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Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene wird alle drei Jahre verliehen. 17 Autorinnen und Autoren, Preisträger des diesjährigen Wettbewerbs, beschreiben in Erzählungen und Gedichten das Leben der Gefangenen im deutschen Strafvollzug auch unter den gegenwärtigen Coronabedingungen. Die unbekannte und hinter den Mauern versteckte Welt des Gefängnisses gibt dieses Buch in authentischer und eindrücklicher Weise wieder. Texte die anrühren und das Fundament unserer gesellschaftlichen Ordnung hinterfragen.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2022
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© 2022 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-925-5Titel: Gestaltung und Fotografie Ursula JüngstAusstattung: Stefanie ThurKorrektorat: Melanie Oster-Daum
Gewitter hinter Gittern
Texte aus dem deutschen Strafvollzug 2021
Schirmherrschaft Konstantin Wecker
Rhein-Mosel-Verlag
Zum Geleit
Konstantin Wecker Die Poesie, die Kraft der Sprache und die Solidarität können Mauern sprengen
Nie werde ich vergessen, wie ich bei meinem ersten Knast-Aufenthalt das wenige Geld, das ich hatte, für einen Kugelschreiber und ein paar Klopapierrollen ausgegeben hatte. Ich wollte meine Gedichte aufschreiben und Notizblöcke gab es keine. Ich habe meine tiefsten, meine verzweifelten Gedanken auf Klopapier geschrieben.
Ein paar Wochen später dann, im Arbeitsraum, las ein Wärter, der meine Notizen völlig unrechtmäßig an sich genommen hatte, diese intimsten Gedanken unter johlendem Gelächter meinen Mitgefangenen vor.
Ich war den Tränen nah und wollte sie ihm entreißen, was mir drei Tage Bunker einbrachte.
Poesie hatte nicht unbedingt einen hohen Stellenwert in diesem Gefängnis.
Vermutlich in keinem Gefängnis.
Für mich war es lebensnotwendig zu schreiben in meiner Zelle.
Ich war gerade mal 18 Jahre alt und hatte plötzlich so viel Zeit für mich. Zeit, um mir meine Ängste und Sorgen und mein schlechtes Gewissen von der Seele zu schreiben. Und ich durfte erleben, wie mich aus der Tiefe meines Selbst ganz neue Gedanken wie Melodien überfluteten.
Es müsste unendlich viele Schreibkurse geben in den Gefängnissen dieser Welt.
Denn wer schreibt hat die Chance hinter der Realität die Wirklichkeit zu entdecken.
Im Fluss des Schreibens können einem Gedanken begegnen, denen man sich verweigert hat, ja, die man sich sogar verboten hatte, weil es die Gesellschaft so fordert: nicht über das hinaus zu denken, was ihre starren Strukturen ins Wanken bringen könnte.
»Die Kunst ist eine Brutstätte der Anarchie, die Künstler sind Ketzer, Sektierer, gefährliche Aufrührer. Daher muss man, ohne zu zögern, die Kunst verbieten«, schrieb 1962 Ilja Ehrenburg.
Und wir brauchen in diesem so enthemmten Kapitalismus genau diese Brutstätte so dringend und müssen vehement gegen diese Verbote rebellieren.
Lasst uns die Gefängnisse zu Brutstätten der Anarchie machen!
Gerade in einer Welt, in der nicht immer die wirklich Schuldigen inhaftiert werden und so viele Schuldige nie in den Knast kommen, weil sie die besseren Anwälte haben und einfach genug Geld, um sich frei zu kaufen, ist es so wichtig, dass die Gefangenen ihre Stimme erheben. Es ist eine zynische Welt, in der es im Namen des Profites erlaubt ist, Menschen auszubeuten und die Natur und das Klima zu zerstören, aber das Aufbegehren dagegen genauso unter Strafe steht wie das Fahren ohne Fahrschein oder das Essen von Lebensmitteln, die von Unternehmen weggeschmissen werden.
Eingesperrt zu sein heißt auch ins eigene Selbst eintauchen zu können, ein geistiges Erleben, das man vorher vielleicht noch nie hatte. Versteht mich nicht falsch – man muss sich nicht einsperren lassen um neue Horizonte zu sehen! Aber wenn es nun mal passiert ist kann man auch daraus lernen. Über »Die Kunst des Scheiterns« habe ich vor vielen Jahren ein Buch geschrieben und ich weiß, wovon ich spreche, wenn es ums Scheitern geht.
Ich möchte euch aber auch noch eine Leseempfehlung und weitere Motivation zum Schreiben mit auf den Weg hinter und außerhalb von Gefängnismauern geben: Es sind zwei Beispiele wunderbarer Literatur und Reflexion, die zeigen, wie wichtig Poesie, Sprache und Kunst für unser Überleben vor allem unter den extremsten Bedingungen der Unmenschlichkeit sind.
»Wir mussten davon ausgehen, dass wir nicht mehr rauskommen würden, dass uns nur blieb, in Würde zu widerstehen.« 1972 wurde der Schriftsteller und Dramatiker Mauricio Rosencof als Mitbegründer der linken Befreiungsbewegung MLN-Tupamaros in Uruguay verhaftet. Insgesamt 13 Jahre Folter und Gefängnis hat er bis zu seiner Freilassung 1985 überlebt, die meisten davon als »Geisel der Militärdiktatur« in absoluter Isolationshaft, versteckt in den schlimmsten Kerkerverließen in den Kasernen der Armee.
Sein Roman »Der Bataraz« (Der Hahn) – 1995 erstmals auf Deutsch erschienen im Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg – erzählt von der »Zeit, in der nichts passiert« und vom Überleben »in der Phantasie, in der Vorstellungswelt und den Träumen.« In einer Welt, in der im Namen der Menschenrechte gefoltert wird, und in der die sogenannte Zivilisation den Krieg, das Massaker und den Ausnahmezustand längst zum Normalzustand erklärt hat, kann dieses literarische Meisterwerk helfen, die herrschende Realität in keiner Situation, mag sie noch so hoffnungslos erscheinen, zu akzeptieren. »Jahrelang NICHTS, wie sollen wir davon erzählen?« Der Roman »Bataraz« ist die literarische Antwort darauf. Um Mensch zu bleiben, was nur im Widerstehen möglich ist.
In einem großartigen Erinnerungsdialog aus den Kerkern der Militärdiktatur in Uruguay ruft Rosencof darüber hinaus gemeinsam mit seinem Freund »Ñato« Fernández Huidobro ihre Erfahrungen in jenem Reich der Stille und des Terrors wach. Die beiden Überlebenden der Militärdiktatur erzählen, »wie sie, ›wie Efeu an der Mauer‹ dem Leben verhaftet, ihre Würde als Menschen vor einem System retten konnten, das sie in den Wahnsinn treiben und in leblose Dinge verwandeln wollte«, schrieb der berühmte Schriftsteller Eduardo Galeano in seinem Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe 1990. Anlässlich der Verfilmung des viele Jahre auf Deutsch vergriffenen Buches, hat es der Verlag Assoziation A dankenswerter Weise mit dem Titel »Kerkerjahre: Als Geiseln der Militärdiktatur in Uruguay« neu verlegt. Kerkerjahre ist ein universelles Manifest des Überlebens, der Menschlichkeit, der Solidarität unter (politischen) Gefangenen. Ein großartiges literarisches Dokument der Reflexion über das Gefängnis und die Folter, das Mut macht für ein freies Leben in einer anderen Gesellschaft zu streiten. »Dieses Buch feiert einen Sieg der menschlichen Sprache,« schrieb Galeano über diesen einzigartigen und zugleich universellen Erinnerungsdialog aus den Kerkern der Diktatur in Uruguay.
Die Poesie, die Kraft der Sprache und die Solidarität können Mauern sprengen – lasst uns in diesem Sinne weiter schreiben und streiten für eine herrschaftsfreie Welt. Literatur im und aus dem Gefängnis ist überlebenswichtig! Und so möchte ich mich bei allen Preisträger*innen des diesjährigen Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises von Herzen für ihre Texte bedanken.
Euer Konstantin Wecker
Prolog
Helmut H. Koch Gefangenenliteratur – eine neue Literaturform
Gefängnisse sind hierzulande kein Thema. Sicherheit und Bestrafung scheinen einigermaßen hinreichend gewährleistet. Die hohen, mächtigen Mauern, zusätzlich durch reichlich Stacheldraht garniert, stehen praktisch und symbolisch für die erfolgreiche Abschottung der Innenwelt von der Außenwelt.
Als im Laufe der Pandemie angesichts der enormen Einschränkungen früher selbstverständlicher Freiheiten eine heftige Diskussion um die psychischen, physischen und sozialen Folgen des sogenannten Lockdowns entbrannte, wurde in den einschlägigen Medien keinerlei Notiz von der zusätzlichen Isolation in deutschen Gefängnissen genommen, wobei ja immerhin 50 – 60 000 Gefangene keine unerhebliche Zahl sind. Die Inhaftierten erleben nunmehr Tag für Tag eine doppelte Isolation. Einerseits die verordnete rechtliche und auf problematische Weise im Knast praktizierte Isolation, andererseits das zusätzlich erzwungene Alleinsein in Folge der Pandemie.
Ich erwähne dieses ja nicht unbekannte, aber auffällig tolerierte Desinteresse am Gefängnis und den damit verbundenen gesellschaftlichen Schaden, um meinen eigenen Weg zu dieser Thematik und meiner Begegnung mit dem deutschen Gefängnis, den Gefangenen und ihrer unerträglichen Isolation (Pandemie im Strafvollzug) anzudeuten. Denn vierzig Jahre meines Lebens war ich selbst nicht frei von dieser Art der Ignoranz.
Wohl hatte ich über Reisen und internationale Literatur ein Interesse gefunden an Zuständen in der sog. Dritten Welt, an Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen, auch die vielfältigen Verletzungen der Menschenrechte in Form von Folter in den Gefängnissen jener Länder, hatte Künstler und Literaten als Gäste in meine Seminare eingeladen, mich in den siebziger Jahren um chilenische Emigranten gekümmert, auch Kontakte zu Amnesty International geknüpft. All dies hatte mir einen Blick auf das deutsche Gefängniswesen noch nicht eröffnet.
Dies geschah abrupt durch das Lesen eines Flugblatts des Asta der Universität Münster. Die Studenten protestierten dagegen, dass vom Direktorium der Germanistik ein angekündigtes Seminar mit dem Titel »Gefangenenliteratur« verboten worden war. Dies alarmierte mich als Zeichen einer unangemessenen Form der Verletzung des Menschenrechts auf Meinungsfreiheit, auch, wie mir schien, als Zeichen einer traditionellen universitären Arroganz gegenüber minderen Kulturen am Rande der Gesellschaft. In einer großen Protestversammlung sprach Erich Fried die hohe Zahl inhaftierter Schriftsteller an, die wegen ihrer kritischen Literatur und der Wahrnehmung ihrer Rechte auf freie Meinungsäußerung verhaftet und oft genug gefoltert oder auch hingerichtet worden sind. Ihr Hinnehmen der Inhaftierung sei mithin ein Zeichen für eine wache demokratische Gesellschaft und verdiene ein Lob statt eines Verbots.
Wenig später erschien von M. Reich-Ranicki, dem seinerzeit wohl bekanntesten Kulturkritiker, ein großer Artikel in der Zeit über Peter-Paul Zahl, der, in einem deutschen Gefängnis inhaftiert, viel beachtete Literatur schrieb. In dieser war eines seiner Themen die von ihm authentisch erlebte Gefängnissituation, mit der er sich konkret und mit kritischer Schärfe auseinandersetzte. Er war es auch, der nicht nur auf die Gefängnisliteratur generell aufmerksam machte, sondern vor allem auch auf den historisch einmaligen und erstmaligen Charakter der gegenwärtigen Gefangenenliteratur. Es ist dies nicht mehr eine Literatur von Gefangenen aus dem bürgerlichen Milieu mit entsprechender Bildung und oft wegen politischer Aktivitäten inhaftiert, sondern von »sozialen Gefangenen« aus den meist unteren Milieus, die in der Vergangenheit schon deshalb nicht geschrieben haben, weil sie das Schreiben nicht gelernt hatten. Auch wenn ein Großteil der Gefangenen aus den unteren Schichten mit sehr unterschiedlicher Bildung stammt, so ist doch auffällig, wie viele fähig sind, über ihre Erfahrungen im Gefängnis zu schreiben. Entstanden ist eine eigene, eigenwillige, wichtige Schreibkultur am Rande der Gesellschaft und hinter Mauern verborgen. Doch es gibt sie und bisweilen schafft sie es, die »Mauern zu durchbrechen«, wie die schreibenden Gefangenen sagen und mit ihrer Literatur bezeugen: »Es gibt uns, unsichtbar gemacht hinter diesen Mauern und eingezwängt in verschlossene Zellen. Wir haben eine Stimme. Wir müssen reden miteinander.«
Im Jahre 1977 wurde ein neues Strafvollzugsgesetz auf den Weg gebracht, Jahrzehnte erst nach Entstehung der Bundesrepublik, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Gefängnisreformen in anderen Staaten Europas und den Vereinigten Staaten. Es bedeutete einen entscheidenden Paradigmenwechsel für das deutsche Gefängniswesen. Die obersten Ziele waren nun nicht mehr Sicherheit, harte Bestrafung, Sühne, Ausschluss aus der Gesellschaft, sondern die »Resozialisierung«, d. h. die Wiedereingliederung der Gefangenen in die Gesellschaft durch die Erziehung zu einem straffreien und sozialen Leben. Bei aller Skepsis gegen die vielen Kompromisse des Gesetzes, in dem die Ausführungsbestimmungen den neubeschlossenen Zielen oft genug diametral widersprachen, kam bei vielen Gefangenen doch geradezu eine Euphorie auf. Sie sahen sich in dem neuen Gesetz nicht mehr a priori als »Verbrecher« disqualifiziert, sondern als Menschen mit dem Anspruch auf die »Würde« behandelt, wie sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als oberstes Gebot für alle Menschen fordert. Nur zu deutlich wurde ihnen die Diskrepanz zwischen ihrer realen Situation im Gefängnis und der gesetzlich neu definierten Zielsetzung für die Behandlung der Gefangenen bewusst. Sie fühlten sich befugt, ja geradezu aufgefordert, sich als Betroffene zu Wort zu melden. Sie versuchten ihre Wegsperrung schreibend zu überwinden, schrieben Texte unterschiedlicher Art, Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays, Aufrufe, veröffentlichten sie auf eigene Faust in Gefangenenzeitungen, die erstmals in großer Zahl erschienen, oder auch in renommierten Verlagen, die zunehmend Interesse daran entwickelten.
Ich kann mich, als wäre es heute, daran erinnern, wie es mir bei der ersten Begegnung mit den Texten der Gefangenenliteratur erging. Ich war, so kann ich wohl sagen, sehr betroffen, wenn nicht bestürzt und sogar erschüttert. Die Gefangenen beschrieben in ihren Texten sehr konkret ihren Alltag, ihr Leben in den Zellen, tags und nachts, die Begegnungen mit anderen Gefangenen bzw. die Nichtbegegnungen, die Vereinsamung, die Trennung von ihren Familien, ihr Leben, dass sich über Jahre und Jahrzehnte zwischen engen vier Wänden bewegt bzw. nicht bewegt, sie beschrieben in der gleichen genauen Form die Wirkung dieses Lebens auf sich, die Verzweiflung, den Hass, die Sehnsucht, die Sinnlosigkeit, die vielen Suizide. Sie schrieben sowohl auf, was in ihrem Innern vorging als auch im praktischen Alltag. Es ist dies eine authentische, dokumentarische Literatur. Über eine Wirklichkeit dicht neben uns, versteckt hinter Mauern nicht ohne Grund. Denn was dort im Verborgen geschieht, ist erschreckend, skandalös, zutiefst beschämend. Dass mich dieses Leseerlebnis noch Jahre später bis heute ein gutes Stück weit antreibt, wundert mich nicht. Der Skandal Gefängnis lebt noch immer fort. Die Gefangenen schreiben nach wie vor darüber. Es sind andere Gefangene, aber in einer unveränderten Welt, teilweise, man kann es fast nicht glauben, auch dieselben Gefangenen wie vor vierzig Jahren, lebenslang hinter Mauern.
Recht bald nach dem ersten Kennenlernen der Gefangenenliteratur begegnete ich der Herausgebergruppe der Gefangenenzeitung »Kuckucksei« aus der JVA Schwerte, einer der ersten Gefangenenzeitungen neben dem Berliner »Lichtblick«. Ursprünglich hatte sich die Gruppe als eine Art Selbsthilfeverein gegründet, um sich gegen die Gewalt der Gefängnissituation psychisch und physisch behaupten zu können. So gestärkt beobachteten sie die Reformtendenzen mit den neuen Rechtsansprüchen und Freiheiten, nutzten ihren neuen Anspruch auf Schreibwerkzeug und Papier und testeten die Möglichkeiten des Schreibens und Verbreitens des Geschriebenen aus. Es entstand eine eigene Zeitung, die sowohl im Gefängnis als auch außerhalb an interessierte LeserInnen verteilt wurde. Eine Besonderheit bestand darin, dass sie neben dem journalistischen einen literarischen Teil enthielt. Klage, Anklage, Widerstand blieben die Grundhaltungen der Gefangenenliteratur sowohl in ihrer diskursiven als auch in ihrer emotionalen, poetischen Schreibweise. Das Interesse daran war auch bei einem Publikum außerhalb der Mauern zur damaligen Zeit beachtlich. So entstand beispielsweise eine Initiative »Mit Worten unterwegs«, in der SchriftstellerInnen ihrerseits in die Gefängnisse gingen und Begegnungen mit den Gefangenen suchten.
Das Selbstbewusstsein der Redaktion des »Kuckucksei« wuchs. Dass mit dem beachtlichen Engagement der Gruppe noch kein Zeitalter eines neuen Knastsystems entstanden war, wurde nach wenigen Jahren allerdings deutlich, als die Zeitschrift nach einer offenen Kritik am Justizminister zumindest vorübergehend eingestellt und die Redaktion ausgewechselt wurde. Wir hatten der couragierten Redaktion damals bei der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene einen Sonderpreis verliehen.
Meinerseits bot ich Seminare im Rahmen der Deutschlehrerausbildung an. Es waren Seminare, die nach Humboldtschem Vorbild als Einheit von Forschung und Lehre organisiert waren. Studierende und Dozent erforschten gemeinsam eine neu im Rahmen einer Gefängnisreform entstandene literarische Form: die Gefangenenliteratur. Die Studierenden waren durchgängig ähnlich betroffen, alarmiert und beschämt über die in den Texten beschriebene Alltagsrealität, so dass sie sich mit großem Engagement auf die Entdeckungsreise in diese so nah liegende und doch durch gewaltige Mauern, Stacheldraht und Wachtürme versteckte Welt begaben, in der ersichtlich und in den Texten der Gefangenen sehr konkret und kritisch deutlich wurde: der gravierende Widerspruch zwischen dem Gesetzesauftrag, die Gefangenen zu befähigen, ein strafloses Leben in Freiheit und sozialer Verantwortung zu führen und dies in einem Lernprozess, in dem ihre Würde im Sinne der Grundrechte geachtet blieben.
Die Studierenden lasen und interpretierten die Texte nicht nur mit den einschlägigen Interpretationsmethoden, sondern sie mussten sie erst einmal suchen und beschaffen, insbesondere galt dieses auch für die Gefangenenzeitungen, von deren Existenz wir nur zufällig erfuhren und von denen nur eine unzureichende Liste existierte. Ich darf diese Entdeckungsfahrt kurz in Form einer Anekdote erzählen, weil sie auch wegen des literatursoziologischen Aspekts nicht ganz uninteressant ist. In einer Beratungsrunde kam die Frage auf, wer die JVAs bzw. die bereits vorhandenen Adressen der Zeitschriften anschreiben und um ein Exemplar bitten sollte. Wir entschieden uns für eine studentische Arbeitsgruppe in der Annahme, dass die Gefangenen durch das geringere Gefälle vom »Knacki« zum »Studi« eher ansprechbar wären. Es kamen drei Antworten, 50 bis 60 hatten wir erwartet. Die Gefangenen empfanden die studentische Welt offensichtlich nicht als die ihre. Wir probierten einen weiteren Anlauf. Am Seminar nahm ein Berufsschullehrer teil, der im Rahmen der Unterrichtung von Lehrlingen mit und ohne Hauptschulabschluss für deren Zukunftsplanungen tätig war und die Wichtigkeit der Realität des Knastes anhand von Gefangenenzeitungen und der Erfahrungen der Gefangenen in ihrem Leben gern in den Unterricht mit einbeziehen wollte. Wieder nur zwei oder drei Antworten. Und jetzt der Herr Professor, mit dem größtmöglichen sozialen Abstand? Skepsis, trotzdem ein Versuch. Was blieb uns sonst? Es trafen ca. 50 Zeitungen ein. Die Erklärung? Vielleicht so? Wir, die Gefangenen, fühlen uns ernst genommen, wir sind nicht der letzte Dreck. Wir haben es erst neuerdings aus dem neuen Strafvollzugsgesetz bestätigt bekommen. Es gibt auch Menschen in etablierten Schichten, die unsere Sprache verstehen.
Immerhin war dies ein Start, es entstand eine Sammlung von Gefangenenliteratur, ein Archiv von Gefangenenzeitungen (heute im Bundesarchiv Koblenz gelagert in Kooperation mit dem Strafvollzugsarchiv der Fachhochschule Dortmund), es gab Lesungen von Schriftstellern aus dem Knast, Begegnungen zwischen schreibenden Gefangenen und SeminarteilnehmerInnen an Ort und Stelle in Gefängnissen und auch in Universitätsräumen.
Interessant war die Reaktion der Studierenden am Ende des sich über ein Jahr erstreckenden Seminars. Die Frage war: Was jetzt? Einig war man sich darin, dass ein einfaches Abhaken des Seminars nach üblicher Praxis nicht passte. Mindestens sei doch ein Briefverkehr angesagt, der für die weggesperrten Gefangenen so wichtig, ja lebensentscheidend sein könne. Am besten kam der Vorschlag an, weitere Mitstudierende in jenen Kenntnisstand zu versetzen, der ihnen selbst zu Teil geworden war. Also eine Textsammlung zur Gefangenenliteratur herzustellen. Dazu noch einen Kommentar in kritischer Hinsicht über die Verhältnisse hinter den Mauern und die Verantwortlichen für die sozialen und politischen Missstände. Es entstand ein gar nicht einmal so kleiner Arbeitskreis, der wöchentlich tagte. Er tagte nicht in der Universität, sondern im Lokal »Haus Frauenstraße 24« in Münster. Dort bediente Andy, der unserem Arbeitskreis angehörte, den Bierhahn. Er verrichtete diese Arbeit schon etliche Jahre und galt als eine Institution. Denn das »Haus Frauenstraße 24« war das erste besetzte Gebäude in der Geschichte der bundesweiten Hausbesetzungen, an der er beteiligt war. Wir befanden uns mit unserem Gefangenenliteraturprojekt also durchaus in einem passenden historischen Kontext. In diesem ehrwürdigen Gebäude initiierten wir auch zwischenzeitlich die eine oder andere Lesung. Die Sammlung geeigneter Texte schritt voran, ein kleinerer Verlag zeigte sich interessiert, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse war das Buch fertig geworden: »Ungehörte Worte. Gefangene schreiben. Eine Dokumentation aus deutschen Gefangenenzeitungen« (Tende 1982).
Es stellte sich dann mit dem Ende der Arbeitsgruppe die Frage der Fortführung eines solchen Schwerpunktes. Die Universität billigte die Einrichtung eines Arbeitsbereichs Randgruppenliteratur, er wurde vor allem im personellen Bereich durch die Stadt Münster und den DGB unterstützt, so dass in Forschung und Lehre eine produktive Arbeitsmöglichkeit gegeben war. So konnte eine Reihe von Projekten realisiert werden. Im Mittelpunkt stand zunächst die Archivierung von Gefangenenzeitungen und Gefangenenliteratur. Zu dieser Thematik wurden zugleich erstmals grundlegende, wissenschaftliche Forschungsergebnisse vorgelegt: Koch, Helmut, Klein, Uta (Hg.): Gefangenenliteratur. Sprechen, Schreiben, Lesen in deutschen Gefängnissen (1988). Klein, Uta: Gefangenenpresse. Ihre Entstehung und Entwicklung in Deutschland (1992). Vomberg, Anja: »Hinter Schloss und Riegel«. Vergleichende Analyse von Gefangenenzeitungen aus Nordrhein-Westfalen und Brandenburg (1999). Keßler, Nicola: Schreiben, um zu überleben. Studien zur Gefangenenliteratur (2001). Keßler, N., Klein, U., Koch, H.H., Theine, E.: Menschen im Gefängnis. Texte und Materialien für den schulischen und außerschulischen Unterricht (1996). Ferner entstand eine Kooperation mit der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule und eine Behandlung der Thematik Gefangenenliteratur im Deutschunterricht. Andere Akzente setzten wir mit einer deutschlandweiten Rundreise zum Thema »Kunst und Literatur im Knast«. Wiederum anderen Anforderungen begegneten wir bei der Beschäftigung mit Gefängnis in Südamerika, insbesondere unter dem Aspekt der Theologie der Befreiung. In den von Ernesto Cardenal ins Leben gerufenen »Talleres de Poesia« (Schreibwerkstätten) schreiben nicht die Gebildeten aus der Oberschicht, sondern Bauern, Arbeiter, Menschen aus einfachen Verhältnissen. Weitere Themen waren »Frauen im Gefängnis« in Koopeation mit Raimund Neufeld, Briefe und literarische Texte von widerrechtlich im Gefängnis untergebrachten Asylbewerbern, Texte aus der Forensik/Psychiatrie, ferner die Gefängnisproblematik im Kinder- und Jugendbuch. Auch führten wir Schreibseminare im Gefängnis mit Inhaftierten durch und im universitären Bereich Veranstaltungen zur Schreibtheorie, dazu die Durchführung von Seminaren zur Thematik von Gefängnisliteratur. So entstanden diverse Staatsarbeiten, es wurden auch Staatsprüfungen zur Gefangenenliteratur abgenommen. In einer gemeinsamen Aktivität von MitarbeiterInnen von Amnesty International und mir publizierten wir eine Textsammlung mit authentischen, internationalen Beschreibungen von Menschenrechtsverletzungen mit dem Titel »Die Frauen von der Plaza de Mayo«. In diesem Lesebuch für Jugendliche war auch das deutsche Gefängnis Thema, mit einem berührenden und gleichzeitig kritischen Text aus dem oben bereits erwähnten Buch »Ungehörte Worte«. Das Lesebuch »Die Frauen von der Plaza de Mayo« wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Thema des Arbeitskreises Randgruppenliteratur war auch die Gefangenenliteratur aus dem DDR-Gefängnis. Allerdings gab es zu DDR-Zeiten so gut wie keine Gefängnisliteratur, da sie strengstens verboten war. Erst nach der Wiedervereinigung entwickelte sich eine Schreibkultur ehemaliger Inhaftierter aus DDR-Gefängnissen.
Ein eigener kleiner Verlag wurde gegründet: Edition amRand, in der auch Texte von Gefangenen publiziert wurden. Beispielsweise das Buch »Mit der Flaschenpost über einen Ozean«. Es enthielt Briefe von Gefangenen und wurde im bayerischen Gefängnis erst nach juristischem Widerspruch ausgeliefert.
Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene
