Ghosts of Halloween - Layla Fae - E-Book

Ghosts of Halloween E-Book

Layla Fae

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Beschreibung

Harlow kann nach den traumatischen Ereignissen einer schicksalhaften Halloween-Nacht vor zwei Jahren nicht mehr mit sich selbst leben. Damals war sie angeknackst, jetzt ist sie zerbrochen. Der einzige Ausweg besteht darin, in das verlassene Haus zurückzukehren und den ultimativen Preis zu zahlen. Doch das Haus ist nicht verlassen. Drei rachsüchtige Geister haben auf Harlow gewartet und sich geschworen, die Frau zu vernichten, die sie in die Hölle geschickt hat. Die drei fügen ihre Qualen und Lust zu, bis alle Geheimnisse gelüftet sind. Aber was wird geschehen, wenn die Morgendämmerung anbricht und sich die Tore der Hölle ein für alle Mal schließen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Layla Fae

 

 

Ghosts of Halloween

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersetzt von Michelle Markau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ghosts of Halloween

 

 

 

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel

»Ghosts of Halloween«

 

Copyright © 2024 GHOSTS OF HALLOWEEN by L. FAE.

All rights reserved.

The moral rights of the author have been asserted.

 

Published by Layla Fae Original in English

 

 

 

Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe © 2025

Ghosts of Halloween

by VAJONA Verlag GmbH

 

Druck und Verarbeitung:

FINIDR, s.r.o.

Lípová 1965  

737 01 Český Těšín

Czech Republic

 

Lektorat: Michelle Markau

Korrektorat: Désirée Kläschen

Satz: VAJONA Verlag GmbH,

Umschlaggestaltung: Gezeichnete Elemente

von Diana Gus

 

 

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH

 

 

 

 

 

 

An alle meine perversen Mädels, die die gruselige Jahreszeit lieben und von maskierten, verdorbenen

Männern mit riesigen gepiercten Schwänzen gejagt werden wollen.

Ich hoffe, eure Vibratoren sind aufgeladen!

 

 

 

 

 

ANMERKUNG DER AUTORIN:

 

 

Hey, meine Schöne!

Ich weiß, warum du dieses Buch in die Hand genommen hast, und ich weiß auch, dass du bereits ahnst, was drinsteht. Ist es düster? Verdorben? Abartig? Reverse Harem mit Sex zwischen Männern? Große, gepiercte Schwänze, die sich alle um ein Mädchen kümmern? Ich weiß, dass du genau deswegen hier bist, meine Liebe – und ich auch!

Aber nur um sicherzugehen, dass dich nichts überrascht, sollten wir die Basics durchgehen, okay? Vielleicht sind einige der Dinge, über die du hier liest, nicht dein Ding. Es ist vollkommen in Ordnung, an dieser Stelle auszusteigen, wenn dich einige der Sachen triggern.

Ich habe die Trigger als Warnungen unten aufgeführt sowie die Liste der Kinks, die in diesem Buch eine Rolle spielen. Der Spice in diesem Buch kommt nicht zu kurz und ist sehr detailliert beschrieben. Also mach dich bereit.

Achtung, Spoiler!

Achtung, Spoiler!

Achtung, Spoiler!

Hier sind die Trigger: Tod, Mord, Gewalt, Selbstmordversuch (grafisch und erwähnt), Selbstmordgedanken, dubious consent, Trauma nach sexuellem Missbrauch, Erwähnung von sexuellem Missbrauch, Grooming.

Und nun zu den Kinks: dubious consent, Sex zwischen Männern und Frauen, Sex zwischen Männern, Dreier, Vierer, Snowballing, Somnophilie, Vaginalsex, Analsex, Oralsex, Erregung durch Lob, Erniedrigung, Bondage, einen Schwanz als Lolli benutzen, Daddy-Dom, Edging, primal Play, Jagd, Ficken mit Geistern, Breathplay, Cumplay, Spanking, Messer, Angst, Schmerz, Ass-to-Mouth, Genitalpiercings, Dominanz, Unterwerfung, Schattenspiele (Sex zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen).

Wenn du diese Kinkwarnungen als Einladung betrachtest, weiterzulesen, dann geht es dir wie mir! Also, meine Liebe, lass die Listen nicht nur eine Warnung sein – sondern auch ein Versprechen.

Bist du bereit? Dann lass uns loslegen!

 

Ich nehme einen Zug von meine Zigarette und beobachte Harlow, wie sie ihren Loserfreund anlächelt. Sie halten sich an den Händen und ich sehe sofort, welche ihrer Hände er hält.

Natürlich die linke.

Sie trägt einen engen Pullover und Jeans, die ihren Hintern umschmeicheln. Als sie vor ihm herläuft, weil sie etwas in einem Schaufenster entdeckt hat, fällt sein Blick auf ihre köstlichen Kurven. Er betrachtet sie vollkommen unverhohlen.

Dann dreht sie sich zu ihm um und hebt ihren rechten Arm. Die mattschwarzen Finger schauen aus ihrem orangefarbenen Ärmel hervor. Der Gesichtsausdruck des Losers versteinert sich, sein offenes Verlangen wird durch Abscheu ersetzt.

Dieses dumme Arschloch. Ich werde ihm die Kehle rausreißen.

Weil sie es verdammt noch mal sieht. Harlows Lächeln wird schwächer, sie versteckt ihre Prothese hinter ihrem Rücken und zwingt sich zu einem neuen Lächeln. Zu einem falschen Lächeln.

Ich frage mich, ob ich damit durchkommen würde, den kleinen Scheißer hier am helllichten Tag zu ermorden, entscheide mich aber schnell dagegen, denn nein, das würde ich nicht. Außer ich will, dass Harlow mich im Gefängnis besucht. Doch sie ist schon durch die Hölle gegangen. Ich werde ihr nicht noch mehr zumuten.

Aber irgendwie werde ich an ihn rankommen. Ich muss nur geduldig sein. Ich lasse meinen Zigarettenstummel fallen, zerquetsche ihn unter meinem Schuh und stelle mir vor, es sei sein Gesicht. Ja, nein, das reicht nicht. Ich muss ihm tatsächlich die Zähne einschlagen.

Er nimmt sein Telefon heraus und wendet sich ab, um einen Anruf entgegenzunehmen. Harlow steht mit dem Rücken zu ihm, ihr falsches Lächeln ist verschwunden, jetzt, wo er sie nicht mehr sehen kann. Sie seufzt, schlingt ihre Arme um sich und schaut sich um, bis sich unsere Blicke über die Straße hinweg treffen.

Ich zwinkere und winke, entschlossen, ihr heute nicht noch mehr Kummer zu bereiten. Sie lächelt schüchtern und beginnt ihren rechten Arm zu heben, um mir zurückzuwinken … Bevor sie sich anders entscheidet und mit dem linken winkt. Ich verschränke die Arme vor der Brust, schüttle den Kopf und sehe sie stirnrunzelnd an. Sie zuckt mit den Schultern, um mir zu zeigen, dass sie mich nicht versteht. Ich hebe meinen linken Arm und fordere sie mit meiner anderen Hand auf, ihren zu heben.

Harlows Augen weiten sich. Nur langsam macht sie meine Bewegung nach und hebt die coole, hochmoderne Prothese, die Noah ihr letztes Jahr geschenkt hat. Als sie mir zuwinkt, lächle ich und nicke, woraufhin sie leise lacht und sich entspannt. Ich genieße das warme Strahlen ihrer braunen Augen, bis ihr trotteliger Freund das Gespräch beendet und sich zu ihr umdreht. Harlow nimmt ihren Arm sofort runter und zupft den Ärmel über ihre Hand, um die schwarzen Finger zu verbergen.

Mistkerl.

Ich presse meinen Kiefer zusammen und frage mich, warum sie mit diesem blöden Arschloch ausgeht. Sie hat etwas viel Besseres verdient. Jemanden, der ihre rechte Hand hält, ihr dann die Prothese abnimmt und den Stumpf ihres rechten Arms küsst, um ihr zu zeigen, wie schön und perfekt alles an ihr ist.

Ich bin dieser Typ. Ich würde das und noch viel mehr tun. Sie würde diesen verkniffenen Gesichtsausdruck nie wieder aufsetzen, wenn sie mit mir zusammen wäre. Was macht es schon, dass ich so alt bin wie Noah? Ich bin nur sechs Jahre älter als sie und Harlow ist zwanzig. Zugegeben, ich beobachte sie, seit sie sechzehn ist. Damals war es vielleicht noch unheimlich, aber jetzt ist sie erwachsen.

Wen interessiert es, was Noah von mir denkt? Er ist nicht besser. Wir machen schließlich alle Jobs zusammen. Die Zusammenarbeit mit mir hat es ihm ermöglicht, ihr den bionischen Arm zu kaufen. Er sollte endlich von seinem hohen Ross runterkommen und aufhören, mich von seiner kleinen Schwester fernhalten zu wollen. Denn während ich sie nur aus der Ferne beobachten kann, dürfen schäbige Scheißer wie Michael dafür sorgen, dass sie sich wie Abschaum fühlt.

Aber Noah ist froh, dass sie ihn hat. Er kommt aus einer guten Familie, Jack. Der Sohn eines Polizisten. Sie wird ein gutes Leben mit ihm haben.

Von wegen. Ich kann ihr etwas Besseres geben.

Als der Trottel sich von Harlow verabschiedet und davonstürmt, seufzt sie noch einmal, lässt die Schultern hängen und sieht mich an.

Und fuck, aber es fühlt sich an, als würde sie mich mit ihren Augen anflehen. Meine Prinzessin ertrinkt da draußen und ich werde ihre verdammte Rettungsleine sein. Auch wenn es das Letzte ist, was ich tue. Sie braucht mich.

Ich habe es satt, auf Noahs Erlaubnis zu warten.

Ich überquere die Straße, hebe meinen Arm, um ein Auto aufzuhalten, das in meine Richtung fährt, und laufe zu Harlow hinüber. Sie strahlt, als ich sie erreiche. Ich verspüre den Drang, sie zu umarmen, den Duft ihres Haares einzuatmen und sie für alle sichtbar einzufordern.

Stattdessen strecke ich meine rechte Hand aus, und als sie zögert, lehne ich mich näher heran, um die Handfläche ihrer Prothese zu ergreifen und ihre Hand zu schütteln.

»Wie geht es dir, Babe? Gehst du immer noch mit diesem Loser aus?«, frage ich grinsend, denn das kann ich mir einfach nicht verkneifen.

Harlow lacht, stößt mich spielerisch in die Seite und schüttelt den Kopf.

»Du bist unverbesserlich, das weißt du, oder?«

Ich lächle und lehne mich näher an sie heran, mein Mund ist nur einen Hauch von ihrer Wange entfernt. Meine Stimme wird zu diesem besonderen Murmeln, das ich nur für sie benutze.

»Für dich würde ich alles sein.«

Ich warte einen Moment, bis sich ihre Augen weiten und ihre Wangen verfärben. Dann keucht sie leise, weil sie nicht weiß, was sie antworten soll. Ich ziehe mich grinsend zurück und tue so, als wäre nichts passiert, obwohl ich sehe, welche Wirkung meine Nähe auf sie hat.

Ich mache das schon seit Jahren. Ihr so nahe zu kommen. Schamlos zu flirten, über die Stränge schlagen und hinterher so tun, als wäre alles nur ein großer Spaß gewesen. Zuerst tat ich es, weil sie minderjährig war und ich mich nicht traute, sie anzufassen. Dann habe ich es getan, weil Noah durchdrehen würde, wenn ich seine kleine Schwester ficken würde.

Doch auch wenn ich mich von ihr fernhalten musste, habe ich mich in ihren Kopf geschlichen. So wie gerade eben.

»Du musst damit aufhören, Jack«, sagt sie. Die Röte in ihren Wangen verblasst, als sie mir einen strengen Blick zuwirft. »Wenn Noah davon erfährt, wird er stinksauer sein.«

Nicht Michael, wie ich feststelle. Sie scheint nicht zu glauben, dass ihr Freund sich an mir stören würde, und das ist einfach verdammt traurig.

Wenn sie meine Freundin wäre, würde sie sich vor Angst in die Hose machen, wenn sie wüsste, was ich mit einem Kerl machen würde, der versucht, mit ihr zu flirten.

»Noah ist nicht hier«, sage ich und trete näher an sie heran. »Und du bist süß, wenn du mit mir schimpfst.«

Harlow seufzt und schüttelt den Kopf, bevor sie mich mit einem zögernden Lächeln ansieht.

»Manchmal wünschte ich, du würdest es ernst meinen, Jack«, sagt sie leise und zuckt dann mit einem müden Lächeln die Schultern. »Vergiss es. Was hast du heute vor?«

Als ich nicht antworte, sieht sie auf und erschrickt, ihre Augen weiten sich. Was immer sie in meinem Gesicht sieht, muss sie beunruhigt haben. Doch das ist mir egal. Noah, Michael und alle anderen in dieser Scheißstadt … Die können mich mal.

Sie wünscht sich, dass ich es ernst meine. Ich meine es verdammt ernst. Und es ist an der Zeit, sie wissen zu lassen, wie ernst es mir mit ihr ist.

»Mach Schluss mit ihm«, sage ich. Harlow öffnet verwirrt ihre Lippen einen Spalt breit.

Als ihr klar wird, was ich meine, seufzt sie und schüttelt den Kopf.

»Das ist nicht lustig, Jack. Hör auf mit dem Scheiß.«

»Lache ich etwa, Babe? Natürlich nicht, denn es ist wirklich nicht lustig. Wenn überhaupt, dann ist es eine verdammte Tragödie, dass du immer noch mit diesem Loser zusammen bist. Mach Schluss mit ihm.«

Harlow schürzt die Lippen und ihre Augen, die sonst so weich und einladend sind, werden hart. Sie ist wütend, doch ich weiche nicht zurück.

»Du hast mir nicht vorzuschreiben, mit wem ich mich treffen darf und mit wem nicht«, zischt sie.

Eine ältere Dame geht auf dem Bürgersteig an uns vorbei, wirft Harlow einen missbilligenden Blick zu. Ich nehme ihre Hand – natürlich die rechte – und ziehe sie in eine Seitengasse. Hier können wir uns ungestört unterhalten. Wir stehen im Schatten eines Gebäudes und jetzt, da wir aus der späten Oktobersonne heraus sind, ist es kalt.

Harlow zittert. Ich ziehe meine Jacke aus und lege sie ihr über die Schultern.

Einen Moment lang denke ich, dass sie mir die Jacke zurückgeben wird, um mir zu zeigen, wie wütend sie ist, doch sie schnaubt nur verärgert und zieht die Jacke fester um sich.

»Du hast recht«, sage ich. »Ich habe kein Recht, dir etwas vorzuschreiben. Aber ich will es, Harlow. Ich will dieses Recht und deshalb bitte ich dich, mit dem Loser Schluss zu machen.«

Sie grinst spöttisch, was zu niedlich aussieht, und schnaubt verärgert.

»Und was passiert, wenn ich mit dem einzigen Kerl Schluss mache, der überhaupt mit mir ausgehen will? Das ist Blödsinn und ich bin es leid, Jack. Du weißt, dass mich jeder hinter meinem Rücken eine Schlampe nennt. Michael ist der einzige Mann, der mich will. Er behandelt mich mit Respekt.«

Ich verziehe meine Lippen und versuche nicht einmal, zu verbergen, was ich über die Art und Weise denke, wie er sie behandelt.

»Hat er dir schon gesagt, dass er dich liebt?«, frage ich verächtlich. »Babe, das ist kein Respekt. Er nutzt dich nur aus. Und er ist nicht der Einzige, der dich will.«

»Würdest du verdammt noch mal aufhören?«, schreit sie. Sie sieht wütend und verletzt aus.

Ich runzle die Stirn. Ich habe offensichtlich einen Nerv getroffen, doch Harlow lässt mich nicht ausreden oder herausfinden, was genau los ist. Sie stößt mich gegen die Brust, ihre braunen Augen leuchten, und ich muss dem Drang widerstehen, sie mit einem Kuss zum Schweigen zu bringen.

»Du machst das immer so! Du treibst mich immer weiter an, und wenn ich denke, dass es endlich so weit ist, dass ich vielleicht eine verdammte Chance habe, machst du einen Witz daraus! Hast du eine Ahnung, wie anstrengend das ist? Für dich ist das alles ein verdammtes Spiel, aber für mich …«

Ach, scheiß drauf.

Ich lege meine Hand in ihre Haar und ziehe kräftig daran, um sie zu zwingen, mich anzusehen. Sie keucht und ich stürze mich auf ihre Lippen. Ich küsse sie so, wie ich es immer gewollt habe, nehme mir ihren Mund, markiere ihn als meinen. Harlow gibt mit einem Wimmern nach, ihr Körper vibriert vor Spannung, als sie ihren Mund öffnet. Ich tauche ein und drücke sie an mich.

Gott, sie ist verdammt himmlisch. Ich hätte das schon längst tun sollen.

Doch Harlow küsst mich nicht zurück. Nachdem sie mir diesen berauschenden Einblick in sich gegeben hat, stößt sie mich weg und läuft schwer atmend um mich herum.

»Dazu hast du kein verdammtes Recht, Jack! Bleib weg von mir oder ich schwöre …«

»Du hast mir keine Antwort gegeben«, unterbreche ich sie und atme genauso schwer wie sie, meine Gefühle sind völlig durcheinander. Außer Kontrolle. »Hat er dir gesagt, dass er dich liebt? Denn ich werde es dir jetzt sagen. Ich liebe dich verdammt noch mal, Harlow. Ich bin in dich verliebt und ich bitte dich, mit dem Wichser Schluss zu machen, damit du mir gehören kannst!«

Sie erblasst und sieht mich an, als wäre ich verrückt geworden. Ich würde mich dafür verfluchen, dass ich das gesagt habe, dass ich so weit gegangen bin, aber es ist geschehen und es ist die Wahrheit. Also trete ich näher, und als sie nicht reagiert, berühre ich ihre Wange mit meiner kalten Hand und lecke mir über die Lippen. Ich bin plötzlich nervös.

Ich habe ihr gerade gesagt, dass ich sie liebe, und diese Worte habe ich noch nie zu einem Mädchen gesagt. Und es ist Harlow. Wenn sie mir jetzt sagt, dass ich mich verpissen soll, oder noch schlimmer, wenn sie mir ins Gesicht lacht, werde ich verdammt noch mal am Boden liegen. Verdammt sei dieses Mädchen.

Ich hasse es, dass ich ihr mit Leib und Seele gehöre.

»Bitte«, sage ich eindringlich, als sie immer noch nicht reagiert, sondern mich nur anstarrt, als wäre ich ein verdammter Freak. »Bitte, hör mir einfach zu. Ich habe wegen Noah so getan, als meine ich es nicht ernst, okay? Er würde mich fertigmachen, wenn ich es auch nur wagen würde, dich anzufassen, aber Babe, ich kann das nicht mehr. Es ist schlimm genug, dich mit der Hälfte der Kerle in der Stadt vögeln zu sehen, aber dich mit ihm zu sehen … Das ist verdammt falsch. Bitte, mach Schluss mit ihm und komm heute Abend zum Geisterhaus. Und ich werde es Noah sagen, okay? Ich werde ihm sagen, dass ich mit dir zusammen sein will, und wir können …«

Harlow schiebt meine Hand von ihrem Gesicht, taumelt einen Schritt zurück und schüttelt den Kopf.

»Du hältst mich auch für eine Schlampe. Nicht wahr, Jack?«, fragt sie leise.

Ich knurre, denn wenn es das ist, was sie von meiner verdammten Rede mitbekommen hat, dann bedeutet das nur, dass etwas ernsthaft mit ihr nicht stimmt.

»Ja, du bist eine Schlampe«, sage ich. Ich bin wütend. Ich habe ihr meine Seele offenbart und sie ignoriert es wie eine Bitch. »Aber im Gegensatz zu allen anderen sage ich dir das ins Gesicht. Und auch, dass ich dich liebe. Es ist mir egal, wen du gefickt hast, Babe. Mir ist nur wichtig, dass du mir gehörst, wenn wir zusammen sind. Also, was soll es sein?«

Sie starrt mich noch einen Moment lang an und wendet schließlich ihr Gesicht ab. Ich sehe, wie ihr eine Träne über die Wange läuft.

Verdammte Scheiße.

»Bitte nicht weinen, verdammt«, sage ich und trete näher. Als sie ein jämmerliches Schluchzen von sich gibt, schlinge ich meine Arme um sie. »Um Himmels willen, Harlow, bitte. Ich habe das alles falsch angepackt. Es tut mir leid, Prinzessin. Können wir von vorn anfangen? Ich werde dieses Mal alles richtig machen, wie ein verdammter Gentleman. Ich werde dir Blumen mitbringen. Magst du immer noch diese rosa Chrysanthemen? Ich kaufe dir hundert. Hör einfach auf zu weinen!«

Ihr gedämpftes Schluchzen wandelt sich in ein feuchtes Lachen. Ich seufze erleichtert auf und streiche über ihren zitternden Rücken. Wir bleiben in der Umarmung, versteckt in der Gasse. Mein kostbares Mädchen entspannt sich langsam in meinen Armen.

Als sie versucht, sich von mir zu lösen, knurre ich und drücke sie näher an mich, vergrabe mein Gesicht in ihrem Haar.

»Noch eine Minute«, murmle ich und halte sie so fest, dass sie wahrscheinlich keine Luft mehr bekommt. »Bitte, Prinzessin. Nur noch eine Minute.«

Harlow gibt mit einem Seufzer nach und schmiegt sich an meine Brust, während ich ihren Duft einatme und mich von ihm beruhigen lasse.

»So könnte es jeden Tag sein«, murmle ich, unfähig zu widerstehen. »Wir würden uns streiten, ich würde mich entschuldigen und dir Blumen versprechen … Und dann würden wir Versöhnungssex haben.«

Sie keucht leise. Ich drücke sie fester an mich, falls sie mich wegstoßen will, doch Harlow bleibt in meinen Armen, warm und sanft.

»Ich würde jeden Zentimeter von dir küssen«, sage ich und mein Schwanz wird bei dem Gedanken hart.

Sie und ich in meinem Bett, ihre Beine um mich geschlungen. Ihr Mund vor meinem zum Küssen, ihre Pussy zum Ficken, alles von ihr soll mein sein.

»Und ich meine jeden Zentimeter. Ich würde mit dir Liebe machen oder dich hart ficken, je nachdem, was du an diesem Tag brauchst. Ich denke, wenn wir zusammen wären und ich dich jetzt mit nach Hause nehmen könnte, würde ich sanft sein. Ich würde mit dir Liebe machen und dich wie eine Prinzessin behandeln.«

Harlow drückt ihr Gesicht an meine Brust, sie zittert, und ich bin mir nicht sicher, ob sie wieder weint oder mich auslacht. Wenn es Ersteres ist, muss ich sie drücken, solange sie noch verletzlich ist, und sie dazu bringen, zuzustimmen. Wenn es Letzteres ist … bringe ich sie wenigstens zum Lachen.

»Und das nur, weil es unser erstes Mal wäre und ich dich ganz langsam an meinen Schwanz gewöhnen müsste.«

Harlow ist still. Ich bin mir sicher, dass sie nicht mehr lacht oder weint. Sie zittert nur. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist, aber ich mache weiter und errege mich selbst mit meinen Worten.

Scheiße, ich hoffe, sie ist feucht.

»Wenn du deinem Freund sagst, er soll sich verpissen, zeige ich es dir. Ich gebe nicht an, wenn ich sage, dass ich anfangs für dich zu groß sein werde. Ich könnte deine süße kleine Pussy verletzen, also werde ich mein Bestes tun, es bei unserem ersten Mal langsam anzugehen. Ich werde sehr sanft sein, Prinzessin. Ich werde dich mit meinem Mund kommen lassen, und wenn du bereit bist, wirst du ein braves, kleines Mädchen für mich sein und jeden Zentimeter nehmen. Und wenn ich in dir drin bin, werde ich dir in die Augen schauen und dir sagen, wie sehr ich dich liebe.«

Es scheint ihr zu viel zu sein, denn sie keucht und versucht, sich zurückzuziehen, doch ich halte sie fester.

»Und wenn du dich an meinen Schwanz gewöhnt hast, werde ich dich hart rannehmen«, sage ich, meine Stimme wird rau, denn verdammt, ich will sie jetzt. So verdammt sehr. »Und nachdem du auf meinem Schwanz gekommen bist, werde ich in dir abspritzen. Dann werde ich dich so liegen lassen und zuschauen, wie mein Sperma aus dir heraustropft. Wenn du mich also willst, solltest du besser verhüten, denn ich werde mein Mädchen nicht mit einem Gummi ficken. Und du wirst jeden Tropfen nehmen, weil du mein kleines, braves Mädchen bist.«

Als Harlow mich hart von sich stößt und zurücktaumelt, möchte ich lachen und einen Witz darüber machen, so wie ich es früher immer getan habe, doch ich widerstehe dem Drang. Ich lache nicht, grinse nicht, beobachte nur die tiefe Röte, die ihre Wangen färbt. Ihre Pupillen sind geweitet, ihre Augen glasig und ich weiß verdammt noch mal, was gerade in ihrem Kopf vorgeht.

»Du bist nass, Prinzessin«, sage ich und trete auf sie zu. »Du willst es. Okay. Du weißt, was zu tun ist.«

Ich lasse sie dort stehen, mit geöffneten Lippen, die Hand zur Faust geballt. Als ich gehe, schaue ich nicht zurück, denn ein Blick von ihr würde mich jetzt zurücklaufen und zu ihren Füßen betteln lassen und ich habe mich schon genug gedemütigt.

Und Harlow braucht keinen Schwächling. Sie braucht einen Mann, der sich um sie kümmert und sie zur Abwechslung mal die Schwache sein lässt. Ich weiß, wie satt sie es hat, stark zu sein.

Und so verlasse ich sie und gehe nach Hause. Ich frage mich nicht, was sie jetzt tun wird. Ich werde es am Abend wissen. Wenn sie in dem Geisterhaus in der Sycamore Street zwölf auftaucht, lasse ich mich von ihrem großen Bruder verprügeln. Dann nehme ich sie mit nach Hause und ficke sie besinnungslos, wie sie es verdient.

Als ich bei mir zu Hause ankomme, knalle ich die Tür zu und ziehe mich auf dem Weg ins Bad aus. Mir schmerzen die Eier. Ich bin mit einem verdammten Steifen nach Hause gelaufen und konnte nicht aufhören, daran zu denken, wie dieser Kuss geschmeckt hat, und mir vorzustellen, was heute Nacht passieren könnte.

Sie will mich. Das hat sie verdammt noch mal gesagt.

Manchmal wünschte ich, du würdest es ernst meinen.

Gott, die Art und Weise, wie sie das gesagt hat … Sie gibt mir Hoffnung und bringt mich gleichzeitig dazu, meinen Kopf gegen die Duschwand zu schlagen. Das hätte ich schon längst tun sollen. Wen kümmert es, wenn Noah mit einem Messer auf mich zukommt? Er kann mich nicht umbringen, denn dann würde seine kleine Schwester trauern. Und was sind schon ein oder zwei Narben, wenn ich sie haben kann?

Sie ist es verdammt noch mal wert.

Ich steige in die Dusche und schnaufe, als das kalte Wasser meinen Rücken trifft. Es erwärmt sich langsam, doch ich warte nicht, bis die Temperatur angenehm ist. Ich bearbeite bereits meinen Schwanz, packe ihn so fest, dass die Barbells in meinen Schaft drücken, doch es ist nicht genug.

Nichts wird jemals genug sein. Nur Harlow und ihre süße kleine Pussy.

Wenn sie heute Abend auftaucht, werde ich nicht lange bei den Jungs bleiben. Ich lasse Noah ausflippen, nehme Harlow und lasse die Jungs allein, um den letzten Job zu feiern. Silas und Caden gehen sowieso immer in eines der heruntergekommenen Zimmer und ficken.

Und obwohl Halloween ist, denke ich gar nicht daran, Harlow mit auf die Party zu nehmen. Nein, heute Abend will ich meine Prinzessin ganz für mich allein haben, mit geöffneten Schenkeln und ohne Prothese.

»Fuck«, stöhne ich, als mein Schwanz pulsiert.

Wenn ich sie mir so vorstelle, verletzlich, sich windend, wirklich nackt, ohne die Prothese, die ihr hilft, so zu tun, als sei sie normal und unversehrt – das schafft mich. Harlow ist so unglaublich, und wenn ihre Mauer fällt, ist sie die beste Version ihrer selbst.

Gott, wie ich sie ficken werde. Sie hat keine Ahnung. Ich werde sie vom Kopf bis zu den Füßen küssen, mit meinen Händen über ihren Hals streichen, meine Finger in ihren Mund stecken, in ihre Nippel beißen, gerade fest genug, dass sie aufschreien wird. Sie wird atemlos sein und meinen Namen mit dieser halb schüchternen, halb wütenden Stimme rufen, die sie vor einem Jahr angeschlagen hat, als sie sich im Spukhaus betrank und ich sie mit schmutzigen, wirklich schmutzigen Worten belästigte.

Mein Schwanz pulsiert in meiner Hand, hart, geschwollen, bereit zum Abspritzen. Ich bewege meine Hüfte und stelle mir vor, dass es nicht meine Hand, sondern Harlows Pussy ist, die ich ficke. Sie ist eng und feucht und so warm, und wenn ich kurz davor bin, zu kommen, schreit sie vor Schmerz und Verlangen auf. Und obwohl die Barbells ihr wehtun, sagt sie nicht, ich solle aufhören, weil es sich zu gut anfühlt …

Ich komme mit einem Grunzen, und als das Wasser mein Sperma wegspült, keuche ich hart und grinse vor mich hin. Heute Nacht wird gefickt. Ich weiß, dass sie kommen wird. Sie kann mir nicht widerstehen.

Als also die Nacht hereinbricht und Harlow nicht auftaucht, bin ich verdammt wütend. Ich bin sogar bereit, ihren beschissenen Freund auszuweiden, damit sie keine andere Wahl hat, als sich von ihm zu trennen. Ich trinke und wüte und Caden lacht über das, was er eine Teenagerschwärmerei nennt … Ich betrinke mich und bin bereit, sie selbst hierherzuschleppen.

Aber als die Kacke am Dampfen ist und wir über Noahs Leiche in einer Blutlache stehen, kann ich nur daran denken, wie verdammt froh ich bin.

Ich bin froh, dass sie nicht gekommen ist und ihren Bruder zu meinen Füßen sterben sieht.

 

 

 

Zwei Jahre später

 

Ich täusche ein Stöhnen vor und bewege mich auf Ryans Schwanz auf dem Rücksitz seines Autos. Ich sitze auf seinem Schoß und reite ihn im Reverse-Cowgirl-Stil, damit ich sein Gesicht nicht sehen muss. Wir atmen schwer. Die Scheiben des Autos sind beschlagen. Das Auto selbst ist dreckig, Burgerverpackungen und leere Dosen liegen auf dem Boden herum.

Die Musik ist laut genug, um das rhythmische Klatschen unserer Körper zu übertönen. Ich konzentriere mich und warte darauf, dass er fertig ist. Das war eine schlechte Idee. Ich weiß, dass ich meinen Funken schon vor einiger Zeit verloren habe, doch ich wollte es ein letztes Mal probieren.

Um dieses Hoch zu erleben.

»Ja, Babe«, sagt Ryan und ich merke, dass ich zu lange geschwiegen habe. Ich stöhne noch einmal und er drückt meine Hüfte zusammen.

Dort.

Ich konzentriere mich, schließe die Augen und spüre etwas. Eine kleine Blase in meiner Brust. Die Art und Weise, wie er meine Hüfte hält, scheint etwas zu sein, was ich brauche. Wenn er nur mehr mit seinen Händen machen würde …

»Das gefällt dir, du Schlampe«, keucht er, legt seine Hand auf meine linke Brust und drückt zu.

Ich gebe ihm ein weiteres vorgetäuschtes Stöhnen, doch innerlich brodle ich. Die Blase ist weg. Ich spüre nichts mehr. Das Rein-und-Rausgleiten seines Schwanzes bringt mich nicht voran, und wenn ich auf das Gleitmittel verzichtet hätte, das ich noch vor unserem Treffen aufgetragen habe, wäre es unangenehm für mich geworden.

Er trägt sowieso ein Kondom. Es gibt keinen Kontakt, keine Haut auf Haut. Es ist nur betäubend und nicht einmal angenehm. Einfach … nichts.

Ich bewege mich stärker, mein Kiefer ist angespannt. Für mich ist es heute gelaufen, doch ich muss ihn dazu bringen, es zu beenden. Denn wenn ich jetzt gehe, wird er wütend sein. Wie andere vor ihm wird er mich jagen und mich dafür bestrafen, dass ich ihn habe hängen lassen … Nein, denk nicht daran.

Der Punkt ist, ich habe meine Lektion gelernt. Ich lasse sie jetzt immer kommen.

Obwohl …

Ich lasse mich in Ryans Schoß sinken und für einen Moment gibt es nur die fröhliche Popmusik, die aus seinem Audiosystem dringt, und unserem schweren Atmen. Seine Hand fällt von meiner Brust und legt sich wieder auf meine Hüfte. Ich schließe die Augen.

Heute Abend ist es so weit. Ich werde es tun. Und das bedeutet, er kann so wütend auf mich sein, wie er will. Es stört mich nicht mehr.

Ich muss seine schäbige Art nicht eine Minute länger ertragen.

Morgen wird alles vorbei sein.

»Na dann, tschüss«, sage ich.

Ich öffne die Tür und sprinte hinaus, ohne mich um mein Höschen zu kümmern. Er hat es sowieso nur zur Seite geschoben, also ist es mir egal. Keine Unterwäsche an meinen Knöcheln, die mir im Weg ist.

Ich schlage die Tür zu und renne, denn ich weiß, dass es jetzt hitzig werden kann. Wenn er mich erwischt, wird er mich gegen das Auto ficken – grob und grausam. Davon werde ich keinen Funken verspüren, obwohl es einem Teil von mir gefällt, gejagt und gefangen zu werden.

Aber nicht von Ryan. Nicht von jemandem, den ich kenne.

Ich höre gedämpfte Schreie hinter mir, doch es dauert einen Moment, bis er seinen Schwanz in der Hose hat. Und wenn er dann aus dem Auto steigt, bin ich schon weg.

Jeder unterschätzt mich. Das verkorkste Mädchen. Es ist, als ob sie nicht einmal sehen können, dass mit meinen Beinen alles in Ordnung ist und ich verdammt noch mal rennen kann.

Alles, was sie sehen, ist mein rechter Arm.

Ich atme jetzt schneller, ein Hochgefühl durchströmt mich, während ich zwischen den Wagen hindurchschieße und das Autohaus von Ryans Vater verlasse. Er will immer hier ficken, hinten auf dem Parkplatz, manchmal in seinem eigenen Auto, manchmal in einem von denen, die zum Verkauf stehen.

Er scheint sich wie ein König zu fühlen, der auf sein zukünftiges Königreich blickt, während ich seinen Schwanz bearbeite.

Loser.

»Du verdammte Hure«, brüllt er in der Ferne. Ich lache leise und schleiche mich durch das rostige Tor hinaus.

Es ist bereits dunkel und Nebel steigt über den verwahrlosten Grundstücken rund um das Autohaus auf. Es ist kalt, die Luft feucht und eisig, doch ich brenne von innen heraus. Je schneller ich renne, desto heißer brenne ich und bald ist Ryan hinter mir vergessen.

Jetzt wird er mich nie mehr kriegen. Keiner von ihnen wird das.

Ich bin frei.

Doch schon bald befinde ich mich zwischen den Wohngrundstücken. Die wilden Außenbezirke unserer Stadt weichen Straßen mit spießigen Häuserzeilen. Die Menschen gehen im müden Schein der Straßenlaternen spazieren, Kinder lachen und schreien vor Aufregung. Gefallene Blätter knirschen unter meinen Schuhen, es raschelt oben in den Baumkronen. Ich atme die eisige Luft tief ein. Sie ist mit dem rauchigen Aroma brennender Kerzen versetzt.

Es ist Halloween.

Ich werde langsamer. Ich ziehe schon genug mitleidige Blicke auf mich, da muss ich nicht auch noch die Straße entlangsprinten. Die Leute können gar nicht anders, als mich anzustarren, hat man mir gesagt. Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie mich weniger bemerken.

Falle nicht auf. Errege keine Aufmerksamkeit.

Ich bedaure zutiefst, dass ich meine Schritte verlangsame und ruhiger atme. Denn wenn ich nicht mehr laufe, erlischt das Feuer in mir.

Es ist immer so. Ich laufe jeden Tag, ein oder zwei Stunden, wenn ich kann. Doch das sind nur zwei von vierundzwanzig Stunden. Wie soll ich von zwei Stunden am Tag leben? Den Rest der Zeit bin ich tot.

Ein krankes, taubes Gefühl kraucht aus meinem Bauch nach oben, wickelt sich um mein Herz und meine Lunge, streckt sich in meine Glieder. Mit ihm kommt der Schmerz. Die Handfläche meiner Armprothese pulsiert und pocht, das Hämmern beginnt. Ich versuche, mich klein zu machen und gehe wieder schneller.

Doch an die Phantomschmerzen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Ich habe mein Oxycodon aufgespart und leide jetzt schon seit Wochen. Das ist nichts Neues.

Was neu ist, ist die große Angst, die mich erfüllt, wenn ich darüber nachdenke, wo ich heute Abend hingehen werde. Ich war nicht mehr dort, seit ich neunzehn war und Noah mich zur Feier mitgenommen hat, nachdem er mir die neue Prothese besorgt hatte. Die, die ich immer noch trage.

Er hat zwanzig Riesen dafür bezahlt, und ich wusste, dass ich nicht fragen sollte, woher er das Geld hatte. Zumal ich bereits einen Verdacht hatte. Jeder in der Stadt redete darüber und nur ein Idiot würde den Zusammenhang nicht erkennen.

Schade, dass man sie wegwerfen wird, denke ich und fahre mit den Fingern über die glatte schwarze Oberfläche meines Arms. Doch er wurde extra für mich angefertigt. Ich bezweifle, dass jemand anderes ihn benutzen kann.

Ich schiebe mich an den Süßigkeiten sammelnden Menschen vorbei und erreiche schließlich das Haus meiner Tante. Janet wohnt in einer winzigen Wohnung und ich schlafe auf der Couch. Sie hasst es und daran erinnert sie mich jeden Tag. Sie braucht ihren Freiraum, damit sie ihre ›Freunde‹ einladen kann.

Heute Abend wird sie die Wohnung für sich allein haben. Sobald sie von der Bar zurück ist, natürlich.

Ich schnappe mir Kleidung zum Wechseln aus der zerkratzten Kommode, in der ich meine Sachen aufbewahre, und gehe unter die Dusche. Für Ryan habe ich mich aufreizend gekleidet. Ich habe mich für einen Rock entschieden, den man leicht hochziehen kann, und ein enges Oberteil, das meine Brüste zur Geltung bringt.

Das Outfit, das ich jetzt auswähle, ist genauso gewagt, aber auf eine andere Art. Normalerweise trage ich so etwas nicht, weil die Leute es nicht mögen, wenn sich ein verkorkstes Mädchen als Gothic Lolita verkleidet. Das ist zu viel für sie.

Die ungeschriebene Regel lautet: Da ich ohnehin schon auffalle, sollte ich alles tun, um mich anzupassen. Wenn ich das nicht tue, werde ich bestraft. Männer rufen und pfeifen mir hinterher, und zwar nicht in einer Weise, die mir meinen Funken zurückgibt. Mütter wechseln auf die andere Straßenseite, wenn sie mich sehen. Teenager kichern.

Aber es ist Halloween, denke ich, als das lauwarme Wasser, wärmer wird es nicht, an meinem Körper herunterläuft und Ryans Schweiß abwäscht. Ich kann mich an Halloween verkleiden.

Heute Abend kann ich alles tun.

Sauber und mit frischen Klamotten hole ich meinen gesamten Oxy-Vorrat aus einem Loch hinter dem Kühlschrank hervor. Janet weiß nichts davon. Sie würde meine Medikamente jederzeit gegen ihre Drogen tauschen, also habe ich jahrelang so getan, als würde ich sie nicht mehr bekommen.

Ich lüge auch über meine Invaliditätsleistungen. Sie verlangt, dass ich ihr alles gebe, was ich bekomme, meckert über die Lebenshaltungskosten und beschwert sich, dass ich zu viel esse. Sie gibt das, was sie von mir bekommt, für billigen Tequila und Drogen aus. Ich gebe das restliche Geld für Kondome, Gleitmittel und Laufschuhe aus.

Ich verbrauche alle paar Monate ein Paar. Auch die Kondome und das Gleitgel gingen früher schnell zur Neige. Doch jetzt, wo ich meinen Funken verloren habe, brauche ich nicht mehr so viel.

Und ab morgen werde ich gar nichts mehr brauchen.

Meine Hand pocht dumpf, als ich das Oxy in meine Tasche stecke. Darin befindet sich alles, was ich normalerweise mitnehme, wenn ich ausgehe, also Taschentücher, Kondome, eine ramponierte Thermoskanne mit etwas Tequila, den ich Janet geklaut habe. Die Flasche mit dem Gleitmittel ist fast voll und hat zusätzliches Gewicht, also überlege ich, sie zurückzulassen. Aber nein. Vielleicht habe ich ja noch eine Chance, es zu benutzen.

Ein letztes Mal.

Ich lasse meine Schlüssel zurück und verstecke sie unter einem Couchkissen, falls Janet früher zurückkommt und nüchtern genug ist, um zu bemerken, dass ich weg bin. Ich will nicht, dass sie heute Nacht nach mir sucht. Nicht, dass sie das üblicherweise tun würde, aber ich will kein Risiko eingehen.

Alles ist bereit. Alles, was bleibt, ist, aus der Wohnung zu gehen. Mein Ziel ist nicht weit. Ich werde in circa zwanzig Minuten dort sein. In zehn, wenn ich renne.

Und doch halte ich inne.

Der Schmerz wird stärker, Nadeln stechen in meine Handfläche und meinen Arm, Feuer verbrennt meine Haut, Hämmer zerschmettern meine Knochen. Das ist die Erinnerung daran, wie es passiert ist. Das und Noahs verzweifelte Stimme.

Ich hab dich. Du schaffst das. Ich bin bei dir.

Ich seufze und drehe mich zu meiner Kommode um. Mit zitternder Hand nehme ich ein verblichenes Foto mit weichen, abgenutzten Rändern heraus und werfe einen Blick darauf.

Da bin ich, noch ganz, lachend in einer Schaukel, und Noah hinter mir, wie er mich anschubst. Ich war damals sechs. Er war zwölf und schon der beste große Bruder, den ich mir hätte wünschen können. Wenn Mom betrunken auf der Couch lag und getrocknete Kotze ihren Mund verkrustete, ging er immer mit mir auf den Spielplatz. Wir verbrachten dort Stunden und taten, was wir konnten, um unsere knurrenden Mägen zu ignorieren.

Dieses Foto wurde von einer Frau aufgenommen, die oft mit ihrem Sohn vorbeikam. Zum Glück ist er nicht auf dem Bild, seine Anwesenheit spüre ich trotzdem. Sie ist kalt und schleimig und verdirbt mir die Erinnerung.

Ich stecke das Foto in meine Tasche und tue mein Bestes, um meine Gedanken vom Wandern abzuhalten. Vergiss Michael.

Und obwohl mein Verstand starr und unter Kontrolle ist, liegt mir diese kranke Demütigung wie ein Stein im Magen. Aber sie treibt mich zur Tür hinaus, also ist sie nicht nur schlecht.

Was mich weitermachen lässt, kann nicht vollkommen schlecht sein.

Draußen lässt mich die klirrende Kälte frösteln. Ich habe keine Jacke mitgenommen, nicht aus Versehen, sondern weil ich die Kälte begrüße. Das macht die Schmerzen erträglicher. Ich öffne und schließe meine Faust, die Prothese reagiert mit minimaler Verzögerung, wie sie es immer tut.

Ich spüre, wie der Phantomschmerz ein wenig nachlässt, und seufze erleichtert auf. Es ist Zeit, loszulegen.

Es ist nach zehn Uhr abends, die Straßen sind merklich leerer geworden. Die meisten Kinder sind schon zu Hause und die Partys für die Älteren finden am anderen Ende der Stadt statt. Wo ich hingehe, herrscht nur unheimliche Stille.

Was eigentlich ironisch ist. Denn vor der Tragödie war das Haus in der Sycamore Street zwölf ein beliebter Treffpunkt und ein Ort, an dem sich Teenager an Halloween Mutproben stellten. Es ist ein dunkles, kaputtes Gebäude mit schwarzen Wänden, einem eingedrückten Steildach und einem Ziergiebel.

Die Schornsteine sind halb eingestürzt, ihre gezackten Kanten schneiden in den lichtverschmutzten Himmel.

Es sieht aus wie ein Geisterhaus, und das nicht nur nachts. Als ich ein Kind war, gingen wir jedes Mal auf die andere Straßenseite, wenn wir an Hausnummer zwölf vorbeikamen, selbst mittags an Hochsommertagen. Wir hatten Angst, dass etwas durch den rostigen Eisenzaun greifen und uns hineinziehen könnte.

Ich lächle bitter und denke daran, wie unschuldig ich früher war. Heute weiß ich, wovor ich Angst haben muss. Geister und der Boogeyman sind mir lieber als die Ängste, die ich jetzt habe.

Jederzeit.

Ich bleibe vor dem schmiedeeisernen Tor stehen und schaue mir das Haus einfach nur an. Es ist dunkel und tot und strahlt eine kalte, bedrohliche Aura aus. Ich weiß, dass sie nur in meinem Kopf existiert wegen dem, was hier vorgefallen ist, aber ich zittere trotzdem. Ich habe die Fotos gesehen und sie haben sich in meinen Kopf eingebrannt.

Die schwarzen Leichensäcke, die durch dieses Tor hinausgerollt wurden. Die Blutflecken auf den staubigen Hartholzböden im Inneren.

Ich atme tief ein und richte mich auf. Meine Handfläche schwitzt, während die andere mit einem schrecklichen, knochenzerfetzenden Schmerz pulsiert, als ich nähertrete.

Das Tor hängt schief, eine Seite ist aus den Angeln gehoben, sodass ein Spalt entstanden ist, gerade breit genug, damit ich hindurchtreten kann. Ich balle meine Fäuste, spanne meinen Kiefer an und gehe los.

Der Weg hinauf zum Haus ist steil und verwahrlost, Müll und Schutt liegen auf dem Grundstück verstreut. Ich schlängele mich zwischen den Hindernissen hindurch und komme schließlich zu den Stufen der Veranda. Ich steige sie hinauf. Mein Herz hämmert immer heftiger, je näher ich der Tür komme. Die Stufen knarren bedrohlich unter meinen Füßen.

Erstaunlicherweise sieht die Tür solide aus und ist nicht verschlossen. Sie steht einladend offen, und ich sehe einige vergilbte Blätter, die der Wind hineingeweht haben muss.

Letzte Chance zum Rückzug.

Ich gehe über die knarrende Veranda, meine schwarzen Turnschuhe poltern leicht über das Holz, und stoße die Tür auf. Sie knarrt so laut, dass ich über meine Schulter schaue, weil ich plötzlich Angst habe, jemand könnte es hören. Doch das Haus ist weit von der Straße entfernt. Außerdem werden die Nachbarn nicht nachsehen, wenn sie vermuten, dass an Halloween jemand hier ist.

Nein, sicher nicht. Ich bin ungestört.

Mit der linken Hand auf die Brust gepresst, um das wilde Klopfen meines Herzens einzudämmen, gehe ich hinein und bleibe gleich nach dem Überschreiten der Schwelle stehen. Ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit des verlassenen Hauses gewöhnt haben.

Nein, keine Dunkelheit. Scheiße.

Ich bemerke den Schein einer Kerze, der von einer offenen Tür zu meiner Rechten ausgeht. Als ich mich umdrehe, um abzuhauen, weil ich weiß, dass ich nicht bleiben kann, wenn noch jemand hier ist, knallt mir die Tür vor der Nase zu.

Und als ich mich mit einem Wimmern wieder umwende, ist die Kerze erloschen.

Ich bin in der pechschwarzen Dunkelheit gefangen. Mein Magen kocht vor Übelkeit, mein Körper ist wie gelähmt.

Jemand flüstert.

»Sie ist hier.«

Ich schwebe vor ihrem Gesicht und betrachte sie mit gierigen Augen. Sie hat sich in den zwei Jahren, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, verändert. Und es gefällt mir. Es zeigt mir, dass sie genauso gelitten hat wie wir.

Das heißt nicht, dass ich ihr verzeihe, aber es lindert den Hass, den ich empfinde, und verwandelt ihn in etwas weniger Kaltes.

Ich sehe, dass ihre Wangenknochen jetzt stärker hervortreten. Sie bewältigt alles, indem sie laufen geht, doch isst eindeutig nicht genug. Es ist, als wäre sie schon auf halbem Weg zur anderen Seite, alles Überflüssige weggeschnitten, sodass nur noch das Wesentliche von ihr übrig geblieben ist.

Doch ihre Lippen sind noch immer prall und weich. Sie leckt sie nervös, dreht den Kopf hin und her und versucht, mich zu sehen. Ich neige meinen zur Seite und schaue zu, ohne zu blinzeln. Ihre Angst ist wie eine weiche Decke über meinem quälenden Zorn.

Es liegt an ihren Augen. Sie sind weit aufgerissen, so groß in ihrem schmalen Gesicht. Die Farbe, an die ich mich von früher erinnere, ein warmes Braun im Kerzenlicht, ist nichts Besonderes. Doch an ihr sieht sie unglaublich aus. Samtig und einladend.

Ich nehme deine Einladung an.

Sie trägt falsche Wimpern und ich grinse bei dem Gedanken, wie sie sich für uns geschminkt hat. Sie weiß nicht, dass wir diejenigen sind, die in den Genuss ihrer Bemühungen kommen werden. Das macht dieses Spiel umso süßer.

Als ich mich zurücklehne, um sie ganz in Augenschein zu nehmen, wird mein Grinsen breiter. Ich mag ihr hübsches schwarzes Kleid mit Spitze und Rüschen und ihr blondes Haar, das ihr sanft über die Schultern fällt.

Hübsche, hübsche Prinzessin in schwarzer Trauerkleidung. Wie passend.

Sie sieht aus wie eine Puppe und es juckt mich in den Fingern, sie gegen die Wand zu schlagen.

Aber zuerst spielen wir. Später wird gearbeitet.

Sie holt tief Luft, die Hand auf der Brust, die schwarze Prothese zur Faust geballt. Ich weiß noch, wie sie sie zum ersten Mal anprobiert hat. Noah strahlte vor Stolz neben seiner kleinen Schwester.

Sie waren beide so glücklich. Und alles, woran ich denken konnte, war die vernarbte, zerfetzte Haut ihres Stumpfes, die genau dort endete, wo ihr Ellbogen sein sollte. Ich sah ihn, bevor sie ihren neuen Arm anlegte, auch wenn sie versuchte, ihn zu verbergen, unbeholfen und verlegen. Ich hatte so viele Fragen.

War er empfindlich? Tat er weh? War es ihr Hard Limit, ihn zu berühren?

Das werde ich heute Abend herausfinden. Kein großer Bruder kann mich jetzt aufhalten.

»Hallo?«, ruft Harlow, ihre Stimme ist kratzig. Sie räuspert sich und versucht es erneut. »Wer ist da?«

Ich lache leise. Sie wirft ihren Kopf in meine Richtung. Süße, verführerische Angst strömt aus ihr heraus. Ihr Atem bleibt ihr im Hals stecken. Sie greift nach hinten, tastet nach der Türklinke.

Es klappert, als sie versucht, die Tür zu öffnen. Vergeblich, Prinzessin. Sie ist verschlossen.

»Bitte«, ruft sie erneut, ihre Stimme bricht. »Lass mich raus. Ich wusste nicht, dass jemand hier ist. Ich wollte nicht stören!«

Natürlich wusste sie es nicht. Wie auch? Aber es macht mich wütend. Wir wussten die ganze Zeit von ihr, waren gefangen und an sie gebunden, und sie hat es nicht einmal gewusst. Sie wollte uns nicht stören. Ich ziehe eine Grimasse, heiße Wut steigt in mir auf wie Galle und verbrennt mich von innen heraus.

Pech gehabt, Sonnenschein. Absichten spielen keine Rolle.

Nur Handlungen.

Aus dem Augenwinkel sehe ich Caden. Er schüttelt den Kopf und ich nicke, weil ich weiß, was er sagen will. Wir sind uns über den Plan einig. Dieses Spiel ist unsere Rache und sie soll so lange andauern wie möglich. Die ganze Nacht lang. Ich kann es ihnen nicht verderben, indem ich es zu früh beende.

Ich lasse meiner Wut freien Lauf. Harlow bekommt Schluckauf, weil sie etwas spürt. Sie dreht sich zur Tür und zieht an der Klinke, ringt mit ihr, bis das alte Ding nachgibt und sie mit ihr in der Hand auf dem Hintern landet.

Die Tür ist immer noch verschlossen.

Sie wimmert vor Schmerz und Angst, und plötzlich möchte ich über ihre Haut lecken. Den Angstschweiß an ihrer Kehle schmecken. Über ihren Kiefer lecken und spüren, wie sie sich anspannt, während sie wimmert.

Scheiße. Ich brauche das jetzt. Unsere Prinzessin muss anfangen zu rennen.

Ich sehe Caden mit hochgezogenen Brauen an. Doch er schüttelt wieder den Kopf, obwohl ich sehe, wie seine Augen vor Wut brennen und auf sie gerichtet sind. Er hasst sie weniger als ich, sehnt sich weniger nach ihr als ich, doch er will sie trotzdem betteln sehen. Auf den Knien, wo sie hingehört.

Es gibt einen kleinen Aufprall oben. Harlow keucht und dreht sich zur Treppe. Ich weiß, dass sich ihre Augen jetzt an die Dunkelheit gewöhnt haben. Sie kann die Umrisse von Dingen sehen. Sie kann es also schaffen, durch das Haus zu rennen.

Es ist Zeit.

Silas erscheint am oberen Ende der Treppe, den Mund zu einem bösartigen Grinsen verzogen. Seine Augen kleben an ihr und etwas zieht über sein Gesicht, ein dunklerer Schatten. Er will sie nicht so sehr wie ich, doch er hasst sie noch mehr, glaube ich. Silas hasst es, gefangen zu sein, und im Moment ist sie unser Käfig.

Er wird sie auf dem Weg nach draußen brechen, das weiß ich einfach. Mit Vergnügen.

Endlich wendet er seinen Blick von Harlow ab, sein Gesicht ist ernst und unsere Blicke treffen sich. Er grinst langsam, als sie wimmert. Ich erwidere sein Lächeln und die Aufregung, die wir teilen, tanzt in seinen Augen. Er nickt mir zu und Caden auch.

Ich gluckse wieder, woraufhin sie sich ängstlich umschaut und langsam näher kommt.

Noch näher. Da ist sie. Ich senke meinen Kopf, um unserer Prinzessin in die Augen sehen zu können, und genieße ihren Schrecken, die elektrische Spannung in ihrem Körper, der ich nicht widerstehen kann. Ich spüre ihren verängstigten Atem, und das macht mich verrückt.

Es ist so lange her, dass ich etwas gespürt habe.

Wir stehen uns gegenüber, Auge in Auge, und sie spürt mich. Sie wimmert, ihre üppigen Lippen beben und ich grinse. Meine Vorfreude ist auf dem Höhepunkt.

Harlow ist angespannt und bereit, zu fliehen, ihr ganzer Körper vibriert vor Energie. Lauf, Prinzessin, denke ich, während ich mich näher an sie heranlehne. Sie ist eine geladene Waffe, und ich darf den Abzug betätigen.

Ich bringe meine Lippen an ihr Ohr und flüstere.

»Buh.«

Entsetzen durchfährt meinen Körper. In einem Moment stehe ich still, zu Tode erschrocken, im nächsten renne ich. Ein verstörendes männliches Lachen verfolgt mich und ich keuche, stolpere über etwas, während ich durch das Haus laufe.

Ich weiß nicht mehr, ob es eine Hintertür gibt, doch es muss eine geben. Ich halte an diesem Gedanken fest und renne instinktiv in die Richtung.

Als ich mit der Schulter gegen einen Türrahmen stoße, zucke ich zusammen und spüre kalte Luft auf meinem Gesicht. Ich gehe von Raum zu Raum und plötzlich …

Da!

Eine Hintertür, die weit offen steht und die Kälte hereinlässt. Ich beschleunige. Ich bin fast da. Dann prallt meine Hüfte gegen einen Tisch. Ich heule auf und taumle zur Seite.

Es ist zu dunkel, um zu sehen, wohin ich gehe. Obwohl ich schwören könnte, dass der Tisch vor einem Moment noch weiter weg stand.

Ich reiße mich zusammen und stürme zur Tür. Ich bin fast da, als sie zuschlägt und ich mit dem ganzen Körper dagegenstoße. Ich beiße mir auf die Zunge und falle auf meinen Hintern, schreie vor Schmerz.

Meine Nase tut höllisch weh. Wenn ich sie berühre, sind meine Finger nass. Blut. Doch der Knochen scheint nicht gebrochen zu sein. Meine Zunge pulsiert vor Schmerz und ich schmecke Blut. Es ist ein kupfriger, dicker Geschmack, der mich erdet und mir hilft, mich zu orientieren.

Jemand spielt mit mir und es sind eindeutig mehrere Personen. Erst haben sie die Vordertür geschlossen und jetzt diese. Ich frage mich, wie der, der jetzt draußen ist, wieder reinkommen will.

Was auch immer sie tun, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich den Spaß entgehen lassen wollen, mich zu Tode zu erschrecken. Und das bedeutet, dass es einen anderen Ausweg gibt. Ich muss ihn nur finden.

Also gut. Solange es noch einen Weg raus gibt, ist alles gut.

Beruhige dich, H. Du schaffst das.

Ich schaue mich um, mein rasender Atem verlangsamt sich. Der Schmerz breitet sich in meinem ganzen Körper aus, hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Ironischerweise werde ich durch den Schmerz rationaler. Vielleicht, weil ich so sehr daran gewöhnt bin.

Im Haus ist es still, nur mein Atem erfüllt die alte Küche. Unter Schmerzen stehe ich auf und gehe zum Waschbecken. Als ich den alten Wasserhahn betätige, kommt allerdings kein Wasser. Das ist okay. Das Blut in meinem Gesicht ist das geringste meiner Probleme.

Ich sehe mich wieder um, doch ich bin allein. Es ist seltsam, wenn ich so darüber nachdenke. Warum sollten sie mich jetzt allein lassen? Ich erstarre, halte den Atem an. Ich versuche zu lauschen, doch außer dem Kratzen eines Astes am Fenster ist nichts zu hören.

Warum sollten sie mir eine Pause gönnen? Vielleicht um mich zu verunsichern.

Es funktioniert. Auch wenn ich jetzt ruhiger bin, summt mein Körper, ist lebendig und elektrisch. Die Erregung, die ich spüre, legt sich wie ein Draht um mich und verbindet alle Nerven zu einem explosiven Netz. Ich spüre es überall.

Ich war noch nie so verängstigt. So lebendig. Ein Hochgefühl pocht durch meine Adern und für einen wahnsinnigen Moment wünsche ich mir, sie hätten mir keine Pause gegönnt.

Um diesen Gedanken sofort zu verdrängen, knurre ich mich selbst an, frustriert und wütend. Diese Leute wollen mich verletzen. Ich muss mich konzentrieren.

Ich versuche, mir vorzustellen, wer sie sein könnten. Michael und Greg kommen mir natürlich in den Sinn. Vielleicht haben sie sich mit Ryan zusammengetan, um mir eine Lektion zu erteilen? Es passt, aber es gibt ein Problem an meiner Theorie. Die Stimme, die ich gehört habe, passt zu keinem von ihnen.

Sie kommt mir zwar vage bekannt vor, doch ich kann sie nicht richtig einordnen. Es könnte jemand aus der Stadt sein. Irgendwelche Wichser, die mich gesehen und beschlossen haben, sich einen Spaß mit mir zu erlauben. Das macht Sinn. Wenn wir eines haben, dann zu viele Verrückte in der Gegend.

Es ist wahrscheinlich nichts Persönliches. Das gibt mir Hoffnung. Persönliche Vendetten können ziemlich weit gehen. Doch wenn sie sich nur einen Spaß daraus machen wollten, das verkorkste Mädchen zu erschrecken? Dann sind sie wahrscheinlich harmlos.

Ich schaue mich noch einmal um und lausche, doch das Haus ist gespenstisch still. Diese Stille hängt allerdings schwer in der Luft. Voller Vorfreude lässt sie Schmetterlinge in meinem Bauch aufsteigen.

So leise ich kann, gehe ich zur Hintertür und versuche, sie zu öffnen. Sie wackelt nicht einmal, egal wie sehr ich an ihr rüttle. Die Tür bleibt verschlossen.

Ich atme tief durch, lasse los und erinnere mich schließlich an meine Tasche.

Ich habe sie noch immer bei mir. Und auch wenn keine Waffen drin sind, habe ich mit ihr, was ich brauche. Ich schaue mich um. Sie mögen mich beobachten, doch ich kann sie nicht sehen. Es scheint, als wäre ich ganz allein.

Vielleicht hatten sie ihren Spaß und sind gegangen?

Ich bin aus einem bestimmten Grund hierhergekommen, erinnere ich mich, während ich meine Hand in die Tasche schiebe und das Oxy umklammere.

Wer auch immer es ist, ich werde mich nicht von ihnen aufhalten lassen. Alles, was sie tun, hilft mir, entschlossener zu sein. Ich bin bereit.

Und ich werde nicht warten, bis sie für die zweite Runde zurückkommen. Mit ruhigen Händen nehme ich die Pillendose und stecke mir ein paar Oxys in den Mund. Ich stelle den Behälter auf den Küchentresen, fische die Thermoskanne heraus und spüle die Pillen mit Tequila herunter. Dann nehme ich die nächsten. Und die nächsten.

Als ich alle geschluckt habe, werfe ich die Dose in die Spüle und nehme die andere heraus. Ich mache keine halben Sachen. Wenn ich eine Überdosis will, dann ganz oder gar nicht. Ich schlucke die Pillen und trinke. Mein Magen rebelliert, Übelkeit verdreht meine Eingeweide und ich huste, lehne mich gegen das Waschbecken und halte mich am Rand fest. Ich atme durch die Nase, entschlossen, alles hinunterzuschlucken. Langsam beruhigt sich mein Magen.

Ich richte mich auf und führe die Pillendose zum Mund, als sie mir plötzlich aus der Hand geschlagen wird.

Die Tabletten klappern und verstreuen sich auf dem Boden. Ich fahre herum, um denjenigen zu finden, der sie mir aus der Hand geschlagen hat. Doch ich bin allein. Es ist niemand hier … Bis ich eine Stimme direkt hinter mir höre.

»Nicht so schnell, Prinzessin.«

Etwas Hartes trifft meinen Kopf, meine Zähne schlagen aufeinander und ich falle. Vielleicht liegt es an dem Schlag. Oder vielleicht beginnen die Pillen zu wirken.

Aber die Welt verdunkelt sich und ich bin froh darüber.

Ich wache schweißgebadet, groggy und mit Schmerzen am ganzen Körper auf. Zuerst kann ich nicht einmal die Augen öffnen. Es kostet mich Mühe, zu verstehen, wie mein Körper in diese verrenkte Position gekommen ist.

Meine Kehle brennt und ich habe einen sauren Geschmack im Mund. Ich schlucke immer wieder und versuche herauszufinden, was es sein könnte. Und dann weiß ich es. Ich muss gekotzt haben.

All meine sorgfältig aufgesparten Pillen sind weg.

Wer auch immer vorher mit mir gespielt hat … Sie haben mich aufgehalten. Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte nachsehen sollen, ob sie wirklich gegangen waren. Oder habe ich gehofft, dass mich jemand aufhalten würde? Vielleicht war ich ein Feigling, sogar jetzt.

Immer so verängstigt.

Verbittert und enttäuscht von mir selbst, schaue ich mich um, während die Realität durch meine Benommenheit hindurch auf mich einstürzt. Ich reiße die Augen auf. Der Schrecken durchfährt meine Glieder.

Ich bin aufrecht, aber ich stehe nicht wirklich. Ich hänge eher. Meine Arme sind hinter meinem Rücken zusammengebunden. An meinem Oberkörper befindet sich eine Art Gurt, dessen Seile oberhalb und unterhalb meiner Brüste in meine Haut schneiden. Ich hänge in diesem Harness, meine Füße berühren knapp den Boden. Es ist unangenehm, aber es tut nicht weh. Es fühlt sich auch stabil an. Die Seile halten mich problemlos oben.

Scheiße.

Noch immer benommen, aber deutlich wacher, stemme ich meine Füße auf den Boden und meine Beine zittern. Ich öffne meine Augen.

Ich befinde mich in einem mit Kerzen beleuchteten Raum, den ich nicht kenne. Er ist groß und leer, es gibt keine Möbel. Es liegt auch kein Müll auf dem Boden. Es sieht sauber, aber vernachlässigt aus, wie der Rest des Hauses. Die schmutzige Tapete blättert an einigen Stellen ab.

Die Kerzen sind in Gruppen angeordnet, fünf oder mehr in jeder Ecke des Raums, was dem Ganzen eine träumerische, unwirkliche Note verleiht. Flammen tanzen, Wachs tropft an den Seiten auf den Holzboden herab, gelegentlich zischt es leise.

Ich kann niemanden sehen. Gott sei Dank, ich bin allein.

Mein Atem geht hektisch und wird von Sekunde zu Sekunde schneller, während ich nach oben schaue und herauszufinden versuche, wie ich gefesselt bin. In der Decke über mir sind zwei Haken befestigt, an denen jeweils gespannte Seile herabhängen. Ich versuche, mich zur Seite zu bewegen. Meine Beine können der Bewegung ein wenig folgen, doch mein Oberkörper bleibt unbeweglich. Das Seil lässt mir keinen Spielraum.

Verdammt noch mal.

Wenigstens bin ich noch angezogen. Aber auch das ist kein großer Trost. Die Seile, die um meine Brüste gebunden sind, lassen mich erahnen, was passieren wird. Ich wimmere ängstlich und schüttle den Kopf, während mir die Tränen in die Augen steigen.

Nein. Nicht schon wieder.

»Gut geschlafen?«

Ich schreie auf und höre eine amüsierte Männerstimme direkt hinter mir. Ich versuche zu sehen, wer es ist, doch der Harness hält meinen Oberkörper nach vorn gerichtet und meinen Kopf kann ich nicht weit genug herumdrehen, um etwas zu erkennen. Ich sehe nur ein Fenster mit Vorhängen und einen Schatten an der Wand, der sich im zittrigen Tanz der Kerzenflammen bewegt.

Er sieht riesig und bedrohlich aus und ich schluchze, kann meine Tränen nicht zurückhalten.

Es passiert schon wieder. Und ich kann mich nicht wehren.

»Hey, shh«, sagt er, seine warmen Finger streichen meinen linken Arm hinauf. »Kein Grund zu weinen, Prinzessin. Noch nicht.«

»Lass mich gehen!« Ich schluchze, meine Stimme ist von Tränen und Angst erfüllt.

»Pst, Baby. Es wird alles gut. Alles wird gut. Weine noch nicht.«

Seine Hand wandert zu meinem Gesicht. Sanft wischt er mir die Tränen von der Wange und ich erstarre.

Funke.

»So ist’s brav«, murmelt er, sein Daumen streicht über meine Wange, während er mit der anderen Hand über mein Gesicht fährt. »Siehst du? Kein Grund zu weinen. Ich habe dich.«

Funke. Funke.

Ich wimmere erschrocken und verwirrt, als er mein Gesicht in seinen Händen hält und es mit seinen langen, warmen Fingern umrahmt. Ich spüre die Wärme seiner Anwesenheit direkt hinter mir. Sie fließt meinen kalten Rücken hinunter und drückt sich in die Rückseite meiner Oberschenkel. Doch meinen Körper berührt er nicht. Nur mein Gesicht.

Mein Atem geht rasend schnell, ein Geräusch bleibt mir im Hals stecken. Ich bin zu ängstlich, um es herauszulassen, also schlucke ich wieder und wieder und halte es zurück.

Weil es kein Schrei ist. Es ist ein Stöhnen, und kein falsches.

Und ich kann nicht …

Ich atme tief ein, balle meine Fäuste und bereite mich auf das Kommende vor. Das ist beschissen. Was auch immer sie mir antun werden, ich kann nicht zulassen, dass ich etwas davon genieße. Ich kann meine Reaktion auf seine Berührung nicht zeigen. Ich kann nicht zulassen, dass ich mich noch mehr reinreite, als ich es bereits getan habe.

»Hey, tief einatmen«, sagt er mit tiefer Stimme an meinem Ohr. Die warme Luft, die er ausatmet, kitzelt mich. Ich presse meine Lippen zusammen und drücke meine Zähne in sie hinein, als es wieder passiert.

Funke.

Ich darf das nicht fühlen. Nicht jetzt, nicht hier. Ich weiß nicht einmal, wer er ist, wie er aussieht! Er hat mich gefesselt und hält mich hier gegen meinen Willen fest.

All diese Gedanken schießen mir durch den Kopf, hektisch und drängend, aber mein Körper wird immer noch von dem prickelnden Licht durchflutet, nach dem ich mich schon so lange gesehnt habe. Es ist schon so lange her, dass ich es gespürt habe, die Versuchung ist zu groß. Ich möchte mich in ihm verlieren. Ich möchte, dass mein Körper vor Funken sprüht.

Doch ich kann es nicht. Gott, ich kann nicht.

»Atme mit mir, Prinzessin«, sagt er und streicht mit einer Hand sanft über meine Kehle.

Ich wimmere fast vor Erleichterung. Er wird mir jetzt an die Brüste fassen. Das machen sie immer so. Er wird mir an die Brust fassen, in den Nippel kneifen, und ich werde diesen Funken verlieren. Ich werde mich erschrocken, angewidert und verletzt fühlen.

Das sollte ich auch.

Ich zittere, mein Atem geht schnell und flach, während er mich verspottet, seine Fingerspitzen liegen federleicht an meinem Hals. Er streicht über meinen Puls, unter meinem Kiefer, quälend langsam, und es überkommt mich erneut.

Funke. Funke. Funke. Funke. Funke.

Ich schluchze frustriert auf und sein leises, zufriedenes Lachen kitzelt mich wieder am Ohr, lässt weitere Funken sprühen.

»Komm schon. Einmal lang einatmen. Wie ich.«