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Darf ich Dich entführen? Ja, Dich! Schließlich könnte ich mich Ihnen, derart entblößt, niemals präsentieren! Schwer genug, dass ich hier alleine auf der Bühne stehe, ohne Kostüm und Drehbuch – mit dem Stempelaufdruck "Depression" auf der Stirn, wirke ich zudem nicht sehr attraktiv. Jetzt ist Kreativität gefragt, schließlich möchte ich, dass ausgerechnet Du diese Eintrittskarte kaufst! Sie führt Dich in eine Welt, die ich mir nie hätte ausdenken können, wäre sie mir nicht begegnet… Hier mag ich Dich sehen lassen, wie mir Flügel wachsen, während ich in den Abgrund springe, wie aus Angst und Mut wahre Schönheit entsteht. Diese Geschichte wurde bisher nur geschrieben… vollendet wird sie erst durch Dich, meinen Mitautor des Ungesagten, das zwischen den Zeilen steht… Ich freue mich auf unsere Begegnung!
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mag Owl
Gestatten, Maggie!
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Willkommen
Dialog
Die Flitzpiepe
Der Teufel?
Strategisch umdenken
Dialog
Hulk
Dialog
Die goldene Mitte
Träume
Sehnsucht
Ich sehne mich nach Liebe
Die Sehnsucht begehrt zu werden
Die Sehnsucht nach Erfolg und Anerkennung
Dialog
Angst
Die Angst vor euch allen
Angst vor Wut?
Die Angst ohne Euch leben zu müssen
Die Angst, nie gut genug für Euch zu sein
Die Angst vor Kleinigkeiten
Die Angst zu leben
Dialog
Zwischendurch
Frau
Dialog
Nebel
Schuld
Ich sehe dich
Briefe
Anziehungskraft
Erwachsen, meine Deutung:
Der Engel
Unterm Strich
Dialog
Was ich Dir noch sagen wollte…
Abschied
Anhang
Impressum neobooks
Herzlich willkommen in meinem Leben! Noch stehst Du im Vorgarten, bitte trete ein. Ich habe nichts wirklich Erfrischendes anzubieten… Bitte entschuldige das Chaos, ich werde es noch beseitigen, während wir uns… näher kommen? Macht nichts, ich stolpere auch immer wieder über die Unsicherheit, lass sie nur liegen, beachte sie nicht weiter… nur Vorsicht bitte mit dem Haufen Angst, den habe ich geschenkt bekommen.
Wie wäre es mit einem schüchternen Lächeln zur Begrüßung? Ich heiße Maggie (mit zweitem Vornamen), bin ein liebes und fröhliches… hm… Mädchen - meistens. Natürlich werde ich mich das ganze Buch lang vorstellen und die Hosen vor Dir runterlassen, also bin ich wohl auch ein offenes Mädchen und komme gleich zum Du über. Ist, denke ich, kein Problem? Ob wir nun im gleichen Boot sitzen oder ob Du mich ein Stück begleiten magst, es wird sehr persönlich. Setz Dich bitte, mache es Dir gemütlich.
Ich muss gestehen, ich war nicht vorbereitet auf deinen Besuch… bin eben aufgestanden, habe mir diesen Schreibblock geholt… und schon sitzen wir hier. Ich freue mich sehr, Du bist herzlich eingeladen.
Aller Anfang ist schwer, auch für uns beide, fürchte ich. Es wird noch ein wenig dauern, bis wir miteinander warm geworden sind – aber es wird schon! Da bin ich optimistisch. Bis jetzt konnte sich kaum jemand wehren und wenn Du es mir nicht zu schwer machst, kannst Du Dich schon bald auf mich einlassen.
Ich kann nicht mal ahnen, wer Du bist… macht das Ganze nicht einfacher. Ich gebe mein Bestes, bitte um Nachsicht, ist mein erstes Date dieser Art.
Ich muss Dich gleich zu Anfang enttäuschen… mache es aber später wieder gut! Es ist keinesfalls so, dass ich hier sitze und Dir schreibe, weil ich eine tiefe Depression überlebt habe und Dir jetzt schon sagen kann wie es geht, weit gefehlt. Es ist vielmehr so, dass ich momentan mitten drin stecke und Angst habe. Noch! Ich verspreche Dir, Du wirst diese Zeilen erst lesen, wenn ich es geschafft habe gesund zu werden. Es ist ein Versprechen an uns beide.
Natürlich schreibe ich Dir nicht völlig ahnungslos, die Theorie und ich sind alte Bekannte. Die Depressionsgruppe habe ich auch fleißig besucht, das alles ist wichtig. Die Theorie ist sogar sehr wichtig! Sie lenkt uns hoffentlich in die richtige Richtung. Es ist nur so, dass es in der Praxis so anders ist. So schwer alles umzusetzen. Es fühlt sich nicht echt an, tut weh. Es kommt mir vor, als würde ich mich selbst hintergehen.
Ich denke, zum Schluss habe ich Dir berichtet, wie ich es geschafft habe, die Maggie von heute sterben zu lassen und dabei zu überleben. Ich hoffe, dass die Maggie, die überlebt hat, sich lieben kann, so wie manch einer es schon tut.
Und ich möchte mir / uns Mut machen! Diese Krankheit ist gut heilbar, so sagt man…
Fangen wir mal klein an…
Es war einmal ein fröhliches Mädchen. Etwas pummelig, schon immer; süßes Gesicht, zwei Zöpfe und meistens ein Lächeln im Gesicht (wie alle Kinder, herrlich, diese unschuldige Lebensfreude). Dieses Mädchen hatte schon immer ein großes Mundwerk, hat vieles ein klein wenig schneller gelernt als die meisten und hat nicht viele Probleme verursacht.
Okay, ein Mal ein Feld angezündet, aber der Bruder war der Anstifter (ich Petze) und die Strafe ist verbüßt… und mit sechs Jahren so manch einen Jungen verhauen – aber glaubt mir, JEDE Strafe ist verbüßt.
Diese Maggie war manchmal frech, jedoch so, dass alle sie mochten, soweit ich mich erinnern kann… Eher etwas vorlaut, das passt. Oft anstrengend, vermute ich, so wie meine Zuckerschnuten heute. Sie hat im Kindergartenalter selbst lesen gelernt, hat halt vorher jeden mit Fragen genervt, was denn dieser und jener Buchstabe bedeute, und anschließend fließend Zeitung gelesen. Sie konnte alles schnell auswendig lernen und vortragen, was ihr die erste (und letzte) Hauptrolle als Rotkäppchen eingebracht hat. Natürlich war sie vom vielen Proben genervt, jetzt mal ehrlich, kenn ich schon, was den Auftritt etwas würziger gestaltete. „Nein, Mama, bring Du doch das Ganze selbst zur Oma oder such Dir einen anderen Diener.“ Amüsant, das süße Ding, oder? Ich beneide meine Mama nicht im Publikum, auch sonst bei manch einer Gelegenheit nicht.
Das Kind konnte aber auch nerven! Zur Strafe fürs große Mundwerk im Bad eingesperrt, hat sie sich eine Stunde lang mit dem Klodeckel unterhalten und ist anschließend in inniger Umarmung mit ihm eingeschlafen. Daran kann ich mich heute noch erinnern. Doch, durchaus anstrengend das Kind. Aber zuckersüß meistens, sehr liebevoll in seiner Art, das bestätigt meine Mama heute noch.
Wie gesagt, im Großen und Ganzen bin ich bis heute so geblieben. Ein großes Mädchen, das viel zu sagen hat, will niemandem etwas Böses, Dir schon gar nicht; mit dem Herzen durchs Leben, manchmal durch die Wand…
Die Frau von heute hat sich ihren Humor von damals bewahrt, hat ihn nicht sterben lassen, obwohl er viele Gelegenheiten dazu hatte, und wird es hoffentlich nie.
Er ist ein fester Teil von mir, ich lasse ihn mir nicht nehmen. Wenn Du mich lässt, unterhalte ich Dich zwischendurch. Das Leben ist oft traurig genug. Abgesehen davon ist Humor die beste Art die Fassade aufrecht zu erhalten - und darin bin ich Profi.
Ich verspreche Dir hiermit, meine Fassade zu räumen, Dir den Weg zu zeigen, der hinter diese inzwischen brüchige Mauer führt und mich Dir zeigen, wie ich bin – schonungslos ehrlich und ausführlich, schließlich sollen wir beide etwas davon haben. Theoretische Ratgeber gibt es genug! Sie erfüllen durchaus ihren Zweck und können wahrscheinlich einen wichtigen Teil zu Deiner Genesung beitragen, nur ist dieses Buch eben kein solcher Ratgeber. Es ist mehr. Du musst zwar etwas chaotisch durch mein Leben mitkommen, dafür berichte ich Dir aber von meiner Praxis mit der Theorie. Es handelt nicht von Alldem, das mich krank gemacht hat, es erzählt von der Entwicklung. Ich mag Dich nicht abholen, um Dich anschließend stehen zu lassen, mag Dich mitreißen, Dich mit mir stolpern und wieder aufstehen lassen… so lange, bis ich aufrecht stehe.
Was die Frau von heute mit dem Mädchen von damals insbesondere verbindet, ist die Tatsache, dass sie beide traurig sind. So traurig, dass es keinen Ausweg zu geben scheint. Und sie haben beide Angst. Große Angst und keine Ahnung wo sie herkommt. Sie lieben sich nicht, weil sie es nicht können, sie wissen nicht, wie es geht. Manch einer wollte es ihnen zeigen, doch sie wurden jedes Mal eines Besseren belehrt.
Die tiefe Wahrheit, die sie leben, ist, dass sie es nicht wert sind… und sie können beim besten Willen nicht erwachsen werden. (An diesem Punkt fällt mir ein, dass meine erste große Liebe Peter Pan war, auf Hörspielkassette. Nicht von Bedeutung, aber ein schöner Gedanke noch einmal wie Wendy Geschichten zu erzählen.)
Verstehe mich nicht falsch: Ich wirke durchaus sehr erwachsen; weiß auch meinen Humor da draußen wohldosiert zu verabreichen; werde geschätzt für meine ehrliche, selbstkritische und oft durchdachte Art.
Trotzdem weiß ich, dass ich nicht erwachsen bin, zumindest nicht nach meiner Definition.
Es bedeutet für mich, ein stabiles und flexibles Selbst zu haben.
Ich bin intelligent genug, es zu verstehen, erfahren genug, es inzwischen erlangt zu haben und krank genug, es nicht umsetzen zu können.
An dieser Stelle bringe ich etwas Struktur in dieses Buch. Ich habe zwar vor, mich durch die Höhen und Tiefen zu schreiben, denn - wie bereits gesagt, ich will auch etwas davon haben - aber ich muss Dich nicht völlig chaotisch und ahnungslos durch mein Leben schleifen.
Somit präsentiere ich meinen „Steckbrief“, wie ich ihn schon manches Mal einem Arzt aufsagen musste, einen Rahmen für das Bild, das Du von mir bekommen wirst:
Kindheit:
Jahrgang 77 (ja, zähl ruhig nach), strenge Erziehung, schwankend zwischen Zuneigung, Disziplin (nicht immer eingehalten) und Gewalt, körperlich wie seelisch, Angst. Gute Schülerin, viel an der frischen Luft gespielt, liebend gern auf Bäume geklettert, von Lehrern gemocht, mit zwei Brüdern aufgewachsen.
Mutter:
Hatte ein liebevolles Zuhause, eine starke Frau? Sonst hätte sie meinen Vater nie ausgehalten - und doch so schwach. Kein Durchsetzungsvermögen, emotional von meinem Vater abhängig, intelligent, hübsch.
Vater:
Von drei Frauen erzogen; kategorisch, in seinen Augen fehlerfrei; fanatisch katholisch; Angst einflößend und gewalttätig. Auch fleißig und mutig. Er hat viel gewagt und erreicht. Nach außen sehr liebevoll gläubig, unglücklich, untherapierbar, Tyrann.
Großer Bruder:
Im Vergleich zu mir: Feuer und Wasser, Tag und Nacht, Himmel und Erde. Wobei ich nicht sagen mag wer oder was besser ist, alles Ansichtssache. Geht man gut miteinander um, kann man durchaus davon profitieren. Ich finde es ist eine Bereicherung.
Kleiner Bruder:
Mir sehr ähnlich, ein liebevoller Mensch, wir haben uns gegenseitig oft geholfen, verstehen uns, stehen uns nahe.
Jugend:
Siehe Kindheit, mit 12 Jahren von Polen nach Deutschland ausgewandert. Es war eine schwere Zeit. Mobbing in der Schule; Rebellion (nur im Stillen); Selbstmordversuch; Verantwortung auf mich geladen, die mir nicht zustand; kaum Freunde; kaum ausgegangen; Angst. Schwere Zeit für uns alle. Hobbys: Kochen (kann ich!) und Essen.
Erwachsenenalter:
Mit 18 erster Freund, von zuhause weggelaufen in die erste eigene Wohnung. Ein Leben ohne Geld, dafür mit viel Angst vor der Zukunft. Ich habe die Nächte verzweifelt durchgeweint; habe versucht zu verstehen, warum alles so gekommen ist; was meinen Vater dazu bewogen hat, so zu sein wie er ist - und zu denken, er liebt mich.
Nach drei Jahren Beziehungsende, zwei Wochen später Ehemann kennengelernt, einen Kosovo-Albaner. 10 Jahre Beziehung/Ehe, Himmel und Hölle (was sonst). Eine Schwangerschaft mit 21; ein Engel, den ich nicht zur Welt bringen konnte. Alles, was dazu zu sagen ist, behalte ich für mich, außer, dass mein Körper versagte und keine Absicht dahinter stand. Dieser Schmerz gehört mir allein. Aus dieser Ehe zwei wundervolle Mädchen, meine Engel, diese Liebeserklärung kann ich nicht in Worte fassen.
Es folgten viele Katastrophen, ich wachse an ihnen. Ehe endet nach großer Liebe, später viel Angst und Verzweiflung mit einem Polizeieinsatz und Krankenhausaufenthalt.
Heute gnädiger Weise nur noch ein Schatten in meinem Leben, hat mich stark geprägt, reicht für ein eigenes Buch.
Es folgt ein Mann, der sich aufgrund meiner Vergangenheit gegen mich entscheidet (ansonsten war ich perfekt! Na, wenn das kein Kompliment ist…) – ich wachse, es folgt eine Singlezeit – ich wachse, es folgt meine jetzige Beziehung – klar wachse ich.
Zwischendurch gab es eine Projektleitung in einem großen Unternehmen; es folgte eine Bereichsleitung; Firmenwagen; mein wilder Bayer; jetzt sitze ich in einem schönen Architektenhaus im Grünen, meinem Traumhaus… Und eigentlich könnte alles so toll sein… denkst Du…?
Nun, ich denke diese grobe Übersicht zeigt Dir zwischen den Zeilen, dass ich durchaus so einiges erlebt habe, doch ist das alles überhaupt mein Weg in die Krankheit? Sind es die Auslöser? Vielleicht kommt es nicht darauf an? Ich suche noch die Antwort, so lange bis ich eine finde.
Ich habe nicht vor, Dir jedes Elend hier auszubreiten, darin zu wühlen und zu sagen: „Schau mal!“ Das brauchen wir beide nicht. Ich werde aber auf Situationen eingehen bei der Suche nach Antworten. Dir versuchen zu zeigen, was mich wie geprägt hat. Was ich mit Sicherheit heute von mir sagen kann ist, dass ich weiß, was mich zum großen Teil ausmacht. Ich war oft gezwungen, mich weiter zu entwickeln, weil die Situation es verlangt hat. Ich habe es oft bewusst getan, so wie ich mir bewusst mein Vertrauen bewahrt habe, ich habe mich geformt.
Ich habe meine Stärken und kenne sie. Ebenso kenne ich meine Schwächen, die mir manchmal ins Gesicht lachen und mich machtlos fühlen lassen. Natürlich nicht alle… aber ich denke, ich weiß wer ich bin. Die Frage ist, wer will ich sein? Und es folgen bestimmt noch viele Fragen… wie soll das bloß nicht im Chaos enden…
Ich mache erst mal Pause, halte mein Gesicht in die Sonne und denke mal an nichts. Gewöhne mich erst an Deine Gegenwart. Magst Du etwas trinken? Ich hole mir einen Kaffee.
Ich habe beim Nichtdenken überlegt, wie ich dieses Buch aufteilen werde. Als Nichtprofi fällt mir spontan ein, dass so einiges keinen Sinn macht. Zeitlich werde ich eh springen, Probleme einzeln – wenn es die getrennt gäbe, wäre ich auch schon weiter… ich denke, ich lasse es auf mich zukommen und fange damit an, etwas allgemeiner über die Krankheit zu schreiben.
Das wohl Wichtigste ist – für mich persönlich, dass diese Krankheit heilbar ist. Das macht mir wirklich Mut. Als ich es gelesen habe, hat es mir so gut getan, mir Hoffnung gegeben. Ich glaube, es ist sehr wichtig diese Krankheit als solche zu akzeptieren. Warum? Weil wir nicht die Menschen sind, die wir zu sein glauben in dieser Zeit. Bist Du wie ich müde? Manchmal so müde, dass Du nur noch schlafen willst? Bist du hoffnungslos? Hast Angst vor der Zukunft, kannst keine Freude empfinden? Oder sogar überhaupt nichts empfinden? Fühlt es sich an, als würdest Du niemals mehr glücklich sein können? Als wäre Dir der Zugang zum Glück für immer versperrt? Oder sogar als wolltest du niemals mehr glücklich sein, als wolltest Du einfach nichts mehr?
Typisch: Schlaflose Nächte oder unregelmäßiger Schlaf; ständiges Grübeln; Gedankenkarussell; wo früher schöne Gedanken waren, sind jetzt nur noch böse, hoffnungslose. Wir machen uns verrückt; malen uns aus, wie alles schiefgeht; beschäftigen uns immer mehr mit uns selbst auf eine negative Art; ziehen uns immer mehr zurück, sodass wir auch nichts Schönes mehr erleben…
Es ist die bekannte Abwärtsspirale:
Die schlechten Gedanken machen schlechte Gefühle, die schlechten Gefühle führen dazu, dass wir uns immer mehr zurückziehen, wobei wir uns immer mehr schlechte Gedanken machen… Gefühle… Rückzug… Gedanken…
Diesen Kreislauf gilt es wohl zu durchbrechen, habe ich mir sagen lassen… mal sehen… dazu später mehr.
Nachtrag:
Ich habe mir überlegt, in jedem Kapitel Nachträge zu schreiben, schließlich soll ich mich hierbei entwickeln, bestenfalls. Sollte sich also etwas tun, das ich nicht schon während des Schreibens schön einpacke, stelle ich es hinten an. Macht Sinn.
Bitte beachte, dass die Nachträge bis zu vier Jahre später geschrieben werden, lass Dich nicht verwirren…
Warum? Warum das Ganze? Ich verstehe nicht, ich will nicht mehr…
Schlaf…
WAS bist du? Warum tust du mir das an? Das ist nicht mein Leben, ich werde nie bestehen, ich habe es nicht verdient, es zu leben, ich versage…
Sch… schlaf…
Ich habe solche Angst; ich wusste schon immer, ich würde irgendwann versagen; hier bin ich jetzt; kann nicht mehr; schaffe es nicht, ihnen in die Augen zu sehen; alles ist aufgeflogen, das ist mein Ende; ich werde alles verlieren…
Du bist müde, schlaf.
Ich habe solche Angst; ich bin allein; sie verstehen es nicht ich kann es nicht erklären, weil ich es selbst nicht verstehe; ich versage nur; ich habe solche Angst und niemand kann mir helfen; niemand wird mir helfen wollen…
Du darfst schlafen.
Es sind die Pillen; ich muss mich nur daran gewöhnen, dann gehe ich wieder raus und lebe, werde es ihnen zeigen… sie werden es merken! Sie werden alle sehen, wie ich versage; diesmal schaffe ich es nicht mehr; ich hab solche Angst, warum sieht es niemand? Ich will nicht mehr, bitte ich will nicht mehr, es macht keinen Sinn… was bist du nur für ein Monster…!
Erst musst du schlafen, dann sehen wir weiter…
Es gibt kein weiter, das weißt du! Ich bin nichts mehr, ihr lasst mich nur nicht gehen! Ich sehne mich schon so lange danach, es macht mir keine Angst mehr… alles andere macht mir Angst, nur das nicht… ich will Frieden… kann nicht mehr kämpfen.
Deine Engel… schlaf…
Ich fühle nur noch Angst; so groß, dass für alles andere kein Platz ist. Ich nehme sie in den Arm und weiß, wie sehr ich sie liebe, aber ich fühle nichts mehr; es ist grausam… ich bin eine schlechte Mutter, nicht mal das kann ich; sie sehen es auch; ich muss gehen; sie haben es besser verdient; warum gibt es keinen Ausweg?!
Du bist so müde, schlaf.
Was bist du? Ich kenn dich nicht. Du hast mich zerstört und jetzt quälst du mich und lachst mich aus; ich bin so schwach; ich muss sie gleich anlächeln und weiß nicht, ob ich kann; alle Kraft geht dafür drauf; niemand sieht es, nur du… lachst du mich aus?
Nein, ich bin da.
Warum?
Ich weiß es nicht.
Geh. Bitte geh, ich kann nicht mehr. Bitte geh, dann schaffe ich es vielleicht noch zurück, ich will wenigstens noch hoffen können… ich bin so müde, lass mich schlafen bitte…
Schlaf…
Es wird immer schlimmer; ich habe keine Zeit mehr; wenn du mich nicht gehen lässt, ist es zu spät; es ist jetzt schon zu spät; lass mich gehen!
Nein.
Du bist ein Monster! Ich habe so vieles erlebt, aber du bist das Schlimmste, das es gibt. Unglaublich, dass es für sowas wie dich eine Diagnose gibt! Du bist so grausam und hälst mich fest, ich werde es nicht überleben. Ich habe es nicht verdient, ich habe genug durchgemacht, das ist nicht fair, warum ich?
Kein Selbstmitleid, ruh dich aus.
Es hilft nicht, ich werde immer müder; du machst einen Versager aus mir; ich kann niemandem mehr in die Augen sehen, weil es mir ins Gesicht geschrieben steht! Ich bin ein Produktionsfehler, war ich schon immer! Wer hat dich geschickt? Wenn ich mir ein Ende setze, verschwindest du auch, ich kann nicht länger kämpfen.
Dann kämpfe nicht, ruh dich aus.
Wie viel Ausruhen denn noch? Es macht mich ohnmächtig! Ich habe gar keine Kontrolle mehr! Wie kann man nur so versagen? Was dachte ich immer, was ich bin? Ich bin niemand! Es gibt kein Zurück, ich kann mich nicht so demütigen, kein Zurück… so sehe ich ihnen nie mehr in die Augen… kein Zurück…
Du brauchst ihnen noch nicht in die Augen zu sehen.
Verstehst du nicht? Ich habe keine Zeit!!! Sie warten und werden mich abstoßen; ich kann das nicht überleben, dass sie mich alle ablehnen; es ist eine Folter, das alles hier ist Folter! Ich kann nicht mehr denken, es tut so weh, ich denke nicht mehr, bitte nie mehr denken…
Dann denk jetzt nicht, schlaf…
Wie Deine bösen Gedanken aussehen, weiß ich natürlich nicht, meine sind Zukunftsängste.
Wie willst du jetzt noch in den Job zurück? Alle werden dich nur schief ansehen nach dieser Zeit, du Psycho.
Oder noch besser: „Hat es sich ja gut gehen lassen, all die Monate zuhause! Hoppla, fetter ist sie auch noch geworden dabei! Schau mal, die soll krank sein? Grinst wie eh und je… Ja klar, sich auf Kosten anderer ausruhen, während wir hier arbeiten müssen. Nette Auszeit, sollten wir auch mal probieren, schöner Urlaub! Weichei, als ob wir nicht alle unsere Probleme hätten, wir erlauben uns nur nicht, zuhause zu liegen!“
Sehr schön auch: „Danke schön für Ihre Mitarbeit, wir haben festgestellt Sie sind entbehrlich, wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft!“ Schade, dass ich der Großverdiener bin, heute schon ein Haus verloren? Ich könnte ewig so weitermachen…
Wie konnte ich Idiot nur denken, ich hätte es mir leisten können, mir, nein uns ein Haus zu gönnen. Ich schaffe es offensichtlich nicht, wir werden auf der Straße landen, mit einem Haufen Schulden…
Ist es das, was du wolltest? Wieso hast du nicht früher überlegt? Wie stellst du es dir vor, das zu schaffen? Glaubst du, nur weil du das Glück hattest, einen guten Job zu finden, wirst du immer Glück haben? Dass diese Glückssträhne niemals abreißt? Wie kann man nur so verantwortungslos sein? So gierig? Steht es dir zu???
Hast Du auch das Gefühl, dass auf Deinen Schultern tonnenschwere Last liegt? Dass alles von Dir alleine abhängt und die Verantwortung riesengroß ist? Dass Du alles verlieren könntest? Dann habe ich eine gute Nachricht für Dich: Das ist Deine verzerrte Ansicht der Dinge, verursacht durch die Krankheit, durch die erwähnte Spirale. Da ich es jetzt weiß, sollte ich doch eigentlich jubeln vor Freude! Alles tutti! Ich bin gar nicht der Loser, dem nichts mehr gelingen mag wie früher… An guten Tagen weiß ich, dass es stimmt. An diesen Tagen, an denen nicht alles hoffnungslos ist, sehe ich meine Probleme sogar ganz klar.
Mir mag nicht alles gelingen wie früher, mir gelingt meinem Zustand entsprechend eine ganze Menge! Ich bin immer noch eine liebevolle Mutter, kriege den Haushalt hin, versuche oft genug, dem Tod aus dem Weg zu gehen und halte die Fassade sogar blumig schön. Kurz gesagt: Ich strenge mich ständig an, die Umstände sind nur anders!
Vielleicht muss mir auch nicht alles gelingen wie früher? War das der Fehler? Bestimmt einer davon. Alleinerziehend; sechs bis sieben Tage die Woche gearbeitet; nicht allzu hübsche Vergangenheit verdrängt; ein kleiner Psycho als Chef, der mich für seine Aggressionen (miss)brauchte; ich Depp, der es hat mich sich machen lassen… Die tolle Hausfrau nicht vergessen! Mutter? Jederzeit! Schlechtes Gewissen geht immer und überall! Wer wäre so bescheuert, sich nach einem, milde gesagt, stressigen Tag bei der Arbeit gar keine Zeit für sich zu nehmen? Zu ignorieren, dass man sich täglich mit aller Kraft wachhalten muss, am Steuer, nach Feierabend? Ständig aufs Handy zu schauen, ob der Job/Psycho ruft, dazwischen nur Mama sein wollen und wenn die Kinder im Bett sind, den Haushalt mit links zu schmeißen? Und sich dann noch für nicht gut genug beschimpfen?
Das braucht man sich nicht einmal zu sagen, es ist ein tiefes Gefühl der Wahrheit in einem selbst, ein ständiger Begleiter. (Dazu später mehr.)
Hast Du auch das Gefühl nichts mehr zu schaffen? Dann kann ich dir jetzt widersprechen. Das kann nämlich nicht sein. Offensichtlich schaffst Du es zumindest, Dich mit diesem Teufel Depression auseinanderzusetzen und ein Buch zu lesen. Glaube mir, das ist schon mehr als manch ein Durchschnittsgesellschaftsmitglied (ich mag dieses Wort) am Durchschnittstag schafft. Das Ergebnis ist eventuell nicht so top, ja und? Auch wenn du nur in Gedanken arbeitest, Grübeln ist anstrengend! Ich kenne Deine Situation nicht, aber du weißt schon, was ich Dir zu sagen versuche. Unproduktiv, nicht das gewünschte Ergebnis erreichend, ist nicht gleich faul.
Vielleicht bist Du sogar krank weil Du immer alles richtig, noch besser und am besten in jedem Lebensbereich machen wolltest?
Da wären wir dann! Meine Ärztin fragte mich einmal, ob ich mich mit weniger als 100% zufrieden geben könnte. Ich sagte, das sei nur was für Flitzpiepen. Dabei meinte ich es doch gar nicht so. Ich würde Dir und jedem anderen raten, es Euch gut gehen zu lassen. Zu leben, anstatt irgendetwas hinterher zu rennen, das man eh nicht bekommt. Ich bin die Flitzpiepe von uns beiden. Auch bei 100%.
Nachtrag:
Hallo nochmal, hier die Flitzpiepe. Es sind ein paar Wochen vergangen… Ich arbeite daran, keine mehr zu sein. Also nicht mit Leistung, eher daran, eine von euch zu werden. Es war grausam, keine 100% mehr zu schaffen… Ich will sie nicht mehr… Sitze hier und schreibe Dir, obwohl da Bügelwäsche wartet, die Küche noch nicht geputzt ist. Warum? Weil es sich besser anfühlt, Dir zu schreiben. Ich mache gleich noch die Küche, den Rest lasse ich liegen. Dann fahre ich zur Sonnenbank. Das erste Mal seit Ewigkeiten, danach lege ich mich in die Wanne. Das macht glücklich.
Nachtrag:
Ich gebe längst nicht mehr 100%, das schon, bevor diese Entscheidung mich zu retten feststand, die Krankheit hat mich ausgebremst. Es fällt mir nicht mehr so schwer zu sehen, dass Dinge nicht erledigt werden, liegen bleiben. Was schwer fällt ist die Anspannung, die ich dadurch aushalten muss. Ich kann nach einem Jahr immer noch nicht die Angst ablegen, dass meine Eltern vor der Tür stehen, spitze Kommentare abschießen werden, oder gleich total verzweifelt aussehen, weil ihre unfähige Tochter nichts kann. Diese Anspannung ist nach wie vor riesengroß. Ich habe mich von ihnen distanziert. Es ist kein böses Wort gefallen, soll es auch nicht, ich melde mich nur kaum noch. Das tut schon mal gut. Sie werden sicher bald, wie jedes Mal, fragen, wann ich wieder arbeiten gehe. Puh… ich habe einen Knoten im Magen.
Nüchtern betrachtet ist alles das, was Gift für mich ist, genau das, was sie stolz macht und beruhigt. Nicht kompatibel.
Nachtrag:
Ich habe in den drei Jahren sehr daran gearbeitet, dieses Extrem weniger werden zu lassen und war erfolgreich damit. Es wird noch deutlich an manch einer Stelle, die meine Entwicklung beschreibt. Auch hier weiche ich noch vom Durchschnitt ab, was okay ist, da ich es grundsätzlich tue. Es ist jetzt erträglich geworden, ich werde mich keinem Durchschnitt anpassen. Ich kann aber ein Stück weit vom Durchschnitt glücklich und zufrieden sein, denn es ist eine deutliche, spürbare Besserung, die mein Leben schöner macht. Toll!
Ja, ja, so nenne ich sie gerne, meine inzwischen vertraute Krankheit, die mich schon viel länger verfolgt und begleitet als ich dachte. Es fühlt sich so schlimm an, wenn sie mich festhält. Sie ist manchmal endlos gemein. Vor allem an den schlechten Tagen, an denen ich so müde bin, dass ich nur noch schlafen will (es aber nicht tue), an denen alles grau ist, ich nichts wert bin, nichts schaffen werde. Es sind Tage, an denen unser Haus mir nichts bedeutet außer einer Riesenlast; an denen ich überzeugt bin, dass ich nur noch tiefer falle; keine Hoffnung habe.
Ich bin dann überzeugt, dass ich nichts erreicht habe, dass es halt Glück war und ich nichts davon verdiene. Ich bin fett, hässlich, in den Spiegel kann ich lange nicht mehr schauen. Keine Ahnung warum mein Freund mich liebt, wenn überhaupt. Eine gute Mutter schafft alles besser! Ersatzteillager, wenigstens hast du einen Organspenderausweis… Ich könnte wieder ewig weitermachen… Warum mögen sie mich überhaupt? Sehen sie überhaupt hin?
Das sind die Tage, an denen ich mich vor allen verstecken will. Ich mag nicht gesehen werden, weil ich doch so hässlich bin, kann nicht gerade heraus denken, schäme mich vor mir selbst. Und ich bin hervorragend darin, mich selbst zu verurteilen. Das fühlt sich echt an. Wenn ich darüber nachdenke, hat es das schon immer.
Siehst Du, was ich Dir zu zeigen versuche? Das ist nicht die Krankheit, das ist nicht der Teufel, das sind wir. Na gut, ich. Von Dir will ich jetzt nicht sprechen, es steht mir nicht zu. Fakt ist aber, diese Krankheit könnte Sinn machen. Wow… wie sich das liest… Es ist schwer, es so zu sehen, ändert aber nichts an der Wahrheit.
Wenn jemand uns schlecht behandelt, uns kränkt und missbraucht, haben wir die Wahl, zu gehen oder ihm zu sagen, er soll es lassen. Außer in der Kindheit, in der wir auf Bezugspersonen angewiesen sind, vielleicht liegen die Ursachen deswegen meist schon dort. Wir haben also immer die Wahl, uns von bösartigen Situationen oder Menschen zu schützen und zu distanzieren, was wir auch meistens tun.
Was aber nun, wenn die bösartige Person, die uns im hier und heute missbraucht, wir selbst sind? Wie sollen wir uns wehren? Das übernimmt unsere Krankheit. Natürlich ist es nicht bewusst passiert. Du kannst sicher genauso wie ich Personen, Schicksalsschläge, schwere Situationen aufzählen… und wie ich das kann…
Es gibt Schicksalsschläge, die uns überwältigen, überrennen und einen unvergleichlichen Schmerz in uns auslösen. Der Tod eines geliebten Menschen, Vergewaltigung und Situationen, in denen wir nur Opfer sein können, sei es weil wir noch Kinder sind. Solche Situationen sind mir nicht unbekannt.
Solltest Du darunter leiden, dass ein Schicksalsschlag Dein Leben aus der Bahn geworfen und Dich entmachtet hat, dann hast Du mein volles Mitgefühl! Du hast jedes Recht traurig zu sein. An dieser Stelle wünsche ich Dir viel Kraft und hoffe mit Dir - wenn Du noch nicht bereit bist, dann für Dich - dass der Schmerz Dich irgendwann loslässt.
All das wird im Folgenden nicht beschrieben. Vielmehr geht es um Macht und Verantwortung.
Zu diesem Thema folgt ein Stück aus meinem Leben:
Ich war gut auf meinen Exmann vorbereitet, dafür hat mein Vater mich optimiert. Ich komme nicht umhin, ein wenig auszuholen, versuche es aber so objektiv wie möglich.
Ich habe einige gute und schöne Erinnerungen an ihn. Er hat meine Hand gehalten und gestreichelt als Kind, wenn wir in der Kirche standen. Er hat mir aus der Bibel vorgelesen, jeden Abend ein Kreuz auf meine Stirn gemacht und mir einen Gute-Nacht-Kuss gegeben… Und war in meinen Augen natürlich ein Held. Ich habe ihn nicht betrunken gesehen, er hatte einen tollen Humor und alle mochten ihn. Er war so fleißig! Er war der Held, er wusste alles, konnte alles. (Wobei ich auch heute weiß, dass er einiges kann und vieles geleistet hat.) Soweit, so üblich.
Er durfte uns anschreien, schließlich war er immer im Recht. Er durfte uns schlagen, es war die gerechte Strafe. Er durfte dich in den Keller schicken, das Kabel holen, es steigerte die Vorfreude.
Ich habe bruchstückhafte Erinnerungen, aber ich weiß, dass es Dinge gibt, die man nicht tut, wenn man jemanden liebt. Da hätten wir: Den Kopf seines Kindes auf den Boden schlagen, wecken, mit einem Schlag ins Gesicht, erniedrigen (zutiefst und sehr oft, gerne vor anderen), Angst machen… Ich frage mich heute, ob das Angstmachen bewusst war, ob es ihm geholfen hat seine Wut auf diese Art auszuleben. Er musste doch sehen, was in unseren Gesichtern geschrieben stand. Hast du geweint und gebettelt, wurde schlimmer zugeschlagen. Du darfst nicht weinen und schreien, die Nachbarn hören es…
Ich muss es nicht weiter ausführen, damit deutlich wird, welche Figur er in meinem Leben eingenommen hat. Er war alles, durfte alles, hatte alle Rechte, ich war nichts. Es wurde schon sehr deutlich, wo ich auf der Stellenwerttabelle meinen Platz hatte. Das geht mit Worten, man muss nicht immer zuschlagen. „Alle sind besser als du, siehst du, sie machen sich nicht schmutzig, sie können dieses, jenes, du nicht. Du stinkst, alle anderen riechen gut… du stinkst…“
Bis heute denke, sehe, fühle und weiß ich, dass in seinen Augen jeder Fremde und Bekannte mehr wert ist als ich.
Da fällt mir ein: Er hat Fotos von meinen unaufgeräumten Schränken gemacht (Zeit der Rebellion, ich war 14?). Er hat sie verwahrt und ist damit zu meinem ersten Freund gefahren. Er hat sie ihm gezeigt und gefragt, ob mein Freund sich denn wirklich das Leben mit solch einer schlampigen, ekelhaften Frau versauen wolle… Ha! Heute kann ich darüber lachen!
Nun, es liegt nahe, dass das Selbstwertgefühl, das in mir entstand, kein gutes war. Es gab immer die anderen und mich.
Dann kam mein Exmann ins Spiel, anfangs die große Liebe, dann wurde es sehr hässlich. Wie gesagt, reicht für ein eigenes Buch… Zu ihm bleibt vorerst zu sagen, dass ich dachte, er wäre so ganz anders als mein Vater. Ich glaubte er wolle mir helfen in einer sehr schweren und einsamen Zeit… Dabei hat er mich in dieser, wie in den folgenden, von ihm verursachten, schlimmen Zeiten, immer wieder im Stich gelassen. Was soll´s, ich mag nicht über ihn schreiben. Mir ist es auch egal ob er es je verstehen wird. Was es zu sagen gibt, ist, dass er mich fast mein Leben gekostet hat und dass es ein schlimmes Gefühl war, sich vom Leben zu verabschieden. Schlimmer als das war noch zu sehen, dass meine unschuldigen Engel mich gerettet haben. Sie hätten es niemals sehen sollen. Es tut mir leid, ich kann es nicht ungeschehen machen und hoffe, ihr könnt vergessen!
Im Großen und Ganzen war mein Exmann meinem Vater verdammt ähnlich, gefolgt von meinem Ex-Chef, über den ich nur zu sagen habe, dass es mir der Platz in diesem Buch nicht wert ist.
Warum berichte ich Dir jetzt das Ganze?? Ich armes Mädchen, vom Leben geprügelt?
Klar, es WAR schlimm, ist es heute noch, keine Frage. Wir waren beim Thema Macht und Verantwortung. Ich kann es drehen und wenden wie ich will, ab einem gewissen Punkt hatte ich die Wahl. Sicher, ich konnte nicht von meinem Vater weg als Kind, das muss man nicht erst überdenken. Spätestens aber ab Exmann HATTE ich die Wahl.
Ich will jetzt nicht gnadenlos zu mir sein, ich weiß, dass meine Kindheit und Jugend mich so geformt haben, darum geht es aber nicht. Ich habe mich nicht absichtlich misshandelt, ich ging nicht aus Angst – mein treuer Begleiter –, aber ich habe mich jeden Tag entschieden zu bleiben. Und dafür trage ich die Verantwortung.
Bleiben geht aber nicht einfach so… man entwickelt eine Überlebensstrategie, unbewusst (selbstredend)…
Um auf den Teufel zurückzukommen: Ich bin ein Engel! Zu meinen Lieben, zu Bekannten und fremden Menschen. Ich will Dir nichts Böses, im Gegenteil, das kann ich wahrscheinlich nicht mal. Ich bin sogar stolz darauf, dass ich es geschafft habe, nach alledem ein liebes Mädchen zu bleiben und mich noch heute traue zu vertrauen, das ist Mut!
Und ja, ich bin der Teufel, zu mir selbst. Ich kann (noch?) nicht anders. Ich kann einfach nicht glauben, eine von Euch zu sein. Die gleichen Rechte zu haben, und sei es nur das Recht zu leben. Es fühlt sich an wie… Abfallprodukt, das zu Euch aufschauen darf. Hoffentlich bemerkt Ihr mich nicht, spuckt mich nicht an. Sich selbst zu zerstören ist die einzige logische Konsequenz. Dann muss ich Euch nie mehr in die Augen sehen und diese Folter aushalten.
Nachtrag:
Sich lieb zu haben ist nicht einfach. Schön zu sehen, wie andere es können, ich würde es euch gerne nachmachen können. So, wie ich bisher auf die Liebe von außerhalb angewiesen war, ist es jetzt, wie neu laufen lernen. Meinen Körper zu lieben scheint mir unmöglich, diese Hürde überwinde ich, wenn überhaupt, zuletzt. Liebevoller mit mir im Alltag umzugehen, unnötiges liegen zu lassen, ist der Anfang. Manchmal darf ich mir auf die Schulter klopfen. Ich muss noch daran arbeiten, nicht nur kein Teufel mehr zu mir zu sein, sondern kein Engel mehr für jeden anderen. Nicht jeder braucht, verdient es – und ein liebes Mädchen reicht auch so manch einem. Einen Engel haben nur wenige verdient… mal sehen wie ich mich mache…
Nachtrag:
Ich weiß, vor mir liegt ein weiter Weg. Ich erwarte wieder mal viel von mir. Will gesund sein. Was ist das? Wie fühlt es sich an? Werde ich es jemals wissen? Schaffen? Werde ich mich lieb haben oder wenigstens gnädiger mit mir umgehen? Irgendwie ist alles zur Aufgabe geworden. Ich muss es schaffen, ich muss es leisten… ein Rückfall.
Schauen wir uns an, was ich bisher geschafft habe, sehen wir uns die junge Frau an, die noch nichts verstehen konnte. Da gab es die Einsame, die nächtelang geweint hat, sich verurteilt hat, weil sie das Leben nicht so meistern konnte wie die anderen, mit denen sie sich ständig verglichen hat. Hoffnungslos, Angst vor jedem Schritt, den sie gehen musste. Alle waren besser. Es gab die Frau, die verheiratet war, hoffnungslos einsam, die alles mit den Kindern alleine meistern musste, alles wieder ausbügeln musste, was er verursacht hat. Ich sehe diese Frau im Wohnzimmer in einer Ecke auf dem Boden sitzen, in der Angst um ihr Leben versunken, schreiend, sich die Haare vom Kopf reißend, wo Weinen nicht mehr half… Diese Frau hat sich immer mit denen verglichen, deren Leben vergleichsweise „normal“ verlaufen war, die all das nicht kannten, was sie zerstört hat. Sie konnte sich nur unzulänglich, unfähig sehen.
Was sehe ich heute, wenn ich zurückblicke? Was fühle ich?
Ich sehe eine Frau, die so vieles gemeistert und überstanden hat in diesem Zustand! Wie hast du das geschafft, Mädchen? Wie hast du das überlebt? Du wolltest so oft nicht mehr, bist immer nur an deine Grenzen gegangen. Das kannten die anderen nicht, mit denen du Schritt halten wolltest. Wie viele von ihnen wären zerbrochen an alldem? Und doch hast du die meisten von ihnen anschließend überholt…
Lieber Begleiter, Du ahnst nicht wie schlimm es war, was ich erleben musste, sollst es auch nicht, Du brauchst den Müll nicht… es ist ein großer Haufen. Bei diesem Rückblick geht es darum zu sehen, verstehen, vergleichen. Ich sehe die Frau von damals und empfinde zum ersten Mal Mitgefühl. Sie hat es verdient. Vielmehr noch empfinde ich – garantiert zum ersten Mal – Respekt. Sie hat ihn verdient. Dafür was sie in dieser Situation schaffte und später daraus machte. So, wie die Frau damals dachte: „Wie schafft ihr das alle?“, so denkt sie heute „Wie hast du das alles geschafft? Sie hätten es wahrscheinlich nicht.“ Wie fühlte ich mich jedem von Euch maßlos unterlegen, ich unfähiges Ding. Wie kann man gleichzeitig so stark und so schwach sein? Bin ich schwach? Müde bin ich, war ich schon lange. Angst habe ich, hatte ich schon immer… aber stark war ich auch immer schon, habe es nur nie gesehen. Und ja, verändert habe ich mich auch schon ganz stark, es wird Zeit es zu sehen. Und mir auf die Schulter zu klopfen. Ich mag dich, Kleines.
Nachtrag:
Es gibt noch einiges dazu zu sagen… das tue ich auch, an anderer Stelle. An manch einer Stelle… Du wirst es noch erfahren, ich mag hier nichts vorwegnehmen. Ach ja, spannend sollte es auch sein!
An dieser Stelle darf ich Dir Guru vorstellen, klein gedruckt, das passt. Er ist vom Dalai Lama weit entfernt, steht stellvertretend für Alldiejenigen, die eine Idee haben und sie ausschlachten, bis sie kein Geld mehr einbringt – ohne schlechtes Gewissen. Ob sie Dich nun mit E-Mails bombardieren oder Dir versprechen, dass sie aus Dir einen besseren Menschen machen, wenn Du erst fleißig ihre Seminare besuchst… Sie verstehen, wie arm Du dran bist - wenn sie mit Dir durch sind, bist Du wirklich arm. Die Wunderheiler nicht vergessen! Sie heilen Depression mit Kräutern und entschlacken gleichzeitig! Wow!
Ja, das wird’s wohl sein. Wenn ich es mir selbst vorsage, hört es sich sogar sehr schlau an, nach einem handfesten Plan.
Tatsächlich ist es so, dass Verhaltensmuster, die wir uns angeeignet haben, einen Sinn hatten zu dieser Zeit, in der wir es taten. Ich konnte nur auf diese Art bestehen.
Hast Du Dir schon mal Gedanken über Deine Muster gemacht?
Wir alle haben welche. Muster, die wir anwenden, die sich positiv auswirken, uns bestätigen richtig zu handeln. Wie Gewohnheiten in unserem Unterbewusstsein. Die machen natürlich Sinn, die erste Gewohnheit war es wohl zu atmen. Wir haben so viele davon, ich glaube je stressiger unser Leben wird, desto mehr sind wir auf sie angewiesen. Wir sollten wohl überdenken, welche Verhaltensmuster uns dienen und welche schaden.
Wäre ich jetzt ein Guru, der aus uns beiden bessere Menschen machen will, würden mir sofort Möglichkeiten einfallen, an uns zu arbeiten. Schreib sie alle auf, gute wie schlechte, verabschiede Dich von den schlechten, lese sie jeden Tag durch oder verbrenne sie (sehr spirituell), habe Mut, Kraft, Disziplin… bla… bla… vergiss nicht zu atmen – und wenn Dir sonst nichts einfällt, schreib ein Buch.
Okay, so sehr es mir zumindest missfällt, ich fürchte, wir beide müssen heran an das Thema. Erst mal suchen… ich zuerst:
Fürsorglich – bin ich gerne.
Mein Drang mich mitzuteilen – danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Hallo, Hier-bin ich-auftreten – ich zeige dir, was du sehen sollst, dann siehst du nicht, was dahinter steckt.
Ich ducke mich – ich senke mein Haupt vor dir Meister, das magst du doch so gerne.
Ich bin aufmerksam – will dir nur Gutes.
Ich höre dir aufmerksam zu – ich höre schnell heraus, wenn etwas nicht stimmt, ich lege dir die Welt so zurecht, wie du sie brauchst.
Ich bin hilfsbereit – was brauchst du, um dich mit mir wohl zu fühlen? Ich gebe es dir. Ich will, dass es dir gut geht, das ist besser für uns beide. Wenn ich dir helfe, habe ich auch einen Sinn. Es gibt deine Probleme, meine sind nicht so wichtig, das schaffe ich schon.
Ich erahne deine Gefühle, kann in deinem Gesicht lesen – es ist gut, wenn es dir gut geht, dann habe ich keine Angst, dass du nicht nett zu mir bist.
Ich kann alles meistern, egal zu welchem Preis – siehst du? Eigentlich bin ich doch gut genug! Warum hast du mich immer noch nicht lieb?
Du siehst mich nicht weinen (ich auch lange nicht mehr) - ich habe nicht das Recht, dich mit Tränen zu beeinflussen, es wäre nicht fair von mir. Ich weine doch nicht, bin nicht so schwach, wenn es sein muss, stark genug für uns beide. Ich habe noch meinen Stolz, es täte zu sehr weh, wenn der auch noch weg ist.
Ich nehme dich an die Hand – wie fühlt sich das an? Das möchte ich auch!
Ich gehe Streit aus dem Weg – ist besser so.
Ich kann dich besänftigen – hier, schau, alles ist gut, du bist toll, so wie du bist, ich bin sanft zu dir, das brauchst du jetzt.
Vorausschauend denken – kann ich. Für mich? Für uns beide.
Wieder aufstehen – ich beweise es dir.
Dir zeigen, wie toll du bist – du bist es ja auch! Ich bin fest davon überzeugt. Mit allen deinen Fehlern und Macken, ich halte sie aus, keine Sorge.
Ich passe auf dich auf – das ist fast so, als würde jemand auf mich aufpassen.
Ich teile mit dir – sehr gerne, und sei es nur meine Freude. Etwas nur für sich haben wollen macht einsam.
Ich bin bescheiden – es ist eine Tugend. Ich brauche auch nicht so viel, ich brauche dafür, was wirklich zählt… wo finde ich es?
Ich erreiche Ziele – solche die ich kann. Ich krieg das schon hin, ich beweise es mir, dann bin ich Wer.
Ich versage – siehst du nicht warum? Schau her, so viel Angst!
Ich kann dein Herz berühren – weil meines manchmal so laut pocht und ich weiß, du hast auch eins.
Ich lasse nicht mit mir reden – manchmal. Bis hierhin und nicht weiter!
Ich weiß, was gerecht ist – für euch, nicht für mich, das erledigt schon das Leben, irgendwann ist es schon gerecht.
Ich beschütze dich – komm unter meinen Flügel, ich halte dich warm, ruhe dich aus, du brauchst es.
Ich überzeuge dich – weil ich vieles verstehe, ich ahne, was du hören magst.
Ich verwöhne dich – willst du bleiben?
Ich bin gnadenlos ehrlich – was mich angeht. Warum? Du nimmst es oder lässt es. Die meisten nehmen aber, das tut gut.
Ich bin zuckersüß – das macht süchtig.
Ich unterhalte dich – schließlich musst du mich mögen, wenn nicht du, wer dann?
