Gesternland - Antje Maria T. Frings - E-Book

Gesternland E-Book

Antje Maria T. Frings

0,0

Beschreibung

Nadjas Eintauchen in die Kultur des Mittleren Ostens bereichert ihren sorglosen Alltag als Frau eines Expats und Mutter zweier Kinder. Gemeinsam mit ihren Freundinnen nimmt sie die Missstände in den Vereinigten Arabischen Emiraten durchaus wahr, und dennoch gelingt es dem privilegiert lebenden Expat-Grüppchen, diese zugunsten eines komfortablen Lebens auf der Sonnenseite auszublenden. Zunehmend zeichnet sich ein Spannungsverhältnis zwischen den Kontrasten von Glamour, Luxus und Superlativen gegenüber den Menschenrechtsverletzungen ab. Auch die Konfrontationen mit der Scharia, die sich in ihrem Umfeld zeigen, bröckeln an der Fassade des Übermorgenlandes. Als Nadja selbst mit dem Rechtssystem in Konflikt gerät, wird nicht nur ihre Weltoffenheit auf eine harte Probe gestellt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Antje Maria T. Frings

Gesternland

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Fernweh

2.Sharjah Police-Department

3.Expat-Enklave: Arabian Ranches

4.Einweihungsparty in Mirdif

5.Begegnungen

6.Kochkurs

7.Expat-Alltag

8.Ausflug in die Wüste

9.Sveas Affaire

10.Karama

11.Gartenparty

12.Glaubensfragen

13.Aufbruch

14.Abschied

Impressum neobooks

1.Fernweh

Nadja beugt ihre Schultern vor, zieht die Vorderseiten der grauen Alpaka-Strickjacke übereinander und verschränkt die Arme. Sie schaut durch das weiße Sprossenfenster in den Garten. Kraftlos vegetiert der moosdurchsetzte Rasen vor sich hin. Die Blätter der alten Bäume und mannshohen Büsche haben sich bunt verfärbt. Nur noch wenige Wochen und die Bäume werden wie Mahnmale im Garten stehen. Dann passt das graue Licht dazu. Oder wird es nur noch einige Tage dauern, bis das letzte Laub abgeworfen ist? Sie erinnert sich nicht mehr genau. Zu lange ist ein Herbst her, den sie in Deutschland verbracht hat. Zu viel ist geschehen, dass sie sich an diese Jahreszeit erinnern könnte. Und eigentlich will sie sich auch nicht erinnern.

Hinter dem bedeckten Himmel steckt irgendwo die Sonne. Die Sonne, die woanders auf der Welt genau jetzt zu diesem Zeitpunkt strahlend scheint. Was würde sie darum geben, die Zeit zurückdrehen zu können. Warme Sonnenstrahlen auf der Haut spüren, orangefarbenes Licht hinter d en geschlossenen Augen wahrnehmen und sich leicht und lebendig fühlen. Stattdessen schleppt sie sich schwer und träge in die Küche, stellt den Wasserkocher an und bereitet eine Kanne für schwarzen Tee vor. Sie lächelt. Wie oft hat sie in den vergangenen Jahren morgens Tee gekocht und Mohamad davon in einer Thermoskanne mitgebracht, wenn sie zum Schwimmen an den Pool ging. Er hat sich jedes Mal über die Geste gefreut. Den Tee hingegen hatte er kritisiert. Zu dünn oder zu lange gezogen oder die Bergamotte-Note im Earl Grey passte ihm nicht. Sie hatte sich darüber immer amüsiert. Bei grauem Novemberhimmel und nasskaltem Wind hätte sie sich dagegen maßlos geärgert und den Tee-Service sofort eingestellt. Er hatte sich auch immer gefreut, sie frühmorgens zu sehen. Eine der wenigen Bewohnerinnen der Community, die sich auf Augenhöhe mit dem Lifeguard unterhielt. Die ihm das Gefühl gab, nicht nur Service-Personal zu sein. Und sie? Sie hatte den fremdartigen Einfluss in ihrem Leben genossen. Vielfältige Freundschaften – nicht nur hinsichtlich der geografischen Herkunft.

‚I don’t feel comfortable to keep in touch with you.‘ Nadja lässt sich seine letzten, an sie gerichteten Worte auf der Zunge zergehen. Du biegst Dir deine Welt, wie sie Dir gefällt. Ich hätte allen Grund gehabt, den Kontakt zu beenden! Ich, nicht Du!Wäre so etwas wie eine Freundschaft überhaupt jemals möglich gewesen? Nach all dem? Eine Freundschaft zwischen einer Christin und einem Moslem?

Sie greift zu ihrem Handy. Der WhatsApp-Info zu urteilen war Rebecca bereits online. „Ich bin‘s Nadja.“ Nadja stellt sich vor, wie Rebecca verschlafen im Yoga-Outfit ihre Sonnengrüße in Angriff nimmt und dieser Anruf das Vorhaben gerade vereitelt.

„Ich ruf Dich in zehn Minuten zurück.“

„Ich freu mich darauf!“ Sie meint es ernst und schenkt sich lächelnd eine Tasse Tee ein. Der Geruch katapultiert sie augenblicklich wieder zurück. In die räumlich und zeitlich ferne Welt. Nicht die real gemessene Zeit, mit einem aktuellen Zeitunterschied von drei Stunden. Die gefühlte Zeit, die sie glauben lässt, ihr Leben dort muss lange her gewesen sein oder vielleicht auch nur geträumt. Der durchdringende Telefonton reißt sie aus ihrem Versunkensein. +41 – die Schweizer-Vorwahl.

„Bist Du mit deinem Yoga-Programm schon durch?“

„An Yoga ist momentan gar nicht zu denken. Der Morgen ist dem Baby vorbehalten. Und der süße Fratz hat für mich derzeit kein morgendliches Yoga vorgesehen.“

„Lass uns zusammen in die Emirate fliegen!“

Rebecca verschluckt sich, ringt nach Luft und räuspert sich. „Fernweh, meine Liebe?“

„Ich weiß nicht…. Vielleicht…Ich glaube schon. Und ich wollte deine Stimme hören.“

„Meine Stimme gibt es nur noch im Doppelpack: hör mal…“ Nadja hört zufriedenes Gebrabbel und Gegluckse.

„Pack ihn ein, nimm ihn mit. Wird höchste Zeit, dass er alles dort kennenlernt. Seinen Zeugungsort.“

Stille.

„Du hast Nerven!“

„Ich meine es ernst. Wir besuchen Nina.“ Nadja lächelt bei dem Gedanken an Nina und ist sich in dem Moment hundertprozentig sicher, dass sich Nina über nichts mehr freuen würde. „Nina, Du und ich – wir drei. Als wäre keine Zeit vergangen, alles so wie früher. Ich komme mit dem Direktflug ‚Hamburg – Zürich‘ und hole Dich ab.“

„Nadja, nichts kann mehr so sein wie früher. Nach all dem was passiert ist. Und Du weißt auch, dass ich mir meinen gegenwärtigen Alltag anders vorgestellt habe. Bei Dir ist alles glimpflich ausgegangen. Überlege mal, was damals hätte passieren können. Dann wärst Du froh gewesen, noch rechtzeitig nach Deutschland zu kommen. Hast Du das denn alles vergessen?“

Ein Kloß macht sich in Nadjas Hals breit.

Wieder Stille.

„Nadja, es tut mir leid, ich lebe im Hier und Jetzt. Alles andere war gestern.“

Langsam lässt Nadja den Telefonhörer sinken. Sie scheint in ein Scheinwerferlicht zu starren.

2.Sharjah Police-Department

Reflexartig kneift sie die Augen zusammen. „Was ist das?“

„Bolice! Fahr los!“

Vorsichtig blinzelt sie. Der grelle Scheinwerferstrahl leuchtet direkt in ihr Gesicht und schmerzt in den Augen. Ihre Gedanken erhalten einen Turbo-Boost, alle gleichzeitig, in Bruchteilen von Sekunden. Durchatmen. Sortieren. Sie schließt die Augen und atmet. Warum fällt den Arabern die Unterscheidung von B und P nur so schwer?

„Worauf wartest Du, Nadja, gib Gas, verdammt.“

In ihrem Gesicht zuckt es. Danke für die Kostprobe deiner Bauernschläue. Bolice. Dazu noch mit einer Betonung auf der ersten Silbe. Dann kann dein Ratschlag auch nichts taugen.

Als wäre eine Weiterleitung von Gehirn zur Hand unterbrochen, drückt sie trotzdem den Startknopf. Der Motor beginnt zu brummen. Sie muss irgendwie, und vor allem schnell, von diesem Parkstreifen herunter, zurück auf die Straße. Geradeaus, an dem auf der Straße stehenden Polizeiauto vorbei, und auf die Fahrbahn einscheren. Sie stellt den Schalthebel auf „D“. Als neben ihr eine Sirene aufheult, erstarrt sie, lässt ihre Schultern fallen und verliert sich für einen Moment auf dem monströsen Fahrersitz. Mohamad flucht und lässt hektisch die Rückenlehne des Beifahrersitzes aufrecht fahren. Aus Augenschlitzen funkelt sie ihn an. „Das hast Du mir eingebrockt.“ Und fügt auf Deutsch hinzu, „triebgesteuerter Macho-Arsch.“

Schnell anfahrend und abrupt bremsend schneidet der Streifenwagen den einzig möglichen Weg ab und parkt schräg vor ihrem Wagen auf dem Seitenstreifen. Das Blaulicht kegelt rhythmisch über der weißen Motorhaube. Nadja schließt erneut die Augen. Wegfahren zu wollen - was hat mich gerade bloß getrieben? Wie erkläre ich, dass nur ein Scheinwerferlicht für mich keine Polizeikontrolle bedeutet?

Erneut drückt sie den Startknopf und der Motor verstummt. Zwei Polizisten in khakifarbenen Uniformen und mit Schusswaffe am roten Gürtel steuern auf ihren Wagen zu. Vor jedem Fenster ein Beamter.

Gott-sei-Dank, der Rock reicht über die Knie. Ich trage ein langärmeliges Shirt. Meine Haare sind wenigstens hochgesteckt. Und mein Dekolleté ist bedeckt.

Sie fährt die Scheibe herunter. Ein Polizist steckt den Kopf in ihr Fenster, schnüffelt und schaut ihr ins Gesicht. „Die Papiere.“

Könnte man Sex eigentlich riechen? Sie greift ihre Umhängetasche von der Rückbank und zieht ihr Portemonnaie heraus. Sie reicht ihm einen emiratischen Führerschein.

„German?“

Sie nickt und hört gleichzeitig, wie Mohamad lautstark mit dem anderen Beamten spricht oder streitet.

Selbst ein „ich liebe Dich“ muss auf Arabisch aggressiv und bedrohlich klingen – jedenfalls von einem erregten Mann gesprochen.

Angestrengt versucht sie Wortfetzen aus dem Dialog neben sich herauszuhören: „eine Bekannte…bringt mich nach Hause…in Sharjah… einem Arbeitercamp….“

Okay, keinerlei falsche Anschuldigungen von Verführung...vielleicht haben sie seine Körperhaltung vorher nicht bemerkt…

Ihr Herz schlägt bis zum Hals.

„Your car?“ Der Polizist hält fordernd eine Hand in die Fensteröffnung. Drei Finger der ausgestreckten Handfläche schwingen energisch auf den Handballen und zurück.

Fahrzeugpapiere. Er will die Fahrzeugpapiere.

Sie wühlt erneut in ihrer Handtasche und schüttelt den Kopf. „My husband‘s car“ und streckt ihm das Dokument entgegen.

Er neigt sein Gesicht tiefer in das Fenster und zieht langsam die Augenbrauen hoch. „That’s interessting.“ Er riecht nach Zigarettenrauch.

Mit ihren Papieren in der Hand schlendert er zum Streifenwagen.

Der andere Polizist schaut ins Beifahrerfenster. „Aussteigen.“

Sie schluckt, riskiert einen Seitenblick zu Mohamad. Er zieht eine Augenbraue schräg und schüttelt langsam den Kopf. „Du bist ver-hei-ra-tet!“, und lauter zum Polizisten gewandt: „Ich auch?“

„Natürlich Du auch. Los jetzt.“

Ich weiß nicht, ob meine Knie mich tragen.

Beim Aussteigen greift der Polizist ihren Ellenbogen. Reflexhaft löst sie ihren Arm aus seiner Umklammerung, dreht sich zum Wagen und verriegelt ihn. Er packt sie am Oberarm. „Gib mir dein Handy.“

Zittrig fingert sie mit einer Hand ihr Mobiltelefon aus der Umhängetasche. Mit ihrem Handy in der Hand öffnet er die Fahrzeugtür des Streifenwagens und drängt sie auf die Rückbank. Gegenüber öffnet der andere Beamte die Tür, schaut Mohamad an und nickt ins Wageninnere. Mohamad rührt sich nicht. „Wohin fahren wir?“

„Auf die Wache. Steig‘ ein.“ Er schlägt hinter Mohamad die Tür zu. Sie fahren los. Vom Beifahrersitz dreht er sich langsam nach hinten, betrachtet Nadja von Kopf bis Fuß und hält ihr schließlich ihr Handy entgegen. „Die Nummer deines Ehemanns, bitte.“

Vorgebeugt drückt Nadja die Tastenkombination für die Entsperrung, geht auf ihre Anrufliste und tippt auf den obersten Eintrag: Henny. Er lehnt sich zurück und wählt. „Vermissen Sie Ihre Frau gar nicht? Wir haben sie aufgegriffen. Kommen Sie bitte zur Polizeiwache in Sharjah. Al Buhairah.“

Nadja schluckt und befeuchtet ihre Lippen. Sie greift an ihren Hals und schluckt erneut. Aus den Augenwinkeln sieht sie die Leuchtreklamen der kleinen Shops, die wie bunte Plastikperlen auf einer Kette den Straßenverlauf säumen.

Lautes Stimmengewirr, Menschengewusel, unterschiedliche und schrille Klingeltöne prallen auf sie ein, als sie in den Eingang des Polizeigebäudes geschoben werden. Weißes Neonlicht scheint aus den Deckenröhren. Mohamad und Nadja werden in unterschiedliche Büros geführt. Nadja schaut sich hilfesuchend um. Telefone und Kaffeebecher stehen auf zwei Schreibtischen. In der Ecke ein Schreibplatz mit PC. Man weist ihr einen Holzstuhl zu. Mitten im Raum. Ständig gehen Türen auf und wieder zu und Uniformierte betreten die Schreibstube. Nach einiger Zeit des Wartens öffnet sich die Tür in ihrem Rücken und sie kann nur ahnen, wer kommt. Henny streicht ihr über den Schultergürtel. „Nadja, alles in Ordnung?“

Sie steht auf und stolpert in Hennys Arme, Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie vergräbt ihr Gesicht in seine Halsbeuge und flüstert: „Ich habe Mohamad nach dem Unterricht nach Hause gebracht. Sein Bus war weg.“

„Schluss mit der Theatralik. Setzen Sie sich bitte. Beide.“ Henny wird ein Stuhl an der Seite eines Schreibtisches angeboten. Er zwinkert ihr zu, und wendet sich an den Polizisten, der ihn hereingeführt hat. „Das ist ein blödes Missverständnis, und Sie tun uns einen großen Gefallen, wenn wir das hier schnell aus der Welt bringen. Unsere kleinen Kinder sind allein zu Hause.“

Der Polizist nickt. „Mr. Nasser wird gleich hier sein.“

Eine Tür schwingt auf. Der eintretende Polizist hält mit der linken Hand ein Handy an sein rechtes Ohr und spricht. Über den Brillenrand mustert er kurz Nadja auf ihrem Stuhl. Er setzt sich auf die Tischplatte vor Henny. Abwechselnd bölkt er auf Arabisch oder nickt. Nach einer längeren Folge, von „tayib…tayib…tayib…“ legt er schließlich auf und dreht sich zu Henny. „Das“, er zeigt mit dem Finger auf Nadja, „ist Ihre Frau?“

Henny nickt.

„Und was macht Ihre Frau nachts mit einem Mann in Ihrem SUV in Sharjah?“

Henny schluckt. „Mohamad ist der Lifeguard in unserer Community und bringt meiner Frau Arabisch bei. Sie hat ihn freundlicherweise nach Hause fahren wollen.“

Der Beamte richtet seinen Blick auf Nadja und spricht sie auf Arabisch an. Nadja reagiert, mit einem langgezogenen „yanni, al-Hamdu’lillah.“

Der Polizist grinst, dreht sich zu Henny. „Vielleicht melden Sie ihre Frau besser für einen offiziellen Sprachkurs bei einer ausgebildeten Lehrerin an. Dann lernt sie nicht Ägyptisch.“ Er steht auf, spricht zu seinem Kollegen, der Nadjas Papiere und Mobiltelefon Henny überreicht. Mr. Nasser greift zur Türklinke und dreht sich zu Henny. „Und passen Sie ein bisschen besser auf ihre Frau auf. Sie braucht offensichtlich Rechtleitung.“ Er verlässt den Raum.

Die Straßenlaternen verströmen wohlig gelbes Licht und weisen den Weg in der Dunkelheit. Mitten in der Nacht. Nadja seufzt, „danke, Henny.“ Sie schaut aus dem Beifahrerfenster und lässt die auf sie zukommende Skyline auf sich wirken. Sie schließt die Augen und atmet tief ein und aus.

Henny schweigt und gibt Gas.

„Es tut mir leid. Ich habe niemanden in Schwierigkeiten bringen wollen“, flüstert sie, „am wenigsten Dich.“

Mit durchgestreckten Armen krallt Henny in das Lenkrad und starrt geradeaus auf die Fahrbahn. „Tu mir einen Gefallen und lass mich mit Deinem Scheiß in Ruhe.“ Er drückt das Gaspedal weiter durch.

Nadja schaut durch einen Tränenfilm auf die Bauzäune entlang der Sheik Mohammad bin Zayed Road.

3.Expat-Enklave: Arabian Ranches

„Ich hätte fast nicht mehr mit Dir gerechnet“, ruft Nina von ihrem Liegestuhl und beobachtet wie Nadja blitzschnell mit einem Fuß die massive Tür zum Pool vor dem Zufallen bewahrt und sich seitwärts in voller Größe und mit eingezogenem Bauch dagegen presst. Zwei Jungs drängeln sich an ihrer sperrigen Umhängetasche und einem aufgeblasenen Schwimmtier vorbei und rennen zum Planschbecken.

„Noch habe ich es nicht geschafft.“ Nadja lacht. „Du könntest mir ja mal helfen!“

In zackigem Gang kommt Nina auf sie zu, durchtrainiert und athletisch. Ihr Körper hat seine Turner-Vergangenheit nicht vergessen. Im selben Moment ertönt erst ein Platschen, dann ein Schrei. Alexander scheint konzentriert abzuwägen, ob er es mit seiner kurzen Hose noch eine weitere Stufe tiefer ins Wasser des Planschbeckens wagen kann und reicht seinem Bruder schließlich die Hand. Fred lässt sich lachend zum Rand ziehen und setzt sich klitschnass auf eine Stufe. Bevor der Lifeguard am anderen Ende des Schwimmerpools überhaupt etwas bemerkt, ist Nadja bei ihren Kindern. Fred schlägt abwechselnd die Füße auf die Wasseroberfläche des knietiefen Beckens und johlt, wenn die Spritzer Alexander erreichen. Vorwurfsvoll schaut Alexander seine Mutter an. „Ab jetzt passe ich nicht mehr auf“, und läuft zum Ausgang zurück. Nadja streckt ihren Hals und sieht Alexanders Freund Fin an der Tür stehen und Alexander zu sich winken. Sie nickt, hockt sich neben Fred und lässt sich bespritzen. Fred gluckst vor Vergnügen, reißt seine wenigen Klamotten herunter und springt ins Becken zurück.

„Nein, erst eine Badehose anziehen. Komm wieder raus, Fred.“ Noch während sie spricht geht sie zu ihrer hektisch abgeworfenen Badetasche und kramt nach passenden Badesachen. „Muss doch hier irgendwo drin sein“, murmelt sie. Während sie sucht, planscht Fred vergnügt im Becken und quietscht vor Freude. „Was ist eigentlich dabei, einen kleinen Jungen nackt planschen zu lassen? Der geht schon auf Klo, wenn er muss. Aber nun gut…“. Nadja schimpft vor sich hin und sucht immer noch nach einer Badehose. „Ein bisschen eng vielleicht…mittlerweile“, brummelt sie, zieht eine Badeshorts hervor und legt sie auf die Steinfliesen. Aufgerichtet zeigt sie mit dem Finger auf den Boden. „Fred, anziehen!“. Sie schwingt den Taschenhenkel über ihre Schulter und steuert auf die freie Liege zu, die Nina gerade dichter an ihre rückt. Nadja setzt sich. „So, der Nachmittag kann beginnen.“

Nina nickt mit dem Kopf zum Planschbecken. „Ungewohntes Bild, übrigens.“

„Dass er nackt in den Pool springt?“

„Dass er sich selbst anzieht.“ 

„Ich bitte Dich, er ist vier Jahre alt“, murmelt Nadja. „Nur weil andere von ihren Maids angezogen werden...." Sie schüttelt den Kopf.

„Hi. Fred is all right?“ Der Lifeguard steht etwas unschlüssig vor ihnen.

„Because of his jump into the water half an hour ago you mean? You’re the lifeguard on duty today?” Herausfordernd grinst Nadja ihn an. „Hi Mohamad, how’re you? How’s your everyday life here without the most welcome family?“

„Al-Hamdu’lillah, thank you, kullu tamam – everything is fine.“ Nadja zieht ein Badelaken aus ihrem Korb, zieht ihr Trägerkleid über den Kopf und macht es sich auf der Liege bequem. Mohamad schaut erst auf den Fliesenboden, dann in die Bougainville-Büsche hinter dem schmiedeeisernen Zaun, nickt schließlich Nina und Nadja zu und verdrückt sich an seinen Platz unter dem verblichenen Sonnenschirm.

Nina schaut hinterher. „Ist irgendwie auch ätzend den ganzen Tag hier in der Hitze am Pool.”

„Fünfzehn Stunden lang.“

„Wie lange?“

„Der Pool öffnet morgens um halb Acht und schließt abends um halb Elf.“

„Aber da gibt es doch einen Schichtwechsel.“

„Klar und einen Betriebsrat.“

„Wer kann es denn fünfzehn Stunden bei über 45 Grad draußen aushalten?“

„Auf den Baustellen gibt es keine Sonnenschirme.“

„Von seinen Arbeitszeiten wusste ich nichts. Aber ich bin auch nicht so konsequent morgens, mittags und abends am Pool wie Du. Zumindest früher.“ Sie wartet auf eine Reaktion. Aber Nadja döst. Nach einer Weile fragt sie schläfrig, „bist Du heute eigentlich schon geschwommen?“

„Halbherzig. War so voll als ich kam… Naja, und auch heiß. Also eher heiß als voll.“ Sie lacht und fährt fort, „tatsächlich war nur die disziplinierte Italienerin im Pool und zog eisern in sengender Hitze ihre Bahnen. Mindestens vierzig.“

„Die, die sich mal über Mohamads Beten am Pool beschwert hat?“

„Die Story kenn‘ ich gar nicht.“

„Echt nicht? Mohamad hat früher immer irgendwann seinen Gebetsteppich da hinten am Zaun ausgerollt und gebetet. Und sie hat ihn dann gefragt, ob Gott in der Zeit ein Auge auf die Nichtschwimmer hätte.“

Nina kann sich vor Lachen kaum auf der Liege halten. „Ist aber auch eine berechtigte Frage.“

Nadja grinst. „Klar. Aber es gibt in der fünfzehn- Stunden-Schicht auch keine Pausen. Da fallen dann, lass mich überlegen, Dhur, Asr, Mahgrib und Isha, also bis auf das Sonnenaufgangsgebet eigentlich alle Gebete während seiner Arbeitszeit an.“

Nina bläst ihre Wangen auf und dreht sich um. „Wo sind Fin und Alexander überhaupt?“

Durch die rotblühenden Bougainville und die dahinter beginnende Abtrennung des Tenniscourts sieht sie ihren Sohn einen Tennisball mit der Hand übers Netz schlagen. Auf der gegenüberliegenden Seite erkennt sie Alexander, der den Ball annimmt und zurückschlägt. Nadjas Blick kreist zum Kinderbecken. Fred plantscht zusammen mit einem britischen Jungen unter der Aufsicht einer Maid. Sie dreht sich zu Nina und gibt das Startsignal: „Wir können ungestört schwimmen!“

„Na, dann los.“

Sie haben das Becken fast für sich allein und schwimmen ihre Bahnen. Jede in ihrem Tempo und ohne Gequatsche – so war es immer schon. Mohamad steht am Beckenrand und kommentiert, „good Swim-Style, Nadja!“ Nadja streckt ihren Kopf kurz aus dem Wasser. „Thank you – thanks for having taught me.“

Wieder geht die schwere Tür zum Pool-Bereich auf. Rebecca. Sie ist allein. Ihr dunkles Gesicht und ihr ledriges Dekolleté bezeugen ihre tägliche Beschäftigung: das Chillen am Pool. Sie stellt sich an den Beckenrand. „Nadja! So eine Überraschung! Hattest Du Heimweh?“

„Ich fühle mich, als wäre ich nie weggewesen.“

Nadja schwimmt zur Treppe und setzt sich auf eine der unteren Stufen.

„Wie ist es denn in Mirdif? Habt ihr euch schon eingelebt?“

„Es ist okay. Nicht mit dem Komfort hier zu vergleichen, aber in Ordnung. Das einzige, was echt nervt, ist der Fluglärm. Du kannst Dich auf unserer Einweihungsparty davon überzeugen.“

„Oh cool. Wann denn?“

„Erstes Wochenende im Oktober.

„Ich weiß nicht, ob Stefan dann schon zurück ist, aber mich und meinen Beitrag zum Buffet kannst Du fest einplanen.“

„Gekochtes, Gebackenes oder Eingelegtes von Dir! Eine gesunde Party!“

Rebecca grinst. Sie rutscht eine Stufe tiefer und steckt ihre Füße in das Becken. „Das mit dem Fluglärm sagen ja viele. Aber das verändert sich doch, oder? Das hängt doch mit der Windrichtung zusammen. Dachte ich zumindest.“

„Kann ich mir nicht vorstellen, dass der Wind bei unserer Lage noch etwas ausrichten kann. Die Flieger gehen über unserem Pool runter. Die Jungs finden es super, die Nummern der Emirates-Maschinen lesen zu können. Alexander hat schon mit einer Art Flugtagebuch angefangen.“ Nadja schaut über sich in den blauen, flugzeuglosen Himmel. Alles ist hier größer, freundlicher, angelegter. Vielleicht kultivierter? Mirdif ist dagegen schäbig.

Mohamad schlurft langsam um den Pool und steuert scheinbar zufällig auf sie zu. „Hi Rebecca. How’re you? Where have you been this morning?“

Nadja guckt ihn irritiert an. So viel Vertrautheit. Macht er das absichtlich?Meint er, er könne mich eifersüchtig machen, in dem er sich für die nächste interessiert?“

„Svea had to see the doctor. Nothing serious but it took its time.”

„Svea?“, wiederholt er. „She’s all right, I hope.”

„As I’ve said, nothing serious. Just a check-up.”

Nadja mustert ihn von Kopf bis Fuß. Wieviel Neugier. Was geht es Dich an, welche Töchter hier wann zum Arzt gehen? „Hopefully she’s not pregnant“, wirft Nadja amüsiert ein. Sie grinst, als sie in Mohamads versteinertes Gesicht schaut. Rebecca wirft lachend den Kopf zurück. „Better not. I don’t want to become a Grandma that early!“

Mohamad starrt Nadja einen Moment direkt und trotzdem regungslos an, nickt dann in Rebeccas Richtung und geht weiter.

„Warum reagiert er denn jetzt so beleidigt?“

Nadja zuckt mit den Schultern. „Man muss ihn ja mal konfrontieren dürfen. Mit dieser Scheinheiligkeit, Doppelmoral, Bigotterie….“

„Ach, Du meinst, er ist echauffiert, weil wir ‚keinen Sex vor der Ehe‘ so leichtfertig abtun?“

„Auch. Obwohl ich das durchaus respektiere. Aber diese Maßstäbe sollten für ihn genauso gelten.“

„Habt ihr eigentlich einmal über diesen Vorfall in Sharjah gesprochen?“

Nadja schüttelt den Kopf. „Wir tun beide so, als wäre nie etwas gewesen. Klappt ganz gut, wie man sieht.“

„Er war verwirrt damals, oder? Er konnte deine freundliche Geste nicht von einem unmoralischen Angebot unterscheiden, nicht wahr?“

Nadja zuckt erst mit den Schultern und dreht sich dann zu ihr. „Willst Du seinen versuchten Übergriff etwa entschuldigen?“ Nadja beobachtet Mohamad auf der anderen Seite des Beckens. „Rebecca, eines Tages werde ich ihm noch einmal einen Spiegel vorhalten.“

Nina kommt zu den Treppenstufen geschwommen. „Sag mal, was ist eigentlich mit eurer Einweihungsfeier?“

„Ach ja, da waren wir stehen geblieben. Also, am Freitag in zwei Wochen. Dann wären wir, hoffe ich zumindest, soweit fertig… Ich meine, wenigstens soweit, dass man Gäste einladen kann.“

„Klingt gut, ist notiert. Was können wir mitbringen?“

„Ganz ehrlich, alkoholische Getränke. Wir haben unser Kontingent bei African + Eastern ausgereizt, als Hennis Vater neulich da war.“

Nina lacht. „Ich erinnere mich. Die lieben Schwiegereltern haben den sorgsam angesammelten Wein-Vorrat in kürzester Zeit dezimiert.“

Nadja schüttelt den Kopf. „Als wäre es Traubensaft! Und wir rationieren streng das ganze Jahr. Sparen für besondere Gelegenheiten. Und dann so etwas. Unsere Alkohol-Lizenz setzt uns einen recht strengen Rahmen…bei Hennis Einkommen.“

Rebecca blickt von ihren frisch lackierten roten Fußnägeln auf. „Ist das einkommensabhängig, wie viel man kaufen darf?“

Nadja nickt.

Nina setzt ihre Schwimmbrille ab. „Kein Problem. Jochen kommt bis dahin noch mindestens zweimal am Duty Free vorbei. Das ist ja auch eine Option an Alkohol zu kommen.“

„Dann kann ich über diesen Vertriebsweg auch gleich noch zwei, drei Flaschen Prosecco bei Dir bestellen?“

Nina hält abrupt inne. „A propos Prosecco kaufen, wie spät ist es eigentlich?“ Nina schaut auf ihr Handy und fährt erschrocken zusammen. „Was? Schon dreiviertel sechs? Ich dachte, es wäre höchstens vier Uhr!“

Nadja lacht. „Wie spät ist es eigentlich genau um dreiviertel sechs?“

„Witzig. Ich muss Jochen vom Flughafen abholen. Der kommt aus Doha zurück!“

„Dann kann er gleich die ersten beiden Flaschen mitbringen.“

„Deshalb fiel es mir doch ein!“ Nina springt auf und ruft in Richtung der Tennisplätze ihren Sohn, der nicht antwortet.

„Ich bring ihn Dir nachher rum“, sagt Rebecca.

„Ich trete auch demnächst meine Rückreise nach Mirdif an. Könnte Dir daher anbieten, deinen Mann abzuholen, falls er nicht schon in unserem Pool gelandet ist.“

Nina grinst und wendet sich an Rebecca. „Es wäre hilfreich, wenn Du Fin fährst. Er weiß, wo ein Schlüssel liegt, falls wir noch nicht zurück sind.“ Hektisch stopft sie ihre Badelaken ein und verschwindet mit einem „bis bald dann.“ Sie schüttelt den Kopf und kichert vor sich hin. „Hätte ich doch fast meinen Mann vergessen!“ Bis die Tür mit einem metallischen, dumpfen „Klock“ ins Schloss fällt.

Nadja setzt sich zu ihrem Sohn ins Wasser und begießt ihn mit einem Wasserstrahl aus einem Sandförmchen, das im Pool schwimmt. Fred juchzt. Könnte ich doch auch gleich zu Fuß in unsere Villa zurückgehen. Weiterhin in Nachbarschaft mit Rebecca. Sie taucht ins Wasser ein, saugt Wasser in ihren Mund und zielt es in einem geraden, starken Strahl mitten in Freds Gesicht. Fred schüttet sich aus vor Lachen. Der britische Junge ist mit seiner Maid schon nach Hause gegangen. It’s tea-time.

4.Einweihungsparty in Mirdif

Nadja schlendert mit verkniffenem Blick durchs Haus. Es ist keine große und stattliche Villa, wie vorher in den Arabian Ranches, aber es reicht für uns Vier. Und wir sind die ersten Mieter. Das Haus bildet zusammen mit fünf weiteren eine Reihe. Ein Townhouse. Klingt eigentlich ganz gut. Ein unspektakuläres Reihenhaus. Klingt nicht so gut. Aber das ist es. Versetzt zu dieser Reihe steht jeweils seitlich ein alleinstehendes Haus, das vom Makler als Villa angeboten wird. Diese unterbrochene Hufeisen-Formation umgibt einen Gemeinschaftspool. Eine hohe eingrenzende Mauer zur anderen Seite des Pools schließt das kleine Compound hermetisch. Blicke und Schritte nicht autorisierter Lebewesen sind hier drin unmöglich, in dem zubetonierten Hinterhof. Ein Hinterhof mit Pool, erreichbar über die Terrassen der Häuser. Hier muss man sich verstehen, wenn man ein entspanntes Leben führen will, war der erste Gedanke gewesen, der Nadja bei der Besichtigung durch den Kopf ging. Henny hatte es so gewollt: raus aus der Expatriate-Enklave. „Wenn Vereinigte Arabische Emirate, dann auch authentisch.“ Diese Worte klingen noch in ihrem Ohr, als er in der Nachbarschaft den bevorstehenden Umzug rechtfertigte. Auch wenn sich ein Gefühl von Tausend und einer Nacht hier nicht einstellen will. Es war nicht die einzige Motivation gewesen, in den einheimisch besiedelten Stadtteil zu wechseln.

Nicht alle Häuser sind bewohnt. Einige Nachbarn hatte Nadja am Pool kennengelernt und gleich zur Einweihungsfeier eingeladen: eine kanadische Familie mit zwei Töchtern im Teenageralter, Zwillinge offensichtlich, und eine schwedische Familie mit Kleinkind in Freds Alter. Mit dem alleinlebenden Schotten aus dem mittleren Haus hatte Henny auf der Straße Bekanntschaft geschlossen.

Wie Nadja dem Haus etwas Wohnliches verpassen sollte, ist ihr bis heute ein Rätsel geblieben. Und bisher gab es jeden Tag Besseres zu tun, als sich damit abzuquälen und so hatte sie die alten Vorhänge aufgehängt, die nun mit einem halben Meter Überlänge über den Boden wischen. Die zu großen, massiven Möbel stehen dicht gedrängt wie in der Lagerhalle eines orientalischen Möbelgeschäftes. Der Marmorboden ist kalt, das Plastikfurnier der Einbauschränke dunkel und die größte Herausforderung: die Beleuchtung. Insofern ein Problem, da die getönten Scheiben auch tagsüber künstliches Licht erfordern. Ein indirektes Neonlicht aus Leuchtstoffröhren, versteckt hinter der abgehängten Decke, leuchtet den gesamten Raum grell aus. So eine Atmosphäre hatte sie zuletzt in einer Garküche in Bangkok erlebt. Heute passt es. Sie haben Essen bei einem thailändischen Caterer in Jumeirah bestellt. Pünktlich um sieben Uhr wurde es geliefert und wartet seit dem, fachgerecht auf Gaskochern in der Küche aufgebaut, auf einen Ansturm.

Vor der Haustür begutachtet Nadja noch schnell den ummauerten Hof in der Breite ihres Hauses, von der Hauswand bis zur Straße. Die einzige Privatsphäre im Außenbereich. Eine achteckige, arabische Laterne mit bunten Glasscheiben hängt an den Streben für eine mögliche, nachträglich zu befestigende Überdachung. Eine Überdachung aus weißem gewölbtem Plastik, den beduinischen Zeltplanen einer Oase nachempfunden. Die Lampe hat Nadja bei Lucky’s, einem Möbelgeschäft für importierte indische Möbel im Nachbaremirat Sharjah erstanden, zusammen mit dem lebensgroßen, hölzernen Maharadscha, der jetzt auf der oberen Stufe den Eingang bewacht. Später entdeckte sie für östliche Deko-Gegenstände das Antique-Museum, in das sie Nina nur einmal hineinschleppen konnte. In brütender Hitze bei schummrigem Licht fiel es beiden schwer, verstaubte Gegenstände zu identifizieren. Dafür ließ sich handeln, wie auf einem Bazar, und das hatte zweifelsohne einen exotischen Reiz.

Henny telefoniert. Energisch schließt Nadja die Tür des Arbeitszimmers und hastet die Treppe hinunter. Fred und Alexander hocken nebeneinander auf dem Sofa und schauen gebannt in den Fernseher. Der flüchtige Blick über das Treppengeländer bestätigt Nadjas Vorahnung: Tom und Jerry. „Habt ihr gegessen?“ Die Jungs reagieren nicht. Ist okay. Ich bin gar nicht da. Ignoriert mich. Lasst mich ruhig alle im Stich – kurz vor der Feier. Nadja inspiziert die Küche, bewahrt durch schnelles Umrühren das thailändische Essen in den Edelstahlwannen vor dem Anbrennen, öffnet schließlich den Kühlschrank und greift nach einer Flasche Prosecco. Es ploppt. Sie schenkt sich ein Glas ein, schaut zwischen den Holzlamellen am Küchenfenster auf die bunt leuchtende Lampe im zubetonierten Vorgarten, hebt das Glas und prostet der Laterne zu: „Auf eine gelungene Feier!“ Langsam und genussvoll lässt sie den perlenden Wein die Speiseröhre hinunterlaufen, setzt ab und wieder an. Sie stellt das leere Glas auf die dunkle Granit-Arbeitsfläche und geht ins Wohnzimmer zurück. „Wenn die Gäste kommen, macht ihr die Glotze aus.“ Prompt klingelt es an der Tür.

Abigail und Jack stehen vor ihr. Beim Einkaufen hätte ich sie ohne ihren riesigen Sonnenhut nicht wiedererkannt, denkt Nadja. „Schön, dass ihr da seid.“

Abigail lächelt. „Vielen Dank für die Einladung.“ Und hält Nadja zwei Schalen entgegen.

„Hmmm…das sieht lecker aus und duftet herrlich, vielen Dank.“ Rückwärts geht sie den engen Flur entlang bis zur Küche.

„Das ist ja lustig. Ich dachte, die Häuser hätten alle den gleichen Grundriss. Bei uns kommt man durch die Haustür sofort ins Wohnzimmer. Direkt und unmittelbar.“

„Na, da fällt man dann wohl mit der Tür ins Haus.“ Nadja schließt kurz die Augen, was rede ich, wo bleibt Henny, ich hasse Small-Talk und ich will und kann das jetzt auch nicht. Sportlich-dynamisch tänzelt Henny die Treppe herunter. „Habt ihr auch so eine schlechte Internet-Verbindung?“ Er reicht erst Abigail, dann Jack die Hand. „Hallo überhaupt erst mal.“ Er lächelt und erklärt übergangslos, „seit einer Woche telefoniere ich jeden Tag mit Etisalat aber es passiert… nichts.“

„Willkommen in Dubai.“ Jack grinst. „Ein wochenlanges Unterfangen!“

Henny runzelt die Stirn. „Läuft das Internet bei euch denn jetzt?“

Jack nickt. „Nahezu einwandfrei.“

„Das lässt mich hoffen!“ Henny lacht. „Was mögt ihr trinken?“

Alle vier haben sich in die Küche vorgearbeitet. Aus dem Wohnzimmer klingen weiterhin die typischen Cartoon-Geräusche. Nadja stellt die Schüsseln auf die noch freien Flächen der Arbeitsplatte. Henny öffnet den Kühlschrank, schaut auf den Verschluss der Prosecco-Flasche, sucht mit den Augen die Anrichte ab und stolpert über ein benutztes Glas. Nadjas und sein Blick treffen sich. Er nimmt ein Sektglas vom vorbereiteten Gläsertablett und füllt es für Abigail. Nadja nimmt ihm die Flasche aus der Hand und schenkt sich nach. Mit routiniertem Handgriff greift Henny zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und streckt Jack eines entgegen. „Auf gute Nachbarschaft!“

Ein harmonisch, warmes Klingeln unterbricht die lebendiger werdende Unterhaltung in der Küche. Der Klingelton passt nicht zur Beleuchtung, denkt Nadja während sie zur Haustür geht und öffnet. Das Paar aus dem alleinstehenden Haus ist da. Am späten Nachmittag hatte Nadja das Bobby-Car-Rennen zwischen deren Sohn und Fred im Hinterhof beobachtet. Fred sauste vergnügt und für ein Bobby-Car in beachtlicher Geschwindigkeit vor der Umzäunung des Pools entlang. Dem anderen Jungen war das nicht geheuer gewesen. Er hatte immer wieder zu weinen angefangen und war schließlich zu seiner Mutter gelaufen. Nadja hatte gesehen, wie seine Mutter in die Hocke ging, ihren Sohn in den Arm nahm und mit ausgestrecktem Finger auf Fred zeigte. Dann erhob sie sich und ging mit ihrem Kind an der Hand zu Fred, baute sich vor ihm auf und redete auf ihn ein, was Nadja leider nicht verstehen konnte. Sie sah nur, wie Fred nickte. Und diese sich Kinderspiele einmischende Frau steht jetzt mit ihrem Mann vor mir, denkt Nadja, vor uns. Nadja weicht ein wenig zur Seite, soweit es der Flur zulässt. Henny eilt aus der Küche hinzu.

„Hallo, ich bin Inja.“

„Hi Inja.“

„Carl und Fred haben sich ja schon kennengelernt, nicht wahr. Wie geht es euch? Schon eingelebt?“

„Nadja, ich heiße Nadja, das ist mein Mann Henny.“ Nadja zeigt auf Henny, der bereits mit Injas Mann in ein Gespräch vertieft ist.

Inja deutet mit einer Handbewegung auf den Mann an ihrer Seite. „Jasper, mein Mann.“

In jetzt neu formatierten Zweierreihen schieben sie sich durch den Flur und Inja ruft in die Küche, „Abigail, begeisterst Du mal wieder mit kulinarischen Köstlichkeiten?“

Nadja steht, sich etwas überflüssig fühlend, in der Küchentür und eilt zur Haustür als es erneut klingelt. Niemand da. Sie durchquert den kleinen Hof und öffnet die Tür zur Straße mit blickdichter, gelber Plastikscheibe, die bei jeder Bewegung in ihrer schmiedeeisernen Einfassung scheppert.

Auf dem Sandstreifen zwischen Straße und Mauer steht eine kleine blondierte Frau im Stil der ausklingenden 80er gekleidet, obwohl sie dafür zu jung wirkt. Sie versteckt sich hinter einem gewaltigen Blumenbouquet. „Eileen, bist Du es?“ Nadja kann sich das Lachen nicht verkneifen. Der Prosecco wirkt langsam. „Schön, dass es geklappt hat!“

„Ist ja nur einmal über die Straße.“ Eileen lächelt gewinnend, ungekünstelt, herzlich. Sie wirkt trotz dieser ganzen russischen Aufmachung erstaunlich natürlich, fast kindlich, denkt Nadja.

„Dein Mann ist bei Konstantin geblieben?“

„Nein, der ist gerade in Deutschland. Aber wir haben seit zwei Wochen eine Maid.“

„Ehrlich?“ Nadja zieht die Stirn hoch. „Bei euch im Haus?“„Ja, ganz klassisch. Sie stammt aus Manila.“ Eileen streckt Nadja nun lächelnd die Blumen entgegen.

„Wow, welch‘ üppiger Strauß. Kennst Du die anderen aus unserem Compound schon?“

„Inja treffe ich manchmal auf der Straße. Sie ist dann eigentlich immer gerade auf dem Sprung und unter Zeitdruck. Wirkt zumindest jedes Mal so gehetzt, dass ich ihr kein Gespräch aufdrängen mag.“

Nadja nickt, passt.

Während sie sich den Flur entlang arbeiten, dreht sich Eileen zu Nadja um. „Arbeitest Du auch?“

„Housewife – not allowed to work. So steht es in meinem Pass.“ Nadja grinst.

Inja steht in der Türöffnung zur Küche und zieht die Augenbrauen hoch. „Also, mir würde die Decke auf den Kopf fallen. A propos Decke, das ist ja mutig, wie Du das Haus eingerichtet hast. So orientalisch. Sehr gewagt. Gefällt mir.“

„Das hat mir wirklich auch sehr viel Spaß gemacht. Ich mein das Einrichten. Alles wohnlich zu gestalten – damit sich alle wohl und zu Hause fühlen.“

Injas Blick verfängt sich in dem halben Meter überschüssigen Vorhang im Ornamentmuster, der auf den kalten Bodenfließen Wellen schlägt und schaut dann auf gestapelte Umzugskartons in der Wohnzimmerecke. „Du musst mal zu uns kommen, wir haben es ganz puristisch gehalten. Allein dieser Kontrast bringt eine arabische Villa ganz besonders zur Geltung.“

Nadja mustert Inja von Kopf bis Fuß. Und wartet ab. Lässt sacken. „Machst Du beruflich etwas mit Design?“

„Ich mache ganz viel Verschiedenes. Was mach‘ ich eigentlich nicht?“ Sie lacht gekünstelt. „Momentan kaufe ich Stoffe für Kinderkollektionen ein. Der Job flog mir zu, die brauchten eine Europäerin, die weiß, wo und wie der Hase läuft.“

Na, guck mal, jetzt hast Du es endlich ausspucken können. „Wie schön, dass sie scheinbar die Richtige gefunden haben.“ Sie erinnert mich an Bobby Brown und ist wahrscheinlich auch ähnlich erfolgreich. Augenblicklich fühlt sich Nadja klein und unbedeutend. Sie hält Ausschau nach Jasper. Wie hält es so ein stiller Mann neben dieser lauten, präsenten Frau aus? Oder braucht ein Stiller den lauten Gegenspieler? Brauche ich nicht auch Henny? Vermutlich bringt Jasper den wahren Erfolg nach Hause. So wird es sein. Nadja lächelt zufrieden und stellt sich neben Henny, um dem Gespräch zwischen Jasper und ihm zuzuhören.

Das Wohnzimmer füllt sich. Nina ist mit ihrem Mann Jochen aus den Arabian Ranches ‚angereist‘ und schleppt jetzt eine große Sporttasche ins Haus. Fin flitzt nach oben. „Halt. Nimm deine Schlafsachen gleich mit!“ Fin kehrt auf der Treppe um und lässt sich, gespielt genervt, die Tasche vor die Füße stellen. Jochen nimmt Nadja in den Arm. „Gut siehst Du aus. Wie immer. Mirdif scheint Dich nicht altern zu lassen.“

Nadja verzieht das Gesicht zu einem gequälten Grinsen.

„Sag mal, ist es okay, wenn ein Geschäftsfreund von mir mit seiner Frau später vorbeikommt? Das hat sich kurzfristig ergeben. Der muss mich dringend sprechen… ich wollte euch natürlich nicht absagen.“

„Kein Problem.“

Nina steht hinter Jochen und winkt mit einer Champagnerflasche. „Für Dich!“

„Der einzige Champagner heute! Ich sag es lieber gleich – bei uns hat es nur zu Prosecco gereicht. Und die stell ich sicher. Für einen gemeinsamen After-Golf-Abend mit Dir.“

„Ach, willst Du doch noch weiterspielen?“

Nadja zuckt mit den Schultern.

Bevor sie sich noch in Erklärungen verheddern kann, betritt Rebecca in einem Salwar Kameez den Wohnbereich. Ihre Lederriemchen-Sandalen klackern auf den Steinfliesen. „Warst wieder in Karama shoppen?“, platzt es aus Nina heraus. Sie mustert Rebecca von Kopf bis Fuß.

„Wieso? Ist doch gar keine copied hand-bag dabei. Oder wofür ist Karama gleich noch bekannt?“ Nadja nimmt Rebecca in den Arm. „Steht Dir super.“

Inja schnappt die Wortfetzen auf und steuert auf die Kleingruppe zu. Rebecca lächelt, schaut geheimnisvoll von Nina zu Nadja, neigt sich leicht vornüber und legt dabei die Handflächen vor der Brust aneinander: „Namasté!“

Und Stefan ergänzt, „und das ist erst der Anfang.“

„Lass mich raten, Stefan. Du hast Dich jetzt auch für einen Yoga-Kurs angemeldet.“ Nina kichert.

Stefan verzieht das Gesicht. „Hä? Nein, mit mir hat das erst einmal überhaupt nichts zu tun. Ich bin nur ihr Mann.“

Rebecca wartet auf einen Moment der Stille und eröffnet: „Ich habe Neuigkeiten!“

„Du hast Nina und mir auch so eine bezaubernde, verzaubernde Tunika mit passender Hose und Schal aus dem Little India Dubais mitgebracht.“ Nadja hakt sich bei Rebecca ein und befühlt mit der anderen Hand den Stoff, der sich mit einer goldenen Abschlusskante um Rebeccas Handgelenk legt.

Rebecca kommt wieder nicht zu Wort. Ein für alle Beteiligten unbekanntes, offensichtliches Fotomodel betritt die provisorische Bühne der Selbstdarstellungen. „Hello, good evening, I’m Zula“, kommt es aus dem wohlgeformten Mund einer Frau, die ihre langen Antilopenbeine gekonnt bewegt. Eine gewellte braune Mähne rahmt ein makelloses, milchkaffeebraunes Gesicht mit hohen Wangenknochen. Die einsetzende Stille erinnert Henny daran, dass er die JBL-Box noch nicht verbunden hat, vergisst darüber den Paradiesvogel und nimmt zwei Stufen gleichzeitig nach oben ins Arbeitszimmer. Keiner der Anwesenden kann das exotische Model oder den ihr folgenden, leicht untersetzten Mann zuordnen. „Hi Jochen!“, dröhnt der laut ins Wohnzimmer und scheint zumindest damit seine Frau zu übertreffen. Jochen eilt herbei. Sie umarmen sich und schlagen sich wie alte Kumpels auf die Schultern.

Diesen Geschäftskontakt muss er später noch einmal genauer erklären, denkt Nadja und hält nach Nina Ausschau, die gerade auf Zula zudrängelt.

„Hi. I’m Nina. Jochen’s wife.“

Schneeweiße Zähne blitzen und Zula zieht Nina an sich. Nadja schluckt, ich will nicht von einer Wildfremden in den Arm genommen werden, nur weil ich zufällig Gastgeberin bin.

Inja nimmt sich vom Tablett ein Glas Prosecco und prostet in die versammelte Gesellschaft ein fröhliches „auf einen schönen gemeinsamen Abend!“ Rebecca kneift kurz die Lippen aufeinander und flüstert dann Nadja zu: „Unsere Auftritte kommen auch noch. ‚Je später der Abend‘ und-so-weiter – weißt Du doch.“

Nadja stammelt, „nein, vielen Dank, ich möchte gar keinen!“

Rebeccas Augen blitzen. „Ich hätte da aber noch ein kleines Announcement zu machen“.

Langsam zieht Nadja eine Augenbraue hoch.

Rebecca legt einen Finger auf ihren Mund. „Wenn Nina sich da drüben aus der High-Society gelöst hat.“

Eileen huscht in weißer Karottenjeans mit Strass-besetztem Gürtel an Nadjas Seite. „Muss man die irgendwoher kennen?“

„Aus Funk und Fernsehen, meinst Du?“ Nadja kichert und beobachtet Zulas Gehabe. „Ich kenne sie jedenfalls nicht.“ Sie schielt auf Eileens Glas. „Aperol-Spritz? Gute Idee. Rebecca, Du auch einen Aperol?“

Rebecca prüft ihr halbleeres Prosecco-Glas, nickt, rückt weiter auf und bleibt neben Eileen stehen. „Was so ein bisschen Aufmachung bewirkt, oder?“

Inja schnappt sich ein weiteres Glas Prosecco, steuert auf Zula zu und streckt es ihr entgegen: „Herzlich Willkommen in Mirdif!“

Mit gekonntem Wimpernaufschlag mustert Zula Inja von Kopf bis Fuß. „Ihr wohnt hier also. Interessant. Authentisch.“

„Nein!“ Vehement wiederholt Inja, „nein, nein. Wir wohnen da drüben.“ Und zeigt demonstrativ mit ausgetrecktem Arm auf die beleuchtete Villa, die sich durch die Fensterfassade in voller Pracht zeigt. „Ich mache Dich aber gern mit den Gastgebern bekannt.“

Zula winkt mit der Hand ab und fährt fort, „es scheint ein eher älterer Stadtteil zu sein, in dem ihr hier wohnt. Kannte ich noch gar nicht.“

„Möglich. Vor allem ist man schnell am Flughafen. Wir jetten viel hin und her.“

Rebecca winkt Nina zu sich heran. „Mit wem macht Jochen denn Geschäfte, sag mal?“

Etwas unbeholfen dreht sich Nina zur Seite, zuckt mit den Schultern und rempelt versehentlich Abigail an, die einen überfüllten Teller vom Buffet vor sich her balanciert. „Oh, Entschuldigung!“

Abigail lacht. „Alles an Ort und Stelle, also auf dem Teller geblieben.“

Nach einem flüchtigen Blick darauf ruft Nina Rebecca zu: „Guck mal, wenn das keine ayurvedische Kost ist!“

Rebecca streckt ihren Hals.

Abigail hält ihr den Teller hin. „Ich hole mir gern einen neuen.“

Schnell zieht Rebecca ihren Kopf wieder ein. „Oh, Gott, so hab ich das nicht gemeint.“ Sie sieht sich im Wohnzimmer um. „Im Stehen sollte man aber nicht essen.“

„Deshalb gehe ich auf die Terrasse. Da gibt es Stühle.“

Mit einer schnellen Handbewegung verdeckt Rebecca ihre Augen. „Ich bin heute kein Kommunikationstalent. Ich hatte überlegt, wenn ich mir jetzt auch einen Teller holen würde…“

Abigail unterbricht, „dann könntest Du mit mir zusammen auf die Terrasse kommen, die noch keiner entdeckt zu haben scheint.“

Rebecca streckt einen Daumen in die Höhe. „Bin gleich da.“

Abigail öffnet die Glasschiebetür zur Terrasse. Angenehme, milde Luft strömt ihr entgegen. Der Mondschein macht es offensichtlich: die Hitze des Tages ist erst einmal wieder geschafft. Anfang Oktober. Schon bald beginnt die schönste Jahreszeit. Grillen zirpen und die Flugzeuge haben sich wenigstens für diesen Moment verflüchtigt. Der beleuchtete Pool strahlt ruhig. Keine tobenden Kinder mehr, nur noch das sich brechende Licht auf dem türkisgrünen Wasser. Die Kerzen ringherum wirken verloren, verbreiten wenigstens punktuell harmonisches Licht und täuschen an den Stellen darüber hinweg, dass alles zubetoniert ist. Nichts mehr mit Wüste. Abigail setzt sich auf einen Terrassenstuhl, stellt ihren Teller auf die Balustrade, große Pflanzen in Kübeln, vielleicht sogar Palmen, rings um den Pool. Hm. Ich werde Nadja mal darauf ansprechen, was sie von der Idee hält.

Mit Nina im Schlepptau betritt Rebecca die Terrasse. „Das ist doch schön hier! Idyllisch! Nadja klingt immer so besorgt.“

„Ich glaube, das braucht sie nicht.“ Abigail nimmt ihren Teller wieder auf ihren Schoß. „Wir werden hier eine gute Nachbarschaft abgeben. Aber ich kann sie gut verstehen. Mir ging es nicht anders.“

„Von der guten Nachbarschaft bin ich überzeugt!“ Nina setzt sich auf eine Gartenbank. „Und welche Sorgen hatten Dich getrieben, Abigail?“

„Wir kennen einige Expats, die in ihren Communities in den Golfstaaten ein Leben wie in Kanada führen. Nur noch das Klima macht den Unterschied aus.“ Abigail lächelt. „Wir waren daher wild entschlossen, alles anzunehmen, uns vollständig in die neue Kultur zu integrieren, wenn wir schon so eine Chance bekommen.“

Nina unterbricht sie, „und jetzt gibt es keinen Zweifel mehr: ihr werdet euch verdammt gut verstehen!“

Rebecca nickt. „Und was hatte Dich beunruhigt?“

Abigail räuspert sich. „Wir wohnten vorher in Sharjah. Für vier Jahre. In einem Compound mit drei weiteren Familien. Ein schönes Compound. Auch mit einem Pool. Ganz ähnlich wie hier.“ Ihr Blick schweift über den Hof. „Und unser Integrationsprojekt ist dort gescheitert. Wir, mein Mann, unsere Zwillinge und ich, sind nun einmal westlich geprägt. Und das lässt sich nicht so einfach abschütteln. Meine Töchter hätten einen Burkini am Pool anziehen müssen. Plötzlich, quasi von einen Tag auf den anderen, als sie sich zu entwickeln begannen. Um keine bösen Blicke aus der Nachbarschaft auf sich zu ziehen, sind sie stattdessen nicht mehr in den Pool gegangen.“

Rebecca nickt. „Verstehe.“