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Für alle Leser:innen von historischen Romanen, Familienromanen & Ostseefans Ein Neuanfang, eine alte Schuld und jede Menge Inselcharme »Es ging um einen Teil ihrer Vergangenheit, der tiefer ging als ihre Beziehung zu Marius, der noch weiter zurücklag und noch mehr schmerzte. Sie hatte etwas auf Hiddensee zurückgelassen, das sie nun wiederfinden wollte.« Nach dem Tod ihres Lebensgefährten liegt Jennys Welt in Trümmern. Um wenigstens ihren Job in dessen maroder Werbeagentur zu retten, nimmt sie einen Auftrag an der Ostsee an. Mit Mischlingshund Shadow und unangenehmen Erinnerungen im Gepäck macht sie sich auf zur Insel Hiddensee. Dort trifft sie auf ihren Kindheitsfreund Eric. Jenny gibt sich noch immer die Schuld daran, dass Erics Familie nach einer vereitelten Flucht aus der DDR auseinandergerissen wurde. Zögerlich kommen sich die beiden wieder näher und Jenny entdeckt ein Geheimnis, das ihre Vergangenheit und Zukunft in Frage stellt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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© Piper Verlag GmbH, München 2025
Redaktion: Cornelia Franke
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Covergestaltung: Emily Bähr
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Cover & Impressum
Prolog
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Teil II
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil III
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Epilog
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
1988
Am letzten Tag vor der Abreise gingen die Eltern mit Jenny Eis essen. Zwei Kugeln Erdbeereis in einer Muschelwaffel, für das sie lange anstehen mussten. Sie bekam Bauchweh davon. Im Gegensatz zu ihren Eltern erkannte sie trotz ihrer acht Jahre den armseligen Trost darin.
»Jetzt ein letztes Mal an den Strand?«, fragte ihre Mutti.
Die Eltern reagierten nicht auf ihr Schulterzucken, sie hatten sich schon in Bewegung gesetzt. Lustlos trottete sie hinter ihnen her. Sandkörnchen drückten mit jedem Schritt gegen ihre nackten Fußsohlen. Je näher sie dem Strand kamen, desto schlimmer pikste es. Das war ihr vorher nie aufgefallen. Jenny fiel zurück, während sie die Füße ausschüttelte.
»Nicht bummeln, es ist unser letzter Tag.« Ihr Papa stand schon in den Dünen, hinter ihm glitzerte die Ostsee.
Jenny klopfte sich die Füße nach jedem Schritt ab.
»Willst du nicht ins Wasser?«
Ihr war die Lust aufs Schwimmen vergangen.
»Ich komme mit und wir spielen mit deinem neuen Wasserball.«
Jenny schüttelte den Kopf.
»Dann eben nicht.«
»Wie erholsam, wenn sie mal nicht plappert«, scherzte ihr Papa.
»Und besser so«, antwortete Mutti.
Die beiden blickten sich vielsagend an.
Jennys Bauchschmerzen wurden schlimmer, aber sie hielt den Mund.
Eigentlich hatten die Schmerzen schon heute Morgen, lange vorm Erdbeereis angefangen, aber die Eltern hatten ihr verboten, darüber zu sprechen. Immer gab es etwas, das man nicht sagen durfte, vor allem in der Schule. Im Unterricht wurde sie oft ermahnt. Taten die Lehrerinnen das nur, weil sie zu vorlaut war? Jenny dachte darüber nach, während ihre Eltern im Wasser planschten. Sie ließ die warmen Sandkörnchen durch ihre Finger rieseln und grub die Zehen hinein. Wenn es nicht so eklig wäre, hätte sie sich Sand in den Mund gesteckt.
Bald näherte sich die Sonne der Ostsee. Die Eltern kamen aus dem Wasser und ihre Mutter knipste den Film fertig. »Das war wieder schön, oder?«
Der Widerspruch wollte nicht über Jennys Lippen. Die Angst, etwas Falsches zu sagen, schnürte ihr die Kehle zu. Während die Eltern ihre Handtücher ausschüttelten und zusammenpackten, fasste Jenny einen Entschluss. Das kommende Schuljahr wollte sie in der Klasse die meisten Bienchen verdienen. Man bekam eins, wenn man etwas richtig machte und sich gut betrug. Das wollte sie von nun an.
Mit diesem Vorsatz fühlte sie sich besser. Wenn sie es schaffte, würden sie nächsten Sommer nach Hiddensee fahren und alles wäre wieder gut.
Gegenwart
Es war der 29. Dezember und Jenny Miller hatte den Eindruck, im Chaos zu versinken. Am Frankfurter Hauptbahnhof drängelten die Reisenden und versperrten ihr die Sicht. Den Wunsch, sich in einem gemütlichen Café von ihrer Tochter zu verabschieden, konnte sie sich abschminken. Ein wenig selbstsüchtig wünschte sich Jenny, Sonjas Zug möge ausfallen oder sich zumindest verspäten.
Die Anzeigetafel sprang um und zeigte den ICE nach Greifswald an. Eine knappe halbe Stunde blieb ihnen noch.
»Können wir nicht zu Starbucks gehen?«, fragte Sonja am Boden hockend. Ihre Finger massierten die Ohren von Labradormischling Shadow, der von den Menschenmassen eingeschüchtert war.
»Was immer du willst, Kleines.«
»Kaffee mit Milch und Zucker plus Sirup, Sahne, Zimt und ein Cookie. Oder zwei.« Wegen ihres prall gefüllten Reiserucksacks erhob Sonja sich schwankend und führte Shadow zur Schlange vor der Kaffeetheke.
Jenny wollte fragen, ob sie die letzten Tage nicht genug selbst gebackene Plätzchen gegessen hatte, hielt sich aber zurück. Sie war froh, dass ihre Kleine wieder Appetit zeigte.
Das erste Weihnachten ohne Marius hätte wirklich schlimmer verlaufen können. Jenny hatte alles perfekt geplant. Das Appartement in ein gemütliches Winterwunderland verwandelt, nach dem besten Rezept für Entenbraten gesucht, Butterplätzchen, Vanillekipferl und Nusstaler gebacken, zwischendurch Sonja in Anatomie abgefragt und E-Mails aus der Werbeagentur abgearbeitet. Also eigentlich wie letztes Jahr, nur war der Tannenbaum nicht selbstgeschlagen, sondern aus dem Baumarkt. Auch gab es keinen teuren Einkaufstrip auf der Goethestraße und keinen Ski-Ausflug ins Montafon mit ihrem Vater. Sonja schien nichts davon vermisst zu haben.
»Wie wäre es mit einem Chai Tea Latte?«, riss sie Sonja aus ihren Gedanken.
»Das ist doppelt gemoppelt. Chai und Tea bedeutet dasselbe.«
Sonja rollte grinsend die Augen. »Vielleicht ist er doppelt gut?«
»Kann sein.«
»Kannst auch Earl Grey haben.«
»Nein, ich probiere den Chai.«
Sie quetschten sich in die ungemütlich starre Sitzecke, wo andere Reisende an ihnen vorbeiströmten. Shadow liebäugelte mit der Sahnehaube auf Sonjas Café Latte und dem Cookie. Schließlich gab er sich mit einem getreidefreien Leckerli zufrieden und legte sich unter den Tisch. Für eine Unterhaltung war es zu laut, stattdessen musterte sie Sonja über den dampfenden Pappbecher. Jenny fiel auf, dass sie den unvorteilhaften schwarzen Eyeliner weggelassen hatte. Wegen der Tränengefahr oder weil auch diese Phase vorbei war, wusste sie nicht zu sagen. Seit Beginn der Teenagerzeit war Sonja schwer zu durchschauen. Das hatte sich in den Wochen nach Marius’ Tod noch verstärkt.
Sie hatten lange Spaziergänge unternommen und sich im Fernsehen jede einzelne Übertragung von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel angeschaut. Wie jedes Jahr hatte Sonja sich über den Prinzen lustig gemacht, weil er nicht erkannte, dass das Aschenbrödel, der zierliche Jäger im Wald und die Prinzessin mit Schleier ein und dieselbe Person waren. Sie war eben erst neunzehn und hatte noch nicht erlebt, dass die Menschen, die man am besten zu kennen glaubte, einen am meisten täuschen konnten.
»Ich würde gern bei den Zeitungen vorbeischauen«, bat Sonja, nachdem sie ihren Becher geleert und ihre Kekskrümel an Shadow verfüttert hatte.
Jenny nickte, erleichtert, aus dem lauten Café fortzukommen. Im Buchladen herrschte zwar Betrieb, aber wenigstens verstand man sein eigenes Wort. Sie umklammerte ihren Becher, während Sonja vor dem Regal mit Arztromanen kniete. Seit dem zwölften Lebensjahr investierte sie ihr Taschengeld in die billigen Hefte. Rasch hatte sie sich entschieden.
»Chefarzt Dr. Holl muss hierbleiben?«, fragte Jenny erstaunt.
»Jep. Koma nach Autounfall muss nicht sein.«
»Nein.« Es war einer der wenigen Momente, in denen Jenny merkte, dass der Tod ihres Vaters sie doch belastete.
»Papa hat von den Heften nie gewusst. Das war immer unser Geheimnis.«
Die waren ihm zu billig und zu gefühlsduselig, dachte Jenny. Über solche Dinge hatte Marius gerne gewitzelt.
»Ich glaube, die vielen Gefühle waren zu heftig für ihn«, konstatierte Sonja, während sie die bezahlten Hefte rollte und in ihrem Rucksack verstaute. Jenny strich liebevoll über ihren schwarzen Haarschopf.
Ihre Kleine hatte anscheinend mehr mitbekommen, als sie ihr zugetraut hatte. Ahnte sie auch von Marius’ Doppelleben? Das hätte Jenny nicht ertragen. »Er war eben ein Macher. Darin seid ihr euch ähnlich«, versuchte sie abzuwiegeln.
»Ach, ja?«
»Du hast immer gesagt, du wirst Ärztin und jetzt studierst du Medizin. Dein Papa ist … war furchtbar stolz auf dich. Wir beide sind das.«
Sonja schluckte und Jenny schloss sie in die Arme. Sicher standen sie den anderen Reisenden im Weg, aber das war Jenny egal. Am liebsten hätte sie ihre Kleine mit nach Hause genommen, stattdessen löste sie sich von ihr und brachte sie zu ihrem Gleis.
»Ich wünschte, ich könnte hierbleiben«, sprach ihr Sonja aus der Seele, kaum dass sie den Bahnsteig erreicht hatten.
Jenny biss sich auf die Zunge, um nicht zu sagen: Dann bleib doch! Es nützte nichts. Den Abschied aufzuschieben, würde ihn nur erschweren. »Mach dir um uns keine Gedanken. Wir kommen zurecht.«
»Die Uni geht erst nächste Woche wieder los.« Sonja wirkte ebenso zerknirscht, wie Jenny sich fühlte. »Wenn ich mich nicht mit meiner Lerngruppe verabredet hätte …«
»Je schneller du wieder Anschluss ans Studium findest, desto besser.«
»Hoffentlich pack ich das alles.«
»Ach, für dich ist das ein Klacks.«
Sonja lächelte zaghaft. Jenny hatte den Eindruck, dass sie noch etwas sagen wollte, doch ihre Kleine beugte sich zu Shadow hinab, kraulte erst den weißen Fleck an seinem Hals, die Flanken und schließlich am Rücken entlang Richtung Schwanz. Mit dem Ritual hatte sich Sonja jeden Morgen von ihm verabschiedet, bevor sie in die Schule gegangen war.
Der ICE fuhr ein und sie umarmten sich zum Abschied.
»Pass auf dich auf.«
»Immer doch. Feier schön mit Birgit und Jürgen. Und dass du mir ja nicht ins Büro gehst!«
»Versprochen.«
»Mach einfach mal dein Ding, okay?«
»Mach ich doch immer. Ruf an, wenn du angekommen bist.«
Die Türen schlossen sich und der ICE setzte sich in Bewegung. Jenny lief ein paar Schritte mit, bevor sie in die Hocke ging und das Gesicht in Shadows Fell vergrub. Sie musste sich eingestehen, dass ihr nach den Festtagen die Möglichkeiten zum Kümmern ausgingen, und der Gedanke machte sie unruhig.
Auf dem Weg zur S-Bahn fragte sie sich nicht zum ersten Mal, ob Sonja die Romanhefte verschlang, weil sie ihr gefühlsmäßig etwas gaben, das sie sich von ihrer Familie vergeblich erhoffte. Jenny hatte ihr Bestes getan, ihr die Mutter zu ersetzen, nachdem sie mit Marius zusammengekommen war. Hatte gelernt, einen französischen Zopf zu flechten, mit ihr im Krankenhaus geschlafen, als ihr der Blinddarm herausgenommen worden war, und sie getröstet, wenn ihre Mitschüler sie eine Streberin nannten. All die großen und kleinen Dinge, die Jenny nun schmerzlich vermisste.
Grübeln nützte nichts. Sonja war fort. Die Werbeagentur hingegen war nur fünfzehn Minuten entfernt. Bevor sie ihr Ding machte, wie sie es Sonja versprochen hatte, konnte sie dort die Post kontrollieren und ein paar Probedrucke aktueller Projekte mitnehmen, um sie auf der Zugfahrt zu ihren Eltern durchzusehen. Gepackt war später ruckzuck.
Vor dem Gebäude, das die Werbeagentur beherbergte, erwartete sie eine Überraschung. Unter den armlangen Lettern RITTER & MICHEL war ein Gerüst aufgebaut worden. Was hatte das zu bedeuten? In den Flurfenstern brannte außerdem Licht. Dabei machte die Agentur zwischen den Jahren Betriebsferien.
Gab es wieder Probleme mit der Hausverwaltung? Ihr Instinkt, nach dem Rechten zu sehen, hatte sie nicht getäuscht.
Jenny kramte ihren Schlüssel hervor und nahm Shadow zuliebe den Fahrstuhl in den ersten Stock. Der riesige Spiegel darin offenbarte ihr das Grauen. Ihr dunkelblonder Ansatz war mehrere Zentimeter herausgewachsen, ihre Haut sah stumpf aus und dunkle Schatten tilgten das Blau ihrer sonst lebhaften Augen. Nicht mal für Wimperntusche hatte es heute gereicht. In dem unförmigen Pulli sah sie vollends aus wie die verlotterte Zwillingsschwester jener Jenny, die sonst gestriegelt und gebügelt in der Agentur arbeitete.
Durch die Milchglastür zu den Büroräumen drang Licht und beim Eintreten registrierte sie überrascht einen Stapel zusammengefalteter Umzugskartons. Die Tür zu Marius’ Büro stand offen, obwohl sie sich genau erinnerte, sie vor den Festtagen verschlossen zu haben. In seinen Regalen mit Aktenordnern klafften Lücken. Sie war eindeutig nicht allein.
»Soll ich Ihnen einen Cappuccino machen?« Die Stimme gehörte Marius’ Assistentin Sarah Schopp.
Jenny hielt abrupt inne, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. Mit ihr hatte sie am wenigsten gerechnet. Die Absätze ihrer stylishen Stiefelchen kündigten die dunkelhaarige Mittzwanzigerin auf ihrem Weg in die Teeküche an. In knackigen schwarzen Jeans und blütenweißem Seidentop sah sie aus wie aus dem Ei gepellt.
Auch Sarah erstarrte mitten in der Bewegung. »Oh«, sagte sie anstelle einer Begrüßung.
Jenny bemerkte, dass der Gips an ihrem Unterarm fehlte und Sonjas Worte nach der Beerdigung ihres Vaters fielen ihr ein: Ich bin so froh, dass du nicht mit Papa im Auto gesessen hast. Nun, sie vielleicht nicht. Sarah allerdings schon. Dabei hatte Marius gemeint, er wolle allein zum Termin mit einem Neukunden in Hamburg fahren.
Als sie nach seinem Tod in Marius’ Kalender nachgesehen hatte, fand sich darin kein neuer Kunde, weder in Hamburg noch anderswo. Es brauchte nicht viel, um eins und eins zusammenzuzählen. Seitdem hatte sie alle Gedanken daran verdrängt.
Jetzt wirbelten die Bilder in ihrem Kopf herum. Marius’ Lachfalten, sein schwarzer BMW, mit dem sie oft ins verlängerte Wochenende aufgebrochen waren, wie er ihr Blumen mitbrachte und in ihr Ohr flüsterte Was würden wir nur ohne dich machen? Dazwischen schob sich Sarah, wie sie den Männern in der Agentur bei Besprechungen unnötig nahekam, der Ausschnitt immer an der Grenze der Bürotauglichkeit. Jenny waren ihre subtilen Flirts aufgefallen und im Gegensatz dazu das fehlende Funkeln in ihren Augen, wenn sie Aufgaben für sie oder ihre Grafikerin erledigte. Sie hatte darüber hinweggesehen.
Shadow zog an seiner Leine und brachte Jenny zurück ins Hier und Jetzt. Vor Marius’ Tod waren in der Werbeagentur alle per du gewesen, aber jetzt brachte sie die vertraute Anrede Sarah gegenüber nicht mehr über die Lippen. »Gut zu wissen, dass es Ihnen wieder besser geht, Frau Schopp.«
»Danke«, erwiderte die junge Frau und rieb sich den Unterarm. »Kann ich Ihnen auch einen Kaffee machen?«
»Nein, ich will Sie nicht vom Arbeiten abhalten.« Es tat gut, sie stehen zu lassen, gleichzeitig wunderte sich Jenny, warum sie überhaupt hier war. Hatte Luca sie gebeten, ins Büro zu kommen? Er hatte mit Marius die Werbeagentur gegründet und war für den kreativen Teil zuständig, ihr verstorbener Lebensgefährte für den finanziellen. Luca war für gewöhnlich nur zu Beginn und zum Ende eines Projektes vor Ort. Was lief hier ab?
Energisch betrat sie sein Büro. »Hi, was machst du denn hier?«
Luca sah übernächtigt aus. »Das Gleiche könnte ich dich fragen.« Sein Blick ließ die kollegiale Kameradschaft vermissen, die während dutzender Kampagnen zwischen ihnen entstanden war.
Luca hatte ihr gegenüber nie den Vorgesetzten herausgekehrt. Sie waren zwei Kreative, die gemeinsam versuchten, die Gedanken ihrer Kunden zu lesen und deren oft konfuse Wünsche in Wort und Bild zu fassen. Wenn der Abgabetermin unbarmherzig näher rückte, hatten sie mithilfe ihrer treuen Kaffeemaschine und diverser Lieferdienste zusammen die Nacht durchgearbeitet.
Jenny setzte ein Lächeln auf. »Hast du nicht gesagt, du verbringst die Feiertage in der Toskana?«
Er ging nicht darauf ein. »Bist du hier, um Marius’ Sachen zu entsorgen?«, fragte er zurück und fuhr sich durchs dunkelblonde, zurückgekämmte Haar, das ihn wie einen der Dichter-Philosophen Anfang des vergangenen Jahrhunderts erscheinen ließ.
»Nein, wieso?«, entgegnete sie irritiert.
»Ich dachte.«
Im Flur waren erneut Sarahs Stiefel zu hören. »Dein Cappuccino. Kann ich sonst noch was tun?«
»Im Moment nicht, danke.«
»Dann mache ich Pause. Bis später.«
Die Assistentin würdigte sie keines Blickes, aber das war Jenny egal. Viel mehr wunderte sie Lucas Distanziertheit. Die Werbeagentur war immer ihr zweites Zuhause gewesen. Doch kaum war ihr Lebensgefährte unter der Erde, gaben ihr alle das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein. Von Sarah hatte sie nichts anderes erwartet, aber Marius’ Partner war immer auf ihrer Seite gewesen. Obwohl ihr nicht entgangen war, dass sich Luca einige Freiheiten herausnahm, seit Marius ihn nicht mehr zur Ordnung rief. Sollte sie sich deswegen Sorgen machen? Hatte auch sie das Aschenbrödel nicht durchschaut?
»Hattest du ein schönes Weihnachtsfest?«
»Kann ich nicht behaupten.«
»Oh, ist etwas passiert?«
Luca verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie über seine randlose Brille.
Jenny fühlte sich in die Grundschule zurückversetzt. Sie war in Schwierigkeiten, und es nervte sie, dass Luca anscheinend glaubte, sie müsse wissen, warum.
»Ich habe mit unserem Steuerberater gesprochen.« Luca ließ den Satz in der Luft hängen.
»Gibt es etwas, von dem ich wissen müsste?«
»Was soll das Spielchen, Jenny? Du weißt genau, was los ist. Du könntest wenigstens so viel Respekt zeigen und ehrlich zu mir sein.«
Jenny wollte ihm an den Kopf werfen, nicht den Oberlehrer zu markieren, hielt sich aber im Zaum, indem sie vor dem Schreibtisch Platz nahm, eine Hand in Shadows Nackenfell grub und bis drei zählte, bevor sie antwortete. »Ich hab keine Ahnung, wovon du redest. Also noch mal von vorn, bitte. Du warst beim Steuerberater und weiter?«
Luca seufzte, als wäre er tief enttäuscht von ihr. Er zog mehrere geheftete Papiere hervor und stieß sie so verächtlich in ihre Richtung, dass sie fast vom Tisch geflattert wären.
»Innenverhältnisklage«, las Jenny. Bin ich im falschen Film gelandet?
»Dazu rät mir mein Anwalt.«
»Verrätst du mir weshalb, oder muss ich mir erst das Pamphlet durchlesen?«
»Bei unserem Jahresabschluss hat mir unser Steuerberater eröffnet, dass ein offener Kredit auf die Firma läuft. Klingelt da was?«
Jenny musste schlucken und schüttelte den Kopf.
»Hunderttausend Euro und ich hatte keinen blassen Schimmer.«
Bei der Summe krampfte sich ihr Magen zusammen. Wofür brauchte ihre überschaubare Agentur so viel Geld? »Davon hat mir Marius nichts erzählt.«
»Ach, nein?«
»Nein.«
»Obwohl er dich stets in geschäftliche Angelegenheiten einbezogen hat?«
»Ich habe mich um ein paar Verträge mit unseren Außenpartnern gekümmert, wenn Marius zu viel um die Ohren hatte. Im stillen Einvernehmen mit euch beiden!«
»Du hast eine Handlungsvollmacht.«
»Nur eine mündliche.«
»Und wenn schon …«
»So kommen wir nicht weiter«, unterbrach ihn Jenny. Sie wusste nicht, über wen sie wütender war. Luca, wie er sie von oben herab behandelte und sie dabei im Dunkeln ließ, oder Marius, der ihr einen immensen Kredit verschwiegen hatte.
»Ich nehme an, du wirst mir nicht verraten, wo das Geld abgeblieben ist?« Seelenruhig trank er einen Schluck Cappuccino. Am liebsten hätte sie seinen Kopf in den Schaum getunkt.
»Luca, ich weiß davon nichts. Steht in den Unterlagen, dass ich diesbezüglich irgendetwas unterschrieben habe?«
»Nein.«
»Trotzdem willst du mich verklagen?«
»Entweder das oder Marius’ Tochter zahlt den Betrag zurück.«
»Sonja? Woher soll sie das Geld nehmen?«
»Nicht mein Problem.«
»Und Marius’ Problem ist es auch nicht mehr. Wie praktisch für euch.« Jenny pfefferte die Anklageschrift vor ihn hin und verschränkte die Arme. Neben ihr ging Shadow in Habachtstellung und spitzte die Ohren.
»Jetzt komm mir nicht so!«
»Als ich Marius kennengelernt habe, hat eure Agentur Flyer fürs Stadtteilfest gedruckt. Ihr konntet euch kaum über Wasser halten.«
»Daran musst du mich nicht erinnern.«
»Anscheinend schon.«
»Ich gebe durchaus zu, dass du viel für RITTER & MICHEL getan hast.«
»Pft.« Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Den ersten überregionalen Kunden, ein IT-Start-up für Firmensoftware, hatte Jenny an Land gezogen und die Kampagne allein auf die Beine gestellt, während sich Luca, der immerhin einer der Gesellschafter war, mit einem seiner künstlerischen Nebenprojekte vergnügt hatte. Eine Freiheit, für die sie selbst nie die nötige Zeit gehabt hatte.
Die erfolgreiche Kampagne hatte der Agentur nicht nur dringend benötigte Einnahmen, sondern auch wichtige Folgeaufträge verschafft. Nur deshalb hatte sich Luca sein Häuschen in der Toskana leisten können. Das alles hätte sie ihm gern aufs Butterbrot geschmiert, aber beim Gedanken an Sonja, die lebenslang die Schulden ihres Vaters zurückzahlen musste, schnürte sich ihr die Kehle zu. Sie versuchte, den weiteren Verlauf des Gesprächs vorwegzunehmen, aber in ihrem Kopf drehte sich alles.
Derweil kehrte Luca den Vorgesetzten heraus. Jenny entging der Strategiewechsel nicht. Seine Wut hatte sich scheinbar in Luft aufgelöst und er gab sich betont sachlich.
»Eigentlich wollte ich nach Weihnachten in Ruhe mit dir und Sonja sprechen. Gemeinsam finden wir sicher eine Lösung. Ich habe durchaus Verständnis für eure prekäre Situation.«
Hat er das vorher geübt?, dachte Jenny bitter. Ihr gefiel es nicht, dass er ihre Tochter mithineinzog. Das zu verhindern, half ihr, wieder klarzusehen. Sie konzentrierte sich auf Luca, wie er ernst hinter seinem Designer-Schreibtisch thronte, die Hände faltete und die Fingerspitzen aneinanderlegte. Seine Mundwinkel zuckten, als müsste er sich ein triumphierendes Lächeln verkneifen.
Da ging Jenny ein Licht auf.
»Du willst Sonjas Geschäftsanteil an der Agentur.«
»Es wäre eine Möglichkeit. Der ist natürlich nicht hunderttausend Euro wert, aber ein Rechtsstreit könnte sich Jahre lang hinziehen. Das wollen wir beide nicht, glaube ich.«
»Nein«, antwortete Jenny, obwohl sie sich nicht gescheut hätte zu kämpfen. Aber ihrer Tochter die Zukunft zu verbauen, nur um Recht zu behalten, kam nicht infrage. Am liebsten hätte sie Luca das Lächeln aus dem Gesicht geschlagen.
»Ich werde ein Treffen mit unserem Anwalt vereinbaren, bei dem du und Sonja natürlich anwesend sein werdet.«
»Sicher.«
»Freut mich, dass du mit allem einverstanden bist.«
So leicht wollte Jenny nicht klein beigeben. »Vielleicht sollte ich meinen eigenen Anwalt mitbringen …«
»Wie du willst. Von jetzt an hältst du dich aus allem Geschäftlichen raus. Marius’ Büro ist für dich tabu.«
Jenny nickte knapp. Marius’ Laptop hatte er eh schon an sich genommen, angeblich, um alles zu regeln, damit seine Familie Zeit zum Trauern hatte.
»Außerdem wird Sarah vorübergehend deinen Part übernehmen und mich tatkräftig in geschäftlichen Dingen unterstützen.«
»Klar«, presste Jenny hervor, obwohl es wehtat, von einer Mittzwanzigerin ersetzt zu werden.
Luca schien jedenfalls Gefallen daran zu finden, den Chef herauszukehren, und meinte plakativ seriös: »Du gibst besser deinen Laptop, dein Firmenhandy und den Büroschlüssel bei Sarah ab. Nur zur Sicherheit.«
Du Drecksack!, dachte Jenny. Du mieses Stück … Sie hatte Luca wegen seiner Verschrobenheit oftmals belächelt und jetzt markierte der selbst ernannte Reklamekünstler den taffen Geschäftsmann. Am liebsten hätte sie ihm ihren Schlüssel an den Kopf geworfen und auch sonst alles hingeschmissen. Sollte er doch sehen, wie er ohne sie klarkam.
Aber sie hatte sich noch nie gedrückt, wenn es hart auf hart kam. Auch Jenny hatte noch ein paar Asse im Ärmel. Daher zwang sie sich zu einem Lächeln. »Vorher sollte ich allen Kunden schreiben, dass ich auf absehbare Zeit nicht zu erreichen bin. Die Kontaktdaten sind im Adressbuch für meinen E-Mail-Zugang gespeichert. Kundenkommunikation ist eher mein Ding, nicht wahr?«
Sie spürte, dass sie einen Nerv getroffen hatte. Luca saß auf einmal sehr angespannt da. Sie konnte direkt sehen, wie es in seinem Gehirn ratterte, und setzte eins drauf. »Ich habe mich immer gern darum gekümmert, auch wenn es nicht in meinem Arbeitsvertrag steht, wie so vieles …«
Der Seitenhieb saß. Ihr Arbeitsvertrag aus der wenig erfolgreichen Anfangszeit von RITTER & MICHEL war simpel. Marius hatte sich immer sicher sein können, dass sie ohnehin alles gab. Das hatte Nachteile, aber auch einige Vorteile. Sie hatte zum Beispiel nie eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnet und es war ihr vertraglich ebenso wenig untersagt, Kunden mitzunehmen, sollte sie die Agentur verlassen. Jenny wusste das und ihr Gegenüber ebenso.
»Du hast recht«, gab er zu.
Jennys kleiner Triumph hielt leider nicht lang an.
»Du darfst Laptop und Handy behalten. Marius’ Tod hat eine Lücke hinterlassen, die wir vorerst nicht vergrößern wollen. Ich möchte, dass du dich um Liegengebliebenes kümmerst und den Auftrag für Strandkorb 66 in Stralsund priorisierst. Am besten triffst du dich im neuen Jahr vor Ort mit dem Kunden. Fahrtkosten legst du wie gewohnt aus und reichst sie dann bei Sarah ein. Alle anderen Kunden übernehme ich.«
Stralsund … Der Name weckte in Jenny Erinnerungen an Salzgeschmack auf den Lippen, kreischende Möwen und das Vibrieren eines Fährbootes unter ihren Füßen. Sie schüttelte sie ab, Luca plante schließlich keinen Urlaub für sie.
»In Ordnung.«
»Ich hoffe, du bist dieses Mal erfolgreich. Herr Schulte-Dietz und seine Frau sind keine einfachen Kunden. Noch ein Nein und sie sind weg.«
»Schick mir das Material. Ich lasse mir schon etwas einfallen. Guten Rutsch!« Sie erhob sich so abrupt, dass Shadow zusammenzuckte. Energisch führte sie ihn aus dem Büro. Lucas Gegenwart konnte sie keine Minute länger ertragen. Am liebsten hätte sie seinen Papierkorb durchs Büro getreten oder wenigstens mit der Tür geknallt. Stattdessen flüchtete sie sich in den Fahrstuhl und hämmerte gegen das Plexiglasschild, das auf RITTER & MICHEL verwies.
»Wenn er denkt, er kann mich kleinmachen, dann irrt er sich«, zischte sie.
Wenn sie von Marius eins gelernt hatte, dann die vorhandenen Spielregeln zu umgehen und eigene zu schreiben. Luca würde mit seinen Machtspielchen nicht gewinnen, denn sie würde die Werbeagentur nicht kampflos aufgeben. Was blieb ihr sonst noch?
Draußen fiel ihr auf, dass sie nicht nach dem Gerüst gefragt hatte. Arbeitete das selbstgefällige Arschloch bereits an der Umbenennung der Agentur? Jenny musste sich abreagieren und marschierte mit Shadow zum nächsten Park. Dort warf sie Bällchen und feuerte ihn beim Leckerlisuchen an, nur um Lucas selbstgefälliges Gesicht aus ihren Gedanken zu vertreiben.
Als sie wieder zu Hause waren, rollte sich Shadow auf dem Sofa zusammen, aber sie selbst kam nicht zur Ruhe. Deshalb wählte sie das anstrengendste Programm auf ihrem Heimtrainer und powerte sich beim Spinning aus. Marius hatte ihr das teure Gerät vor ein paar Jahren geschenkt. »Weil du Hummeln im Hintern hast«, hatte er sie geneckt. Erst war sie wenig begeistert darüber gewesen, hatte aber bald gemerkt, dass ihr das Training abends beim Runterkommen half.
Während sie in die Pedale trat, versuchte sie, sich den Hafen von Stralsund in Erinnerung zu rufen, aber es war zu lange her, seit sie mit ihren Eltern dort gewesen war. Stattdessen wanderten ihre Gedanken zurück in die Agentur und sie malte sich aus, wie Luca und Sarah im Kleinklein des Büroalltags untergingen. Beide heillos überfordert mit Dingen wie Vertragserstellung, Ausschlussklauseln und Neukundenakquise. Wie sie Jenny auf Knien anbettelten, sich darum zu kümmern. Die Vorstellung tat so was von gut.
Mit schmerzenden Waden betrat sie die Dusche. Während heißes Wasser über ihren verspannten Rücken lief, schob sie ihre Fantasien beiseite. Die würden sie nicht weiterbringen. Eher brauchte sie einen Schlachtplan. Es nervte sie, dass sie die Situation in der Agentur unmöglich allein stemmen konnte. Sie brauchte dringend einen eigenen Anwalt.
»Ich hab den Kerlen viel zu viel durchgehen lassen«, murmelte sie, während sie mit der Duschbrause ihre verspannten Schultern massierte. Der aktuelle Rechtsbeistand der Agentur war Marius’ ehemaliger Kommilitone und hatte sich regelmäßig mit ihm und Luca auf einen Absacker getroffen, während Jenny zu Hause für Ordnung gesorgt und sich um Sonja gekümmert hatte. Garantiert würde er ihren Beitrag zum Erfolg von RITTER & MICHEL unter den Teppich kehren. Obwohl sie unendlich viel Zeit, Energie und Kreativität in die Agentur gesteckt hatte.
Ist es den Kampf überhaupt wert?, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Jenny würgte sie ab. Was sollte sie sonst tun? Für Marius und Sonja hatte sie ihr früheres Leben aufgegeben, hatte keinen Zweifel darüber gelten lassen und es bisher nie bereut.
Jenny steckte den Duschkopf auf die Halterung und griff nach ihrem teuren Duschgel mit Zedernholz und Meerfenchel, das für sie nach Freiheit duftete. Sie hatte sich nach ihrer letzten überregionalen Kampagne damit selbst belohnt. »Mist!« Sie hatte die Flasche derart gequetscht, dass ihre Handfläche fast überlief. Eine kostspielige Dusche, aber nichts im Vergleich zu hunderttausend Euro, dachte sie bitter. Jenny seifte sich heftig ein, nur leider konnte auch das teuerste Duschgel ihren Frust nicht wegwaschen. Schlimmer noch, sie fühlte sich ohnmächtig. Was hatte Marius mit dem Geld gemacht? Wo sollte sie danach suchen? Was würde sie dabei noch herausfinden?
Bevor ihr Gedankenkarussell wieder Fahrt aufnahm, zog sie gedanklich die Notbremse und rief sich Lucas Auftrag für Strandkorb 66, eine gehobene Senioren-Residenz, in Erinnerung. Er hatte bereits zwei Entwürfe beim Kunden eingereicht und war beide Male abgewiesen worden. Jetzt benutzte er seinen verpatzten Auftrag, um Jenny abzuservieren. Im Grunde traute er ihr nicht zu, den Kunden zu überzeugen. Beim Gedanken an sein überhebliches Gesicht und seine Kaltschnäuzigkeit kamen ihr wütende Tränen.
Energisch griff Jenny nach ihrem Gesichtspeeling und schrubbte sie samt den toten Hautzellen weg. Sie hatte keine Zeit zum Heulen. Statt zu jammern, musste sie Herrn Schulte-Dietz anschreiben, Daten und Ideen sammeln und ein Zoom-Meeting im neuen Jahr organisieren. Das meiste davon konnte sie morgen auf der Zugfahrt nach Chemnitz zu ihren Eltern erledigen. Danach musste sie weitersehen.
Sie war hin und hergerissen, ob sie tatsächlich nach Stralsund fahren sollte. Einerseits wäre es ein Zugeständnis an Luca, das sie ihm eigentlich nicht geben wollte. Andererseits ging von dort eine Fähre nach Hiddensee ins Ferienparadies ihrer Kindheit, wo sie im Wasser Purzelbäume geschlagen und nach Bernstein gesucht hatte. Es war der schönste Ort der Welt gewesen. Bis zu jenem Tag, an den Jenny nicht mehr denken wollte. Deshalb hatte sie Luca den Auftrag ursprünglich überlassen, obwohl er sie von Anfang an gereizt hatte. Die Ostsee war Vergangenheit und dort hatte sie bleiben sollen.
Das Ganze ist sechsunddreißig Jahre her, dachte Jenny nun. Die damaligen Geschehnisse waren nicht wiedergutzumachen, aber vielleicht konnte sie sie endlich vergessen? Und das neue Jahr an der Ostsee zu beginnen, hatte was. Allerdings gönnte Luca ihr die Geschäftsreise nur, um sie aus der Agentur zu haben. Wer wusste schon, welche Überraschungen er während ihrer Abwesenheit vorbereitete. Im neuen Jahr ging sie besser ins Büro, um ihn und Sarah im Auge zu behalten.
Zum Haarewaschen hatte sie eigentlich keine Lust, trotzdem ließ sie heißes Wasser darüber laufen und seifte es großzügig mit Kräutershampoo ein.
