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Die evangelische Kirchgemeinde eines Dorfes in der Schweiz hat enorme finanzielle Sorgen. Der Unterhalt für die überdimensionierte Kirche frisst die Einnahmen laufend weg. Ein undurchsichtiger Finanzhai aus Zürich wird in den Kirchenvorstand aufgenommen. Doch die Situation verschlimmert sich trotzdem. Die Rettung könnte der Verkauf eines wundervollen Waldes aus dem Besitz der Kirchgemeinde bringen. Gust und Tobias Fink übernehmen im Auftrage des überforderten Kirchenpräsidenten vertiefte Abklärungen. Sie finden geradezu sensationelle geschichtliche und wirtschaftliche Details über den Wald. Der Herzinfarkt des Präsidenten, eine ungeheure Naturkatastrophe und frivole Abenteuer der Akteurinnen und Akteure bringen das ruhig vor sich hinplätschernde Dorfleben komplett durcheinander. Als Retter in der Not greift ein wohlhabender deutscher Industrie Tycoon den Dörflern unter die Arme. Doch der wahre Retter kommt in der Form eines Glasbildes von ganz oben..... Spannung, Unterhaltung, Erotik, Menschliches, Geldgier, Kulturkampf und Fragen zu Fracking und Umweltschutz lassen bestimmt keine Langeweile aufkommen.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2014
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GLASTRAUM
Hannes R. Specht
Copyright: © 2014 Hannes R. Specht
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-8442-9813-0
Umschlag:
Glasbild im Kirchgemeindezentrum Flawil
Für meinen Bruder MAX
1. August 2014
Zweite überarbeitete Auflage
Ich danke Rebecca,
Ruth und Gust für ihre wertvolle und
geschätzte Teilnahme in diesem Buch.
Flawil, im Juli 2014
Hannes R. Specht
HANNES R. SPECHT
Eine Vision
In einem grossen Dorf das sich seit Jahren erfolgreich sträubte zur Stadt zu werden, ereignete sich eine bemerkenswerte Geschichte.
Vor sicherlich zweihundert oder mehr Jahren wurde beim östlichen Dorfeingang eine stattliche Villa mit Gesindehaus, einer Remise mit stilgerechten Stallungen und einem grosszügigen Park samt Springbrunnen erbaut. Die reichen Bürger des damals noch kleinen Dorfes waren Textilfabrikanten, Kaufleute, Fuhrhalter oder Söldner in fremden Kriegsdiensten. Das Gebäude von dem hier die Rede ist, liess sich der Besitzer einer grossen Weberei errichten. Es war in der Tat ein herrschaftliches Ensemble. Das Kellergeschoss der Villa war grosszügig und eine veritable Stickmaschine hätte durchaus Platz darin gefunden. Doch der Bauherr dachte beim Keller in erster Linie an einen geeigneten Aufbewahrungsort für seine exquisiten Weine aus den eigenen Rebbergen im Waadtland. Im Hochparterre bauten die Zimmerleute eine in dunklem Holz getäferte Stube, die nach dem Textilfabrikanten benannt wurde. Dazu kam ein kleiner Saal samt grosser Küche. Das erste Stockwerk umfasste die Stube, Wirtschafts- und Nebenräume. Die dritte Etage nahm die Schlafräume und das Badezimmer auf. Zuoberst im grossen Estrich unter dem ausladenden Dach hausten in zwei engen Zimmerchen die Bediensteten. Im Rest des Dachbodens lagerten die Dinge, für die niemand Verwendung hatte. Bei der Grundsteinlegung wurden feierlich zwei Linden gepflanzt. Den handverlesenen Gästen erklärte der Fabrikant mit einem Glas seines erlesenen Weissweins in der Hand:
»Ich taufe unser neues Heim auf den Namen Gut zu den zwei Linden Prost!«
Die Textilindustrie in dem grossen Dorfe das sich heute durchaus Stadt nennen könnte, blühte und schwelgte in ihrem Reichtum. Das war in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Eine Krise in der Textilindustrie oder gar deren Niedergang war unvorstellbar. Allein der Gedanke daran war so absurd, dass niemand auch nur schon auf die Idee kam darüber zu sinnieren. Die Besitzerfamilie war reich, wirklich reich und wohltätig. So überliess sie der reformierten Kirchgemeinde des kleinen Dorfes kostenlos ein riesiges, flaches Grundstück, direkt in südlicher Richtung vor der besagten Liegenschaft zu den zwei Linden. Eine Kirche samt Park sollte darauf gebaut werden. Das war die einzige Bedingung. Eine grosse Kirche und ein grosser Park. Rund achtzig Prozent der Bewohner des Dorfes waren zu jenem Zeitpunkt evangelisch. Alle Familienoberhäupter der reformierten Kirchgemeinde, etwas mehr als tausend Männer, müssen darin Platz finden und ein hoher, massiger Glockenturm das Dorf überragen. Eine präsentable Allee rund um die Kirche soll zur besinnlichen Einkehr einladen und die Kirche umschliessen. So lauteten die Bedingungen der Wohltäterfamilie.
Der Wille geschah, so wie es sich der weit gereiste und weltgewandte Fabrikant vorgestellt hatte. Die Einweihungsfeier war ein unvergessliches Fest. Die grosse Kirche platze fast aus den Nähten, alle wollten dabei sein. Sogar die Stehplätze wurden nummeriert und tatsächlich erlebten mehr als eintausendzweihundert Männer und Frauen die über zweistündige Einweihungsfeier. Ewige Meckerer behaupteten zwar, es seien genau zwölfhundertdreizehn gewesen, doch wegen der Unglückszahl spreche man lieber von über zwölfhundert. Zu erwähnen ist zudem auch der mysteriöse Seilriss beim Aufziehen der grossen Glocke. Sie fiel zwar nur einen knappen halben Meter tief auf den weichen Grasboden und niemand, auch nicht die Glocke, kam zu Schaden. Doch ein Seilriss beim Glockenaufzug? Wenn das nur kein Unglück bringt. Vielleicht sollten die Stänkerer ja Recht behalten. Jedenfalls ist es historisch erwiesen, dass die Kirche nie mehr so viele Menschen in ihrem düstern Innern sah, wie zur Einweihungsfeier. Nach hundert Jahren lässt sich sogar sagen, dass seit jenem Tage, kurz nach dem Übergang vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert, die reformierte Gemeinde in diesem Dorf stagnierte. Die Einwohnerzahl im Dorf wuchs zwar stetig, aber es waren vor allem katholische Glaubensbrüder und Schwestern die sich hier niederliessen. Aber im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts stoppte auch das Wachstum der katholischen Kirchgemeinde. Einerseits zogen die freien Kirchen und Sekten immer mehr Menschen an und anderseits nahmen viele muslimische Gläubige in der Gemeinde Wohnsitz. Die katholische und die reformierte Landeskirche mussten hingegen jedes Jahr Austritte registrieren. Die Anzahl der religionslosen Menschen wuchs somit stetig. Durch den Rückgang der Steuereinnahmen gerieten dafür die Finanzen der beiden Kirchgemeinden mehr und mehr in Schieflage.
So erschien es dem reformierten Kirchenrat einige Jahre nach dem Wechsel ins 21. Jahrhundert wie eine wundersame Fügung, dass die politische Gemeinde Land für einen Gemeindesaal suchte. Sie fand die Liegenschaft direkt hinter der riesigen Kirche nämlich als perfekt passend für ihren Zweck. Die Vorsteherschaft nutzte die Gunst der Stunde und gab den Boden im Baurecht an die Gemeinde ab. Der Baurechtszins spült nun für neunundneunzig Jahre stetig Geld in die Kasse der Kirchgemeinde. So konnte sich auch diese an Investitionen wagen und baute zusammen mit dem Saal der politischen Gemeinde ein Kirchenzentrum mit Büroräumen, Schul- und Sitzungszimmern samt einem Mehrzwecksaal. Bis dato war die Verwaltung in einem gewaltigen historischen Gebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert mit dem Namen Zur Buche untergebracht. Dieses Haus wurde zu einer modernen Kindertagestätte umgebaut. Die KITA wird seither von der reformierten Kirchgemeinde betrieben, steht aber für alle Kinder, egal welcher Konfession sie angehören, offen. Dank Beiträgen der katholischen Kirchgemeinde, der politischen Gemeinde und des Kantons wirft der Hort einen bescheidenen Gewinn ab und entlastet so die arg gebeutelte Kasse der Reformierten.
Mit der Einweihung des Kirchgemeindezentrums könnte die Geschichte hier nun glücklich enden. Für alle Beteiligten war somit jene grosszügige Landschenkung vor über hundert Jahren der Ausgangspunkt zur allgemeinen Zufriedenheit.
Doch genau mit der Einweihung des reformierten Gemeindezentrums, die zusammen mit dem Saal der politischen Gemeinde gefeiert werden sollte, nimmt die Geschichte ihren Anfang. War der Name für den grossen Gemeindesaal nämlich schnell gefunden, er sollte als Glattsaal (nach dem Fluss der durch die Gemeinde fliesst) in die Geschichte eingehen, taten sich die Verantwortlichen der reformierten Kirchgemeinde schwer, den richtigen Namen für ihren kleineren Mehrzweckraum, der angrenzend an den Glattsaal gebaut wurde, zu finden.
Schleichen wir uns doch in die Zusammenkunft des erweiterten reformierten Kirchenrates im grossen Sitzungszimmer des Hauses Zur Buche.
Dreissig Frauen und Männer zwängten sich im ehrwürdigen Raume zusammen. Der jüngste Teilnehmer keine zwanzig und die Älteste mit ihren achtundsiebzig Jahren noch immer die aktive Leiterin der Altersgemeinschaft 60 - na und? Trotz der drei schräg gestellten Fenster war die Luft zum schneiden dick.
Franz, Kirchenratpräsident und Sitzungsleiter, versuchte dennoch frischen Sauerstoff zu schnappen und holte aus:
»Liebe Anwesende, eines meiner Grundprinzipien ist ja, dass keine Sitzung länger als zwei Stunden dauern soll. Dank euerem grossen Einsatz und dem Mitmachen von allen, konnten wir in den letzten hundert Minuten bis auf eine, alle Traktanden abarbeiten. Ich bin glücklich, dass ich schon jetzt sagen kann: Die Organisation zu unserem grossen Tag, der Einweihung des neuen Zentrums, steht. Das Fest kann beginnen, lediglich der letzte Punkt der heutigen Traktandenliste bleibt uns noch.«
Der Kirchenpräsident hatte sich wie gewohnt perfekt auf den Abend vorbereitet. Auf dem Beamer wurde eine Innenansicht des neuen Mehrzweckraumes auf die Leinwand projektiert.
»Dieses Bild habe ich heute vor der Sitzung aufgenommen. Meine lieben Leute, dieser wunderschöne Raum ist fertig, hat aber leider keinen griffigen Namen. In den letzten Wochen sind zwar einige gute Vorschläge bei mir eingetroffen und ich stelle diese zur Diskussion.«
Nun erschienen Namen und Erklärungen in der Mitte der Leinwand:
Wyssbachsaal
(ein Nebenfluss zur Glatt)
Reformierter Kirchensaal
Evangelisches Zentrum
Kirchenzentrum
Neuer Buchensaal
(in Erinnerung an den Saal im Haus zur Buche)
und ????
»Ich danke allen, die sich die Mühe gemacht haben mir ihren Vorschlag zu melden. Was meint ihr zu den Ideen?«
Die Diskussion ging los und zeigte schnell, dass keiner der Vorschläge so richtig zu gefallen wusste. Grüningersaal fanden einige nicht schlecht, doch hatte der Name seit der Schliessung der Grüninger Textil Werke und den unumgänglichen Entlassungen gewaltig an Glanz verloren und einen eher negativen Beigeschmack. Der Präsident sah ein, dass es an dieser Sitzung nicht mehr zum grossen Wurf kommen würde. Er wollte die Sitzung schliessen:
»Ja, es geht mir genau wie euch. Der Name für unseren neuen Treffpunkt, in dem die Sitzungen des Kirchenvorstandes und der verschiedenen Organisationen, Anlässe und kirchlichen Feiern statt finden werden, soll klar und deutlich sein, ein Zeichen für unseren Glauben setzen, aber auch für den Willen, unsere Kirchgemeinde vorwärts zu bringen und unverwechselbar sein. Wenn der zündende Name heute nicht kommt so wird er halt ein anderes Mal kommen. Ich möchte nichts erzwingen und schliesse die......«
Laut und deutlich war die Stimme der Gemeindeschwester zu hören:
»Zwinglisaal!«
Während eines Augenblickes herrschte absolute Ruhe im Raum des Hauses zur Buche. Der Finanzchef zeigte sich als Eisbrecher. Er stand auf, blickte geradezu entzückt zur Gemeindeschwester und klatschte in seine weichen Bürolistenhände. Nur wenige Sekunden später applaudierten alle Versammlungsteilnehmer begeistert mit. Franz bat mit Handzeichen um Ruhe und stellte erfreut fest:
»Die Abstimmung kann ich mir wohl ersparen. Nur für das Protokoll: Die heutige, grosse Versammlung beschliesst einstimmig, den Gemeinschaftsraum im neuen Kirchenzentrum Zwinglisaal zu nennen. Die Sitzung wird nach hundertachtzehn Minuten geschlossen. Claire, ich gratuliere dir zu deinem hervorragenden Vorschlag und ich spendiere gerne eine Runde für alle. Ich habe im Rössli reserviert.«
Claire, die Gemeindeschwester, die sich um die allein- stehenden, betagten Kirchgemeindemitglieder kümmerte, sie regelmässig besuchte und wenn nötig auch pflegte, war sichtlich stolz über ihren Gedankenblitz. Viele klopften ihr auf die bald vierzig Jahre alten Schultern und äusserten ihre helle Begeisterung für ihren tollen Vorschlag.
In den guten Wirtschaftsjahren entschied sich der geschäftsführende Spross der Textilunternehmerfamilie in deren Besitz sich das Gut zu den zwei Linden befand, dieses als Stiftung dem Dorfe zu überlassen. Die Familie hatte längst eine neue, grossartigere Villa gebaut und das Gut stand leer. Nur eine Bedingung war zu erfüllen: Im Hause solle ein Museum über die Dorfentwicklung eingerichtet werden. Schnell waren geschichtlich interessierte Einwohner und Einwohnerinnen gefunden, die sich im Verein Ortsmuseum organisierten und genau zwanzig Jahre vor dem Wechsel vom zweiten ins dritte Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung die Liegenschaft übernehmen konnten. Das Inventar und die im Hause verbliebenen Gegenstände der Fabrikantenfamilie wurden sorgsam registriert und beschrieben, teilweise verkauft und mit neuen Museumsstücken ergänzt. Das Haus wurde durchsucht und auf dem Estrich fanden die engagierten Freiwilligen nebst vielen Antiquitäten einen ganzen Stapel originaler Biberschwanzziegel, die vom Bau her stammten und einen bedeutenden Wert darstellten.
»Die lassen wir schön da! Erstens sind wir vielleicht einmal froh, wenn wir Ziegel ersetzen müssen und zweitens sind diese Dachziegel heute sehr gesucht.«
Der erste Museumspräsident, ein im Dorfe angesehener Advokat, war ein weiser Mann. Das zwanzigste Jahrhundert nach Christus verabschiedete sich nämlich in weiten Teilen Westeuropas mit einem gewaltigen Sturm. Das Unwetter ging als Lothar in die Geschichte ein. Tausende Bäume wurden geknickt oder entwurzelt, Autos wie Spielzeuge durch die Luft gewirbelt. Alles was nicht niet- und nagelfest gesichert war, wurde umgeworfen, weggeblasen und zerstört. Der Sturm deckte die Dächer von ganzen Häuserzeilen ab. Ziegel flogen auf die Strassen, auf Autos und unglückliche Passanten. In der Schweiz starben vierzehn und in den umliegenden Ländern einhundertsechs Menschen. Auch das Haus zu den zwei Linden kam nicht ungeschoren davon. Bäume wurden geknickt, entwurzelt, Äste abgerissen und das Dach des Hauptgebäudes stark beschädigt. Die Feuerwehr zersägte die kaputten Bäume und errichtete ein Notdach. Im ersten Frühjahr des neuen Jahrtausends rückte ein Dachdecker aus dem Ort an und begann mit seiner Mannschaft das Dach zu reparieren. Die im Estrich eingelagerten Ziegel erfüllten ihren Zweck voll und ganz.
Es blieb ein ansehnlicher Stapel wundervoller Biberschwanzziegel übrig und der Dachdeckermeister wollte die Gunst der Stunde nutzen. Er gab seinem stämmigen Gehilfen den Auftrag möglichst viele der neuen Ziegel in einer Brente nach unten zu tragen und im gedeckten Anhänger zu verstauen. Er bläute ihm ein, sich von niemandem dabei erwischen zu lassen und verschwand zum Gewerbeapéro in ein beim Bahnhof gelegenes Café. Der junge Mann mühte sich mit dem schweren Tragkorb redlich ab. Doch beim dritten Transport brach der Boden des Weidengeflechtes. Der Inhalt fiel auf den Vorplatz. Einige Ziegel barsten und die Brente war zerstört. Er räumte auf, so gut er eben konnte, wischte die Spuren von den Pflastersteinen und lud die Reste des Korbes in den Anhänger. Diesen verschloss er gewissenhaft und ging nach Hause. Schliesslich war Freitagabend und er wollte mit seiner Freundin an einen Bum Bum Raverevent.
Am Samstagmorgen fand eine Besichtigung im Ortsmuseum statt. Der Jahrgängerverein der Nachbargemeinde hatte seinen Besuch angekündigt. Der Präsident wollte die Führung persönlich übernehmen. Er war eine halbe Stunde vor den Gästen da und fand Bruchstücke der zerbrochenen Ziegel vor dem Eingang. Auf dem Parkplatz stand noch immer der Anhänger des Dachdeckers. Der Gewerbeapéro hatte etwas länger gedauert. Der Meister lag deshalb mit brummendem Schädel im Bett und dachte ganz gewiss nicht an den Anhänger, der gerade vom Museumsleiter geöffnet wurde. Der gewiefte Mann erkannte sofort, was da geschehen war und eilte auf den Estrich. Alphons, der Mann der im Hause unermüdlich für Ordnung und Übersicht sorgte und jede Ecke wie seine Hosentasche kannte, hatte ihm eindringlich erklärt, dass diese Ziegel einen kleinen Schatz darstellten. Der Schädel des Dachdeckermeisters brummte nach dem Telefon mit dem Museumspräsidenten um einige Touren höher. Von Diebstahl, Sachbeschädigung und grobem Unfug war die Rede. Rechtsanwalt gegen Dachdecker endet selten zu Gunsten des Handwerkers. Der langen Rede kurzer Erfolg: der Präsident rief Alphons. Alphons inspizierte den Rest der Ziegel, schaute genauer hin, nahm seine Taschenlampe und entdeckte unter dem Stapel etwas Unbekanntes. Er räumte den Rest der Ziegel weg und fand nach dem entfernen des Staubes, dem Fledermauskot und den Spinnweben einen wunderschön geschnitzten kleinen Holzkoffer. Ungefähr einen halben Meter in der Länge, vierzig Zenitmeter in der Breite und zwanzig Zentimeter in der Tiefe. Kunstvoll gearbeitete Messingbeschläge hielten den Deckel auf dem Unterteil. Die Oberfläche zierten, von einem geschickten Bildhauer geformt, griechische Symbole. Die Zeichen Alpha und Omega verflochten mit Rosen und in jeder Ecke eine fein modellierte, halbnackte, Frauengestalt. Im Zentrum aber stand unübersehbar ein stolzer Hahn. Alphons löste das Kistchen aus seinem Schmutzverlies und trug es sorgsam auf ein kleines Tischchen. Erst im dritten Anlauf gelang es ihm, den Deckel zu öffnen. Er wagte kaum zu atmen. Was hatte er gefunden? Vielleicht einen alten Goldschatz? Nein, eine Scheibe aus buntem Glas! Das Portrait eines Mannes. Sorgfältig hob er das Bildnis vor das Fenster. Im eindringenden Sonnenlicht erkannte er den Mann. Huldrych Zwingli, der berühmte, schweizerische Reformator. Trotz seiner grossen Erfahrung für Altertümer konnte er auf den ersten Blick unmöglich das Alter des Fundes abschätzen. Er erkannte aber, dass es aufwändig und schön gefertigt war. Er trug seinen neuen Schatz in die kleine Werkstatt im Keller des Hauses, reinigte das Bild und das Kästchen mit Pressluft und Pinsel und verschloss sein Reich sorgfältig. Den Schlüssel steckte er ein. Er wollte seinen Boss, der mit der Besuchergruppe schon längst weiter gezogen war, mit seinem Fund persönlich überraschen. Der Präsident, katholischen Glaubens, konnte jedoch dem Bildnis von Huldrych Zwingli keinerlei Sympathie entgegenbringen. Er empfahl Alphons, das Kästchen wieder dorthin zu legen, wo er es gefunden hatte, auf den Estrich zum Fundus des Museums. Alphons nahm den Zwingli auf die Inventarliste und versuchte etwas über die Herkunft zu erfahren. Man kann es sich fast nicht vorstellen aber vor etwas mehr als zwanzig Jahren war der Begriff Im Internet googeln völlig unbekannt. Trotzdem fand Alphons einiges über das Kunstwerk heraus. Das Glasbild soll einem Gemälde von Hans Asper gleichen und wurde von einem Fachmann aus Andwil auf ein Alter von ungefähr dreihundert oder mehr Jahren geschätzt. Es sei wohl in einer Manufaktur im fernen Zürich hergestellt worden. Damals habe es an der Limmat verschiedene Glaskünstler gegeben. Alphons schrieb diese Erkenntnisse ebenso sorgfältig in sein blaues Buch wie er die Kiste wieder auf den Estrich trug, mit einem rotweissen Karotuch bedeckte und vergass.
Claire war etwas Sturm im Kopf. Ihr Geistesblitz vom vergangenen Abend wurde im Rössli ausgiebig gefeiert. Ungeübt im Umgang mit Alkohol musste sie dauernd mit Gratulanten anstossen. Ihre aufgedonnerte äussere Erscheinung stand im klaren Widerspruch zur wahren Person. Nicht selten wurde sie wegen ihren langen blonden Haaren, der figurbetonten, modischen Garderobe und den weiten Ausschnitten eher für die Gastgeberin einer Bar als für die sehr engagierte Pflegefachfrau gehalten, die sie in Wirklichkeit war. Claire war froh ihren Flyer vor dem alten Patrizierhaus im Dorfzentrum parkieren zu können. In diesem Haus betrieb ihre Freundin Annemarie eine Immobilienagentur für gehobene Ansprüche. Diskret und lukrativ. Die dorfgeschichtlich interessierte Frau war vor einigen Jahren in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Hinter ihr lag eine hässliche Scheidung von einem Immobilienmogul aus Berlin. Die nicht unerhebliche Abfindung steckte sie in ihr eigenes Geschäft. Da sie im Unternehmen ihres Mannes mitgearbeitet hatte, wusste sie genau, wie der Handel mit Objekten in der oberen Preisklasse lief und wie die anspruchsvolle Klientel behandelt sein wollte. Als eine der ersten Kundinnen konnte sie Claire eine kleine aber feine Eigentumswohnung vermitteln. So lernten sich die beiden Frauen kennen. Die Immobilienspezialistin machte keinen Hehl daraus, dass ihr Bedarf an Männerlaunen wohl lebenslänglich gestillt war. Claire ihrerseits schwärmte von ihrem freien Leben und erzählte der fast zwanzig Jahre älteren unbeschwert über ihre Erfahrungen. So begann die Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen. Sie trafen sich regelmässig für einen Kaffeeschwatz, besuchten gemeinsam die verschiedensten Anlässe im Dorf und gingen zusammen aus. Als der katholische Rechtsanwalt die Leitung des Ortsmuseums abzugeben wünschte, wurde Annemarie angefragt ob sie seine Nachfolge übernehmen wolle. Ihre Eltern wohnten auch im Dorf und der Vater, ein ehemaliger Oberstufenlehrer freute sich sehr, als seine Tochter das Präsidium übernahm, hatte er doch massgeblich beim Aufbau des Museums mitgearbeitet.
Nach den Begrüssungsküsschen und einer innigen Umarmung sprudelte Claire los:
»Heute kann ich dir einmal eine tolle Nachricht überbringen. Gestern lud die Kirchenvorsteherschaft zu einem grossen Meeting. Wir bereiteten die Einweihungsfeierlichkeiten des neuen Kirchenzentrums vor. Ich habe dir ja erzählt, dass mir die Betreuung der VIPs zugetraut wird. Auch du gehörst als Vertreterin des Museums natürlich dazu. Ihr seid ja schliesslich unsere direkten Nachbarn. Es wird ein feiner Anlass. Du wirst zwischen dem Gemeindepräsidenten und unserem Finanzchef sitzen. Der hat seinen Platz natürlich neben mir!«
»Das passt mir ausgezeichnet und natürlich dir auch, denke ich?«
Die erfolgreiche Unternehmerin sagte dies mit einem leicht anzüglichen Lächeln. Der Finanzchef war ein gut aussehender Mann in den besten Jahren. Es hiess er sei verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern, aber man munkelte so dies und das über seine Ehe. Claire nickte kommentarlos und sprach weiter:
»Das Beste kommt jetzt. Auch ich habe hie und da eine Superidee, ist zwar noch streng geheim, aber der Name Zwinglisaal für unseren Mehrzwecksaal stammt von mir. Oh, haben wir das gestern gefeiert. Ich konnte ganz unmöglich alleine nach Hause gehen.«
»Was? Wer begleitete dich denn? Wohl der Säckelmeister! Du gibst ja wie immer Vollgas!«
»Ach woher, beim hinausgehen im Rössli schaute ich nur kurz in den Spiegel. Ich habe alles doppelt gesehen auch mich. Also war ich zu zweit!«
Die Frauen lachten herzhaft und wandten sich ihren Espressi zu. Zwanzig Minuten später war die Ortsmuseumspräsidentin wieder allein. Sie trat vor die weisse Lista Office Cube - Ablage suchte den Hinweis Museum und entnahm dem Fach den Ordner Fundus. Schnell fand sie das blaue Buch mit den Aufzeichnungen von Alphons. Sie murmelte:
»Habe ich mich doch richtig erinnert. Da hätten wir ja das ideale Geschenk für die Einweihung!«
Ihr in giftigem Grün lackierter, gerade gefeilter Fingernagel des linken Zeigefingers blieb beim Eintrag stehen:
Glasbild von Huldrych Zwingli, 18. oder 19. Jahrhundert, vielleicht auch älter, vermutlich aus einer Manufaktur in Zürich. Einziges bekanntes Exemplar.
Annemarie überbrachte am grossen Tag der Einweihung mit einer launigen Rede das Geschenk des Ortsmuseums an die reformierte Kirchgemeinde. Es war ein wunderschöner Sonntag im Spätsommer. Der feierliche, kurze und ökumenische Gottesdienst konnte bei strahlendem Sonnenschein im Freien durchgeführt werden. Lediglich der Gemeindepräsident und die Präsidentin der katholischen Kirchgemeinde beteiligten sich mit ihren Grussadressen nebst Annemarie an der Feier. Das hervorragende Bankett mit den offiziellen Gästen zog sich bis in den Nachmittag hinein. Claire, der das kurze Sommerkleid mit den Spaghettiträgern und dem raffinierten Ausschnitt hervorragend stand, hatte die Gäste mit Fingerspitzengefühl und Grips platziert. Annemarie konnte den Gemeindepräsidenten für eine Beitragserhöhung an das Ortsmuseum überzeugen. Die Chefin der Katholiken unterhielt sich glänzend mit dem holländischen, evangelischen Pfarrer. Im Gegenzug lachte der katholische Pfarrer auffallend oft, wenn seine Tischnachbarin, die junge Leiterin der Tagesstätte, lustige Erlebnisse mit ihren Kindern erzählte. Claire freute sich über die aufgeräumte Stimmung und den offensichtlichen Erfolg ihrer Sitzordnung ebenso, wie über die körperliche Nähe zum Finanzminister. An einer Vorstandssitzung vor einigen Monaten, an der sie berufshalber teilnehmen musste, hatte sich der Mann gewaltig für die Aufstockung ihres Pensums auf hundert Prozent eingesetzt. Ihr Antrag auf die Erhöhung ihres vierzig Prozent Pensums war nämlich sehr umstritten. Vor allem die Mitglieder des Zwinglianischen Bibelkreises fanden die Stelle völlig unnötig. Die attraktive Gemeindeschwester sei trotz der ausgewiesenen fachlichen Qualitäten eine Fehlbesetzung. Freiwillige Helferinnen und Helfer sollten nach ihrer Meinung diese Altersbetreuung im christlichen Sinne übernehmen. Franz war unbedingt auf die Unterstützung durch seine Ratskolleginnen und Kollegen angewiesen, um seine Idee der umfassenderen Betreuung der betagten Gemeindemitglieder umsetzen zu können. Dies gelang auch dank des engagierten Einsatzes des redegewohnten Finänzlers. Dank dem starken Votum für Claire, war ihr dieser sehr sympathisch geworden. Gerne hätte sie ihn etwas persönlicher kennen gelernt. Man munkelte im Dorf einiges über ihn und sie spielte ganz gerne mit dem Feuer. Seine versteckten Blicke auf ihr einladendes Dekolleté blieben ihr nicht unverborgen. Claire lächelte den Mann aufmunternd an:
»Ist halt noch immer sommerlich warm heute, nicht wahr?«
Er schenkte ihr einen tiefen, fast schmachtenden Blick und nickte stumm.
Im Verlaufe des Nachmittags zogen sich die Gäste zurück. Der Kirchenpräsident hatte auf drei Uhr zum Debriefing geladen. Er verabschiedete sich mit einem überschwänglichen Dankeschön und schloss:
»Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Einweihung unseres Zwinglisaals war viel schöner als ich es mir vorstellen konnte. Das ist euer aller Verdienst. Diese Feier ist nun zu Ende.«
Er wies mit der Hand auf den schweren, plumpen Bau, der durch die grossen Fenster des Zwinglisaales zu sehen war.
»Nochmals herzlichen Dank, wir treffen uns am Dienstag in einer Woche wieder zu unserer Schlusssitzung. Darf ich den Hausmeister und meine Sekretärin kurz zurückhalten?«
Die Angesprochenen blieben im Zwinglisaal. Die anderen drängten zum Ausgang. Niemand bemerkte die hin und her blitzenden Blicke zwischen Claire und dem Banker. Natürlich blieb auch das Herzklopfen, welches die beiden auf den Parkplatz begleitete, verborgen.
Im Zwinglisaal blickte der Präsident auf die administrative Mitarbeiterin Judith:
»Ist alles klar? Ich bin ja nächste Woche in den Ferien.«
Die Frau wollte auch nach Hause zu Mann und Kindern.
»Ja natürlich, du kannst dich auf mich verlassen!«
Er sprach den Hauswart an:
»Für dich auch? Du erledigst doch die Aufräumarbeiten wie abgemacht. Wenn du Hilfe brauchst, wende dich bitte an meinen Stellvertreter. Er ist über alles informiert. Aber nun die wichtigste Frage: Was machen wir mit DEM da?«
Er wies auf die Holzkiste vor dem Hauswart. Dieser, ein gelernter Schreiner, betrachtete schon die ganze Zeit die kunstvolle Schnitzarbeit. Seine Finger fuhren gedankenverloren über den Hahn, die Rosen und die vollen Rundungen der vier Eckdamen. Sofort liess er von den Frauen ab und öffnete das Holzetui.
»Der Zwingli muss unbedingt in ein Fenster gehängt werden. Der braucht Licht von hinten, sonst erkennt man die wunderschönen Farben ja gar nicht!«
Die Sekretariatsmitarbeiterin hob das Bild aus dem Kistchen und hielt es an eines der raumhohen Fenster.
»Und wie willst du das hier befestigen. Das sind dreifachverglaste, schalldämmende, Vakuum verschweisste Thermofenster. Schlag da mal einen Nagel rein! Ha, ha. Die Wände kannst du auch gleich vergessen. Das geht bei diesen modernen Materialien nicht so einfach.«
Der Präsident begriff, dass es mit dem Zwingli doch etwas komplizierter sein könnte. Er lenkte ein:
»Ach was, das überlegen wir uns später. Jetzt machen wir Schluss. Du hast bestimmt ein gutes Zwischenlager für unseren Reformator.«
Die Angesprochene nickte eifrig.
»Ja klar doch, dort im Wandschrank.«
Huldrych fand sich schnell in seinem Holzkästchen wieder und wurde in einem der Wandschränke verstaut, direkt neben der Schachtel mit dem Christbaumständer. Auch die drei wollten nur eines. Nach Hause.
So weit so gut. Hier könnte die Geschichte wiederum problemlos enden. Der Saal war erfolgreich eingeweiht. Für die reformierte Kirchgemeinde des grossen Dorfes, das sich so widerspenstig gegen den Titel Stadt sträubte, sah die Zukunft auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus. Die Ökumene war auf einem guten Weg, die Finanzen schienen zumindest ausgeglichen und der Vorstand war zu einem echten Team zusammengewachsen. Der weitere Verlauf der Amour fou der Gemeindeschwester wäre vielleicht schon interessant, geht aber wirklich nur die direkt Betroffenen etwas an.
Doch da haben wir das kleine Schmuckkästchen im grossen Wandkasten. Mit dem Huldrych Zwingli aus Glas drin und genau wegen diesem endet diese kleine Geschichte aus dem grossen Dorf, das sich durchaus auch Stadt nennen könnte, eben nicht hier. Sie geht weiter.
Die Tagesblätter fielen vom Kalender und auch bald färbten sich die Blätter der Bäume und schaukelten der Erde zu. Die ersten Anlässe und Sitzungen fanden im eingeweihten und getauften Saal statt. Das Kirchensekretariat stellte einen Belegungsplan auf und die verschiedenen kirchlichen Organisationen nutzten schnell und gerne den neuen Treffpunkt. Die Seniorinnen und Senioren der ökumenischen Altersferien fuhren mit dem Leiterteam für eine Woche an den Ägerisee. Zu diesem Team gehörte natürlich auch Claire. Der Kirchenpräsident verabschiedete die fröhliche Truppe vor dem Zwinglisaal und empfing sie eine Woche später wieder am gleichen Ort. Die Gruppen 60 - na und?, der Frauentreff und die Herren-Vereinigung Mann bleibt Mann, organisierten erfolgreich verschiedene Anlässe. Das im Volksmund scherzhaft als Ökumenen bezeichnete Team, welches die Weihnachtsfeier für Einsame und die Seniorenferien organisierte, konnte dank einem grosszügigen Legat einer Unternehmerwitwe den Mittagstisch für alle aufbauen. Ein geselliger Anlass, der bald jeden Mittwoch gegen hundertfünfzig Mitglieder der beiden Landeskirchen in den grossen Glattsaal lockte. Abwechselnd gestalteten die Pfarrer der beiden Kirchgemeinden die kurze Besinnung bevor die gut gefüllten Teller aufgetragen wurden. Kurz und gut. Das neue reformierte Kirchenzentrum mit dem Zwinglisaal und auch der bedeutend grössere Glattsaal der politischen Gemeinde erfreuten sich stetig steigender Beliebtheit.
Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen. Wieder wurde eine Sitzung der Vorsteherschaft geschlossen. Der Präsident hatte die Angewohnheit, nach der Sitzung Fragen mit einzelnen Kolleginnen und Kollegen zu klären. Kurze Gespräche, Anweisungen, Fragen, Termine regeln. Sein Ziel war stets die Gelegenheit zu nutzen, wenn die Leute gerade verfügbar waren. Heute war sein Stellvertreter an der Reihe. Leicht verunsichert blickte er gespannt auf seinen Chef.
»Kannst du an der Sitzung vom nächsten Mittwoch das ungefähre Budget für das neue Jahr präsentieren? Können wir uns eine halbe Stunde vor der Sitzung hier treffen, um es zu besprechen, bevor wir es unseren Kolleginnen und Kollegen vorstellen?«
Der Finanzverwalter atmete erleichtert auf. Kein Wort über seine Affäre mit Claire.
»Aber selbstverständlich Chef. Ich habe die Zahlen schon einigermassen zusammengestellt und muss allerdings nochmals über die Bücher, denn unsere Finanzlage sieht für mich völlig überraschend gar nicht so rosig aus.«
»Aber hallo jetzt! Wir gehen doch von einer positiven Rechnung aus, jetzt mit unseren neuen Einnahmequellen. Sollte ich mir Sorgen machen?«
»Wie gesagt, ich muss nochmals alles durchrechnen. Ich fürchte, dass ich etwas übersehen habe. Die Bauabrechnung stimmt irgendwie nicht mit dem Budget überein. Gib mir einige Tage, dann ist immer noch genügend Zeit für Sorgen. OK?«
Der Präsident der Kirchgemeinde und sein Stellvertreter verabschiedeten sich und gingen ihre grundverschiedenen Wege.
Sein Weg ins schmucke Einfamilienhaus im gepflegten Garten führte zwangsläufig am Bären vorbei. Eigentlich wäre das Rössli präsidialer gewesen. Dort trafen sich die Strippenzieher der Freisinnigen, schwärmten von den guten alten Zeiten und jammerten über den Niedergang ihrer liberalen Partei. Vor einer Woche hatte die Partei den Wahlkampf um das Schulratspräsidium des Dorfes verloren. Die Wunde schmerzte bitterlich. Dieses Gejammer wollte sich Franz ersparen. Franz ist zwar ein katholischer Name und Aussenstehende wunderten sich immer wieder über einen reformierten Kirchenpräsidenten mit dem Namen Franz. Seine Mutter konvertierte bei der Heirat mit dem Vater von Franz zum evangelischen Glauben und war, wie damals üblich, sogleich enterbt worden. Dieses Schicksal trug sie mit erstaunlicher Fassung. Sie stammte aus einer armen Stickerfamilie aus Appenzell Innerrhoden und zu erben gab es lediglich ein verlottertes Heimetli und einen giftigen Appenzeller Bläss. Auf die Enterbungsgeschichte angesprochen erwiderte sie jeweils trocken:
»Wenigstens liessen sie mich am Leben. In einem islamischen Land wäre ich mit Bestimmtheit öffentlich gesteinigt worden.«
Doch mit dem Namen Franz für den Zweitgeborenen wollte sie trotzdem an ihre fröhliche katholische Jugend erinnern. Dem Baby Fränzli waren die nostalgischen Gefühle seiner Mutter gleichgültig, der Präsident Franz hingegen wünschte sich hie und da, er würde Peter, Paul oder Johannes gerufen.
Vor dem Bären stand der neue grüne John Deere seines Schulkollegen, dem Bauer vom Aubodenhof. Er dachte;
Ein Quöllfrisch nach der Sitzung kann nicht verkehrt sein. Meine Frau hat sicher Aufgaben ihrer Schüler zu korrigieren.
Nach dem kühlen Trunk war Franz schlauer und in noch besserer Stimmung. Der Hof des Schulkollegen lag am Zufahrtsweg zum hinteren Auboden. Jenes abgelegene Bauernhaus, das der Finanzchef vor sieben Jahren der Kirchgemeinde abgekauft hatte. Eines der ersten Geschäfte, das Franz als Kirchenpräsident abschloss. Die Gemeinde brauchte auch damals viel Geld. Die Renovation der wundervollen, kleinen Kirche im Weiler Unterglatt kostete deutlich mehr als vorgesehen. Das Loch in der Kasse war gross. Da kam das Angebot des finanzstarken Bankers aus Zürich, die Liegenschaft zu übernehmen, gerade recht. Nur der Bauer vom Aubodenhof, eben sein Schulkollege, war zusammen mit Tobias Fink, dem Ortsbürgerpräsidenten gegen das Geschäft. Der Bauer wollte den Hof für sich, konnte aber die siebenhunderttausend Franken auf keine Art und Weise aufbringen. Tobias hingegen passte die aalglatte Art des Kaufinteressenten nicht. Der Manager aus der Wirtschaftsmetropole renovierte die Liegenschaft aufwändig. Dazu gehörte der Bau eines kleinen Hallenbades in einem verglasten Wintergarten samt Whirlpool im Freien, einer grosszügigen Solaranlage und der Einbau von drei Garagen in die ehemalige Scheune. Der Kirchpräsident war noch immer stolz auf seine Superidee, dem Kauf nur zuzustimmen, wenn der Bänker im Gegenzug das Finanzdepartement der Kirchgemeinde übernehmen würde. Der Zürcher war sofort einverstanden und so erhielt die Kirchgemeinde den ausgewiesensten Finänzler, der je die Kassenbücher führte. Das Privatleben des Yuppie Ehepaares interessierte Franz nicht. Er hörte zwar von den Gerüchten, dass die Frau oft während Wochen nicht zu Hause sei. Die Kinder hatte im Dorf nie jemand zu Gesicht gekommen. Sie studieren eben in den USA, hiess es. Der Finanzverwalter der reformierten Kirchgemeinde des grossen Dorfes jedenfalls machte seine Arbeit hervorragend und war für Franz immer erreichbar. Das genügte ihm vollauf.
Im Bären hatte ihm der Bauer gesagt, er sei nun auch zufrieden, so wie es gekommen sei. Sein neuer Nachbar störe ihn überhaupt nicht und habe sogar das Strässchen von der Hauptstrasse bis zum hinteren Auboden auf seine Rechnung asphaltieren lassen. Das nütze auch ihm sehr. Doch den ausgedehnten Wald auf den Hügeln hinter der Liegenschaft des Zürchers gelegen, den Aubodenwald, der sich im Besitze der Kirchgemeinde befand, den würde er schon gerne kaufen. Er meinte, dass man sich über den Preis bestimmt einigen könnte. Das freute Franz enorm. Hatte er nicht gerade wieder einmal von aufziehenden, von dunklen Wolken über dem kirchlichen Finanzhimmel gehört? Den Wert des Waldes kannte er zwar nicht, aber so um eine halbe Million müsste doch bestimmt zu lösen sein. Das Angebot des Aubodenbauers würde somit auch den Finänzler freuen. Franz nahm sich vor, demnächst einmal den Wald genau zu besichtigen. Er war sehr gewissenhaft und wusste gerne, um was es bei den kirchlichen Finanzgeschäften ging.
Dass Franz überhaupt der Präsident der Kirchgemeinde war, hatte weniger mit seiner religiösen Grundhaltung zu tun. Seine Frau spielte im Kammerorchester Cello. Seit der Gründung des Orchesters fanden die Proben in der Unterglättler Kirche statt. Von einer dieser Proben kam seine Frau vor acht Jahren ganz aufgeregt nach Hause.
»Sie brauchen einen neuen Kirchenpräsidenten. Das wäre doch etwas für dich. Du wirst doch wegen deiner Krankheit vorzeitig pensioniert. Das Amt ist ein zwanzig Prozent Job. Zusammen mit der Rente, welche sie dir angeboten haben würden wir, äh du, ja mehr verdienen als heute!«
»Ja meinst du ich könnte das. Ich gehe ja nie in die Kirche und die beiden ausländischen Pfarrer sollen ganz schwierige Gesellen sein. Zudem ist da der erzkonservative Zwinglianische Bibelkreis, der zu allen Geschäften des Rates seinen Senf dazu gibt und immer etwas zu meckern hat. Ich weiss nicht...«
Seine Frau wurde energisch:
»Ach komm, du kannst das mindestens so gut wie alle, die das Amt je innehatten. So wie du die schwierigen Instrumente im Jumbojet im Griff hattest, so wirst du bestimmt auch die speziellen Typen in der Kirche unter deine Kontrolle bekommen. Sei kein Frosch und melde dich!«
Franz war einer der letzten Bordingenieure der Swissair auf dem Jumbojet gewesen. Im Zuge der Reduktion auf die Zweimannbesatzungen, bot ihm die Airline die Umschulung zum Piloten an. Doch als er nach zwei Jahren Copilot auf den Sitz des Flugkapitäns wechseln sollte, war er der Belastung nicht gewachsen und bekam den ersten Pilotenburnout der Swissair. Es war auch gleichzeitig der Letzte, denn kurz nach seiner Erkrankung brannte die Swissair selbst finanziell aus und musste ihre Flugzeugflotte grounden. Dies geschah genau drei Tage nachdem Franz in die vorzeitige Pension gegangen war. Seither war Franz unter dem Beinamen der Glückliche in den alten Swissairkreisen wohlbekannt.
Er tat wie ihm seine Frau geraten hatte, und die Sache kam gut. Alle Gäste waren einstimmig der Meinung:
Da haben die Reformierten Glück gehabt, als sie dich in dieses Amt hievten. Du machst deine Sache ausgezeichnet.
Darauf hin hatte Franz eine weitere Runde spendiert und sich verabschiedet. In seinem Zuhause angekommen stellte er überrascht fest, dass seine Frau nicht wie angenommen Schülerarbeiten korrigierte. Sie wartete ungeduldig auf ihn und kam ihm mit rotem Kopf entgegen, schlang ihre Arme um sein Genick, küsste ihn und war richtiggehend aus dem Häuschen.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wer gerade angerufen hat!«
Tatsächlich sah er bei genauerer Betrachtung, dass ihr rechtes Ohr ganz verkrugelt und rot war.
»Nein, wie auch? Es war aber offensichtlich ein langes Gespräch.«
»Wirklich, in der Tat! Ein sehr langes. Unsere Schwiegertochter in St. Gallen ist wieder schwanger und hat mich gefragt, ob wir nicht die Buben für ein paar Tage nehmen könnten. Es sei ihr oft grauenhaft übel. Morgen früh kannst du deine Enkelkinder holen.«
Diese Nachricht erfüllte das Ehepaar mit unbändiger Vorfreude.
Die Ökumenen, so wurde das ökumenische Team um die Leiterin Maria, von vielen Protestanten und Katholiken liebevoll genannt, traf sich am Mittwoch zur Vorbereitungssitzung: Weihnachten - gemeinsam statt einsam im Zwinglisaal. Es war die gleiche Gruppe, welche für die Seniorenferien im Sommer und den Mittagstisch für alle verantwortlich zeichnete. Das Leiterteam bestand aus Maria und ihrem Mann, Claire, Evi und dem Ehepaar Rebecca und Tobias Fink. Die Organisation der Weihnachtsfeier war für die eingespielte Truppe keine grosse Sache. Die einzelnen Punkte wurden diskutiert. Beim Traktandum Christbaum meinte Rebecca:
»Ich möchte sicher sein, dass der holländische Pfarrer den Christbaumständer wieder zurückgebracht hat. Ihr erinnert euch an das Theater vor einem Jahr.«
Alle lachten und Rebecca überprüfte gewissenhaft den Schrank und fand das wichtige Teil am richtigen Ort.
»He, was ist denn das?«
Sie zog das schmucke Holzetui in dem der gläserne Huldrych gezwungenermassen ruhte, hervor und brachte ihn zum Besprechungstisch. Zwingli wurde aus seinem Verlies gehoben und gebührend bestaunt. Claire kannte die Geschichte von Annemarie und wusste auch, dass nach der Einweihungsfeier des Zwinglisaales kein geeigneter Platz für ihn gefunden werden konnte. Deshalb sei der Reformator neben dem Christbaumständer zwischengelagert worden.
»So geht das aber gar nicht!«
Tobias war sichtlich enttäuscht.
»Da bekommen wir ein so spezielles Geschenk und versorgen es im Geschirrschrank. Ein Skandal. Hoffentlich hat dies Annemarie vom Museum nicht erfahren.«
Claire wusste natürlich, dass sich ihre Freundin keine grossen Gedanken über ihr Präsent machte. Sie weilte vorübergehend in ihrer grossen Zweitwohnung in Zürich um einen ganz besonderen Immobilienhandel erfolgreich abzuschliessen. Die Diskussion über den verschmähten Zwingli war noch voll im Gange, als Franz den Saal betrat. Er wollte seine Sitzung, die in einer Stunde beginnen sollte, vorbereiten.
»Au Entschuldigung! Ich will nicht stören, habe gar nicht auf den Belegungsplan geschaut. Sorry, ich verschwinde wieder!«
Tobias widersprach:
»Nein Franz, du kommst genau zur rechten Zeit! Wir sind mit unserer Besprechung fertig und wollten gerade gehen. Doch der da...«
Er nahm seiner Frau den Zwingli aus der Hand und hob ihn hoch.
»...hat uns am Gehen gehindert. Der gute Zwingli braucht doch einen würdigen Ehrenplatz. Was meinst du?«
Der Kirchenpräsident murmelte etwas von:
»Ist halt technisch nicht gut möglich, das Bild vor ein Fenster zu hängen. Das Kunstwerk braucht aber Licht, damit es richtig zur Geltung kommt!«
Tobias erhob sich, noch immer mit dem Zwingli in den Händen und stellte das Glasbild auf das Einbaumöbel in einer Raumecke. Im Schrank waren die Installationen für die Raumtechnik, Verstärkeranlage, Videobeamer usw. untergebracht.
»Da gehört er hin! Da hat der gute Mann die Übersicht und wird von allen Seiten gut gesehen. Nicht wahr?«
Die Ökumenen waren begeistert:
»Genau da gehört er hin. Aber beleuchtet muss er sein. Von innen her, ist doch klar!«
Franz staunte. Dieser Vorschlag kam von der katholischen Evi, der Lehrerin. Sie fuhr weiter:
»Mein Sohn ist doch Elektriker. Soll ich den Zwingli mitnehmen und eine stilvolle Beleuchtung für ihn organisieren. Das wird die Kirchgemeinde nicht viel kosten. Wenn du meinem Ältesten eine Pizza im Restaurant Post spendierst, bringt er den Zwingli bestimmt zum strahlen. Was meinst du, Franz?«
Franz fand die Idee super. Macht seines Amtes als Präsident der reformierten Kirchgemeinde eines grossen Dorfes, das sich erfolgreich weigerte eine Stadt zu sein, sprach er:
»Wirklich grossartig, Evi. Ich danke Dir, es wäre ja schön wenn ihr an der Weihnachtsfeier für die Einsamen den Zwingli richtig willkommen heissen könntet.«
Die Ökumenen überliessen den Schauplatz den Ökonomen und zogen mit ihrer Trophäe fröhlich davon. Für Franz wurde die Sitzung schwierig. Der Finänzler erklärte vorgängig, dass für ihn völlig überraschend die endgültige Bauabrechnung für das neue Zentrum um einige hunderttausend Franken höher als budgetiert ausfalle. Den Grund für die unerhörte Kostenüberschreitung kenne er erst nach einer Aussprache mit seinem Amtskollegen bei der politischen Gemeinde. Sie müssten ja die Kosten gegenseitig aufschlüsseln. Das sei eine komplizierte Angelegenheit. Auch die Kasse der Kantonalkirche solle leer sein. Deshalb gehe das Gerücht um, die Subventionen vom Kanton könnten ab sofort gestrichen werden. Zudem sei jetzt sicher, dass der Glockenstuhl in der jubilierenden Kirche dringend saniert werden müsse. Das vom Holzwurm befallene Gebälk drohe, der Last nicht mehr Stand zu halten. Die Glocken könnten bald einmal abstürzen und das hätte weitaus schlimmere Folgen als der Seilriss vor hundert Jahren. Eine erste provisorische Schätzung gehe jedenfalls von einigen hunderttausend Franken für die Instandsetzung aus.
Die dunklen Wolken am Finanzhimmel kamen für Franz wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er machte sich Sorgen. Zu viele finanzielle Aufgaben standen für die Kirchgemeinde an. Der Unterhalt der grossen Kirche beim Haus zu den zwei Linden und der kleineren in Unterglatt verschlang hohe Summen. Die Lohnkosten waren in den letzten Jahren nicht geringer geworden. Die Aufgaben der Kirchgemeinde stiegen laufend. Auf der anderen Seite nahmen die Steuereingänge stetig ab. Um dies zu kompensieren müsste der Steuerfuss um einige Prozente angehoben werden. Oder es könnten einmalige Einkünfte durch den Verkauf von weiteren Liegenschaften erzielt werden. Die Kirchgemeinde besass nebst dem bereits erwähnten Wald im hinteren Auboden, zwei Pfarrhäuser, das Haus zur Buche und eben die beiden umfangreichen Kirchenliegenschaften. Nicht mehr viele Reserven, überlegte sich Franz. An der Sitzung erwähnte er lediglich, dass sich die Finanzen nicht wunschgemäss entwickeln und erteilte deshalb seinen Kolleginnen und Kollegen den Auftrag, im Hinblick auf das Budget die ganze Organisation rigoros nach Einsparungsmöglichkeiten zu durchforschen. Neue Einnahmequellen seien heiss willkommen, fügte der Präsident an. Der Bauverwalter solle sich bitte genau über die notwendigen Sicherungsarbeiten für den Glockenstuhl informieren. Vom Angebot des Aubodenbauers erwähnte er nichts. Das sollte sein Triumph werden. Er schloss mit dem Hinweis, dass die schwierige Finanzlage das einzige Thema an der ersten Sitzung im neuen Jahr sein werde. Bis dahin lägen die verbindlichen Abrechnungen des laufenden Jahres vor und man habe klare Fakten. Der Kirchgemeindeversammlung im Frühjahr müsse wenn immer möglich, ein ausgeglichenes Budget vorgelegt werden.
Nach dem gewohnten, geselligen Umtrunk im Rössli machte er sich gedankenschwer durch den Herbstnebel auf den Heimweg. Der einzige Lichtblick des Tages war nach genauer Betrachtung nur die brillante Idee, den Zwingli beleuchtet zu platzieren. Sein Vorschlag, den Namensspender des Saales an Weihnachten einzuweihen gefiel ihm ausnehmend gut. Er freute sich schon jetzt auf das verdutzte Gesicht des holländischen Pfarrers. Hie und da hatte Franz nämlich das Gefühl, jener sehe sich als der direkte Nachfolger von Calvin oder Luther und letzt genannter galt bekanntlich nicht gerade als Zwinglis Freund.
