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Nachdem ihre große Liebe sie verlassen hat, kann Torina es kaum erwarten, mit der Arbeit an der neuen Parfum-Kampagne "Dangerous Temptation" zu beginnen. Der Duft soll der Firma "Rose’s Heart" endlich den internationalen Durchbruch bringen. Als Kampagnengesichter werden keine Geringeren als das Model Olivia Livington und der Skandalrockstar Luke Flynt engagiert. Was als vielversprechendes Projekt beginnt, entwickelt sich bald zu einer Katastrophe. Denn die beiden Berühmtheiten leben ihre Exzesse und Überheblichkeiten rücksichtslos aus und nehmen es auch mit der Wahrheit nicht so genau. Torinas Glaube an das Gute im Menschen wird so auf eine harte Probe gestellt. Und Olivia wird schmerzhaft bewusst, dass ihr Leben im Glamour mehr als nur eine Schattenseite hat. Eine Geschichte von Liebe, Schmerz und Niedertracht auf dem roten Teppich der Eitelkeiten.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2017
www.edition.subkultur.de
Alisha & Laura-Marie Schulz: „Glampain“ 1. Auflage, April 2017, Edition Subkultur Berlin
© 2017 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe / Edition Subkultur Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wären rein zufällig.
Projektleitung, Lekorat: Sarah Strehle Projektassistenz: Laura Partikel Cover: Marion A. Müller Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-943412-30-7 epub ISBN: 978-3-943412-80-2 E-Book-Version: 1.1
Alisha & Laura-Marie Schulz
Glampain
www.edition.subkultur.de
Für Peffi
„Familie gibt man nicht einfach her. Schwester bleibt Schwester!“
Die Wände hatten seine Lieblingsfarbe: Schwarz. Dort hatten Bilder von uns gehangen, die ich alle nacheinander abgerissen hatte. Mir gefiel die Vorstellung seines Blickes, wenn er hineinkommen und nichts weiter finden würde als sich selbst.
Es hatte etwas so Herrliches, jemandem etwas anzutun, das man selbst nie verzeihen könnte, wenn es einem angetan würde.
Nachdenklich schlenderte ich durch die Wohnung mit den kahlen Wänden und mir gefiel, wie sich der Absatz meiner Schuhe in die Bilder bohrte. Ich wusste doch, wie das alles funktionierte und wie Jack hier hereinkommen würde: ‚Ach Engel! Ich habe dieses für dich und jenes. Hast du schon wieder jemand anderen getroffen? Ich kann es in deinen Augen sehen. Wieso tust du das?‘
Manchmal war er auch melodramatisch, meistens, wenn ich nichts sagte und mir eine neue Zigarette anzündete. Dann fing er an zu schreien: ‚Engel, hör auf!! Wieso, wieso?!‘
Ich lächelte bei der Vorstellung.
Es war ein lauer Morgen, und als ich auf dem Balkon stand, konnte ich die Sommerluft riechen. Der Himmel war graublau.
Ich hätte Jack sagen sollen, dass er der kleine Mond in unserem Sonnensystem war. Ich war sein Mittelpunkt, ich war seine Sonne, um die sich alles drehte. Ich konnte ihm einen Unterschlupf bieten. Ein Heim. Eine Aufnahme, einen Kuss, viele schöne Nächte, solange er nicht anfing zu glauben, dass er in meinem Universum das Sagen hatte.
Ich nahm den letzten Zug der Zigarette und warf die Kippe über das Geländer. Ich blickte nicht auf den mit Fotos übersäten Boden und warf die Tür hinter mir zu. Jack würde seine Lektion lernen. Dass unsere Liebe nur ein bisschen Spielerei gewesen war, und, wenn man so leicht zu haben war, man mühelos ersetzt werden konnte.
Als ich die Wohnung betrat, war etwas anders. Alle Türen waren geschlossen. Neben mir auf der Kommode lag Rileys Schlüssel, wie er immer dort lag, wenn er zu Hause war. Nur sah ich nirgendwo seine Schuhe.
„Rey?“, rief ich durch die Wohnung und meine Stimme klang beunruhigt. Aber ich fühlte nichts. Alles war wunderbar. Alles.
Meine Hände zitterten, als ich den Mantel aufhing, an die Stelle, an der normalerweise seine Jacke hing. Sie war nicht da.
Keine Schuhe, keine Jacke, nur die Schlüssel lagen da.
Alles war wunderbar.
Ich stellte meine Stiefel unter die Garderobe und ging ins Wohnzimmer. Das Buch, das er gelesen und das auf der Couch gelegen hatte, war weg. Ich spürte ein Brennen im Hals und hinter den Augen.
Ich legte meine Handtasche auf den Couchtisch und ging in die Küche. Auch hier fehlte etwas, aber ich kam nicht drauf, was es war.
Ich öffnete alle Schränke, alle Schubladen, den Ofen, den Kühlschrank. Nichts war wunderbar. Gar nichts.
Meine Hände zitterten. Ich wandte mich abrupt ab und rannte ins Schlafzimmer. Als ich seine Schränke aufriss, fehlte alles. Ich starrte in die Schränke, die jetzt niemandes Schränke mehr waren, leer und kalt und ungenutzt.
Jetzt wusste ich, was weg war.
Riley.
Meine Augen begannen zu brennen, meine Sicht wurde trüb. Fast blind stürzte ich zurück ins Wohnzimmer und kippte meine Handtasche aus. Das war nur ein Fehler, das war alles nur ein riesiges Missverständnis.
Ich wählte seine Nummer. Gleich würde er mir sagen, wo er war, wann wir essen wollten. Und ich würde sagen, dass ich morgen früh raus musste und er ruhig im Bett bleiben konnte. Dass ich ihn vermisste, dass ich sein Lachen vermisste, seit seinem Geburtstag, dass ich es kaum erwarten konnte, dass er da war, ich könnte das Kleid anziehen, das er mir geschenkt hatte und wir würden …
„Tory, warum rufst du an?“, sagte er mit tonloser Stimme.
„Ich …“, sagte ich atemlos. Bin verwirrt, wollte ich anfügen, tat es aber nicht. „Ich hab … Ich bin gerade reingekommen. Und du hast … deine Schlüssel vergessen.“
„Ich brauch die Schlüssel nicht mehr.“
Mein Hals brannte. Alles war wunderbar.
„Doch, natürlich brauchst du die. Du musst reinkommen, wenn ich nicht da bin. Heute Abend geh ich … also ich geh früh ins Bett. Also jetzt nicht mehr, weil du hast ja deine Schlüssel nicht mitgenommen und –“
„Ich … komm heute nicht nach Hause“, unterbrach er mich, gequält, angestrengt, müde.
„Okay“, sagte ich schluchzend. „Und wann dann? Dann bin ich da und lass dich rein, weil –“
„Ich … bleib lange weg. Okay? Ich … ich verlasse dich. Ich mach’s nicht mehr, ich muss einfach nur weg, ich platze sonst noch, wenn … wenn du da bist und … ich …“, redete er einfach dazwischen.
Ich schüttelte den Kopf, die Gedanken sollten weg. Es sollte alles wieder wunderbar sein, das war unsere schöne Wohnung und wir wohnten erst ein halbes Jahr zusammen. Er klebte in jeder Ecke, in jedem Zimmer, die letzten zweiundzwanzig Jahre mit ihm schlummerten in mir und er weckte und verjagte sie mit einem Mal?
„Rey, tu das nicht …“ Mein Flehen verhallte. Ich hörte ihn husten und schluchzen und dann hörte ich nur noch ein Knacken. Dann tutete es. Und die Stille kam.
Wie ließ man einen Menschen gehen, den man liebte?
Ich rief ihn noch mal an, diesmal hob er nicht ab.
Wie ließ man einen Menschen gehen, den man liebte? Sollte man ihn vergessen? Sein Geburtsdatum aus dem Kalender streichen, Telefonnummern und Adressen löschen? Erinnerungen löschen? Riley hätte eine Antwort darauf gehabt, das wusste ich.
Er würde sagen, dass nichts für die Ewigkeit sei. Weder Seelenverwandtschaft, noch Liebe, noch Freundschaft. Dass Menschen irgendwann aufhörten, ihre Träume zu teilen. Dass sie aufhörten, sich alles zu erzählen.
Alles war wie immer, als ich aufstand. Meine Seite vom Bett war zerwühlt, seine ordentlich wie eh und je. Er hatte seit acht Monaten nicht mehr auf dieser Matratze geschlafen.
Er würde vermutlich nie mehr nach Hause kommen.
Die Erkenntnis war so ernüchternd, dass ich mich hastig abwandte, mein Kleid aus dem Schrank nahm und ins Bad ging. Schluss damit! Es gab eine Kampagne vorzubereiten!
Unter dem heißen Wasser der Dusche konnte ich meinen Tagesplan bestens überdenken.
Unsere neue Werbekampagne zum Parfüm Dangerous Temptation war eine große Sache. Meine Aufgabe war es, unsere beiden Kampagnengesichtern einzuweisen und vorzubereiten, bevor es losging.
Ich drehte den Wasserhahn zu, trocknete mich ab, schlüpfte in frische Wäsche und drehte mich schließlich zögernd zu meinem pinken Kleid. Hoffentlich war das nicht zu dick aufgetragen …
Ich schob den Gedanken beiseite und betrachtete stattdessen mein Spiegelbild. Eine Brünette mit Turban und bernsteinfarbenen Augen schaute mir entgegen; ein blasser Mund, der immer Lippenstift brauchte, Stupsnase, Wangenknochen. Alles da. Nur Riley fehlte …
In meinem Kopf begann traurige Musik zu spielen, die dramatisch den letzten Schritt der Restaurationsarbeiten unterlegte: die Wahl des Parfüms. Meine Kollektion stand auf der Ablage beim Waschbecken: Longing for Poppy, Vanilla’s Lover, Wildberry KissundRose’s Heart. Die verschiedenen Düfte meines Arbeitgebers.
Zielsicher griff ich nach meinem Liebling – Rose’s Heart – und besprühte mich mit dem blumigen Duft. Ich war so weit.
Draußen fielen bereits die ersten Schneeflocken vom Himmel und die Kälte durchdrang meinen Körper, während ich auf den Bus wartete. Wie immer war er knackevoll. Willkommen in Midtown, Manhattan, New York.
Ich quetschte mich in meine Stammplatzecke und öffnete meine Handtasche. Dad hatte mir schon vor einer Ewigkeit den Ordner mitgegeben, doch ich hatte immer vergessen nachzusehen, wer denn nun unsere Gesichter waren. Besser, ich machte das, bevor ich ankam und Dad noch irgendwas bemerkte.
Ich schlug den Ordner auf und versteckte mich halb dahinter, bevor noch jemand anderes mit hineinschaute. Das war topsecret.
Vorsichtig blätterte ich um und stieß auf eine kopierte Sedcard. Ich hielt den Atem an.
Das war doch … Olivia Livington!
Millionenerbin. Bilderbuchschönheit. Symmetriewunder. Neuerdings Model. Sie war einzigartig. Und sie würde für uns arbeiten!
Fassungslos starrte ich auf das Bild. Dad hatte es geschafft, sie an Land zu ziehen. Nicht zu glauben! Sie verkörperte beides: DangerousundTemptation. Sie würde Rose’s Heart so viel Publikum wie nie zuvor einbringen!
Ich war so glücklich, ich hätte am liebsten einen Freudenschrei ausgestoßen, grinste aber nur vor mich hin und blätterte weiter, um mir das zweite Kampagnengesicht anzusehen. Ich stieß auf das Cover des GQ MEN. Und darauf war – in Lederjacke, Krawatte, mit einem Tattoo, das aus dem Hemdkragen kroch, die Finger unschuldig im Nacken liegend – Luke Flynt!
Skandalrockstar, von Kopf bis Fuß tätowiert, schwarzhaarig und kein bisschen passend.
Als Kampagnengesicht für Roses Heart? Wie bitte?
Am liebsten hätte ich den Ordner aus dem Busfenster geworfen, presste aber nur die Lippen aufeinander und stopfte ihn wieder in meine Handtasche.
Hatte Dad sich die Schlagzeilen angeschaut? Wusste er darüber Bescheid, wie Flynt sich aufführte? Wir hatten keine Zeit für Partys und Ärger und irgendwelche Prominente, die sich für was Besseres hielten, nur weil sie ein paar Zeilen in ein Mikro singen konnten. Nicht zu fassen!
In meinem Kopf pochte es heftig, als ich eine halbe Stunde später bei dem verglasten Gebäude von Rose’s Heart ankam und die Tür aufstieß. Genervt drückte ich den Knopf des Fahrstuhls und wartete. Ich fuhr nach oben, auf das halbrunde Stockwerk von Rose’s Heart: Alles hier war verglast, die Türen zwischen den beiden Büros, die Wände und außerdem gab es noch eine breite Fensterfront.
Das Büro war noch leer. Dad war weder an seinem Schreibtisch, der mittig vor der Fensterfront stand, noch in der linken Ecke zu sehen, wo sich zwei anthrazitfarbene Sessel und eine Couch mit Kaffeetisch befanden. Genervt schloss ich die Tür auf. So leicht würde er mir nicht davonkommen.
Meine Jacke legte ich wie immer über die Lehne, bevor ich meinen Computer startete.
In dem Moment öffnete sich die Tür. Ich hob den Kopf.
„Tory! Olivia Livington wird für uns arbeiten!“
Vollkommen aufgelöst kam mein Arbeitskollege und bester Freund Maxx Seaton in das Chefbüro gestürmt, sein platinblondes Haar war heute akkurat nach hinten geföhnt und wippte bei jeder Bewegung.
„Und Luke Flynt“, schnaubte ich.
„Ja, natürlich! Luke Flynt und Olivia Livington! Diese Kampagne wird riesig!“ Aufgeregt wuselte er herum, rückte den anderen Stuhl zurecht und kam wieder zu mir gerannt.
„Riesig viel Ärger“, fluchte ich und verschränkte die Arme. „Olivia Livington ist der Inbegriff von Dangerous Temptation! Wir brauchen Flynt nicht. Er macht nur negative Schlagzeilen!“
Vielsagend deutete ich auf die Klatschzeitung, die auf meinem Schreibtisch lag. Das Titelblatt zierte Rockstar Flynt – mit verpixeltem Joint in der Hand.
„Ach Tory!“ Versöhnlich nahm Maxx die Zeitung und rollte sie zusammen. Mit aufmunterndem Blick schlug er sie in seine Handfläche.
Obwohl er nur ein paar Monate älter als ich war, sah er aus wie ein zu groß geratenes Baby. Pfirsichhaut, keine Spur von Bart, cyanblaue Augen. Auf dieser Haut war niemals auch nur ein einziger Pickel zu sehen gewesen, das wollte ich wetten.
„Er hat eben momentan ein paar Schwierigkeiten. Aber die Kampagne könnte ihn da rausbringen!“
„Soll er doch selber sehen, wo er sich ein neues Image holt, wir verkaufen keine“, erwiderte ich tonlos und wandte mich von ihm ab. Das konnte Dad doch nicht ernst meinen!
„Nun sei doch nicht so voreingenommen! Vielleicht ist er ja nett, das weißt du doch noch gar nicht. Vielleicht ist er gar nicht so, wie es in der Zeitung steht! Jeder Mensch hat zwei Seiten! Sogar du, Tory. Du bist manchmal auch unausstehlich!“
„Was? Vergleichst du mich gerade mit Flynt?“
„Natürlich! Ich kann nämlich noch rational denken und gehe das geschäftlich an! Das hier ist nur eine Kampagne mit sehr prominenten Menschen. Das ist unsere Chance international aufzusteigen. Und das wäre auch positiv für dich!“
Ich strich mir die Haare hinters Ohr, ehe ich theatralisch seufzte. „Ich will nicht mit dem verrückten Rockstar arbeiten! Aber ich will, dass wir international werden.“
„Tja, da kann man nichts machen! Also steh’s durch, das tun wir alle!“ Aufmunternd klopfte Maxx mit der Zeitschrift gegen meinen Arm.
Ich ließ den Kopf hängen, hob ihn aber wieder, als ich aus dem Augenwinkel durch das Glas erkennen konnte, dass der Fahrstuhl erneut oben ankam. Das musste Dad sein! Ich musste mit ihm reden!
„Tory …“, fing Maxx an, aber ich sprang bereits auf, als die Lifttüren sich öffneten und mein Vater heraustrat. Sein grauer BOSS-Mantel saß schief und sein dunkelblondes Haar war wuschelig, weil er ständig mit den Fingern durchfuhr.
Ich riss die Bürotür auf und begrüßte ihn mit einem gereizten „Dad!“
Verwirrt hob er den Blick, seine blauen Augen sahen in meine. „Morgen, Tory. Ist irgendwas los, oder warum die Aufregung?“
„Warum die Aufregung?“, platzte es ungehalten aus mir heraus. „Luke Flynt! Dangerous Temptation. Das geht doch nicht!“
Dad seufzte und schritt an mir vorbei ins Büro. „Er ist eben unser neues Kampagnengesicht, Tory. Flynt ist angesagt und außerdem –“
„Fliegen alle auf ihn!“, beendete Maxx seinen Satz und schlug die Klatschzeitung in seine Hand.
„Er hat recht. Und das wollen wir. Wir haben das Symmetriewunder Olivia Livington und den Rockstar Luke Flynt für uns gewonnen. Das ist unser internationaler Durchbruch.“
Ich starrte ihn an. Das war doch keine Begründung! „Warum nehmen wir dann nicht … Justin Bieber? Oder Harry Styles, was weiß ich wen. Die machen wenigstens keine negativen Schlagzeilen!“
„Sie machen gar keine Schlagzeilen, Tory. Luke Flynt ist wie gemacht für den Job.“ Mit ernstem Gesichtsausdruck ließ er sich in seinen Stuhl fallen und faltete die Hände.
„Collin und ich haben uns für die beiden entschieden. Es ist wirklich eine gute Idee. Versuche, dich darauf einzulassen, es wird mit Sicherheit eine großartige Kampagne werden“, sagte er. Sein Ton verriet mir, dass die Diskussion für ihn beendet war.
Ich presste die Lippen aufeinander und gab innerlich nach. Vor Zorn bebend ließ ich mich zurück auf meinen Stuhl fallen und zwang mich den Rest des Tages, mich nur auf meinen Job zu konzentrieren.
Gegen sieben Uhr abends warteten wir auf unsere Kampagnengesichter.
„Wann sind Archie und Ben da?“, erkundigte Dad sich und schob sich einen Keks in den Mund.
Ich checkte die Zeit. „Sie sollten gleich da sein.“
Nachdenklich rieb Dad sich das Kinn.
Archie und Ben waren aus dem Marketingkomitee der Werbeagentur, mit der Dad schon seit 1995 zusammenarbeitete –Fairchild Company. Und so lange kannte er Collin Fairchild und Archie Kingston. Ben war Archies Sohn aus erster Ehe und kam mit seinen genialen Ideen ganz eindeutig nach seinem Vater.
In dem Moment drang das Signal des Fahrstuhls durch die geöffnete Tür zu uns ins Büro und kündigte ihre Ankunft an. Dad und Maxx sprangen auf und nahmen die beiden in Empfang. Ich ging zur Kaffeemaschine und bereitete zwei Espressotassen vor.
„Es wird eine ganz großartige Kampagne werden!“, hörte ich Archie begeistert sagen, als sie das Büro betraten. „Ich kann es einfach kaum erwarten, unsere beiden Gesichter kennenzulernen, das wird der absolute Hammer!“
Unwillkürlich lächelnd drehte ich mich um und sah Maxx zusammen mit Ben auf mich zugehen. Ben hatte ein kluges Gesicht mit markanten Zügen. Sein schwarzbraunes Haar war wie immer stilsicher gegelt. Er sah so genial aus, wie er war.
Nur seine dunklen Augen sahen mich leicht amüsiert an, als er sagte: „Du hast deinen Einsatz perfekt erkannt, meine Süße.“
Ich verdrehte die Augen und drückte ihm seinen Espresso in die Hand. „Nimm einfach deinen Kaffee und sei still.“
„Das ist ein Espresso, Tory, ein Es-pres-so“, zog er mich auf.
Ich schnaubte gespielt. „Deinen Es-pres-so kannst du gleich erleben!“, scherzte ich und wedelte demonstrativ mit der Faust herum. „Direkt, nachdem ich Archie auch seinen Es-pres-so gebracht habe.“
Ben lachte sogar etwas, verzog sich aber zum Sofa, während ich zu Archie ging. Bevor ich ihm jedoch den Kaffee geben konnte, schoss er auch schon los: „Tory! Wie großartig, dich zu sehen, ich freue mich einfach unglaublich!“
Ich konnte gerade noch so die Tasse abstellen, bevor er mich in eine überschwängliche Umarmung zog.
„Hallo Archie. Ich hab mich auch schon sehr auf euch gefreut“, sagte ich lächelnd, als wir uns voneinander lösten, und betrachtete seine braune Föhnwelle. Heute steckte er in einem silbernen Cardigan, der perfekt auf seine Augenfarbe abgestimmt war.
„Du siehst einfach mal wieder wundervoll aus, Tory!“, fügte Archie hinzu und musterte mich demonstrativ.
Mir schoss die Hitze in die Wangen.
„Also, Archie …“ Kichernd winkte ich ab, doch Archie setzte noch einen drauf. „Ein wirklich reizendes Kleid! Da fällt einem das erste Mal auf, wie erwachsen du geworden bist, eine richtige Frau, wunderschön!“
Ich errötete noch mehr.
„Es ist pink“, kommentierte Ben trocken aus dem Hintergrund, aber Archie wedelte seine Worte mit der Hand weg.
„Es ist brillant! Etwas gewagter, das zählt! So ziehst du mit Sicherheit alle Blicke auf dich!“
Plötzlich ertönte erneut das Geräusch des Fahrstuhls. Eine aufgeregt angespannte Stimmung legte sich auf uns.
Obwohl ich ihn nicht leiden konnte, setzte mein Herz einen Schlag aus, als Luke Flynt in Begleitung eines anderen Mannes aus dem Lift trat.
„Tory!“, zischte Dad mir zu und bedeutete mir, ihm zu folgen. Widerwillig, aber lächelnd lief ich ihm hinterher.
„Guten Tag, Mr Warren, ich bin Charles Dawn. Wir hatten telefoniert“, begrüßte er den Mann, der offensichtlich Flynts Agent war. Mittelgroß, stämmig, dunkelblonde Locken, blassgrüne Augen und Dreitagebart, so Ende dreißig. Er sah sympathisch aus.
„Mr Dawn, schön, Sie zu treffen. Freut mich sehr.“ Mit einem breiten Lächeln schüttelte er die Hand meines Dads. Luke Flynt, unser Kampagnengesicht, schaute nur gelangweilt umher und zog dann auch noch sein Handy aus der Hosentasche.
Obwohl mir jetzt schon danach war, ihn zurechtzuweisen, hielt ich mich Dad zuliebe zurück. Da trat er neben mich und legte eine Hand auf meine Schulter.
„Ich möchte Ihnen meine Tochter vorstellen, Torina Dawn. Sie ist neben Ben Maltravers und Maxx Seaton die Hauptverantwortliche für unsere Kampagne und Ansprechpartnerin für Models und Manager“, erläuterte er.
Ich lächelte angestrengt und schüttelte die Hand des Agenten. „Schön, Sie zu treffen, Mr Warren. Es ist mir eine Freude.“
Flynt ignorierte mich und hielt seinen Blick weiter auf das Handy geheftet.
Dad schien mir netterweise die Möglichkeit geben zu wollen, Kleinholz aus ihm zu machen, denn er ging mit Warren ins Büro. Ich hüstelte genervt. „Mr Flynt, guten Abend!“
Betont langsam steckte er sein Handy weg und musterte mich. Hoch, runter, hoch – sein Blick blieb an meinem Dekolleté hängen. „Torrrina, na aber hallo“, sagte er spöttisch, das R übertrieben rollend.
Ich rang mir ein Lächeln ab. „Für Sie immer noch Miss Dawn“, entgegnete ich kühl, doch er grinste weiter schamlos.
Alles was ich dachte, war, dass es Unmengen von Typen wie ihn auf dieser Welt geben musste: viel zu tätowierte Idioten mit Lederjacke und kaputten Hosen.
„Miss Dawn, qué vestido“, schnurrte Flynt.
Ich presste die Lippen aufeinander. Mit seinem spanischen Gelaber konnte er bei mir nicht landen. „Mr Flynt, ich glaube, im Büro erwartet man Sie bereits“, wies ich ihn ab.
Er grinste nur, schälte sich aus seiner Lederjacke und hielt sie mir hin. Ich riss ihm die Jacke aus der Hand und plötzlich vernahm ich seinen Geruch: eine Mischung aus Sommer und Zigaretten. Er roch nach warmen Sommernächten, Freiheit und Leben. Gemein, dass solche Menschen so duften durften.
Flynt zuckte mit den Augenbrauen und ging betont lässig in Richtung des Büros. Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich ihm folgte.
Chester hatte sich während der letzten sechs Jahre um das Haus gekümmert. Das war der Grund, weswegen sich nichts verändert hatte. Auch mein Butler Bill, der am Steuer saß, war noch immer der blasse alte Mann aus meiner Kindheit.
„Kimberly hat Tee und Gebäck für Chester und dich vorbereitet“, erklärte er, während er auf das Grundstück fuhr.
„Das brauche ich nicht. Das mit Chester wird nur eine kurze Unterredung, ich hab nicht viel Zeit. Lad meine Koffer in der Zeit aus.“
Wir fuhren über den vereisten Sandweg bis vor die Haustür des Anwesens und ich ließ mir die Autotür öffnen.
Mein Herz klopfte ein wenig schneller, als ich die mächtigen Säulen sah, die weißen Fensterrahmen und die hohe Mahagonitür mit halbrundem Oberlicht. Ich stakste in meinen Louboutin-Stiefeln durch den Schnee und die steinernen Stufen nach oben. Dann wurde die Tür aufgezogen.
„Olivia! Du wunderschönes Mädchen!“, kreischte meine Köchin und ich ließ zu, dass sie mich umarmte.
Dann schob ich mich an ihr vorbei in den warmen Flur, wo meine Absätze auf dem braunen Marmor klackerten. Hier sah auch noch alles ganz genauso aus wie vor sechs Jahren, als ich mich nach Frankreich verabschiedet hatte.
Bill half mir aus dem Mantel, bevor ich die beiden stehenließ und ins Wohnzimmer ging.
Mein Pate und seine Frau saßen nebeneinander auf der Couch.
„Herzlich willkommen zurück in New York!“, sagte Alba mit tiefer Stimme und einem Lächeln, das ich mich zwang zu erwidern, als ich ihre Hand schüttelte und sie daraus eine Umarmung machte.
„Du bist dünn geworden“, stellte sie fest, als wir uns voneinander gelöst hatten, und drückte meinen Oberarm, als wäre er ein Stück Fleisch.
Als ich mich losriss und die Zähne fletschte, griff Chester ein: „Sie hat recht, aber es ist gut, Alba. Willkommen zu Hause, Prinzessin.“
„Es ist lange her, dass du mich so genannt hast“, antwortete ich kühl und lachte dann bitter.
„Wir haben uns ja auch lange nicht gesehen“, erwiderte er nur und schien sich von meiner Abwehrhaltung nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Setz dich. Wir wollen uns kurz unterhalten und du kannst von Dupin erzählen.“
„Ich kann mich leider nicht lange aufhalten.“ Ich trat an dem reichverzierten Couchtisch vorbei und ließ mich auf der Lehne des Sessels nieder, der auf dem sandfarbenen Nepalteppich stand. „Ich fahre heute zu Rose’s Heart und werde Teil ihrer Kampagne. Was hältst du denn von der Firma?“, fragte ich.
Er biss sich auf die Lippe und sah woanders hin. „Natürlich ist das eine Chance für dich …“
„Aber …?“ Ich wusste, was kommen würde. Das war schon nach den ersten beiden erfolglosen Jahren in Paris so gewesen und würde immer so sein.
„Aber ich mache mir Sorgen um dich“, schloss er schließlich seinen Satz mit einer Lüge. Ich hatte Lust zu schreien.
„Es war wichtig, dass du wieder zurück in deine Heimat gekommen bist. Du bist sechs Jahre in Paris gewesen und hattest einen Reinfall nach dem anderen. Rose’s Heart–“
„Ist eine nationale Trendmarke, die ich vermarkten werde. International!“, fuhr ich dazwischen.
Stille trat ein. Chester sah mich lange an. Als er erneut ansetzen wollte, klingelte es. Ich ließ die beiden sitzen.
„Mach Henry das Tor auf!“, blaffte ich in Richtung Bill, der die Kellertreppen nach oben kam.
Chester kam hinter mir her, aber ich wollte ihn nicht ansehen. „Ich wünsche dir viel Erfolg. Lass uns morgen gemeinsam essen und du erzählst mir von Paris und davon, wie Rose’s Heartwar“, schlug er vor.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann morgen nicht, ich muss in die Agentur.“
Trotz allem küsste ich ihn zum Abschied auf die behaarte Wange. Er roch nach Zigaretten und Parfüm von alten Männern.
Bill half mir in den Mantel und ich sah nicht zurück, als ich das Haus verließ.
Henry stand bereits vor dem silbernen Bentley. „Olivia, ich freue mich, dich zu sehen!“
„Soso, du hast Chester also einfach so meine Termine gesagt“, sagte ich.
Mein Manager zuckte und räusperte sich. „Er hat mich gefragt und ich dachte –“
„Du hast mich zu fragen, bevor du irgendjemandem irgendwas sagst, kapiert?“
Er nickt mechanisch.
Für einen Trottel hatte er ein ganz hübsches Gesicht – mit traurigen blauen Augen, espressofarbenem Haar, dazu ein sehr trainierter Körper und breite Schultern. Mein Manager war medientauglich.
Ich drückte ihm meine Tasche in die Hand, ließ mir von ihm die Beifahrertür öffnen und stieg ein. „Wann müssen wir da sein?“
„Halb acht“, verkündete er, als er einstieg, und fuhr los. Wir lagen gut in der Zeit: Wir hatten über eine Stunde, um von Brooklyn nach Manhattan zu kommen.
„Wie sieht der Plan aus, wenn wir da sind? Ich will alles noch mal wissen.“ Ich schlug die Beine übereinander.
„Du weißt ja, dass du die Kampagne mit Mr Flynt machst, oder?“
„Natürlich weiß ich das“, sagte ich ungeduldig. Luke und ich kannten uns schon seit ein paar Jahren, und auch wenn er nicht singen konnte, veranstaltete er doch anständige Partys.
Henry räusperte sich. „Ansonsten haben sie sich relativ bedeckt gehalten. Sie wollen wohl ein Riesending daraus machen. Ich habe mich mit Mr Fairchild darüber unterhalten.“
„Der, der mich angeheuert hat?“
„Ganz genau. Es wird wohl ein ausgefeiltes Konzept geben. Mit Werbespots, Fotoshootings und einer Kampagnenfeier, bei der der Name und das Motto verkündet werden.“
„Und sie wollen mich nutzen, damit sie auch international ein bisschen Aufsehen erlangen?“
„So ist es! Mr Flynt tut sein Übriges dazu. Ihr beide macht das im Doppelpack. Dich wird das mit Sicherheit nach oben befördern.“
Plötzlich fühlte ich mich leicht und frei und zufrieden und sah mich schon auf den Laufstegen dieser Welt. Dupin und de Melville hatten mir den Untergrund von Paris gezeigt. Aber jetzt war ich in New York, auf dem Weg nach ganz oben.
Endlich hielten wir auf dem Parkplatz vor Rose’s Heart. Als wir das moderne Gebäude betraten, umfing mich Wärme. Der Concierge hob den Kopf, als wir eintraten, und starrte mich an. Ich zwinkerte ihm zu, bevor ich Henry mit einem Fingerzeig bedeutete, uns anzumelden.
Mir wurde bewusst, dass das hier meine Zukunft bestimmen würde. In letzter Zeit war das Unternehmen so erfolgreich geworden, dass fast in jedem Badezimmerschrank einer seiner Düfte stand. Mit gestrafften Schultern ging ich zum Fahrstuhl.
„Bist du aufgeregt?“, fragte Henry, als wir im Lift standen. Ihm selbst stand der Schweiß auf der Stirn, den er sich mit einem Taschentuch wegtupfte.
Ich schnitt eine Grimasse. „Ich glaube nicht, dass ich einen Grund dazu habe.“
Heute Abend würde Charles Dawn, Inhaber der Firma, zum ersten Mal Olivia Livington begegnen und sehen, dass der Mythos wahr war. Die großen Augen, die endlosen Beine, das charmante Lachen. Er würde sofort überzeugt sein, dass ich für diese Kampagne geboren war. Ich besah ein letztes Mal mein ohnehin perfektes Aussehen im Spiegel.
Als sich der Fahrstuhl öffnete, setzte ich mein strahlendstes Modellächeln auf. Ein dunkelblonder Mann im Anzug kam mir entgegen.
„Miss Livington?“, fragte er unnötigerweise und streckte bereits breit lächelnd seine Hand aus.
„Mr Dawn, ich freue mich, hier zu sein“, sagte ich und ergriff seine Hand.
„Die Freude ist ganz meinerseits. Wir konnten es kaum erwarten.“
„Oh Gott, sind wir zu spät?“ Gespielt geschockt formten meine Lippen ein O.
Doch der Boss vonRose’s Heartschüttelte den Kopf und lächelte.
„Nicht doch, alles bestens“, antwortete eine kleine Brünette für ihn. Die grelle Farbe ihres Kleides brannte förmlich in meinen Augen.
„Das ist meine Tochter, Torina Dawn“, erklärte Mr Dawn. „Sie ist gemeinsam mit Mr Seaton und Mr Maltravers Hauptverantwortliche der Kampagne.“
„Das ist ja toll, dass man gleich diejenigen kennenlernt, mit denen man zusammenarbeitet“, sagte Henry und ich warf ihm einen gereizten Seitenblick zu. Hatte ich ihn aufgefordert zu reden?
„Da hat er recht“, säuselte ich Miss Dawn zu. Als ich zwinkerte, kicherte sie.
„Vielen Dank, Miss Livington. Lassen Sie uns reingehen.“
Henry lief neben Mr Dawn und ich ging neben seiner Tochter her. Sie lächelte schüchtern, als ich sie von der Seite betrachtete. Als Mr Dawn die Tür öffnete, kam mir eine Wolke unterschiedlichster Männerparfums entgegen, die in meinem Hals kitzelte. So gefiel mir das.
„Miss Livington! Was für ein Traum, Ihnen endlich persönlich begegnen zu dürfen!“, rief der Erste von ihnen und kam mit großen Schritten auf mich zugelaufen. Sein erdbraunes Föhnhaar wippte und sein Strahlen reichte bis in seine grauen Augen, die von Falten umgeben waren. „Mein Name ist Archie Kingston! Sie sehen einfach bezaubernd aus! Wie aus einer anderen Welt, von einem anderen Stern, aus einer Utopie, vom Himmel geschickt!“
„Mr Kingston, Sie schmeicheln mir.“ Ich lachte zuckersüß. „Ich danke Ihnen, ich –“
„Ach, papperlapapp! Da gibt es doch nichts zu danken“, sagte er.
Mein Herz klopfte euphorisch, als er meine Hand losließ und sich anschließend an meinen Manager wandte.
„Was für eine schöne Begrüßung“, sagte ich zum Nächsten, einem Mann, der wohl über zwanzig war, aber das Gesicht eines Zwölfjährigen hatte.
„Mr Kingston hat recht!“, sagte er mit einem Lächeln. „Mein Name ist Maxx Seaton. Herzlich willkommen!“
Ich dankte auch ihm, dann trat er zur Seite und gab den Blick auf den Nächsten frei. Dieser Anblick brauchte Platz.
Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nichts Unangebrachtes zu sagen. Er hatte meinen Blick bemerkt und seine Braue zuckte leicht
„Unser Symmetriewunder“, begrüßte er mich mit leicht ironischem Unterton, als er mir die Hand hinhielt, die ich ohne Zögern ergriff. „Mein Name ist Maltravers.“
Mr Maltravers war unmöglich älter als dreißig und seine Augen hatten die Farbe von Bitterschokolade.
„Mr Dawn hat Sie erwähnt. Sie sind hauptverantwortlich für die Kampagne und mich?“, fragte ich.
„Ganz richtig, Miss Livington. Mr Seaton und Miss Dawn stehen mir dabei hilfreich zur Seite.“
„Olivia genügt“, sagte ich.
„Gut, Olivia.“ Er lächelte kurz, ohne mir seinen Vornamen zu nennen.
In mir begann es zu brodeln. Wenn ich ihm anbot, mich zu duzen, dann hatte er mir das gefälligst auch anzubieten!
Ich hörte ein dreckiges Lachen.
„Du!“, zischte ich Luke zu, als ich mich umwandte und ihn auf dem Sofa sitzen sah. Er hatte sich seit unserer letzten Begegnung nicht verändert: abgefuckt, so tätowiert, dass man die einzelnen Zeichen kaum noch voneinander unterscheiden konnte, schmierige schwarze Haare und immer versoffen.
„Was los, Olivia? Wenn ich dich so nennen darf?“
„Halt dein Maul, du Scheißkerl“, sagte ich, als ich mich neben ihn setzte.
„Chill“, entgegnete er, verschränkte die Hände im Genick und musterte mich offensiv. „War ’n Eigentor, was?“
„Was faselst du da für sinnloses Zeugs?“ Ich blitzte ihn an. Mr Dawn unterbrach uns, als er sich räusperte.
Alle setzten sich um den Tisch. Als Maltravers mir gegenüber Platz nahm, lehnte ich mich demonstrativ zurück.
„Danke an unsere Gäste für ihr Kommen. Zunächst schlage ich vor, dass Sie sich das durchlesen.“ Es wurden Mappen an uns gereicht. „Bei Fragen stehen wir natürlich zu Ihrer Verfügung.“
Ich linste auf das Papier und täuschte Interesse vor.
Mr Dawn hüstelte und klopfte Mr Kingston auf die Schulter. „Möchtest du jetzt etwas zur Kampagne sagen?“
„Na aber hallo!“ Mr Kingston schlug euphorisch die Hände zusammen. „Unsere Kampagne heißt Dangerous Temptation. Wie der Name schon sagt, wird sie tatsächlich weniger süß als die bisherigen!“
Wie ließ man einen Menschen gehen, der sich nie verabschiedet hatte und einen für immer im Unklaren ließ? Ob es tatsächlich etwas brachte, sein Foto zu verbrennen?
Ergab das überhaupt Sinn? War ich gerade die Dramaqueen, weil ich nicht verstand, wie er das gemacht hatte? Wir hatten immerhin unser ganzes Leben zusammen verbracht.
Mein Herz verkrampfte sich, aber ich rappelte mich auf und schob die Fotokiste wieder in das Sideboard. Schnell schnappte ich mir meinen Laptop, um mich irgendwie abzulenken. Als ich ihn aufklappte, blinkte das Skypefenster auf. Jemand musste meinen Onlinestatus bemerkt haben.
Es war Zoey, einer der tollsten Menschen, die ich kannte.
„Tory! Good evening, peanut-sister!“, schrieb sie mich mit meinem Skype-Namen an und plötzlich schien sich der Knoten in meinem Magen ein bisschen zu lösen.
„Zooo. So emotional bei Nacht. Was gibt’s? Paul da?!?! ;p“, tippte ich grinsend zurück und angelte mir meine Flasche Wasser vom Couchtisch.
„Klar, wir waren gerade beim Nacktbilder schießen und wollten deine Meinung zur Ästhetik :D“, kam es zurück.
Ich verschluckte mich vor Lachen. Halb hustend, halb lachend schrieb ich: „Whaaaai *_* die muss ich sehen, ich will ja von seinem sexy Körper träumen können *_*“
Das war Unsinn. Aber Zoey schickte einen bösen Smiley und startete einen Videoanruf. „Du bist eine richtig blöde Kuh!“, schimpfte sie und ich musste noch mehr lachen. „Tut mir leid“, keuchte ich.
Zoey sah bettfertig aus. Ihr langes schwarzes Haar fiel ihr nass über die schmalen Schultern und der Bildschirm spiegelte sich in ihren hellblauen Augen, als sie sich vorbeugte und den Kopf auf die Arme legte.
„Wie kannst du das ernst nehmen? Wir haben uns gerade erst verabredet“, bemerkte sie und seufzte dramatisch. Zoey hatte schon länger ein Auge auf ihren Arbeitskollegen Paul geworfen, aber der kam einfach nicht aus dem Knick.
„Stimmt“, entgegnete ich, aber sie wechselte schon das Thema.
„Aber mal eben was viel Wichtigeres: Du arbeitest mit Luke Flynt? Luke Flynt?!“
Ich starrte sie fassungslos an. „Woher weißt du das?“
„Na Flynt hat ein Foto auf Twitter hochgeladen, was sonst? Ich hab’ dich da drauf gesehen!“, erklärte sie, die Augen weit aufgerissen.
Ich blinzelte.
„Was?“ Hastig loggte ich mich bei Twitter ein, um ihre Aussage zu checken. Und sie hatte recht. Verdammt.
„Das ist ein richtig mieser Dreckskerl“, fluchte ich. Ich klickte auf das Foto, das er vor ein paar Stunden hochgeladen hatte: Luke Flynt – in der Spiegelung unserer Glaswände hatte er sich fotografiert, das Gesicht verzogen, als ob er erleichtert wäre, und im Hintergrund saß eine Frau in einem sehr pinken Kleid. Ich.
„Ich. Glaub. Es. Nicht.“
Ich hatte keine Ahnung, was ich als Nächstes tun sollte. Dad anrufen, Ben anrufen, Maxx anrufen, Mom anrufen, weinen, schreien, Flynt anrufen und ihn zur Schnecke machen, seine Adresse rausfinden und ihn windelweich prügeln oder …
„Schaust du dir gerade das Foto an? Du siehst ziemlich wütend aus“, kommentierte Zoey und ein Lachen schwang in ihrer Stimme mit.
„Er hat’s tatsächlich gemacht. Ich kann es nicht glauben.“ Ich schaute Zoey an, die todmüde zurückblickte. Am liebsten hätte ich ihm einen Text geschrieben, der sich gewascht hatte, schrieb als Antwort unter das Bild aber nur: „ENTFERNEN SIE DIES UMGEHEND!!!“. Hoffentlich las er das und verstand, dass alles andere seinen Tod bedeutete.
„Da habt ihr ihn aber nicht sonderlich gut im Auge behalten, hm? Und ich sollte ins Bett hüpfen, sonst sabbere ich die Tastatur voll“, meinte sie.
Ich ließ die Schultern hängen. „Na dann schlaf mal schön. Ich melde mich. Und mach dir mal Paul klar“, verabschiedete ich mich und warf ihr eine Kusshand zu.
Frustriert klappte ich den Laptop zu und ging ins Bad. Ich duschte ausgiebig, fühlte mich danach aber nicht besser und ging noch mal auf Twitter. Anstatt das Foto herauszunehmen, hatte Flynt die Dreistigkeit besessen, dort zwei Personen zu verlinken: peanut_sister und glamourlifeisolislife. Ich wollte schreien. Nicht nur, dass er mich verlinkt hatte, nein, auch Olivia Livington.
Jetzt wusste endgültig jeder, wer unsere Kampagnengesichter waren! Unsere Geheimhaltungspläne waren damit komplett ruiniert.
Auch am nächsten Tag konnte ich es immer noch nicht fassen!
„Flynt ist so eine Witzfigur!“ Zornig tigerte ich um Maxx herum, der mit verschränkten Armen auf meinem Bürostuhl saß.
„Er ist nun einmal vom Gemüt her so. Dein Dad hat sich damit abgefunden, Tory“, merkte er vorsichtig an.
„Er hat alles kaputtgemacht! Damit ist der erste Teil unserer Kampagne hinfällig!“
„Jetzt ist aber gut, Torymaus!“ Maxx schnalzte mit der Zunge, hielt mich am Arm und sah mich ruhig an. „Wir werden das Beste daraus machen, du darfst dich nicht immer so aufregen!“
Ich zwang mich, tief durchzuatmen, ehe ich mich auf den Rand seines Schreibtisches fallen ließ.
„Wir rücken den noch zurecht. Nicht aufgeben. Er braucht diese Kampagne!“
„Aber die Kampagne braucht ihn nicht“, sagte ich, als Ben und Archie das Büro betraten.
„Hallo“, begrüßte ich sie verwirrt und runzelte die Stirn. „Was macht ihr denn hier?“
„Wir haben ein Konzept, Tory, ein Konzept!“, trötete Archie los und kam mit hastigen Schritten auf mich zu.
„Eine Nacht meines Lebens, Leute“, sagte Ben. „Hoffentlich seid ihr nicht enttäuscht, wenn ihr es hört.“ Er schnitt eine ironische Grimasse.
Maxx schnalzte mit der Zunge und deutete auf das Sofa. „Das will ich jetzt aber wissen! Hinsetzen!“
„Na schön. Komm, Dad, wir machen es nicht mehr so spannend. Wir haben uns gestern die Nacht um die Ohren geschlagen. Nach der Sache mit Flynt muss nämlich die Kampagne im Gedächtnis bleiben und nicht unsere beiden Superstars“, sagte er gereizt.
„Sie sind Persönlichkeiten, Ben! Wir haben nur darüber gesprochen, aber vertraglich festgelegt war die Geheimhaltung nicht, also können wir ihnen das nicht zum Vorwurf machen“, merkte Archie an.
Ich sah, dass Ben, genau wie mir, eine spitze Bemerkung auf der Zunge lag, die er zurückhielt. Er nahm sein Tablet aus der Tasche und sah uns nacheinander an.
„Miss Livington ist ja unsere Dangerous Temptation. Mr Flynt verfällt ihr“, sagte Ben und ich ballte die Hände zu Fäusten, nickte aber. „Stellen wir uns also eine Tanzveranstaltung vor, es ist Sommer, überall Laubbäume. Flynt entdeckt sie, ihre Blicke kreuzen sich, doch dann verschwindet sie spurlos. Er folgt ihr. Die Sommerlandschaft ist verschwunden, stattdessen sind wir in einer Winterlandschaft, überall Tannen, Schnee. Statt Abendkleid trägt sie nun Leder und Fell. Unsere Verführerin flieht schließlich, da sie bemerkt hat, dass sie verfolgt wird. Sie läuft davon, er kann ihrem himmlischen Duft nicht widerstehen und folgt ihr. In einem animalischen Sprint bleibt ihre Kleidung in den Ästen der Tannen hängen, so dass sie am Ende rein und vollkommen nackt vor einem fast komplett zugefrorenen See steht, in den sie einsteigt. Er bleibt einige Meter hinter ihr zurück und sie sieht zu ihm zurück. Er hat die Wahl: Folgt er ihr oder nicht? Verfällt er ihrem Duft so sehr, dass er dieses Risiko auf sich nehmen kann?“ Ben ließ das Tablet sinken.
„Es ist … Wahnsinn“, brachte ich hervor, mein Herz hämmerte heftig.
„Das ist einfach genial, Ben!“ Maxx schien ebenfalls geplättet.
„Es ist einfach brillant!“ Archie war auch außer sich. Er legte dem strahlenden Ben eine Hand auf die Schulter. „Ben Maltravers! Mein Sohn! Wir müssen dich feiern!“
Ich musste loslachen, weil er einfach der Beste war.
„Ich bin nicht sicher, ob …“ Ben schien nicht sonderlich begeistert von der Idee, aber Archie achtete nicht darauf.
„Ins AVA! Am Freitag! Das feiern wir mit dem besten Champagner der ganzen Stadt, ich lade euch alle ein!“
Ja, es gab Dinge, die zumindest temporär gegen Liebeskummer halfen: ein Schluck Wodka, eine Tafel Schokolade, ein heißes Bad oder eine beste Freundin. Ich konnte mich glücklich mit Zoey schätzen, denn sie hatte beschlossen, das AVA gemeinsam mit mir zu überstehen.
„Zoey, ich hab keine Ahnung, wie ich das nachher schaffen soll. Ich weiß nicht, ob ich mich davon abhalten kann, Flynt zu vermöbeln.“
Zoey schüttelte energisch den Kopf. „Den kannst du doch nicht verprügeln! Ich will ihn aufreißen!“
Ich schnaubte.
„Reiß irgendwen anders auf, okay? Wer weiß, wen wir noch in der Lounge treffen. Ich habe gelesen, dass da viele Promis hingehen.“
„Hoffst du auf deinen Orlando?“, feixte sie.
Ich zuckte die Schultern, musste aber grinsen. „Naja. Er und seine Miranda sind getrennt. Wer weiß, ob das mit Katy was wird, irgendjemand muss sich um ihn kümmern.“
„Niemals, niemals. Er ist viel zu alt für dich.“
„Alter ist nur eine Zahl. Überleg mal, Paul ist auch sechs Jahre älter als du, er ist schon zur Schule gegangen, als du geboren wurdest“, sagte ich.
„Er ist total süß und sechs Jahre sind ein Klacks. Wir sind zwar nie zur gleichen Zeit zur gleichen Schule gegangen, aber du bist deinem Orlando noch nicht mal begegnet.“
„Leeegolas, mein Herzblättchen!“, flötete ich und musste wieder lachen.
Erst als wir im Parkhaus in der Nähe der Lounge parkten, beruhigten wir uns wieder. Im Fahrstuhl schlüpften wir aus unseren Mänteln und Zoey zog schließlich ihren teuersten Lipgloss hervor, mit dem sie herumwedelte.
„Flynt ist Mein!“, rief sie dramatisch aus.
„Willst du das echt? Er ist ein richtiger Blödmann, Zoey!“, sagte ich und betrachtete mich im Spiegel. Ich war blass in dem schwarzen Kleid und meine Haare waren auch nicht mehr so glatt, wie sie sein sollten. Mein Lippenstift knallte zu sehr. Insgesamt sah ich aus wie eine Prostituierte, aber das war jetzt auch nicht mehr zu ändern: Die Fahrstuhltüren öffneten sich bereits.
An beiden Seiten des Raumes waren lange, weiße Bartresen und an den breiten Fensterfronten standen schwarze und weiße Sofas, von denen die meisten schon besetzt waren.
„Nicht schlecht“, kommentierte ich.
Zoey schnappte nach Luft. „Wow! Das ist der Hammer!“
Ich entdeckte die anderen auf einer U-förmigen Couch. Dad wurde als Erster auf uns aufmerksam.
„Tory, Zoey, schön euch zu sehen!“, begrüßte er uns freudestrahlend.
„Hallo Dad.“ Ich bemerkte, dass Ben noch nicht da war. „Gott sei Dank – ich dachte, wir seien die Letzten.“
Dad schüttelte grinsend den Kopf.
Nachdem wir alle in der Runde begrüßt hatten, wandte ich mich an unsere Kampagnengesichter, die gerade zusammen ein Selfie schossen. Als sie fertig waren, sah Olivia mich an und lächelte.
Sie war wirklich unverschämt schön – ihr goldblondes Haar fiel gewellt und lang über ihre schmalen Schultern. Mehrere Abschnitte ihres enganliegenden Kleides waren ausgespart, so dass man ihren zarten Körper darunter erahnen konnte.
„Hallo Miss Livington“, begrüßte ich sie mit einem Lächeln.
„Miss Dawn, es ist schön, dass wir uns wiedertreffen. Ein toller Anlass, ich freue mich auf das Konzept“, sagte sie und ich strahlte, weil es mich freute, dass sie die Kampagne so ernst nahm.
„Mr Maltravers hat eine Menge Arbeit investiert, es wird Ihnen gefallen“, antwortete ich. Sie lächelte und ich war so glücklich, dass sie unser Kampagnengesicht war. Ich hätte sie am liebsten umarmt. Ich wandte mich an Flynt, der auf seinem Smartphone herumtippte. „Mr Flynt, einen guten Abend“, begrüßte ich ihn zuckersüß, woraufhin er den Blick hob.
„Torrrina“, nannte er mich wieder beim Vornamen.
Ich presste die Lippen aufeinander. „Miss Dawn“, verbesserte ich ihn und spürte, wie mir die Röte in die Wangen schoss, als er mich schamlos musterte. Ich war kurz davor, ihn anzuschreien, als ich bemerkte, dass Ben hereingekommen war. Er hatte Mariella dabei, die in einem weißen Jumpsuit steckte und dazu eine breite Kette trug. Ihre kurzen rehbraunen Haare schimmerten etwas feucht. Ihre Augen waren auffallend hell im Kontrast zu ihren Haaren.
„Die Verspätung tut mir unglaublich leid!“, rief sie entschuldigend. Ich stand auf, damit Ben und sie bis zu Flynt durchrutschen konnten. Allerdings setzte nur Mariella sich, weil Ben Maxx andeutete, dass der sich zu seiner Freundin setzen sollte. Irgendetwas war augenscheinlich nicht in Ordnung bei den beiden.
„Was soll das?“, zischte ich Ben zu.
„Nicht ist los, Tory, okay? Ganz ehrlich“, wies Ben mich ab und tippte mir mit gequältem Lächeln gegen die Nase. Bevor ich etwas sagen konnte, standen Archie und Dad auf.
„Wie schön, dass wir jetzt vollständig sind. Unglücklicherweise kann Mr Fairchild heute Abend nicht hier sein, deshalb verpasst er auch diesen göttlichen Champagner, den wir gleich genießen werden“, verkündete Archie. „Der eigentliche Grund, warum Sie alle hierher eingeladen wurden, ist nämlich das Konzept, das Ben und ich uns gemeinsam überlegt haben. Wir hoffen, dass es Ihnen gefällt. Ich war jedenfalls komplett von den Socken“, sagte er.
Nachdem das Konzept vorgestellt und sehr positiv aufgenommen wurde, versorgte man uns mit Champagner. Archie hob sein Glas und rief: „Dangerous Temptation!“
Als ich von dem Champagner probierte, wusste ich, was Archie gemeint hatte: Er prickelte himmlisch auf der Zunge.
„Er ist wirklich ziemlich gut.“ Miss Livington schaute zufrieden in ihr Glas.
„Archie … Mr Kingston“, verbesserte ich mich rasch, „hat nicht gelogen. Ich hab noch nie so guten Champagner getrunken.“
Sie machte ein entsetztes Gesicht. „Sind Sie noch nie in Paris gewesen? Oder in Kopenhagen?“
„So viel Zeit zum Reisen hatte ich noch nicht. Ich bin in der Schule damals nach Rom geflogen, da war es schön. Aber für Alkohol war ich etwas jung“, meinte ich.
Maxx gab prompt einen Kommentar dazu ab. „Und Tory war immer ein liebes Mädchen und hat sich niemals etwas zuschulden kommen lassen!“ Liebevoll tätschelte er mir die Schulter und das Model kicherte.
„Rom hat so tolle Clubs, ganz ehrlich. Sie haben da echt was verpasst“, sagte sie.
Zoey fing an zu lachen, guckte dann zu mir. „Ich schenk dir ’ne Nacht in einem römischen Club zum Geburtstag, was hältst du davon, Tory?“
„Wag es ja nicht, Zoey!“ Drohend wedelte ich mit der Faust herum, bevor ich mich entschuldigend an Miss Livington wandte.
„Entschuldigen Sie …“, begann ich, aber sie unterbrach mich mit einem angestrengten Seufzen.
„Ach, ist das nicht allmählich etwas übertrieben, dass wir uns siezen? Olivia genügt doch vollkommen.“
„Okay, Olivia.“ Überwältigt nahm ich ihre Hand und drückte sie kurz. „Mir reicht auch Torina. Oder Tory.“
„Tory. Süß“, scherzte sie, bevor sie Maxx und Zoey auch anbot, sie zu duzen und Ben vollkommen überging, der missmutig an seinem Champagner nippte. Sie wandte sich wieder an mich: „Also bedeutet das für mich, dass wir mal zusammen unterwegs sein sollten. Du verpasst eine Menge da draußen, Tory, ich nehm dich mit.“
Ich konnte schlecht sagen, dass ich eigentlich ein ziemlicher Feiermuffel war, deswegen stimmte ich einfach zu. Ein guter Grund das Weite zu suchen, bevor ich noch mehr Versprechungen machte. Hastig ging ich zur Bar, um mir noch einen Drink zu holen.
Hinter mir bemerkte ich Flynt.
„Mr Flynt, was kann ich für Sie tun?“, fragte ich ihn und lächelte widerwillig. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, sein schwarzes Haar stand wild ab. Er erwiderte mein Lächeln und wirkte dabei fast sympathisch.
„Der Twitter-Kommentar tut mir leid, Peanut Sister“, raunte er feixend.
Ich konnte den Spott in seiner Stimme deutlich hören. „Wenn Sie sich über mich lustig machen wollen, dann sind Sie hier falsch.“
Flynt wog leicht den Kopf. „Oli und du, ihr duzt euch. Mr Flynt is’ doch dämlich, findest du nich’, Torina?“, feixte er und musterte mich, als ob er mich auf Fusseln absuchen wollte. Meine Haut brannte.
„Jetzt wollen Sie also die Erlaubnis, mich beim Vornamen zu nennen? Das tun Sie sowieso die ganze Zeit.“ Ich lächelte ganz gegen meinen Willen, als er sich zu mir lehnte.
„Was darf’s sein?“, fragte der Barmann und ich zuckte zusammen. Ich erkannte die Stimme sofort.
Als ich mich zu ihm umdrehte, stieß er versehentlich den Mixbecher um.
Meine Beine drohten nachzugeben. Ich wollte weg, aber wusste nicht mehr, wie man sich bewegte. Das braune Haar, die braunen Augen, das spitze Gesicht, der Bartschatten. Alles war gleich.
Riley. Riley war wieder da.
Ich musste jetzt was sagen. Irgendwas. Aber nichts: Riley stand da und ich knallte in Flynt, als ich rückwärts taumelte. Er murmelte irgendwas, aber es kam nicht zu mir durch.
Erst als er fluchend den Arm um meine Taille schlang, um mich auf den Beinen zu halten, bekam ich mit, dass sie am Einknicken waren. Dass ich schon heulte und dass er mich zur Frauentoilette brachte, damit mich nicht jeder im Umkreis von fünf Metern so sah, bekam ich kaum mit. Nur Flynt guckte zu, als auf dem Klo alles über mir zusammenbrach. Riley. Riley war wieder da. Scheiße, scheiße, scheiße.
„Torina … he … Guck mich an“ sagte er, doch seine Worte zogen an mir vorbei. Ich starrte meine schwarzverschmierten Hände, bis er nach meinen Handgelenken griff.
Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass das Flynt war. Oh Gott. Das fehlte mir gerade noch!
Ich musste noch mehr heulen, aber er ignorierte es und hockte sich vor mich. Das erste Mal konnte ich seine Augen wieder richtig sehen.
„Is’ gut, oke? Was is’ los? Ist‘s wegen dem Typ?“, fragte er leise.
Ich starrte ihn nur an, aber er verstand schon.
„Deine Freundin. Was is’ mit der? Soll ich sie holen?“
Ich kriegte mich irgendwie zu einem Nicken. Flynt stand auf und drückte die Kabinentür wieder auf. Eine Sekunde zögerte er.
„Geh nich’ weg, sonst findet sie dich nich’.“
Ich nickte stumm, dann war er weg. Zoey kam keine halbe Minute später.
Es gab nicht viel zu erklären, nachdem ich „Riley“ gesagt hatte. Wie ein Baby streckte ich die Arme nach ihr aus, in die sie mich schloss, damit ich wieder heulen konnte.
„Nach Hause. Ich will nach Hause“, flüsterte ich an ihrem Ohr.
Liebevoll streichelte sie meinen Rücken. „Das machen wir schon, okay? Der Superrockstar klärt das, meinte er. Wie doof“, scherzte sie aufmunternd.
Ich widersprach nicht, auch wenn ich anderer Meinung war. Ich war dankbar und fand Flynt heute irgendwas, aber bestimmt nicht doof.
Gegen Mitternacht hatte sich die Runde sichtlich verkleinert. Von Tory und ihrer Freundin fehlte jede Spur, lediglich Maxx, Kingston und Maltravers saßen noch da. Als ich mich dem Tisch näherte, wandte mir Maxx den Blick zu und fing an zu strahlen.
„Da bist du ja wieder, Olivia! Wir haben uns gerade über dich unterhalten“, sagte er.
Ich lachte, als ich mich neben ihn setzte und unauffällig nach meinem Manager Ausschau hielt. „Na dann hoffe ich, dass es nur Gutes ist?“, sagte ich und blickte verschwörerisch zu Kingston.
„Aber selbstverständlich! Über ein Model, das einen Designer wie Dupin inspiriert hat, kann man doch ohnehin nur Positives sagen!“
„Mr Kingston, ich erröte ja noch“, entgegnete ich übertrieben und schenkte ihm mein schönstes Modellachen, auch wenn ich bei der Erwähnung von Dupins Namen schlucken musste.
„Es ging in dem Gespräch vorrangig darum, wie die Marke Dupin aufgebaut ist“, erklärte Maltravers dann sachlich und unaufgefordert, woraufhin ich überrascht die Brauen hochzog.
Er sah mir offen ins Gesicht, die Augen von dunklen Schatten untermalt, aber der Ausdruck darin war wach. Er schien auf eine Erklärung zu warten.
Ich plinkerte. „Tatsächlich kann ich nur das sagen, was man auch aus den Medien weiß. Dupin ist großartig.“
„Es ist so wenig über frühere Shows von Dupin bekannt“, setzte Maltravers wieder an. „Nur neueste und gehypte Bilder sind zu finden. Man weiß gar nicht, woher Dupin überhaupt mit seinem ganzen Erfolg kommt. Und sie“, fügte er zum Schluss noch mit an.
Mein Magen verkrampfte sich. Wie konnte er es wagen, mich in Frage zu stellen? „Sind Ihnen meine Leistungen nicht ausreichend, Mr Maltravers?“, fauchte ich.
Seine Schmetterlingswimpern vibrierten, aber er gab sich unbeeindruckt. „Olivia, ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendetwas gegen Ihre herausragenden Leistungen auf denen von Ihnen tatsächlich erschienenen Fotos und begleiteten Shows gesagt habe. Ich habe lediglich hinterfragt, ob die Aufmerksamkeit, die man Dupin zukommen lässt, so berechtigt ist, wenn kaum etwas über seine vorige Arbeitsweise bekannt ist, die ihn dahin gebracht hat, wo er jetzt steht“, fuhr er ungeniert fort.
„Auf jeden Fall spielen Dupin und ich aber trotzdem in einer ganz anderen Liga als Sie, Mr Maltravers, nicht wahr?“
„Ach, Sie messen Erfolg an Skandalen über Wutausbrüche, die man neben Dupingequatsche sonst noch über Sie lesen kann?“, blaffte er. „Tatsächlich habe ich neben meiner Arbeit studiert und hatte nicht die Möglichkeit, mich auf Minimalerfolgen auszuruhen, die zudem anderen Leuten zu verdanken sind“, stauchte er mich zusammen.
Etwas brannte in mir durch.
Ich schmetterte das leere Champagnerglas auf den Tisch und sprang auf. „Ich habe morgen so viel vor, ich muss mich jetzt entschuldigen“, sagte ich, ohne mir Mühe zu geben, es glaubhaft klingen zu lassen. Im Umkehren schlug ich mit dem Ellenbogen gegen etwas Hartes.
Scharfer Schmerz schoss mir durch den Musikantenknochen; es klirrte und knallte. Eine junge Kellnerin war mir in den Weg gelaufen.
„Können Sie nicht aufpassen?“, blaffte ich und stakse durch die Flüssigkeit durch, die sie vergossen hat.
„Es tut mir leid“, stotterte sie und fiel auf die Knie, um die Scherben einzusammeln. Aber quatschte mich nebenbei weiter voll. „Miss Livington?“
„Was ist denn?“, zischte ich.
„Dieser Drink ist Ihnen spendiert worden. Eigentlich war da eine Nachricht dabei“, gab sie leise von sich.
Ich verdrehte nur die Augen und nahm ihr die tropfende Servierte aus der Hand, damit sie endlich einen Abflug machte. Erst wollte ich die Nachricht ungelesen zusammenknüllen, die ersten Worte brachten mich aber dazu, alles zu lesen.
sex on the beach für unsere strandnacht. xx t.driftwood.
Als ich den Kopf hob, sah ich ihn auch schon. Er nickte in Richtung des Flurs, der zu den Toiletten führte. Mein Herz klopfte, als ich ihm langsam folgte.
„Hat Paris dich freigegeben?“, begrüßte Tyger mich.
Ich strich mir lasziv das Haar zur Seite, während er jede meiner Bewegungen genau beobachtete. Ich spürte die Hitze seiner Haut, als ich ihm eine Hand auf die steinharte Brust legte.
„Paris hat mich nicht freigegeben, aber ich war wild und habe mich losgerissen!“
Er zog mich an seinen Körper und ich lachte aufgedreht. Ich konnte jeden seiner Herzschläge spüren. Ich betrachtete die Narben in seinem Gesicht.
„Und du glaubst, du schaffst mich?“, neckte ich ihn und strich langsam die Linie an seinem Kinn entlang. „Ganz Paris hat mich nicht gezähmt.“
Er lächelte. „Gib mir eine Stunde.“
Ich wusste, wie schnell Tyger ungeduldig wurde, und dass es ihn beim letzten Mal beinahe umgebracht haben musste, dass wir auseinandergegangen waren, ohne miteinander geschlafen zu haben. Aber diesmal ließ Tyger mich nicht gehen. Mit festem Griff schob er mich nach rechts und drückte mich gegen die Wand. „Nichtmal ’ne Stunde“, raunte er in mein Ohr und ich lachte kehlig, als er die Tür zur Damentoilette aufstieß und mich in die hinterste Kabine zog.
Er drückte mich gegen die Fliesen. Als ich den Mund zu einem Seufzer öffnete, presste er seine Lippen gegen meine und stieß mir seine Zunge in den Mund. Seine Fingernägel gruben sich in meinen Hintern. Er presste meinen Unterleib gegen seinen.
Ich leckte seinen Hals und sein Ohr und schmeckte den Schweiß auf seiner Haut. Er schob mein Kleid hoch und seine Hand zwischen meine Beine.
Ich krallte mich in seinem Haar fest, dann war er endlich so weit und schob meine Beine auseinander, bevor er mich an der Wand nahm.
Ich keuchte an seinem Ohr.
Als er fertig war, zog er seine Hose wieder hoch und ich richtete meine Frisur. Wir beschlossen, zu ihm zu fahren.
Ich riss die Augen auf, mein Herz raste, ich schlug mir die Hand gegen die schweißnasse Stirn. Dunkelheit. Nur ein Traum.
Denn Paris war vorbei. Die Albträume würden es auch bald sein, auch wenn ich in ihnen seit Tagen immer wieder dorthin zurückkehrte. Dahin, wo ich am meisten gelitten, aber auch am meisten gewonnen hatte.
Meine Atmung normalisierte sich wieder und ich schob die Beine aus dem Bett. Thanksgiving und Black Friday waren vorbei. Heute hatte ich ein Fitting bei Rose’s Heart.
Barfuß lief ich raus auf den Flur, an den dunkel tapezierten Wänden entlang. Mein Blick fiel auf die Bücher in den Regalen an der Wand. Sie mussten meinen Eltern gehört haben, über die Chester nie sprach.
Im Bad betrachtete ich mich im Spiegel. Meine Augen hatten den idealen Abstand, sie waren genau gleich groß. Meine Mundwinkel waren gleich weit, auch wenn ich lächelte, und die Erhebung meiner Wangenknochen war symmetrisch. In meinem Gesicht stimmte alles. Ich war perfekt.
Ich riss mich von meinem Spiegelbild los und stieg in mein Sportoutfit. In meinem Home-Gym wärmte ich mich mit Springseilspringen auf, ging dann zu den Gewichten über und verbrachte eine Stunde auf dem Laufband.
Vor meinen Augen flackerte es leicht, als der breite Streifen unter meinen Füßen langsamer wurde und unter lautem Piepen stoppte.
Was für ein befriedigendes Gefühl, sich so angestrengt zu haben, dass man keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Es war fast wie ein Rausch.
Ich duschte, schlüpfte in das Kleid meines Lieblingsdesigners und stieg hinunter in die Eingangshalle. Das Frühstück ließ ich ausfallen. Ich legte mein goldenes Smartphone neben das Bild meiner Eltern, die starr und leblos durch den Bilderrahmen in den Raum starrten.
Kurz betrachtete ich ihre langweiligen Erscheinungen: Theo Livington war blond und trug eine randlose Brille, Natalie Livington hatte gewelltes rotbraunes Haar und Augen in dem gleichen Whiskeyton wie ich.
Bleich wie sie waren, verblassten sie in ihren Laboranzügen regelrecht, so dass das Kind in ihren Armen mit seinen alienartigen Riesenaugen und den blonden Haaren aussah, als hätte man es mit Photoshop ins Bild montiert. Das waren nur theoretisch meine Eltern, in der Realität waren sie es nie gewesen.
„Bill!“, rief ich jetzt, schrill, um meine Gedanken zu vertreiben. „Komm her!“
Sofort hörte ich ein Poltern und mein Angestellter erschien mit zerzaustem Haar.
„Ich brauche meinen Wagen. Ich will den Mercedes“, wies ich ihn an.
Er nickte langsam. „Aber selbstverständlich.“
Plötzlich fand ich dieses ganze Haus so unerträglich, dass ich Bill, als er wiederkam, die Schlüssel aus der Hand riss und ihn stehenließ.
Draußen stieg ich in meinen Mercedes, knallte die Tür zu und fuhr los. Nachdem ich einige Male tief durchgeatmet hatte und Händels Streicher aus meinen Boxen tönten, wurde ich wieder ruhiger. Was für Versager. Meine Eltern, Dupin, Melville. Wer waren sie schon ohne mich?
Als ich schließlich vor Rose’s Heart parkte, hatte ich mich wieder vollständig gefangen.
Der Vorraum war fast leer, abgesehen von einem langgezogenen Sideboard, auf dem eine Kaffeemaschine und ein großer Stapel Tassen platziert waren. Und dann war da noch Maltravers, auf einem Sofa hinter einem flachen Tisch. Das professionelle Lächeln, das ich aufgesetzt hatte, verschwand schlagartig, als ich ihn entdeckte.
„Mr Maltravers“, begrüßte ich ihn, als unsere Blicke sich begegneten.
Er saß mit übergeschlagenen Beinen da und nervte mich jetzt schon mit seiner Anwesenheit und seinem ironischen Lächeln. „Hallo Olivia. Hocherfreut, Sie zu sehen“, gab er, ebenso vor Freundlichkeit triefend, von sich.
„Besten Dank, ebenfalls“, erwiderte ich und blieb in der Mitte des Raumes stehen, wo ich mich demonstrativ umsah. Ich zog erwartungsvoll die Brauen hoch, er bedachte mich mit einem Stirnrunzeln, ehe er eine ausladende Handbewegung in Richtung des schmalen Flurs machte.
„Bitte. Es gibt Outfits, die angepasst werden müssen.“
„Was Sie nicht sagen. Deswegen bin ich hier“, entgegnete ich, drehte mich auf dem Absatz um und ging in den Raum, wo ich sofort die Aufmerksamkeit von drei Personen gleichzeitig bekam.
„Ach, Miss Livington“, sagte jemand und ich strich mir strahlend das Haar von der Schulter.
Zwei Frauen, ein Mann. In der hintersten Ecke war noch eine Frau, die sich durch das Chaos auf den Kleiderstangen wühlte. Rechts neben mir stand ein schmales Podest und gegenüber drei Modepuppen. Ich begrüßte alle nacheinander, sie stellten sich vor – Clark, Sara, Kia – aber ich hatte nicht vor, mir die Namen zu merken.
„Das müsste alles eigentlich ganz schnell gehen. Die Maße haben wir von Ihrer Agentur schon bekommen“, wurde mir erklärt.
„Das muss alles perfekt sitzen, sonst können wir den ganzen Spot und die Shootings vergessen“, mischte sich Maltravers aus dem Hintergrund ein. Er hatte sich auf den einzigen Stuhl im Raum gesetzt und seinen Laptop auf der Kante eines schmalen Tischs platziert. Er bekam Reiherum gereizte Blicke zu spüren, die er einfach ignorierte.
„Wir sollten loslegen. Miss Livington hat mit Sicherheit jede Menge Termine.“ Clark sah mich an, als ob ich ihn für seine Feststellung loben sollte. Ich zeigte mich gütig und lächelte ihn an.
„Und dafür solltest du vielleicht mal langsam rausgehen“, sagte Sara zu Maltravers und nahm das Maßband von dem Tisch, an dem er sich breitgemacht hatte.
Er hob gereizt den Blick und begegnete meinem. Skeptisch musterte er mich, dann wandte er sich wieder an seinen PC. „Sofort. Ich muss noch –“
„Was ist los, Mr Maltravers? Zu schüchtern, um drinnen zu bleiben?“, fragte ich süffisant. Er sollte nicht so tun. Jeder Mann würde alles dafür tun, um einen Blick auf die Symmetrie meines Körpers werfen zu können.
Er verdrehte die Augen. „Es gehört nicht zu meinem Aufgabengebiet, zu kontrollieren, ob Sie in der Lage sind, sich aus- und wieder anzuziehen.“
Als ich etwas erwidern wollte, quatschte Kia dazwischen: „Ben, können wir jetzt mal endlich anfangen und du entscheidest dich noch in diesem Jahrhundert, ob du rausgehst oder nicht?“
Kurzerhand nahm ich ihm die Entscheidung ab. Ich hatte mich schon bei unzähligen Fotoshootings unterwegs ausziehen müssen, manchmal auch ganz und nicht immer mit Sichtschutz. Dann war er auch endlich still. Dafür war er die nächsten zwei Stunden sehr intensiv mit der Arbeit an seinem Computer beschäftigt. Tatsächlich entgingen mir die Blicke aber nicht, die er heimlich über den Rand seines Laptops in meine Richtung warf.
