Gestern hab ich den Zufall getroffen - Peter Asmodai - E-Book

Gestern hab ich den Zufall getroffen E-Book

Peter Asmodai

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Beschreibung

Haben Sie schon mal den Zufall getroffen? Einen Filmriss gehabt oder einen Angelo kennengelernt? Falls nicht, können Sie das jetzt nachholen. Reisen Sie mit uns durch Raum und Zeit nach Japan, Spanien, England, auf eine Allgäuer Hochalp, in eine hannoversche Eck-Kneipe. Sie werden staunen, was um 03:27 Uhr Ortszeit alles passieren kann! Treffen Sie in diesen Geschichten die Gestalten der Nacht, erfahren Sie, was es mit Ronda ohne Bikini auf sich hat, warum der Tod überbewertet wird - und was ein Schaf im Führungskräftetraining macht. 32 Kurzgeschichten von 10 Autoren, so unterschiedlich wie die Menschen eben sind. Eine Entdeckung für alle, die Short Stories lieben - und eine Ermunterung für alle, die selbst gerne schreiben.

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Vorwort: Mein erstes Mal – als Herausgeberin

Lange Diskussionen – um einen Gedankenstrich. Hitzige Auseinandersetzungen um ein Wort. Wochenlanges E-Mail-Pingpong mit überarbeiteten Textversionen. „Schicke dir die neue Fassung von …“ „Bitte um Feedback zu …“ Am Ende sind in meinem Ordner „Buchprojekt“ über hundert Dateien.

Als letztes Jahr der Startschuss für unser Anthologie-Projekt fiel, wusste ich, was auf mich zukommt: Auswahl der Texte, Lektorat, Korrektorat, Titelfindung, Cover-Gestaltung, Klappentext, Buchsatz … Natürlich auch die Planung der PR: Pressemitteilung, Social Media, Organisation von Lesungen. Trotzdem habe ich den Arbeitsaufwand ein kleines bisschen unterschätzt ;-). Aber glücklicherweise war die Buchpublikation ein Gemeinschaftsprojekt: Alle Teilnehmer meiner Schreibgruppen haben mitangepackt und ihre Expertise in den unterschiedlichen Bereichen eingebracht – riesengroßer Dank an alle, ganz besonders an Margot Krottenthaler, die das wundervolle Buch-Cover kreiert hat!

Hat der Zufall uns zusammengewürfelt? So unterschiedlich wie die Autoren dieser Anthologie – so unterschiedlich sind auch die in der Schreibschule entstandenen Geschichten. Seien Sie gespannt, was die Autoren aus Schreibimpulsen wie Mein erstes Mal, Filmriss, Doppelleben etc. gemacht haben. Wir sind gespannt, wie Ihnen unser Buch gefällt und würden uns freuen über ein Feedback an [email protected] oder eine Rezension bei Amazon!

Elvira Kolb-Precht

Inhalt

Mein erstes Mal

Nabelschnur

Scheitern mit Schaf

Idee gesucht

Ein Gefühl, zum Sterben schön

3:27 Uhr Ortszeit

Penelope wartet nicht mehr

Hundstage

My Baby Shot Me Down

Schmetterlingstränen

Schafsseelen

(Zeit-)Reisen

Die Wüste in mir

Ronda ohne Bikini

Loop

England!

Gestern hab ich den Zufall getroffen

Der Tod wird überbewertet

Das alte Haus

Prost Alter

Filmriss

Göttliche Fügung

Die Schuhe des Törichten

Dunkles Erwachen

Babel

Angelo

Pate im Pelz

Angelo

War’s das Angelo?

Wie wäre es mit Angelo?

Doppelleben

#MeTwo

Der Mordfall Carew

Die Enthüllung

Two Souls

Gestalten der Nacht

Der dunkle Besucher

Der Nachtschwärmer

Nach dem Tanz

Gestalten der Nacht

Über die Autoren

Mein erstes Mal

Nabelschnur

„Komm schon, Lynn. Trau dich.“

Ich höre Alex’ Stimme wie aus weiter Ferne. Als wäre ich in einem Tunnel. Mein Blickfeld ist auf den halben Quadratmeter Fläche vor mir zusammengeschnurrt. Ich kann nicht mehr klar denken, atme flach. Alle Taktiken, die ich mir zurechtgelegt hatte, versagen.

„Es ist gar nicht schlimm, du wirst sehen.“

Alex hat gut reden. Er hat das sicher schon hundertmal gemacht. So wie jeder in meinem Freundeskreis. Ich bin die einzige, die es noch nicht getan hat. Ein blödes Gefühl. Ein bisschen wie die Mutproben, die man als Kind auf sich nahm, um zur Clique der coolen Jungs und Mädchen dazuzugehören. Es war mir schon damals ein Gräuel. Ich war der bebrillte Bücherwurm, die Spießerin, die sich all diese Dinge nie im Leben getraut hätte. Regenwürmer essen. Beim freundlichen Bäcker um die Ecke saure Drops mitgehen lassen. In die Jungsumkleide marschieren und blank ziehen. In der Freistunde einen Joint rauchen und in der nächsten Unterrichtsstunde unkontrolliert kichern.

Ich mache mir nichts vor, auch dies ist in gewisser Weise eine Mutprobe. Aber eine, die mir am Herzen liegt. Auf Regenwürmer essen kann ich verzichten. Aber wenn ich das hier schaffe, dann habe ich es ganz alleine für mich getan. Na schön, und auch, damit mir die anderen endlich ein bisschen mehr Achtung entgegenbringen. Deren Leichtigkeit habe ich immer mit Neid beobachtet. So lange, bis ich beschlossen habe, dass es so nicht weitergehen kann.

Ich habe diesen Moment wochenlang hinausgezögert. Habe mir schließlich einen Tag vorgenommen, an dem es passieren würde. Dieser Tag ist heute. Schon seit Tagen verspüre ich eine innere Unruhe; seit einer halben Stunde bin ich ein nervliches Wrack. Die gutgemeinten Ratschläge meiner Freunde haben mich nur mehr verwirrt als beruhigt.

Alex: „Das erste Mal wird dich noch Überwindung kosten. Danach wird es leichter.“

Nina: „Wenn du das jetzt nicht machst, wirst du niemals besser werden, das ist dir doch klar?“

Jule: „Mach dabei die Augen zu und du denkst, du fliegst.“

Es ist nicht das Fliegen, vor dem ich Angst habe. Es ist das Danach. Meine Angst ist nicht ganz unbegründet. Was alles passieren kann, weiß ich nur zu gut aus den Schilderungen meiner Freunde und zahllosen, in einem Anfall von Masochismus angeklickten You Tube-Videos.

Das hier sind kontrollierte Bedingungen, versuche ich mich zu beruhigen. Es wird dir nichts passieren. Alex ist hier. Er weiß, was er tut.

Für einen kurzen Moment kann ich mich aus dem Tunnel befreien und blicke mich um. Hinter mir auf der anderen Seite sehe ich einen drahtigen, oberkörperfreien jungen Mann, der genau das tut, wovor ich solche Angst habe, und offenbar auch noch einen Riesenspaß dabei hat. Er stößt einen lauten Schrei aus und seine Partnerin lacht hell auf, obwohl sie selbst dabei von den Füßen gerissen wird. Ach, wäre es doch so einfach.

Der stärkste Muskel ist der Kopf. Wie oft habe ich dieses berühmte Zitat schon gebetsmühlenartig wiederholt, bis es für mich jeglichen Sinn verloren hat? Es wird mir jetzt nicht weiterhelfen. In meiner Verzweiflung überlege ich, es mit Meditation zu versuchen. Aber Alex wird nicht ewig auf mich warten. Irgendwann wird er sagen „Es hat keinen Zweck, Lynn“ und die Sache abblasen. Von dieser Enttäuschung werde ich mich nie erholen, das weiß ich. Es gilt also heute, hier und jetzt. Oder nie wieder.

„Was ist jetzt, Lynn? Gibst du auf?“

„Nein.“ Kaum bringe ich das Wort über die Lippen. „Gib mir noch einen Moment.“

Ich schließe die Augen und zwinge mich, ruhig zu atmen und meinen Kopf ganz leer werden zu lassen. Gerade beruhige ich mich etwas, als mein linker Arm beginnt, sich zu verkrampfen. Vermutlich durch die lange Belastung. Ich schüttle ihn kurz aus; es wird nur wenig besser. Lange werde ich eh nicht mehr durchhalten, und dann hat sich das Thema ganz von allein erledigt.

Nochmals spreche ich mir innerlich das immer gleiche Mantra vor: Dir kann nichts passieren. Deine Angst ist nur in deinem Kopf. Du machst das jetzt schon jahrelang, und dies ist der nächste Schritt, damit du besser werden kannst. Damit du reifer wirst. Denk an Mia und wie schwer es für sie beim ersten Mal war. Wenn sie es schaffen kann, dann auch du.

Es klappt. Ich fühle mich so ruhig wie seit Tagen nicht mehr. Ich öffne die Augen, blicke nach unten. Alex steht fünfzehn Meter unter mir. Seine rechte Hand ist es, die mir Sicherheit gibt. Seine Hand und die Nabelschnur, die uns verbindet. Ein 9,5 mm starkes Nylonseil, TÜV-geprüft und auf acht Normstürze ausgelegt. Das Seil läuft an Alex’ Ende durch ein halbautomatisches Sicherungsgerät. An meinem Ende ist es mit einem doppelten Bulin-Knoten an meinem Gurt befestigt. So wie ich es schon unzählige Male getan habe. Ich beherrsche die Handgriffe im Schlaf. Jeder möchte mich als Seilpartnerin, weil ich umsichtig und verantwortungsvoll sichere. Nur beim Klettern selbst stoße ich immer wieder an eine unsichtbare Grenze, die ich mir selber gesetzt habe und die ich nicht durchbrechen kann.

Erst wenn ich meine Sturzangst verliere, kann ich an meine Leistungsgrenze gehen. Und das heißt: stürzen. So oft wie möglich. Kontrolliert. Desensibilisierung nennt man das. Wie bei Angst vor Spinnen. Der vermeintlichen Gefahr ins Auge sehen. Der stärkste Muskel beim Klettern ist der Kopf. Dieser unvergessene Satz stammt von Kletterlegende Wolfgang Güllich. Jeder Kletterer kennt ihn, jeder weiß, wie viel Wahrheit in ihm steckt. Ich bin der beste Beweis dafür.

Ich blicke vor mich, auf meine Hände, die sich in die Griffe an der Kletterwand verkrampft haben. Dann ein Blick direkt nach unten. Die letzte Exe, in die ich das Seil eingehängt habe, ist zwei Meter unter mir. Das bedeutet einen Sturz von mindestens vier Metern, bevor das Seil sich spannt und mein Sturz sanft abgefangen wird. Vier Meter. Die wichtigsten vier Meter meines Kletterlebens. Vier Meter, die meine Angst zum Schweigen bringen sollen. Ich bin bereit.

Ich lasse los.

Heidi Lackner

Scheitern mit Schaf

Die Straße ist zu einem Schotterweg geworden, der Schotterweg zu einem Feldweg, der Feldweg endet jetzt, einfach so: Auf einer Wiese. Verdammtes Navi! Egal, schöner Tag heute. Ich steige aus und rufe die Nummer des Pferdehofs an. „The person … is temporarily not available.“

War auf jeden Fall richtig, das teuerste Führungsseminar zu nehmen. 2000 Euro plus Übernachtung und Verpflegung, abgezeichnet vom GF, yess! Macht zwei Tage Schulung Schrägstrich Urlaub auf dem Pferdehof. Von wegen Defizite in der neuen Führungsrolle. Wer hat denn das Projekt mit Scholz & Co gerissen? Und wer hat Engelbeck dazu gebracht zu unterschreiben? Schafsgesicht Annabell etwa? Oder sonst wer aus meiner Gurkentruppe? Egal, wenn sie meinen.

Warum geht denn da keiner ran? Egal. Einfach mal relaxen. Das da vorn könnte eine Koppel sein. Wo sind denn die Pferde um diese Zeit? Wahrscheinlich drehen sie jetzt ihre Runden in der Reithalle. Schön brav hintereinander, eine Pferdelänge Abstand. Ich muss lachen, weil ich alles noch so genau weiß von der Zeit mit Vroni. Zwei oder drei Mal habe ich sie begleitet zum Reitstall aka Ponyhof.

Ich hol die Seminarunterlagen, um noch mal die Nummer zu checken.

„Führen heißt: Die Zielrichtung kennen und das Team mitnehmen. Mitarbeiter motivieren. Sie trainieren Ihre Führungsstärke mit imposanten Tieren …“

Blabla, sage ich. Rita Fron, die Seminarleiterin, nimmt endlich ab und dirigiert mich zum Pferdehof.

Nette Truppe, kleine Gruppe, wie im Flyer versprochen. Sogar noch besser: Drei Frauen, Franko der Dauerlächler, und ein Mann: ich.

Wir sitzen auf den Zuschauerbänken, als die Pferde in die Halle gelassen werden. Unsere erste Aufgabe: Beobachten, Leitpferd erkennen, Hierarchie analysieren. Franko und die Mädels schreiben sich nen Wolf auf ihren Blöcken. Ich check in der Zeit mein Handy. Ist eh klar: Der Dunkelbraune ist der Alpha, der schwarz-weiß Gescheckte der Arsch, also Omega. Der Rappe und die beiden Grauschimmel sind Sachbearbeiter, Personaler mit Schwerpunkt Führungskräfteschulung oder sie machen die Buchhaltung.

Hat nicht ganz gestimmt, aber fast. Eine Trefferquote von 80 Prozent ist schon mal nicht schlecht. Okay, die Mädels waren besser. Aber Franko – oh Mann: Trefferquote 20 Prozent. Ich dagegen hab nur den Boss mit dem Arsch verwechselt. Was lässt der sich auch von den anderen an der Mähne rumpulen?

Der anschließende Theorieteil über Achtsamkeit, Respekt und noch irgendwas mit R zieht sich. Kein WLAN hier, Netzempfang nur zwei Balken, aber Moment – eine Mail von Annabell: Was soll das heißen, Abschlusspräsentation frühestens nächste Woche? Die braucht jetzt aber mal wirklich Motivation!

„Wir gehen gemeinsam in die Reithalle für unsere erste Praxisübung“, sagt Rita. Unser Auftrag: Abäppeln. Sollen wir uns auch noch vor jedem Pferdehaufen verneigen? Ich lass die anderen mal machen und frage Rita, wann wir endlich reiten.

„Wir reiten überhaupt nicht“, sagt Rita. „Steht doch in den Seminarunterlagen. Ist ja kein Rodeo“, murmelt Franko und grinst. „Geht ums Führen lernen.“ Die Mädels nicken.

Für den Abend ist Team-Arbeit angesagt. Das Essen davor war wirklich … gesund. Im Wesentlichen Quinoa, das Grüne waren wahrscheinlich Bohnen. Als ich nach Pferdesalami frage, lacht nicht mal Franko. Ich überlege, ob ich nachher in der Dorfkneipe noch lecker Lammkottelets bestelle. Wird ja nicht so lange dauern mit den Vertrauensspielchen. Aber jetzt werden mir erstmal die Augen verbunden. Keine Ahnung, wer mich „blind“ führt, Franko ist es jedenfalls nicht. Ich hoffe, es ist die, die beim Essen neben mir saß. Könnte sein, die Hände an meinen Schultern wirken grazil. Bis sie Druck aufbaut. Vielleicht ist es doch die Dicke. Und woher soll ich jetzt wissen, wohin ich meine Füße setzen soll? Ich haue mir das Schienbein an einer harten Kante an. Meine Führerin entschuldigt sich. Hätte ich mir denken können – dieses Trampel!

Rita macht sich Notizen. Dann bin ich dran mit Führen. Ich lege Franko, dem Omega unserer Herde, die Hände auf die Schultern. Der hat so was von null Körperspannung! Ich muss ihn schieben: linksrum, rechtsrum, im Slalom um die Pylonen und Hocker. Wir meistern den Parcours fehlerfrei. Ich verbeuge mich, die Mädels applaudieren. Franko nimmt das Tuch ab, massiert sich die Schultern und lächelt gequält.

Lammkoteletts haben sie nicht in der Dorfkneipe, also nehme ich den Reiterschnaps. Steht auf der Karte ganz oben, ist also wohl Usus in dieser Gegend. Schmeckt zum Kotzen, aber dröhnt. Die Bohnen rumoren trotzdem noch die ganze Nacht in meinem Bauch.

Das Frühstück am nächsten Morgen lasse ich ausfallen. Bin aber pünktlich um 10 in der Reithalle. Wir sollen die Pferde um uns herumtreiben, mit einer Art Fahne in der Hand, und ohne sie damit zu berühren. „Wichtig ist, dass die Herde nicht in Panik gerät. Fluchttiere brauchen Ruhe und Sicherheit“, sagt Rita. Als erster ist Franko dran. Seine Fahne hängt auf Halbmast, die Pferde hatschen mit halbgeschlossenen Augen um ihn herum. „Sehr, sehr gut“, sagt Rita. Dann schaut sie mich an. „Wer sich’s zutraut, kann die Pferde auch etwas stärker fordern. Achten Sie dabei auf klare Ansagen.“ Meine Ansage ist klar, ich schwenke die Fahne wie ein Formel-1-Marshal. Und zack: Die Pferde galoppieren und buckeln, dass mir das Sägemehl um die Ohren fliegt. Ihre Nüstern sind weit, die Augen zeigen das Weiße. Der Gescheckte hängt sich so rein, dass er sich in der Kurve fast hinlegt. So motiviert man zur Höchstleistung. Nach zwei Minuten pfeift Rita die Übung ab – Ziel übererfüllt, würd ich mal sagen, und das in no time!

Jetzt wird’s spannend: Jeder von uns bekommt ein Pferd zugeteilt. Beziehungsweise ein Pferd sucht sich seine Führungskraft aus. Ich schaue auf den Boden und sehe, dass da jemand nicht sauber abgeäppelt hat.

Franko? Echt jetzt? Der Braune geht zu ihm? Der soll eine dominante Ausstrahlung haben? Ich streiche das Sägemehl mit meiner Schuhsohle glatt und warte.

„Sie haben es ja selber gemerkt“, sagt Rita. „Kein Pferd hat auf Sie resonanziert.“

„Resonanziert?“

„Naja, Resonanz auf Sie gezeigt. Auf Sie reagiert.“ Sie deutet an, dass ich ihr folgen soll. Wir verlassen die Reithalle, gehen die Stallgasse entlang, vorbei an den Pferdeboxen. Es riecht nach Tier – aber nach welchem?

Rita sagt: „Es liegt wahrscheinlich an der Diskrepanz Selbstbild und Fremdbild. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es mit einem dieser Schafe klappen könnte.“

What the fuck – ein Schaf?

„Schafe sind ebenso gute Lehrmeister wie Pferde“, sagt Rita. „Und wenn wieder keins auf Sie resonanziert, haben wir auch noch Meerschweinchen.“

Ein Schaf kommt ans Gatter und blökt. „Molly!“, ruft Rita und klatscht in die Hände. „Da sehen Sie’s. Das könnte der perfekte Match sein!“

„Das wird aber nicht aufgezeichnet, oder?“

Rita redet einfach weiter. „Schafe sind echte Krafttiere. Wie Pferde. Sie helfen uns, aus dem alten Kreis heraus in einen neuen zu treten. Sie lehren uns Respekt und …“ Ich blende sie aus, kann keine R-Wörter mehr hören.

„Sie werden von allem etwas brauchen für eine erfolgreiche Zukunft.“

In der Arena sind nur das Schaf und ich. Die Videokamera surrt. Das Schaf schnuppert an meiner ausgestreckten Hand, duckt sich aber dann gleich wieder weg. Ich schnalze mit der Zunge. Sein Gesicht besteht aus einer langen konvexen Nase. „Hey Beauty“, sage ich leise. „Jetzt kommt der Ring.“ Das Schaf geht rückwärts von mir weg. Der Führungsring, den ich ihm umlegen soll, sieht aus wie ein Hula-Hoop-Reifen für Magersüchtige. Als ich ihn überstülpen will, dreht sich das Schaf um und setzt sich in Trab.

Ich werde ihm auf gar keinen Fall nachlaufen! Wie war das mit Körpersprache? Ich mache mich groß, atme ein und bewege meine Arme und Hände raumeinnehmend. Na, geht doch: Das Schaf bleibt stehen und dreht mir den Kopf zu. Es schaut mich aus seinen rechteckigen Pupillen an. Ich gehe gemäßigten Schrittes auf es zu. „So ist’s fein“, sage ich. Erst mal Vertrauen aufbauen. Den Ring halte ich versteckt hinter meinem Rücken. Als ich näherkomme, prescht das Schaf los. Im Galopp ist es schneller als jedes Pferd! Ich jage hinterher, den Ring fest in meiner Hand. Gleich hab ich dich. Gleich hab ich dich, bitch!

Nach einer Runde durch die Bahn wird mir schlecht. Was ist los mit mir? Wahrscheinlich die Bohnen, danke auch fürs Superfood. Ich halte mir die Hand an die stechende Seite. Verdammt, es kann doch nicht so schwer sein. Die anderen haben es auch geschafft, sogar Franko nach vier Anläufen. Einfach Dominanz zeigen, oder war’s Präsenz oder was anderes mit P? Klar, bei den andern war’s leichter, die hatten ja auch Pferde. Ich schnaufe mich ruhig. Franko gestikuliert von der Zuschauerbank. Mit zwei Fingern formt er ein V. Was will er mir damit sagen? Victory? Versager? Fick dich, Franko.

Dieses ganze Körpersprache-Dingens ist Bockmist. Das funktioniert vielleicht in einer Mutter-Kind-Yoga-Gruppe, aber nicht in meinem Business. Also gute alte verbale Kommunikation. „Hey, Annabell!“

Rita formt einen Trichter mit ihren Händen. „Sie heißt Molly!“ Egal, dann eben Molly.

„Hierher, Molly!“ Das Schaf galoppiert eine weitere Runde und bleibt dann abrupt stehen. Seine Flanken beben. Hellgrüner Schaum tritt aus seinem Maul aus. Es sieht maximal gestresst aus, überfordert, kurz vor dem Kollaps. Es tut mir leid.

Ich setze mich auf den Boden. „Schalten Sie die Kamera ab!“, rufe ich Rita zu. Den Führungsring hänge ich mir um den Hals. Als ich mein Smartphone rausholen will, passiert etwas Seltsames: Schaf Molly geht auf mich zu. Ganz langsam, Schritt für Schritt. Ich lasse mein Handy stecken, bewege mich nicht, halte den Atem an. Ganz nah kommt es mir, beugt den Kopf zu mir herunter. Wir sind jetzt Nase an Nase. Ich greife nach dem Ring. Molly reibt den Schaum vor ihrem Maul an meinem weißen Shirt ab. Egal, es fühlt sich irgendwie gut an. Sie sieht aus, als würde sie lächeln. Ich lasse den Führungsring los. Es wäre ein Leichtes, ihn ihr jetzt umzulegen – ich tue es nicht. Stattdessen kraule ich sie hinter den Ohren. Ihre Wolle ist unerwartet weich.

„Was nehmen Sie mit von diesem Seminar?“, fragt Rita bei der Abschlussreflexion. Franko redet und lächelt. Ich habe drei Balken und eine Mail von Annabell. Der Termin für den Abschluss soll sich um eine weitere Woche verschieben.

Jetzt ist Schluss. Es gibt eben Schafe und Mitarbeiter Sternchen -innen, da passt es einfach nicht. Wie mit Annabell. Ich werde sie feuern.

Elvira Kolb-Precht

Idee gesucht

Der Cursor blinkt ein und aus. Ein und aus. Blink, da ist er. Blink, weg. Blink, wieder da. Ich sitze vor meinem Computer, das Word-Programm wurde aufgerufen. Myriaden von Einfällen warten nur darauf, als Pixel wiedergeboren zu werden. Auf dem leeren, weißen Bildschirm kann ich meine gesamte kreative Energie austoben. Meine dichterische Schöpfungskraft ist so grenzenlos wie die Phantasie selbst.

Mir fällt nichts ein.

Frustriert reibe ich meine Stirn. Ich nehme an einem Schreibkurs teil, und bis zum nächsten Treffen muss ich eine Geschichte zu einem bestimmten Thema geschrieben haben. Eine Länge von zwei Seiten reicht. Doch wenn ich beim nächsten Termin nichts abliefere, sticht man mir mit einem glühenden Messer ein Auge aus. (Mag sein, dass ich in diesem Punkt ein wenig überdramatisiere.)

Das aktuelle Thema lautet: „Das erste Mal.“ Zu dem Erlebnis, welches einem bei diesem Begriff am ehesten einfällt, weiß ich leider nichts zu sagen. Allerhöchstens reine Fiktion. Das erste Mal? Vielleicht könnte ich vom ersten (und hoffentlich letzten Mal) berichten, als ich in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde. Wie fange ich an? Mal sehen.

Ich fuhr den alten Wagen meines Großvaters.

Nee, zu sachlich.

Hinter dem Steuer von Opas alter Karre. Da! Eine rote Ampel. Ich trete auf das Bremspedal.

Ja, kurze Sätze erhöhen die Spannung.

Nur ein schwacher Druck. Der Wagen wird kaum langsamer. Ich trete erneut. Kein Druck!

Ja, das ist gut. Ein Absatz, und dann nur zwei Worte mit Ausrufungszeichen. Erbleiche vor Neid, Thomas Mann!

Wie lange liegt der Unfall schon zurück? Mensch, hatte großes Glück, dass damals nur das Auto zu Schrott gefahren wurde.

Hmm? Vielleicht ist die Sache doch zu persönlich. Besser, ich schreibe eine rein erfundene Geschichte, dann kann ich meine Kreativität üben. Das erste Mal?

Vielleicht etwas mit einer überraschenden Wendung? Ja, das könnte funktionieren. Getäuschte Lesererwartung. Doppeldeutige Formulierungen. Hitchcock und Night Shyamalan lassen grüßen. Worüber könnte ich schreiben?

Vielleicht über eine Person, die von ihrem ersten Mal erzählt, und – großer Schock zum Schluss! – es handelt sich um einen Auftragskiller, der von seinem ersten Mord berichtet. Ja, ich bin der Meister, der König, der Kaiser der Spannung! Wie setze ich die Idee um? Vielleicht so?

Niemals vergesse ich meine erste Zielperson. Zu offensichtlich.

Niemals vergesse ich mein erstes Mal. Schon besser.

Nun muss ich mir ein gutes Szenario ausdenken. Dann langsam die Spannung erhöhen. Muss meine Worte so formulieren, dass der Leser nach und nach stutzig wird. Hmm? Mir fällt keine passende Formulierung ein. Außerdem, die Idee hat zwar was, aber … Nee! Ich möchte lieber etwas Lustiges schreiben.

Das erste Mal? Ist noch genug Brot da? Vielleicht sollte ich einkaufen gehen. Milch müsste auch … Nein, nein, nein! Konzentrier dich! Bleib an der Sache dran.

Das erste Mal? Das erste Mal? Das erste verflixte, dreimal verfluchte Mal? Blöderweise gibt es so vieles, was man zu diesem Thema schreiben kann. Mein erstes Mal beim Vorstellungsgespräch. Mein erstes Mal auf dem Mond. Mein erstes Mal, als ich die Welt rettete.

Ha, mein erstes Mal, dass ich eine Geschichte zum Thema „Mein erstes Mal“ schreiben muss. Augenblick mal!

Nee, viel zu metafiktional. Viel zu plump und billig. Obwohl, irgendwie doch eine originelle Umsetzung des Themas.

Lächelnd beginne ich zu schreiben. So beginnt meine Karriere als Bestsellerautor. Auf dem Bildschirm erscheinen die Worte: Der Cursor blinkt ein und aus. Ein und aus.

Stephan Priddy

Ein Gefühl, zum Sterben schön

Klein und unbedeutend platscht ein Gewirr von Armen, Beinen, Federn im Wasser. Die Wellen schlagen darüber schon zusammen. Gleich wird nichts mehr da sein. Drumherum geht das Leben seinen gewohnten Gang. Niemand, noch nicht einmal ein Schaf aus der Herde, nimmt Notiz. Zu hoch hinaus wollte einer, sang- und klanglos ist sein Untergang.

Das Gemälde fasziniert mich. Ich habe es aus allen Blickwinkeln betrachtet und dabei verdrängt, dass das Museum gesteckt voll ist. Mit Erfolg. Das Bild hat mich aufgenommen, als wäre auch ich dabei. Bei den drei Menschen, die den Tod des vierten gar nicht zu bemerken scheinen. Was muss der Kerl in den letzten Sekunden seines Lebens gefühlt haben? Das Gemälde lässt mich nicht los. Selbst im Wagen von Brüssel zurück nach Köln sehe ich den Abgestürzten vor mir. Und dann habe ich den Geistesblitz.

So viele Taten beginnen mit einer Wette. Meine auch. Wir, das sind meine Freunde Mick, Tommie, Schildkröte und ich, haben gewettet, dass ich zehn Paar Debreziner schaffen würde. Nicht weit von unserer Stadt ist unsere Stammkneipe, der Jugoslawe wird er genannt, weil der Wirt damals, als es das Land noch gab, als Gastarbeiter kam und blieb. Obwohl jeder vor uns nach dem Krieg dort geboren wurde, lieben wir die Kneipe und Mirkos Geschichten. Außerdem hat er einen attraktiven Sohn, weshalb ich gerne hingehe.

Man muss meine Freunde kennen, um zu verstehen, wieso ich die skurrile Wette eingegangen bin. Mick, der eigentlich Michael, gesprochen Maikl, heißt, ist aus Irland, kam aber mit seinen Eltern nach Siegburg, als er noch ganz klein war. Wenn wir ihn ärgern wollen, rufen wir ihn Mickey. Tommie ist winzig, ohne kleinwüchsig zu sein. Aber für einen Kerl ist das doch bitter. Trotz seines so hübschen Gesichts. Deswegen rufen wir ihn weder Thomas noch Tom. Und Schildkröte heißt so, weil er an Karneval gefühlt zehnmal als einer von den Ninja Turtles gegangen ist. Und dann bin da ich, das einzige Mädel in der Jungensclique. Ich bin im Kindergarten mit den dreien in die Gruppe gesteckt worden, weil mich die Kindergärtnerin für einen Jungen hielt. Meine Mom war eigentlich schuld, sie hatte mich als Alex vorgestellt. Erst tauft sie mich Alexandra, und dann ist ihr der Name zu lang zum Aussprechen! Aber egal. Ich sehe auch heute nicht wie ein Mädchen aus mit meinen raspelkurzen Haaren.

Die Debrezinerwette habe ich jedenfalls verloren. Und mein Wetteinsatz lautet, etwas zu tun, was sich von den Jungs ganz sicher keiner trauen würde. Als ich ihnen sagte, was ich tun wollte, waren sie erst völlig still. Mick fing sich als erster und brummte irgendwas mit ‚geisteskrank‘. Aber nur, weil er sauer war, weil – ganz klar – auch er als mutigster von uns sich das niemals trauen würde. Schildkröte meinte erst, ich würde sowieso einen Rückzieher machen. Und Tommie hatte einfach Angst. Aber ich bin: eine Frau, ein Wort.

Die Vorbereitung war saumäßig hart. Und hat länger gedauert, als ich gedacht habe. Ich habe mich schon immer für körperlich sehr fit gehalten. Doch was da verlangt wird, das ist ja mal direkt was vom anderen Stern. Die Jungs haben mir angesichts der Kosten, die auf sie selber zukommen werden, doch tatsächlich schon angeboten, den Einsatz in was anderes umzuwandeln: so was wie Stockcar Racing (Idee von Schildkröte), den schlammigen Tough-Mudder-Lauf in England (vom irren Iren Mick) oder im Eishockeyfeld ins Tor (von Tommie), weil ich nämlich nicht eislaufen kann. Nee, habe ich gesagt. Meinen Wetteinsatz ziehe ich durch. Ganz ehrlich, mich hat jetzt so richtig der Ehrgeiz gepackt.

Und so trainiere ich seit mehr als einem Vierteljahr im Fitnesscenter: Muskelaufbau, Schnelligkeit, Kondition. Ich fühle mich schon wie Lara Croft, nur ohne die Oberweite und mit kurzen Haaren. Tommie hat sich scheckig gelacht, als ich ihm das erzählt habe. Weil er Tomb Raider liebt und total verknallt ist in die Kunstfigur.