Glowing Vengeance - Luisa M. Deininger - E-Book

Glowing Vengeance E-Book

Luisa M. Deininger

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Beschreibung

Carietta macht gerade ihren Abschluss, hat einen besten Freund namens Adrian und lebt ein sorgenfreies Leben. Als sie jedoch eines Morgens in einen Unfall verwickelt wird, der Adrian und sie fast das Leben kostet, verändert sich alles schlagartig. Carietta gerät in die Gefangenschaft einer okkulten Sekte, die mit ihrer Hilfe einen antiken Fluch brechen und so die Welt zerstören will. Als sie schließlich von dem mysteriösen Fremden Jesper in ihrer Zelle gefunden und befreit wird, glaubt sie, eine Person gefunden zu haben, die ihr helfen wird, alles wieder in Ordnung zu bringen. Doch auch Jesper hat seine Geheimnisse und ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Gemeinsam werden sie in eine mörderische Verfolgungsjagd verwickelt, auf der Carietta immer mehr über Jespers Vergangenheit erfährt und sie wird vor die Frage gestellt, die ihre Zukunft bestimmen wird: kann sie ihr altes Leben und die Person, die sie einst war, hinter sich lassen oder wird sie von den Geistern der Vergangenheit eingeholt?

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Luisa Deininger wurde 2003 in Aalen

geboren. Bereits mit elf Jahren schrieb sie

erste Geschichten - so auch den Vorläufer

dieses Buches. Aktuell macht sie ihren

Schulabschluss. Wenn sie nicht liest - oder

selbst schreibt - verbringt sie die meiste Zeit

mit tanzen. Manchmal unternimmt sie auch

Ausflüge in den örtlichen Buchhandel, auf

der Suche nach ihrem ganz persönlichen

Helden - oder auch Bösewicht.

Für Jacqueline

Dank dir wurde diese Geschichte zu viel mehr

als nur zu einem Buch

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Teil 2

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Teil 1

„Wir kennen uns nie ganz, und über Nacht sind wir andre geworden, schlechter oder besser.“

- Theodor Fontane

1

Der Tag, der mein Leben für immer zerstörte, begann eigentlich wie jeder andere.

»Guten Morgen Liebes, bist du wach? Du musst zur Schule.« , säuselte mein Vater in mein Ohr und ich konnte mich nur mühsam davon abhalten, nach ihm zu schlagen. Eine Sekunde später schrillte der Wecker auf meinem Nachttisch. Ich seufzte.

»Ja Dad, ich weiß. Kannst du das bitte lassen? Mir reicht ein Wecker morgens vollkommen aus und das habe ich dir schon oft gesagt.«

Ohne ein weiteres Wort aber mit einem letzten mitfühlenden Blick verließ mein Vater das Zimmer. Wie sehr ich diesen Blick hasste.

Seiner Meinung nach trauerte ich noch immer meiner Mutter hinterher. Sie war vor eineinhalb Jahren gestorben und ja, vielleicht hatte er ja Recht damit. Meine Mutter fehlte mir noch immer schrecklich, doch mein Vater versuchte sämtliches Verhalten meinerseits damit zu erklären. Aß ich einen Tag einmal nur wenig oder gar nichts, war es meine Mutter, die mir fehlte oder das Essen, das sie nicht mehr kochen konnte. Selbst als ich mit Freunden trinken gegangen und erst am nächsten Tag wiedergekommen war, und das mit einem starken Kater, hatte mein Vater nicht eine Sekunde geschimpft, sondern mich in den Arm genommen und gesagt, dass er sich Sorgen gemacht hätte und dass auch er Mom vermissen würde, dass jeder anders mit seinem Schmerz umgeht, weshalb mein Verhalten für ihn absolut okay war. Wie genau meine Mutter gestorben war, wusste ich nicht. Immer wenn ich versuchte, genauer auf dieses Thema einzugehen, machte mein Vater dicht und so wusste ich nur, dass sie eines Morgens mit unserem Auto wegfuhr und abends nicht wiederkam. Ich erinnerte mich daran, dass sie eigentlich nur zur Arbeit wollte und mein Vater seine Kollegen von der Polizei kontaktierte, als sie später nicht an ihr Telefon ging. Zwei Monate darauf klopfte es schließlich an unserer Tür und ein Polizist erzählte uns, dass meine Mutter in einer Stadt, mehr als 1000km weit weg von unserem Haus tot aufgefunden worden war. Nach der Beerdigung herrschte in unserer Familie stetes Schweigen über das Ereignis, niemand versuchte auch nur annähernd herauszufinden, was an dem Tag vorgefallen war und auch das FBI stellte die Ermittlungen nach einem halben Jahr wieder ein, weil sie in dem Fall kein Stück weiterkamen. Immer wieder hatte ich das Gefühl gehabt, mein Vater wüsste irgendetwas, was er sowohl mir als auch der Polizei und unserer ganzen Familie verschwieg, doch ich bekam nie die Antworten, die ich mir erhoffte.

Ich stand auf und drückte auf den Knopf meines Weckers, damit er endlich Ruhe gab, machte mich auf den Weg ins Badezimmer. Dort putzte ich meine Zähne und legte etwas Wimperntusche auf, bürstete meine widerspenstigen roten Locken durch und legte das einzige Geschenk an, was ich noch von meiner Mutter besaß, eine Kette mit meinem Namen: Carietta. Ich mochte meinen vollen Namen eigentlich nicht, doch da ihn meine Mutter ohne die Zustimmung meines Vaters durchgesetzt hatte, war auch er gewissermaßen ein Geschenk von ihr, welches ich immer bei mir trug. Nachdem ich mich einigermaßen frisch gemacht hatte, ging ich zurück in mein Zimmer und suchte mir etwas zum Anziehen aus meinem Schrank zusammen. Eine schwarze, enge Jeans, ein schlichtes schwarzes T-Shirt. Ich fühlte mich eigentlich ganz wohl, doch nachdem ich einen langen, kritischen Blick in den Spiegel warf, entschloss ich mich doch noch dazu, einen schwarzen Pullover über das T-Shirt zu ziehen. Falls es spontan warm werden sollte, war ich also gerüstet. Nach einem kurzen Blick durch mein Fenster verwarf ich den Gedanken jedoch, denn draußen regnete es in Strömen. Ich nahm mir meine Schultasche - einen schlichten braunen Rucksack - und verließ mein Zimmer.

Als ich in der Küche platznahm, stellte mein Vater einen Teller mit Rührei und einem Buttertoast vor mich auf den Tresen. Er gab sich wirklich alle Mühe, gut für mich zu sorgen, doch kochen war einfach nicht seine Stärke. Er hatte, wie so oft, das Salz mit dem Zucker verwechselt und so hatte mein Rührei einen bittersüßen Nachgeschmack, den ich versuchte zu ignorieren, doch die zentimeterdicke Schicht Butter auf dem Toast gab meinen Geschmacksnerven den Rest. Mit einem traurigen Lächeln ließ ich die Hälfte des Brotes auf meinen Teller sinken und schüttelte nur leicht den Kopf, um meinem Vater zu signalisieren, dass mein Frühstück an dieser Stelle beendet war.

»Es hat wirklich gut geschmeckt!«, log ich und ging durch den Gang zur Garderobe an der Haustür. Es war schon halb acht und ich musste mich beeilen, um meinen Bus noch zu erwischen, sonst würde ich wieder Ärger mit den Lehrern bekommen, also schlüpfte ich in meine weißen Sneakers und zog meine schwarze Jacke an, bevor ich mir meine Tasche nahm, schnell ein »Tschüss, bis heute Abend!« in die Küche rief und die Haustür hinter mir zuschlug.

Vor lauter Eile fiel mir mein Regenschirm erst ein, als ich bereits die Tür hinter mir geschlossen hatte. Der Regen prasste auf meinen Kopf und schnell zog ich die Kapuze meines Pullovers darüber. Der Herbstwind wehte mir kalt ins Gesicht, wir hatten Anfang November, es war also um diese Uhrzeit noch stockfinster und der einzige Wegweiser war die Straßenlaterne, die die Bushaltestelle, nur gut 100m von unserem Haus entfernt, beleuchtete. Ich begann zu laufen, zuerst etwas langsamer, da ich in keine Pfütze treten wollte, als ich plötzlich einen Schatten in meinem Augenwinkel wahrnahm. Ich blickte in die Richtung der Gestalt, doch durch die Finsternis und den Nebel, der durch den Regen entstanden war, konnte ich nichts erkennen. Die Person stand reglos da und schien mich zu beobachten. Ich wandte mich wieder ab, den Blick fest auf die Bushaltestelle gerichtet, und lief schneller, immer schneller aus Angst, ich könnte der Person hinter mir nicht entkommen. Auf einmal ertönte ein lautes Hupen direkt neben mir und erschrocken blickte ich nach links, direkt in zwei gelbe Lichter. Starr vor Angst riss ich die Augen auf und hob schützend die Hände vor mein Gesicht, als mich plötzlich eine Hand an meinem Ellbogen von der Straße zog.

»Cari, was sollte das denn? Wolltest du dich umbringen, oder was?«, fuhr mich eine vertraute Stimme an. Es war Adrian, mein bester Freund, der mich vollkommen schockiert im Arm hielt. Sein Atem ging stoßweise und ich konnte sein Herz an meiner Brust schlagen spüren, fast genauso schnell wie mein eigenes.

»Nein, ich... ich weiß nicht was passiert ist. Ich bin nur so schnell gelaufen und auf einmal war da die Straße und das Auto und... und…«, begann ich zu erklären, doch ich bekam keine ganzen Sätze zustande.

»Da war ein Mann.«, sagte ich schließlich.

»Ein Mann? Wie kommst du jetzt auf so etwas? Der Weg, auf dem du hergekommen bist, ist komplett leer. Cari, ich warte schon seit 10 Minuten hier und habe dich beobachtet, da war niemand.«, erwiderte Adrian.

»Doch ich bin mir sicher! Ich wurde verfolgt. Da war jemand.«

»Bist du sicher, dass es ein Mann war und er dich verfolgt hat? Vielleicht war es ja auch nur ein Spaziergänger oder irgendwer, der auch zur Arbeit muss?«

»Du glaubst mir nicht.«, stellte ich resigniert fest und erwiderte den Blick, den Adrian mir aus seinen wütend funkelnden Augen zuwarf.

»Ich glaube, dass da eventuell jemand war, aber ich glaube auch, dass du überreagiert hast. Er wollte bestimmt gar nichts von dir.«, erklärte er sich.

Ich wurde sauer auf Adrian. Ja, mir war selbst bewusst, wie verrückt sich meine Geschichte anhörte und ich begann auch schon daran zu zweifeln, dass ich überhaupt jemanden gesehen hatte. Doch ich wollte, dass Adrian meinen Worten Glauben schenkte. Er war schließlich mein bester Freund. Ich wollte etwas erwidern und so vielleicht einen Streit vom Zaun brechen, doch in diesem Moment hörte ich die quietschenden Bremsen des Busses, welcher uns zur Schule bringen sollte. Ich löste mich aus Adrians Armen und kramte meine Fahrkarte aus meiner Jackentasche. Adrian stieg vor mir in den Bus und nahm am Ende des Gangs am Fenster einen Platz ein. Als auch ich einsteigen wollte, stellten sich plötzlich meine Nackenhaare auf. Ich schaute den Busfahrer an, mittlerweile flossen mir die Regentropfen ins Gesicht, da meine Kapuze komplett durchnässt war, was meine Sicht beeinträchtigte, doch irgendetwas an ihm stimmte nicht.

Irgendetwas an dieser kompletten Situation war falsch. Es war der gleiche Busfahrer wie jeden Morgen, doch irgendwie wirkte sein Teint zu bleich und kränklich. Er hatte starke Augenringe und einen drei – Tage – Bart um seinen Mund und an seinem Kinn. Seine Haare waren grau meliert und streng nach hinten gebürstet, er sah mich ungeduldig an.

»Steigst du jetzt ein oder nicht, Kleine?«, fragte er pampig.

Ich wollte eigentlich in den Bus steigen, doch eine leise Stimme in meinem Kopf versuchte, mich davon abzuhalten. Regen lief mir über die Wange und die Nase, während ich fieberhaft überlegte. Es goss in Strömen und da draußen lauerte vielleicht immer noch irgendwo diese Gestalt, also wäre es vermutlich äußerst dumm zu laufen. Ich blickte durch die Scheiben des Busses zu Adrian und er sah mich fragend an. Als ich einen Blick auf mein Telefon warf, hatte ich meinen Entschluss gefällt. Es war kurz vor acht und ich würde niemals pünktlich ankommen, wenn ich lief. Da ich meinem Vater weiteren Ärger ersparen wollte, stieg ich in den Bus ein, murmelte eine kurze Entschuldigung und nahm neben Adrian Platz.

»Was war das denn?«, fragte er mich verständnislos.

»Ich habe keine Ahnung, irgendetwas stimmt nicht. Ich habe ein ganz mieses Gefühl.«, gab ich angespannt zurück. Der Regen draußen schien immer stärker zu werden und ich hörte den Tropfen zu, wie sie rhythmisch auf das Dach trommelten, als sich die Dunkelheit etwas lichtete. Mir fiel auf, dass wir die einzigen Personen im Bus waren, was an sich nichts Besonderes war, da wir etwas außerhalb wohnten, in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt.

Heute beunruhigte mich das allerdings nur noch mehr. Ich warf einen kurzen Blick nach draußen und wollte eigentlich schon wieder der Melodie des Regens lauschen, als mir schlagartig bewusst wurde, was ich gerade gesehen hatte. Normalerweise kannte ich den Weg, den wir fuhren, inn- und auswendig, doch dieser Weg war mir gänzlich unbekannt. Ich berührte Adrian an der Schulter.

»Wohin fahren wir? Das ist nicht der normale Schulweg.«, sagte ich so leise, dass ich es selbst kaum hören konnte.

»Ich weiß, und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Vielleicht eine Umleitung oder Behinderung mit Stau, deswegen fährt er auf einer Landstraße?«, gab er schulterzuckend zurück.

»Hast du auf dem Weg hierher ein Umleitungsschild gesehen?«

»Nein.«

Angst machte sich in mir breit und ich stand langsam auf. Meine Beine begannen zu zittern, teils aus Furcht und teils aus Kälte, da ich komplett durchnässt war.

»Entschuldigen Sie, wohin fahren Sie? Ist das hier eine Umleitung?«, fragte ich so laut, dass mich zweifellos auch der Busfahrer gehört hatte, doch ich bekam keine Antwort.

»Cari, was machst du denn da? Setz dich wieder hin.«, meinte Adrian und versuchte, mich am Handgelenk wieder nach unten zu ziehen, doch ich entwand es ihm und ging langsam zum Busfahrer nach vorne.

»Entschuldigung? Könnten Sie bitte anhalten? Ich glaube das letzte Stück schaffen wir auch zu Fuß, Sie müssen sich wegen der Umleitung keinen Stress machen.«, erklärte ich so ruhig wie möglich, doch auch diese Mal blieb es still. Als ich schließlich beim Busfahrer ankam, immer noch zitternd, blickte ich aus der Frontscheibe auf die Fahrbahn. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir eigentlich viel zu schnell fuhren, sicherlich 80 oder 90 km/h. Meine Angst wurde größer und bildete einen schweren Kloß in meinem Hals. Ich schaute auf den Busfahrer und mein Herz blieb für einen kurzen Moment stehen. Von den Füßen bis zu den Schultern sah er vollkommen normal aus, auch die Augen hatte er fest auf die Straße gerichtet, doch sie waren seltsam trüb, unfokussiert. Blut sickerte aus seiner Nase und seinem Mundwinkel. Ich fühlte seinen Puls, konnte jedoch kein Pochen unter meinen Fingern spüren, deshalb versuchte ich verzweifelt, seinen Fuß vom Gas zu ziehen oder seine Hände vom Lenkrad zu lösen, doch nichts half.

»Adrian! Ich brauche hier mal ganz schnell deine Hilfe!«, rief ich durch den Bus und ließ meinen Rucksack von meinen Schultern gleiten. Adrian kam stolpernd nach vorne und schaute mich skeptisch an.

»Was ist denn? Hat er sich verfahren?«, fragte er ironisch und zog eine Augenbraue nach oben.

»Kann man so sagen«, antwortete ich leise und zeigte auf die seltsam verfärbte Haut und die immer weiter anschwellenden Augen. Adrians Körper versteifte sich, er wurde starr vor Angst.

»Hey, du musst mir hier jetzt unbedingt helfen. Wir fahren viel zu schnell und ich bekomm seinen Fuß nicht vom Gas.«, sagte ich mit zitternder Stimme, doch Adrian rührte sich noch immer nicht.

»Er ist tot.«

»Ich weiß es nicht! Aber wenn du mir jetzt nicht hilfst, diesen Bus zum Stehen zu bringen sind wir das gleich auf jeden Fall!«, fuhr ich ihn an und zeigte auf die Straße vor uns. Der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen, und mittlerweile war ein richtiges Gewitter aufgezogen. Ein Blitz hatte einen Baum getroffen, der direkt am Straßenrand gestanden hatte und nun den Weg vor uns blockierte.

»Adrian!«

Endlich löste er sich aus der Starre und packte gemeinsam mit mir den Fuß des Busfahrers, der sich endlich vom Gas ziehen ließ. Doch der Bus verlor nicht schnell genug an Geschwindigkeit, das Gefälle der Fahrbahn war zu steil. Ich versuchte, mich über den Mann zu beugen, um auf die Bremse drücken zu können, doch meine Arme waren nicht lang genug.

»Adrian, das funktioniert nicht!«, sagte ich und mir gelang es nicht länger, die Panik aus meiner Stimme zu verbannen.

»Ich weiß, wir müssen uns etwas anderes überlegen! Ich habe eine Idee. Versuch du es weiter.«, antwortete er und ließ das Bein los, ehe er in den hinteren Teil des Busses verschwand. Ich schaute ihm nach, als ich begriff, was er vorhatte. Er versuchte verzweifelt, die hinteren Bustüren zu öffnen.

»Der Mechanismus klemmt! Ich bekomme die Türen nicht auf! Versuch sie mit den Schaltern am Steuerpult zu öffnen!«, rief er mir zu.

Panisch drückte ich sämtliche Knöpfe, die ich finden konnte, doch ich schaffte es lediglich, dass Licht auszuschalten und die Scheinwerfer zu aktivieren.

»Adrian das geht nicht! Solange wir uns bewegen, lassen sich die Türen nicht öffnen. Hast du eine andere Idee?«, gab ich zurück. Als keine Antwort kam, drehte ich mich zu ihm um und blickte direkt in seine angsterfüllten Augen.

»Cari, runter!«, schrie er mir zu und ehe ich überhaupt auf die Straße blicken oder mich zu Boden fallen lassen konnte, wurde ich zusammen mit einem Scherbenregen durch die Frontscheibe geschleudert. Im Flug spürte ich die leichten Regentropfen und hörte Glasscherben scharf an meinem Ohr vorbeizischen. Ein Paar davon bohrten sich in meine Oberarme, in meinen Rücken und meine Waden, eine schrammte direkt an meiner Wange vorbei.

Ich überschlug mich in der Luft und kam zuerst mit dem unteren Rücken auf, was einen stechenden Schmerz durch meinen ganzen Körper jagte, ehe ich mit der Schläfe voran an den Bordstein prallte und das Bewusstsein verlor.

2

Dunkelheit. Schmerz. Sie trugen mich durch meine Gedankenwelt. Was war an diesem Morgen schief gelaufen? Was war mit dem Busfahrer geschehen? War ich wirklich verfolgt worden oder hatte Adrian Recht gehabt? Adrian. Was war mit ihm passiert? Lebte er noch oder hatte er das Unglück nicht überstanden?

Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf und ließen mir keine Ruhe, allen voran aber gingen die Schmerzen, die mich an den Rand des Wahnsinns trieben. Mein ganzer Körper brannte und ich wollte nur noch, dass es endlich aufhörte. Wenn ich jetzt starb, würde ich Adrian vielleicht wiedersehen, vielleicht auch nicht, weil er noch lebte und gerade darauf wartete, dass ich die Augen öffnete und ihn ansah. Ich konnte ihn nicht einfach allein lassen. Ich musste zumindest wissen, ob es ihm gut ging. Also nahm ich alle Kraft zusammen, die ich aufbringen konnte und öffnete die Augen.

Weiß. Das war das erste, was ich erkennen konnte. Alles erschien viel zu grell und ich schloss meine Augen wieder. Ich musste das schaffen, ich musste aufwachen.

Als ich die Augen erneut öffnete, konnte ich bereits Umrisse erkennen und die Konturen der Möbel wurden schärfer. Es war ein Zimmer, ganz in Weiß gehalten. In einem Eck standen ein kleines Waschbecken und eine Duschkabine daneben. Direkt neben dem Bett, in dem ich lag, befand sich ein Schrank und auf der anderen Seite des Bettes ein Tisch mit zwei Stühlen, alles in Weiß. An dem Tisch saß mein Vater und hatte seine Nase in ein dickes Buch gesteckt, ab und an las er ein Wort laut vor oder seufzte tief.

»Dad?«, fragte ich leise, doch man konnte mich kaum verstehen, da mein Hals ausgetrocknet war. Meine Stimme schabte wie Sandpapier durch meine Kehle. Mein Vater ließ sein Buch sinken und sah mich ungläubig an.

»Carietta, du bist wach! Es ist ein Wunder! Die Ärzte haben gesagt, dass deine Chancen zu überleben sehr schlecht stehen! Du hast dir so viele Knochen gebrochen. Du warst fast vier Tage ohnmächtig.«

»Was ist mit Adrian?«

Ich musste es einfach wissen. Die Miene meines Vaters, die eben noch ungehalten und von Tränen gezeichnet gewesen war, verdüsterte sich und augenblicklich versteifte ich mich, was mir wieder einen stechenden Schmerz durch den Körper jagte.

»Nein.«, flüsterte ich. Nicht Adrian, nicht jetzt.

»Nein, nein du verstehst mich falsch. Er lebt. Aber er ist in kritischem Zustand. Die Ärzte vermuten, dass er über mehrere Sitzreihen geschleudert wurde und er hat sich dementsprechend Verletzungen zugezogen. Es tut mir so furchtbar leid Schatz.«, sagte mein Vater bedauernd und blickte nach draußen in die schneeweiße Landschaft.

Es hatte in der Zeit, in der ich ohnmächtig gewesen war, das erste Mal geschneit.

»Was ist passiert?«, fragte ich leise. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war mein verzweifelter Versuch, die Bremse des Busses zu erreichen und wie ich hinaus in den Regen geschleudert wurde.

»Was ist mit dem Busfahrer passiert?«, setzte ich dazu. Mein Vater wandte sich wieder an mich und sah mich prüfend an.

»An der Sache sind wir gerade dran. In seinem Blut wurde ein äußerst seltenes Nervengift gefunden. Die Leiche, die wir am Unfallort fanden, war aufgeblasen wie ein Ballon.«, sagte er und neigte den Kopf ein wenig zur Seite.

»Habt ihr noch irgendetwas Seltsames bemerkt, an dem Busfahrer oder auch an dem Bus selbst?«, fragte er mich vorsichtig. Einen Moment war ich versucht, ihm von dem Schatten zu erzählen, der mich verfolgt hatte. Oder von dem seltsamen Erscheinungsbild des Fahrers. Doch ich entschloss mich, nichts von alledem zu sagen. Ich hatte es mir sicherlich nur eingebildet.

»Nein, mir ist nichts Seltsames aufgefallen. Nichts, was ihr nicht schon längst wisst. Ich erinnere mich nur daran, dass ich versucht habe, den Bus zu stoppen und anschließend aus der Frontscheibe geschleudert wurde.«, erklärte ich resigniert. Ich redete immer weiter, doch mein Vater schien allmählich die Geduld mit mir zu verlieren.

»Du hast Recht. Alles, was du mir gerade berichtet hast, haben wir selbst schon herausgefunden. Aber danke für deine Sicht der Dinge.«, unterbrach er mich.

Ich kannte meinen Vater gut genug, um zu wissen, dass unsere Unterhaltung über dieses Thema an dieser Stelle offiziell beendet war. Er würde mir keine weiteren Fragen stellen oder beantworten. So hatte er auch damals reagiert, als ich ihn über den Tod meiner Mutter ausgefragt hatte. Doch was er hier gerade tat, war noch schlimmer. Er rationalisierte die Dinge, wie er es immer tat, wenn Geschehnisse ihm zu nahe gingen. Das war ein Schutzmechanismus, den er sich im Laufe seiner langjährigen Laufbahn bei der Polizei zugelegt hatte. Er behandelte die Menschen nicht mehr wie Lebewesen, sondern wie Objekte, bei denen er einfach aufzählen konnte, an welchen Stellen sie kaputt gegangen waren. Ich hatte mir gerade eine gute Standpauke zurechtgelegt und wollte den Mund aufmachen, als die Tür des Krankenzimmers aufging und ein Arzt hereinkam. Er hatte schwarze Haare und ein glatt rasiertes Gesicht. Unter seinem Kittel trug er eine dunkle Jeans und ein weißes Shirt.

»Oh, Verzeihung, ich wollte niemanden stören. Carietta, wie ich sehe sind Sie aufgewacht. Das freut mich. Ich bin Doktor Hoke, Ihr behandelnder Arzt. Wie fühlen Sie sich? Sie haben schwere Verletzungen erlitten.«

»Mir geht es einigermaßen gut. Wie geht es meinem Freund? Ist er heil aus dem OP gekommen?«, fragte ich mit neu erwachtem Mut. Der Arzt sah mich mit einem forschenden Blick an und schien sich seine Antwort gut zu überlegen. Schließlich setzte er sich an mein Bettende und holte tief Luft.

»Ihr Freund ist dieser Junge namens Adrian, nicht wahr? Nun ja, er hat es lebend aus der Operation geschafft, sein Zustand ist aber immer noch kritisch. Wie Ihnen Ihr Vater vielleicht schon erzählt hat, hat Adrian viele Frakturen erlitten, darunter auch eine Schädelfraktur. Bei diesem Bruch wurden seine Sehnerven irreparabel geschädigt. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie wissen was genau das für ihn bedeutet.«, sagte er und machte eine kurze Pause, um erneut Luft zu holen. Ich begann zu verstehen was seine Worte bedeuteten und fühlte alle Farbe aus meinem Gesicht weichen.

»Nun ja, es bedeutet, dass dein Freund vermutlich nie wieder sehen können wird.«, beendete er seine Erklärung und sah mich mit eindeutig vorgetäuschtem Mitgefühl an.

Das hatte Adrian nicht verdient. Er hatte mir immer zur Seite gestanden. Mich immer verteidigt und dennoch hatte es ihn schlimmer getroffen als mich. Erst vor vier Tagen hatte er mich davor bewahrt, überfahren zu werden und nun würde er nie wieder in seinem Leben etwas sehen können? Das war nicht fair. Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel und sie blieb nicht allein. Ich ließ mich zurück in die Kissen sinken, auf einmal hatte mich meine ganze Kraft verlassen und die Tränen flossen ungehindert über meine Wangen.

»Es tut mir leid Sie in einem Moment der Trauer zu unterbrechen, aber die Kollegen von der Polizei stehen draußen vor der Tür. Sie würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu dem Unfall stellen…«, setzte der Arzt an, doch mein Vater unterbrach ihn barsch.

»Entschuldigen Sie bitte, Doktor... wie war der Name noch gleich? Ach ja, Hoke. Ich glaube meine Tochter ist sehr erschöpft und sollte sich noch etwas ausruhen, bevor ihr irgendwelche Fragen über den Unfall gestellt werden. Ich hoffe Sie verstehen das. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Nacht.«

»Aber natürlich. Ich werde den Beamten draußen Bescheid geben und morgen Vormittag nochmal nach Ihr sehen, wenn es in Ordnung ist. Eine gute Nacht allerseits.«

Mit diesen Worten stand Doktor Hoke auf und verließ das Zimmer.

»Carietta, du solltest jetzt schlafen. Ich werde nachher mit den Ärzten sprechen und dann gehen wir nach Hause. Ich glaube es ist besser für dich, dich in deinem eigenen Bett zu erholen als hier, in diesem sterilen Gebäude. Gute Nacht.«

»Dad?«

»Ja?«

»War das mit dem Bus wirklich nur ein Zufall?«

»Das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Du bist noch nicht bereit dafür. Auf dich wird noch Einiges zukommen. Das, was du bis jetzt mitgemacht hast, war noch nicht einmal der Anfang. Aber du musst jetzt schlafen. Du wirst deine Kräfte noch brauchen.«

Mein Vater stand auf und schaltete das Licht aus, vermutlich damit ich leichter einschlafen konnte, doch ich war hellwach. Zu viele Gedanken schossen mir in den Kopf. Ich konnte nicht aufhören, an Adrian zu denken und an die Worte, die mein Vater gerade zu mir gesagt hatte. Wofür würde ich meine Kräfte brauchen? Was war überhaupt passiert?

Ich blieb noch eine Ewigkeit reglos im Bett liegen und mit den ersten Sonnenstrahlen, die einen neuen, ungewissen Tag ankündigten, schlief ich schließlich ein, doch ein erholsamer Schlaf war es nicht.

Ich fühlte mich, als hätte ich die Augen nur für den Bruchteil einer Sekunde geschlossen gehabt und war dementsprechend müde, doch die Sonne stand bereits mitten am Himmel. Ich war allein in dem Zimmer und betrachtete ein paar Minuten einfach nur das Leben außerhalb der Glasscheibe, bevor ich den Entschluss fasste, dass ich aufstehen wollte. Langsam setzte ich mich auf und schlug die Decke zurück. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Beine von den Knien abwärts komplett verbunden waren. Das rechte war zusätzlich in einen weißen Gips gehüllt. An manchen Stellen zeichneten sich rote Schatten unter der obersten Schicht der Verbände ab, vermutlich nässten die Wunden. Ich betrachtete meine Arme. Hier waren nur einzelne, kleinere Verbände angebracht worden, unter denen sich ebenfalls rote Flecken zeigten. Ich hob vorsichtig meine Beine an, um die Schmerzempfindlichkeit zu überprüfen und musste feststellen, dass es fast gar nicht mehr weh tat. Also schwang ich die Beine langsam vom Bett und versuchte mit Hilfe der Krücken, die neben dem Bett bereitstanden, aufzustehen. Ein stechender Schmerz schoss meine Wirbelsäule entlang und ich sank zurück in die Matratze. Langsam versuchte ich wieder aufzustehen, es musste doch möglich sein. Ich stellte einen Fuß fest auf den Boden, dann den nächsten, stützte mich aber noch zusätzlich auf meinem Bett ab, aus Angst, wieder zusammenzubrechen.

»Einen Schritt nach dem anderen, du schaffst das.«, flüsterte ich mir selbst zu. Und tatsächlich schaffte ich es, zum Waschbecken zu laufen. Ich putzte mir zuerst die Zähne, bevor ich es wagte, mich im Spiegel zu betrachten. Meine Augen lagen tief in den Höhlen und ich sah abgeschlagen aus. Die Schramme über meiner Wange hatte mein Auge nur knapp verfehlt und war genäht worden. Meine Lippe war an einer Stelle aufgeplatzt und ich hatte allgemein einen kränklichen Hautton. Nur zögerlich traute ich mich, mir die Wunde an meiner Wirbelsäule anzusehen. Langsam schob ich mein schwarzes Shirt nach oben und sah das volle Ausmaß der Verletzung. Die Ärzte hatten zwar einen Verband angebracht, dieser umfasste allerdings meinen gesamten Brustkorb. Darunter konnte man die Schwellung und Rötung der heilenden Wunden erkennen.

»Carietta, du solltest noch nicht herumlaufen! Was denkst du dir bloß dabei?«, fragte mein Vater, der plötzlich im Türrahmen aufgetaucht war.

»Es tut mir leid, ich wollte nur sehen, wie schlimm es wirklich ist. Hast du mit den Ärzten geredet?«

»Ja, ich packe jetzt deine Sachen zusammen und wir fahren heim. Ich habe auch schon in der Schule angerufen und sie zeigen sich sehr großzügig. Sie geben dir alle Zeit, die du brauchst, um zu genesen. Du kannst währenddessen von zu Hause aus lernen.«

»Danke.«, sagte ich leise und schenkte meinem Vater ein trauriges Lächeln.

Nur zehn Minuten später saßen wir im Auto und fuhren zurück nach Hause. An der Haustür angekommen traute ich meinen Augen nicht. Auf den Treppen zum Eingang hinauf lagen überall Blumensträuße und Besserungskarten von Klassenkameraden und Freunden, alle an mich adressiert. Ungläubig blieb ich stehen. Sah es vor Adrians Haus genauso aus?

»Alles gut, ich mache das schon. Willst du sie in deinem Zimmer stehen haben?«, fragte mein Vater und riss mich abrupt aus meinen Gedanken. Ich nickte und hievte mich die Stufen hinauf bis zu meinem Zimmer. Als ich mich in mein Bett legte, fiel ich nach kurzer Zeit in den ruhigsten Schlaf, den ich seit langem hatte.

Die nächsten Wochen redete mein Vater noch weniger als sonst. Mein Handy war bei dem Unfall kaputt gegangen und so konnte ich Adrian vorerst nicht anrufen. Ich durfte das Bett nicht verlassen, außer wenn ich ins Bad musste, was irgendwann zu meiner Lieblingsbeschäftigung wurde. Auch Adrians Mutter schaute ein paar Mal vorbei und versicherte mir, dass er sich gut erholen würde, aber noch Zeit brauchte, um sich an seinen ›neuen Lebensstil‹ zu gewöhnen, wie sie es ausdrückte. Das war ihre Art mit Dingen umzugehen, sie redete sie einfach schön. Adrian schaute kein einziges Mal bei mir vorbei, vielleicht war das auch besser so, denn ich wusste nicht, ob mein Herz das ertragen könnte. Auch wenn ich ihn schrecklich vermisste, war es so vermutlich am besten. Und dann war es so weit. Nach endlosen Wochen durfte ich endlich wieder in die Schule. Ich vermisste die Freunde, die ich dort hatte und ich vermisste meinen normalen Alltag.

»Carietta, wach auf! Du kommst zu spät. Soll ich dich zur Schule fahren?«, fragte mich mein Vater, als ich stöhnend die Augen öffnete.

»Ja, das wäre sehr nett. Ich beeile mich auch.«, gab ich als Antwort und schlug die Decke zurück.

Zehn Minuten später saßen wir im Auto auf dem Weg zu meiner Schule. Es war ein bewölkter Tag, aber immerhin regnete es nicht. Ich sagte meinem Vater auf Wiedersehen, wünschte ihm einen schönen Tag und er versprach, mich nach der Schule abzuholen. Ich wurde freudig von meinen Klassenkameraden und Lehrern empfangen, die gar nicht mehr aufhören konnten, mich mit Fragen über den Unfall zu löchern. Problemlos fand ich mich im Unterricht ein, mein Alltag war endlich wiederhergestellt. Adrians Fehlen war dennoch deutlich spürbar, es lag wie ein Schatten auf dem Gesicht von jeder Person, die mit mir über das Unglück sprach. Der Schultag ging schnell vorbei und als die Klingel ertönte, glaubte ich zuerst gar nicht, dass ich schon wieder nach Hause konnte.

Ich lief hinaus auf den Parkplatz vor der Schule und wartete auf meinen Vater, der einfach nicht auftauchen wollte. Vermutlich hatte er mich wieder vergessen. Manchmal nahm ihn sein Job so in Beschlag, dass er alles andere vergaß, außer den Fall, den er in diesem Moment bearbeitete. Mit einem tiefen Seufzen entschloss ich mich schließlich dazu, nach Hause zu laufen. Ich war erst ein paar Schritte gegangen, als sich meine Nackenhaare aufstellten. Ruckartig drehte ich mich um und entdeckte im Wald eine schwarze Silhouette. Sie stand einfach nur da und beobachtete mich, wartete darauf, was ich tun würde. Ich versuchte, ruhig weiterzulaufen. Adrian hatte mit Sicherheit Recht gehabt. Es war bestimmt nur ein Spaziergänger oder jemand auf dem Weg zur Arbeit und ich hatte Hirngespinste. Die nächsten Meter drehte ich mich immer wieder um und als mir niemand folgte, beruhigte ich mich wieder ein wenig. Ich konnte bereits mein Haus erkennen, als der Himmel sich verdunkelte. Kleine Schneeflocken benetzen den Bürgersteig und mein Gesicht. Es war ein relativ warmer Tag gewesen, deswegen trug ich nur eine Jacke ohne Kapuze und so wurde ich ziemlich schnell nass, als Schneefall sich verstärkte.

»Carietta, endlich sind wir einmal unter uns. Es freut mich dich kennenzulernen.«, ertönte plötzlich eine Stimme hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um und blickte in das Gesicht eines jungen Mannes. Er war vielleicht 19 oder 20 und hatte schwarzes, lockiges Haar und tiefgrüne Augen, die an Tannennadeln erinnerten. Unter anderen, weniger angsteinflößenden Umständen hätte ich sein Gesicht mit den hohen, markanten Wangenknochen vermutlich attraktiv gefunden. Doch im Moment jagte er mir eine Heidenangst ein.

»Kenne ich Sie?«, fragte ich vorsichtig. Dieser Mann war mir nicht geheuer. Irgendetwas an ihm kam mir auf seltsame Weise vertraut vor.

»Ich fürchte nicht. Aber ich kenne dich. Du erinnerst dich doch bestimmt an das Busunglück vor ein paar Wochen? Das war ein wirklich schrecklicher Zufall an diesem Tag, nicht wahr? Und diese komische Tatsache, dass sie noch immer nicht feststellen konnten, welches Gift ihn umgebracht hat? Aber es ist etwas anderes, das dich nicht loslässt. Dieser Mann an jenem Morgen, du dachtest, er verfolgt dich und so falsch lagst du mit dieser Vermutung gar nicht.«, sagte er und stieß ein tiefes Lachen aus, das mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Plötzlich wurde mir bewusst, was er da gerade gesagt hatte. Wie konnte er das alles wissen, ohne selbst dort gewesen zu sein? Ich hatte nur Adrian davon erzählt.

In einem plötzlichen Anflug von Panik versuchte ich wegzurennen, doch ich war nicht so schnell, wie ich hätte sein müssen. Die Verletzung an meinem Rücken beeinträchtigte mich noch zu stark. Ich vergaß, auf den Boden zu schauen und rutschte auf einer vereisten Pfütze aus. Mit schmerzverzerrtem Gesicht landete ich geradewegs auf meiner Verletzung und krümmte mich in der Hoffnung, den Schmerz irgendwie lindern zu können.

»Das war ein erbärmlicher Fluchtversuch, ich hoffe das weißt du.«, spottete der Mann, als er langsam näher kam.

»Du bist viel wichtiger als du glaubst, das wirst du schon noch verstehen.«

Mit diesen Worten versetzte er mir einen gezielten Tritt ins Gesicht und beförderte mich ins Land der Träume.

3

Wach auf!«

»Siehst du, ich habe dir gesagt du hast zu fest zugetreten. Sie wird nicht mehr aufwachen. Das hast du mal wieder grandios gemacht! Wir brauchen sie bei Bewusstsein, um an den Filer zu gelangen und das weißt du! Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

Ich wollte meine Augen eigentlich nicht öffnen, zu groß war die Angst, was ich erblicken könnte oder was man dann vielleicht mit mir machte. Mein ganzer Körper brannte unerträglich und ich spürte das Pochen einer gigantischen Beule mitten zwischen meinen Augen. Die Stimme des einen Jungen hatte ich erkannt, als er das erste Wort gesagt hatte, es war der Schwarzhaarige, der mich auf meinem Nachhauseweg abgefangen hatte. Die zweite Stimme war mir nicht bekannt. Sie klang etwas tiefer, ihr Besitzer schien schon ein paar Jahre älter zu sein.

»Das stimmt nicht, wir brauchen sie nicht wirklich, um an den Filer zu gelangen, eigentlich brauchen wir nur die Halskette. Hast du sie ihr abgenommen, als ich sie hergebracht habe?«, fragt der jüngere Typ, dessen stechenden Blick ich noch immer vor meinem geistigen Auge betrachten konnte.

»Sie hatte keine bei sich. Ich dachte, das hättest du schon übernommen! Das darf doch wohl nicht wahr sein. Also brauchen wir sie doch, sie weiß vermutlich wo sich die Kette befindet. Und denk dran, wir wissen noch immer nicht, wo der Filer steckt. Versuch sie weiter wach zu bekommen, ich glaube nicht, dass sie tot ist. Vielleicht kann uns Cal weiterhelfen, ich rede mal mit ihm.«, gab der Ältere zurück und wenige Sekunden später hörte ich eine schwere Tür ins Schloss fallen. Warum war ich hier? Was hatte es mit diesem Filer auf sich? Wer waren diese Menschen und warum hatten sie mir hinterherspioniert? Tausend Fragen überschlugen sich in meinem Kopf, als der Junge, der im Zimmer geblieben war, plötzlich den Mund aufmachte und hörbar laut Luft holte.

»Ich weiß, dass du wach bist. Mach deine verdammten Augen auf und sag mir, wo die Kette ist.«, flüsterte er mir direkt ins Ohr. Kaum merklich zuckte ich zusammen, versuchte aber die Gänsehaut auf meinen Armen zu ignorieren und mich immer noch schlafend zu stellen, da ich einfach zu große Angst vor ihm und der ganzen Situation hatte. Für einige Minuten passierte nichts und ich war schon überzeugt, dass er vielleicht doch aufgegeben hatte, als mich plötzlich eine harte Ohrfeige traf. Erschrocken riss ich die Augen auf und holte zischend Luft.

»Na also. Versuch nicht, mich an der Nase herumführen zu wollen. Das funktioniert nicht. Wo ist die Kette?«, versuchte er es erneut und sah mich forschend an. Ich hatte Recht behalten. Es war der Junge, der mich ins Gesicht getreten hatte. Seine dunklen Locken hingen in Strähnen in seine Stirn und sein Blick war hart und unerbittlich, purer Hass traf mich. Ich schluckte schwer. Anscheinend musste ich am Mund geblutet haben, denn ein metallischer Geschmack füllte ihn und ich musste mich zwingen, nicht zu würgen. Ich musste auch ein paar Mal blinzeln, denn ich hatte eine Mischung aus Schweiß, Blut und geschmolzenem Schnee in meinen Wimpern kleben, die sich nun nach und nach löste. Ich spürte ein paar nasse Haarsträhnen auf meinen Wangen kleben und wollte sie wegwischen, doch ich konnte meine Arme nicht bewegen. Auch meine Beine rührten sich keinen Zentimeter. Als ich vorsichtig an mir herunterblickte sah ich, dass ich mit Metallschnallen an einer eisernen Trage befestigt war. Der Junge lachte leise.

»Oh nein, denk erst gar nicht daran zu fliehen, es ist zwecklos. Und selbst wenn du es irgendwie schaffen solltest, kommst du vielleicht zwei oder drei Schritte, bevor ich dich eingeholt habe. Die Tür ist verschlossen. Die Kette, wenn ich dich erinnern darf.«

»Ich weiß nicht, wovon du redest.« log ich und er schüttelte kaum merklich den Kopf, das Gesicht immer noch viel zu nah an meinem.

»Natürlich nicht. Hältst du mich eigentlich für komplett bescheuert, oder was? Deine Halskette! Wo ist sie?«, fragte er erneut und hob die Hand, vermutlich um wieder zuzuschlagen. Ängstlich drehte ich meinen Kopf von ihm weg und versuchte so, irgendwie dem drohenden Schlag zu entkommen.

»Ich weiß es nicht. Ich muss sie verloren haben.«, sagte ich so schnell ich konnte und seine Hand stoppte nur Millimeter entfernt von meiner Wange. Ein kalter Luftzug löste ein paar Strähnen von meinen Wangen. Langsam wandte er sich ab und stand auf. Er lief ein paar Schritte auf und ab, bevor er sich wieder mir zuwandte.

»Du hast sie verloren? Langsam müsstest du es doch verstehen. Du kannst mich nicht belügen Carietta. Ich kenne dich, besser als du dir vorstellen kannst und du würdest deine Kette nicht verlieren. Sie ist das einzige, das du noch von deiner Mutter hast. Sie ist zu wichtig für dich, als dass du sie einfach verlieren würdest. Aber ich habe eine Idee, wo sie ist. Du hast sie zu Hause, nicht wahr? Du warst vorgestern so spät dran, dass du vergessen hast sie anzulegen, habe ich Recht? Und jetzt liegt sie völlig allein bei dir im Badezimmer, während dein Vater und vermutlich das ganze Polizeirevier von Rosslyn vergeblich nah dir oder deiner Leiche suchen.«, antwortete er und sah mich forschend an. Mein entsetzter Blick schien für ihn Antwort genug, denn er nickte leicht und verließ den Raum, ohne mir noch einen letzten Blick zuzuwenden.

Wer war dieser Junge? Warum wusste er all diese Dinge über meine Familie und mich? Ja, ein paar meiner engeren Freunde wussten, dass ich nur diese Kette von meiner Mutter hatte. Wir waren nicht arm oder etwas in der Art, aber sie hatte nie wirklich Wert auf materielle Dinge gelegt. Für sie hatte ein gut gekochtes Abendessen mehr wert als ein Diamantring, und das war eine Eigenschaft, die ich schon immer an ihr geschätzt hatte. Aber woher wusste er, dass meine Mutter meinen Namen ausgesucht hatte? Sie hatte meines Wissens nach immer nur im engsten Familienkreis damit geprahlt, sich gegen meinen Vater durchgesetzt zu haben. Vorgestern. Ich war schon seit zwei Tagen weg? Der Junge hatte Recht. Mein Vater hatte mit Sicherheit schon das gesamte Revier alarmiert. Ich war niemand, der viel und lange wegging und normalerweise meldete ich mich, wenn ich über Nacht bei jemandem schlafen wollte, ich war schließlich schon achtzehn. Aber ich hatte auch kein Handy bei mir. Mein Vater hatte keine Chance mich zu orten oder anderweitig zu erreichen. Ich war komplett auf mich allein gestellt, in einem Raum, der mir einen Schauer über den Rücken jagte, gefesselt, und nur darauf wartend, dass der Junge zurückkam und die dunklen Mordfantasien auslebte, die er sich im Moment sicherlich zusammenreimte. Panik ergriff mich. Ich versuchte energisch, mich aus den Fesseln zu winden, doch die scharfen Metallkanten schnitten in meine Hand- und Fußgelenke. Ich spürte warmes Blut meinen Arm herunterlaufen und gab schließlich auf. In diesem Raum musste es doch eine Möglichkeit geben, wie ich mich befreien konnte. Fieberhaft suche ich jeden Winkel ab. Ein Waschbecken. Ein OP-Tisch, direkt neben der Bahre auf der ich festgeschnallt war. Kahle, dunkelgraue Wände ohne Fenster. Eine grelle Neonröhre, die den ganzen Raum in ein kaltes, unheimliches Licht tauchte. Da. Meine Chance. Auf dem OP-Tisch lag eine Fernbedienung mit einem großen, gelben Knopf in der Mitte. Ein dünnes, schwarzes Kabel schlängelte sich über den Tisch und verschwand unter meiner Bahre, aber ein kleines Stück des Kabels baumelte frei in der Luft, nah genug, um es mit meinem Mund zu fassen zu bekommen. Ich biss in das Kabel und zog daran. Die Fernbedienung schlug mit einem dumpfen Knall auf dem Boden auf.

Schnell zog ich Stück um Stück an dem Kabel, die Fernbedienung kam immer näher. Endlich konnte ich den Knopf mit meinem Kinn drücken und tatsächlich, die Fesseln sprangen auf. Erleichtert setzte ich mich auf und rieb mir die blutigen Handgelenke, als ich das Schloss der Türe hörte.

Ich wurde panisch, hatte keine Ahnung was ich tun oder wo ich hin sollte und so blieb ich wie angewurzelt auf der Bahre sitzen. Die Tür schwang auf und ein mir unbekannter Mann kam herein. Seine Haare waren blond, wirkten aber ein wenig dreckig. Er hatte eine Narbe, die schräg über seinen Mund verlief, auf dem sich ein kleines Grinsen abzeichnete. Zuerst sah er mich herausfordernd an, wartete ab was ich tun würde und als ich aufsprang und verzweifelt Richtung Tür rannte, fing er mich mühelos ab und hielt mich fest.

»Du hast dich doch tatsächlich befreit, das hätte ich nicht erwartet. Du bist raffinierter als du aussiehst. Leider darf ich dich nicht frei herumlaufen lassen. Aber keine Sorge, sterben wirst du nicht. Zumindest nicht, bis wir den Filer haben.«

Ich erkannte die Stimme. Es war der Mann, der sich vorhin mit dem schwarzhaarigen unterhalten hatte. Panisch versuchte ich, mich von ihm wegzudrücken und davonzurennen, doch sein Griff wurde nicht lockerer. Ohne mit der Wimper zu zucken hob er mich hoch und trug mich aus dem Raum. Er lief einen dunklen Gang entlang, Tür um Tür, bis wir schließlich an einer Reihe dicker Stahltüren ankamen. Der Mann fummelte an einem Schlüsselbund an seiner Hose herum und zog schließlich einen großen, schwarzen Schlüssel hervor, mit dem er die Tür öffnete und mich hineinwarf, als wäre ich ein Sack Kartoffeln. Mit einem lauten Knacken landete ich auf dem harten Boden und stöhnte. Ich war zwar zuerst auf meinem Arm gelandet und bestimmt war auch nichts gebrochen, doch mein ganzer Körper war immer noch angeschlagen. In meinen Ohren rauschte das Blut und die Beule auf meiner Stirn pochte noch stärker als zuvor. Ohne ein weiteres Wort schloss der Mann die Tür vor meiner Nase und ich hörte ihn davongehen.

Die Zelle war dunkel. Nur ein paar winzige Lichtstrahlen fielen durch die Schlitze in der Tür und ein winzig kleines Fenster in einer Wand ins Innere. In einem Eck stand ein kleines Bett mit einer dünnen Matratze darauf und Bettsachen, die sehr benutzt aussahen. In einem anderen Eck stand ein altes Waschbecken, das schon Risse und Löcher aufwies und ein Eimer, der vermutlich als Toilette dienen sollte.

Zitternd stand ich auf und bewegte vorsichtig meinen Arm. Nichts gebrochen. Ich war immer noch komplett durchnässt und in der Zelle war es deutlich kälter als in dem anderen Raum. Langsam lief ich zu dem Bett und setzte mich darauf. Sie federte kaum und ich spürte deutlich den Schmerz an meiner Wirbelsäule. Als mein Blick zu dem Fenster wanderte sah ich, dass direkt gegenüber ein anderes Gebäude aus grauem Beton errichtet worden war, das jeglichen Blick auf die Umgebung versperrte. Wieder kamen viele Fragen auf. Wer waren diese Männer? Was hatte Ich was sie wollten? Ging es meinem Vater gut? Was hatte meine Mutter mit all dem hier zu tun?

Ich bekam Kopfschmerzen. Von zu vielen Gedanken, zu vielen Dingen die keinen Sinn ergaben und von der Beule auf meiner Stirn. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens gab ich den Kampf gegen die Kopfschmerzen auf und ließ mich an die kalte Wand hinter mir sinken. Mein Vater hatte Recht gehabt, ich brauchte meine Kraft, und zwar sehr. Deswegen schloss ich meine Augen und versuchte zu schlafen. Nach langem, krampfhaftem Verharren sank ich schließlich in einen unruhigen Schlaf.

»Hey du, wach auf! Wir müssen hier weg.«

Langsam öffnete ich die Augen. Mein Nacken schmerzte, da ich an der Wand gelehnt hatte als ich eingeschlafen war und ich brauchte eine Minute, um mich zurechtzufinden. Der Junge, der mich geweckt hatte, besaß schwarze Haare und blaue Augen, die mich interessiert musterten. Auf seiner Stirn klaffte ein großer Schnitt, aus dem Blut sickerte. Er war ein gutes Stück größer als ich und komplett in schwarz gekleidet. In seiner Hand hielt er ein Messer von mindestens 40 Zentimeter Länge, die andere streckte er nach mir aus. Augenblicklich wich ich zurück und hielt schützend die Hände vor mein Gesicht.

»Bitte, lass mich in Ruhe. Ich will nur nach Hause. Bitte tu mir nichts.«, bat ich ihn leise, in der stillen Hoffnung, doch noch lebend von hier wegzukommen.

»Alles gut, ich will dich von hier wegbringen. Wie heißt du?«, fragte er sanft.

»Carietta.«

»Ich bin Jesper. Es freut mich, dich kennenzulernen. Darf ich dich Cari nennen? Geht schneller.«, fragte er freundlich. Ich nickte nur, vollkommen mit der Situation überfordert.

»Gut, dann komm jetzt Cari. Ich musste mehr als einen Wärter umlegen, um hierher zu kommen. Das ist die einzige besetzte Zelle im ganzen Gebäude, deswegen bin ich hier. Wir müssen uns beeilen. Ich weiß, dass du mir nicht vertraust und das nehme ich dir nicht übel, aber was ich dir übel nehmen werde ist meine Gefangenschaft und mein unausweichlicher Tod, wenn du dich nicht endlich bewegst.«, sagte er eindringlich und streckte die Hand noch weiter nach mir aus.

Sollte ich ihm vertrauen? Ich kannte ihn nicht, kein bisschen. Aber konnte es wirklich schlimmer werden, als es sowieso schon war? Ich musste meinen Vater finden und mehr über meine Vergangenheit herausbekommen. Vielleicht konnte er mir dabei helfen.

»Ich werde es bereuen, oder?«, fragte ich ironisch.

»Vielleicht. Aber noch mehr bereuen wirst du es hier sitzen zu bleiben und darauf zu warten was passiert.«

Mit diesen Worten ergriff ich zögerlich seine Hand, er zog mich auf die Füße und gemeinsam rannten wir aus der Zelle und den dunklen Gang entlang.

Nach der Hälfte des Weges ertönten hinter uns Stimmen. Ich schaute mich um und entdeckte Männer, die uns nachliefen.

»Stehen bleiben! Sofort!«, rief einer der Männer. Es war der dunkelhaarige Junge, der mich vor meiner Schule abgefangen hatte.

Eine ohrenbetäubende Alarmanlage ertönte und überall im Gang gingen rote, blinkende Lichter an.

»Bloß nicht stehen bleiben! Du kannst dir nicht vorstellen was die dir antun, wenn sie dich jetzt in die Hände bekommen. Beeil dich!«, rief mir Jesper zu, der ein paar Meter vor mir rannte und jede Tür aufstieß, die unseren Weg versperrte. Als ob ich wirklich stehen geblieben wäre.

»Wir haben es gleich geschafft. Nur noch ein paar Türen!«, fügte er hinzu, als etwas knapp an meinem Ohr vorbeiflog. Nur wenige Meter vor mir bohrte es ein kugelrundes Loch in die Tür, die Jesper nur Sekunden später aufstieß.

»Die schießen auf uns!«, rief ich ihm zu, was ihn noch schneller werden ließ. Er rannte durch eine Tür nach der nächsten und ich konnte schon Tageslicht erspähen. Eigentlich hatte ich keine Kraft mehr, meine Ausdauer war am Ende, doch dieser kleine Hoffnungsschimmer hier heil herauszukommen, beflügelte mich derartig, dass ich noch ein wenig an Tempo zulegte. Weitere Geschosse zischten an meinem Ohr vorbei und verfehlten Jesper und mich nur knapp. Er hatte mittlerweile einen großen Vorsprung vor mir und den anderen und hastete bereits durch den letzten Durchgang, als plötzlich ein anderes Signal erklang. Wände begannen sich aus Spalten zu schieben und die Durchgänge zusätzlich abzuriegeln. Ich versuchte mich noch mehr zu beeilen, doch meine Beine wurden unaufhaltsam müder und langsamer.

»Cari, los! Du schaffst das!«, rief mir Jesper aufmunternd zu. Er hatte es bereits hinter die letzte Abriegelung geschafft und streckte beide Hände nach mir aus. Panisch blickte ich nach hinten und sah, dass die Männer uns nicht mehr verfolgten. Ich wollte zuerst abbremsen, doch schlagartig fielen mir die Sicherheitsabriegelungen wieder ein. Ich würde es nicht schaffen. Die Tür war zu weit weg und ich war zu langsam. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hechtete ich mich nach vorne und griff nach Jespers Händen. Schnell zog er mich zu sich und mit einem lauten Knall schloss sich die Tür hinter uns. Ich hörte noch ein paar Schüsse, die jedoch wirkungslos gegen das Metall prallten, bevor jegliche Geräusche hinter den Abriegelungen verstummten.

»Du hast es geschafft!«, sagte Jesper freudig und ließ mich ruckartig los. Ich nickte nur. Ein komisches Gefühl beschlich mich. Ich verspürte auf einmal einen starken Schmerz an meinen Rippen. Vermutlich Seitenstechen. Ich war eine so hohe Belastung nicht gewöhnt. Als ich die Stelle berühren wollte, um sie sanft zu massieren, wurde meine Hand von einer warmen Flüssigkeit umfangen und ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Brustkorb. Entsetzt schaute ich auf meine Hand und auch Jesper schien es bemerkt zu haben, denn alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Meine Hand war voll mit Blut und auch mein Oberteil war blutdurchtränkt. Eine der vorbeifliegenden Kugeln musste mich getroffen haben und ich hatte es durch den Adrenalinschub gar nicht gemerkt. Meine Knie wurden weich und ich sank zu Boden. Plötzlich war ich zu erschöpft, um überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen. Jesper kam mir zur Hilfe, damit ich nicht komplett zusammenbrach und hielt mich im Arm.

»Alles wird gut. Du wirst überleben. Alles wird gut.«, flüsterte er sanft in mein Ohr.

Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Mir fiel es schwer zu atmen und ich krümmte mich zusammen. Mit letzter Kraft schaute ich in seine tiefblauen Augen, versuchte mich an sie zu klammern, bevor mich der Schmerz endgültig übermannte und alles um mich herum dunkel und still wurde.

4

Blaue Augen. So strahlend blaue Augen. Immer wieder erschien vor meinem inneren Auge Jespers Gesicht. Sein aufmunterndes Lächeln. Seine Hände, die mich schützend an ihn zogen, als die Sicherheitstüren sich schlossen. Ich kannte diesen Jungen erst seit so kurzer Zeit und doch kam er mir auf seltsame Weise vertraut vor. Ich wusste nicht, was es war, aber irgendetwas verband mich mit ihm. So viel war in den vergangenen Wochen passiert, was ich nicht erklären konnte, geschweige denn richtig verarbeitet hatte und es fraß mich innerlich auf. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte waren meine Schritte auf grauem Beton. Die Sicherheitstüren, die sich knapp hinter mir schlossen. Der sengend heiße Schmerz. Dunkelheit.

»Wer bist du? Was ist mit Carietta passiert? Was hast du ihr angetan?«

»Sie wurde angeschossen.«

»Hast du etwas mit ihrer Entführung zu tun? Ist das dein Werk?«

»Würde ich sie sonst herbringen?«

»Warum bist du nicht sofort ins Krankenhaus gefahren! Was kann ich schon von hier aus tun?«

»Das erkläre ich Dir später. Können wir bitte ins Haus. Sie sind hinter uns her.«

Ich erwachte keuchend, als mir ein Glas eiskaltes Wasser mitten ins Gesicht gekippt wurde. Ich lag in meinem Bett, die rosa Decke vertraut und weich unter meinen Fingern. Links von mir saß mein Vater, rechts von mir stand Jesper mit einem Glas in der Hand.

»Ich habe doch gesagt sie wacht davon auf.«, sagte mein Vater und wandte sich wieder Jesper zu.

»Mag sein, aber ein gutes Gefühl hatte ich dabei trotzdem nicht. Sie hätte einen Schock erleiden können.«, gab er mit einem mitleidigen Blick in meine Richtung zurück.

Mit einem Schulterzucken verließ mein Vater das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ich sah ihm verwundert nach. Warum hatte er mich nicht eines Blickes gewürdigt oder ein Wort an mich gerichtet, sondern war einfach gegangen? Vorsichtig tastete ich meine Seite ab. Ich konnte einen dicken Verband unter meinen Fingern erahnen. Auch Jesper sah meinem Vater noch einen Moment nach, bevor er sich wieder mir widmete. Ich setzte mich auf.

»Hey, bleib liegen. Der Schuss hat dich zwar nur gestreift, verletzt bist du aber trotzdem ziemlich schwer. Du hast viel Blut verloren, das ist deinem Kreislauf nicht gut bekommen. Erinnerst du dich noch an alles?«, fragte er sanft.

Ich nickte und ließ mich wieder in die Kissen sinken. Es war kälter geworden, das spürte ich sogar durch das geschlossene Fenster. Grelles Licht fiel ins Zimmer, vermutlich hatte es erneut stark geschneit.

»Warum hast du mich nicht ins Krankenhaus gebracht?«, fragte ich leise. Ich erkannte meine Stimme fast nicht wieder. Sie war brüchig und so dünn, als könnte sie vom kleinsten Windhauch weggeweht werden. Er holte tief Luft und schaute mich eindringlich an, als könnte er mir so die Antwort mitteilen.

»Ich war auf dem Weg dorthin doch kurz vor dem Eingang habe ich die Typen gesehen, die uns verfolgt haben. Sie haben auf uns gewartet. Vermutlich arbeitet das ganze Krankenhaus für sie. Also bin ich ins Auto gestiegen und habe so lange auf dich eingeredet, bis du mir deine Adresse verraten hast. Dein Vater war nicht sehr begeistert, als ich mit dir im Arm vor seiner Tür stand. Er hätte mich fast verhaftet.«

»Was ist hier eigentlich los? Warum passiert das alles?«, fragte ich ihn. Er überlegte lange Zeit, als müsste er überlegen, wie viel er mir anvertrauen konnte. Sein Blick huschte immer wieder zwischen dem Fenster und mir hin und her.

»Ich weiß es nicht. Hast du eine Ahnung, warum sie dich entführt haben? Haben sie irgendetwas gesagt?«

Ich erkannte die Lüge in seinen Worten, doch ich beschloss, das Spiel mitzuspielen, das er soeben begonnen hatte.

»Nein, nicht direkt. Sie sagten etwas von einer Halskette, die ich von meiner Mutter geschenkt bekommen habe, eine Namenskette, und dass sie sie dringend brauchen würden. Sie haben etwas von irgendeinem Filer gesagt. Was ist das? Was wollen die von mir?«