Giulio - Peter Loetscher - E-Book

Giulio E-Book

Peter Loetscher

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Beschreibung

Der bekannte Heiler Giulio befreit unzählige Menschen mit seinen Naturheilmethoden von ihren Leiden und viele verehren ihn wegen seines Wirkens. Doch der Regierung wird er unbequem, weil er etwas weiß, was er nicht wissen sollte. So wird Giulio Opfer einer Intrige und wird zum Tode verurteilt. In der Todeszelle, in der Giulio auf seine Hinrichtung wartet, wird er schließlich vergiftet und in ein Krankenhaus gebracht. Von dort wird er entführt und kann untertauchen. Er soll Philomena, die Tochter des Richters, der ihn zum Tode verurteilt hat, von ihrer schweren Krankheit heilen. Doch Giulio wird landesweit gesucht und die Polizei ist hinter ihm her.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum 3

Vorwort 4

1 6

2 12

3 16

4 18

5 23

6 25

7 26

8 28

9 30

10 32

11 36

12 38

13 40

14 44

15 47

16 48

17 52

18 54

19 59

20 61

21 64

22 67

23 72

24 74

25 79

26 85

27 88

28 90

29 100

30 104

31 111

32 115

33 117

34 125

35 132

36 135

37 144

38 147

39 153

40 159

41 163

42 168

43 171

44 176

45 179

46 186

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-512-4

ISBN e-book: 978-3-99131-513-1

Lektorat: Melanie Dutzler

Umschlagfoto: Domnitsky, Mystock88photo | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

Als mich Peter fragte, ob ich das Vorwort schreiben möchte, fühlte ich mich sehr geehrt und freute mich rüüdig darüber.

Peter kenne ich schon seit 2006. Wir konnten damals schon Dinge erleben, durch die wir in eine andere Dimension eintauchen durften und gesehen haben, dass es zwischen Himmel und Erde noch etwas anderes gibt.

Lieber Peter, du bist dazumal wie ein Wirbelwind in mein Leben reingeschneit. Du warst erfrischend, verrückt, aber auch direkt.

Schreib, Peter, schreib … Papier ist dein Medium!Diese Info bekam Peter schon früh von der geistigen Welt zu hören. Es dauerte nun ein paar Jahre, doch jetzt schreibt es in ihm wie von selbst.

Man muss Peter begegnet sein, um es glauben zu können. So energiegeladen wie er ist kein anderer. Peter denkt schnell, denkt viel, erzählt gerne und lacht oft. Er mag zwar wie ein Ü60 aussehen, im Gemüt ist er der quirlige Junge aus Luzern geblieben, in dessen Kopf die Gedanken wie Rennpferde herumgaloppieren und sich weder zügeln noch lenken lassen. Wer ihm zuhört, sollte darum ziemlich beweglich sein.

Dieses Buch ist sehr spannend und passt für die einen in eine Schublade. Für andere passt es jedoch genau in die heutige Zeit hinein. «Giulio … der etwas weiß, was niemand wissen darf» ist aber vor allem ein Buch zum Nachdenken.

Aus der Nummer kommst du nicht mehr raus, würde der Autor jetzt anfügen. Und man müsste ihn dabei sehen, um zu verstehen, wie sehr der Schalk aus ihm spricht.

«Es sind die Begegnungen mit lieben Menschen,

die das Leben lebenswert machen.»

Brigitta

Diese Geschichte ereignet sich in einem nicht genannten Land.

Es könnte fast jeder Staat auf diesem Planeten sein.

Giulio wurde 1980 geboren.

Den drei wichtigsten Frauen in meinem Leben

Marlies, Alexandra und Andrea gewidmet.

Mein spezieller Dank an Brigitta,

die mich bei der Bearbeitung

meiner Geschichte tatkräftig unterstützt hat.

1

Juni 1990

Völlig entkräftet schaut Giulio in die weit aufgerissenen Augen seines Kumpels Andrin, der mit der Rücken auf dem Boden liegt, während Giulio auf seinem Oberkörper hockt. Andrin windet und wehrt sich. Der schwere Atem seines Kumpels peitscht Giulio ins Gesicht. Dieser merkt nicht, wie sein rechtes Knie auf dem Asphalt hin- und her schürft. Blut schiesst aus der Wunde, überströmt Giulios Bein, das große Loch in der Hose ist das kleinste Übel. Schmerzen durchzucken seine Beine, er kniet, spürt, dass Andrin gleich seine letzten Kräfte sammeln wird. Andrin ist entschlossen, er will es jetzt tun. Mit aller Kraft dreht er sich auf den Bauch und wirft Giulio ab. Wieder auf den Beinen zieht er Giulio zu sich, knallt diesen anschließend rückwärts auf den Boden und wirft sich mit all seinen 48 Kilos auf ihn. Jetzt ist es Giulio, der sich windet und wehrt. Er spürt Andrins Gewicht auf ihm. Gedanken schwirren durch Giulios Kopf: «Ich gebe nicht auf – egal, was immer du tun wirst, Andrin …, so leicht kriegst du mich nicht …»

Das ist das Letzte, woran er sich später erinnern wird, danach liegt er rücklings auf dem Boden. Sein Kumpel Andrin hat dieses Kräftemessen gewonnen. Der Sieger hilft dem Besiegten auf die Beine, dann ertönen laute Schreie: Rund 24 Mädchen und Jungen, die dem Friedenskampf beigewohnt haben, drücken alles aus ihren Kehlen, so laut und ächzend wie möglich. Sie sehen, was Giulio schon lange spürt: Sein rechtes Knie ist zerfetzt, das Fleisch tritt aus der riesigen Wunde, das Knie ist blutüberströmt, das rechte Hosenbein ist nur noch ein Fetzen Stoff, der herunterhängt.

Kein Wunder, dass sich die gesamte Menschenschar auf dem Pausenplatz – Kinder wie Lehrer – um Giulio versammelt hat. Eine ältere Lehrerin, die Schüler nennen sie ihrer Liebe zur Natur wegen Tante Flora, beginnt als Erste zu handeln. Sie beugt sich hinunter zu Giulio, spricht ihm Mut zu, hebt ihn auf und trägt Giulio ins Sanitätszimmer. Der herbeigerufene Schulsanitäter erkennt schnell den Ernst der Lage und organisiert einen Transport zum nahegelegenen Arzt. In dessen Praxis wird Giulio medizinisch versorgt. Der Arzt näht Giulios Wunde am rechten Knie so gut, wie er kann. Die Starrkrampf-Spritze ist eine reine Formsache, der Junge spürt nicht mal den Einstich der Nadel, so sehr ist er mit sich selbst beschäftigt. Er hat Angst, dass ihn sein Vater wieder tadeln und schlagen würde, denn dieser hatte ihm verboten, Friedenskämpfe – in welcher Form auch immer – auszutragen. So holt ihn also seine Mutter beim Arzt ab und lässt sich von diesem noch kurz in die Medikation und Nachbehandlung des Knies ihres Sohnes einweisen. Er verabreicht dem Jungen drei verschiedene Medikamente – eine Wundsalbe, eine Schachtel Dragées gegen die Schmerzen sowie Beruhigungstropfen, die das abendliche Einschlafen fördern sollen. Giulio steckt alles in die Tasche seiner Jacke und humpelt zusammen mit seiner Mutter von dannen.

Im Auto ist es totenstill; knisternde Spannung liegt in der Luft. Mutter und Sohn hören Giulios Herz schlagen. Er hat Angst. Angst vor der Reaktion seines Vaters. Würde er ihn bloß verbal zusammenstauchen oder gar verhauen? Giulios Gedanken sind wirr; selten hat er sich derart vor der Bestrafung seines alten Herrn gefürchtet.

Nein, auch das noch: Giulio sieht einen gelben Kombi auf dem Parkplatz seines Elternhauses. Es ist der Wagen des Vaters. Daddy ist also schon zuhause und wartet auf ihn. Giulio schleicht sich ins Haus, in Erwartung der Schelte, die jetzt kommen sollte. Vater Johannes sitzt auf dem Sofa, gedankenversunken in die kommenden Momente. Er weiß noch nicht, wie er auf Giulio reagieren soll. Er steht auf, nimmt Giulio intuitiv in die Arme, tröstet ihn, lässt den Jungen seine Liebe spüren. Sie liegen sich in den Armen, Giulio ist wie paralysiert. «Was läuft da falsch?», denkt er, während er die Zuneigung seines Vaters spürt. Ein Blitz durchzuckt seinen Körper und Giulio fühlt, dass sein Leben in diesem Augenblick aus Liebe, Zuneigung und Zuspruch besteht. Dieses Gefühl wird sein Leben fortan begleiten und bestimmen.

Nach einer halbwegs schlaflosen Nacht – Mutter hatte sein Knie am Abend noch desinfiziert, mit Salbe versehen und ihren Sohn sowohl mit dem vom Arzt erhaltenen Schmerzmittel als auch mit einem Teelöffel voll Schlaftropfen versorgt – will Giulio wie gewohnt aus dem Bett hüpfen. Aua! – sein Schrei ertönt durch das ganze Haus. Hanna, Giulios kleine Schwester, Vater und Mutter rennen in sein Zimmer und finden Giulio schluchzend am Boden liegend. «Schau, Giulio, da musst du durch … Wer sich Schaden zuführt, muss dafür auch geradestehen!» Die Worte von Vater Johannes werden dem Jungen nie mehr aus dem Kopf gehen. Noch im hohen Alter wird er an diese Aussage denken; immer wieder. Während Mutter das Frühstuck zubereitet, sollte sich Giulio waschen und seine Wunde selbst versorgen. «Wo habe ich bloß die Salbe hingelegt? Und wo in Gottes Namen liegt meine Mittel gegen die Schmerzen …?» Giulio beginnt zu suchen, erfolglos. Sein Zimmer ähnelt einem Schlachtfeld. Überall liegen Kleider, Papier, Werkzeuge und vieles mehr herum. «Wo nur habe ich die Dinger hingelegt?», schreit es in seinem Kopf herum. Seine Suche ist chancenlos. Er weiß es. Gerade deshalb hat er plötzlich wieder Angst. Angst davor, seine Mutter würde ihn tadeln, Angst auch davor, seine Wunde würde nie mehr richtig heilen. Er würde sein rechtes Knie nie mehr richtig beugen und belasten können. Nach dem Frühstück schleicht er sich in den Garten des Nachbarn. Giulio weiß, dass dort verschiedenste Kräuter wachsen, und er hofft, dass vielleicht eines davon ihm helfen würde, denn er hatte darüber mal etwas in einer Zeitschrift gelesen. Giulio glaubt zwar nicht so recht daran, doch er tut es trotzdem. Ein paar Jahre später würde er sich sagen: «Die Hoffnung stirbt zuletzt …»

Der Kräutergarten des Nachbarn ist reich bewachsen von einer Unzahl von Kräutern. Diese verwendet die alte Dame jeweils bei der Zubereitung verschiedenster Speisen. Sie ist eine ausgezeichnete Köchin. Thymian, Salbei, Liebstöckel, Petersilie, Majoran, Schnittlauch, und, und, und … Die Kräuter lachen Giulio am frühen Morgen entgegen. Ohne lange zu überlegen, zupft Giulio an den Blättern des Salbeistockes, denn diese scheinen ihm besonders schön, groß und saftig. Er rennt zurück zum Haus seiner Eltern, vorbei an einem sehr exotisch anmutenden Baum, der schon seit vielen Jahren das Anwesen des Nachbarn ziert. «Kann nicht schaden», denkt er und reißt davon auch noch einige bizarr aussehende Blätter ab. In seinem Zimmer angekommen – keiner im Haus hat Giulios Ausflug bemerkt – wickelt er sich die Kräuter um sein lädiertes Knie und verbindet dieses. Seine Mutter lässt er im Glauben, ihr Junge hätte sich die Salbe ans Knie geschmiert und es danach einbandagiert. Giulio muss heute nicht zur Schule; es ist Wochenende. Er humpelt in der Wohnung herum und denkt immerzu: «Hoffentlich merkt Mutter nichts von meinem Schwindel …»

Eine Woche später, am Montagnachmittag, ist ein Arztbesuch angesagt. Giulio hat zuvor nicht daran gedacht, die Kräuter zu entfernen, damit der Arzt nichts merken würde. Behutsam nimmt der Mediziner die Bandage von Giulios Knie und sieht die Bescherung. Er holt schon Luft, um den Jungen zu tadeln, doch irgendwas hält ihn zurück. Der Anblick des Knies, der aufgeweichten Kräuter und der von ihm zusammengenähten Wunde lässt ihn erstarren. Die Wunde ist fast verheilt. Jedenfalls viel besser verheilt, als sich der Doc das je vorgestellt hätte. Er traut der Sache nicht und befragt Giulio nach seinem Vorgehen. Der Junge beginnt zu heulen und beichtet seinem Arzt die ganze Geschichte mit allen darin enthaltenen Details. «Hmm», denkt er, «mach weiter so» ist das Einzige, was der sonst so gestrenge Herr über die Lippen bringt, dann lässt er Klein-Giulio wieder gehen. Seine Mutter, die beim Arzt alles mitbekommen hatte, fährt Giulio nach Hause. Sie spricht kein Wort, zu sehr sitzt das große Erstaunen in ihren Knochen. «Was geht hier vor …?», fragt sie sich. Zuhause angekommen, setzt sie sich mit Giulio an den Tisch. «Hör mal, mein Junge, ich habe schon verschiedenste Artikel über die Heilkraft von Kräutern gelesen, doch so etwas ist mir fremd … Geh wieder zur alten Dame nebenan. Erzähl ihr die Geschichte und frage sie diesmal, ob du weiter von ihren Kräutern pflücken dürftest …» Giulio tut, was ihm aufgetragen wird. Seine Nachbarin strahlt vor Glück, dass Giulios Knie dank ihrer Kräuter fast geheilt ist. Giulio beschließt, sich fortan mit Naturheilkunde zu befassen.

22. September 1993

«Happy birthday to you … happy birthday to you …» Mama, Daddy, seine kleine Schwester Hanna, Onkel, Gotte, Götti, sein Kumpel Andrin, die alte Dame von nebenan und viele mehr … Alle sind sie gekommen, um Giulio zu seinem Geburtstag zu gratulieren. 13 Kerzen leuchten auf der riesigen Geburtstagstorte und warten darauf, vom jubilierenden Jungen ausgeblasen zu werden. Giulio macht gute Miene zum bösen Spiel. Im Grunde hat er keine Lust auf diesen Klamauk. «Blöde Tradition», denkt er sich. Viel lieber würde er jetzt im Werk Das große Buch der Heilpflanzen von Mannfried Pahlow über die Kräfte der Natur und deren heilenden Pflanzen weiter recherchieren. Der Junge holt tief Luft. Er bläst und die versammelten Gäste applaudieren ihm. Das Geburtstagskind zerschneidet die Torte in große Stücke, über welche die Anwesenden im Handumdrehen herfallen. Giulio zieht sich zurück in sein Zimmer, das war’s für ihn. Weder die Party noch die erhaltenen Geschenke interessieren ihn; bis auf eines: Mutter und Vater haben ihm zum Geburtstag ein Buch geschenkt; für Giulio ein sehr spezielles Buch. Darin beschreibt ein 68-jähriger Mann, wie er sein Leben abseits der Normen und Denkweisen anderer gelebt hat und dabei jeden Tag glücklich und zufrieden war. Er schreibt äußerst präzise über die riesige Heilkraft von Kräutern, beschreibt viele der ihm bekannten Pflanzen. Giulio liest von Salbei und Ginkgo. Ginkgo? – «Heißt nicht der Baum im Garten seiner Nachbarn so?» Für Giulio hat sich ein Kreis geschlossen. Geschlossen? – Von wegen … Jetzt nimmt das Leben von Giulio erst richtig seinen Lauf.

2

«Wau … wau … wau …» – Das Gebell eines Hundes stört die idyllische Ruhe auf der blühenden Wiese. Giulio, inzwischen 17 Jahre alt, hüpft zusammen mit Renate über die weiche Blumenwiese. Der junge Mann kennt die Frau nunmehr schon seit drei Monaten. Er ist verliebt und genießt jeden Augenblick des Zusammenseins mit seiner dunkelhaarigen Schönheit. Ihn kümmert nicht, dass Renate 6 Jahre älter ist als er. Es sind diese Augen, ihr sehnsüchtiger Blick, ihre Leichtigkeit, ihre Unbekümmertheit, die ihn an Renate so faszinieren. Giulio ist glücklich und zufrieden. Zusammen schlendern sie in Richtung des Waldes, aus welchem die Hundelaute zu vernehmen sind. In diesem Moment sieht Giulio das Tier. Es rennt aus dem Wald direkt auf sie zu. Giulio fürchtet sich nicht, denn er weiß: «Der Hund ist gut. Er ist vielleicht verängstigt, doch er will bestimmt nur mit uns beiden spielen.» Renate hat Angst. Intuitiv stellt sich Giulio vor seine Freundin. Jetzt! Der Hund – ein großer, kräftiger Schäferhund – ist unmittelbar vor ihnen und springt. Er will spielen – mehr nicht. Giulio fällt zu Boden, sein Kopf schlägt auf – genau auf eine über der Erde verlaufenden Wurzel des blühenden Kirschbaumes. Er trollt mit dem fremden Hund herum, obwohl sein Nacken schmerzt. Nach drei Minuten ist das Spektakel vorbei. Der Hund rennt zurück in den Wald. Giulio steht auf, gestützt von seiner geliebten Renate, er spürt den immer stärker werdenden Schmerz am unteren Ende seines Kopfes. «Geht’s, Giulio …?», macht sich seine Freundin Sorgen. «Kannst du gehen?»

«Kein Problem, nur eine kleine Prellung und ein paar Kratzer …», versucht Giulio, Renate zu beruhigen. Der Mut und die Zuversicht ihres jugendlichen Freundes faszinieren sie immer wieder. Renate ahnt nicht, was Giulio ein paar Tage später noch tun würde. Seine Freundin startet ihren Wagen, der ganz in der Nähe auf einem Parkplatz steht, und fährt zusammen mit Giulio zu seinen Eltern. Dies ist noch immer Giulios Zuhause, doch sein Zimmer gleicht nicht mehr einem Schlachtfeld wie noch vor ein paar Jahren. Alles ist fein säuberlich aufgeräumt. Bücher der Naturheilkunde stehen in Reih und Glied. Ausdrucke von naturwissenschaftlichen Abhandlungen haben fein geheftet und säuberlich sortiert in einer Unzahl von Ordnern ihren Platz gefunden. Bilder von Heilkräutern sowie eine Anleitung zur Pflege eines jungen Ginkgo-Baumes liegen auf dem Nachttisch. Ein Schulmikroskop thront rechts auf Giulios Schreibpult, während vor seinem Fenster ein Blumenkasten mit drei Salbei-Setzlingen steht. Einer kurzen Begrüßung seines Vaters – Mutter ist auf der Arbeit – folgt eine noch kürzere Beschreibung des Ereignisses auf der Blumenwiese. Giulio und Renate gehen in Giulios Zimmer. Vater Johannes weiß, dass er sich nicht um seinen Sohn kümmern muss, er spürt, dass Giulio das Richtige tun wird. Im Zimmer angekommen beginnt Renate sofort damit, Giulios Hals zu untersuchen. Sie desinfiziert erst die kleine Wunde, die ihm der Hund an seinem Kinn zugefügt hat. Danach untersucht sie Giulios Hals. Schließlich steht Renate kurz vor ihrem Staatsexamen und weiß um die medizinische Vorgehensweise bei einer Diagnose. «Also, es scheint wirklich nichts Schlimmes zu sein», spricht sie Giulio Mut zu. «Nichts deutet auf eine Verletzung deiner Halswirbel hin.» Sie rät Giulio, seinen Kopf vorerst physisch nicht zu belasten. «Sei einfach ein bisschen ruhig während der nächsten Tage, das wird schon wieder …» Giulio spürt wieder diese Unbekümmertheit und Leichtigkeit bei Renate. Er genießt die unendliche Vertrautheit, wenn er mit Renate zusammen ist. Giulio ist glücklich; an seinen Hals denkt er schon nicht mehr.

Sie werden immer stärker, diese Kopfschmerzen, welche Giulio seit dem Tag danach verspürt. Nicht etwa sein Hals oder die kleine Wunde unter dem Kinn schmerzen, nein: Es ist sein Kopf, in welchem sich diese täglich multiplizieren. Weder Renate noch der Hausarzt der Familie konnten ihm bisher helfen. Letzterer meinte: «Damit musst du in den nächsten Wochen leben, die Schmerzen werden danach verschwinden.» Er wollte Giulio noch ein Mittel gegen die Schmerzen verabreichen, doch der junge Mann schlug das aus. Er spürt, dass ihm Schmerzmittel nur für den Moment helfen würden. Jetzt, in diesem Augenblick, hält es Giulio nicht mehr aus. Er will nicht akzeptieren, was ihm der Mediziner gesagt hat. Giulio kämpft dagegen an. «Tu selbst was!», schreit es in seinem Kopf. Er rennt vom Wohnzimmer auf die obere Etage, öffnet die Tür zu seinem Zimmer und hechtet, getrieben von seiner Überzeugung, ans Fenster. Auch heute lässt sich dieses nur sehr schwer öffnen: «Immer klemmt dieses blöde Fenster!», ruft Giulio. Er pflückt zwei Hände voll von den Salbei-Blättern und setzt sich auf seinen Stuhl am Pult. Er zerquetscht dieses Produkt von Mutter Erde in seinem Mörser (Er nennt ihn «mein Heiligtum») und holt sich anschließend eine dunkle Socke aus dem seitlich neben seinem Bett stehenden Schrank. Der Duft des «Salbei-Muses» durchströmt das ganze Zimmer. Er ist frisch und warm und wirkt – zumindest für Giulio – bereichernd für Geist und Seele. Renate ist zu diesem Zeitpunkt an der Universität und wohnt einer Vorlesung über Pharmazeutik bei. Selbst wenn sie jetzt bei Giulio wäre, würde sie nichts tun können. Giulios Freundin würde sich hinsetzen und ihren Freund wirken lassen in dessen Welt. Giulio legt sich die Socke, gefüllt mit dem zerriebenen Salbei-Brei, um seinen Nacken. Zu dessen Stabilisierung wickelt er sich ein Halstuch um seinen Hals. Giulio spürt, wie warme Wellen seinen Nacken durchströmen. Er bleibt ruhig und wartet ab, was auf ihn zukommen würde. Nach dem Abendbrot liest er noch ein paar Seiten in einem wissenschaftlichen Buch, danach legt er sich schlafen. Renate würde – wäre sie bei ihm – jetzt aufstehen und gehen. Sie müsste Giulio in diesem Moment allein lassen. Für immer, wie sich später herausstellen wird. Am andern Morgen sind Giulios Schmerzen verschwunden. «Geht doch», denkt der junge Mann, denn er weiß um die Wirkung der Kräuter und Heilpflanzen. Als Giulio Renate das am Telefon erzählt, wird sie nervös. Die Welt in ihrem Kopf beginnt sich zu drehen. Giulios Tun und Handeln ist ihr unheimlich, schon seit längerer Zeit. Sie kann nicht mehr. Zu sehr ist sie auf ihre Ausbildung als angehende Ärztin fixiert. Nichts von Giulios Tun und Handeln deckt sich mit dem, was Renate an der Universität lernt. Ihr Herz pocht laut, Renate beginnt zu schluchzen, danach strömen dicke Tränen aus ihren blau-grauen Augen. Sie spürt: «Das ist das Ende.» Die kurz vor dem Abschluss des Studiums stehende Schönheit verlässt ihre jugendliche Liebe. Der Schmerz sitzt tief, trotzdem muss sie es tun. Der Kummer in Giulios Brust ist groß. Renates Entschluss zerreißt ihm fast das Herz. Doch damit ist für ihn der Weg frei für ein unglaubliches Ereignis, das auf ihn zukommen wird.

3

«Ist dir eigentlich noch zu helfen?», fragt der Lehrer den 17-jährigen Giulio. Dieser hat dem gestrengen Herrn mit der Hornbrille erklärt, er möchte Krankenpfleger werden. «Ein Mensch mit einem solchen IQ, ein Mensch mit derartigen Talenten ausgestattet, wie du einer bist … ich werd’ verrückt. Damit wirst du niemals viel Geld verdienen! Als Krankenpfleger kommst du gerade mal knapp über die Runden …!» Giulio hört seinem Lehrer gar nicht zu; sein Entschluss steht fest. Was sein Ausbildner und viele der Freunde seines Vaters dem 17-Jährigen erzählen, ist ihm egal. Sollen sie doch alle auf ihn einreden, auf ihm herumhacken, wenn sie denken, sie müssten das tun. Giulio ist sehr präsent, klar und stark, er weiß, dass sein gewählter Weg der richtige ist. Schon als Jugendlicher lässt Giulio keine Einmischungen in seine Ideen zu.

So tritt der junge Giulio seine Ausbildung als Krankenpfleger im nahegelegenen St. Katharina Hospital an. Er liebt es, anderen Menschen zu helfen, und ist mit seiner überaus großen Aufmerksamkeit sowohl in der Schule als auch am Arbeitsplatz sehr beliebt. Schwester Elfriede, seine Lehrlingsbetreuerin, ist über den Ehrgeiz des Jungen sehr erfreut. Sie ist dankbar, dass dieser Junge ihr zugeteilt wurde. Schließlich kann sie mit Giulios Leistungen gegenüber ihren Vorgesetzten brillieren und das tut ihr sehr gut. Das war nicht immer so, denn in den letzten vier Jahren haben ihre Schützlinge an den jeweiligen Schlussprüfungen nicht gerade geglänzt. Obwohl sich Giulio einen großen Teil seiner Zeit, in der er lernen sollte, immer wieder der Naturwissenschaft im Ganzen, der Naturheilkunde im Speziellen widmet, schließt er seine Ausbildung als Bester ab. Offenbar hat er – wie keiner seiner Lehrlings-Kolleginnen und Kollegen – die Gabe, die ihm zur Verfügung stehende Zeit so einzuteilen, dass er damit optimale Ergebnisse erzielt. Immer wieder sucht Giulio Antworten auf die Fragen: Warum bleiben Menschen gesund? Weshalb werden Kranke wieder gesund? Wie funktioniert Heilung?

So ist auch niemand überrascht, als die Krankenhausleitung Giulio nach dessen hervorragendem Abschluss einen Anstellungsvertrag anbietet. Giulio willigt sofort ein, denn er fühlt sich an seiner Wirkungsstätte wohl. «Hier kann ich kranken Menschen helfen; hier kann ich meine Visionen und Ideen umsetzen», geht es ihm durch den Kopf. Nur etwas stört ihn. Immer wieder stellt er sich die gleiche Frage: «Warum nur werden unseren Patienten immer wieder teure Medikamente verabreicht, wenn Kräuter-Tinkturen oder -Salben denselben Effekt erzielen?» Er kommt zu keiner Antwort – das macht ihn immer wieder nachdenklich. Tief in sich drinnen spürt er die Antwort, doch diese dringt noch nicht bis zu seinem Kopf durch.

4

Die Jahre zogen ins Land und Giulio ist jetzt seit nunmehr 21 Jahren im St. Katharina Hospital als Krankenpfleger tätig. Mittlerweilen kennt er das Haus in- und auswendig. Jede noch so verwinkelte Nische, jede Türe, jeden Arbeitskollegen bzw. Arbeitskollegin kennt er. Er ist sowohl bei seinen Arbeitskollegen als auch bei den Patienten beliebt. Hilde, eine ältere Frau, ist eine seiner Patientinnen. Sie liegt auf der Station für Demenzkranke. Hilde ist nicht gerade zimperlich im Umgang mit ihren Mitmenschen; auch bei Giulio macht sie keine Ausnahme. «Hilf mir lieber, anstatt dich dauernd mit deinem Handy zu beschäftigen», ruft sie Giulio mit einem vorwurfsvollen Blick zu. Dieser sucht wieder mal eine Abhandlung über die Folgen von Medikamenten bei unsachgemäßer Anwendung. Giulio schmunzelt leise vor sich hin; er kennt die Ausdrucksweise seiner Hilde. Im Grunde genommen ist sie ein Engel. Die alte Dame ist lieb und zuvorkommend gegenüber ihren Betreuern. Doch in Sekundenschnelle kann sich das bei Hilde ändern. Dann, wenn ihr Gehirn nicht mehr will, dann, wenn die Gute wieder mal alles um sich herum vergessen hat.

Giulio hat längst seine eigene kleine Wohnung, die er nach seinen persönlichen Wünschen eingerichtet hat. Verschiedenste Bücher über Naturheilkunde stapeln sich auf seinem Tisch. Freunde hat er keine; der inzwischen 39-jährige ist in den letzten Jahren zum Einzelgänger mutiert. So fühlt sich Giulio auch am wohlsten. So kann er tun, forschen und ausprobieren, woran und wie er will. In der letzten Zeit hat er sich eine kleine Praxis aufgebaut. Dazu hat sich Giulio eine kleine Wohnung in der Innenstadt gemietet. Diese Wohnung ist derart versteckt inmitten der verwinkelten Gassen, dass keiner ohne Giulios Zutun diese je finden würde. Giulio weiß nicht, weshalb er sich gerade für diese Räumlichkeiten entschieden hat, eine innere Stimme sagte ihm: «Es ist das Richtige.» Hier also hilft er gelegentlich kranken Menschen. Menschen, welche die Ärzte oftmals schon aufgegeben haben. Giulio ist besessen von der Idee, diesen Menschen mit seinen Kräutern und den von ihm hergestellten Tinkturen zu helfen.

Durch einen Zufall lernte er letzte Woche ein kleines Mädchen kennen, welches sich seit sieben Jahren täglich mit von ihrem Arzt verschriebenen Medikamenten behandeln lässt. Die kleine Karin leidet schon seit ihrem vierten Lebensjahr an Blähungen und Krämpfen im Verdauungstrakt. Eigentlich haben sich ihre Eltern und auch sie selbst mit diesem Leiden abgefunden. Auf Anraten des Arztes stellte die Mutter die Ernährung für Klein-Karin um, damit möglichst keine Reizstoffe mehr den Organismus belasten würden. Vorbei war die Zeit der «Spaghetti-Partys», die Karin als kleines Mädchen so sehr liebte. Vorbei auch die Momente, in welchen ihr Papa im hauseigenen Kamin kleine, selbst belegte Pizzas für seinen kleinen Engel gebacken hat. «Nun, es gibt Schlimmeres auf der Welt, als darauf zu verzichten …», versuchte die Mutter, ihre Karin immer wieder zu trösten.

Durch Margarethe, Giulios Nachbarin, kommt Giulio in Kontakt mit dem Mädchen. Die schüchterne, blonde Frau hat an Giulio offenbar den Narren gefressen und sie weiß nicht so recht, ob sie sich in ihren eigenartigen Nachbarn verliebt hat oder nicht. Die 35-jährige Lehrerin kennt den Smokie-Song Living next door to Alice nur zu gut. Für sie wäre das der Supergau, wenn Giulio eines Tages die Wohnung wechseln würde, ohne dass sie mit dem zwar sonderbaren, doch sehr selbstbewussten Mann ins Gespräch gekommen wäre. Margarethe weiß um die Besessenheit ihres Nachbarn, Kranke zu heilen. Gerade das fasziniert sie so sehr an ihm. Eines Tages, als die junge Karin bei ihrer Tante zu Besuch ist, begegnen sich alle drei im Treppenhaus. Margarethe schießt das Blut in den Kopf. Die sich plötzlich abzeichnende Röte ist nicht zu übersehen. Giulios Nachbarin schämt sich deswegen so sehr, dass sie gar nicht bemerkt, was sich gerade vor ihrer Haustüre abspielt. Ihr Herz pocht, doch sie getraut sich nicht, Giulio direkt anzusprechen und mit ihm eine Konversation aufzubauen. Eine peinliche Spannung liegt in der Luft. Es ist totenstill, bis sich Klein-Karin zu Giulio dreht und sich mit ihrem schalkhaften Wesen an ihn wendet: «Ich bin Karin und wer bist du …?» Giulio stellt sich dem Mädchen vor und die beiden beginnen zu plaudern und von sich und ihrem Tun zu berichten. Schnell vertraut sich das Mädchen dem Pfleger an und so erfährt Giulio also von der jahrelangen Krankheit Karins. «Das ist die Chance!», denkt sich Margarethe und lädt ihren Nachbarn zu sich in ihre Wohnung ein, um dort weiter zu plaudern. Margarethe interessiert sich sehr für die japanischen Teekunst – eine ihrer großen Leidenschaften – und erklärt ihrem Nachbarn die Zeremonie, wie sie vom fernöstlichen Inselvolk schon seit mehr als tausend Jahren philosophisch zelebriert wird. Giulio ist begeistert. Tief drin spürt der aufstrebende Mann eine – fast unheimliche – Ruhe und Zufriedenheit. Margarethe reicht dazu Häppchen und erwirkt sich damit die Aufmerksamkeit ihres Gastes. Derweil beschäftigt sich die kleine Karin im Gästezimmer mit sich selbst. Margarethe erzählt von sich, ihrer Schwester und deren Tochter Karin. Sie berichtet Giulio von der Krankheit der Kleinen und erzählt … und erzählt. Erstaunt hört ihr Giulio zu, was Margarethe zu noch ausführlicheren Erzählungen antreibt. «Endlich, wir kommen uns näher …!», freut sich Margarethe innerlich. Sie ist derart auf sich selbst fixiert, dass ihr verborgen bleibt, dass sich Giulio eigentlich nur für Karin und deren Leiden interessiert. In diesem Moment, in welchem Margarethe bereits in ihren Träumen versunken ist, und sich auf die Dinge, die jetzt folgen würden, freut, beendet Giulio den Besuch bei seiner Nachbarin abrupt und zieht sich in seine vier Wände zurück. «Besuch mich morgen Sonntag, ich möchte noch mehr von dir erfahren», verabschiedet er sich von Karin und vergisst komplett, sich bei Margarethe für deren Bemühungen zu bedanken. Diese ist enttäuscht, denn sie erhoffte sich mehr vom ersten Besuch ihres Nachbarn. Doch zu sehr ist Giulio schon damit beschäftigt, dem Mädchen zu helfen.

Die ganze Nacht schwirren verschiedenste Methoden und Wege in Giulios Kopf herum. Gedanken, welche sich um eine mögliche Heilung von Karins Weizenallergie und Verdauungsproblemen drehen. Der junge Mann kann es nicht glauben: Er kommt trotz seines Wissens, der gemachten Erfahrungen und des festen Willens, der kleinen Karin zu helfen, nicht voran. «Warum ausgerechnet jetzt?», denkt er. Weder in seinen Büchern noch in all den säuberlich angelegten Zeitschriftensammlungen über Naturheilkunde findet er eine Lösung. Selbst die einschlägigsten Abhandlungen, welche er im Internet findet, geben ihm keine Antwort. «Heute wird das nichts», sagt er sich und kriecht wie benommen unter seine grüne Daunendecke.

«Jaaa!», schreit Giulio aus voller Kehle. Sein Schreien dröhnt durchs ganze Haus. Nur gut, dass ihn niemand hört, weil jedermann im Haus schläft. «Jaaa!» Immer wieder. «Jaaa», tönt es aus Giulios Hals. Der vom Heilen Besessene hat einen alten, verrunzelten und sehr weisen Mann vor sich. Er unterhält sich mit diesem und fragt ihn, was er in Bezug auf Karin denn tun könne. Welches Naturprodukt sollte er ihr verabreichen; wie bloß sollte Giulio Karins Heilung einleiten? Der Eremit – ein fast unheimlich ruhiger und in sich gekehrter Mann – überlegt und sagt schließlich: «Vertraue auf dich, glaube an dich!» Giulio ist wie paralysiert und schreit einmal mehr: «Jaaa!» Er schreit so lange, bis seine Äußerungen in einem Röcheln enden. Jetzt öffnet er seine Augen, schweißüberströmt liegt der junge Mann im Bett. Er trieft vor Nässe, ein leichtes Schütteln durchzuckt seinen Körper. Langsam erst merkt Giulio, dass er eben einen wegweisenden Traum hatte. «Vertraue auf dich, glaube an dich …» Immer wieder sieht er den greisen Mann vor sich. Wie Schuppen fällt es ihm von den Augen: Das ist es, das ist die Lösung! Noch ahnt er nicht, dass er diese Erkenntnis nächstens für sich brauchen würde. Für das größte Problem in seinem Leben, das bald auf ihn zukommen wird.

Obwohl es draußen noch dunkel ist, steht Giulio auf, begibt sich ins Badezimmer und erledigt seine Morgentoilette. Jetzt beginnt er zu warten. Warten, bis sich die kleine Karin bei ihm meldet. Giulio dreht fast durch. Es ist Sonntagmorgen und diese Warterei erscheint ihm endlos. Nach der dritten Kanne Tee, die er sich aufgegossen hat, zuckt Giulio zusammen: Er hört ein leises Klopfen an seiner Tür. «Ist Margarethe wütend, dass ich gestern Abend so Hals über Kopf davongerannt bin …?» Weit gefehlt! Die kleine Karin steht vor seiner Tür. Sie ist besessen von der Idee, dass ihr dieser eigenartige Mann helfen könnte. Wortlos nimmt er die Kleine an der Hand und führt sie in seine Küche. Er gießt zwei weitere Kannen Tee auf; diesmal mit Fenchel, Kümmel, Kamille und Salbei. Giulio verreibt die Samen zuerst in einem Mörser und mischt sie zusammen mit den Kräutern. Er verabreicht der Kleinen diesen Aufguss und schaut sie nur an. Sowohl Giulio als auch Karin spüren, dass jetzt, in diesen Minuten, etwas fast Unheimliches entsteht. «Ich muss es tun …, ich muss es einfach tun … Es ist richtig so!» Diese wilden Gedanken schießen durch den Kopf des Krankenpflegers. Er schneidet zwei Scheiben Brot, geht zum Gefrierschrank und zaubert seine letzte, gefrorene Pizza hervor und schiebt diese in seinen Ofen. Während die italienische Teigscheibe in der Hitze bäckt, streicht Giulio für Karin ein Brot. «Iss einfach, es wird dir guttun», weist er das kleine Mädchen an. Sein Ton ist fordernd und sanft zugleich. Karin hat Angst, doch sie gehorcht diesem, ihr schon so sehr vertrauten Mann. Mit ihrem Heißhunger verschlingt Karin mehr als die Hälfte der Pizza. In Erwartung eines Zitterns am ganzen Körper, vermischt mit großen Schmerzen im Magen- und Darmbereich, wartet sie darauf, was jetzt mit ihrem Körper geschehen würde. Doch nichts dergleichen passiert, weit gefehlt. Vielmehr beginnt sich eine angenehme Wärme in ihrem noch jungen Körper auszubreiten. Ein Gefühl, das sie bisher noch nie erlebt hat. Karin macht sich keine Gedanken darüber, sie genießt einfach den Moment und freut sich, dass sie nach jahrelangem Verzicht endlich wieder mal eine Pizza essen darf. Im selben Moment spürt Giulio – nein, er weiß es: Karin ist geheilt! Geheilt?

5

«Nein, nein, nein – zum letzten Mal: Nein!» Die Augen der Oberschwester Maria sind gerötet, ihr Blick ist aufgelöst und wütend zugleich. «Du verwendest jenes Material, das wir hier zur Verfügung haben und sonst gar nichts, klar?» Einmal mehr versteht Giulio die Welt nicht mehr. «Warum nur darf ich meinen Patienten nicht meine naturbelassenen und auch noch viel günstigeren Salben verabreichen als diese teuren Industrieprodukte?», fragt er sich. Salben haben es dem bald 40-Jährigen nämlich angetan. Er ist mittlerweile zu einem «wandelnden Lexikon über Naturheilkunde» herangereift. Die Grundrezeptur zur Herstellung von Salben kennt er längst auswendig. Giulio überließ nichts dem Zufall und passte die Zusammensetzung dieser heilenden Schmiere