Glennkill - Leonie Swann - E-Book
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Glennkill E-Book

Leonie Swann

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Beschreibung

Im beschaulichen Glennkill liest der Schäfer George Glenn Abend für Abend seiner Herde Geschichten vor – auch mal einen Krimi. Als er dann selbst leblos im irischen Gras liegt, einen Spaten in der Brust, wissen die Schafe: Das war Mord. Aber wer hat den alten Schäfer umgebracht? Was war das Motiv? Und wie findet man einen Mörder? Entschlossen suchen die Schafe nach Hinweisen, allen voran Miss Maple, das klügste Schaf der Herde (und vielleicht auch weit und breit). Zum Glück können sie sich von den vielen Geschichten inspirieren lassen, die sie über die Jahre zu hören bekommen haben. Zwischen Dorfkirche und Schäferwagen erwarten sie unzählige Rätsel, die sich nur mit einer Menge Scharf- und Schafssinn lüften lassen – dem Täter stets auf der Spur. Und so nähert sich die Herde Schritt für Schritt, Huf für Huf, den Geheimnissen und Eigenarten der Menschenwelt …

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Im beschaulichen Glennkill liest der Schäfer George Glenn Abend für Abend seiner Herde Geschichten vor – auch mal einen Krimi. Als er dann selbst leblos im irischen Gras liegt, einen Spaten in der Brust, wissen die Schafe: Das war Mord. Aber wer hat den alten Schäfer umgebracht? Was war das Motiv? Und wie findet man einen Mörder? Entschlossen suchen die Schafe nach Hinweisen, allen voran Miss Maple, das klügste Schaf der Herde (und vielleicht auch weit und breit). Zum Glück können sie sich von den vielen Geschichten inspirieren lassen, die sie über die Jahre zu hören bekommen haben. Zwischen Dorfkirche und Schäferwagen erwarten sie unzählige Rätsel, die sich nur mit einer Menge Scharf- und Schafssinn lösen lassen – dem Täter stets auf der Spur.

© Andrea Artz Photography

Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Sie studierte Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft in München. Mit ihren ersten beiden Romanen ›Glennkill‹ und ›Garou‹ gelang ihr auf Anhieb ein sensationeller Erfolg: Beide Bücher standen monatelang auf den Bestsellerlisten, auch international wurden sie zu Bestsellern. ›Glennkill‹ wurde in 25 Sprachen übersetzt und in einer internationalen Produktion mit Starbesetzung fürs Kino verfilmt. Zuletzt erschien ›Widdersehen‹ (2026) bei DuMont. Leonie Swann lebt bei Cambridge.

Leonie Swann

GLENNKILL

Ein Schafskrimi

Von Leonie Swann sind bei DuMont außerdem erschienen:

Garou

Widdersehen

E-Book 2026

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten.

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Copyright © 2005 Leonie Swann

© 2026 DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: Alexandra Junge, vertreten durch Peretti Literarische Agentur, Köln

E-Book-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1209-8

www.dumont-buchverlag.de

 

Für M.,

ohne den es nie herausgekommen wäre.

 

Dramatis Oves

in der Reihenfolge ihres Auftretens

MAUDE

kann gut riechen und ist stolz darauf

SIR RITCHFIELD

der Leitwidder – nicht mehr der Jüngste, mit nachlassendem Gehör und schlechtem Gedächtnis, aber noch guten Augen

MISS MAPLE

ist das klügste Schaf der Herde, vielleicht das klügste Schaf von Glennkill und möglicherweise sogar das klügste Schaf der Welt. Neugierig, hartnäckig, fühlt sich manchmal verantwortlich

HEIDE

ist ein lebhaftes Jungschaf, das nicht immer nachdenkt, bevor es redet

CLOUD

ist das wolligste Schaf der Herde

MOPPLE THE WHALE

ist das Gedächtnisschaf: Was er sich einmal gemerkt hat, vergisst er nie. Ein sehr dicker Merinowidder mit runden, geschneckten Hörnern, der praktisch immer Hunger hat

OTHELLO

ein schwarzer Hebridean-Vierhornwidder mit geheimnisvoller Vergangenheit

ZORA

ist ein abgründiges, schwarzköpfiges Schaf und in Georges Herde das einzige weibliche Schaf mit Hörnern

RAMSES

ein junger Widder mit noch ziemlich kurzen Hörnern

LANE

ist das schnellste Schaf der Herde und denkt praktisch

SARA

ein Mutterschaf

EIN LAMM

hat etwas gesehen

MELMOTH

Ritchfields Zwillingsbruder, ein legendärer verschwundener Widder

CORDELIA

mag merkwürdige Wörter

MAISIE

ein naives Jungschaf

DAS WINTERLAMM

ein schwieriger Unruhestifter

WILLOW

ist das zweitschweigsamste Schaf der Herde, und niemand bedauert das

GABRIELS WIDDER

ist ein sehr seltsames Schaf

FOSCO

hält sich für klug, und das mit Recht

 

The trail wound here and there

as the sheep had willed in the making of it.

Stephen Crane, Tales of Adventure

1

Othello weidet kühn vorbei

Gestern war er noch gesund«, sagte Maude. Ihre Ohren zuckten nervös.

»Das sagt gar nichts«, entgegnete Sir Ritchfield, der älteste Widder der Herde, »er ist ja nicht an einer Krankheit gestorben. Spaten sind keine Krankheit.«

Der Schäfer lag neben dem Heuschuppen unweit des Feldweges im grünen irischen Gras und rührte sich nicht. Eine einzelne Krähe hatte sich auf seinem wollenen Norwegerpullover niedergelassen und äugte mit professionellem Interesse in sein Innenleben. Neben ihm saß ein sehr zufriedenes Kaninchen. Etwas entfernter, nahe der Steilküste, tagte die Konferenz der Schafe.

Sie hatten Ruhe bewahrt, als sie ihren Schäfer an diesem Morgen so ungewohnt kalt und leblos vorgefunden hatten, und sie waren sehr stolz darauf. Natürlich hatte es im ersten Schrecken ein paar unüberlegte Rufe gegeben: »Wer bringt uns jetzt Heu?« etwa, oder »Ein Wolf! Ein Wolf!« Aber Miss Maple hatte schnell dafür gesorgt, dass keine Panik ausbrach. Sie erklärte, dass mitten im Sommer auf der grünsten und fettesten Weide Irlands sowieso nur Dummköpfe Heu fressen würden und dass selbst die raffiniertesten Wölfe ihren Opfern keinen Spaten durch den Leib jagten. Und ein solches Gerät ragte ganz zweifellos aus den morgenfeuchten Innereien des Schäfers.

Miss Maple war das klügste Schaf von ganz Glennkill. Manche behaupteten sogar, sie sei das klügste Schaf der Welt. Doch niemand konnte das nachweisen. Es gab zwar einen jährlichen Smartest-Sheep-of-Glennkill-Contest, doch Maples außerordentliche Intelligenz erwies sich gerade darin, dass sie an solchen Wettbewerben nicht teilnahm. Der Gewinner verbrachte nach seiner Krönung mit einem Kranz aus Klee (den er anschließend fressen durfte) mehrere Tage auf einer Tournee durch die Pubs der angrenzenden Orte. Dort musste er immer wieder das Kunststück aufführen, das ihm irrtümlich seinen Titel eingebracht hatte, blinzelte in den Tabaksqualm, bis ihm die Augen tränten, und wurde von den Menschen so lange mit Guinness abgefüllt, bis er nicht mehr richtig stehen konnte. Außerdem machte ihn von da an sein Schäfer für jeden Schabernack verantwortlich, der auf der Weide geschah: Der Schlauste war immer der Hauptverdächtige.

George Glenn würde nie wieder ein Schaf für etwas verantwortlich machen. Er lag aufgepfählt nahe des Feldwegs, und seine Schafe beratschlagten, was nun zu tun sei. Sie standen zwischen dem wasserblauen Himmel und dem himmelblauen Meer an der Steilküste, wo man das Blut nicht riechen konnte, und fühlten sich verantwortlich.

»Er war kein besonders guter Schäfer«, sagte Heide, die noch fast ein Lamm war und die nicht vergessen konnte, dass George nach dem Winter ihren stattlichen Lämmerschwanz kupiert hatte.

»Genau!« Das war Cloud, das wolligste und prächtigste Schaf, das man sich vorstellen konnte. »Er hat unsere Arbeit nicht geschätzt. Die norwegischen Schafe machen es besser! Die norwegischen Schafe haben mehr Wolle! Er hat sich Pullover von fremden Schafen aus Norwegen schicken lassen – eine Schande, welcher andere Schäfer hätte seine Herde so gekränkt!«

Es entspann sich eine längere Diskussion zwischen Heide, Cloud und Mopple the Whale. Mopple the Whale bestand darauf, dass die Güte eines Schäfers sich schließlich an Futtermenge und -qualität erweisen würde und dass es hier nichts, aber auch gar nichts gegen George Glenn zu sagen gäbe. Schließlich einigte man sich darauf, dass der ein guter Schäfer sei, der niemals den Lämmern die Schwänze kupiert, keinen Schäferhund einstellt, Futter in Hülle und Fülle verabreicht, vor allem Brot und Zucker, aber auch gesunde Sachen wie Kräuter, Kraftfutter und Rüben (ja, sie waren alle sehr vernünftig), und sich ganz und gar in die Produkte seiner eigenen Herde kleidet, etwa mit einem Ganzkörperfell aus gesponnener Schafswolle. Das würde dann sehr schön aussehen, beinahe so, als sei er auch ein Schaf. Natürlich war allen klar, dass ein solch vollkommenes Wesen auf der ganzen Welt nicht zu finden war. Aber ein schöner Gedanke war es trotzdem. Man seufzte ein bisschen und wollte dann wieder auseinandergehen, hochzufrieden damit, alle offenen Fragen geklärt zu haben.

Doch bisher hatte sich Miss Maple noch nicht an der Diskussion beteiligt. Jetzt sagte sie: »Wollt ihr denn gar nicht wissen, woran er gestorben ist?«

Sir Ritchfield sah sie erstaunt an. »Er ist an dem Spaten gestorben. Du hättest das auch nicht überlebt, so ein schweres Eisending mitten durch den Leib. Kein Wunder, dass er tot ist.« Ritchfield schauderte ein bisschen.

»Und woher der Spaten?«

»Jemand hat ihn hineingesteckt.« Für Sir Ritchfield war die Sache damit erledigt, aber Othello, das einzige schwarze Schaf der Herde, begann auf einmal, sich für das Problem zu interessieren.

»Nur ein Mensch kommt infrage – oder ein sehr großer Affe.« Othello hatte eine bewegte Jugend im Zoo von Dublin verbracht und versäumte es nie, bei Gelegenheit darauf anzuspielen.

»Ein Mensch.« Maple nickte zufrieden. Die Zahl der Verdächtigen ging rapide zurück. »Ich denke, wir sollten herausfinden, was das für ein Mensch war. Das sind wir dem alten George schuldig. Wenn ein wilder Hund eines unserer Lämmer gerissen hatte, versuchte er auch immer, den Schuldigen zu finden. Außerdem gehörte er uns. Er war unser Schäfer. Keiner hatte das Recht, einen Spaten in ihn zu stecken. Das ist Wolferei, das ist Mord!«

Jetzt waren die Schafe doch erschrocken. Auch der Wind hatte gedreht, und der frische Blutgeruch zog in feinen, aber deutlich wahrnehmbaren Witterungsfäden Richtung Meer.

»Und wenn wir den Spatenstecker gefunden haben?«, fragte Heide nervös. »Was dann?«

»Gerechtigkeit!«, blökte Othello.

»Gerechtigkeit!«, blökten die anderen Schafe. Damit war es beschlossene Sache, dass die Schafe von George Glenn den gemeinen Mord an ihrem einzigen Schäfer aufklären würden.

*

Zuerst ging Miss Maple die Leiche besichtigen. Gerne tat sie es nicht. In der irischen Sommersonne hatte George schon begonnen, einen Verwesungsgeruch auszuströmen, der ausreichte, um jedem Schaf einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Anfangs umkreiste sie den Schäfer in respektvollem Abstand.

Die Krähe krächzte missbilligend und flatterte auf schwarzen Flügeln davon. Maple wagte sich näher heran, betrachtete den Spaten, schnupperte an Kleidern und Gesicht. Schließlich – die in sicherer Entfernung zusammengeballte Herde hielt den Atem an – steckte sie sogar ihre Schnauze in die Wunde und wühlte darin herum. Zumindest sah es von Weitem danach aus. Mit blutiger Nase kehrte sie zu den anderen zurück.

»Und?«, fragte Mopple, der die Spannung nicht mehr aushielt.

Mopple hielt Spannung nie besonders lange aus.

»Er ist tot«, antwortete Miss Maple. Mehr schien sie im Augenblick nicht sagen zu wollen. Dann blickte sie in Richtung Feldweg.

»Wir müssen bereit sein. Früher oder später werden Menschen hierherkommen. Wir müssen beobachten, was sie tun, aufpassen, was sie erzählen. Und wir sollten nicht so verdächtig herumstehen, alle auf einem Haufen. Wir sollten uns natürlich benehmen.«

»Aber wir benehmen uns doch natürlich«, wandte Maude ein. »George ist tot und ermordet. Sollen wir etwa in seiner Nähe weiden, dort, wo das Gras noch mit Blut bespritzt ist?«

»Ja. Genau das sollten wir tun.« Othello trat schwarz und entschlossen zwischen ihnen hervor. Er verengte die Nüstern, als er die entsetzten Gesichter der anderen sah. »Keine Angst, ich werde es tun. Ich habe meine Jugend neben dem Raubtiergehege verbracht, ein bisschen mehr Blut wird mich nicht umbringen.« In diesem Augenblick dachte Heide, dass Othello ein ganz besonders verwegener Widder sei, und beschloss, zukünftig häufiger in seiner Nähe zu grasen – selbstverständlich erst, wenn George verschwunden war und ein frischer Sommerregen die Wiese reingewaschen hatte.

Miss Maple verteilte die Wachen. Sir Ritchfield, der trotz seines Alters noch gute Augen hatte, postierte sie auf dem Hügel.

Von dort konnte man über die Hecken hinweg bis zur Asphaltstraße sehen. Mopple the Whale hatte schlechte Augen, aber ein gutes Gedächtnis. Er stand neben Ritchfield und sollte sich alles merken, was dieser beobachtete. Heide und Cloud überwachten den Fußpfad, der quer über ihre Wiese führte: Heide bezog Posten am Tor Richtung Dorf, Cloud dort, wo der Weg in einer Senke verschwand. Zora, ein schwarzköpfiges Schaf ohne Höhenangst, stellte sich auf einen schmalen Felsvorsprung an den Steilklippen und beobachtete von dort aus den Strand. Zora behauptete, dass es unter ihren Vorfahren ein wildes Bergschaf gegeben hatte, und wenn man sah, wie sorglos sie sich über dem Abgrund bewegte, konnte man es beinahe glauben.

Othello verschwand im Schatten des Dolmengrabes unweit der Stelle, wo der Spaten George auf den Boden pinnte. Von dort konnte er bei Bedarf jederzeit unauffällig hervorweiden. Miss Maple nahm nicht an der Beobachtung teil. Sie blieb am Wassertrog stehen und versuchte, sich die Blutspuren von der Nase zu waschen.

Der Rest verhielt sich natürlich.

*

Wenig später kam Tom O’Malley, nicht mehr ganz nüchtern, den Fußweg von Golagh nach Glennkill entlang, um auch dem hiesigen Pub einen Besuch abzustatten. Die frische Luft tat ihm gut, das Grün, das Blau. Möwen jagten sich kreischend ihre Beute ab, so schnell, dass ihm davon schwindlig wurde. Georges Schafe grasten friedlich vor der herrlichen Aussicht. Malerisch. Wie aus einem Prospekt. Ein Schaf hatte sich besonders weit vorgewagt und thronte wie ein kleiner weißer Löwe direkt am Abhang. Wie war es da wohl hingekommen?

»He, Schäfchen«, sagte Tom, »fall da bloß nicht runter. Wäre doch schade, wenn so ein Hübsches wie du abstürzen würde.«

Das Schaf sah ihn verächtlich an, und auf einmal kam er sich blöd vor. Blöd und besoffen. Aber damit war jetzt Schluss. Er würde es zu etwas bringen. In der Tourismusbranche. Im Tourismus lag die Zukunft von Glennkill. Er musste das gleich mit den Jungs im Pub besprechen.

Vorher wollte er sich nur noch schnell den prächtigen schwarzen Widder näher ansehen. Vier Hörner. Wirklich ungewöhnlich. Georges Schafe waren schon etwas Besonderes.

Der Schwarze ließ ihn aber nicht nahe genug herankommen, sondern wich mühelos seiner Hand aus, ohne sich dabei viel zu bewegen.

Dann sah Tom den Spaten.

Ein guter Spaten. So einen hätte er auch gebrauchen können. Und niemand da, dem er zu gehören schien. Er beschloss, ihn zukünftig als seinen Spaten zu betrachten. Jetzt wollte er ihn unter dem Dolmen verstecken, und nachts würde er wiederkommen und ihn holen. Der Gedanke, nachts an den Dolmen zu gehen, gefiel ihm nicht besonders. Man erzählte sich Geschichten. Aber er war ein moderner Mensch, und das war ein ausgezeichneter Spaten. Als er seine Hand um den Griff legte, stieß sein Fuß gegen etwas Weiches.

An diesem Nachmittag hörte man Tom O’Malley im Mad Boar zum ersten Mal seit langer Zeit wieder aufmerksam zu.

*

Bald darauf sah Heide ein kleines Grüppchen Menschen im Laufschritt den Weg aus dem Dorf heraufkommen. Sie blökte kurz, lang, nochmals kurz, und Othello tauchte etwas unwillig unter dem Dolmengrab auf.

Voran ging ein spinnendünner Mann, den die Schafe nicht kannten. Sie betrachteten ihn aufmerksam. Der Anführer ist immer wichtig.

Hinter ihm kam der Metzger. Die Schafe hielten den Atem an. Der Metzger war fürchterlich. Allein sein Geruch reichte aus, um jedem Schaf die Knie zittrig zu machen. Der Metzger roch nach qualvollem Tod. Nach Schreien, Schmerz und Blut. Sogar die Hunde hatten Angst vor ihm.

Die Schafe hassten den Metzger. Und sie liebten Gabriel, der dicht hinter ihm ging, ein kleiner Mann mit struppigem Bart und Schlapphut, der seine Schritte schnell setzte, um von dem Fleischberg vor ihm nicht abgehängt zu werden. Sie wussten, warum sie den Metzger hassten. Warum sie Gabriel liebten, wussten sie nicht. Er war einfach unwiderstehlich. Seine Hunde führten die fantastischsten Kunststücke auf. Jedes Jahr gewann er den großen Hütewettbewerb in Gorey. Die Menschen hatten großen Respekt vor ihm. Es hieß, er könne mit den Tieren sprechen, doch das stimmte nicht. Die Schafe zumindest verstanden nichts von Gabriels gälischem Gemurmel. Aber sie fühlten sich berührt, geschmeichelt und zuletzt verführt und trabten vertrauensvoll in seine Nähe, wenn er auf dem Feldweg an ihrer Weide vorbeilief.

Jetzt hatten die Menschen die Leiche fast erreicht. Die Mutigeren unter den Schafen vergaßen für einen Augenblick, natürlich auszusehen, und reckten gespannt die Hälse. Einige Lämmersprünge vor George blieb der dünne Anführer wie angewurzelt stehen. Seine lange Gestalt schwankte einen Moment wie ein Zweig im Wind, doch seine Augen waren starr wie Nadeln auf den Punkt geheftet, an dem der Spaten Georges Eingeweide verließ.

Auch Gabriel und der Metzger blieben in einiger Entfernung von der Leiche stehen. Der Metzger blickte einen Moment lang zu Boden. Gabriel nahm die Hände aus den Hosentaschen. Nun riss der Dürre seine Augen von George los und fischte sich mit einer halbherzigen Geste die Mütze vom Kopf. Der Metzger sagte etwas. Seine fleischigen Hände waren zu Fäusten geballt.

Othello weidete kühn vorbei.

Dann hatte es, schnaufend und prustend, mit knallrotem Gesicht und wirren roten Haaren, auch Lilly den Fußpfad hinaufgeschafft, und mit ihr eine Wolke von künstlichem Fliederduft. Als sie George sah, stieß sie einen kleinen, spitzen Schrei aus. Die Schafe sahen ihr gelassen zu. Lilly kam manchmal in den Dämmerungsstunden auf die Weide und stieß bei jeder Gelegenheit ihre kleinen, spitzen Schreie aus. Wenn sie in ein Häufchen Schafsköttel getreten war. Wenn ihr Rock an einer Hecke hängen blieb. Wenn George etwas sagte, was ihr nicht gefiel. Die Schafe hatten sich daran gewöhnt. Sobald George und Lilly dann für kurze Zeit im Schäferwagen verschwanden, kehrte wieder Ruhe ein. Lillys seltsame Schreie machten ihnen keine Angst mehr.

Doch dann wehte der Wind plötzlich einen jämmerlichen, lang gezogenen Laut über die Weide. Mopple und Cloud verloren die Nerven und galoppierten auf den Hügel, wo sie sich verschämt darum bemühten, wieder natürlich auszusehen.

Lilly war direkt neben der Leiche auf die Knie gefallen, ohne sich um das nachtregenfeuchte Gras zu kümmern, und stieß diese schrecklichen Töne aus. Ihre Hände wanderten wie zwei verwirrte Insekten über den Norwegerpulli und Georges Jacke und zerrten an seinem Kragen.

Dann war auf einmal der Metzger bei ihr und riss sie grob am Arm zurück. Die Schafe hielten den Atem an. Der Metzger hatte sich schnell wie eine Katze bewegt. Jetzt sagte er etwas. Lilly sah ihn an, als sei sie gerade aus einem tiefen Schlaf gerüttelt worden. In ihren Augen schwammen Tränen. Sie bewegte die Lippen, aber kein Laut wehte über die Weide. Der Metzger antwortete etwas. Dann packte er Lilly am Ärmel und zog sie auf die Seite, ein gutes Stück von den beiden anderen Männern weg. Der Dürre begann sofort, auf Gabriel einzureden.

Othello blickte sich Hilfe suchend um: Wenn der Widder bei Gabriel blieb, verpasste er das, was sich zwischen dem Metzger und Lilly abspielte – und umgekehrt. Die meisten Schafe erkannten das Problem, aber keiner hatte Lust, sich der Leiche oder dem Metzger zu nähern, die beide nach Tod rochen. Sie konzentrierten sich lieber auf ihre Aufgabe, natürlich auszusehen.

Da kam Miss Maple vom Wassertrog getrabt und übernahm die Beobachtung des Metzgers. Auf ihrer Nase saß noch immer ein verdächtiger rötlicher Fleck, aber sie hatte sich im Schlamm gewälzt und sah jetzt einfach nur wie ein sehr schmutziges Schaf aus.

»…widerlich«, sagte der Metzger gerade zu Lilly. »Dein Theater kannst du dir jedenfalls sparen. Glaub mir, du hast jetzt ganz andere Sorgen, Schätzchen.« Er hatte sie mit seinen wurstigen Fingern am Kinn gefasst und hob ihren Kopf ein wenig an, sodass sie ihm direkt in die Augen blicken musste. Lilly lächelte besänftigend.

»Warum sollte mich jemand verdächtigen?«, fragte sie und versuchte, den Kopf freizubekommen. »George und ich sind doch immer gut miteinander ausgekommen.«

Der Metzger hielt sie unbeirrt am Kinn fest. »Gut miteinander ausgekommen. Genau. Das genügt denen schon. Wer ist denn sonst gut mit George ausgekommen? Warte nur auf das Testament, dann wird man sehen, wie gut ihr miteinander ausgekommen seid. Du hast nicht besonders viel Geld, was? Der Kosmetikkram wirft nicht gerade ein Vermögen ab, und mit dem Gehure kommt man in unserem Nest auch nicht weit. Aber komm nur zu Ham, dann brauchst du dir um diese Schweinerei hier keine Sorgen mehr zu machen.«

Gabriel rief etwas. Ham drehte sich abrupt um und stapfte zurück zu den anderen. Lilly ließ er stehen. Das Lächeln fiel von ihrem Gesicht. Sie zog ihren Schal enger um die Schultern und schüttelte sich. Einen Augenblick sah es aus, als würde sie weinen. Maple konnte sie gut verstehen. Vom Metzger angefasst zu werden – das musste sein, als hätte einen der Tod am Ohr gezupft. Wieder flogen Worte zwischen den vier Menschen hin und her, doch die Schafe waren zu weit entfernt, um etwas davon zu verstehen. Dann folgte ein lautes, verlegenes Schweigen. Gabriel drehte sich um und schlenderte zurück Richtung Dorf, den Dünnen dicht auf den Fersen. Lilly schien einen Augenblick zu überlegen, dann hastete sie hinter den beiden Männern her.

Ham beachtete die anderen nicht. Er war direkt vor George hingetreten. Eine seiner Metzgerspranken hob sich langsam, bis sie wie eine fette Fleischfliege direkt über der Leiche schwebte. Dann malten die Finger des Metzgers zwei Linien über George in die Luft. Eine lange, die von Georges Kopf bis zu seinem Bauch führte, und eine kürzere von Schulter zu Schulter, sodass sich beide Linien kreuzten. Erst als Gabriel nochmals nach ihm rief, trottete auch der Metzger Richtung Dorf.

*

Später kamen drei Polizisten und machten Fotos. Sie brachten eine parfümierte Journalistin mit, die auch Fotos machte, sehr viel mehr als die Polizisten. Sie ging sogar bis an die Klippen und fotografierte Zora auf ihrer Felsnase, später Ritchfield und Mopple, die vor dem Dolmen weideten. Die Schafe waren zwar die gelegentliche Aufmerksamkeit von Rucksacktouristen gewohnt, aber das Interesse der Presse wurde ihnen schnell unangenehm. Mopple verlor als Erster die Nerven und floh laut blökend auf den Hügel. Die anderen ließen sich von der Panik anstecken und folgten, selbst Miss Maple und Othello. In wenigen Augenblicken hatten sie sich alle auf dem Hügel zusammengeballt und schämten sich ein bisschen.

Die Polizisten beachteten die Schafe nicht. Sie zogen den Spaten aus George, verpackten beide in große Plastiktüten, krochen noch ein wenig auf dem Boden herum und verschwanden dann in einem weißen Auto, das davonfuhr. Kurz darauf begann es zu regnen. Bald sah die Weide aus, als sei nie etwas geschehen.

Die Schafe beschlossen, sich in den Heuschuppen zurückzuziehen. Sie gingen alle gemeinsam, denn jetzt, so kurz nach Georges Tod, kam ihnen der Schuppen ein wenig düster und unheimlich vor. Nur Miss Maple blieb etwas länger draußen im Regen stehen und ließ sich den Schlamm und endlich auch den Blutfleck abwaschen.

Als sie in den Schuppen trat, hatten sich die Schafe um Othello zusammengedrängt. Sie bestürmten ihn mit Fragen, aber der Widder wartete ab. Heide blökte aufgeregt:

»Wie hast du es nur ausgehalten, so dicht neben dem Metzger? Ich wäre gestorben vor Angst, ich bin auch so fast vor Angst gestorben, als ich ihn nur den Fußpfad heraufkommen sah!«

Miss Maple verdrehte die Augen. Aber man musste dem schwarzen Widder zugutehalten, dass er der uneingeschränkten Bewunderung seiner Herde herzlich unbeeindruckt gegenüberstand. Sehr sachlich wandte er sich an Miss Maple.

»Der Metzger hat zuerst gesprochen. ›Schweine!‹, hat er gesagt.«

Die Schafe sahen sich erstaunt an. Noch nie waren Schweine auf ihrer Weide gewesen. Zum Glück! Die Worte des Metzgers machten keinen Sinn. Aber Othello war sich seiner Sache sehr sicher.

»Er roch sehr wütend. Und erschrocken. Aber vor allem wütend. Der Dünne hat Angst vor ihm bekommen. Gabriel nicht.« Othello schien einen Moment lang über Gabriels Furchtlosigkeit nachzudenken. Dann fuhr er fort.

»Lilly hat eigentlich gar nichts Vernünftiges gesagt. Nur ›George‹ und ›Ach, George‹, ›Warum gerade jetzt‹ und ›Warum tust du mir das an‹. Sie hat mit George geredet. Vielleicht hat sie nicht verstanden, dass er tot ist. Der Metzger hat sie dann am Arm zurückgerissen. ›Keiner fasst ihn an‹, hat er gesagt. Und sie, ganz leise, mehr zu den anderen als zu dem Metzger: ›Bitte, ich möchte nur einen Moment lang mit ihm allein sein.‹ Aber von den anderen hat keiner geantwortet, nur der Metzger hat geredet.

›Wenn jemand das Recht hätte, dann Kate‹, hat er gesagt. Es klang sehr feindselig, und dann hat er sie weggezogen.«

Die Schafe nickten zustimmend. Das hatten sie selbst aus der Entfernung gut beobachten können. Der Verdacht richtete sich sofort gegen den Metzger, einfach deshalb, weil jedes Schaf der Herde ihm zutraute, ein lebendes Wesen mit einem Spaten zu durchbohren. Doch Miss Maple schüttelte ungeduldig den Kopf, und Othello fuhr fort.

»Sobald der Metzger weit genug weg war, hat der Dürre angefangen, auf Gabriel einzureden. Er roch seltsam, nach Whiskey und Guinness, aber nicht so, als hätte er das getrunken. Mehr am Körper und an der Kleidung. Vor allem an den Händen.«

»Er war’s!«, blökte Ramses, ein sehr junger Widder mit lebhafter Fantasie. »Er hat sich Whiskey über die Hände gegossen, weil er den Blutgeruch nicht mehr ausgehalten hat!«

»Vielleicht«, sagte Miss Maple zögernd.

Maude, die von allen Schafen der Herde den besten Geruchssinn hatte, schüttelte den Kopf. »Die Menschen riechen das Blut nicht wie wir. Sie können nicht richtig riechen.«

»Wir wissen nicht, ob der Mörder blutige Hände hatte«, sagte Miss Maple. »Wir wissen fast gar nichts.« Sie blickte Othello fragend an.

»›Er hatte noch viel vor, George, den Kopf voller verrückter Pläne‹, sagte der Dünne dann ganz leise zu Gabriel. ›Aber damit wird es ja jetzt wohl nichts mehr werden, oder?‹ Sehr schnell hat er gesprochen, so schnell, dass ich mir nicht alles auf einmal merken konnte. Die ganze Zeit sprach er von Georges Plänen. Ich glaube, er wollte etwas aus Gabriel herausbekommen. Aber Gabriel hat nichts gesagt.«

Othello legte nachdenklich den Kopf schief. »Ich würde sagen, der Dürre hat ihn geärgert. Deshalb hat Gabriel den Metzger zurückgerufen. Als der Metzger näher gekommen ist, hat der Dünne sofort mit dem Reden aufgehört. Dann haben sie alle gleichzeitig gesprochen. Lilly sagte: ›Man sollte es seiner Frau sagen‹, Gabriel: ›Man sollte die Polizei holen‹, der Metzger:

›Ich werde solange bei ihm bleiben.‹ Dann sagte der Dünne schnell: ›Keiner bleibt allein hier.‹ Die Männer haben den Metzger angestarrt, ein bisschen drohend vielleicht, so wie sich Widder vor dem Duell anstarren. Der Metzger hat ein sehr rotes Gesicht bekommen. Aber dann hat er genickt.«

*

Anschließend sammelte Miss Maple Fragen. Jedes Schaf sollte sagen, was es nicht verstand, was es gerne wissen wollte. Miss Maple stand in der Mitte, neben ihr Mopple the Whale. Wenn ihr eine Frage bemerkenswert vorkam, gab sie Mopple mit den Augen einen Wink, und der dicke Widder merkte sich die Frage. Was sich Mopple einmal gemerkt hatte, vergaß er nie.

»Warum haben sie uns fotografiert?«, fragte Maude.

»Warum hat es geregnet?«, fragte Cloud.

»Warum ist George nachts auf die Weide gekommen?«, fragte Heide. Maple nickte Mopple zu. Heide sah stolz zu Othello hinüber.

»Warum ist der Metzger hierhergekommen?«, fragte Maude.

»Was will der Metzger von Lilly?«, fragte Othello. Miss Maple nickte.

»Was ist ein Testament?«, fragte Lane. Miss Maple nickte.

»Werden sie George wiederbringen?«, fragte Heide.

»Wann wird man wieder da weiden können, wo George gelegen hat?«, fragte Cloud.

»Werden sie Schweine auf unsere Weide treiben?«, fragte Maude.

»Warum mit einem Spaten? Man hätte ihn von den Klippen stoßen können«, sagte Zora. Miss Maple nickte.

»Was ist mit dem Wolf?«, fragte Sara. »Ist er gefährlich für die Lämmer – oder für uns?« Miss Maple zögerte einen Augenblick, aber sie gab Mopple kein Zeichen.

»Warum bringt niemand den Metzger um?«, fragte Cloud. Einige Schafe blökten zustimmend, aber Miss Maple nickte nicht.

»Seit wann lag er auf der Wiese?«, fragte Mopple the Whale.

Miss Maple nickte ihm zu, und Mopple strahlte.

Ein Lamm trat vor. Es hatte noch nicht einmal einen Namen. Die Schafe bekamen erst Namen, wenn sie ihren ersten Winter überstanden hatten. »Wird Georges Geist wiederkommen?«, fragte es schüchtern. Cloud beugte sich beruhigend zu ihm herunter und ließ es sich in ihre üppige Wolle schmiegen. »Nein, Kleines, Georges Geist wird nicht kommen. Menschen haben keine Seele. Keine Seele, kein Geist. So einfach ist das.«

»Wie kannst du so etwas sagen?«, protestierte Mopple. »Wir wissen doch gar nicht, ob Menschen auch eine Seele haben. Es ist vielleicht nicht wahrscheinlich, aber möglich ist es.«

»Jedes Lamm weiß, dass die Seele im Geruchssinn liegt. Und die Menschen können nicht gut riechen.« Maude selbst hatte einen ausgezeichneten Geruchssinn und schon öfter über dieses »Nase-Seele-Problem« nachgedacht.

»Dann wirst du also nur einen sehr kleinen Geist sehen. Vor dem musst du dich nicht fürchten.« Othello beugte sich ein wenig belustigt zu dem Lamm herunter.

»Aber ich habe ihn schon gesehen!«, blökte das Lamm. »Er war entsetzlich. Sehr groß war er, viel größer als ich, und ich kann gut riechen. Groß und zottig, und er tanzte. Ich dachte zuerst, es sei ein Wolfsgeist, aber jetzt weiß ich, dass George tot ist, dann muss es wohl sein Geist gewesen sein. Ich hatte solche Angst, dass ich heute Morgen gedacht habe, ich hätte geträumt.«

Miss Maple sah das Lamm scharf an. »Woher weißt du, dass George schon tot war?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Du hast George tot gesehen und uns nichts gesagt?«

»Nein, so war es nicht.« Das Lamm schniefte. »Ich habe den Spaten gesehen, nur den Spaten. Aber George muss doch daruntergelegen haben, nicht wahr?« Es sah nachdenklich aus. »Oder glaubst du, er ist später von oben auf den Spaten gefallen?«

Mehr war aus dem Lamm nicht herauszubekommen. Es war nachts aus dem Schuppen geschlichen, warum, konnte es nicht sagen; es hatte im Mondlicht den Spaten gesehen und den zottigen Wolfsgeist, den es nicht näher beschreiben konnte; es war entsetzt zurückgelaufen und vor Schreck sofort eingeschlafen.

Jetzt herrschte Schweigen. Die Schafe drängten sich dichter zusammen. Das Lamm steckte seinen Kopf tief in Clouds Wolle, die anderen starrten betreten auf den Boden. Miss Maple seufzte.

»Eine neue Frage für Mopple: Wer ist der Wolfsgeist? Und wo ist Tess?«

Die Schafe sahen sich an. Wo war Tessy, Georges alte Schäferhündin, seine treueste Begleiterin, seine einzige Freundin, der sanftmütigste Schäferhund, von dem sie je gehütet worden waren?

*

Als die anderen eingeschlafen waren, fügte Miss Maple im Stillen noch eine weitere Frage hinzu. Sie hatte zu Ramses gesagt, dass sie nicht wusste, ob der Mörder blutige Hände hatte. Die Wahrheit war, dass sie nicht einmal wusste, ob er überhaupt Hände hatte. Sie hatte Georges Gesicht friedlich gefunden, etwas nach Guinness duftend und nach Tee, die Kleider rauchig, ein paar Blumen zwischen den Fingern. Es war ihr ein wenig seltsam vorgekommen, weil George sich für Blumen eigentlich nicht sonderlich interessiert hatte. Mehr für Gemüse.

Aber sie hatte noch etwas gefunden, etwas, das sie bewog, mit ihrer Nase den blutigen Norwegerpulli ein wenig hochzuschieben. Dort, auf Georges bleichem Bauch, etwas oberhalb des Spateneinstichs, zeigte sich der Abdruck eines Schafshufes – ein einziger Abdruck und nicht mehr.

2

Heide hat einen Verdacht

Am nächsten Tag entdeckten die Schafe eine neue Welt, eine Welt ohne Schäfer und Schäferhund. Sie zögerten lange, bevor sie sich entschlossen, den Schuppen zu verlassen. Endlich wagten sie sich doch ins Freie, angeführt von Mopple the Whale, der Hunger hatte. Es war ein wunderschöner Morgen. Nachts waren Feen über das Gras getanzt und hatten Tausende von Wasserperlen zurückgelassen. Das Meer sah aus wie frisch geleckt, blau, klar und glatt, und am Himmel zeigten sich einige wollige Wölkchen. Der Legende nach waren diese Wolken Schafe, die eines Tages einfach über die Klippe hinausgewandert waren, auserwählte Schafe, die am Himmel weiterweideten und niemals geschoren wurden. In jedem Fall waren sie ein gutes Zeichen.

Plötzlich ergriff die Schafe ein ungeheurer Übermut. Gestern hatten sie lange gestanden, mit vor Anspannung schmerzenden Sehnen, heute tobten sie wie Märzlämmer über die Wiese, galoppierten auf die Steilküste zu, stoppten kurz vor dem Abhang und jagten dann zurück zum Heuschuppen. Bald waren sie alle außer Atem.

Dann hatte Mopple the Whale die Idee mit dem Gemüsegarten. Hinter dem Heuschuppen stand der Schäferwagen, ein holpriges Gefährt, mit dem George Glenn früher über Land gefahren war, mit einer anderen Schafherde. Heute bewahrte er dort einige Sachen auf. Manchmal verbrachte er auch die Nacht hier. Hinter dem Schäferwagen lag ein kleiner Gemüsegarten, den George angelegt hatte, mit Kopfsalat, Erbsen, Rettichwurzeln, Kresse, Tomaten, Endivien, Ranunkeln und ein bisschen Schnittlauch.

Er hatte einen Zaun darum gezogen. Der Gemüsegarten lag zwar auf der Weide, aber er war den Schafen verboten. Dieses Verbot war hart für sie, vor allem deshalb, weil der Zaun allein kein wirkliches Problem darstellte. Aber der Zaun, das Verbot und Georges Wachsamkeit hatten bisher verhindert, dass sie das Gemüseparadies auf Schafsart abernteten. Jetzt war George gefallen und mit ihm das Verbot. Lane öffnete mit ihrer geschickten Schnauze den Riegel, Maude machte sich über die Ranunkeln her, Cloud über die Erbsen und Heide über die Tomaten. Nach wenigen Minuten war von den sauber angelegten Beeten nichts mehr übrig.

Nach und nach wurde es still. Die Schafe blickten auf und schämten sich. Eines nach dem anderen trotteten sie zurück auf die Weide. Am Tor stand Othello, der sich an ihrem Überfall als Einziger nicht beteiligt hatte. Er gab Miss Maple ein Zeichen. Sie folgte ihm zur Rückseite des Schäferwagens, wo normalerweise der Spaten lehnte, mit dem George im Gemüsegarten für Ordnung sorgte. Doch heute gab es dort nur eine weiß getünchte Wand zu sehen und ein paar Fliegen, die sich sonnten. Othello blickte Miss Maple forschend an.

Miss Maple blickte nachdenklich zurück.

Den restlichen Vormittag verbrachten die Schafe damit, zu bereuen. Mopple hatte mit dem Salat so viele Schnecken gefressen, dass ihm schlecht war; ein Lamm hatte sich ein spitzes Holzstück in den Huf getreten und hinkte. Sie dachten an George.

»Er wäre sehr böse geworden«, sagte Ritchfield.

»Er könnte den Huf heilen«, sagte Cloud.

»Er hat uns Geschichten vorgelesen«, sagte Cordelia.

Das war wahr. George verbrachte viel Zeit auf der Weide. Frühmorgens tauchte er auf, wenn sie noch ihren dicht gedrängten Schafsschlaf schliefen. Tess, die selbst noch schlaftrunken war, musste sie auseinandertreiben. George lachte dann. »Faules Viehzeug!«, rief er. »An die Arbeit!« Jeden Morgen waren sie deshalb ein bisschen beleidigt. Sie grasten, und George verschwand mit Tess hinter seinem Wagen, werkte im Gemüsegarten oder brachte irgendwelche Sachen in Ordnung.

Nachmittags war ihr Ärger abgeklungen. Dann versammelten sie sich manchmal vor den Stufen des Schäferwagens, und George las ihnen vor. Einmal ein Feenmärchen, aus dem sie erfuhren, wie der Tau auf die Wiesen kommt, einmal aus einem Buch über Schafskrankheiten, das ihnen Angst gemacht hatte, einmal einen Krimi, den sie nicht verstanden. George hatte ihn wohl auch nicht verstanden, denn er warf das Buch nach der Hälfte weg, und sie erfuhren nie, wer der Mörder war.

Meistens aber las der alte George Glenn Liebesromane, dünne Heftchen aus grauem Papier, in denen alle Frauen Pamela hießen und rothaarig waren »wie ein Sonnenuntergang in der Südsee«. George las diese Hefte nicht, weil er ein romantischer Typ war, auch nicht, weil er einen schlechten literarischen Geschmack hatte (was zweifellos zutraf, das Buch über Schafskrankheiten war wirklich eine Zumutung gewesen), sondern er las sie, um sich darüber zu ärgern. Er las, wie die rothaarigen Pamelas irgendwelche arglosen Seeräuber, Ärzte oder Barone in ihre Gewalt brachten, und ärgerte sich maßlos, schimpfte über alle rothaarigen Weibsstücke dieser Welt, vor allem aber über seine eigene Frau.

Die Schafe hörten staunend zu, wenn George häusliche Details preisgab. Die schönste Frau im Ort war sie gewesen, seine persönliche Pamela, und anfangs hatte er sein Glück kaum fassen können. Aber kaum waren sie verheiratet, begann Pam (die in Wahrheit Kate hieß), saftige Apfelkuchen zu backen und dick zu werden. George blieb dünn und wurde immer trockener. Er hatte davon geträumt, mit einer Schafherde quer durch Europa zu ziehen, und Apfelkuchen war dafür kein Ersatz. An dieser Stelle senkten die Schafe meistens betreten die Köpfe. Sie wären gerne nach Europa gereist, das sie sich als eine große Wiese voller Apfelbäume vorstellten.

»Wir werden nie nach Europa reisen«, sagte Zora nun.

»Wir werden nie wieder auf die andere Weide gehen«, sagte Heide.

»Heute wäre es wieder Zeit für unsere Tablette.« Nur Lane bedauerte, dass George nicht hier war, um ihnen ihre wöchentliche Kalziumtablette in den Mund zu zwingen. Sie liebte den Geschmack. Die anderen schüttelten sich.

Mopple war ergriffen. »Wir sollten ihn nicht vergessen«, meinte er. »Und wir hätten das Gemüse nicht fressen dürfen. Wir sollten es wiedergutmachen.«

Zora starrte in Richtung Meer. »Warum nicht?«, sagte sie beiläufig. Mopple begann heftig auf seinem letzten Salatblatt herumzukauen. Wenn Zora beiläufig etwas sagte, war er immer wie vom Donner gerührt.

»Wie willst du das wiedergutmachen?«, fragte Cloud.

Sie beschlossen, George zu Ehren auf ein bisschen von ihrer Weide zu verzichten. Nicht auf den Gemüsegarten, der war sowieso nicht mehr zu retten. Doch am Fuße des Hügels fanden sie eine Stelle mit vielen beliebten Kräutern, wo künftig kein Schaf mehr weiden sollte. Sie nannten sie George’s Place. Auf einmal fühlten sie sich erleichtert.

Miss Maple beobachtete von ferne, wie ihre Herde George’s Place gründete. Sie dachte an George, daran, dass er ihnen Geschichten vorgelesen hatte, aber auch daran, dass das in letzter Zeit immer seltener vorgekommen war. Oft kam George gar nicht mehr zu ihnen auf die Weide, sondern fuhr nur kurz mit seinem stinkenden Auto vorbei. Tess sprang vom Beifahrersitz und scheuchte sie am Morgen auf, abends kamen die beiden nochmals, um die Schafe zu zählen. Den ganzen Tag über waren sie verschwunden. Anfangs hatte George versucht, Tessy beizubringen, in seiner Abwesenheit auf die Schafe aufzupassen, aber das war schiefgegangen. Die Schäferhündin war davon überzeugt, dass es in erster Linie George war, den sie hüten musste. Um die Schafe kümmerte sie sich nur, um ihm einen Gefallen zu tun.

Miss Maple dachte daran, dass Tess fort war. War sie weggelaufen? Wenn ja, dann musste es etwas sehr Schreckliches sein, das George umgebracht hatte. Die Hündin war treu wie ein Mutterschaf und konnte mutig sein, wenn es nötig war. Für George hätte sie alles getan. Aber George war tot, und Tess war verschwunden.

Auf einmal löste sich Mopple mit ungewohnt schnellen Bewegungen aus der Gruppe, die George’s Place bewunderte und schon langsam begann, Appetit auf genau die Kräuter zu bekommen, die dort wuchsen. Er trabte auf Miss Maple zu. Dann stand auf einmal Sir Ritchfield in seinem Weg. Miss Maple konnte nicht sagen, wo er auf einmal hergekommen war. Ritchfield blickte den jüngeren Widder drohend an, und Mopple trottete davon, nicht zurück zu George’s Place, sondern an die Klippen. Er starrte nachdenklich zum Strand hinunter.

Ritchfield gesellte sich zu Maple.

»Man muss den Jungen manchmal Respekt einflößen«, sagte er. »Sonst enden sie wie Melmoth.«

Miss Maple erwiderte nichts. Kein Schaf war Melmoth weniger ähnlich als Mopple.

Allmählich flaute die Begeisterung für George’s Place wieder ab. Die Schafe begannen ihrer üblichen Beschäftigung, dem Grasen, nachzugehen. Miss Maple sah ihnen zu. Es war gut, dass sie sich beruhigt hatten. Wenn sie satt waren und weniger aufgeregt, würden sie wieder neugierig werden und weiter nach dem Mörder fahnden, auf Schafsart, unterbrochen von Fressen und Fürchten, aber unerbittlich. Maple kannte sie alle; die jüngeren hatte sie groß werden sehen, mit den älteren war sie selbst aufgewachsen. Ritchfield und Melmoth hatten die Herde mit ihren Eskapaden in Atem gehalten, als sie noch ein Lamm war. Ritchfield hatte so lange nicht mehr von seinem Zwilling gesprochen, dass Maple beinahe gedacht hatte, er hätte ihn vergessen. Nun fühlte sie sich beunruhigt. Die Luft war makellos, ein kühler Wind wehte vom Meer, und die Weide duftete. Trotzdem roch es auf einmal überall nach Tod, nach frischem und nach altem, nach fast vergessenem Tod. Maple begann zu grasen.

*

Am Nachmittag hatte die Herde schon wieder menschlichen Besuch. Vom Dorf her kamen eine rundliche Frau und ein schwarz gekleideter Mann mit steifem Kragen und auffällig langer Nase. Die Frau war ebenfalls schwarz angezogen, aber mit ihren feuerroten Haaren, blauen Augen und rosigen Wangen kam sie den Schafen dennoch bunt vor. Sie duftete nach Äpfeln, so gut, dass sich diesmal gleich fünf Beobachter fanden, die die beiden belauschten: Miss Maple, Othello, Heide, ein Jungschaf namens Maisie und Mopple the Whale.

Die Menschen blieben vor dem Dolmengrab stehen.

»Hier war’s?«, fragte die Frau. Der Mann nickte. Die Bunte starrte auf den Boden. Der Regen hatte den Spateneinstich verwaschen, und so starrte sie auf die falsche Stelle.

»Das ist so schrecklich«, sagte sie mit dünner Stimme. »Wer tut so etwas, wer?« Die Schafe horchten auf. Vielleicht würde der große schwarze Mann jetzt gleich die Antwort liefern. Doch der schwieg.

»Ich hatte es nicht immer einfach mit ihm«, fügte die Frau hinzu.

»Niemand hatte es einfach mit George«, sagte der Langnasige.

»Er war eine verlorene Seele, ein entlaufenes Lamm, aber der Herr hat ihn in seiner unendlichen Güte wieder bei sich aufgenommen.«

Die Schafe sahen sich erstaunt an. Cloud blökte verwirrt.

»Ich hätte gerne ein bisschen mehr von ihm gewusst«, fuhr die Frau fort. »In der letzten Zeit war er so merkwürdig. Ich dachte, das wäre das Alter. Er fuhr mit dem Auto weg, er bekam Post, die ich nicht öffnen durfte. Und«, sie streckte sich ein wenig, um dem Großen ins Ohr zu tuscheln, aber die Schafe hörten sie trotzdem, »ich habe entdeckt, dass er heimlich Romane liest, Liebesromane, Sie wissen schon.« Sie wurde rot. Es stand ihr gut. Der Mann blickte sie interessiert an.

»Wirklich?«, fragte er.

Sie bewegten sich langsam auf den Schäferwagen zu. Die Schafe wurden nervös. Gleich würde man entdecken, was sie mit Georges Gemüsegarten angestellt hatten.

Die Augen der Frau wanderten über den Schäferwagen, über abgefressene Kräuterbeete und zerrupfte Tomatensträucher.

»Es ist schön hier«, seufzte sie.

Die Schafe trauten ihren Ohren nicht.

»Vielleicht hätte ich manchmal hier zu ihm heraufkommen sollen. Aber das wollte er ja nicht. Nie hat er mich hier heraufgelassen. Ich hätte ihm einen Kuchen bringen können. Aber dafür ist es jetzt zu spät.« Sie hatte Tränen in den Augen. »Ich habe mich nie für das Viehzeug interessiert. George brachte die Wolle, um die hab ich mich dann gekümmert. Wunderbare weiche Wolle …« Sie schluchzte.

»Was wird mit der Herde, Kate?«, fragte der Langnasige. »Das ist ein schönes Stück Land, und jemand muss sich auch um die Tiere kümmern.«

Kate sah sich um. »Sie sehen nicht so aus, als müsste man sich um sie kümmern. Sie sehen zufrieden aus.«

Der Mann klang säuerlich. »Eine Herde braucht einen Hirten. Ham würde sie dir sicher abkaufen, wenn du weiter keinen Ärger mit ihnen willst.«

Die Schafe standen starr vor Entsetzen, aber die Frau zuckte mit den Achseln.

»Ham ist kaum ein Schäfer«, sagte sie. »Er würde sich nicht kümmern.«

»Es gibt verschiedene Arten, für jemanden zu sorgen. Mit Liebe und mit Strenge, mit dem Wort und mit dem Schwert. Der Herr hat uns das gelehrt. Wichtig ist die Ordnung.« Die große Nase des Schwarzgekleideten starrte der Frau vorwurfsvoll ins Gesicht. »Wenn du nicht selbst mit Ham sprechen willst, kann ich das für dich tun«, fügte er dann hinzu.

Die Frau schüttelte den Kopf, und die Schafe atmeten auf.

»Nein, das mit Ham ist lange vorbei. Aber ich weiß nicht einmal, ob das alles überhaupt mir gehört. Es gibt ein Testament. George hat es bei einem Anwalt in der Stadt gemacht. Es muss ein sehr ungewöhnliches Testament sein, er hat lange gesucht, bis er den richtigen Anwalt dafür gefunden hat. Darin steht, wem das alles gehört. Ich will es nicht. Ich hoffe nur, er hat ihr nichts vermacht.«

Plötzlich schien sie die Weide nicht mehr schön zu finden.

»Gehen wir?«

Der Mann nickte. »Nur Mut, mein Kind. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Sie stapften davon, mitten durch George’s Place, wo sie einige frische Triebe niedertrampelten.

*

Othello knirschte mit den Zähnen. »Ich bin verdammt froh, dass der Herr nicht mein Hirte ist.« Die anderen nickten.

»Bevor sie uns an den Metzger verkaufen, hau ich ab«, blökte Mopple. Sie staunten. Mopple war eigentlich nicht gerade kühn. Aber er hatte recht.

»Und ich laufe über die Klippen«, erklärte Zora. Die anderen wussten, dass Zora insgeheim hoffte, zu den auserwählten Wolkenschafen zu gehören.

»Ihr bleibt hier«, sagte Miss Maple sanft. »Immerhin wissen wir jetzt, was ein Testament ist. Es bestimmt, wem Georges Sachen und Schafe von nun an gehören.«

»Ja! Es liegt in einem Wald in der Stadt!«, fügte Heide hinzu.

»Und es wird dem Langnasigen sagen, dass George uns niemals an den Metzger verkauft hätte!«

Sie waren wirklich erleichtert.

»Hoffentlich finden sie es bald!«, fügte Lane hinzu.

»George war kein Lamm«, sagte Heide.

»Die Frau war zu alt, um sein Kind zu sein«, sagte Mopple.

»Er hat gelogen«, sagte Othello. »Der Große mochte George nicht, kein bisschen. Und ich mag ihn nicht. Und den anderen Herrn, von dem er gesprochen hat, mag ich auch nicht.«

»Dieser Herr war es!«, platzte Heide auf einmal hervor. »Er hat George bei sich aufgenommen. Dann ist es passiert. Sie haben sich gestritten, erst mit Worten, dann mit dem Schwert. Nur war gerade kein Schwert da, drum hat er den Spaten genommen. Der Langnasige hat es ja fast zugegeben!«

Mopple stimmte ihr zu. »Wahrscheinlich haben sie sich über Ordnung gestritten. George war nicht sehr ordentlich, außer im Gemüsegarten.« Er blickte verschämt Richtung George’s Place.

»Wir müssen als Nächstes herausfinden, wer dieser Herr ist.« Maple sah ihn skeptisch an.

Cloud hatte bis dahin geschwiegen. »Der Herr ist ein Lamm«, sagte sie jetzt.

Die anderen starrten sie verblüfft an. Auch Cloud selbst sah überrascht aus.

»Er ist ein Hirte«, widersprach Heide. »Ein sehr schlechter Hirte, viel schlechter als George.«

Cloud schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Es ist anders. Wenn ich mich doch nur besser erinnern könnte …« Cloud starrte auf ein Grasbüschel vor ihren Hufen, aber die Schafe merkten, dass sie an etwas ganz anderes dachte.

»Der Mann … Ich kenne ihn. Er war schon einmal auf unserer Weide, vor langer Zeit. Ich war noch ein Lamm. George hielt mich auf dem Arm, er hatte mir gerade die Hufe geschnitten. Alles roch nach … nach Erde und Sonne … wie ein Sommerregen. Ein so schöner Geruch, und dann … etwas Bitteres. Ich konnte sofort riechen, dass George den Mann nicht mochte. Der Mann wollte George zu etwas einladen, aber seine Stimme war unfreundlich. Er wollte das Vieh segnen. Ich wusste nicht, was segnen bedeutet, aber es klang wie sengen. Ich wusste, dass ich das Vieh war – das hatte George gerade vorher gesagt, als ich nicht stillhielt. Ich bekam Angst. George lachte. ›Wenn du Ham meinst, den segnest du doch jeden Sonntag‹, sagte er. Der andere wurde sehr wütend. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, aber er sprach viel von dem Herrn, und davon, dass er die Schafe von den Böcken trennen würde.« Die Schafe blökten entrüstet.

Cloud starrte nachdenklich auf ihr Grasbüschel. Erst als Zora sie sanft mit der Nase in die Flanke stupste, sprach sie weiter, leise und zögernd. »Irgendwann wurde auch George wütend. Er nahm mich und drückte mich dem Langnasigen in die Arme.

›Segne dieses Vieh‹, sagte er. Der andere roch schlecht, und es machte mir Angst. Er wusste nicht, wie er mich anfassen sollte, aber er nahm mich mit. Sein Haus war das größte im Ort, groß und spitz wie er selbst. Er sperrte mich in seinen Garten. Ganz allein. Da war ein Apfelbaum, aber er hatte ihn eingezäunt, und die Äpfel sind einfach am Boden verfault.«

Einige Schafe blökten empört. Cloud schauderte.

»Dann strömten auf einmal viele Menschen in das Haus. Sie brachten Hunde mit, fremde Schafe und ein Schwein. Ich musste auch hinein. Es war ein schrecklicher Lärm, aber der Langnasige sprach mit lauter Stimme, und jeder konnte ihn hören. ›Willkommen im Haus Gottes!‹ Das hat er gesagt. Das und andere Dinge.« Sie machte eine Pause und sah nachdenklich aus.

»›Gott‹ heißt er also«, sagte Sir Ritchfield. Othello machte ein seltsames Gesicht. »Gott?«

»Vielleicht«, sagte Cloud unsicher. »Aber nach und nach fand ich heraus, dass sie ein Lamm verehrten. Das schien mir ein schöner Gedanke. Alle diese Menschen verehrten ein Lamm, aber ein besonderes Lamm. Sie nannten es ›den Herrn‹. Dann kam Musik, wie aus dem Radio, nur … schiefer. Ich sah mich ein bisschen um und erschrak furchtbar. An der Wand hing ein Mensch, ein nackter Mensch, und obwohl er aus vielen Wunden blutete, konnte man das Blut nicht riechen.« Sie wollte nicht weitererzählen.

»Und in ihm steckte ein Spaten, stimmt’s?«, fragte Sir Ritchfield triumphierend.

»Dieser ›Gott‹ scheint mir ziemlich verdächtig«, sagte Mopple.

»Er hat anscheinend schon mehrere Leute auf dem Gewissen. Das mit dem Lamm ist wahrscheinlich nur ein Vorwand. Du hast ja gemerkt, dass er mit Lämmern nicht umgehen kann.«

»Er ist sehr mächtig«, ergänzte Cloud, die sich ein wenig gefangen hatte. »Alle Leute sind vor ihm auf die Knie gefallen. Und er hat gesagt, dass er alles weiß.«

Maude kaute nachdenklich auf einem Büschel Gras herum.

»Ich erinnere mich«, sagte sie. »Cloud war verschwunden, einen ganzen Tag lang. Ihre Mutter hat sie gesucht wie … wie ihre Mutter eben.«

»Warum hast du uns nie etwas davon erzählt?«, fragte Zora.

»Ich habe es nicht verstanden«, sagte Cloud leise. Sie sah ein wenig verträumt aus und begann verlegen die Nase an einem ihrer Vorderbeine zu reiben.

Die Schafe dachten weiter über Gott nach.

»Er weiß nicht alles«, blökte Othello. »Er wusste nicht, dass George Pamela-Romane liest.«

»Las«, sagte Sir Ritchfield trocken.

»Der Mörder kehrt immer an den Tatort zurück«, sagte Mopple the Whale. »Und der Langnasige ist an den Tatort zurückgekehrt.« Mopple sah sich stolz um. Es war das einzige Hilfreiche, das sie aus Georges Krimi gelernt hatten. Mopple hatte es sich natürlich gemerkt.

»Was meinst du?«, fragte er Miss Maple.

»Er ist verdächtig«, nickte sie. »Er mochte George nicht, und George mochte ihn nicht. Er interessiert sich dafür, was mit uns und mit der Weide passiert. Und als sie vor dem Dolmengrab standen, hat er auf die richtige Stelle geblickt, genau dahin, wo George lag.«

Die Schafe schwiegen beeindruckt. Maple fuhr fort. »Das kann aber auch Zufall sein. Sein Blick war ja die ganze Zeit am Boden. Es gibt zu viele Fragen. Was ist vorbei mit Ham? Wer ist sie, der George hoffentlich nichts vermacht hat? Was ist mit Lilly und Ham und George?«

»Es ist nicht einfach, die Menschen zu verstehen«, sagte Maude.

*

Die Schafe senkten die Köpfe. Sie grasten ein bisschen und dachten ein bisschen nach.

Mopple dachte daran, dass er sogar George nicht immer verstanden hatte, obwohl George einfach zu verstehen war – für einen Menschen. Er interessierte sich für den Gemüsegarten und las seinen Schafen Pamela-Romane vor. Für Apfelkuchen interessierte er sich nicht. Aber in letzter Zeit tat auch George manchmal etwas Seltsames. Manchmal holte er die Scheibe.

Wenn George in Gummistiefeln mit der bunt bemalten runden Scheibe über die Weide marschierte, drängte es Mopple an einen sicheren Ort. Der einzige sichere Ort, an dem man die Scheibe nicht sehen konnte, lag hinter dem Schäferwagen, in unmittelbarer Nähe des Gemüsegartens. Dort fand ihn George, wenn er mit seiner glänzenden Pistole zum zweiten Mal aus dem Wagen stieg. Er legte das schreckliche Ding auf Mopple an und brüllte: »In flagranti, in flagranti, Hände hoch!« Mopple floh jedes Mal entsetzt im Zickzack über die Weide, und George lachte. Dann schritt er die Stufen hinunter. Wenig später begann die Scheibe zu zittern, und Mopple zitterte im Takt mit.

Früher war auch der Lärm unerträglich gewesen, aber seitdem George einen Schalldämpfer gekauft hatte, hörte man nur noch ein leises Schmatzen, so als würde ein Schaf in einen Apfel beißen. Dieses Geräusch war neben Mopples Angst das einzige erkennbare Ergebnis von Georges Schießeifer. Es war sinnlos. Mopple hätte liebend gerne das gleiche Geräusch produziert, mit echten Äpfeln, aber George konnte auf seine Scheibe nicht verzichten.

Miss Maple dachte daran, wie Lillys Hände über Georges Jacke gewandert waren, suchend wie Insekten.

Zora dachte darüber nach, wie wenig Höhe die Menschen vertragen konnten. Sobald sie mit ihren unsicheren Menschenschritten zu nahe an die Klippen herangewankt waren, erbleichten sie, und ihre Bewegungen wurden noch unbeholfener. An den Klippen war ein Schaf jedem Menschen haushoch überlegen. Selbst George konnte nichts unternehmen, wenn Zora sich auf ihrem bevorzugten Felsvorsprung niedergelassen hatte. Er blieb in sicherem Abstand stehen, und da er wusste, dass er seine Zeit nicht mit Schmeicheleien zu verschwenden brauchte, schimpfte er ein bisschen. Dann begann er, sie zu bewerfen, erst mit schmutzigen Grasbüscheln, dann mit trockenem Schafsdung.

Manchmal brachte der Wind als Antwort einen zarten, dünn gezerrten Fluch aus der Tiefe empor. Das verbesserte Georges Laune schlagartig. Er ließ sich auf alle viere nieder, kroch auf die Klippen zu und spähte über den Rand. Er sah dann Touristen oder Dörfler, die seine Schmutzgeschosse überraschend am Kopf getroffen hatten. Zora sah sie natürlich auch. Dann blickten sie sich an, der Schäfer, der auf dem Bauch lag und grinste, und Zora, die in Bergziegenmanier auf ihrem Vorsprung thronte. In diesen Augenblicken verstanden sie sich gut.

Zora dachte, dass die Menschen viel gewinnen würden, wenn sie sich nur entschließen könnten, sich auf vier Beinen fortzubewegen.

Ramses dachte an die Geschichte vom ausgebrochenen Tiger, die Othello manchmal einer staunenden Lämmerherde erzählte. Heide dachte an den Weg zur anderen Weide. An das Summen der Insekten, das Brummen der Autos, die stinkend an ihnen vorbeizogen, und an die blanke Oberfläche des Sees. Im Frühling roch die Luft nach feuchter Erde, im Sommer wehten Schwärme von Sperlingen durch die Getreidefelder wie Laub, im Herbst prasselten Eicheln auf die Schafe herab, wenn der Wind die Bäume schüttelte. Im Winter malte der Raureif seltsame Muster auf den Asphalt. Jedes Mal war es herrlich gewesen, bis sie zu der Stelle kamen, wo ihnen die grünen Männer auflauerten. Die grünen Männer hatten Mützen und Schießeisen und führten nichts Gutes im Schilde. Wenn sie zu den Grünen kamen, wurde sogar George nervös. Trotzdem redete er freundlich auf sie ein und passte auf, dass ihre Hunde den Schafen nicht zu nahe kamen. Ohne George hätten sie es nie an den Männern vorbeigeschafft. Heide fragte sich, ob sie die andere Weide je wiedersehen würden.

Cordelia dachte daran, dass Menschen Worte erfinden können, erfundene Worte aneinanderreihen, aneinandergereihte Worte aufschreiben. Es war Zauberei. Und selbst das konnte Cordelia nur wissen, weil George ihnen erklärt hatte, was Zauberei ist. Wenn George beim Vorlesen auf ein Wort stieß, von dem er glaubte, dass die Schafe es nicht verstehen konnten, erklärte er es ihnen. Manchmal erklärte er Worte, die ohnehin schon jedes Schaf kannte, Worte wie »Prophylaxe« oder »Antibiotikum«. Prophylaxe gab es vor der Krankheit, Antibiotikum gab es währenddessen. Beide schmeckten bitter. George schien sich auf diesem Gebiet nicht so gut auszukennen. Er verstrickte sich in eine abstruse Erklärung, in der sehr kleine Tiere die Hauptrolle spielten. Schließlich gab er fluchend auf.

Mit anderen Erklärungen war er hochzufrieden, ohne dass die Schafe irgendetwas verstanden hatten. In diesen Fällen gaben sie sich Mühe, George nichts von ihrer Ahnungslosigkeit spüren zu lassen, was meistens ganz gut gelang.

Aber manchmal brachte er ihnen wirklich etwas Neues bei. Cordelia liebte seine Erklärungen. Sie liebte es, Worte zu kennen, die zu Dingen gehörten, die sie noch nie gesehen hatte, oder sogar zu Dingen, die man gar nicht sehen konnte. Diese Worte merkte sie sich sehr genau.

»Zauberei«, hatte George gesagt, »ist etwas Unnatürliches, etwas, was es eigentlich gar nicht gibt. Wenn ich mit dem Finger schnippe und Othello plötzlich weiß wird, ist das Zauberei. Wenn ich einen Eimer Farbe hole und ihn anmale, ist es keine Zauberei.« Er lachte, und einen Moment sah es aus, als hätte er Lust bekommen, mit dem Finger zu schnippen oder den Eimer zu holen. Dann fuhr er fort: »Alles, was aussieht wie Zauberei, ist in Wirklichkeit ein Trick. Es gibt keine Zauberei.« Cordelia graste genüsslich. Es war ihr Lieblingswort, ein Wort für etwas, das es überhaupt nicht gab. Dann dachte sie an Georges Tod. Das war wie Zauberei. Jemand hatte dem Schäfer auf ihrer Weide einen Spaten durch den Leib gestochen. George musste entsetzlich geschrien haben, aber keines seiner Schafe im nahen Heuschuppen hatte etwas gehört, und ein Lamm hatte einen Geist gesehen, einen Geist, der lautlos tanzte. Cordelia schüttelte den Kopf. »Es ist ein Trick!«, flüsterte sie.

Othello dachte an den grausamen Clown.

Lane dachte an die seltsamen Menschen, die George von Zeit zu Zeit besucht hatten. Sie kamen immer nachts. Lane hatte einen leichten Schlaf und hörte das Knirschen der Autoreifen, wenn sie von der Asphaltstraße auf den Feldweg bogen. Dann versteckte sie sich manchmal im Schatten des Dolmengrabes und sah zu. Es war schön anzusehen, ein Schauspiel, das ihr allein gehörte. Die Scheinwerfer der Autos schnitten blitzende Schneisen in die Dunkelheit oder verfingen sich im Nebel und bildeten eine glimmende weiße Wolke. Es waren große Autos mit schnurrenden Motoren, die den Feldweg heraufkamen, und sie stanken lange nicht so wie Georges Auto, das er selber den »Antichrist« nannte. Dann gingen die Lichter aus, und ein oder zwei Schatten in langen dunklen Mänteln näherten sich dem Schäferwagen. Sie gingen vorsichtig und bemühten sich, in der Dunkelheit nicht in frischen Schafsdung zu treten. Eine Hand klopfte auf Holz. Einmal, zweimal, noch einmal. Die Tür des Schäferwagens sprang auf und schnitt eine rötlich glimmende Öffnung in die Dunkelheit. Die Fremden traten schnell hinein. Für einen Augenblick standen sie wie riesige scharf gezeichnete Raben in der Tür. Niemals hatte Lane ihre Gesichter gesehen. Und doch waren sie ihr mittlerweile fast vertraut …

*

Plötzlich bewegte sich etwas Dunkles über den Feldweg auf die Weide zu. Schnell. Es gab eine kleine Panik unter den Schafen. Sie galoppierten alle auf den Hügel und ließen den Eindringling nicht aus den Augen. Gott war zurückgekehrt. Wie ein Jagdhund hetzte er auf der Weide hin und her, seine lange Nase zielte auf den Boden.

Zuerst umkreiste er das Dolmengrab, dann folgte er dem Fußpfad bis zu den Klippen. Fast wäre er einfach über die Böschung gerannt, aber im letzten Augenblick schnellte die Nase nach oben, sah das große Blau vor sich, und der lange schwarze Körper kam abrupt zum Stehen. Ein Seufzer ging durch die Herde. Man hatte die Bewegungen von Nase und Gott mit Spannung verfolgt, seit beide auf die Klippen zugesteuert waren.

Der Schwarzgekleidete blickte kurz zu ihnen herüber. Othello senkte drohend die Hörner, doch Gott hatte schon den Fußpfad Richtung Dorf eingeschlagen. Nach drei oder vier Schritten hörte er etwas. Er erstarrte, lauschte, drehte sich dann brüsk um und floh mit bleichem, ärgerlichem Gesicht auf die offene Heide.

Die Schafe hörten es nun auch – ein summendes, raschelndes Geräusch. Es klang ein bisschen wie das Geräusch, das sie produziert hatten, als sie über Georges Gemüsegarten hergefallen waren. Es kam näher. Jetzt hörte man auch Hundegebell und Menschenstimmen. Dann sahen die Schafe, wovor der Langnasige geflohen war. Eine Herde wälzte sich auf die Weide, eine Herde, wie sie die Schafe noch nie gesehen hatten.

3

Miss Maple wird nass

George hatte die Menschen nicht gemocht. Nur sehr selten kam jemand auf der Weide vorbei, ein Bauer oder ein altes Weib in Tratschlaune. Dann ärgerte sich George. Er steckte eine sehr laute Kassette in sein graues Abspielgerät und verkroch sich im Gemüsegarten, wo er sich einer möglichst schmutzigen Arbeit widmete, bis der Besucher wieder abgezogen war.

Sie hatten die Menschen noch nie als Herde gesehen, und sie waren zu überrascht, um erneut in Panik auszubrechen. Mopple behauptete später, sieben Menschen gesehen zu haben, aber Mopple war kurzsichtig. Zora zählte 20, Miss Maple 45 und Sir Ritchfield sehr viele, mehr jedenfalls, als er zählen konnte. Doch Ritchfields Gedächtnis war miserabel, vor allem dann, wenn er sich aufregte. Er vergaß ständig, wen er schon gezählt hatte, und zählte alles und jeden doppelt und dreifach. Außerdem zählte er die Hunde mit.

Mopple starrte kurzsichtig und ein wenig verdrießlich zu den Menschen hinüber. Die Theorie vom Mörder, der an den Ort des Verbrechens zurückkehrt, konnten sie jetzt natürlich vergessen. Sie waren alle an den Ort der Tat zurückgekehrt, der Mörder sicher versteckt unter ihnen. Neugierig beobachteten die Schafe, wie sich die Menschenherde fortbewegte. Sie wurde weder vom Stärksten noch vom Klügsten angeführt, sondern von Tom O’Malley. Dann kamen die Kinder, dann die Frauen und zuletzt die Männer, etwas zurückbleibend, die Hände verschämt in den Hosentaschen. Weit hinter ihnen bewegten sich noch einige sehr alte Menschen, die nur langsam und zitternd vorwärtskamen.

Tom hatte einen Spaten mitgebracht, einen traurigen, rostigen, alten Spaten. Er rammte ihn in die Erde, mindestens zehn Schritte von der Stelle entfernt, an der George gelegen hatte. Die Menschen, die bisher wie jede gute Herde hinter ihrem Anführer hergetrabt waren, wichen zurück, als hätte Tom sie mit kaltem Wasser bespritzt, und bildeten in respektvollem Abstand einen Kreis.

»Hier war es!«, brüllte Tom. »Genau hier! Das Blut ist bis hierher gespritzt«, er machte zwei lange Schritte Richtung Dolmengrab, »und hier« – wieder drei Schritte in eine andere Richtung – »stand ich. Habe sofort gesehen, dass es mit dem alten George zu Ende ist. Überall Blut. Sein Gesicht, ganz verzerrt, entsetzlich, und seine Zunge hing blau heraus.«

Nichts davon stimmte. Miss Maple fiel auf, wie merkwürdig das war. Eigentlich hätte es so aussehen müssen, wie Tom sagte. Viel Blut und starre Schmerzen im Gesicht vom Kampf mit dem Spaten. Aber George hatte auf der Wiese gelegen, als hätte er sich nur zum Schlafen hingelegt.

Die Menschenherde wich noch ein wenig weiter zurück und gab einen seltsamen gehauchten Laut von sich, irgendwo zwischen Entsetzen und Entzücken. Tom schrie weiter. »Aber euer Tom hat die Nerven behalten. Ist sofort in den Mad Boar, um die Polizei zu holen …«