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„Gift“, das kleine Wort, das aus dem Englischen übersetzt eine freundliche und positive Bedeutung hat (Geschenk, Zuwendung), schreckt in unserer Muttersprache regelrecht ab. Und genau jenen schmalen Grat, zwischen Begeisterung und Abscheu, lässt Christian Maria Paul die Leser seiner „Dunklen Geschichten“ entlang balancieren. Gab uns der Autor mit dem Vorgänger „Die merkwürdigen Verhaltensweisen der Anderen ...“ bereits einen kleinen Vorgeschmack, trifft den Leser bei der Lektüre seines neuen Werkes die volle Wucht moderner Underground-Literatur!
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2019
CHRISTIAN MARIA PAUL
Dunkle Geschichten
© 2019 Christian Maria Paul
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-9975-3
Hardcover:
978-3-7469-9976-0
e-Book:
978-3-7469-9977-7
Umschlag: Andrea Petry, p&p Agentur
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Einige Teile der Handlungen und Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Fuer Stevie meinen Freund
INHALT
Das Mädchen vom See
Makrelentage
Mal angenommen
Novemberschnee
Hotdogs mit Kraut
Die Ballade von Timothy Brown
Frühstück in Paris
Der Teufel von Folson Creek
Straße der Verdammten
38 Millimeter
Badetag
Von alten Damen und der Niedlichkeit Junger Hunde
Unausgesprochen
Gift
Jessy
Mein Freund Kurt
Meine Gruseligen Nachbarn
Lebkuchen im August
Schattenspiele
Ugly Girl Joe
Jeder Schritt den du gehst
Blutsschwestern
Vom ende der Zeit
Das Leben ist zu kurz
für "irgendwann"!
Bernd Wesker / Friseurmeister, Epe
Ich sterbe,
aber meine Liebe zu euch
stirbt nicht. Ich werde
euch vom Himmel herab lieben,
wie ich euch auf Erden geliebt habe.
Hieronymus
Vorwort
Da ich kein Freund langweiliger Einleitungen bin, habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich zu diesem Buch ein Vorwort verfasse, oder es besser bleiben lasse.
Die wenigsten Maler verspüren das Bedürfnis, ständig ihre Werke zu erklären; der Betrachter soll sich gefälligst seine eigenen Gedanken darüber machen.
Doch während ich noch mit der Idee zu einem unterhaltsamen Roman herumspielte, und mich dabei gleichzeitig der Überarbeitung meines ersten Buches "5928 STICHE" widmete, erweckte das Lesen des finalen Satzes darin in mir eine tiefe Melancholie.
"Am Ende bleiben meine Frau Alex, meine Familie, die Erinnerungen und ein, zwei sehr gute Freunde, die nicht müde werden, mir zu zeigen, wie schön die Farbe des Meeres ist …"
Jetzt … im Spätsommer 2019 … und mittlerweile 6732 Stichen, hat mein Schlusswort von damals viel von seiner Nachdrücklichkeit verloren. Veränderungen in meinem Privatleben schließlich, ließen statt der kunterbunten Liebesgeschichte, eine Galerie düsterer, aber auch sehr persönlicher und lebendiger Gemälde in Schwarz und Grau auf dem Papier entstehen. Und während ich daran arbeitete, wurde mir nach und nach bewusst, wie wichtig Erinnerungen sind.
Denn manchmal bleibt einem nichts anderes mehr…
Selbst in der Dunkelheit sah man Licht, so wie man stets Licht ueber Schnee sieht, und es schien, als ob das Schneetreiben und die Nebelschleier die Gestalt von Frauen mit langen, flatternden Kleidern annehmen wuerden…
Das Mädchen am See
~ für Micha Sänger ~
Ich sah sie am Ufer des Sees
stehen. Sie war wunderschön
und blickte stumm auf
das Wasser hinaus.
Ich ging zu ihr und fragte:
"Was siehst du da draußen
auf dem Wasser?"
Sie antwortete mir nicht.
"Wie ist dein Name?",
fragte ich sie erneut.
Doch sie sprach kein Wort.
Ihr schwarzes Haar
glänzte wie Ebenholz
im Vollmondschein.
Ich wollte sie berühren,
und streckte meine Hand
nach ihr aus. Doch sie
war nicht mehr da.
Seit jener Nacht ging ich
immer zur selben Stunde
zu dem Platz am See,
wo ich sie einst traf.
Doch sie kam nicht mehr.
Ich träumte davon, wie
wir durch die Wälder liefen,
oder nebeneinander im Gras
lagen, und der Wolkenschiffe
wundervollen Fahrten folgten.
Eines Nachts, hörte ich sie
aus den Wellen heraus, meinen
Namen rufen. Ich sah in das
Wasser, und es war, als blickte
ich in einen Spiegel.
Doch es war ihr Gesicht,
das ich sah.
"Komm…", sprach sie
mit honigsüßer Stimme.
"Komm zu mir! Und du
sollst all deine Traurigkeit,
deine Einsamkeit, den
Schmerz, die vielen schlaflosen
Nächte und die Dunkelheit
hinter dir lassen!"
Ohne zu zögern, ging ich zu
ihr. Denn ich liebte sie.
Das Mädchen am See.
Makrelentage
Im Morgengrauen steht der Alte an der mit Moos bewachsenen Hafenmauer, und zieht den Reißverschluss seiner Öljacke zu.
Es ist kalt geworden. Traurig zündet er sich eine Zigarette an. Die Flamme des Streichholzes erhellt für einen kurzen Moment sein zerfurchtes Gesicht, und er zieht die Mütze tiefer, um es besser vor dem eisigen Wind zu schützen.
Die Möwen kreisen über ihm und singen seltsame Lieder. Es sind Lieder von Abschied und Tod. Er fühlt sich müde und alt, und kommt ins Stolpern auf dem nebelfeuchten Kopfsteinpflaster.
Hier im Hafen hat schon längst kein Schiff mehr festgemacht. Die Fischschwärme lassen sich nicht dirigieren. Sie kommen, oder sie kommen nicht.
Er schließt die Augen, und spürt das Stampfen von Tausend Tonnen Stahl. Seine geschundenen Hände erinnern sich. An eiserne Haken und Harpunen.
An seine nackten Füße, suchend nach festem Stand, inmitten stinkender Fischeingeweide. Und er hört wie die Männer mit den Wellen singen. Wenn die Sonne kriecht und sich die Nacht um ihre Schultern legt, wie ein feuchter Schal.
Und das Verlangen des Alten wächst, nach dem schier endlosem Blau.
Einst das Messer, ist er heute nur noch das Salz in der Luft. Und während er versucht, sich an den Geruch des Meeres zu erinnern, hört er deutlich, wie es nach ihm ruft. Und er vernimmt die Schreie seiner Kameraden, die er vor langer Zeit verlor. Für ihn aber ist es längst zu spät, um jung zu Sterben.
Im Zwielicht des anbrechenden Tages steht der Alte am Kai, und blickt voller Sehnsucht Richtung Meer. Doch darf sich niemand über die See beklagen, der zweimal Schiffbruch erlitt. Nicht mehr lange, und die Sonne wird wie eine Messingscheibe am Himmel stehen und den Hafen in goldenes Licht tauchen.
Was war das? Er horchte in die Stille. Hatte er nicht gerade ein Geräusch gehört? Im fahlen Schein der Gaslaternen erkennt er einen Schatten, der über eine Hauswand huscht. Bevor er begreift, was geschieht, springt aus dem Schutz der Dunkelheit eine Gestalt von kräftiger Statur auf ihn zu. Sie packt den Alten von hinten, und hält ihm ein langes Messer an den Hals. Der Schattenmann trägt einen staubigen, schwarzen Mantel und einen großen Filzhut mit breiter Krempe.
"Gib mir all dein Geld, so will ich dein Leben verschonen!", befiehlt der Fremde ruhig aber bestimmend.
In den Ohren des Alten klingt es wie Hohn und er erwidert: "Wie viel ist dir denn ein verbrauchtes Leben wie meines wert?", raunt der Alte zurück und ballt die Hand zur Faust. "Gib gut acht, Fremder! Ich will es dich lehren!"
Der alte Mann presst seine Kehle, entlang der Schneide. Die Klinge ist scharf und schneidet tief! Blut quillt über seine Lippen.
Schaudernd entlässt der Fremde ihn aus seinem Würgegriff frei, und lässt den Dolch klirrend zu Boden fallen. Der Alte sackt auf seine Knie, kippt vornüber, und kommt mit dem Kopf in einer Wasserlache zum Liegen. Öl schwimmt in der Pfütze. Es schimmert in den schönsten Farben des Regenbogens, und vermischt sich langsam mit seinem Blut. Der gesichtslose Schurke entschwindet voller Furcht und ohne Beute in eine dunkle Gasse, und lässt den Alten sterbend zurück. Zufrieden summt dieser das alte Lied, schließt die Augen und wartet.
Mal angenommen
~ für Alex, im April 2018 ~
Hätte die Welt nicht schon
Millionen Gedichte.
Voller Liebe und Poesie, von
Zuneigung und Glück.
So schrieb ich dir Milliarden
Verse, einen, für jeden
schönen Augenblick.
Sie würden dir sagen, wie
weit meine Liebe doch reiche.
Bis unendlich eben,
und wieder zurück.
Und das nimmermehr ich
von dir weiche. Denn
du bist mein Lebensglück.
Novemberschnee
Draußen fällt unaufhörlich der Schnee.
Wieder einmal sitze ich auf meinem Platz in Charlies Bar, warte auf bessere Zeiten und denke dabei nur an dich.
Mit trüben Augen starre ich in das verspiegelte Schnapsregal gegenüber der Theke und erkenne einen müden, alten Mann.
Seltsam. Sich selbst sieht man stets mit anderen Augen. Ich hätte schwören können, ich sehe noch so aus wie mit Ende Zwanzig.
Oder wenigstens wie Mitte Dreißig.
Dabei sehe ich zehn Jahre älter aus, als ich eigentlich bin. Verdammtes Leid!
Doch der Kuss der goldenen Fee versöhnt. Ihre Zunge geht tief und verbreitet wohlige Wärme.
Neben mir sitzt ein Typ, den sie "Zeckenzüchter" nennen, und kaut fortwährend Erdnüsse. Mit schwitzigen Fingern greift er betont lässig in die Schüssel.
Und während er da sitzt und mit offenem Mund seine Erdnüsse kaut, glotzt er der Kellnerin auf den Hintern, als sei er das achte Weltwunder.
Mich hingegen wundert gar nichts mehr. Und während ich indes über dich und über mich nachdenke und mir klar wird, dass ich dir genauso gleichgültig bin, wie ihm der Dreck unter seinen Fingernägeln, fällt draußen weiter der Schnee.
Hotdogs mit Kraut
Wir lagen den lieben, langen Tag im Bett, soffen billigen Wein aus Pappkartons und trieben es wie die Karnickel.
Wenn ihr Mann von der Schicht nach Hause kam, stand sie auf, zog sich einen alten, löchrigen Morgenmantel an, stolperte zum Ofen und schlug ihm zwei Eier in die Pfanne.
Jeden gottverdammten Tag!
"Halt dein dummes Maul!", schrie sie ihn an, wenn er wortlos durch die Tür schlich, den Regenschirm in die Ecke stellte und seinen Mantel an einen rostigen Nagel hängte, an dem vor langer Zeit ein Bild gehangen hatte. Man erkannte deutlich das helle Quadrat auf der vergilbten Sechzigerjahre-Tapete. Nun hing sein schäbiger, abgewetzter Mantel an der Stelle.
Meine Anwesenheit störte ihn anscheinend in keiner Weise. Er las in der Zeitung vom Vortag, währen er schmatzend seine Eier verschlang.
Ich hatte den ganzen Tag noch nichts Festes zu mir genommen und wurde ein wenig neidisch auf seine verführerisch duftende Abendmahlzeit. Was war ich bloß für ein verfluchter Drecksack. Ich vögelte regelmäßig mit seiner Frau, und nun würde ich ihm am liebsten auch noch seine Eier wegnehmen. Sie ging in das kleine angrenzende Badezimmer, zog sich den Slip runter, und verrichtete lautstark ihr Geschäft auf einem alten Kohleneimer, da die Spülung vom Klo kaputt war. Eine Tür gab es auch längst nicht mehr, seit sie ein unzufriedener Freier eingetreten hatte.
"Zieh doch wenigstens den Vorhang zu, du alte Drecksau! Das ist ja unerträglich!", brüllte er.
"Du sollst dein verfluchtes Maul halten, habe ich dir eben gesagt!", schrie sie zurück.
Ich sah zu der hellen Stelle an der Wand und stellte mir das Motiv von dem Bild vor, das dort gehangen hatte.
Ein Segelschiff vielleicht, oder eine Gebirgslandschaft. Oder ein röhrender Hirsch! Mein Magen knurrte. Ich zog mich an, warf ein paar Scheine aufs Bett, und ging runter zu Mikes Laden, um ein paar Hotdogs mit Kraut zu verdrücken.
Mal sehen. Vielleicht gehe ich morgen wieder zu ihr.
Die Ballade von Timothy Brown
Timothy Brown aus Danvers, Massachusetts war stets ein braver und rechtschaffener Mann. Bis zu jenem verhängnisvollen Freitagnachmittag, im heißen Wonnemonat Mai des Jahres 1973, als er seiner Frau Mary Sue und deren Liebhaber, dem Bankangestellten Franklin W. Smithers mit einer Holzfälleraxt die Schädel zertrümmerte, ihre Leichen zerstückelte und am Lake Okawanga den Schwänen zum Fraß vorwarf.
Und noch heute erinnern sich die Gefangenen vom Staatsgefängnis Norfolk an den Tag, da es im gesamten Knast nach gebratenem Speck roch, als man Timothys haarigen Arsch auf dem Elektrischen Stuhl grillte.
Timothys Leben war kein einfaches. Bereits vor seiner Geburt ereilten ihn ernsthafte Probleme, da sich die Nabelschnur mehrmals um seinen Hals gewickelt hatte. Den Tag seiner unsäglichen Geburt verfluchte seine Mutter Kate bis zu ihrem erbärmlichen Ende in einer heruntergekommenen Obdachlosenunterkunft in Oak County.
Fast acht Kilo schwer, brach er ihr während der Prozedur das Becken, und die Ärzte staunten nicht schlecht, als sie das Riesenbaby in die Waagschale legten. Später behauptete Timothys Mutter, sein Dachschaden sei nicht auf den Sauerstoffmangel während der Geburt zurückzuführen, sondern weil sein Vater ihn ihm Suff gezeugt habe.
Sein Riesenwuchs dauerte an, bis er Anfang Zwanzig war und so erreichte er zu Beginn der Highschool bereits die Zwei-Meter-Marke. Sämtliche Basketballteams der Stadt buhlten um ihn, doch aus der vermeintlichen Sportlerkarriere wurde nichts, da Timothy mit großen Koordinationsschwierigkeiten zu kämpfen hatte und zum Leidwesen seiner Teamkollegen nur hin und wieder mal einem Ball habhaft wurde.
In der Highschool verliebte er sich schließlich unsterblich in seine Mitschülerin Mary Sue, der hübschen Tochter von Reverend Johnson. Mary Sue war ein frecher und verwöhnter Wildfang, die jeden von dem sie sich etwas erhoffte um den Finger zu wickeln wusste. Mary Sue bekam das, was sie wollte. Immer!
Und natürlich würdigte sie Timothy keines Blickes. Obwohl sie ihn im Geheimen bewunderte, da er sich niemals unterkriegen ließ, egal wie sehr ihn die anderen verspotteten. Aber wer will schon mit einem stadtbekannten Dummkopf befreundet sein…
Die Zeit zog ins Land und beide brachen die Highschool ab. Um seine Geschwister und seine Mutter durchzubringen arbeitete Timothy als Holzfäller, nachdem sein Vater im Anschluss an eine durchzechte Nacht in einem Bordell seinen Rausch in einem Maisfeld ausschlafen wollte, und das Schneidwerk eines Mähdreschers auf tragische Art und weise seinem Leben ein Ende setzte.
Mary Sue wurde die kleine Stadt bald zu spießig und träumte davon Sängerin zu werden. Mitte der sechziger Jahre schloss sie sich einer Rockband an, ging nach San Francisco und startete eine Heroinkarriere.
Timothy hat Mary Sue nie aufgehört zu lieben. Und als sie Anfang der Siebzigerjahre geläutert und mit einem Bastard im Arm zurückkam, war er der einzige der Mitleid mit ihr hatte und sie aufnahm. Timothy schuftete hart, um Mary Sue und dem Kind ein sicheres zu Hause bieten zu können. Sie heirateten schließlich, doch schon kurze Zeit danach tuschelten die Leute hinter Timothys Rücken.
Während Timothy für das Sägewerk in den umliegenden Wäldern der Stadt Bäume fällte, vergnügte sich Mary Sue mit fremden Männern. Mit der kompletten Baseballmannschaft soll sie es schon getrieben haben. Timothy Brown war immer ein gutmütiger Mensch gewesen. Er war ein großes Kind und hätte keiner Fliege etwas zuleide tun können. Ja, gut. In jungen Jahren ließ er keine Kneipenkeilerei aus. Er hatte Hände wie Bratpfannen und wo er hinlangte, wuchs lange kein Gras mehr. Aber es kam nie jemand ernsthaft zu schaden oder wurde gar verletzt. Und am Ende reichte man sich immer zur Versöhnung die Hände und trank gemeinsam ein Bier.
Unerklärlich für alle die Timothy Brown jemals kannten, war das grausame Verbrechen, das er beging an jenem Freitagnachmittag, im heißen Wonnemonat Mai des Jahres 1973, als er früher als geplant von seiner Arbeit nach Hause kehrte und den Bankangestellten Franklin W. Smithers zwischen den Beinen seiner Frau vorfand.
Fruehstueck in Paris
In den neunziger Jahren lebte ich für einige Zeit im Pariser Norden. Ich hauste in einem dreckigen Hinterhofzimmer eines heruntergekommenen Hotels im berüchtigten Viertel Château Rouge, mit Blick auf den Abluftschlot eines Asia-Imbisses. Die Ratten tummelten sich in Scharen in dem völlig vermüllten Innenhof und es lag ständig der Duft von Verwesung gepaart mit Ente süßsauer in der Luft.
Das einzige Scheißhaus lag am Ende eines langen, dunklen Ganges, in der obersten Etage direkt unter einer steilen Dachschräge und besaß die Ausmaße eines Besenschrankes. Im Stehen zu pinkeln war quasi unmöglich. Man war durch die architektonische Besonderheit gezwungen seinen Arsch in gebückter Haltung und mit heruntergelassenen Hosen rückwärts "einzuparken", und währendessen mit einer Hand die Tür zu schließen. In der "Kammer des Schreckens", wie das Klo von den Mietern liebevoll genannt wurde, war es so eng, dass man mit der Nasenspitze die Tür berührte. Licht gab es keins und das Klopapier brachte man sich am besten gleich selbst mit. Ich war ständig knapp bei Kasse, doch für eine Flasche Absinth dann und wann, stundete mir der Vermieter meine Schulden für eine Weile. Der alte Drecksack lebte wie die Made im Speck, denn das meiste Geld verdiente er mit den Nutten, denen er stundenweise die Zimmer vermietete.
Eine von ihnen war Odette. Odette war nicht mehr die Jüngste, und arbeitete in dem Zimmer über mir. Sie sah noch ganz passabel aus für ihr Alter, und wenn sie sich langweilte, weil die Geschäfte schlecht liefen, ließ sie mich auch schon mal umsonst ran. Sie war eine begnadete Reiterin, und wenn sie in ihrem alten Holzbett mit dem Rodeo auf einem Freier begann, tönte es aus ihrem Zimmer wie aus Gepettos Werkstatt!
Es war der Mittwoch nach Ostern, als ich plötzlich durch laute Musik aus dem Zimmer nebenan aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich zog mir das Kopfkissen über die Ohren und versuchte wieder einzuschlafen. Vergebens. Ein von gottverlassenes Punkerpärchen war vor einigen Wochen dort eingezogen, nachdem der Vermieter die alte Madame Bouvier mausetot und von ihren acht Katzen bereits angefressen in ihrem Ohrensessel aufgefunden hatte.
Die beiden waren ständig high und sorgten fortwährend für Ärger. Ich griff nach der leeren Flasche Bordeaux, die neben mir im Bett lag, und schlug damit mehrmals gegen die Wand. Es tat sich nichts. Geladen bis zum Gehtnichtmehr sprang ich mit der Flasche in der Hand aus dem Bett, verließ mein Zimmer und ging nach nebenan. Beharrlich hämmerte ich mit der Weinflasche gegen die Zimmertür. Eine dichte Marihuanawolke, gepaart mit dem Gestank von verschimmeltem Lebensmitteln, ungewaschenen Füßen und der alten Madame Bouvier schlug mir entgegen, als mir die Frau endlich öffnete.
"Was´n los …?", lallte sie, und hielt wankend eine Dose Bier in der Hand.
Sie sah an mir herunter und grinste mich dämlich an. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich in meiner Wut völlig nackt aus meinem Zimmer gestürmt war.
"Die Musik ist zu laut! Macht gefälligst die Musik etwas leiser!"
"Guck mal, Claude. Der Penner von nebenan steht nackt vor der Tür. Der hat voll den kleinen Pimmel!"
