Gestreifte Socken - Angelina Steinbach - E-Book

Gestreifte Socken E-Book

Angelina Steinbach

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Beschreibung

Erwachsen werden ist schwer. Erst recht, wenn sich dein bester Freund in dich verliebt. Vielleicht verliebst du dich auch in ihn, denn verlieben ist einfach. Doch was passiert danach? Was ist, wenn ihr unterschiedliche Pläne habt? Was ist, wenn das Leben neue Möglichkeiten aufwirft? Wirst du sie ergreifen? Wirst du alles aufs Spiel setzen?

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für meine Eltern.

Denen ich alles zu verdanken habe.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Teil: 5

Kapitel 1

Teil: 12

Kapitel 2

Teil: 16

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Teil: 18

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Teil: 19

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Teil: 21

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Teil: 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Teil: 25

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Teil: 26

Kapitel 43

Epilog

Vorwort

Hallo lieber Leser,

statt Vorwort sollte hier wohl besser Vorwarnung stehen.

Ich möchte darauf hinweisen, dass beim Lesen der folgenden Geschichte möglicherweise Verwirrung aufkommen könnte. Die Sache mit den Namen ist jedoch Absicht und kein Fehler. Es wird zu gegebenem Zeitpunkt in der Geschichte erklärt. Wer genug Ausdauer beweist, wird das Geheimnis im ersten Drittel des Buches lüften.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

Angelina Steinbach

Prolog

Liebe. Was ist Liebe? Liebe ist ein Gefühl. Das Gefühl ein federleichter Ballon zu sein, der über den Dächern der Stadt schwebt. Das Gefühl ein hundert Jahre alter Baum zu sein, der seine Wurzeln metertief in der Erde verankert hat. Das Gefühl der ersten Sonnenstrahlen nach einem grauen Winter. Das Gefühl der Erleichterung, wenn man im letzten Moment noch eine Lösung findet. Das alles ist Liebe. Ein romantischer Gedanke, nicht wahr?

Aber seien wir ehrlich: Die Liebe ist ein Fluch. Ein lästiger, hässlicher, unbrechbarer und absolut lebenszerstörender Fluch.

Denkst du jetzt: »Was soll das denn werden? Habe ich mir das Buch nicht wegen einer herzerwärmenden Liebesgeschichte gekauft? Mit Zynismus kann ich nichts anfangen…«

Nun ja, lieber Leser. Es tut mir leid dich enttäuschen zu müssen. Die Liebe ist scheiße und ich werde es dir auf diesen Seiten in deiner Hand beweisen. Lass dich überraschen.

»Oh Mann…« Seufzend klappe ich den Laptop zu. »Ich drehe völlig am Rad. So sollte es nicht rauskommen.«

Und wieso spreche ich eigentlich mit mir selbst in voller Lautstärke? Ich sehe mich im Raum um, als könnte mich jemand hören, doch hier ist niemand. Niedergeschlagen betrachte ich den zugeklappten Laptop, auf dem ich gerade den erbärmlichen Versuch gestartet habe ein neues Buch zu schreiben. Der Gedanke lässt mich nicht mehr los.

Seit wann habe ich so eine Einstellung zur Liebe? Haben mich die Ereignisse der letzten Monate so grundlegend verändert? Werde ich nie wieder dieses gutgläubige Mädchen sein? Ich weiß es nicht. Wenn man erstmal so etwas erlebt hat, dann kann man nicht mehr zurück. Man kann nicht mehr vergessen.

Ich starte einen neuen Versuch.

Liebe. Ein Wort, das so viel mehr ist als nur fünf Buchstaben. Wer kann Liebe schon definieren? Ich habe die Liebe gefunden. Ich habe sie verloren. Und als ich dachte, endlich meinen Platz auf der Welt gefunden zu haben, hat mich die Liebe zerstört.

Mein Name ist Evangeline und das ist meine Geschichte.

5

Kapitel 1

»Lilly! Komm schon, es geht gleich los!«

»Jahaa!«

Ich stehe auf und klopfe mir den Sand von meinem rosa Lieblingsrock. Mama schimpft bestimmt, wenn sie erfährt, dass ich mit den frischen Sachen wieder im Sandkasten gespielt habe. Aber ich musste doch meine Burg reparieren. Tristan, der Idiot, hat seinen Fußball direkt rein geschossen. Er hat gesagt, es war keine Absicht, aber ich glaube ihm nicht. Er findet Sandburgen bauen doof. Ich finde Fußball spielen doof.

Tristan ist mein allerbester Freund, aber er ist ein Junge. Und Jungs machen ab einem bestimmten Alter andere Sachen als Mädchen. Das sagt zumindest meine Mama. Und jetzt muss ich den ganzen Nachmittag blöden Jungskram machen. Tristan hat nämlich Geburtstag. Aber ich bin das einzige Mädchen, das eingeladen ist. Ich weiß jetzt schon, dass ich keinen Spaß haben werde. Die Jungs wollen immer Fußball oder Lego spielen.

Ich laufe ganz langsam über den weichen Rasen zu unserem Gartentor. Normalerweise finde ich es gut, dass Tristan direkt neben uns wohnt, aber jetzt wünsche ich mir, der Weg wäre länger.

»Lilly! Jetzt komm endlich!«

Ich strecke Tristan die Zunge raus und fange an zu rennen. Ich bremse nicht ab, sondern schieße wie eine Kanonenkugel direkt auf ihn zu. Es ist ein Spiel zwischen uns. Wer weicht zuerst aus?

»Auuuuu!!« Tristan brüllt mir ins Ohr, als unsere Körper zusammenknallen. Wie immer ist keiner ausgewichen und wir rollen ineinander verknotet über den Rasen. Ich fange heftig an zu lachen. Auch wenn mein Arm von dem Aufprall weh tut, bereue ich es nicht. »Wieso gibst du nie nach, Tristan?« Er schaut mich mit großen Augen an und jetzt muss auch er lachen. »Na, was denkst du denn? Ich will doch nicht gegen ein Mädchen verlieren. Schon gar nicht gegen eins, das erst so alt ist!« Er streckt fünf Finger vor sein Gesicht, springt auf und sprintet in Richtung Haus.

»Hey! Ich bin auch ganz bald schon sechs!« Doch er hört mir nicht mehr zu. Seufzend stehe ich auf und sehe dabei, dass mein Lieblingsrock jetzt auch noch grüne Grasflecken abbekommen hat. Das gibt Ärger. Langsam folge ich Tristan in sein Haus und kleistere mir mein entzückendes Lächeln ins Gesicht, wie es Mama immer nennt. Wenn man als einziges Mädchen unter den Jungs nicht untergehen will, dann muss man denen von Anfang an zeigen, wie stark man ist. Deshalb mache ich mich ganz groß und gehe rein.

Tristan sitzt im Wohnzimmer auf dem Boden und zwei andere Jungs neben ihm. Den einen Jungen kenne ich. Er hat blonde Haare, die ihm kerzengerade vom Kopf abstehen und ist vor Kurzem in unsere Nachbarschaft gezogen. Ich glaube, er heißt Joshua. Während mir Joshua zulächelt und dabei seinen fehlenden Schneidezahn demonstriert, zieht der andere Junge eine Flunsch und stößt dabei ein »Ihh, was will die denn hier?« aus. Obwohl ich ihn gerade zum ersten Mal gesehen habe, beschließe ich, dass er ein Doofkopf ist. Er hat feuerrote Haare und ihm läuft Rotz aus der Nase.

»Warum lädst du denn ein Mädchen zu deinem Geburtstag ein? Die sind doch alle blöd!«

Ich werde sauer. Was denkt der sich eigentlich? Weil ich noch nie das zurückhaltende Mädchen war, das sich meine Oma so sehr wünscht, gehe ich schnell auf den Pumuckel zu und boxe ihm ohne nachzudenken in den Bauch. Er stößt ein lautes Keuchen aus. Ha, das hat gesessen! »Ich feier hier Geburtstag! Und wenn dir das nicht passt, dann zeige ich dir, dass mein Fuß noch viel mehr weh tun kann als meine Faust.« Sowas Ähnliches habe ich schon im Fernsehen gehört.

Er schaut mich mit großen Augen an und ich kann sehen, dass seine Unterlippe anfängt zu zittern. Was ist das bloß für ein Weichei? Da hat sich Tristan ja einen schönen Freund eingeladen. Ich sehe zu Tristan und will ihm schon ein triumphierendes Lächeln zuwerfen, als mein Blick auf Joshua fällt, der sich gerade vor Lachen auf den Boden wirft.

»Mann, Lilly. Du bist keine fünf Minuten da und schon verprügelst du meine Gäste! Man merkt, dass du noch zu jung bist.« Schlagartig vergeht mir mein Lächeln und ich starre Tristan böse an. Warum sagt er sowas? Er hat sich noch nie auf eine andere Seite geschlagen.

Jetzt fängt auch meine Unterlippe an zu zittern und ich mache auf dem Absatz kehrt und renne Richtung Zuhause. So redet der nicht mit mir!

Eine Viertelstunde später sitze ich immer noch Zuhause und warte darauf, dass sich Tristan entschuldigen kommt.

Eine Stunde später hat er sich noch nicht gemeldet.

Nach zwei Stunden kann ich ihn und die anderen Jungs von meinem Fenster aus im Garten Fußball spielen sehen. So ein Blödmann!

Ich will nicht mehr zusehen, wie er Spaß hat und gehe nach unten, um meine Mama zu fragen, ob ich fernsehen darf. Sie sitzt mit meinem älteren Bruder Elias auf dem Sofa und spielt gegen ihn Moorhuhn Kart. Ich denke, ich habe die coolste Mama auf der ganzen Welt, weil sie uns nicht nur erlaubt Videospiele zu spielen, sondern auch selbst mitmacht.

Als sie meine Schritte hört, dreht sie sich mit einem Lächeln zu mir um. »Na Eva? Hast du aufgehört zu schmollen und gehst wieder rüber?« Was für eine doofe Frage ist das denn? Ich hab schließlich nichts falsch gemacht und habe allen Grund zum Schmollen!

»Nein, das mache ich ganz bestimmt nicht! Kann ich bei euch mitspielen?« Hoffnungsvoll schaue ich meine Mama an. Doch ich habe meine Frage kaum ausgesprochen, da zuckt mein Bruder zusammen und steht blitzschnell auf, während er anfängt loszubrüllen: »NEIN! Eva macht immer alles kaputt. Sie darf nicht mitspielen, jetzt bin ich dran!« Er funkelt mich böse an und ich weiß, dass ich einen Streit jetzt nicht gewinnen werde. Ich habe meinen Bruder wirklich lieb…wenn ich ihn nicht gerade hasse. Ich werfe ihm ebenfalls einen bösen Blick zu und gehe beleidigt in die Küche. Dort schnappe ich mir ein Trinkpäckchen und verziehe mich zurück auf mein Zimmer. Da angekommen sammle ich alle Decken ein, die ich finden kann und hole mir aus Papas Büro zwei Stühle. Ich bin froh, dass sie Rollen haben, sonst könnte ich sie nicht in mein Zimmer bekommen. Ich stelle die Stühle mit den Rücken zueinander und schiebe sie ein Stück weg. Dann nehme ich die Decken und werfe sie über die Lehnen. Die Kissen von meinem Bett werfe ich auf den Boden unter den Decken. Schnell noch eine Taschenlampe und mein Lieblingskuscheltier und schon bin ich in meiner kleinen Höhle verschwunden.

Mit Schlappi, meinem alten und halb kopflosen Kuschelhasen, im Arm fühle ich mich gleich besser. Ich fange an, ihm von dem blöden Pumuckel Jungen zu erzählen. Von Tristan, der ein Doofmann ist, und von Elias, der bestimmt als Baby mit meinem echten Bruder vertauscht wurde.

Irgendwann muss ich dann eingeschlafen sein, denn als Mama in mein Zimmer kommt, schrecke ich hoch. »Nicht reinkommen!«, rufe ich ihr noch zu, aber sie hat die Decke, die mein Höhleneingang ist, schon hochgehoben. »Du hast Besuch«, sagt sie zu mir. »Darf er raufkommen?« Sie lächelt mich mit diesem Mama-Lächeln an. Dieses Lächeln, wenn ich was angestellt habe, worüber sie nur lachen kann. Obwohl ich immer noch beleidigt bin, will ich schwer hoffen, dass es Tristan ist, der sich entschuldigen kommen will. Daher nicke ich meiner Mama zu und beobachte, wie sie wieder nach unten geht. Ich lasse meinen Höhlenvorhang wieder fallen und warte.

Kurz darauf höre ich, wie jemand in mein Zimmer kommt. »Lilly? Bist du da drin?« Es ist Tristan. Na endlich. »Ja bin ich. Du darfst rein«, sage ich zu ihm.

Er hebt die Decke hoch und krabbelt zu mir. Dann setzt er sich im Schneidersitz direkt gegenüber. Einen langen Moment schauen wir uns beide an und warten darauf, dass einer etwas sagt. Eine Ewigkeit geht um. Nichts passiert. Inzwischen sehen wir beide auf unsere Füße und ich bemerke, dass Tristan wie immer gestreifte Socken an hat. Das ist so eine Macke von ihm. Wenn seine Socken keine Streifen haben, dann will er sie nicht anziehen. Ich habe ihn mal gefragt, warum das so ist und er hat mir erklärt, dass es doch gemein wäre, wenn er alle Socken anziehen würde als gäbe es da keine Unterschiede. Schließlich ist man sonst auch immer wählerisch. Warum dann nicht auch bei seinen Socken?

Tristan bemerkt mein Lächeln. Vielleicht erinnert er sich auch gerade an das Sockengespräch. Er atmet tief ein und hebt seinen Kopf. Ich schaue ihm wieder in die Augen und warte.

»Es tut mir leid, Lilly. Das vorhin war gemein von mir. Ich hätte am liebsten genau wie Joshua laut gelacht, aber ich wollte nicht, dass Marius beleidigt ist. Weißt du, er hat ein ferngesteuertes Auto und hat versprochen, dass ich mal damit spielen darf.« Mein Herz sinkt mir in die Hose. Ich habe kein cooles Spielzeug mit dem ich Tristan beeindrucken kann.

»Aber weißt du was? Marius ist ein Doofmann. Er hat den ganzen Nachmittag nicht aufgehört sich darüber zu beschweren, dass du ihn geboxt hast. Irgendwann hat es mir dann gereicht und ich hab ihm gesagt, dass ich sein blödes Auto nicht brauche und ihn erst recht nicht. Du bist tausendmal cooler als der.« Ich höre ihm ganz still zu. Langsam ziehen sich meine Mundwinkel nach oben. Tristan schaut noch einmal auf seine Füße und sagt dann mit lauter Stimme: »Lilly, du bist meine gestreifte Socke. Wenn ich dich hab, dann brauch ich keine anderen Socken mehr. Ich werd immer dich nehmen.«

Mein Grinsen wird breiter und nun stecke ich auch Tristan damit an. Ich muss nichts mehr sagen. Mein allerbester Freund ist wieder da und alles ist gut.

12

Kapitel 2

Ich liege bäuchlings auf meinem Bett und lese. Allerdings sind die Abenteuer von Hanni und Nanni nicht annähernd spannend genug, um mich von meiner Langeweile abzulenken. Wieder blicke ich auf meinen Wecker, der auf dem Nachttisch steht. Es ist halb drei, also noch eine halbe Stunde bis wir losfahren, um Tristan vom Bus abzuholen. Gott, war das eine lange Woche ohne ihn. Nur weil sich unsere Schule als Sportschule beschreit, werden die drei größten sportlichen AGs immer kurz vor den Sommerferien in ein extra Ferienlager geschickt. Und da Tristan schon seit zwei Jahren in der Fußballmannschaft ist und ich so gar keine Lust auf eine Sportart habe, sind wir in dieser Woche immer getrennt. Eigentlich wäre das kein Problem, wenn nicht die Hälfte unserer Klasse mit ihm gefahren wäre. Die zwei Wochen nach den Zeugniskonferenzen sind sooo langweilig. An anderen Schulen gibt es Projektwochen oder Ähnliches…und bei uns diese blöde Sportfreizeit.

Ich fühle mich diskriminiert! Diskriminiert, ein Wort, das ich in letzter Zeit gern verwende. Die Lese- und Schreib AG fährt schließlich auch nirgendwohin, genauso wenig wie die Theatergruppe oder andere künstlerische Vereine. Zumindest nicht von der Schule organisiert. Einfach unfair! Genervt werfe ich mein Buch aufs Kissen und rapple mich auf. Ich nehme mir ein Haargummi, das auf meiner Kommode rumliegt und binde mir einen Zopf.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer komme ich an Elias Zimmer vorbei, das aussieht als hätte eine Bombe eingeschlagen. Er ist mit der Basketball AG ebenfalls auf der Schulfahrt und hat wie immer zu spät angefangen zu packen. Nicht dass sein Zimmer sonst aufgeräumt wäre… Jedes Mal, wenn ihn Mama deswegen anfährt, geraten die beiden in einen lautstarken Streit, der damit endet, dass Elias seine Zimmertür hinter sich zuknallt. Ich habe Mama und Papa schon oft dabei belauscht, wie sie nach einem Streit darüber gesprochen haben.

»Er ist fünfzehn und mitten in der Pubertät, natürlich ist er störrisch!«, argumentiert Papa dann immer. Ich finde es ein bisschen ärgerlich, dass sich Papa ständig auf Elias Seite stellt. Als ich meinem Bruder das einmal vorgeworfen habe, hat er mich angeschnauzt, dass Mama dafür immer auf meiner Seite sei. Seitdem versuche ich darauf zu achten, ob das wirklich stimmt, aber bisher kam ich noch zu keinem eindeutigen Ergebnis. Seit Elias dreizehn ist, hat er keine Lust mehr mit mir und Tristan zu spielen. Er sagt, dass er als Teenager nicht mehr mit Kindern rumhängen kann, weil das uncool ist. In einem Jahr bin ich auch ein Teenager, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich so viel anders anfühlt als jetzt.

Als ich im Wohnzimmer ankomme, finde ich meine Eltern auf der Couch vor. Im Fernsehen läuft eine Wiederholung von Dirty Dancing. Och nee. Meine Mama fährt voll auf Patrick Swayze ab, was ich echt überhaupt nicht verstehen kann. Der sieht doch aus, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Und wer nennt seine Freundin schon „Baby“? Das ist so…ach ich weiß auch nicht.

»Mama, bist du fertig? Wir fahren doch gleich!«

Papa antwortet an ihrer Stelle. »Eva-Maus, es ist noch nicht mal zwanzig vor, zur Schule sind es gerade mal zehn Minuten und der Bus kommt erst gegen halb vier an.« Er schüttelt den Kopf über meine Angespanntheit.

»Ach lass sie doch. Es ist doch süß, wie sehr sie ihren großen Bruder vermisst«, erwidert Mama. Ich werfe ihr einen entsetzten Blick zu, woraufhin sie in Gelächter ausbricht.

»Mann, Mama!« Frustriert werfe ich die Arme in die Höhe und gehe in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Als ich zurückkomme, ertönt gerade Hungry Eyes aus den Lautsprechern. Oh Gott, diese Szene ist so peinlich und jetzt werde ich garantiert auch noch einen Ohrwurm davon bekommen. Ganz toll. »Ruf mich, wenn’s losgeht«, weise ich meine Mama an und verziehe mich wieder in mein Zimmer.

Eine Dreiviertelstunde später stehen wir mit Tristans Mama, Conny, auf dem Parkplatz und warten auf die Busse. Mit uns warten noch weitere Eltern und Schüler auf die Ankömmlinge. Ich sehe allerdings niemanden, den ich kenne.

»Lars hatte also auch keine Lust mitzukommen?«, fragt meine Mutter Conny.

»Richtig. Diese Faulpelze stehen nicht mal auf, um ihre Söhne abzuholen!« In gespielter Entrüstung schlägt sie ihre rechte Hand auf die Brust. Die Geste lässt mich kichern, denn sie erinnert mich so sehr an Tristan. Er kommt definitiv mehr nach ihr. Er hat ihre dunklen Haare und braunen Augen geerbt, doch die Größe hat er von Lars, denn Tristan hat seine Mutter schon vor einem halben Jahr eingeholt und so wie er in die Höhe schießt ist er noch lange nicht am Ende angekommen. Conny und Lars sind für mich schon zu sowas wie Zweiteltern geworden und genauso behandeln sie mich auch. Wo Eltern von anderen Freunden vielleicht ein Auge zudrücken würden, haben die beiden keine Scheu mich genauso für einen Fehler zu schelten, wie sie es bei Tristan tun. Auf der anderen Seite handhaben es meine Eltern auch so mit ihm. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob es gut ist, von vier Elternteilen überwacht zu werden.

»Conny, kann ich nachher zu euch kommen?«, wende ich mich an sie. Meine „beiden“ Mütter starren mich mit halb geöffnetem Mund an, so dass ich mich schon frage, ob ich was zwischen den Zähnen habe. Meine Mama streckt ihre Hand aus und legt sie mir an die Stirn. »Was ist los, Eva? Hast du Fieber?«

Ich drücke ihre Hand weg und schaue sie verwirrt an. »Nein, hab ich nicht. Warum guckt ihr so komisch?« Mein Blick wandert zwischen den beiden hin und her. Es ist Conny, die mir antwortet.

»Seit wann fragst du, ob du kommen kannst? Normalerweise lauft ihr ohne anzuklopfen durch die Tür.«

Die beiden werfen sich einen amüsierten Blick zu und fallen in einstimmiges Gelächter ein. Ich stöhne genervt auf und entferne mich von ihnen, was sie nur noch lauter lachen lässt. Glücklicherweise fährt in diesem Moment der erste Bus um die Ecke. Zwei weitere folgen ihm und parken in den dafür vorgesehenen Buchten. Gespannt warte ich auf die aussteigenden Leute. Der erste Bus ist der von den Leichtathleten, also völlig uninteressant. Aus dem zweiten strömen die Basketballer, also muss der letzte Bus von den Fußballern sein. Ich quetsche mich an den aufgeregten Schülern und wartenden Eltern vorbei. Es dauert nicht lange, bis ich außer Ellenbogen nichts mehr sehen kann. Ich will schwer hoffen, dass ich auch noch nicht am Ende meiner Körpergröße angekommen bin. Genervt schiebe ich mich Stück für Stück voran.

»Na wenn das mal nicht mein liebes Schwesterchen ist.«

Zwei Arme schließen sich um meine Mitte und heben mich ein paar Zentimeter vom Boden hoch. Ich quietsche erschrocken auf.

»Elias, lass mich runter!«

Er setzt mich ab und ich drehe mich zu ihm um. Auf seinem Gesicht steht ein strahlendes Lächeln. Er scheint sich wohl wirklich zu freuen mich zu sehen. Erstaunlicherweise hat er mir auch ein kleines bisschen gefehlt, also schlinge ich meine Arme um seine Taille und drücke meinen Kopf an seine Brust. »Schön, dass du wieder da bist«, nuschle ich in sein T-Shirt. Er drückt mich noch einmal an sich und schiebt mich dann auf Armeslänge von sich. »So, jetzt hau schon ab, die Fußballer sind in dem Bus dahinten.« Ich grinse ihn an und gehe zum letzten Bus, aus welchem das Gepäck gerade an die umstehenden Schüler verteilt wird.

Ich kann Tristan allerdings nirgendwo entdecken. Ein anderes vertrautes Gesicht schiebt sich jedoch aus der Menge. »Hey Eva!«, grüßt mich Joshua. Obwohl er in unserer Straße wohnt, habe ich mit ihm kaum etwas zu tun. Tristan hängt manchmal mit ihm und den anderen Jungs vom Fußball rum, aber da er in der Parallelklasse ist, hat er seine eigene Clique.

»Hey Josh, hast du zufällig Tristan gesehen?«

Er wirft mir einen amüsierten Blick zu und nickt. »Ja, er hatte es ziemlich eilig und ist da lang.« Er zeigt mit seinem Finger in Richtung Parkplätze, wo ich gerade herkomme. Verflucht nochmal! »Alles klar, danke!«, rufe ich und schon bin ich über alle Berge.

Als die vertrauten Gesichter von meiner Mama und Conny vor mir auftauchen, sehe ich, dass sie inzwischen von zwei weiteren Gestalten Gesellschaft bekommen haben. Eine davon ist Elias, der sich seine neongrüne Sporttasche über die Schulter geworfen hat. Die andere Person, die gerade vor der kleinen Gruppe zum Stehen kommt, ist Tristan. Er lehnt sich nach vorne und umarmt seine Mutter. Als er sich von ihr löst, um meine Mutter in die Arme zu schließen, schieße ich wie eine Rakete auf ihn zu.

»Tristaaan!«

Beim Klang meiner Stimme dreht er sich abrupt um. Seine Augen blicken suchend in die Menge und als sie mich entdecken, breitet sich ein Strahlen auf seinen Zügen aus, das ein Spiegelbild meines eigenen Gesichtes ist. Er lässt unsere Mütter links liegen und rennt mir entgegen. Anstatt jedoch wie früher gegeneinander zu knallen, werfe ich mich in seine ausgebreiteten Arme, die er sofort um mich schließt. Wir lösen uns lachend voneinander. »Ich hab dich vermisst«, sagt er und mir wird ganz warm ums Herz. »Ich dich auch!«

Zwei Stunden später sitzen wir mit seinen Eltern am Esstisch und beenden das Abendessen. Seit einer halben Stunde schaut Tristan im Fünfminutentakt auf die Uhr, was mich vollkommen nervös macht. Als er es schon wieder tut, trete ich ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein. Er stößt ein erschrockenes Keuchen aus und sieht mich vorwurfsvoll an.

»Au!«

»Was ist denn los mit dir?«, will ich wissen. Conny und Lars werfen uns einen neugierigen Blick zu, erheben sich allerdings schweigend und beginnen den Tisch abzuräumen. Ein betretener Ausdruck tritt auf sein Gesicht.

»Ich bin irgendwie noch mit den Jungs auf dem Platz verabredet…«

Enttäuschung durchflutet mich.

»Irgendwie?«

Er streicht sich nervös durch die Haare. »Ja…wir haben da noch eine Rechnung offen.« Ach, so ein Dreck.

»Okay, dann komme ich eben mit.«

Meine Antwort überrascht uns beide. Ich hab mich nie für Fußball interessiert und deshalb auch wenig Begeisterung für seine Mannschaft gezeigt. Aber bevor er mich hier mit meiner Langeweile alleine lässt, gehe ich doch lieber mit.

Zwanzig Minuten später laufen wir über die rote Tartanbahn auf das Spielfeld zu. Vor dem Tor stehen die anderen Jungs schon in kleinen Grüppchen beieinander. Als wir zu ihnen treten, löst sich Joshua aus der Masse und klopft Tristan zur Begrüßung auf die Schulter.

»Mann, Chris, du lässt ganz schön auf dich warten.« Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: »Aber immerhin hast du einen Cheerleader mitgebracht.«

Ich boxe ihm gegen den Arm, woraufhin er lachend zurück zur Gruppe geht. Ich lasse mich im Schneidersitz am Spielfeldrand nieder und signalisiere Tristan, dass er sein Ding machen soll. Er zögert noch einen Augenblick, geht dann aber zu den anderen. Es vergehen keine zwei Minuten bis die Teams zusammengestellt sind und das Spiel beginnt. Ich glaube, ich schaffe es ganze zehn Minuten dem Treiben zu folgen, bis es mir zu langweilig wird. Ich greife in meine rechte Hosentasche und ziehe ein kleines, gelbes, eiförmiges Gerät heraus. Mal sehen, ob mein kleiner Tamagotchie etwas zu essen braucht. Zu meiner Enttäuschung leider nicht. Dann werde ich eben auf ganz altmodische Art und Weise in die Wolken schauen. Dazu lege ich mich auf den Rücken und starre in den Himmel. Irgendwann muss ich wohl eingedöst sein, denn ich bemerke leider zu spät, wie sich eine Handvoll Jungs kichernd über mich beugt.

»Hey, was tust du da?«

»Ist dir etwa so langweilig?«

»Eva, wach auf, wir brauchen einen Schiedsrichter.«

Sie reden so wirr durcheinander, dass ich Probleme habe die Stimmen den Gesichtern zuzuordnen. Ich konzentriere mich auf Joshs bekanntes Gesicht. Er streckt mir seine Hand entgegen. Ich ergreife sie und er zieht mich auf die Beine.

»Was soll ich tun?« Ich muss ein Gähnen unterdrücken. Wir laufen auf das Tor zu, um das sich die restlichen Jungs versammelt haben.

»Wir schießen Elfmeter und du sollst aufpassen, dass keiner schummelt«, sagt einer der Jungs, der sich über mich gebeugt hat.

Sein Gesicht kommt mir vage bekannt vor. Ich glaube, er ist mit Tristan befreundet. Wie war noch sein Name? Irgendwas mit M…Marcel? Martin?

»Alles klar«, erkläre ich schläfrig.

»Und bloß nicht parteiisch sein, nur weil du Chris beste Freundin bist«, wirft Joshua ein.

»Das würde sie nie tun!« Tristan, der gerade den Ball vor sich abgelegt hat, zwinkert mir verschwörerisch zu. Ich erwidere es mit einem Grinsen.

Tatsächlich habe ich nicht wirklich eine Funktion als Schiedsrichter. Außer, dass der Ball nicht am richtigen Punkt liegen könnte, gibt es ja wohl kaum was falsch zu machen. Dummerweise kommen die beiden Teams auch dadurch nicht zu einem Ergebnis, denn es bleibt unentschieden, egal wie oft sie schießen. Ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass es schon halb neun ist. In einer halben Stunde muss ich Zuhause sein.

»So Jungs, das wird mir jetzt zu blöd. Ich geh Heim«, verkünde ich.

»Ich komme mit«, bietet Tristan sofort an. Einstimmiger Widerspruch ertönt.

»Och Eva, sei doch keine Spielverderberin!«

»Chris, du kannst doch jetzt nicht kurz vor dem Sieg abhauen!«

Einer buht uns sogar aus. Also echt mal. Der Typ von vorhin wirft mir einen spöttischen Blick zu. »Dann mach du es doch besser.«

Er sieht mich herausfordernd an und schaut demonstrativ vom Tor zu mir. Gelächter ertönt. Gruppenzwang ist schon ein seltsames Phänomen.

»Na schön, gib mir den Ball!«

Tristan starrt mich mit offenem Mund an und schüttelt kaum wahrnehmbar den Kopf. Na vielen Dank auch. Ein bisschen mehr Vertrauen von meinem besten Freund wäre schön. Ich kann mich nicht zurückhalten und strecke ihm die Zunge raus, was er mit einem schiefen Lächeln kommentiert. Ich nehme den Ball von dem Jungen entgegen und lege ihn auf die Markierung. Wie schwer kann das schon sein? Ich atme dreimal tief durch und dann schieße ich einfach. Der Ball fliegt nach links, aber der Torwart hechtet nach rechts und der Ball landet im Netz. Das einzige Geräusch, das ich höre, ist mein eigener Atem. Zwanzig Augenpaare starren mich fassungslos an. Joshua und Tristan brechen in grölenden Jubel aus, während die anderen noch in ihrer Schockstarre festhängen. Der vorlaute Kerl fängt sich als erster wieder.

»Das war ein Glückstreffer! Mach das nochmal, aber diesmal gehe ich ins Tor!«

Ich taxiere seine grünen Augen und nicke, den Mund zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Mir kommt eine Idee. Unauffällig schlüpfe ich aus der Ferse meines weißen Sneakers. Als wir beide bereit sind, gehe ich ein paar Schritte zurück und laufe auf den Ball zu. Kurz bevor ich nach ihm trete, schleudere ich stattdessen meinen Schuh in Richtung der rechten Ecke. Danach trete ich mit aller Kraft den Ball in die linke Ecke. Ich beobachte, wie der Ball dem Tor entgegenfliegt und es funktioniert tatsächlich! Der Junge sprintet meinem Schuh hinterher. Nur Millisekunden bevor der Ball das Netz erreicht, bemerkt er seinen Fehler. Jubelnd reiße ich meine Hände in die Höhe. Die anderen stürmen auf mich zu und feiern mein Manöver. Der Protest des Torwarts geht dabei unter. Marvin. Das ist sein Name.

Tristan drängelt sich nach vorne und gibt mir ein doppeltes High Five. »Du bist die coolste beste Freundin der Welt!« Ich strahle ihn an. In diesem Moment fühle ich mich unbesiegbar.

16

Kapitel 3

»Tuuut…tuuuut…Der gewünschte Gesprächspartner ist vorrübergehend nicht zu erreichen. The person you’ve called is temporary not available.«

Na toll. Immer noch nichts. Wütend lege ich auf und werfe das Telefon auf mein Bett. Heute ist mein sechszehnter Geburtstag und in zwanzig Minuten fängt meine Party an und keine Spur von meinem angeblich besten Freund. Der beste Freund, der versprochen hat eine Stunde vorher da zu sein, um mir bei den letzten Vorbereitungen im Keller zu helfen. Der beste Freund, der ganz genau weiß, wie sehr ich Verspätungen hasse. Der beste Freund, der nur verfluchte zwanzig Meter von mir entfernt wohnt!

Frustriert stapfe ich die Stufen runter ins Wohnzimmer und laufe dabei Elias in die Arme.

»Hoo, hoo, ruhig Brauner! Was ist denn mit dir los? Solltest du nicht girly-mäßig vor dem Spiegel stehen und deine Frisur prüfen? Schließlich ist heute deine Sweet-Sixteen-Party.« Ohja, das hat mir zu meinem Glück noch gefehlt. Mein Bruder wirft lachend den Kopf in den Nacken und klimpert affektiert mit den Wimpern, um mich zu ärgern.

»Verzieh dich, Elias. Du hast versprochen, dass du dich während der Party nicht blicken lässt – also Bye Bye.« Zur Verdeutlichung weise ich mit meiner Hand Richtung Haustür.

Am liebsten würde ich meinem großen Bruder das dümmliche Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Wären da nicht meine frisch lackierten Nägel würde ich der Versuchung vielleicht sogar nachgeben. Stattdessen schnappe ich mir den Ärmel seines blauen Pullovers und zerre ihn hinter mir her. Unterwegs greife ich noch schnell seine Jacke, werfe sie ihm über den Kopf, schubse ihn aus der Tür und schlage diese mit einem befriedigenden Knall vor seiner Nase zu. Es dauert keine zwei Sekunden, da klopft es an der Tür. Mit einem dezent aggressiven Unterton in der Stimme blaffe ich ihm ein »Was ist denn noch?!« entgegen.

»Ich brauche mein Handy und meine Schlüssel.« Er drängt sich an mir vorbei zurück ins Haus, dreht sich jedoch noch einmal um und fügt hinzu: »Achja und das versprochene Bestechungsgeld für meine Abwesenheit.« Er zwinkert mir zu und verschwindet in sein Zimmer, um vermutlich sein Handy zu holen. Seufzend ziehe ich den Fünfziger aus meiner hinteren Hosentasche. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn er das vergessen hätte. Mach’s gut Geburtstagsgeld von Oma und Opa.

Meine Eltern haben mir die Party während ihres Urlaubs nur unter der Bedingung erlaubt, dass Elias dabei ist und aufpasst. Er ist schließlich schon neunzehn und damit verantwortungsbewusst. Haha, dass ich nicht lache. Mein Bruder und verantwortungsbewusst. Meine Eltern waren keine zehn Minuten aus der Tür raus, da schlug er mir das mit dem Bestechungsgeld vor. Ich wäre natürlich blöd, wenn ich das nicht annehmen würde. Keiner meiner Freunde hatte bisher eine Party ohne Anstandswauwau veranstalten dürfen. Apropos Freunde – Hilfe in 15 Minuten sollte es losgehen. Ich lege den Fünfziger auf den Schlüsseltisch neben der Tür und beeile mich noch einmal alles im Keller zu kontrollieren. Auf meinem Weg runter kann ich es mir nicht verkneifen Elias erneut Beine zu machen.

»Elias das Geld liegt auf dem Tischchen und jetzt hau ab!«

Ich höre ein Lachen aus der Richtung seines Zimmers und bin mir fast sicher, dass er so etwas wie »Diese Teenager…« sagt. Pah! Als wäre er keiner mehr. Aber darum kann ich mir jetzt keine Gedanken machen.

Ich schalte das Licht an und begutachte mein Werk. Unser Kellerraum ist nicht groß, aber da meine Eltern hier unten selbst immer ihre Geburtstage feiern, haben sie den Raum dementsprechend eingerichtet. Auf der rechten Seite steht eine kleine Theke für den Getränkeausschank. Leider sind alle alkoholischen Getränke in einem abgeschlossenen Schrankteil aufbewahrt. Deshalb befinden sich nun eine große Schale Fruchtbowle und diverse Softdrinks auf der Ablage. Ich konnte es mir jedoch nicht verkneifen heute Morgen in den Supermarkt zu gehen und mit meinem brandneuen Ausweis ein paar Flaschen Bier und Sekt zu kaufen. Schließlich darf ich das jetzt ganz offiziell tun.

Neben der Theke befinden sich zwei Bierzeltgarnituren, die ich mit einer Wagenladung Tüll, Heliumballons und Konfetti dekoriert habe. In der Mitte des Raumes ist genug freier Platz, um diesen als Tanzfläche zu nutzen. Da mein Vater einen Faible für Technik hat, ist es mein Glück, dass der Raum mit einer super Soundanlage und sogar einer Lichtmaschine ausgestattet ist.

Auf der linken Seite stehen noch unsere alten Sofas rum, die sich in der Ecke aber gut als Chill-Bereich machen. Ich habe die freien Wände noch mit einer Masse an Kissen ausgestattet, so dass man es sich auch gut und gerne auf dem Boden bequem machen kann. Ein nervöses und zugleich aufgeregtes Kribbeln durchfährt mich beim Anblick des Raumes. Ich hoffe die Party wird ein Erfolg. Sonst kann ich mich womöglich nirgendwo mehr blicken lassen. Vermutlich hätte ich in der Schule nicht so prahlen und meine ganze Klasse zu meinem Geburtstag einladen sollen – aber hey, man muss es ausnutzen, dass man das ganze Haus für sich hat.

Ich hebe meinen linken Arm und schaue auf meine brandneue Armbanduhr, die ich von Elias heute früh geschenkt bekommen habe. Ich bin selbst überrascht, dass er meinen Geschmack jedes Mal so gut trifft. Vielleicht haben wir doch mehr gemeinsam als ich dachte.

Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, als es an der Tür klingelt. Ich sprinte die Treppen hoch, quer durchs Wohnzimmer und mache mich bereit Tristan den Marsch zu blasen, weil er viel zu spät kommt. Als ich die Tür aufreiße, muss ich den Wortschwall allerdings herunterschlucken, denn es ist nicht Tristan, der vor der Tür steht, sondern zwei meiner Klassenkameradinnen. Luisa und Jenny. Es überrascht mich nicht, dass die beiden zuerst da sind, aber so langsam mache ich mir wirklich Sorgen, warum Tristan noch nicht aufgetaucht ist. Dennoch versuche ich die ganz entspannte Gastgeberin zu mimen und bitte die beiden herein.

»Happy Birthday, Eva!«

Beide strahlen mich an und umarmen mich nacheinander. Jenny drückt mir ein schweres viereckiges Geschenk in die Hand.

»Das ist von uns beiden. Hoffentlich hast du es noch nicht.«

Es fühlt sich stark nach einem Buch an und ich muss mich beherrschen, um nicht vor Neugier das Papier abzureißen. Ich bin ein totaler Film-, Serien- aber vor allem Buch-Junkie, weshalb ich mich immer über neuen Stoff freue. Ich bedanke mich bei den beiden und führe sie in den Partykeller. Das Geschenk lege ich dabei auf eine der Bierbänke, wo ich mich nachher noch mit befassen werde, denn in diesem Augenblick klingelt es schon wieder.

»Ich gehe kurz die Tür aufmachen und ihr fühlt euch wie Zuhause!« Die beiden nicken und ich kann mich noch im letzten Moment daran erinnern die Musik anzuschalten bevor ich die Treppen wieder aufsteige.

So geht das eine ganze Weile, bis so gut wie alle Gäste eingetroffen sind. Mittlerweile sind es um die dreißig Leute und immer noch keine Spur von Tristan. Ich mache mir inzwischen ernsthafte Sorgen, denn auch ein erneuter Anrufversuch schlägt fehl. Wenn er in zwanzig Minuten noch nicht da ist, dann gehe ich rüber und schaue bei ihm Zuhause nach.

Ich begleite meinen eben eingetroffenen Gast, Marvin, den ich durch Tristans Mannschaft kennengelernt habe, hinunter in den Keller und zeige ihm, wo er alles finden kann. Zufrieden stelle ich fest, dass sich alle zu amüsieren scheinen. Keiner sitzt auf dem Trockenen und es gibt sogar ein paar Mutige, die sich schon ans Tanzen gemacht haben. Der Rest hat sich auf die Sofas und die Bänke verteilt. Ich beschließe, dass es an der Zeit ist, die Musik etwas mehr aufzudrehen und mit der Lichtanlage anzugeben. Wie erwartet, bekomme ich begeisterte Zurufe, als sich das Licht im Raum rhythmisch zum Takt der Musik verändert.

Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd, als ich mich zu einer Gruppe an den Tischen setze. Lächelnd lasse ich mich neben Jenny fallen und schnappe mir das noch immer bereit liegende Geschenk von ihr und Luisa. Erwartungsvoll sehen die beiden zu, wie ich in Rekordgeschwindigkeit das Geschenkpapier in Fetzen reiße und die einzelnen Schnipsel achtlos zu Boden gleiten lasse.

»Oh mein Gott! Ist das der neue Band?! Ich hab gar nicht mitbekommen, dass der schon draußen ist!«

Ich werfe den beiden einen strahlenden Blick aus großen runden Augen zu und fahre andächtig über die glatte Oberfläche des Buches in meinen Händen.

»Ja, das ist der Neuste«, erwidert Luisa. »Hast du gewusst, dass sie die Bücher jetzt auch als Serie verfilmen wollen? Bisher sind es nur Gerüchte, aber ich bin jetzt schon ganz krank vor Aufregung!«

Jenny an ihrer Seite nickt eifrig und ihre Augen werden glasig, als sie sich den wahrgewordenen Traum einer Game of Thrones Verfilmung vorstellt.

»Wirklich? Wie cool ist das denn?! Hoffentlich casten sie anständige Leute. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Jon Schnee hässlich ist.«

Und schon stürzen wir uns in eine Debatte über unsere Lieblingscharaktere, beste Szenen und schockierendsten Tode aus der Geschichte.

Als ich mich gerade zu einer Gegenargumentation wappnen will, tippt mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehe mich um und blicke in Marvins grinsendes Gesicht.

»Erweist mir das Geburtstagskind die Ehre und tanzt mit mir?«

Ohh…ehhh…tja. Ich blicke in seine erwartungsvollen Augen und presse ein paar Worte heraus.

»A-aber sicher.«

Unsicher nehme ich seine ausgestreckte Hand und folge ihm auf die Tanzfläche. Immer noch mit den Gedanken bei Mord und Totschlag, fällt es mir schwer mich auf die neue Situation zu konzentrieren. Marvins Finger liegen wie selbstverständlich in meiner Hand, aber es fühlt sich für mich eher wie ein Fremdkörper an, anstatt einer menschlichen Berührung. Blitzartig schießen mir alle möglichen Szenarien durch den Kopf – bis ich mich mit einem Ruck in die Realität zurückhole und mir sage, dass er und ich schließlich Freunde sind. Und Freunde können unverfänglich miteinander tanzen.

Ich habe mich mit Marvin immer gut verstanden. Naja, mal abgesehen von unserer ersten Begegnung. Wir teilen den gleichen Humor und man kann nicht bestreiten, dass er gut aussieht mit seinen blonden Haaren und den meergrünen Augen. Allerdings könnte Marvin nie mehr als ein Freund für mich sein.

Meine Handflächen fangen vor Unbehagen an schwitzig zu werden. Zu allem Überfluss setzt in diesem Moment ein langsamer Song ein. Verflucht sei meine zu gut durchdachte Playlist! Von wegen man sollte einen guten Mix aus schnellen und langsamen Liedern haben. Jetzt habe ich den Salat.

Er zieht mich auf die Tanzfläche und schließt seine Arme um meine Mitte. Zögerlich lege ich meine um seinen Hals. Das geht mir viel zu schnell und ich fühle mich unwohl so eng an ihn geschmiegt zu sein. Marvin neigt sich zu mir herunter und ich kann seinen warmen Atem in meinem Nacken spüren.

»Es scheint, als wäre heute mein Glückstag.«

Ich halte die Luft an und mein Körper verkrampft sich.

»Weißt du, Eva, ich mag dich wirklich sehr. Könntest du dir vorstellen, mal mit mir auszugehen?«

Oh nein. Bitte, bitte nur das nicht. Mir schießen eine Millionen Gedanken durch den Kopf. Ich könnte an Ort und Stelle einfach umfallen und eine Ohnmacht vortäuschen. Nein, vermutlich ist das keine gute Idee. Dann würde ein Krankenwagen kommen, meine Eltern würden davon erfahren, Elias müsste erklären warum er nicht da war und was sonst noch passieren würde. Ein Hustenanfall? Ja, ich könnte anfangen zu husten, oder? Doch Tristan hat mir mal gesagt, dass ich aussehe wie ein sterbender Elch, wenn ich krank bin, also sollte ich das wohl auch besser lassen. Oh Gott, was mache ich nur? Inzwischen hat Marvin aufgehört mich hin und her zu wiegen und sieht mich abwartend an.

»Eva?«

Ich merke an seinem Tonfall, dass er unruhig wird. Anscheinend ziehen wir mehr Aufmerksamkeit auf uns als mir lieb ist, denn ich spüre diverse Blicke auf mir. Ich merke, wie mir das Blut in die Wangen strömt. Vermutlich sehe ich schon aus wie eine überreife Tomate. Himmel, bitte ich, schick mir einen Ritter auf seinem blöden Gaul, der mich rettet!

Und in diesem Moment…als hätte jemand zugehört und wüsste selbst nicht was zu tun ist…passiert absolut nichts. Die Musik spielt weiter, ich habe das Gefühl von tausend Seiten beobachtet zu werden und keiner erscheint zu meiner Rettung.

Angestrengt versuche ich meine Stimme wiederzufinden. Nach einem langen Räuspern bringe ich gerade ein leises Krächzen hervor. »Ehmm…Marvin…also weißt du…ich und du…und…also…«

Ich sehe die Enttäuschung in seinem Blick, er weiß genau, dass ich ihm jetzt einen Korb geben werde. Ich ertrage es kaum ihm in die Augen zu sehen. Bevor ich jedoch weitersprechen kann, beugt er sich blitzschnell nach vorne und tut etwas Unverzeihliches.

Er küsst mich. Er KÜSST mich! Ich kann seine warmen, feuchten Lippen auf meinem Mund spüren, wie sie versuchen mir eine Reaktion zu entlocken. Als ich mich nicht bewege, wird er drängender. Ich spüre, wie er versucht seine Zunge durch meine zusammengepressten Lippen zu drücken. In dem Moment macht es Klick bei mir und mich durchfährt eine ungeahnte Wut.

Ich lasse seine Zunge meine Lippen passieren, nur um im gleichen Moment schon draufzubeißen. Das erzielt die gewünschte Wirkung. Er löst sich mit einem Schmerzensschrei von mir und sieht mich entgeistert an. Meine Stimme bebt vor Zorn, meine Hände sind zu Fäusten geballt. Ich muss mich beherrschen ihm nicht ins Gesicht zu schlagen.

»Tickst du noch ganz richtig?! Ich will, dass du sofort verschwindest!«

Mit diesen Worten stoße ich ihn von mir weg, um mich aus seinen Armen zu befreien. Das verräterische Brennen in meinen Augen ist ein Zeichen dafür, dass ich meine Tränen nicht länger zurückhalten kann.

Ich muss hier raus. Fieberhaft versuche ich meine Orientierung zurückzugewinnen und entdecke am anderen Ende des Raumes die Kellertreppe.

Und da steht Tristan.

Er steht auf der Treppe wie festgefroren und sieht mich direkt an. In seinen Augen spiegeln sich so viele Emotionen, die ich nicht einordnen kann – Wut, Schock, Trauer aber vor allem kann ich in seinem Blick Enttäuschung sehen. Ich will nicht länger über sein absolut mieses Timing und seinen irritierenden Gesichtsausdruck nachdenken und bahne mir meinen Weg zu ihm durch die Menge. Als ich ihn erreicht habe, bleibe ich nicht einen Moment stehen sondern steige schnurstracks die Treppe nach oben. Im Wohnzimmer angekommen, mache ich mich auf den Weg nach draußen – ich brauche dringend frische Luft.

Im Garten angekommen setze ich mich unter unseren Baum. Es ist ein Apfelbaum, auf dem Tristan und ich als Kinder immer gespielt haben. Wir haben sogar mal versucht ein Baumhaus darauf zu bauen, aber mehr als ein paar querliegende Bretter haben wir nicht zustande gebracht.

Es ist ein friedlicher Platz und genau das kann ich jetzt gebrauchen. Wie konnte der Tag, auf den ich mich so lange gefreut habe nur so schnell in die Hose gehen? Während ich den starken Baumstamm in meinem Rücken und das Gras unter meinen Beinen spüren kann, kommt mir die ganze Situation so fremd vor. Meine Gedanken schweifen ab, während ich einen unbestimmten Punkt im Gras fixiere.

Ich wundere mich nicht, als ich kurze Zeit später Schritte über den weichen Rasen kommen höre. Ich muss nicht aufblicken, um zu erkennen, dass es Tristan ist, der sich jetzt neben mir niederlässt. Nach all den Jahren, würde ich meinen besten Freund an jedem noch so kleinen Geräusch wiedererkennen. Noch dazu an seinem unverkennbaren Geruch. Zu seinem dreizehnten Geburtstag habe ich ihm ein Männerparfum geschenkt, da er nun alt genug dafür war. Seitdem trägt er es jeden Tag und hat sich vermutlich schon etliche Flaschen davon nachgekauft. Es riecht sehr frisch, wie frisch aufgeschnittene Zitronen. Doch gleichzeitig ist da eine süßliche Note, die einem erst nach einiger Zeit auffällt. Erst wenn man den Zitrusduft so gut kennt, dass man ihn nicht mehr wahrnimmt, dann merkt man, dass da noch eine weitere Note verborgen ist. Dieser Geruch ist mir schon so unendlich vertraut, dass er sich wie Zuhause anfühlt. Und das ist er. Tristan ist mein Zuhause.

Kapitel 4

Ich schniefe und wische mir mit dem Handrücken die Tränen von der Wange. Als ich aufsehe, bemerke ich, dass er mich beobachtet.

»Du Arsch« ist das Einzige, das ich in dieser Sekunde von mir geben kann. Er blickt mich erstaunt an und ganz langsam sehe ich, wie sich ein Lächeln auf seinen Zügen ausbreitet.

»Ich bin also der Arsch? Kaum lässt man dich fünf Minuten alleine, schon knutschst du mit dem nächstbesten Fußballer herum.«

Ich höre zwar seine spöttischen Worte, doch in seinen Augen liegt ein Schmerz, den ich nicht verstehe.

»Natürlich bist du der Arsch«, entgegne ich. »Wärst du pünktlich gekommen, wie du es versprochen hast, dann wäre es niemals so weit gekommen! Wo warst du Tristan? Wie konntest du zulassen, dass Marvin…. dass er…« Meine Stimme bricht und wird durch die neu aufkommenden Tränen erstickt. Ich versuche die Fassung zurückzuerlangen. Ich muss es einfach aussprechen. »Er hat ihn mir genommen, Tristan. Er hat mir meinen ersten Kuss genommen und das war falsch. Er war nicht für ihn. Es fühlte sich nicht richtig an.«

Tristan sagt nichts. Er sieht mich nur an und ich kann sehen, wie sich die Gedanken in seinem Kopf drehen. Langsam hebt er seinen Arm und legt ihn um meine Schultern. Dann zieht er mich an seine Brust. Ich kann sein Kinn auf meinem Kopf spüren. Es fühlt sich gut an, so von ihm gehalten zu werden. Ich schlinge meine Arme um seine Taille und drücke ihn noch fester an mich. Ein unkontrolliertes Schluchzen entspringt meiner Kehle. Er fängt an, mir mit seiner Hand über den Rücken zu streichen. Ganz leise murmelt er dabei immer wieder die gleichen Worte. »Ich weiß, das war nicht richtig.«

Es braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich wieder beruhigt habe und bereit bin, mich aus seinen Armen zu lösen. Wir beide sitzen reglos nebeneinander und warten darauf, dass der andere etwas sagt. Mit einem Mal dämmert mir, dass ich ja noch Gäste in meinem Partykeller habe. »Oh Gott, ich muss zurück! Die ganzen Leute!«

Erschrocken stehe ich auf und beginne meine Klamotten glatt zu streichen. Ich will gar nicht wissen, wie mein Gesicht aussieht nachdem die Niagara-Fälle aufgehört haben zu fließen. Tristan erhebt sich ebenfalls. Er hat noch immer nichts gesagt. Mir wird die Situation zusehends unangenehmer und ich mache mich daran zurück zum Haus zu gehen. Im Flur checke ich kurz mein Make-Up und bin ehrlich überrascht, wie intakt es noch ist. Diese wasserfeste Mascara sollte einen Preis gewinnen. Wäre eine viel sinnvollere Verleihung als an irgendwelchen Kram, den sowieso niemand braucht.

Einmal tief ein und wieder ausgeatmet und dann setze ich einen Fuß vor den anderen die Treppe hinunter. Die Party scheint immer noch in vollem Gange zu sein. Irgendjemand muss wohl die Nebelmaschine entdeckt haben, denn der Raum ist so zugequalmt, dass man die einzelnen Gesichter der Gäste nur schlecht ausmachen kann. Kaum bin ich am Fuß der Treppe angekommen, umfasst mich eine schwere Hand um den Oberarm. Mein Blick folgt der Hand bis zum Gesicht ihres Besitzers, nur um mit Entsetzen festzustellen, dass es Marvin ist, der mich da festhält.

»Was willst du denn noch hier? Hab ich dir nicht gesagt, dass du verschwinden sollst?!«, fauche ich ihn an. Er sieht fürchterlich aus. Seine Augenbrauen sind qualvoll zusammengezogen und seine Augen weit aufgerissen.

»Eva, es tut mir leid…Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Bitte, können wir kurz darüber reden? Irgendwo, wo wir ungestört sind. Ich verspreche auch, dass ich nichts mehr versuchen werde.« Er sieht mich fast flehentlich an und zieht langsam die Hand von mir zurück. Es versetzt mir einen Stich ins Herz ihn so reumütig zu sehen. Ich gebe mir einen Ruck und mit einem Nicken bedeute ich ihm mir zu folgen. Es gibt noch einen Nebenraum im Kellergeschoss und darauf steuere ich zu. Ich merke, dass Marvin dicht hinter mir geht und bevor wir durch die Tür sind sehe ich mich noch einmal im Raum um. Keiner scheint meine Abwesenheit bemerkt zu haben. Es scheint auch niemanden zu kümmern, dass ich dabei bin mit Marvin in einer Abstellkammer zu verschwinden.

Doch einer zieht meinen Blick auf sich – Tristan. Er ist mir von draußen gefolgt und sieht Marvin und mir hinterher. Kaum merklich schüttelt er den Kopf, doch ich tue so als hätte ich es nicht gesehen und wende mich wieder der Tür zu. Ich halte sie Marvin auf und betrete nach ihm die Kammer. Die Tür verschließe ich hinter uns. Der Raum ist nicht groß – ungefähr 4m2 an dessen Wänden sich Regale mit sämtlichem technischen Equipment befinden. Ich sehe Marvin auffordernd an und warte, dass er das Wort ergreift. Er räuspert sich.

»Also hör zu Eva, es tut mir leid, dass ich dich einfach so überrumpelt habe. Ich bin schon seit einer Ewigkeit in dich verknallt. Seit dem Tag an dem du mich beim Elfmeterschießen platt gemacht hast. Ich weiß, dass du nicht das Gleiche für mich empfindest. Ich habe es in deinen Augen gesehen, als ich dich um ein Date gebeten habe. Ich konnte die nächsten Sekunden förmlich vor meinen Augen abspielen sehen. Ich wusste, dass meine Chance danach endgültig vorbei war und das wollte ich nicht. Ich wollte wenigstens alles versucht haben und das war dann die Kurzschlussreaktion. Nachdem mir Chris gesagt hat, was er heute Abend mit dir vorhat, habe ich einfach Panik bekommen, dass ich niemals mehr die Gelegenheit haben würde dir zu sagen, wie gern ich dich habe. Es tut mir leid. Du hast alles Recht der Welt mich jetzt zu hassen – aber ich hoffe du tust es nicht.«

Er ist ganz außer Atem, als er den letzten Satz noch mit verbliebener Luft raus presst. Es muss ihn viel Überwindung gekostet haben mir das zu sagen und das respektiere ich.

»Ich danke dir, dass du ehrlich zu mir bist. Es war trotzdem nicht in Ordnung von dir mich einfach so zu überfallen.« Dass er mir meinen ersten Kuss geraubt hat, erzähle ich ihm lieber nicht. Vermutlich würde das sein schlechtes Gewissen nur noch bestärken.

»Ich hasse dich natürlich nicht, aber ich hoffe du verstehst, dass ich dich jetzt erstmal nicht mehr sehen möchte, bis etwas Gras über die Sache gewachsen ist.«

Etwas geknickt über meine Worte, lässt er den Kopf hängen, nickt aber verständnisvoll. Er will sich gerade auf den Weg zur Tür machen, als ich ihn mit der Hand auf der Brust zurückhalte. »Eine Sache wäre da aber noch…« Er sieht mich abwartend an. Hoffnung scheint in ihm zu keimen und es bricht mir das Herz, dass ich sie mit meinen nächsten Worten ersticken werde. »Was hast du damit gemeint, als du sagtest, Tristan hätte heute Abend etwas mit mir vor?«

Verwirrung spiegelt sich in seinem Blick. Er setzt zur Sprache an, besinnt sich aber eines Besseren und klappt den Mund wieder zu. Dabei sieht er aus wie ein nach Luft schnappender Karpfen. Was will er mir nicht sagen? Was hatte Tristan vor? War er deswegen zu spät? Hat er ein ausgefallenes Geburtstagsgeschenk für mich geplant? Aber warum sollte das Marvin in Panik versetzen? Ich verstehe es nicht. Bittend schaue ich zu ihm und warte auf eine Antwort. Die Minuten ziehen sich ewig dahin, bis er schließlich einen Entschluss fasst. Es ruckt durch seinen Körper, er strafft die Schultern und sieht mich geradeheraus an.

»Ich war heute Abend ein beschissener Freund. Sowohl für dich als auch für Chris. Ich hätte das nicht sagen sollen. Es ist Chris Sache und er sollte mit dir darüber sprechen, nicht ich. Rede einfach mit ihm. Ich werde jetzt gehen. Es tut mir leid, Eva. Bis bald ... hoffentlich.«

Mit diesen Worten verabschiedet er sich und ist ohne ein weiteres Wort durch die Tür verschwunden. In meinem Kopf schwirren die Gedanken und ich bin verwirrter denn je. Es gibt nur eine Person mit der ich jetzt reden möchte und ich mache mich auf den Weg sie zu finden.

Kaum durch die Tür getreten empfängt mich die johlende Menge. Luisa, die ansonsten immer eher zurückhaltend ist, drückt sich eine halb leere Sektflasche gegen die Brust und fängt bei meinem Anblick an „Happy Birthday“ zu singen. Mehr oder weniger synchron steigen die anderen in das Geburtstagslied ein und grölen mir, während ich versuche die Treppe zu erreichen, von allen Seiten ihre Glückwünsche entgegen.

Ich kann jetzt keinen klaren Gedanken fassen. Ich konnte Tristan auf dem Weg durch die tanzende und singende Meute nirgendwo entdecken. Ist er vielleicht nach Hause gegangen? Was ist heute Abend nur los? Ich komme mir vor wie in einem Teenie-Film. Eilig steige ich die Treppen nach oben. Im Wohnzimmer pralle ich dann fast mit meinem Bruder zusammen.

»Elias? Was zum Teufel tust du denn hier?« Elias starrt mich einen Moment lang erschrocken an, bis er die Fassung wiedererlangt und sein erstauntes Gesicht einem wütenden weicht. Oh oh.

»Was ICH hier tue?! Was tust DU denn hier? Ich habe draußen gewartet, weil ich Chris mit seinem…« Er stockt, sammelt sich kurz und setzt erneut an. »Vergiss es. Jedenfalls wollte ich nachsehen wo er bleibt und bin reingekommen um zu schauen, ob alles in Ordnung bei euch ist, als er mir mit einem ganz merkwürdigen Gesichtsausdruck entgegen kam. Auf die Frage, wo du steckst hat er dann nur geantwortet „Mit einem Arschloch in der Besenkammer“ und ist in Richtung Garten abgedampft. Kannst du mir mal erklären, was er damit gemeint hat? Was hast du mit einem Halbstarken im Schrank verloren? Du bist gerade mal 16 geworden! Ich dachte, ich könnte dir hier mit allem vertrauen, aber da hab ich mich wohl in dir getäuscht.«

Das ist alles zu viel. Kann dieser beschissene Tag bitte endlich vorbei gehen? Ich habe keine Zeit, Elias die Situation zu erklären, denn ich will nur noch zu Tristan. Ich verstehe nicht, was die ganze Sache soll und will Antworten von ihm. Doch so schnell werde ich meinen Dickkopf von Bruder wohl nicht los. Sein wütender Blick lastet wie eine Bleiweste auf meinen Schultern. »Okay, Elias pass auf. Es ist nicht so, wie du jetzt denkst. Ich muss dringend mit Tristan sprechen. Ich verspreche, dass ich dir nachher alles erkläre. Bitte tu mir nur einen Gefallen und kümmer dich um die Leute da unten. Und bitte, bitte blamier mich dabei nicht. Du kannst mir vertrauen und das weißt du auch. Also lass mich jetzt einfach rüber gehen.«

Flehend sehe ich zu ihm hoch und hoffe, dass er einmal über seinen Schatten springt und nicht seinen Dickschädel durchsetzt. Ich kann förmlich sehen, wie sich die Rädchen in seinem Kopf drehen. In dem Moment, in dem er sich entscheidet, erkenne ich, dass ich gewonnen habe. Ohne dass er ein Wort sagen muss, setze ich mich in Bewegung, rufe ihm noch ein »Tausend Dank!« hinterher und bin durch die Tür.

Ich sprinte über den Rasen, kicke dabei meine Schuhe von den Füßen, um schneller vorwärts zu kommen und halte erst vor dem Gartentor an, das Tristans und mein Grundstück voneinander trennt. Mit routiniertem Griff öffne ich es und trete langsam durch das Tor. Ich frage mich, wo ich ihn finden werde. Tristan ist in der Regel nicht der Typ für das dramatische Weglaufen, daher weiß ich nicht, wie ich in so einer Situation reagieren soll. Ich glaube allerdings nicht, dass er auf sein Zimmer gegangen ist. Ich versuche mein Glück hinter dem Haus, wo sich ein kleiner Teich befindet, in dem meine Barbies früher von seinen Actionfiguren vor dem Ertrinken gerettet werden mussten. Tristans Eltern haben den hinteren Teil des Gartens erst vor zwei Jahren neu angelegt, so dass der Teich jetzt viel größer und von einem Kiesweg umrandet ist. An einer Seite haben sie eine wunderschöne weiße Hollywoodschaukel aufgestellt, in die ich mich sofort verliebt habe. Das ist mein absoluter Lieblingsplatz bei ihm Zuhause und das weiß er auch. Daher wundert es mich nicht, dass ich eine schwarze Silhouette auf der Schaukel entdecke.

Sobald meine Füße auf den Kiesweg treffen, durchzuckt mich der Schmerz von spitzen Steinen in meiner Fußsohle. Es war wohl doch nicht die beste Idee meine Schuhe wegzuschleudern. Ich beiße die Zähne zusammen und gehe gradewegs auf ihn zu. Auf halbem Weg bemerkt er mich und hebt den Kopf. Gespannt sieht er zu mir herüber und beobachtet meinen Eiertanz.

Endlich bei ihm angekommen, lasse ich mich neben ihn auf die Schaukel fallen. Keiner von uns sagt ein Wort. Die Sekunden verstreichen wie zähflüssiger Honig, während wir leicht vor und zurück schwingen. Die Stille wird mit jedem Augenblick erdrückender. Nach einigen Minuten des Schweigens seufze ich und fasse mir ein Herz.

»Ich schätze, dieser Geburtstag wird in die Geschichte eingehen als der katastrophalste Tag meines Lebens.« Ich grinse ihm entgegen, doch er erwidert mein Lächeln nicht. Er sieht niedergeschlagen aus.

»Tristan, was ist eigentlich los mit dir? Zuerst kommst du viel zu spät zu meiner Party, was extrem untypisch für dich ist und dann haust du einfach in dem Moment ab, in dem ich dich dringend brauche. Und dann erzählst du auch noch meinem Bruder, dass ich mich in einer Besenkammer mit einem Typen vergnüge.« Ich versuche irgendeine Regung in seinen Augen auszumachen, doch da tut sich nichts. Seine Reglosigkeit macht mich wütend.

»Hallo??«

Ich wedele mit einer Hand vor seinem Gesicht herum. »Ich rede mit dir. Wie wär‘s wenn du auch mal was sagst?«

Irgendetwas scheint in ihm zu arbeiten, aber er will es mir nicht sagen. Ich bin enttäuscht. Es macht wohl keinen Sinn jetzt mit ihm zu reden. Ich mache Anstalten aufzustehen. Da umfasst er mein Handgelenk und zieht mich zurück.

»Warte.«

Ich kann seiner Bitte nicht wiederstehen, also warte ich. Und da wird mir etwas bewusst. Wie ein zweitausend Volt starker Stromschlag durchfährt es mich: Ich warte. Ich sitze in einem Wartezimmer, bei jedem Geräusch hoffend, dass ich die Nächste bin, die aufgerufen wird. Ich habe schon immer gewartet. Mit ungewohnter Klarheit überfällt mich dieser Gedanke. Natürlich habe ich gewartet. Natürlich hat sich Marvins Kuss nicht richtig angefühlt. Es war nicht richtig, denn ich habe nicht auf ihn gewartet. Tristans braune Augen, die mich so verzweifelt ansehen, bringen mir Gewissheit. Ich habe auf ihn gewartet. Tristan, der immer da war. Seit ich denken kann, waren wir zusammen. Er war da, als ich mit zwölf Jahren von unserem Apfelbaum gefallen bin und mir ein Bein gebrochen habe. Er hat mich unterstützt, als mir meine Eltern verboten haben einen Rollerführerschein zu machen. Hat sie solange bequatscht, bis sie Ja gesagt haben.

Dann hat er mir geholfen einen Job zu finden, damit ich genug Geld für den Führerschein auftreiben kann. Hat selbst angefangen dort zu arbeiten, nur um mit mir Zeit zu verbringen. Ist Nächte lang wach geblieben, um mir bei meiner Suche nach einem gebrauchten und bezahlbaren Roller zu helfen. Leider bisher ohne Erfolg, aber das ist egal. Denn er war da und es gibt keinen wichtigen Moment in meinem Leben, den ich ohne ihn erlebt habe. Und es gibt keinen denkbaren Moment, bei dem ich ihn nicht dabei haben will.

Mein Blick gleitet zu seiner Hand, die mich immer noch umfasst. Die Wärme, die sein Körper ausstrahlt, fühlt sich wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling an. Wie konnte ich das denn bisher nicht bemerken? Völlig geschockt von der Entdeckung, die ich eben gemacht habe, verpasse ich fast den Moment, in dem Tristan eine Reaktion zeigt.

Er strafft die Schultern und sieht mir direkt in die Augen. Es kostet mich alle Kraft, die ich habe, um ihm nicht über den Mund zu fahren. Ich habe das unbändige Verlangen ihm meine Gefühle mitzuteilen. Ich sage Tristan immer alles. Es ist ein natürlicher Instinkt ihn an allem teilhaben zu lassen, doch jetzt muss ich mich zurückhalten. Er holt tief Luft und setzt zur Sprache an.

»Lilly. Es tut mir leid, wie ich mich heute verhalten habe. Das hast du nicht verdient, aber ich habe gute Gründe dafür, die ich dir gleich erklären werde. Aber vorher muss ich dir noch etwas sagen.« Seine Atmung wird ganz flach und sein Blick huscht in meinem Gesicht hin und her. Ich ertrage es kaum ihn so aufgelöst zu sehen.

»In den letzten Monaten hat sich etwas für mich verändert. Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll. Und es ist so schwer dir etwas nicht zu sagen. Du bist meine beste Freundin und ich habe solche Angst dich zu verlieren, dass ich es kaum aushalten kann.«