9,99 €
Laura, eine junge Pharmazeutin, hat alles, was man sich vorstellen kann: einen guten Studienabschluss und eine Apotheke in der Familie, die sie einmal übernehmen soll. Nur in der Liebe will es nicht klappen. Weil ihr alle Entscheidungen über den Kopf wachsen, beschließt sie, sich eine Auszeit zu nehmen und nach Verona aufzubrechen, um dort im Club di Giulietta, in dem Liebesbriefe aus aller Welt beantwortet werden, mitzuschreiben. Mit ihrer verrückten WG schlägt sie sich die Nächte um die Ohren, aber sie lernt auch die drei alten Damen Giulia, Geneva und Gioia kennen, die schon ein halbes Leben lang für den Club schreiben. Eines Tages findet Laura ein Post-It auf einem ihrer Antwortbriefe. Der geheimnisvolle Schreibende zweifelt ihre Antwort an. Daraufhin entspinnt sich ein Dialog, der nur über Post-Its geführt wird und der die essentiellen Fragen der Liebe aufwirft. Laura wird neugierig: Wer schreibt ihr hier? Und warum verbirgt die Person ihre wahre Identität?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2023
Carlotta Mulino
Giuliettas Antwort
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Impressum neobooks
Liebe Giulietta,
Ich weiß nicht, ob dieser Brief dich erreicht. Genau genommen weiß ich nicht einmal, ob du existierst. Es fühlt sich seltsam an, einen Brief an die Vergangenheit zu schreiben – mehr noch: an einen Geist aus ferner Zeit, der über die Jahrhunderte hinweg seine Schatten vorauswirft.
Heute schreibe ich dir, weil ich verlassen wurde. Ich weiß, eine solche Geschichte hörst du ständig. Es muss so viele geben, die sich genau jetzt von jemandem verabschieden müssen, von dem sie dachten, er würde für immer Teil ihres Lebens sein. Du bekommst wahrscheinlich Tonnen von Briefen, die in hektischer Schrift verfasst wurden, gierig nach einem Grund suchend, warum das Universum uns in alles hineinpfuscht. Ich bin da keine Ausnahme, fürchte ich.
Meine Geschichte ist nicht spektakulär. Sie beginnt an einem bestimmten Punkt, ich glaube, es war Winter, aber vielleicht spielt mir meine Erinnerung auch einen Streich, weil ich diese Beziehung von Anfang an in starren Schnee geschrieben sehe. Und sie endet heute. Also vor drei Tagen. An einem Frühlingstag, der so hell war, dass mir das Licht in den verheulten Augen brannte. Was dazwischen geschehen ist, wirst du nun fragen?
Nun, das ist eine schwierige Frage. Ich kann mich an sehr vieles erinnern, an viele kleine Momente, die mir die Welt bedeutet haben, an viele kleine Episoden meines Daseins, das mir so klein und gewöhnlich vorkam, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemals anders hätte werden sollen. Das Anderswerden aber hat heute begonnen. Ich stehe im Regen, wie ein begossener Pudel mit der blöden Nachttischlampe mit den rot-gelben Blütenblättern, die ich so unbedingt wollte, in der einen Hand und einem Anhänger, den ich für unsere Wohnungstür als Glücksbringer in Griechenland gekauft hatte, in der anderen. Die Nachttischlampe sagt mir vor allem, dass es wohl der einzige Einrichtungsgegenstand sein wird, den ich mitnehmen werde, wenn ich jetzt zu meinen Eltern auf die Couch ziehe und der Glücksbringer lässt mich erkennen, dass man Zeichen im Leben nicht kaufen kann.
Du wirst dich jetzt fragen, wann endlich die Geschichte beginnt. Das ist schwierig zu sagen. Ich bin ja keine Schriftstellerin oder so. Ich schreibe einfach, was mir in den Sinn kommt. Aber vor allem schreibe ich heute an dich, weil ich die verrückte Hoffnung habe, eine Antwort auf meine Fragen zu bekommen. Bist du schon sehr alt? Kannst du meine Schrift noch lesen? Bist du ein 15-jähriges Mädchen, das sich ins Fäustchen lacht über die hysterische Alte mit der Nachttischlampe, die vom Biedermeiersofa ihrer Eltern aus den Brief an die Unsichtbare schreibt, während sie sich eine Packung Schwedenbomben genehmigt und verzweifelt versucht, den als unüberwindbar befürchteten Kummer in Prosecco zu ertränken? (mit welcher Hand schreibt sie dann noch dazu??) Fragen über Fragen.
Oder bist du eine alte Oma, die 20 Enkelkinder hat und auf alle Fragen des Lebens eine Antwort kennt? Bist du jemand, der selbst nie geliebt hat oder jemand, der sich so oft verliebt hat, dass er schon gar nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt entliebt zu sein?
Das Leben ist so seltsam. (Schwedenbombenschachtel zur Hälfte leer....)
Gut, meine Geschichte nun (Proseccoglas geleert, neues eingeschenkt; räusper....): Ich wuchs auf, war ganz gut in der Schule, sah ganz gut aus, hatte ganz gute Sommerferien und irgendwann stand dann dieser Kerl vor mir, der mehr als nur ganz gut war.
Wir wurden sehr schnell ein Paar, weil zu dieser Zeit jeder ein Paar wurde, der sich länger als drei Sekunden ansah. Und es funktionierte. Wir waren ein Partypaar. Und das änderte sich auch in der Studienzeit nicht. Wir hatten viel Spaß, gingen oft und lange aus, mochten die Leute aus der gegenseitigen WG und irgendwann zogen wir dann zusammen. Alles war auf happy eingestellt. Bis alle Freunde begannen zu heiraten. Zuerst tanzten wir nicht mehr auf WG- Partys, sondern halt auf Hochzeiten. Sollte nichts Schlimmeres passieren. Aber irgendwann wurde das komisch. Und vor besagten drei Tagen verließ er mich, weil er sich eine Zukunft mit mir nicht vorstellen konnte. Ich fiel aus allen Wolken. Für mich war es, als hätte man mich in ein Eisbad gesetzt. Er verließ mich nur mit den Worten „Ich kann das nicht mehr“. Und aus war es.
Ich hatte nicht einmal die Kraft, zornig zu sein. Ich war einfach nur leer. In einem Anfall von Geistesgegenwart stellte ich noch meine gemusterte Nachttischlampe sicher und den kleinen Glücksbringer, der mir äußerst zynisch vor der Nase baumelte, als ich die Wohnungstüre öffnete, um für immer zu gehen. Irgendwann sagte er noch: Ich will das nicht, was du willst. Rang sich ein Lächeln ab und schloss die Türe vor meiner Nase. Die Dramatik bekam einen Dämpfer, weil ich meine Tasche drin gelassen hatte (Hauptsache, die Nachttischlampe aber...) und daher musste ich noch einmal anläuten, um meine Handtasche und mein Handy zu verlangen. Er gab es kampflos und ohne Gesichtsregung heraus und da stand ich dann. Ich stand in diesem Gang im Altbau, vor der Türe und drehte den Glücksbringer mit dem Delphin in Händen.
Sofort rief ich meinen Papa an und heulte ihm solange ins Telefon bis ich endlich herausstammeln konnte, dass er mich bitte abholen sollte. Während ich wartete, saß ich im Stiegenhaus, die Nachttischlampe an mich gepresst. In meinem Kopf war gähnende Leere, ebenso wie in meinem Herzen. Die Putzfrau kam kaugummikauend und nickte mir freundschaftlich zu. Ich schniefte und sie realisierte, dass etwas nicht in Ordnung war. Zur Unterstützung bot sie mir einen blitzblanken Putzlappen als Taschentuch an. Ich nahm an. Was hatte ich schon zu verlieren?
Als ich mit der Nase an die Fensterscheibe gedrückt im Auto neben meinem Papa saß, kam ich mir unendlich blöd vor. Auch, als mich meine Mama umarmte und mir anbot, Kakao zu machen, konnte ich noch nicht sprechen. Erst als ich einen Tag später den Kopf gegen die Garderobentüre gelehnt hatte und meine Oma mich zum dritten Mal fragte, ob ich ihr nicht doch noch den Bügelladen aufstellen könnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Punkt war nicht, dass ich verlassen worden war. Der Punkt war, dass er sagte, er wollte nicht das Gleiche wie ich. Nur – was zur Hölle wollte ich eigentlich?
Das ist der Status Quo. (plus eine Dreiviertelpackung Schwedenbomben und die Hälfte der Proseccoflasche) Meinst du, das ist das Problem? Meinst du, ich habe mich nie wirklich gefragt, was ich eigentlich wollte? Nur, um das klar zu stellen: ich liebte ihn. Ja, ich mochte diesen schneidigen Kerl unheimlich gerne, der so lustig und leicht war und mit dem nichts im Leben sich schwer anfühlen konnte. Wir hatten eine gute Zeit gehabt; ich meine, keine Party fand ohne uns statt!
Aber vielleicht, denke ich nun, während ich, die linke Hand mit den letzten Kokosstreuseln bedeckt, in die lila Veilchen am Balkon meiner Eltern starre, vielleicht war das einfach nicht genug.
Meine Frage an dich, liebe Giulietta, falls du noch wach bist, lautet daher irgendwie doch nicht, warum er gegangen ist oder wie ich ihn zurückgewinnen kann. Sie lautet: Kann ich herausfinden, was ich will? Gibt es ein Rezept dafür? Und: wenn ich es getan habe – werde ich mich dann wieder verlieben können?
Ich hoffe nun, dass der Brief dich erreicht, im fernen Verona, von dem ich wünschte, dass es für Shakespeare ewig am Meer liegen würde, und dass du mir antwortest. Vielleicht morgen, übermorgen, in einem Jahr oder in drei. Hilf mir, meine Geschichte zu schreiben. Hilf mir, die Magie zu finden, von der alle so verträumt berichten. Und hilf mir, sie niemals wieder loszulassen, wenn ich sie gefunden habe! (Prosecco ex)
Un abbraccio forte!
Laura
Liebe Laura,
Dein Brief aus dem nicht so fernen Wien hat mich erreicht, aus der Stadt, die hoffentlich so goldgetränkt ist wie Klimts Gemälde.
Wer ich bin, kann ich dir nicht sagen. Ich habe keine Gestalt, bin weder Teenager, noch Oma und habe auch leider keine Flasche Prosecco zur Hand, während ich dir diese Zeilen schreibe. Ich bin eine Art Geist, so etwas wie eine gute Fee, die über alle Zeiten hinweg über die Seelen der Liebenden wacht. Und damit auch über deine.
Ich habe deinen Brief einmal gelesen, und dann gleich noch einmal. Was du erzählst, klingt wie die perfekte Geschichte. Der Fehler in deinem Märchen: es hat kein Happy End. Und du fragst dich, warum das so ist, wo sich doch eigentlich alles so perfekt entwickelt hat. Die Antwort darauf ist: das ist das Leben. Dinge geschehen. Das Gute, das Schlechte. Aber nicht nur das, was ein Happy End hat, ist gut. Auch manches, das schlecht endet, kann eine wunderschöne Seite haben.
Du hattest eine Beziehung, die dich eine Weile lang glücklich gemacht hat. Wo es bei anderen in großem Drama endet, ist dir am Schluss nur noch ein müdes Lächeln zuteilgeworden. Das macht es nicht weniger schmerzhaft für diesen Moment, aber auf lange Sicht wird es dir vieles ersparen, das verspreche ich dir.
Und nun zu deiner Frage: Es gibt kein Rezept. Für nichts. Nicht für die Liebe, nicht für den Hass, nicht für die Enttäuschung und nicht für das Glück. Das hat damit zu tun, dass die Liebe so viele verschiedene Facetten hat, dass es kein Rezept dafür geben kann. Aber du stellst die richtigen Fragen. Du stellst nämlich die Frage, was du eigentlich willst. Schon jetzt kann ich dir sagen: es wird dich einiges kosten, die Antwort darauf zu finden. Es wird dich den sicheren Hafen kosten, in dem du dachtest, dich zu befinden. Es wird dich manche Freunde kosten, die nicht akzeptieren werden, dass du dich auf einen Weg machst, der dich auch von ihnen trennen könnte. Es wird dir Angst machen und dich manchmal in die Einsamkeit führen. Aber am Ende wirst du nichts bereuen.
Fang mit den Dingen an, die dich glücklich machen. Eine gute Pizza, üppiger Rotwein – Dinge, die du dir selbst erfüllen kannst. Und freue dich über jeden Moment. Freue dich selbst über den Regen, wenn er kommt, denn wer noch nie bewusst den Regen auf seiner Haut gespürt hat, hat nicht gelebt. Fühle die Sonnenstrahlen, die dich auf der Nase kitzeln und jedes Lachen, das du mit Freunden genießt. Sage oft „Danke“ und schau selten zurück. Die Zeit zurückzuschauen, wird kommen. Aber sie ist nicht heute. Die Zeit, sich zu erinnern, wird kommen, aber nicht heute. Was nun vor dir liegt, ist die Schaffung von Erinnerungen, ist das tiefe Durchatmen eines Menschen, der gerade die Chance erhalten hat, von vorne anzufangen.
Was du willst, weißt du längst. Ich denke nur, du hast Angst, hinzuschauen, weil es immer auch bedeutet, das loszulassen, von dem man denkt, dass es ein Teil seiner selbst ist. Aber dein Leben gehört dir. Du bist immer die Summe deiner Erfahrungen, deiner Wünsche und deiner Möglichkeiten. Mein erster Rat an dich: hab keine Angst. Die Angst wird dir nicht helfen. Das tut sie nie.
Das Glück kannst du überall finden, aber wenn du nicht sicher bist, setze dich in den Zug – vielleicht erwartet Verona dich ja schon längst und du weißt es nur noch nicht!
Dann fällt die Antwort auf deine letzte Frage leicht: ja. Ja, du wirst die Liebe sehen können. Denn der Weg, den du gehst, wird nicht ohne Verletzung zu gehen sein, nicht ohne die Furcht vor dem, was kommen mag oder was du über dich herausfinden könntest. Und er wird erhellt sein von der Freude an allem, was dich umgibt. Und die Liebe? Die passiert genau dazwischen.
Un abbraccio anche a te,
ich werde bei dir sein!
Deine Giulietta
Sie hielt ihn mit Armen und Beinen umschlungen und hoffte, wenn sie nur für immer so blieb, würde er nicht fortgehen. Sie lagen auf einer weiß-blau gestreiften Decke. Das Meer fischte nach ihnen. Auf ihrer Haut glitzerten Perlen aus Salzwasser und Schweiß. Das Mondlicht tauchte die Kurve ihres Rückens in silbrigen Glanz. Er küsste sie und sagte: „Du weißt, ich muss gehen.“ „Bleib bei mir. Bitte“, sie vergrub ihre Nasenspitze in seinem Haar. „Ich habe mich entschieden“, er nahm ihren Kopf sanft zwischen seine Hände und sah ihr lange in die Augen. „Ich werde dich nie vergessen.“ Der Mond tauchte seinen Körper in trübes Licht. Es war eine dieser Stunden in einer Sommernacht, in denen die Dinge, die ausgesprochen werden, für immer sein würden. Langsam löste er sich von ihr. Die Minuten, die darauffolgten, sah sie ihm nur zu, wie er sich anzog. Sie legte den Kopf in den Sand und sah ihm nach wie er ihr ein letztes Mal winkte. „Ich liebe dich“, sagte sie leise. Als sie den Blick zum Meer wandte, sah sie einen blassrosa Streifen am Horizont. Von ihrer Nasenspitze tropfte die erste Träne in den Sand.
Der Zug schaukelte gemächlich, als ich mitten in der Nacht von meinem Polster hochschrak. Ich hatte geträumt. Ich hatte geträumt, dass mich ein Schaffner aus dem Zug werfen würde, weil ich meine Fahrkarte nicht korrekt ausgedruckt hatte und ich direkt in Dantes Höllenkreise überstellt würde, nur mit flauschigen Plüschsocken bekleidet und einem quietschgelben Jäckchen, das die Aufschrift „Don’t touch this“ trug. Man stelle sich vor – ich trete Dante in so einem Aufzug gegenüber! Das war der wahre Alptraum daran. Ich griff mir an die Schläfe.
Über mir im Schlafwagen lag eine schnarchende chinesische Austauschstudentin, die unser Mini-Abteil mit zwei Riesenkoffern angeräumt hatte und in ihrem Hello-Kitty-Pyjama träumte. Gemächlich rollte ich aus meiner Schlafstatt und fummelte die kleine Proseccoflasche aus dem Netz neben meinem Bett. Ich streckte mich und warf verstohlen einen Blick in den Spiegel. Keine quietschgelbe Jacke. Dann schlüpfte ich in die bereitgestellten Schlappen mit der freundlichen Aufschrift „Night Jet. Gute Nacht!“ und öffnete die Türe. Sofort erinnerte ich mich pflichtbewusst an den Riesenzeigefinger des Nachtschaffners, der mich mehrmals und in mehreren Sprachen und Akzenten angewiesen hatte, meine Zutrittskarte jedes Mal bei mir zu tragen, sobald ich die Kabine verließ und ich fischte sie aus der dafür vorgesehenen Vorrichtung. Auf dem Gang streckte ich mich noch einmal und öffnete die kleine Flasche, wobei ich mich unbeholfen an das Fenster lehnte. Von dort aus hatte ich nun gewissermaßen erste Reihe fußfrei, um dem Schauspiel beizuwohnen, das sich an der Türe drei Kabinen neben mir abspielte.
Der Protagonist war ein Mann, der mir schon auf dem Bahnsteig aufgefallen war. Während ich im Schlabberlook reiste und Mühe hatte, mich mit meinem Riesenrucksack im Gleichgewicht zu halten, wobei ich mein Tomaten-Mozzarella-Brötchen in der einen Hand und mein Handy in der anderen balancierte, trug er einen gut sitzenden Anzug mit heller Hose und dunklem Jackett. Er gefiel mir auf den ersten Blick, weil er diese lässige Eleganz ausstrahlte, die den Männern aus dem Süden zu eigen war. Ich war überzeugt davon, er würde nach Mailand reisen, weil jemand, der dunkelviolette Schlüpfer trug und darin noch sexy aussah, nur in diese Stadt gehören konnte. Als wir uns zum Einstieg anstellten, ließ er mir in Benutzung reinsten Hochdeutsches galant den Vortritt und ich lächelte und wandte mich schnell um, um meinen hochroten Kopf zu verbergen.
Eben dieses Prachtbild von einem Mann, mit dem ich mir so gerne romantisch eine Kabine geteilt hätte (obwohl Schlafabteilkabinen ja grundsätzlich zu den eher weniger romantischen Schauplätzen zählen), rüttelte nun verzweifelt an seiner Türe. Offenbar hatte er seine Zugangskarte entgegen der Warnung des Schaffners im Abteil gelassen, weshalb er nun in seinen flamingofarbigen Shorts und seinem dunklen Poloshirt, das zusätzlich von einer Armee Flamingos besiedelt wurde, verzweifelt an seiner Türe rüttelte. Seine Frisur hatte sich in eine vom Schicksal gebeutelte Elvislocke verwandelt, die hilflos gegen das Metall schlug als könnte sie die Karte von innen telepathisch herausbeamen. Als ihm bewusst wurde, dass er beobachtet wurde, richtete er sich auf und strich das Shirt zurecht. „Ich habe mich ausgesperrt“, sagte er betont lässig, vermutlich, um nicht vollends in Tränen auszubrechen. Ich reichte ihm die Flasche: „Prosecco?“
Er ergriff sie schmunzelnd und fragte dann: „Wie heißen Sie?“
„Laura. Und Sie?“
„Laura? Schöner Name.“
Er lehnte sich neben mir ans Fenster.
„Schöner Name“, wiederholte er und nahm gleich noch einen Schluck.
„Und Sie?“, fragte ich noch einmal.
„Giacomo“
Ich schmunzelte unwillkürlich. Lag wohl am Prosecco. Er übernahm das Lachen.
„Ja, ich weiß. Wenn ich jetzt noch dazu sage, dass ich mit Nachnamen überhaupt Hinterseer heiße, brauchen sie einen Liter Prosecco.“
Ich lachte laut. Der Schaffner schnellte vor.
„Ruhe!“, zischte er, „silenzio!“
„Entschuldigung“, flüsterten wir aus einem Mund.
Der Schaffner schüttelte nur gutmütig den Kopf.
„Und Sie haben sich ausgesperrt?“, fragte ich.
„So ist es.“
Ich trank einen Schluck.
„Wenn wir so schnell weitertrinken, können wir uns gar nicht lange unterhalten bis wir keinen Grund mehr haben, gemeinsam hier zu stehen“, sagte ich.
„Sie finden meinen Anblick im Flamingoshirt nicht wert, noch länger hier zu stehen?“, fragte er schmunzelnd.
„Hm... Ich denke, ich könnte mich überreden lassen.“
„Worüber spricht man so in einem Gang im Zug um drei Uhr morgens?“
„Ich schätze, über alles, was einem so einfällt. In dieser Position hat man recht wenig zu verlieren.“
Er lächelte. „Gut“, er nahm noch einen Schluck, „dann fange ich an. Sie haben fantastisch schöne Augen, wissen Sie das? Dafür ist die Hose, die Sie tragen, mindestens eine Nummer zu groß.“
Ich lachte und trank. „Danke für das Kompliment. Wie Sie das im Halbdunkel erkannt haben... mit den Augen, meine ich....“
„Jetzt Sie. Sagen Sie irgendwas, das Sie niemals bei Tageslicht zu einem Fremden sagen würden.“
Ich biss mir auf die Lippen. „Die Hose, die Sie tragen, ist mindestens eine Nummer zu klein. Aber Sie haben etwas so Unwiderstehliches, dass es niemanden in diesem ganzen Zug gibt, mit dem ich mir lieber eine Proseccoflasche teilen würde als mit Ihnen.“
Er grinste.
„Und was würden Sie jetzt tun, wenn wir ganz romantisch Abendessen würden?“, fragte er dann.
„Ich würde den Prosecco wahrscheinlich aus dem Glas trinken. Aber ganz sicher bin ich nicht“, flüsterte ich, weil der Schaffner wieder vorbeikam. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt und seine Augen glänzten so sehr durch das Dunkel; eine Sekunde lang konzentrierte ich mich nur auf seinen Atem, dann wandte er sich um, weil der Schaffner ihm auf die Schulter klopfte: „Sie haben Ihre Karte vergessen, oder?“
Giacomo lächelte schuldbewusst. Der Schaffner rollte mit den Augen. Dann fixierte er mich: „Und Sie?“ Ich hielt meine wie einen Schild in die Höhe. „Sehr brav“, er lächelte, dann verschwand er, um sein Täschchen mit den Schlosskarten zu holen.
Ich trank noch einen Schluck.
„Was sagen wir jetzt?“, fragte ich.
„Hier sagt man Ciao bella.“
Ich hielt ihm die Flasche mit dem letzten Schluck hin: „Salute.“
Als der Schaffner sich näherte, trank er den letzten Schluck.
„Danke für den Prosecco“, sagte er und legte mir die Flasche so sanft in die Arme, dass mich die Berührung seiner Fingerkuppen schaudern ließ, während er sich umwandte, um dem Schaffner zu folgen und während sich ganz langsam, hinter sattgrünen Hügeln, die Sonne des Südens abzeichnete.
Giulietta, das war der erste Moment.
Ich ließ die Sonnenstrahlen meine Nase kitzeln, als ich vor den Bahnhof trat. Kurz wollte ich mich umwenden, um nach Giacomo, oder wie auch immer er hieß, Ausschau zu halten. Aber ich tat es nicht. Der Weg, der vor mir lag, war ein anderer. Selbstsicher bestieg ich den Bus, von dem ich dachte, er führe in die richtige Richtung, wobei sich das Gewicht meines Rucksacks kurz selbstständig zu machen und mich aus dem Bus zu kippen drohte, was nur eine mutige Frau mit Katzenkorb verhindern konnte, indem sie sich (und die Katze) mit aller Macht gegen das blauschwarze Ungetüm stemmte. Ich jauchzte kurz, der Busfahrer riss die Augen auf, die Katze schrie und die Frau ächzte, aber wenige Sekunden darauf fuhren wir friedlich gemeinsam im Bus.
Ich fand das Haus, in dem ich wohnen würde. Es war eine Studenten-WG. Ja, theoretisch hatte ich schon das Geld, mir ein Hotelzimmer zu besorgen oder in einer kleinen Pension zu wohnen. Aber ich wollte nicht alleine sein. Mein Studienabschluss war noch nicht sehr lange her und sofort, als ich durch die Türe schritt, erinnerte ich mich wieder an den dampfigen Geruch, der jeder Wohnung anhaftete, wenn am Vorabend eine große Party gestiegen war. Die Türe war mir von einer zerzausten jungen Frau geöffnet worden, die sich mir mit breitem Lächeln vorstellte. „Mein Name ist Aino“, sagte sie, „das ist finnisch.“ „Hallo, Aino“, entgegnete ich und versuchte, mich nicht über das Loch in der Türe zu wundern, „ich bin Laura.“ „Wir haben dein Zimmer schon vorbereitet“, sagte sie dann und führte mich durch das Wohnzimmer hindurch. Verstohlen musterte ich die umherstehenden Bierflaschen und wäre beinahe über die Füße eines Mannes gestolpert, der auf der Couch schlief. Schließlich standen wir in meinem kleinen Zimmer, das seine besten Tage definitiv hinter sich hatte. Glücklich seufzend ließ ich mich auf das Bett sinken. Aino stand unsicher im Türrahmen: „Wir haben es geputzt, bevor du gekommen bist. Warte, das Beste ist hier!“, schwungvoll riss sie die Vorhänge auseinander. Mein Blick wanderte zur Vorhangstange, die gefährlich schwankte. „Tataaa, dein Balkon“, Aino grinste mich an. Ich trat hinaus auf den großzügigen Balkon. Von der Innenseite blätterte die Farbe ab. Zwei einsame, leere Blumentöpfe standen in der einen Ecke. In der anderen stand ein kleines Zitronenbäumchen. „Wie schön!“, rief ich aus. Und dann sah ich meinen Ausblick. Direkt vor mir lag der Fluss, nur durch eine Straße getrennt. Ich lehnte mich an die Brüstung. Es fühlte sich gut an. Aino gähnte: „Schön, dich hierzuhaben. Aber jetzt entschuldige mich. Ich muss ein bisschen Schlaf nachholen.“ Sie grinste und torkelte winkend in ihr Zimmer.
Am nächsten Tag machte ich einen Stadtbummel und bog in jedes verträumte Gässchen ab, das ich finden konnte. Die Stadt Verona war schöner als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie funkelte in trüber Mittagshitze vor sich hin; die Uhren schienen hier anders zu takten; alles ging ein wenig langsamer. Dadurch, dass ein Wochentag war, gab es noch keine Touristenströme, die die Innenstadt bevölkerten. Die kleinen Gässchen waren voller Menschen, die zur Arbeit gingen und Kinder in die Schule brachten. Die breiten Brücken, die über den Fluss führten, der auf Deutsch den wahrhaft unromantischen Namen Etsch trug, öffneten breite Wege in den Stadtkern hinein, der wie eine schlafende, nicht alternde Schönheit in der Sonne lag.
Ich ging an den Häusern vorbei, die ihre prächtigsten Tage schon hinter sich hatten, hob den Blick zu den Zinnen des mächtigen Castello und schaffte es noch vor dem Abendrot schließlich mit dem Bauch voller Pizza auf den Hügel, auf dem das Amphitheater lag. Die Stadt lag mir zu Füßen wie eine sanfte Nymphe, nicht so glitzernd wie Paris, nicht so strahlend wie Rom, sondern weicher, ruhiger passte sie sich in die Umgebung ein als hätte sie seit Urzeiten hier einen Platz beansprucht – direkt dort, wo man die Sonne am besten sehen konnte. Und die Sonne dankte es ihr. Mit ihrem zartrosa Glanz bedeckte sie die romanischen Bauten, die wohlhabende Familien hier für die Ewigkeit errichtet hatten.
Ich setzte mich auf die Mauer. Ach, Giulietta, dachte ich, hier hättest du doch glücklich werden können. Ich wäre es, fügte ich in Gedanken hinzu und war doch nicht ganz sicher, ob es stimmen konnte.
Das Wasser lag still unter den Brücken, die ihre mächtigen Arme gespannt hatten, ihre steinernen Griffe erweitert hielten vom Umland in die Straßen der Stadt hinein. Wie lange ich dort saß, wusste ich nicht. Ich erlebte, wie sich das Schauspiel des Sonnenuntergangs ereignete, wie der Sommerwind zunächst die Farben aus allem zurückzog, um dann ein dunkelblaues Tuch über alles zu spannen, das mit Sternen übersät die Nacht anzeigte. Mit der Ruhe in den Straßen in der Stadt zu meinen Füßen, breitete sich auch die Ruhe in mir aus. Ich hörte auf, Sternbilder zu suchen und ließ mich von dem Funkeln der Himmelskörper verzaubern.
Als eine kleine Sternschnuppe direkt über mir ihren kleinen Streifen mit sich durch die sattblauen Ewigkeiten des Himmels zog, wusste ich: Giulietta, das ist der nächste Moment.
Vorsichtig füllte ich das Kaffeepulver in die Kanne und schraubte sie zu. Zufrieden betrachtete ich meine kleine rosa Bialetti – Kaffeemaschine, die ich vorsorglich mitgebracht hatte. Dann wanderte mein Blick zum Herd und mein Mut schwand. Es war ein Gasherd. Gleich daneben lag ein Feuerzeug. Nach kurzer Überlegung griff ich bestimmt zu und wollte gerade das Feuer an den Gasauslass führen, als hinter mir eine dunkle Stimme sagte: „Ciao. Lass mich das machen.“ Ich zuckte zusammen und wandte mich um. Vor mir stand ein großer, breiter junger Mann, der mir aufmerksam zulächelte. „Ciao“, ich räusperte mich. „Ich bin Gabriele“, sagte er, „und ich glaube, ich sollte dir helfen.“ „Guter Plan“, antwortete ich und sah zu, wie er in Nullkommanichts die Flamme angedreht hatte. „Woher kommst du?“, fragte er, schüttelte eine Zigarette aus dem Päckchen und öffnete das Fenster, um zu rauchen. „Ich komme aus Wien“, sagte ich. „Eine schöne Stadt. Ich bin einmal dort gewesen.“ „Was hat dir am besten gefallen?“ „Schieles Zeichnungen“ „Ich habe früher nichts damit anfangen können“, gab ich zu, „aber jetzt verstehe ich vieles besser.“ Er nickte: „ein außergewöhnlicher Künstler.“ „Ja, das war er.“ Er führte die Zigarette zu einem Aschenbecher und blies den Rauch aus seinen vollen Lippen in die Morgenluft. An seinem linken Ohrläppchen funkelte ein goldener Ring. „Studierst du noch?“, fragte er dann. „Nein. Ich bin schon fertig. Jetzt arbeite ich in einer Apotheke.“ „Dann hast du Pharmazie studiert?“ „Ja. Und du? Studierst du noch?“ „Ja“, gab er zurück, „ich bin ja erst neunzehn.“ „Du bist neunzehn?“, unterbrach ich ihn. Er sah mindestens fünf Jahre älter aus. Meine Kaffeekanne pfiff und ich hüpfte zum Herd, um meinen Kaffee zu bergen. Er musterte mich und als ich wieder saß, die Hände um mein kostbares Gut gefaltet, sagte er: „Ich studiere Kunstgeschichte.“ „Deshalb: Schiele.“ „Vielleicht“, gab er zurück, „ist noch Kaffee da?“ „Ja, natürlich“, ich sprang wieder auf, „ich bin morgens nicht so fit im Kopf, tut mir leid.“ Er lächelte und schenkte sich ein. Dann prostete er mir zu, als er die Küche verließ: „Bis dann, Laura.“ „Bis dann“, sagte ich und ließ mich von den Sonnenstrahlen an der Nase kitzeln, „bis dann, Gabriele.“
Als ich fertig war, machte ich mich auf den Weg zum Club di Giulietta. Der Eingang lag in einem verträumten Innenhof. Meine Sandalen klapperten über das Kopfsteinpflaster, als ich mich der Türe näherte. Es versprach, ein heißer Tag zu werden. Von den Lichtgängen der Stockwerke über mir hingen Pflanzen hinab; ein eingerollter Schlauch in der Ecke war noch feucht, weil wohl auch die Topfpflanzen, die im Innenhof standen, schon gegossen worden waren. Ich blinzelte in die Sonne hinauf und drehte mich einmal um mich selbst. Dann merkte ich, dass mich jemand ansah. Der Eingang zum Club di Giulietta war verglast. Eine freundliche Frau stand dahinter und sah mir zu, wie ich mich im Innenhof drehte. Sofort lief ich rot an und eilte auf die Türe zu. „Ich bin Laura“, sagte ich und hielt ihr die Hand hin. „Elena“, gab sie zurück, „ich arbeite hier für den Club. Komm mit; ich führe dich herum. Du kommst aus Deutschland?“ „Nein, aus Österreich. Ich bin aus Wien.“ „Ach, so“, sie lachte, „ich dachte nur, weil du so pünktlich bist.“ „Sind das alles die Briefe, die wir beantworten?“, fragte ich dann und deutete auf einen großen Holzschrank in der Ecke, der Holzkisten beinhaltete. Auf jeder der Kisten klebte ein kleines Herz. Auf jedem stand eine andere Sprache: inglese, tedesco, italiano, spagnolo, francese,.... „Ja, genau“, Elena zog eine der Kisten hinaus, „es ist ganz einfach: du nimmst dir die Briefe und beginnst zu lesen. Und dann entscheidest du, auf welchen du antwortest. Dort hinten steht der Antwortkarton. Dort gibst du deine Antwort hinein. Und bitte schreibe auf den Originalbrief in drei Stichwörtern vorne drauf, worum es ungefähr ging. Sie werden alle aufgehoben.“ „Alle?“, fragte ich und blickte auf die vielen Kartons, die in einem Regal an der Wand standen. „Ja, alle.“ Ich dachte an einen Brief in hellblauem Papier, den ich vor ungefähr zwei Jahren geschrieben hatte. Und ich dachte an die gemusterte Nachttischlampe. Sie stand jetzt im Keller bei meinen Eltern. „Alles ok?“, fragte Elena. Ich schüttelte den Kopf. „Ja, alles gut. Sag“, ich zog einen der Briefe heraus, „wie unterschreibe ich eigentlich?“ „Mit Giulietta“, sagte sie, „denn schließlich schreiben die Menschen ja ihr.“ Ich drehte das Kuvert, das ich in der Hand hielt, um. Darauf stand als Adresse nur: A Giulietta, Verona.
„Ich kann beantworten, welchen Brief ich will?“, fragte ich noch einmal. „Ja, natürlich. Wir haben da keine Vorgaben. Aber bitte gib mir den ersten Brief noch ab. Giovanna möchte ihn gerne lesen. Sie hatte in der Schule Deutsch und kann es lesen. Nur, um sicherzugehen, dass du keinen Unsinn schreibst“, sie zwinkerte mir zu. „Alles klar“, sagte ich, schnappte mir die Kiste mit der Aufschrift tedesco und setzte mich an den großen, schweren Holztisch. Instinktiv fuhr meine Hand an das Holz. Wie viele Briefe hier wohl schon geschrieben wurden, fragte ich mich. Es war massives Material, zerkratzt und zerfurcht von der Zeit und allem, was darauf passiert war. Ich zog den Stift aus der Tasche, den ich immer mithatte. Sofort bemerkte ich, dass dieser wohl nicht ganz die richtige Wahl für dieses Vorhaben war. Er war ein Werbegeschenk der Firma Dulcolax. Am oberen Ende thronte eine Kloschüssel. Ich verschob die Kiste so, dass Elena den Stift nicht sehen konnte und schwor mir, noch heute ein anderes Schreibgerät zu besorgen. Dann griff ich in die Kiste. Es waren bunte Umschläge darin, abgerissene Seiten aus Tagebüchern, Briefbögen aus nahegelegenen Hotels und.... ich runzelte die Stirn und zog eine Serviette hervor. Elena lachte, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. „Woher kommt das denn? Bitte sag mir, dass der Postbote nicht extra dafür hergekommen ist.“ „Nein, nein, lose Zettel oder Servietten werden in den Briefkasten im Haus von Giulietta geworfen. Einmal pro Tag holen wir die Nachrichten von dort ab.“ „Ich verstehe“, sagte ich nur und legte die Serviette wieder in die Kiste zurück. Dann stand ich auf und holte die Kiste zu mir, auf der inglese stand. Auch aus dieser Kiste entnahm ich einige Umschläge und Zettel, aber noch hatte ich zu viel Ehrfurcht, um einen davon zu öffnen. Ich blickte auf die Zeichnung, die an der Wand neben dem Holzkasten hing. Sie zeigte Giulietta, wie sie dem Betrachter die Hand entgegenstreckt, weit über den Balkon hinaus. Neben ihr flogen die Blütenblätter auf und irgendetwas an ihrem Dekolletée verriet mir, dass sie den Zuseher wohl nicht zum Schachspielen auffordern würde. „Wer bist du?“, fragte ich mich plötzlich. Irgendwann hatte ich das Stück von Shakespeare gelesen, aber besonders interessiert hatte es mich damals nicht. Gedanklich setzte ich den nächsten Punkt auf meine Einkaufsliste: Romeo und Julia von William Shakespeare.
Als Elena kurz Kaffeeholen war, wanderte ich ein bisschen im Raum auf und ab. An der Wand hing noch ein Plakat einer Theateraufführung des Shakespearestückes und ein paar Fotos, auf dem einige von Giuliettas Sekretärinnen zu sehen waren. Ich setzte mich an den kleinen Schreibtisch und knipste die Leselampe an. Vielleicht war es ein unbewusster Versuch, in meinem Inneren ein Licht der Erkenntnis anzuknipsen. Denn plötzlich fragte ich mich: Was machst du eigentlich hier? Warst du wirklich hier, weil du vor zwei Jahren auch einen Brief an die schöne Unbekannte geschrieben hast? Warst du hier, weil die Antwort dich so verzaubert hat? Warst du hier, weil du wegläufst?
Als ich meiner Familie den Plan unterbreitet hatte, hatten alle die Stirn gerunzelt. „Aber“, fragte meine Schwester Elisabeth, „was machst du in Verona? Fahr doch an den Strand in deinen freien Wochen!“ „Ich muss dorthin“, gab ich zurück, „ich weiß nicht. Seit ich den Brief zurückbekommen habe, habe ich das Gefühl,....“ „....du bist besessen?“, beendete Sophie meinen Satz. Ich schmollte. Mein Schwager stellte den großen Topf auf den Herd und wuselte hektisch durch die Küche unserer Eltern. Unsere Mama reichte ihm das Geschirrtuch, das er suchte. Ich öffnete die Weinflasche. „Ich habe das Gefühl, ich muss etwas Anderes machen als herumzusitzen“, nahm ich das Gespräch wieder auf. „Das war doch sonst auch nie das Problem im Sommerurlaub. Dass du nur herumgesessen wärst“, meinte Sophie und stellte die Weingläser vor mich. Ich seufzte. „Alle anderen fahren auf Hochzeitsreise diesen Sommer oder machen eine fette 30er Party in irgendeinem fancy Ressort. Und ich? Ich bin in der Zeit stehengeblieben.“ „Das stimmt doch nicht“, sagte Elisabeth und reichte ihrem Mann den Kochlöffel, den er suchte, „du hast bald das Aspirantenjahr vorbei. Dann bist du eine richtige frischgebackene Pharmazeutin!“ „Ja, stimmt. Aber ohne Leben.“ „Das wird schon wieder. Es ist nur eine minimale Lebenskrise. Die hat jeder um die Dreißig, keine Sorge“, unsere Mama zuckte die Schultern, „lass alles auf dich zukommen. Den richtigen Weg findest du nicht, wenn du ihn suchst, sondern ....“ „Ja, ich weiß“, ich seufzte, „wenn er mich findet.“ „So ist es“, Mama lächelte in sich hinein, während sie die Erdäpfel in den Kochtopf schüttete.
Und jetzt war ich hier. Mit einer fertigen Ausbildung, genialen Studienjahren, die hinter mir lagen, einer definitiv aussichtsreichen Zukunft, die vor mir lag. Und doch... Nachdem Elena den Club zugesperrt hatte, winkte sie mir und schlenderte davon. Als ich in die Wohnung kam, saßen Aino, Gabriele und der dritte Mitbewohner gerade bei Tisch und diskutierten. Vor ihnen standen mehrere geöffnete Flaschen Wein. „Setz dich zu uns!“, Aino winkte mich her. Ich bahnte mir einen Weg durch den Rauch zum Tisch. Von rechts näherte sich eine ausgestreckte Hand. „Ich bin Ian, schottischer Dichter.“ „Freut mich. Ich bin Laura.“ „Was machst du hier, Laura?“, fragte er dann. „Ich bleibe diesen Monat bei euch, um für den Club di Giulietta zu schreiben.“ „Wie schön“, Aino klatschte in die Hände, „da schreibe ich auch manchmal mit. Wenn es die Vorlesungen zulassen. Dann sehen wir uns dort auf jeden Fall öfter!“ „Eigentlich ist es sehr merkwürdig. Einen Brief an Giulietta zu schreiben“, sagte ich in die Runde und schenkte mir Rotwein ein. „Warum?“, fragte Ian. „Weil das doch bedeutet, dass man sich irgendwie aufgegeben hat, oder nicht? Ich meine, warum erzählen die Menschen das nicht ihren besten Freunden oder ihrer Familie?“ „Manche haben keinen besten Freund. Oder eine Familie“, Aino zündete sich die nächste Zigarette an. „Und manchmal“, sagte Gabriele und blies noch mehr Rauch in die Luft, „fühlt man sich besser, sein Geheimnis jemandem anzuvertrauen, dem man nie begegnen wird. Es ist, als würde man es dem Universum anvertrauen, dem Schicksal oder irgendetwas in der Art – und es damit gehen lassen können.“ „So habe ich das noch gar nicht gesehen“, meinte ich und dachte an meinen eigenen Brief. Ich beobachtete die Rauchwolken, die sich gegen die dunklen Vorhänge abzeichneten. Irgendwann bestellte jemand Pizza. Irgendwann später drehte jemand Jazzmusik auf. Irgendwann noch später schunkelte ich eng mit Ian umschlungen in den Rauchschwaden. Seine Augenlider lagen auf Halbmast und er stützte sich an meinen breiten Hüften ab. Leise summte er die Melodie mit. Ich nahm Aino und Gabriele wahr, die ebenso eng umschlungen neben uns wankten. „Ciao, Verona“, sagte ich und lächelte glücklich.
