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Chronisten, die in die Tasten hauen, um Zeitgeschehen festzuhalten, gibt es viele. Einer greift regelmäßig zum Zeichenstift: Klaus Wilinski. Seit 25 Jahren verfolgt der gebürtige Nackenheimer für die Mainzer Rhein-Zeitung Treiben und Umtriebe in der angeblich "goldischen" Landeshauptstadt und ihrem rheinhessischen Umland. Jeden Samstag zeichnet – vielmehr: überzeichnet er, was ihn unter der Woche gefreut oder geärgert hat. Ein abgeschlossenes Vierteljahrhundert bietet eine gute Gelegenheit, Rückschau zu halten. Drum hat Wilinski 75 seiner Arbeiten ausgewählt, mit persönlichen Erinnerungen versehen und die bis 2010 in Schwarzweiß veröffentlichten Zeichnungen nachkoloriert. Entstanden ist eine Chronik, wie es sie so noch nicht gegeben hat: humorvoll, pointiert, kurzweilig. Dabei wird kein wichtiges Thema der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte ausgelassen: Wahlen, Politzoff, Bauskandale, Fluglärm und, und, und. Auch bundes- und weltpolitische Ereignisse hielten Einzug in Wilinskis Welt. Als Zugabe gibt's Wilinskis "Blacklist": 25 Entwürfe, die die MRZ-Redaktion ablehnte. Und ein Nachwort von Herbert Bonewitz.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 48
Veröffentlichungsjahr: 2013
25 Jahre „Projekt X“
Es begann Anfang Oktober 1987. Ich arbeitete damals in einem Gemeinschaftsatelier in der Leibnizstraße 44. Eigentlich waren wir gewohnt, dass wir es waren, die von unseren Mitmenschen für etwas merkwürdig gehalten wurden. Umso erstaunter waren wir, als plötzlich ein Typ bei uns in der Tür stand, der uns merkwürdig vorkam: hager, schnauzbärtig, langes, dünnes Haar – ein Alt-68er in einem Humphrey-Bogart-Trenchcoat.
Noch merkwürdiger war, was er wollte: Er habe von mir Karikaturen gesehen und brauche nun welche für seine Zwecke, sagte er. Für einen „Tag X“ und ein „Projekt X“, das er partout nicht näher erklären wollte. Ich solle ihm einfach mal was zeichnen. Das kann nur ein Riesenspaß werden, dachte ich – und machte mich an die Arbeit, immer noch grübelnd, von welchem Projekt der komische Vogel da wohl sprach.
Am 14. Oktober wusste ich endlich Bescheid. Die erste Mainzer Rhein-Zeitung erschien – und mein mysteriöser Auftraggeber entpuppte sich als deren Kulturchef Wolfgang Kröner.
Meine ersten Arbeiten, die in der MRZ veröffentlicht wurden, behandelten überregionale Themen. Anfang November 1987 verständigten wir uns auf den Grundsatz, der bis heute gilt: Zu jedem Wochenende karikiere ich ein Thema mit unmittelbarem Bezug zu Mainz und Rheinhessen, der Heimat der MRZ-Leser.
Eine wöchentliche, lokale Karikatur – das war seinerzeit ein Novum in der deutschen Presselandschaft und gibt’s auch heute noch viel zu selten.
25 Jahre MRZ habe ich nun zum Anlass genommen, meine gesammelten Werke noch einmal durchzusehen. Aus über etwa 1250 Karikaturen habe ich 75 für Sie ausgewählt. Dazu gibt’s, als besonderes Schmankerl, 25 Entwürfe, die ich seinerzeit der Redaktion vorlegte, die aber nie veröffentlicht wurden – weshalb, darüber dürfen Sie beim Betrachten spekulieren.
Eine weitere Besonderheit: Erstmals erscheinen alle Illustrationen koloriert. In der MRZ werden sie ja erst seit 2010 farbig gedruckt.
Außerdem nutzen wir erstmals die Möglichkeit, Ihnen meine Arbeiten als eBook bereitzustellen. So können Sie diese auf PC, Laptop, Tablet-PC oder eReader betrachten. Wenn Ihr Computer über einen geeigneten Anschluss verfügt, können Sie dieses eBook auch auf Ihrem Flachbildfernseher im Wohnzimmer anschauen.
Wie? So haben Sie sich noch nie einen Bildband betrachtet? Dann probieren Sie es doch einfach mal aus!
Doch gleich, für welche Ansicht Sie sich entscheiden: Sie werden viele alte Bekannte wiedersehen. Und feststellen, dass so manche Themen, über die wir uns gerade die Köpfe heiß reden, gar nicht so neu sind, wie wir glauben.
Und nun viel Spaß mit meiner persönlichen Auswahl aus 25 Jahren „Karakiri“ – und ganz besonders mit meiner „Blacklist“.
Ihr Klaus Wilinski
Teil 1 1987 – 1992
Von trüben Fische(r)n, fallenden Mauern, blühenden Phantasien, braunen Gärtnern und diversem Grünzeug.
R(h)ein utopisch: Der Tütenfisch
Das Thema ist alles andere als heiter, doch der geplante Erscheinungstermin fällt mit dem Jahrestag der Sandoz-Katastrophe zusammen, also kam ich nicht drum herum. Am 1. November 1986 war in einer Halle des Chemieunternehmens Sandoz bei Basel ein Großfeuer ausgebrochen. Bei den Löscharbeiten wurden 20 Tonnen giftiger Substanzen in den Rhein geschwemmt. Ein gigantisches Fisch- und Vogelsterben war die Folge. Nun soll die Wasserqualität wieder verbessert, der Rhein neu belebt werden. Der Ansiedlung besonders chemikalienresistenter Neuzüchtungen, wie ich sie in meiner Illustration vorschlage, bedarf es glücklicherweise dann doch nicht.
1. November 1987
Rotkäppchens Wolf bleibt unerkannt
Der Rotkäppchen-Prozess sorgt für Spannung – auch in so mancher Ehe. Erregt verfolgt ganz Mainz die gerichtlichen Vernehmungen, könnten dabei doch auch Namen mehr oder weniger prominenter Lokalgrößen fallen, die in dem Etablissement im Lennebergwald ein und aus gingen. Doch Angeklagte und Zeugen halten dicht – auch wenn so manche Aussage nach Grimms Märchen klingt. Würde ich in meiner Illustration ein Gesicht zeigen, das auch nur entfernt an die Züge eines real existierenden Mainzers erinnert – ich bekäme wohl ganz schön Ärger. Stattdessen gibt’s Lob von niemand Geringerem als Bordellchef Bodo. Der ruft in der MRZ-Redaktion an und lässt verlauten: „Euern Karikaturist hat in meinen Häusern immer einen Besuch frei.“
8. November 1987
Schneewittchen und die sieben Froschkönige
Wieder beschäftigt ein Strafprozess Mainz, wieder bediene ich mich bei den Brüdern Grimm. Doch bei mir lässt sich Schneewittchen keinen Apfel, sondern ein fragwürdiges Lederspray aufschwatzen, und die sieben Zwerge sind keine Freunde oder Beschützer, sondern untätig dreinschauende Werner & Mertz-Vorstände.
Hintergrund: Erdal-Manager müssen sich verantworten, weil sie ein Produkt nicht vom Markt nahmen, obwohl sich Meldungen über Gesundheitsschäden, die nach seinem Gebrauch auftraten, gehäuft hatten. Dem Mainzer Urteil folgte eine Revision vor dem Bundesgerichtshof. Seither gilt das „Lederspray-Urteil“ als richtungsweisend in Fällen von Produkthaftung.
20. Dezember 1987
Pflänzchen, die die Welt nicht braucht
Ich weiß: Eigentlich tut man ihm zu viel Ehre an, wenn man ihn hier erwähnt. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass ein gewisser Gärtnereibetrieb in Mainz-Gonsenheim uns bis in die späten 90er Jahre immer wieder beschäftigt. Für diese Veröffentlichung erhalte ich sogar Morddrohungen aus dem Dunstkreis von „Nazi-Müller“. Eine wird auf meinem Anrufbeantworter verewigt. Ich bringe die Aufnahme zur Polizei, wo sich ein echter Määnzer Butz der Sache annimmt – und meint: „Also, Herr Wilinski, mir hawwe jetzt’n angekündicht Verbreche, ’n Täter, ’n Motiv – nur die Leich’ fehlt noch – was mache mern jetz?“ Später habe ich gelesen, dass Nazi-Müllers Frau Ursel zu Weihnachten Plätzchen in Hakenkreuzform gebacken haben soll – so falsch lag ich mit meiner Darstellung also nicht.
6. März 1988
Ei der Daus – aus der Henne kommt nix raus
