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Eines Morgens taucht aus dem Nichts eine blumenfressende Giraffe in einer kleinen Stadt auf. Ihr enormer Hunger und ihre Sehnsucht nach Liebe wirbelt das Leben einiger Männer und Frauen in dem Ort gehörig durcheinander.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Am frühen Morgen kitzelten Sonnenstrahlen die Nasenspitze von Museumsdirektor Anselm Scharrer. Ohne lang zu zögern sprang er aus seinem weichen Bett und zog sich seinen geliebten weißen Seidenschlafrock mit den großen blauen Punkten an.
Frohgemut trat er vor das Fachwerkhäuschen, in dem er mit seinem Hund Franz lebte. Kein noch so kleines Wölkchen trübte den Eindruck eines wundervollen, strahlenden Tages. Die Vögel gaben lautstark ihr Morgenkonzert. Vom etwas seitlich gelegenen Blumengarten, hinter einer dichten Buchsbaumhecke versteckt, umwehte ihn der betörende Duft seiner von ihm sorgfältig umhegten Rosen. Der Geruch schien ihm heute allerdings weniger intensiv zu sein, als er es sonst gewohnt war.
„Das Wetter“, seufzte er.
Seitdem ihm der Arzt geraten hatte, mehr auf seine Gesundheit zu achten, machte er jeden Morgen zehn Kniebeugen vor der Haustür. Heute schien er es besonders nötig zu haben. Denn seine Glieder und sein Kopf schmerzten wie seit langem nicht mehr. Was war nur los? Ach ja, die Feier gestern Abend. Die frische Luft und etwas Bewegung würden ihm gut tun.
Anselm reckte sein Kinn weit nach vorne, zog den stattlichen Direktorenbauch ein und drückte die männliche Brust hervor. Rücken gerade, Füße parallel. Alles richtig, wie im Lehrbuch zur Leibesertüchtigung von Turnvater Jahn beschrieben. Er hob die Arme im rechten Winkel zum Körper an und machte seine erste Kniebeuge, als Franz mit lautem Gebell in den Rosengarten sprang.
So kannte er seinen Hund gar nicht. Wie sollte er sich bei diesem Lärm auf seine Leibesübungen konzentrieren können? Eins, zwei oder schon vier? Aber sein kleiner Mischling war durch Zurufen nicht zu beruhigen. So raffte der Museumsdirektor seinen blaugepunkteten Schlafrock und ging hinter die dichte, hohe Buchsbaumhecke nachsehen, warum der Hund so laut kläffte.
„Franz, Ruhe! Mein Kopf tut doch weh! Aua! Willst du wohl still sein?“
Der Vierbeiner zupfte aufgeregt an seinem Morgenmantel. Aber Anselm bemerkte das nicht mehr, denn was er jetzt in seinem geliebten Rosengarten sah, raubte ihm die Sinne. Anselm Scharrer wurde dunkel vor den Augen. Die Welt vor ihm verschwand. Der Museumsmann sank zu Boden.
Als er wieder zu sich kam, wäre der kleine, dicke Mann beinahe gleich wieder ohnmächtig geworden. Denn alles was er sah, waren eine riesige schwarze, feuchte Nase und zwei große dunkelbraune Augen direkt über sich. Plötzlich wurde es sehr klebrig - nass in seinem Gesicht. Ihn überkam am ganzen Körper eine Gänsehaut.
Dabei leckte ihn Franz nur aus Besorgnis mit seiner großen rosa Zunge. Er hatte den Museumsdirektor noch nie bewusstlos gesehen.
„Nein. Aus. Mach das nicht. Pfui Deibel“, rief Anselm Scharrer, stieß seinen kleinen Freund zur Seite und rappelte sich mühsam auf. An seinem Hinterkopf bildete sich bereits eine kleine Beule, verursacht durch den Sturz. Das war aber im Moment nicht seine größte Sorge, denn er konnte immer noch nicht fassen, was er an diesem sonnigen Morgen in seinem geliebten Rosengarten sehen musste.
Vor ihm lag mitten auf seinen wertvollen, alten Rosenstöcken eine riesige Giraffe auf ihrem großen, runden Bauch und schnarchte leise. Die vier sehr langen, dünnen Beine und den ellenlangen Hals hatte sie weit von sich gestreckt. Kleine, freche Spatzen setzten sich auf die beiden kleinen Hörnchen am Kopf der Giraffe und zwitscherten aufgeregt.
Scharrer zwickte sich mehrmals in seinen Oberarm. Aber es half nichts. Auch nicht, wenn er sich in den anderen Oberarm zwickte. Das war kein Alptraum. Vor ihm lag wirklich ein riesiges afrikanisches Savannentier auf seinen berühmten Rosenzüchtungen und schnarchte. Jedes Mal, wenn sie einatmete, hob sich ihr mächtiger Körper, die Vögelchen hüpften kurz in die Höhe, flatterten ein- oder zweimal mit ihren Flügeln und setzten sich dann wieder auf das fleckige Fell, wo sie mit ihren Kollegen fröhlich weiter zwitscherten.
Scharrer starrte ungläubig auf das afrikanische Wesen. Tränen füllten seine wasserblauen Augen. Die Giraffe hatte es sich in seinem Rosengarten, in dem er seit über dreißig Jahren alte Rosensorten aus der Zeit vor dem Wiener Kongress züchtete, gemütlich gemacht.
Entsetzt erblickte er die Reste seiner geschätzten Jakobitenrose, die unter dem dicken Bauch der Giraffe hervorlugten. Eine rahmweiß gefüllte Rosenart, deren Züchtung um 1600 zum ersten Mal in den botanischen Fachbüchern erwähnt wurde. Scharrer war es umgehend klar: Was unter so einem schweren Tierkörper einmal gelegen hatte, war nicht mehr zu retten.
Schluchzend zupfte er vorsichtig die welke Blüte einer karmesinrot-cremeweiß gestreiften Versicolor, seit 1583 in der Gartenkunde belegt, aus dem Mundwinkel der schnarchenden Giraffe. Mit dieser kostbaren Rose, deren direkter Stammbaum bis zu den schottischen Stuarts zurückzuverfolgen war, hatte er diesen Sommer bei der großen Rosenschau im Landkreis einen Preis gewinnen wollen.
Aus und vorbei. Die Arbeit von über dreißig Jahren, in die er so viel Zeit und Liebe, aber auch Geld gesteckt hatte, lag zerstört vor ihm unter einem dicken, fleckigen Giraffenbauch begraben.
Dem kleinen runden Mann mit der glänzenden Glatze war sofort gewiss: Das war gar keine Giraffe, sondern ein Monster, wie es in alten Büchern beschrieben stand.
Was hatte er getan, dass er so bestraft worden war? Warum wurde er von einer solchen Plage heimgesucht? Welche Sünde hatte er begangen, dass ein Untier in nur einer Nacht seine geliebten Rosen zerdrückt und weggefressen hatte?
Aber da knurrte Franz das schnarchende Monster an. Was würde sein, wenn das Ungeheuer aufwachte? Er selbst war doch recht klein. Sein Hund noch viel kleiner. Wie konnte er sich vor einer gewaltigen Bestie mit Hörnern, das keinen Respekt vor kostbaren und stacheligen Rosen hatte, schützen?
Scharrer wies seinen Hund zurecht, der zum Glück ausnahmsweise einmal auf seine Befehle hörte, wischte sich die Tränen aus den Gesicht und stürmte in sein kleines Haus.
Nach der Angst spürte er jetzt eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Man hatte seine Rosen zerstört. Ihm dadurch Schlimmstes angetan. Er musste sich wehren. Zornig rief er die Polizei an. Wozu gab es die? Hätte sie ihre Arbeit ordentlich getan, würde sich jetzt kein exotisches Giraffentier in seinem historischen Rosengarten breit machen können! Giraffen lebten bekanntlich nicht in Vorstädten. Sollte die Stadtpolizei nicht dafür sorgen, dass Ordnung in der Vorstadt herrscht?
Als er aufgelegt hatte, atmete er tief durch und zählte rückwärts von zehn bis eins. Angeblich sollte das beruhigen. Aber davon spürte er nichts. Auch als er von eins bis zehn gezählt hatte, wurde er nicht ruhiger. Im Gegenteil. Noch zorniger als gerade eben griff er zum Fernsprechhörer und rief beim Zoodirektor Meyerheim an.
Verkatert lag dieser in seinem Himmelbett mit dem dunkelgrünen Damastbaldachin, in den seine früh verwitwete Großtante einstmals das Bild eines großen brüllenden Löwens gestickt hatte. Eine stetige Aufforderung an den Zoodirektor, wie ein König über sein Reich zu herrschen. Als Meyerheim endlich das Telefon abhob, war er sehr verärgert, dass ihn so früh am Morgen schon jemand störte. Wozu wurde man Zoodirektor, wenn die Leute einen nicht so lange schlafen ließen, wie man wollte?
Am anderen Ende der Leitung war nur ein lautes Brüllen zu hören. Meyerheim blickte auf den gestickten Löwen mit dem aufgerissenem Maul über sich und verstand rein gar nichts. Keifen, Röcheln, Stöhnen, Schreien, Brüllen. Es dauerte lange, bis er endlich begriff, dass dieser Unmensch am anderen Ende der Leitung sein Erzfeind Anselm Scharrer war. Warum der sich aber so aufregte, das wurde für den behäbigen Zoodirektor aus dem Wutgeschnaube nicht deutlich. Affe? Gier? Rosen? Schaden? Skandal? Rache? Ende?
Scharrer und er pflegten seit Jahrzehnten ihre Gegnerschaft durch kleinere und größere Sticheleien und auch mal durch den einen oder anderen Streich. Ganz ohne Spaß, ihre Feindschaft war ihnen beiden bitterernst. Als er endlich verstand, was der Museumsdirektor durch die Fernsprechleitung ihn vorwarf, explodierte er geradezu. Das war doch die Höhe! Der Zoodirektor sah zum Wandkalender mit den schönsten Tieraquarellen der Malerin Claudià Borschárdt. Aber heute war ganz eindeutig nicht der erste April.
Meyerheim knallte den Hörer auf die Gabel, sprang aus seinem Himmelbett und lief in seinem blaugepunkteten Seidenpyjama zum Fenster, von dem aus er auf das Giraffengehege seines beschaulichen Zoos blicken konnte. Dort stand die Giraffe Monika im frühen Sonnenschein und labte sich am Grün der Bäume. Ein Spatz flog heran und setzte sich auf eines der Hörnchen des afrikanischen Tieres. Alles war so, wie es seit jeher in seinem kleinen Tiergarten gewesen war. Ein jedes Tier tat an seinem Platz, wozu es in der Schöpfung vorgesehen war. Ein friedliches Leben in einer modernen Arche.
Wütend unterzog sich der Zoodirektor einer Katzenwäsche und wechselte seinen Schlafanzug gegen einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, der ihm mitsamt der dunkelgrünen Krawatte den Eindruck der Seriosität verleihen sollte.
Was fiel dem Scharrer nur wieder ein?! Jeder in der kleinen Stadt wusste, dass es im Zoologischen Garten nur eine Giraffe gab, und diese war, wie er es eben überprüft hatte, nach wie vor in ihrem Gehege. Jetzt übertrieb es dieser Museumsdirektor eindeutig. Sofort würde er zu ihm laufen und ihm seine Meinung sagen. Damit ein für alle mal Ruhe zwischen ihnen sein würde, weil Scharrer ihm den nötigen Respekt, der ihm als Zoodirektor nun einmal gebührte, endlich erweisen musste. Schließlich war ein Zoodirektor doch um vieles bedeutender als ein Museumsdirektor. Oder etwa nicht?
Zoodirektor Meyerheim und die beiden Stadtpolizisten Schötz und Sahm kamen zufälligerweise gleichzeitig vor Anselm Scharrers Haus am Rand der kleinen Stadt an. Ungläubig staunten sie über das, was sie da sahen: Mitten auf den berühmten Rosen lag eine schnarchende Giraffe.
Aber das kann nicht sein“, stotterte Meyerheim verdutzt und stützte sich auf den Holzzaun auf. „Meine Giraffe ist doch in ihrem stählernen Käfig.“
Oberpolizist Schötz ahnte, dass dies kein gewöhnlicher Einsatz werden würde. Sofort verdonnerte er den Unterpolizisten Sahm dazu, die Giraffe zu bewachen, während er sich um die wirklich großen Tiere kümmern musste.
Unter keinen Umständen wollte Unterpolizist Sahm das schlafende Ungeheuer wecken. Denn als einfacher Polizeibeamter in einer kleinen Stadt hat man keinerlei Erfahrung mit so großen Kreaturen. Im 'Handbuch für Polizisten in Notfällen', in dem er verzweifelt herumblätterte, fand er jedenfalls keinen Paragraphen, in dem stand, wie ein Polizist beim Antreffen eines afrikanischen Tiers in einem historischen Rosengarten reagieren sollte. So war es ihm lieber, die Giraffe schlafen zu lassen. Sollten sich doch später andere um dieses langhalsige Wesen kümmern. Tierfreunde zum Beispiel. Davon gab es in der kleinen Stadt genügend.
Ganz langsam umschritt er das gewaltige Säugetier. Der Unterpolizist stieg vorsichtig über die langen, dünnen Vorderbeine und schritt zögernd am Hals des afrikanischen Tieres entlang. Wenn etwas so weit in alle Richtungen wächst, dann war ihm das einfach nicht geheuer. Das hatte etwas Rebellisches, etwas gegen die Ordnung verstoßendes. Auch wenn es die Gene sind, die den Hals des Tieres so formten und sie bestimmt nicht freiwillig den Kopf so weit vom Bauch entfernt trug, es widersprach seinem Ordnungssinn, dass ein Lebewesen optisch so aus der Reihe tanzte.
'Rehe sind auch schön. Vor allem gucken sie nie auf einen herab. Außerdem sind sie von hier, da kennt man sich doch viel besser mit ihnen aus', dachte sich Sahm.
Er stellte sich mit gehörigem Abstand neben den Kopf der schlafenden Giraffe und harrte todesmutig der Dinge, die kommen sollten. Ein Spatz, der auf einem der Hörnchen der Giraffe saß, legte den Kopf schief und musterte den Unterpolizisten neugierig. Tschilp. Die Sonne schien, als ob sie über Afrika stünde. Kein Wölkchen trübte den weiten, blauen Himmel. Die goldenen Knöpfe auf der dunkelgrünen Uniform blitzten hell auf.
Im Haus vom Museumsdirektor Anselm Scharrer ging es derweilen hoch her. Der berühmte Kunstwissenschaftler und leidenschaftliche Rosenzüchter war mit dem Oberpolizisten Schötz und dem Zoodirektor Meyerheim in sein Schreibzimmer gegangen. Der Polizist hatte ihn eindringlich darum bitten müssen, denn natürlich wollte Scharrer seinen Erzfeind Meyerheim nicht in seinem Heim haben. Aber der Polizist wollte einen öffentlichen Eklat im Vorgarten des Museumsdirektors unbedingt verhindern. Eine schnarchende Giraffe, auf alten Rosen gebettet, war schon Aufregung genug.
Nur mühsam und unter vielem Niesen hatte Scharrer zwei mit Brokat gepolsterte Stühle von verstaubten Folianten befreit, um den beiden Männern Platz zu bieten. Zu trinken bot er ihnen nichts an. Das war seine Art zu zeigen, wie unliebsam ihm der Besuch war. Konnte die Polizei nicht einfach den Zoodirektor verhaften, hinter eiserne Gitter stecken, und die Giraffe in den Tiergarten in einen stählernen Käfig bringen? Wozu sollte ein Gespräch gut sein?
Dieses Häuschen war sein Rückzugsort, in den er sich allzu gerne alleine verkroch, um die gesamte Menschheit zu vergessen. Seine Leidenschaft galt nur den Werken und der Geschichte der Toten. Die Lebenden hingegen mied er, so weit es ging, da sie ihm mit ihren belanglosen Bedürfnissen nur Zeit und Nerven zu rauben schienen.
Das Arbeitszimmer war zum Empfang der beiden Herren der geeignetste Ort in seinem kleinen Heim. In der Küche stapelten sich die dreckigen Tassen, Teller und Töpfe und zeugten von der Freiheit eines glücklichen Junggesellenlebens, in dem man sich um Haushaltskram nicht zu kümmern brauchte.
Das eigentliche Wohnzimmer hatte er schon vor langem in ein Herbarium verwandelt. Ihm schien ein Zimmer, in dem man nur wohnen sollte, vollkommen unsinnig. Früher war er eine Zeitlang täglich in diesen Raum gewesen, um eine Stunde lang auf dem Canapé zu 'wohnen'. Da er aber nicht wusste, was für einen Sinn es ergeben sollte, wenn man 'wohnt', hatte er diese für ihn anstrengende Tätigkeit aufgegeben und das Zimmer in dem vollgestelltem Häuschen einem sinnvolleren Zweck zugeführt.
Dort presste Scharrer seit Jahren die Blütenblätter seiner geliebten Rosen. Er sammelte sie in dicken Alben, in denen zarte Transparentpapierbögen mit arabischen Mustern die einzelnen Seiten trennten. Ihm ging es nicht darum, anders als den meisten Herbaristen, möglichst viele verschiedene Pflanzen zu horten. Scharrer wollte vielmehr nur die Blütenblätter seiner geliebten und preisgekrönten Rosen von Jahr zu Jahr vergleichen. Und so pflückte und presste er regelmäßig die Rosenblätter, seitdem er seine Jugendfreizeitbeschäftigung, die Haltung weißer Kaninchen, aufgegeben und sich der Zucht der Rosen zugewandt hatte.
Inzwischen stapelten sich über dreißig Jahrgänge dicker Alben voll mit trockenen Blütenblättern in den Regalen, in denen sich die dicken Bretter weit nach unten bogen. Daneben lagerte er in mit bunten Glanzbildern beklebten Kartons seine hunderte Briefe umfassende Korrespondenz mit anderen Rosenzüchtern, Blumenhändlern, Parfümherstellern und Gartenhistorikern aus dem gesamten Landkreis und dem Rest der Welt.
Das Arbeitszimmer aber, in dem er nun mit dem Oberpolizisten und dem Zoodirektor saß, war ganz der Kunstwissenschaft gewidmet. An den wenigen, nicht von Regalen verbauten Stellen an den Wänden hingen, hinter Glas gerahmt, winzige erotische Kupferstiche der Nürnberger Kleinmeister. Zudem standen zwischen den Kunstbänden auf den alten Eichenholzregalen verkleinerte Gipsabgüsse des Apolls von Peter Flötner, der seinen Bogen spann, des Herkules Farnese, gestützt auf seine Keule und dem nemeischen Löwenfell, sowie des lockigen Charakterkopfs des grausamen römischen Kaisers Caligula mit seinen tief nach unten gezogenen Augenbrauen.
Der energiegeladene junge Kaiser schien nun zornig vom obersten Regalbrett auf die drei Herren im gesetzten Alter herabzublicken. Wahrscheinlich hätte er einfach den Daumen bei den Spielen im Kolosseum gesenkt und jeder Streit wäre durch wilde Tiere in kürzester Zeit gelöst worden. Scharrer hätte jetzt gerne den Daumen über Meyerheim gesenkt und den Oberpolizisten gleich hinterher geschickt. Aber ihm war bewusst, dass sein Hund Franz allerhöchstens mal jemandem ins Hosenbein zwickte und ob die Giraffe auf seiner Seite war, bezweifelte er sehr.
Schötz zwirbelte nervös die Spitzen seines langen Polizistenschnurrbarts. Er war ein Mann, der Respekt vor den sogenannten besseren Leuten hatte. Auch wenn er wusste, dass vor dem Gesetz alle gleich sein sollten und er das Gesetz hier repräsentierte. Dennoch, er konnte doch unmöglich die beiden Herren aus der besten Gesellschaft der kleinen Stadt so zurechtweisen, wie er es mit irgendwelchen Lausbuben gemacht hätte. Wie sollte er hier schlichten, ohne es sich mit dem einen oder dem anderen, oder, sogar noch schlimmer, mit beiden, zu verscherzen? Das 'Handbuch für Polizisten in Notfällen' gab auch für so einen Fall keinen Hinweis.
Dabei wäre jetzt ein Rat so wichtig. Denn Zoodirektor Meyerheim schüttelte seinen mächtigen kahlen Kopf, der hochrot angelaufen war, und schlug mit seiner breiten Faust auf den dunkelgrün bespannten Schreibtisch, sodass die kostbare Schreibtischlampe von Wilhelm Wagenfeld gefährlich wackelte.
Meyerheim hielt sich an die alte Devise des berühmten Militärhistorikers Carl von Clausewitz, 'Angriff ist die beste Art der Verteidigung': „Sie entführen eine Giraffe und wollen mich jetzt auf Schadensersatz verklagen?“
Aber auch der sonst so sanftmütige Museumsdirektor Anselm Scharrer war nicht wiederzuerkennen. Obwohl er nicht dazu gekommen war, seinen blaugepunkteten Schlafrock abzulegen und sich umzuziehen, war er nun eine geradezu angsteinflößende Erscheinung. Sein kahler Kopf war tiefrot angelaufen, und die Zornesfalten warfen dunkle Schatten auf sein Gesicht.
„Ich habe keine Giraffe entführt! Sie sind nicht in der Lage, auf Ihre Tiere aufzupassen!“
„Das schnarchende Tier da draußen ist nicht meine Giraffe!“
„Was soll das heißen?! Wo soll in einer so kleinen Stadt eine Giraffe denn sonst herkommen als aus ihrem Tiergarten? Ihre Giraffe hat meinen wertvollen Rosengarten vollkommen zerstört. Ein Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist!“
Meyerheim überkam Panik. Bei Geldangelegenheiten war er sehr empfindlich. Wenn Scharrer ihn auf Schadensersatz wegen seiner blöden Rosensträucher verklagen würde, könnte das teuer werden! Zu oft hat Scharrer die Worte kostbar, historisch bedeutend, unersetzbar im Zusammenhang mit dem blühendem Gebüsch verwendet. Wer weiß, ob das Grünzeug nicht tatsächlich einen finanziellen Wert hatte? Was, wenn die Giraffe doch etwas mit seinem Zoo zu tun hatte? Hatte sein Tierpfleger Schmidt sich nicht letztens eine zweite Giraffe gewünscht? Eine Giraffe allein wäre ein sehr trauriger Anblick, da sie Herdentiere seien. Es gäbe da ein günstiges und einmaliges Angebot vom Giraffenhändler im Norden des Landkreises, zu dem man nicht Nein sagen könnte. Meyerheim wusste im Moment nicht mehr, was er dem Tierpfleger geantwortet hatte. Sicher war an diesem Morgen gar nichts mehr.
Er kümmerte sich recht wenig um den Zoo. Eigentlich hasste er Tiere. Nach seiner Meinung waren es übel riechende Wesen, die Lärm machten und ihn dumm angafften, wenn er mal vor ihren Käfigen stand. Die Kreaturen hinter Gitterstäben langweilten ihn. Wenn er da nur an dieses phlegmatische Krokodil dachte. Das tat nie was, außer mal mit den Augen zu rollen.
Aber was sollte er tun? Meyerheim hatte die Schule nur mit Ach und Krach abgeschlossen und nichts Anständiges gelernt, sondern gleich den Zoodirektorenposten von seiner Großmutter übernommen. Dabei war es ihm ausschließlich um den Titel des Direktors und das Geld gegangen. Die Tiere hatte er zähneknirschend dazu in Kauf genommen. Es schien ihm ein bequemes Leben zu sein, in der altehrwürdigen Direktorenvilla mit ihren kleinen Erkern, Türmchen und Giebeln zu residieren. Die Leute grüßten ihn in der kleinen Stadt respektvoll, und ansonsten konnte er so lange schlafen, wie er wollte. Den Rest erledigte seit jeher der Tierpfleger Schmidt für ihn.
Wie verächtlich hatte er früher auf seinen ehemaligen Klassenkameraden Anselm Scharrer geblickt, als der jeden Tag brav zur Universität oder in die Bibliothek geeilt war. Er hatte kaum Geld und keinen Titel gehabt, aber einen krummen Rücken vom Bücherschleppen und immer Angst vor der nächsten Prüfung oder einer falsch gesetzten Fußnote. Er selbst war derweilen im Café am Marktplatz gesessen, hatte sich Blaubeerkuchen und Kakao gegönnt und sich mit den Damen der feinen Gesellschaft und all den anderen Fräuleins der Stadt einen schönen Lenz gemacht.
Heute waren sie beide Direktoren. Nur dass Scharrer einen Doktortitel hatte, für den er nicht bezahlt, sondern den er sich wirklich erarbeitet hatte. Dieser Stachel saß tief im Selbstbewusstsein von Zoodirektor Meyerheim. Denn Titel ist nicht gleich Titel. Es kommt auch immer ein bisschen auf die Geschichte dahinter an.
Jetzt standen sie sich im Arbeitszimmer des Kunsthistorikers gegenüber und reckten die geballten Fäuste gegeneinander. Nur der gewaltige Schreibtisch trennte sie. Oberpolizist Schötz sprang von seinem gepolsterten Stuhl auf, schaute nach links, schaute nach rechts, dann wieder nach links und wusste nicht, was er tun sollte, um eine Keilerei der beiden Männer zu verhindern. Was für eine schreckliche Situation. Sollte er etwa? Aber nein, die Handschellen reichten nur für einen der beiden. Außerdem waren sie aus Kostengründen lediglich für hungrige Verbrecher mit schwachen, dünnen Handgelenken gefertigt worden. Vor allem konnte er unmöglich einen der beiden feinen Herren abführen. Aber eine Schlägerei konnte er auch unter keinen Umständen zulassen. Was sollte er bloß tun?
Genau in diesem brenzligen Moment klopfte Unterpolizist Sahm an der Tür und blieb dann respektvoll an der Schwelle stehen: „Draußen am Gartenzaun entsteht ein Auflauf, den ich nicht mehr kontrollieren kann.“
Am Holzzaun hatten sich tatsächlich zahlreiche Schulkinder eingefunden, die laut schnatternd die schnarchende Giraffe im Rosengarten des Museumsdirektors bestaunten. Dazu gesellten sich rüstige Rentner und auch die ein oder andere Hausfrau, die mit Lockenwicklern im Haar ihren Hund am frühen Morgen ausführte.
Waren die Hausfrauen sonst immer darauf bedacht, ihre Lieblinge von den anderen Hunden fernzuhalten, war es heute egal, als eine Paisley-Terrierin und ein Turnspit miteinander nähere Bekanntschaft schlossen. Ihre Besitzerinnen waren vom Anblick der schlafenden Giraffe gefangengenommen. Sie suchten sich mit Halbwissen über die afrikanischen Savannentiere und die Rosenzucht des Museumsdirektors gegenseitig zu übertrumpfen. Die Rentner wurden von ihnen geflissentlich ignoriert, aber das war nichts Neues für sie.
Das war eine Sensation! Eine schnarchende Giraffe zwischen Rosen kam schließlich nicht alle Tage in der Vorstadt vor. Genauer gesagt, hatte man so etwas hier überhaupt noch nie erlebt.
Frau Rechzange und Frau Schorek starrten über den Lattenzaun und sorgten sich um das Wohl des Tieres: „Die Rosen haben doch Dornen. Das ist so ein Tier, das sich sonst so weit über der Erde hinweg bewegt, gar nicht gewohnt.“
Die berühmten Dichter Georg Philipp Harsdörffer und Johann Leonhard Rost drängten sich ebenfalls an den Holzzaun und überlegten mit theatralischen Gesten, wie man eine schlafende Giraffe im Rosenbett in einem Sonett verewigen könne.
„Mit Rosen bedacht“, rief Harsdörffer.
„Mit Rosen bedacht...Schau im Traum 's Paradies“, rief Rost.
Doch wie es weiter gehen sollte mit ihrem Giraffensonett, das wussten die beiden Poeten auch nicht. Auf ihrer Dichterschule waren sie niemals auf so ein exotisches Ereignis vorbereitet worden und ihr kleines Ratgeberbüchlein 'Handbuch für Sonettschreiber in allen Lagen' erwähnte ausgerechnet schnarchende Giraffen zwischen historischen Rosen mit keinem einzigen Wort.
„Vielleicht sollte das Sonett mit den Flecken des Tieres weitergehen?“, überlegte der Autor von galanten Romanen, Johann Leonhard Rost.
Als die Schulkinder das hörten, lachten sie die beiden Schriftsteller aus. Das wären ja schöne Gedichte, die sie in der Schule bald auswendig lernen müssten, riefen sie und starrten sogleich wieder auf das schnarchende Tier im Rosengarten. Faszinierte sie mehr das fremdartige Tier an sich oder die Tätigkeit des Schnarchens? Sie wussten es wohl selber nicht. Aber ihnen gefiel, was sie sahen: ein Regelbruch.
Als Scharrer und Meyerheim zusammen mit den beiden Polizisten vor die Tür des kleinen Häuschens traten, vergaßen sie für einen Moment ihren Streit. Hilfesuchend sahen sie zu dem Oberpolizisten, denn beiden war sofort klar, dass hier gehandelt werden musste. Doch Schötz sah genauso entsetzt und hilflos die beiden Direktoren an. Die Polizei ist nicht bekannt dafür, in ungewohnten Situationen besonders hilfreich zu sein.
Vom Geschrei der Kinder und dem Gekläff der Hunde wachte die Giraffe nun endlich auf. Sie blinzelte verdutzt mit den Augenlidern. Hob dann ganz langsam den Kopf etwas an und guckte, noch immer liegend, erstaunt die Leute vor dem Zaun an.
Ein Raunen ging durch die Menge. Manche Rentner traten ängstlich einige Schritte zurück und schoben die Kinder als Schutz vor sich. Andere reckten sensationslüstern ihre Hälse weit nach vorne, als seien sie selbst Giraffen.
Die Kinder jubelten, als die Giraffe ihren langen Hals zu ihnen schwenkte und mit ihren verschlafenen Augen sie aus direkter Nähe anstarrte. Die kleine Eva-Maria schob behutsam ihre Hand nach vorne und berührte ganz vorsichtig mit den Fingerspitzen die breite weiche Giraffennase. Ihre Mitschüler bewunderten sie sehr für ihren Mut. Aber keiner traute sich, ihr nachzuahmen.
Sehr langsam und etwas wackelig stand die Giraffe auf. Eigentlich ein Wunder, dass so ein großes Tier auf so dünnen Beinen stehen kann. Die Kinder riefen Ah und Oh. Die Erwachsenen taten es ebenso. Vorsichtig drehte die Giraffe sich um. Da entdeckte sie den Museumsdirektor vor seinem Haus. Ein Zucken durchfuhr den Leib des Tieres. Laut schnaubte es auf. Vier, fünf Sätze über die Buchsbaumhecke und dem englischen Rasen, schon war sie bei ihm.
Scharrer quiekte erschrocken auf und war im Gesicht kreidebleich geworden. Doch ehe er auch nur etwas halbwegs Sinnvolles sagen konnte, schleckte ihm das Tier mit ihrer breiten, rosa Zunge das Gesicht ganz langsam von unten nach oben ab. So kam es, dass Scharrer an diesem Morgen zwar kein einziges Mal im Bad gewesen war, aber schon zweimal feucht von einem Tier geküsst worden war.
Die Kinder jubelten vor Begeisterung über den Giraffenschmatzer und ahmten das Tier nach, indem sie ihre eigenen Zungen ganz lange herausstreckten. Die Erwachsenen vor dem Zaun schüttelten angeekelt von dem Speichel, der dem Museumsdirektor von der Glatze floss, ihre Köpfe.
Anselm Scharrer wischte sich mit dem Ärmel seines blaugepunkteten Schlafrocks die Wangen ab. Doch schon leckte ihn die Giraffe wieder und sah ihn mit ihren großen dunklen Kulleraugen verliebt an. Scharrer drohte zum zweiten Mal an diesem Morgen in Ohnmacht zu fallen.
Der Hund Franz kläffte aufgeregt vor Eifersucht aber Zoodirektor Meyerheim grinste hämisch. Die feuchte Giraffenzunge im Gesicht geschah dem Scharrer ganz recht. Außerdem war doch damit der Beweis erbracht, dass er selber unschuldig am Giraffendebakel war. Offensichtlich hatte sich Anselm Scharrer die Giraffe irgendwo angelacht, und da er von ihr vollkommen überfordert war, wollte er jetzt Meyerheim das Tier unterschieben. Man soll sich eben genau überlegen, ob man sich ein Haustier anschafft, und darüber hinaus, welches. Er jedenfalls würde niemals für den Schaden im Rosengarten aufkommen. Im Gegenteil, vielleicht konnte er den Museumsmann sogar verklagen. Irgendein Grund würde ihm bestimmt einfallen. Üble Nachrede. Zooimitation. Oder sonst etwas, womit er seinem Erzfeind schaden könnte.
Wenn ein Oberpolizist in einer Situation ist, in der er nicht mehr weiter weiß und auch kein Notfallbüchlein hilft, dann brüllt er erst einmal seinen Untergebenen laut an. Das schindet Eindruck, und der Chef gewinnt Zeit, bis ihm etwas Sinnvolles einfällt.
„Unterpolizist Sahm, stehen sie nicht so dumm herum. Tun sie etwas.“
„Jawohl, Herr Oberpolizist Schötz, zu Befehl. Was soll ich denn tun?“
„Nicht herumstehen. Hören sie nicht.“
Meyerheim half dem ratlosen Oberpolizisten und riet dem Unterpolizisten, das Giraffentier doch von der Eingangstür wegzubringen, so dass er und die anderen sich wieder frei bewegen könnten.
Doch der Unterpolizist, obwohl selber nicht gerade klein gewachsen, stand hilflos zwischen den dünnen, hohen Beinen des Tieres herum. Vergeblich versuchte er den Respekt, den er seiner Meinung nach als Polizist von einer Giraffe erwarten konnte, zu erlangen. Aber die Giraffe blieb stur vor dem Haus stehen und blinzelte verliebt den Museumsdirektor an. Sie kümmerte sich kein bisschen um die Befehle des Stadtpolizisten, was für ihn eine doppelte Schmach darstellte. Zum einen, weil das exotische Tier ihn als Beamten nicht ernst nahm. Zum anderen, weil sein Vorgesetzter seine Inkompetenz beobachten konnte. Nichts davon war gut.
Die Kinder wussten gar nicht, was sie lustiger finden sollten. Den hilflosen Polizisten, die verliebte Giraffe oder den rotangelaufenen Museumsdirektor, der nur mit einem blaugepunkteten Schlafrock bekleidet vor seiner Haustür stand und mit den Händen verzweifelt um Hilfe rang.
Schließlich ließ Meyerheim durch einen rüstigen Rentner den Tierpfleger Schmidt holen. Seine Sorge, dass Scharrer ihn verklagen könnte, war nicht vollkommen beseitigt. Immerhin war noch nicht hundertprozentig sicher, dass die Giraffe Scharrer selber gehörte und nichts mit seinem Zoo zu tun hatte. Was, wenn der Museumsmann ihn nicht nur wegen der zerstörten Rosen, sondern auch noch wegen der Nötigung durch die liebestolle Giraffe vor Gericht ziehen würde?
Außerdem riefen Frau Schorek und Frau Rechzange ihm von jenseits des Gartenzaunes zu, er solle sich endlich um das Savannentier kümmern. Es sei ein Skandal, wie er als Zoodirektor mit dem armen Tier umginge. Seine Großmutter, Gott hab sie selig, hätte ein Tier niemals so vernachlässigt wie er. Ob sie die Tierschützer informieren sollten?
Als der hochgewachsene, dünne Tierpfleger Schmidt auf seinem alten klapprigen Damenfahrrad ankam, war er erst einmal sprachlos. Er hatte schon vieles in der Tierwelt gesehen, doch der Anblick einer liebestollen Giraffe, die nicht von einem kleinen dicken Mann ablassen wollte, war auch für ihn etwas vollkommen Neues.
Die Frage des Oberpolizisten Schötz, ob die Giraffe aus dem Zoo ausgebüxt sei, konnte er nur verneinen. Meyerheim atmete sichtbar auf. Es hatte also doch keine zweite Giraffe, die er einfach vergessen hatte, gegeben.
„Sehen Sie, dieser Scharrer unterstellt mir immer die schlimmsten Sachen und dann ist da gar nichts dahinter. Immer geht der auf mich los. Der Scharrer hat aber angefangen gemein zu sein. Ich habe mich nur gewehrt.“
Schötz verdrehte die Augen, als er die Sätze eines kleinen Jungen aus dem Mund des stattlichen Mannes hörte. Als ob es immer darum ginge, wer angefangen hatte.
Schmidt hatte zu seinem Leidwesen keine zweite Giraffe bestellen dürfen, und deshalb hatte er keine Ahnung, woher dieses Tier kam. Aber sei es jetzt nicht erst einmal wichtiger, das Langhalstier artgerecht unterzubringen? Soweit er wisse, seien Giraffen nicht gerade die idealen Vorgartenbewohner, und ob historische Rosen wirklich die ideale Diät für ein Savannentier wären, darüber habe er als Zoowärter arge Zweifel.
Allerdings schaffte er es, trotz aller ihm bekannten Tierpflegertricks, mit denen man normalerweise eine Giraffe locken kann, nicht, das Tier von seinem Platz zu bewegen. Es half keine Karotte an der Angelschnur und keine Spur aus weißem Zucker auf dem gepflasterten Weg. Nicht einmal der berühmte pantomimische Sardellengriff, der bislang bei jedem afrikanischen Wildtier zum Erfolg geführt hatte.
Das Tier blieb vor der Tür und schleckte den Museumsdirektor weiterhin Gesicht und Glatze. Der verharrte in Angststarre an seinem Platz, da er nicht wusste, wie so ein wildes Wesen reagieren würde, wenn das Objekt seiner Liebe flieht. Hätte er doch nur in der Schule im Biologieunterricht besser aufgepasst!
Nur gemeinsam mit einigen eiligst herbeigeholten kräftigen Burschen von der Molkerei gelang es schließlich, die Giraffe zum Gartentor zu ziehen und zu schieben. Dort verharrte sie kurz, reckte ihren langen Hals noch einmal zum Museumsdirektor und guckte mit ihren großen braunen Augen verzweifelt in sein Gesicht. Sie streckte sich noch ein Stück.
Die Kinder am Zaun machten: „Ahhh“.
Schon schnappte die Giraffe nach dem blaugepunkteten Schlafrock.
Jetzt riefen auch alle anderen: „Ahhh“.
Nur Anselm Scharrer nicht. Sein Gesicht lief noch dunkler an vor Scham. Was für ein Kontrast zu seinem porzellanweißen, nackten Leib.
Frau Schorek und Frau Rechzange wendeten sich so diskret zur Seite, dass sie alles genau betrachten konnten, damit sie später über einige Details noch diskutieren konnten. Die beiden Dichter Harsdörffer und Rost zückten Stift und Papier, und fanden beide einen Reim auf ‚Nackt‘.
Der Tierpfleger Schmidt, Zoodirektor Meyerheim, die Polizisten und die jungen Molkereiburschen zogen kräftig an dem Seil, das sie dem verliebten Savannentier um den Hals gebunden hatten. Die Giraffe wurde mit dem seidenen, blaugepunktetem Schlafrock im Maul vom Ort der Schande und Verwüstung weggezerrt.
