Erdgeschosswohnung bereits bezogen und auch sonst in Schulnähe keine andere Erdgeschosswohnung mit Garten aufzutreiben war.
Also musste er sich mit der Wohnung im zweiten Stock begnügen, die immerhin einen kleinen Balkon aufweist, von dem man einen schönen Blick auf den Lago Maggiore und die umliegenden Berge hat. Francesco ist nicht wirklich ordentlich. Zwar stapelt sich bei ihm kein dreckiges Geschirr, und gammelige Essensreste sucht man ebenso vergebens, aber Kleider, Schulunterlagen und Schuhe liegen teilweise in der ganzen Wohnung verstreut herum. Und natürlich hat er einen Ablagestapel für alle wichtigen und nicht ganz so wichtigen Dokumente, zu denen auch die Post gehört. Und tatsächlich, unter einem beträchtlichen Stapel von Posteingängen findet Francesco den Brief, an den er sich erinnert hat. Schnell öffnet er ihn und entdeckt im Briefkopf das Wappen des Regionalrats, das, wie sollte es auch anders sein, eine enorme Ähnlichkeit mit dem Familienwappen der Mansardos aufweist. Francesco überfliegt in Windeseile den Text.
»Einladung zu einer außerordentlichen Sitzung des Regionalrates.
Anlass: Abstimmung über vorgezogene Neuwahlen der Mitglieder.
Bei Verhinderung der Anwesenheit rechtzeitig Bescheid geben zwecks Terminverlegung. Gezeichnet Antonio Vittore Mansardo, Vorsitzender des Regionalrats«. Das Datum auf dem Brief ist exakt jenes, an dem Francesco nach Mailand abgereist ist. Auf zwei Wochen später war die Abstimmung angelegt, exakt einen Tag,
