Glück. Allein. - Julia Zweig - E-Book

Glück. Allein. E-Book

Julia Zweig

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Beschreibung

Ein Roman für die sogenannten Millenials von Julia Zweig. Ein kluger Roman für Frauen, die vor der Jahrtausendwende geboren wurden - mit klarem Blick für die Realität und einer Portion Witz! Kind ja – Mann nein! Laura, Ende dreißig, erfolgreich im Beruf, könnte eigentlich zufrieden sein mit ihrem Leben. Aber während ihre Freundinnen Kinder bekommen, bleibt ihr Wunsch nach einem Baby unerfüllt. Weil kein Mann in Sicht ist, mit dem sie eine konventionelle Familie gründen könnte, macht sie sich auf die Suche nach einem Vater für ihr Kind – ohne Sex, ohne Liebe, ohne Stress. Nur eine Bedingung sollte er erfüllen: Er muss Verantwortung für das Kind übernehmen. Auf der Suche nach dem idealen Vater muss Laura einige gruselige Kandidaten abwehren - und am Ende erkennen, dass auch ein perfekt ausgearbeiteter Plan nicht viel taugt, sobald Gefühle ins Spiel kommen. Ein witziger und charmanter Roman über Kinderwunsch und die Suche nach dem richtigen Vater und die perfekte Lektüre für Frauen, die vor der Jahrtausendwende geboren wurden – klug, selbstbewusst und scharfsinnig! "Es ist vermutlich einfacher, mich in einen Strom heißer Lava zu locken, als mich dazu zu bringen, einen Liebesroman zu lesen. Julia Zweig hat es dennoch geschafft — mit einer Protagonistin, die so stark, klug, nahbar und auch so lustig ist, dass ich beim Lesen vermutlich alle ICEs dieses Landes vor Lachen zusammengeschrieen habe. Lest unbedingt dieses Buch!" Jasmin Schreiber "Dieses Buch hat so mich so fröhlich gemacht, dass ich überlege, mit ihm ein Kind zu adoptieren." Sophie Passmann

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EPUB
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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Julia Zweig

Glück. Allein.

(K)ein Liebesroman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

»Ich höre das Ticken. Seit Jahren höre ich das Scheißticken. Tick tack. Sollte ich es mal dazwischen kurz nicht gehört haben, brachte mich meine Frauenärztin wieder drauf, mit ihren besorgt zusammengezogenen Augenbrauen und ihren Fragen, ob ich denn immer noch vorhätte, und mittlerweile vielleicht einen Partner? Ach so, nicht, na, das sei aber schade. Oder meine Freundinnen, die reihenweise Kinder zur Welt bringen. Oder meine Mutter, die mir regelmäßig versichert, ich hätte doch wirklich noch Zeit, heutzutage sei eine Schwangerschaft mit Anfang vierzig nichts Ungewöhnliches mehr.«

Laura, Ende dreißig, erfolgreich im Beruf, könnte eigentlich zufrieden sein mit ihrem Leben. Wäre da nur nicht der Wunsch nach einem Kind. Weil kein Mann in Sicht ist, mit dem sie eine konventionelle Familie gründen könnte, macht sie sich kurzerhand auf die Suche nach einem Vater für ihr Kind  – ohne Sex, ohne Liebe, ohne Stress. Aber ihr perfekter Plan fürs freundschaftliche Co-Parenting geht nicht so auf, wie sie sich das vorgestellt hat.

Inhaltsübersicht

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Für T.

Kapitel 1

Jetzt ist es mir schon wieder passiert. Erst als die Verkäuferin mich anspricht, bemerke ich es so richtig: Ich bin nicht im Kaufhaus, wo ich eigentlich hinwollte. Ich stehe in einem Laden für Kinderklamotten und schaue mir sehr kleine rote Turnschuhe an.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Äh, danke, ich komme zurecht.«

Tu ich auch. Ehrlich, ich komme zurecht. Ich bin zwar achtunddreißig und Single mit Kinderwunsch, aber damit komme ich auch zurecht. Ich habe nämlich einen Plan. Aber es wird dauern, den umzusetzen, deshalb muss ich hier erst mal einen unauffälligen Rückzug einleiten. Denn momentan gibt es kein Kind in meinem Leben, dem diese zauberhaften Schuhe in Kolibrigröße passen würden.

Im Vorbeigehen gucke ich noch ein paar Mützchen an, dann stehe ich wieder auf der Straße. Ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken, dass ich wie ferngesteuert abgebogen und in diesen Laden gegangen bin. Das sind die Hormone, Hormone sind eine Himmelsmacht, da kann man nichts machen. Und meine Hormone brüllen: Hörst du das Ticken?! Das ist deine biologische Uhr!

Ich höre das Ticken. Seit Jahren höre ich das Scheißticken. Tik tack. Sollte ich es mal kurz nicht gehört haben, brachte mich meine Frauenärztin wieder drauf, mit ihren besorgt zusammengezogenen Augenbrauen und ihren Fragen, ob ich denn immer noch vorhätte und mittlerweile vielleicht einen Partner  …? Ach so, nicht, na, das sei aber schade. Oder meine Freundinnen, die reihenweise Kinder zur Welt bringen. Oder meine Mutter, die mir regelmäßig versichert, ich hätte doch wirklich noch Zeit, heutzutage sei eine Schwangerschaft mit Anfang vierzig nichts Ungewöhnliches mehr.

Wo ich allerdings den Mann dafür finden soll, weiß sie auch nicht recht.

Aber wie gesagt, ich habe einen Plan. Und wenn ich jetzt schnell was zu essen hole und dann zurück ins Büro gehe, kann ich wahrscheinlich noch fünf Mails beantworten, ehe ich zum nächsten Termin muss. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr.

Tik tack.

In einem Punkt bin ich genau wie all die anderen Frauen um die vierzig, die neulich mit mir im Wartezimmer der Kinderwunschklinik saßen: Ich arbeite gern. Und viel. Mit meinem Hosenanzug und meinem Laptop habe ich mich im Wartezimmer auch nahtlos eingefügt. Leider habe ich keine Ahnung, wie die anderen dort es geschafft haben, neben der Arbeit noch einen Mann kennenzulernen  – ich lerne zwar echt viele Männer kennen, aber von den meisten bekomme ich als Erstes den Lebenslauf in die Hand und muss den bewerten. Als Nächstes sitze ich mit ihnen im Bewerbungsgespräch, wo jeder noch viel aufgeregter ist als beim ersten Date. Dann muss ich auch noch mit ihren potenziellen Vorgesetzten darüber reden, welchen Eindruck der Bewerber hinterlassen hat. Nichts zerstört Attraktivität zuverlässiger. Klar, wenn die Bewerber kompetent und sympathisch genug sind, dass wir sie einstellen, könnte ich sie sowieso nicht mehr daten. Kollegen sind für mich tabu. Aber ich will es dann auch nicht mehr. Egal, wie attraktiv ich das Foto fand und wie warm die Stimme, wenn ich mal wegen einer Rückfrage angerufen habe  – immer finde ich einen Haken. Keinen kleinen Haken, nein, einen großen Haken, eine richtige Fußangel. Mittlerweile weiß ich natürlich auch, wie man die am schnellsten findet. Eine Berufskrankheit. Manchmal wundere ich mich, dass es überhaupt Personalchefinnen gibt, die glücklich verheiratet sind.

Außer mit ihrem Job natürlich.

An der Salattheke des Kaufhauses werfe ich so viel Schafskäse, eingelegte Tomaten und kalte Fusilli in die Plastikschüssel, dass »Salat« es eigentlich nicht mehr so ganz trifft. So mag ich »Salat« nämlich am liebsten: als kaltes Nudelgericht. Noch während ich zurück ins Büro gehe, klingelt mein Handy. Es ist die Durchwahl unserer Justiziarin, die im Nebenberuf  – das ist viel wichtiger  – meine Freundin ist. Ich hebe ab und höre Johanna lachen.

»Hallo?«

Johanna japst und lacht weiter.

»Hallo, Johanna? Ist das ein medizinischer Notfall?«

»Das ist eine gute Frage! Aber wer braucht den Arzt, er oder ich?«

»Wer ist denn er? Kannst du bitte etwas flüssiger erzählen?«

»Jaha! Also, er ist ein Reisegast, und er hat eine Beschwerde.«

»O toll, raus damit!« Johanna kriegt immer die tollsten Beschwerden. Dass es in der Antarktis kalt war, ist mein bisheriger Favorit, aber der Spinner, der unbedingt mit Flipflops auf einen Vulkan in Vanuatu steigen musste und sich anschließend beklagte, ihm seien die Sohlen geschmolzen, hat auch für immer einen Ehrenplatz in der Liste unserer Lieblingsgäste.

»Er ist in der Wüste vom Kamel gefallen.«

»Oh, ist ihm was passiert?«

»Ja und nein.« Johanna kichert schon wieder los. »Er hat sich nix getan, Sand ist ja weich. Aber jetzt schreibt mir seine Anwältin, ihr Mandant habe mit dem Selfiestick gerade ein Livevideo für Facebook aufgenommen. Der Sturz vom Kamel habe ihn lächerlich gemacht, jetzt will sie eine Entschädigung von uns, weil sein Marktwert als Influencer dadurch gefallen sei.«

»Okay, kommen wir zu den wirklich wichtigen Fragen: Ist das Video noch online?«

»Leider nicht! Ich hab natürlich sofort gesucht. Uns bleibt nur die Vorstellung.«

»Und hat er die leiseste Chance, damit durchzukommen?«

»Nö. Denn, du wirst staunen, es gibt da einen Präzedenzfall  …«

»Zu Stürzen von Kamelen?!«

»So ist es. Das Amtsgericht München hat damals geurteilt, dass das unter allgemeines Lebensrisiko fällt.«

»Blöd für ihn. Wie viel wollte er denn?«

»Das ist eigentlich das Lustigste daran, sie schreiben: ›Statt einer finanziellen Entschädigung würde mein Mandant auch eine Woche in einem Fünfsternehotel auf den Seychellen oder Malediven akzeptieren.‹«

»So ein cleveres Kerlchen. Was antwortest du?«

»Ich überlege noch. Vielleicht schreibe ich ihm, da wir eine Agentur für Eventreisen sind, haben wir solche Hotels nicht im Programm. Ich könnte ihm allerdings zwei Übernachtungen in einem Hängezelt an einer Steilwand des Dachsteins anbieten.«

»Gott ja, bitte mach das. Ich will sehen, ob er es annimmt.«

Zufrieden sitze ich wenig später an meinem Schreibtisch und mampfe, während ich den Termin beim Oberchef vorbereite. Oberchef heißt: Ich arbeite bei einem familiengeführten Reiseunternehmen. Der Oberchef hat seinen Job geerbt, weil sein Vater die Firma vor sechzig Jahren gegründet hat. Aber sicherheitshalber haben die beiden einen Zwischenboden eingezogen, meinen Chef, der sich eigentlich besser auskennt, weil er auch schon mal in anderen Firmen gearbeitet hat.

(Der Oberchef behauptet steif und fest, er hätte das auch gerne gemacht, aber man habe ihm aus Angst vor Betriebsspionage in der Branche keinen Job geben wollen. In einer Schraubenfabrik hätte er Erfahrungen sammeln können, aber das habe er dann doch abgelehnt. Die meisten Kollegen glauben, seine Bewerbungen hätten damals auf die Funktion »geschäftsführender Praktikant« abgezielt und seien deshalb nicht von Erfolg gekrönt gewesen.)

Im Grunde teilen sich Chef und Oberchef den Laden fair auf: Der Oberchef kümmert sich um seine Herzensangelegenheiten, der Chef um alles andere. Da der Chef wiederum nicht dazu neigt, Herzensangelegenheiten zu entwickeln, weil sein Herz einzig und allein für Zahlen schlägt, funktioniert das ganz gut. Aktuelle Herzensangelegenheit des Oberchefs: die Jobrotation. Die Hälfte aller Mitarbeiter soll innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Woche in einer anderen Abteilung verbringen, um die Abläufe besser kennenzulernen. Und da sind wir auch schon mittendrin im Schlamassel. Denn ich muss ihm gleich erklären, warum das nicht so gut laufen wird.

Strahlend empfängt er mich in seinem Büro. Vielleicht ist es auch nur das Licht, das mir so ins Gesicht knallt, denn er sitzt quer zu einer gewaltigen Fensterfront mit schönstem Blick auf den Main, in dem sich jetzt, zur Mittagszeit, weißgolden die Sonne spiegelt. Zwei Sekunden lang bin ich geblendet, dann sehe ich: Er lächelt tatsächlich.

»Frau Färber! Wir sprechen heute über die Jobrotation, richtig?«

»Richtig! Ich habe hier eine erste Auswertung der Wünsche der Mitarbeiter.«

»Und, haben sich alle was Schönes ausgesucht?« Das schwarze Leder seines Bürostuhls knarzt, als er sich zurücklehnt.

»Ich denke, wir sollten die Verteilung anders organisieren.«

»Aber Frau Färber!« Sofort hängt er wieder vorne auf seiner Stuhlkante. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Freiwilligkeit entscheidend für den Erfolg dieses Projekts ist!«

»Und ich war Ihrer Meinung«, antworte ich. »Vielleicht darf ich Ihnen erst mal zeigen, wofür die Mitarbeiter sich entschieden haben.« Ich schlage meine blaue Mappe auf und hole eine ausgedruckte Tabelle hervor. Der Oberchef will immer alles ausgedruckt. »Also, mir sind die Gründe dafür nicht ganz klar, aber zwanzig Mitarbeiter wollen in die Lohnbuchhaltung.«

Diesmal knarzt nicht der Stuhl, sondern sein Besitzer. »Ach. Das geht natürlich auf keinen Fall! Wie kommen die denn darauf?«

»Ich vermute, sie hatten die Idee, ihre Gehälter auf diese Weise mal mit denen der anderen vergleichen zu können.«

»Die Lohnbuchhaltung ist von der Rotation ausgenommen. Das hätten Sie den Mitarbeitern sagen müssen!«

»Wir wollten doch bewusst keine Einschränkungen dazuschreiben, damit sie sich in ihren Wünschen frei fühlen können.«

»Ja, meinetwegen, dann müssen die zwanzig sich eben was anderes überlegen. Teilen Sie ihnen das mit.«

»Gut. Dann habe ich hier die Wünsche von den Reiseplanern, die sind  … nicht sehr originell.«

»Nämlich?«

»Also, bis auf eine wollen alle einfach nur in einen anderen Kontinent. Afrika will Nordamerika, Asien will Europa, Ozeanien will Südamerika und so fort.«

»So habe ich mir das aber nicht vorgestellt! Die sollen was ganz anderes lernen, in der Unternehmenskommunikation, in unserem Reiseführerverlag, meinetwegen sogar in der Rechtsabteilung! Und die eine, wo will die hin? Ins Marketing?«

»In die Lohnbuchhaltung. Das ist eine von den zwanzig.«

Der Oberchef sieht plötzlich sehr müde aus. Als wären alle Muskeln in seinem Gesicht auf einmal erschlafft.

»Frau Färber, haben Sie manchmal das Gefühl, als Erzieherin im Kindergarten zu arbeiten?«

»Manchmal. Aber dann fällt mir wieder ein, dass wir die Leute bezahlen.« Der Gedanke scheint ihm den Rest zu geben, er verdreht die Augen, ich spreche schnell weiter. »Und mich bezahlen Sie unter anderem dafür, dass ich diese Aktion irgendwie rette, also machen Sie sich keine Gedanken, ich werde die Mitarbeiter mit sanftem Druck zu ihrem Glück zwingen.«

»Machen Sie das, in Gottes Namen.«

»In Ihrem Namen werde ich das machen, Oberchef«, murmele ich, als ich die Tür hinter mir schließe.

So läuft es also im Kindergarten? Dann ist das mit dem Kind vielleicht doch keine so gute Idee. Ich zweifle ja sowieso immer wieder daran. Aber dann kommt mir auf der Straße eine Schwangere entgegen, und ich bin augenblicklich sicher: Das will ich auch. Okay, vielleicht nicht unbedingt die Schwangerschaft selbst. Auch Gebären klingt grauenvoll, genauso wie die ersten Monate, kein Schlaf, immer Geschrei. Aber später dann. Wenn die Kinder anfangen zu reden, wenn sie mit ihren kurzen Beinen wackelig losrennen und stundenlang Tiere anstaunen wollen. Das stelle ich mir toll vor.

Mein Handy brummt. Es ist eine SMS von meiner Mutter, der ich gestern am Telefon von meinem Kummer erzählt habe. Sie hat versucht, mich aufzumuntern. Achtunddreißig sei doch heutzutage gar nicht mehr alt für eine Mutter. Die hat leicht reden, bei meiner Geburt war sie zehn Jahre jünger als ich jetzt. Aber offenbar ist ihr noch ein Argument eingefallen:

Laura, deine Urgroßmutter Friederike hat mit zweiundvierzig noch ein Kind bekommen. Und die war Jahrgang 1900! Okay, der Junge war ein Depp, aber immerhin Akademiker.

Ich brauche eine Weile, um draufzukommen, dass sie meinen Großonkel Hans meint. Er ist tatsächlich ein Depp, da hat sie recht.

Aber mein Kind wird natürlich super. Wenn es doch nur schon da wäre. Einstweilen muss ich eben an Erwachsenen üben. Und eine Mail aufsetzen, in der ich die Mitarbeiter freundlich daran erinnere, dass wir eine Agentur für Eventreisen sind und auch sie deshalb ruhig mal ein bisschen Aufregung wagen dürfen bei ihrer Rotation.

Kapitel 2

Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht allen Freunden zu erzählen, was ich vorhabe. Schon gar nicht Dominik, dem alten Besserwisser. Deshalb weiß ich nicht recht, wie es passieren konnte, dass ich jetzt neben ihm auf einem Baumstamm sitze und über künstliche Befruchtung rede. Eben waren wir noch mit den Rennrädern unterwegs und wollten nur eine kurze Pause machen, und gerade wird sie immer länger. Warum ich nicht aufhöre zu reden, weiß ich allerdings: Dominik schaut mich derart entgeistert an, dass ich mich provoziert fühle, ihn noch ein bisschen mehr mit medizinischen Details anzuekeln. Wir waren mal ein Paar, deshalb weiß ich genau, dass er äußerst ungern darüber nachdenkt, dass Frauen keine Feen sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Dass er inzwischen selbst zwei Kinder mit meiner Nachfolgerin Miriam hat, konnte daran nichts ändern: Dominik ist bei beiden Geburten im Kreißsaal rechtzeitig in Ohnmacht gefallen, um sich seine Illusionen zu erhalten. Während Miriam drinnen alleine presste, nuckelte er draußen an einer Cola, um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Was angesichts solcher Szenen so verrückt daran sein soll, dass ich direkt ohne Partner plane, möchte ich gern mal wissen.

»Aber einen biologischen Vater braucht das Kind doch«, sagt Dominik.

»Genau. Es kriegt sogar einen richtigen Vater, der es mit mir gemeinsam aufzieht. Nur eben abwechselnd mit mir. Wir werden keine Beziehung haben.«

»Aha. Ich weiß ja nicht. Willst du dir nicht lieber einen richtigen Freund suchen?«

»Das hab ich ja versucht, Dominik. Aber du weißt selbst, dass ich es mit den Typen nach dir nie länger als zwei Jahre ausgehalten habe.«

»Mit mir auch nur drei.« Er klingt etwas beleidigt.

»Das musst du relativ sehen.«

»Wie denn?«

»Na, relativ gesehen warst du bisher die große Liebe meines Lebens.« Ich unterdrücke ein Kichern.

»Ja, gut. Da sollte dann wirklich noch was anderes kommen.«

Manchmal fragen mich Leute, warum wir immer noch zusammen Radfahren gehen, obwohl wir doch kein Paar mehr sind. Die Erklärung ist ganz einfach: Dominik fährt mit mir, weil er ziemlich zugelegt hat, seit er Vater ist, und seine coolen Rennradfreunde ihn immer abgehängt haben. Ich fahre mit Dominik, weil es ab und zu nett ist, mit jemandem zu reden, der mich zwar mag, aber gleichzeitig völlig desillusioniert von mir ist.

»Eigentlich ist es ganz praktisch«, sagt er. »Du kannst dir den besten Typen aussuchen und bist nicht durch Verliebtheit geblendet.«

»Das hab ich zuerst auch gedacht. Aber erstens wird mich dafür die Sympathie blenden, und zweitens glaube ich, dass das ganz gut ist. Ich meine, stell dir mal vor, ich bekäme ein Kind mit einem grundsoliden Mann, der ein bisschen gefühlskalt oder phlegmatisch ist. Am Ende wird das Kind dann auch noch so.«

»Du möchtest also lieber ein Kind von einem sympathischen Künstlertypen, der keinen festen Job hat, nicht kochen kann und dauernd Strafzettel kriegt?«

»Nee. Er sollte schon ein richtiger Erwachsener sein. Nicht dass ich am Ende doppelt Mama spielen muss.«

»Aber was suchst du denn dann? Muss er gut aussehen? Soll das Kind blond werden?«

»Das Aussehen ist mir egal, ich muss ja nicht mit ihm ins Bett. Er darf nicht launisch sein, das hasse ich. Zuverlässigkeit ist wichtig. Ein stabiles Gemüt muss er haben. Humor kann auch nicht schaden. Aber wir müssen keine gemeinsamen Interessen haben. Ob er in seiner Freizeit Formel Eins schaut, Fliegenfischen geht oder Playstation spielt, interessiert mich nicht.«

»Die besten Männer sind natürlich die, die Rennrad fahren.«

»Natürlich.«

Wir gucken auf unsere Räder, bewegen uns aber beide noch nicht. Der Anstieg hierher war ziemlich steil.

»Du suchst also eigentlich einen ganz normalen Typen. So wie mich«, sagt Dominik.

»Fast. Ich suche einen, der so anständig ist wie du, den ich aber noch nicht verschlissen habe.«

»Na, dann suchst du hoffentlich überregional.« Er steht auf und gibt mir einen Schubs. »Komm schon, von hier an geht’s eh nur noch abwärts.«

Zu Hause stelle ich mich unter die heiße Dusche und ziehe dann nur einen Bademantel an. Die Welt will heute nichts mehr von mir, ich kann mit Keksen auf dem Sofa vor dem Fernseher vor mich hin dämmern. Es mag ja sein, dass ich ein bisschen spät dran bin für ein Kind, aber dafür würde zu meinem Lebenswandel ein Baby wirklich ausgesprochen gut passen. Ich gehe kaum noch aus, ich fahre nicht spontan in Urlaub, und ich habe keine Angst vor Dehnungsstreifen. Als meine beste Freundin Sophie ihr erstes Kind bekam, war sie Mitte zwanzig und jammerte mir vor, dass ihre Brüste nie mehr so stehen würden wie vor der Schwangerschaft. Ich dagegen hatte jetzt lange genug stehende Brüste und würde sie gern gegen ein Baby eintauschen. Zumal mir die vergangenen Jahre gezeigt haben, wie sehr einem festes Bindegewebe dabei hilft, eine stabile Beziehung aufrechtzuerhalten und Herausforderungen im Beruf zu meistern: absolut überhaupt kein kleines bisschen.

Barfuß laufe ich durch meine Wohnung. Zwischen dem Schlafzimmer und der Küche liegt ein winziges Arbeitszimmer, das ich eigentlich fast nur nutze, um den Wäscheständer dort aufzustellen. Ein Bettchen und eine Wickelkommode passen da schon rein, wenn ich dafür meinen Schreibtisch rauswerfe  – ich brauche ihn sowieso nicht, ich kann auch mit einem Laptop am Esstisch arbeiten. Neben mein Bett würde so ein Babybalkon passen, damit ich nachts nicht immer aufstehen muss. Da hänge ich dann ein Mobile drüber, damit das Kind was zum Angucken hat, und lege eine Spieluhr daneben, die »Guten Abend, gut Nacht« spielt, und ich beziehe die kleine Matratze sonnengelb. In mein Bett lege ich so ein tolles wurstförmiges Stillkissen, mit dem kann man wahrscheinlich ähnlich gut kuscheln wie mit einem Mann, und über zu wenig Decke beklagt es sich auch nicht. Das Stillkissen muss außerdem hübsch sein. Also, für Erwachsene hübsch. Ich hab diese Stillkissen mit kleinen Elefanten oder Flugzeugen drauf nie verstanden. Das Baby checkt doch eh noch nicht, was das für Dinger sind. Da könnte die Nikomachische Ethik von Aristoteles in bunten Buchstaben draufgedruckt sein, der Effekt wäre der gleiche.

Ich habe mein ganzes Luftschloss also schon ziemlich detailliert geplant. Manchmal sitze ich da und grüble, ob ich zu viel grüble. Ich weiß schon, das klingt nach einer klaren Beweisführung. Aber meistens komme ich zu dem Schluss, dass ich nicht sorgenvoll, sondern einfach nur gern gut vorbereitet bin. Und wenn ich mich zu sehr in etwas reinsteigere, muss ich mich eben ein bisschen ablenken. Ich trotte zum Sofa und rolle mich darauf zusammen. Im Fernsehen läuft eine dieser schrecklichen Kreißsaal-Sendungen. Das ist sicher gut gegen Kinderwunsch.

Trotzdem fange ich nebenbei an, auf einem Notizblock eine Anzeige zu entwerfen.

Vater gesucht

Nee, das klingt, als suchte ich meinen eigenen Vater, dabei lebt der im Odenwald und ruft regelmäßig an. Noch mal.

Suche Vater, biete Eizelle

Gott, nein.

Suche Mann mit Kinderwunsch

Hm, das könnte gehen. Aber machen wir uns nix vor, wenn ich diese Anzeige richtig hinbekommen will, brauche ich Hilfe von zwei Menschen: einem, der mich richtig gut kennt, und einem, der zur Zielgruppe gehört. Ich greife zum Handy und schreibe meiner besten Freundin Sophie.

Ich weiß, dass das sonderbar klingt, aber könntest du dich nächste Woche mit mir treffen und Oscar fragen, ob er dazukommt?

Oscar ist ein alter Freund von Sophie, der mir mal besoffen auf einer Party anvertraut hat, dass er gern ein Kind hätte und nicht weiß, wie er es anstellen soll.

Huch, was hast du vor? Willst du ein Schneeballsystem starten?

 

So ähnlich.

 

Alles klar, also, gar nichts klar, aber einverstanden. Ich lass Oscar irgendeine Bar aussuchen und sag dann Bescheid.

 

Toll, danke! Geht’s euch allen gut?

 

Ach ja. Der Keuchhusten ist überstanden, und ehe die nächste Läusewelle kommt, schaffe ich es wahrscheinlich, sämtliche Matratzenschoner zu waschen. Spannend, oder?

 

Sehr spannend. Ich liege auf dem Sofa und gucke fern.

 

Trinkst du wenigstens Wein dabei?

 

Nein, wieso?

 

Trink Wein! Trink Wein, solange du weißt, dass du nicht um 4:40 Uhr von einem Kind geweckt wirst, das Kakao will.

 

Wäre das nicht erst recht ein Grund für Wein?

 

Das wäre ein Grund für Grappa, intravenös, aber ich hab eine gewisse Vorbildfunktion zu erfüllen.

 

Na gut. Dann machen wir das nächste Woche in der Bar!

Kapitel 3

Vor den Grappa haben die Götter das Grauen gesetzt. Deshalb verbringe ich einen guten Teil meiner Arbeitswoche damit, das Projekt Jobrotation zu retten. Ich bitte verschiedene Abteilungen um eine Kurzbeschreibung ihrer Arbeit und muss nur die des Reiseführerverlags noch mal zurückgeben mit dem Hinweis, das Ganze solle schon auch attraktiv klingen. Dann schreibe ich den Kollegen, sie mögen ihre Wünsche überdenken, und hänge die Beschreibungen an. Am Ende der Woche habe ich fast alle in Abteilungen vermittelt, die dem Oberchef genehm sind. Mit Ausnahme eines besonders hartnäckigen Kandidaten aus der Asien-Abteilung, der unbedingt nach Amerika rotieren will und auf meine genervten Fragen nach seinen Gründen nur wolkige Antworten hat. Also frage ich Johanna. Die weiß immer alles. Und auch diesmal enttäuscht sie mich nicht.

»Konrad Hoffmann? Der ist in Ami-Susanne verknallt«, sagt sie wie aus der Pistole geschossen, als ich das Thema anschneide. Ami-Susanne heißt die Kollegin hausintern, um Verwechslungen mit Aussie-Susanne auszuschließen.

»Aha. Weiß sie davon?«

»Keine Ahnung.«

»Aber woher weißt DU denn davon?«

»Aus der Kaffeeküche.«

»Toll. Damit stehe ich jetzt also vor der Entscheidung, der Mitarbeiterin einfach einen Typen in die Abteilung zu schicken, der sie rund um die Uhr kuhäugig anschaut, oder sie vorher zu fragen, ob sie von seiner Schwärmerei weiß und ob es ihr recht ist.«

»Sie ist verheiratet, soweit ich weiß.«

»Stimmt ja, auch das noch. Ist er wenigstens Single?«

»Glaube schon. Eine andere Kollegin hat ihn neulich auf Tinder gesehen.«

»Okay, das war jetzt mehr Information, als ich haben wollte. Vielen Dank. Falls du noch mehr intime Details aus seinem Leben kennst, will ich sie nicht wissen!« Ich fuchtele mit den Händen, um sie zum Schweigen zu bringen, und verlasse schnell ihr Büro.

Ich habe keine Ahnung, wie ich dieses Problem elegant lösen soll. Konrad Hoffmann scheint ein wirklich netter Kerl zu sein, aber wenn er die Rotation nur zum Flirten nutzen will, nutzt das der Abteilung nicht gerade. Und ich will der Mitarbeiterin keinen potenziellen Stalker ins Büro setzen.

Weil das Projekt erst in ein paar Wochen starten soll, vertage ich die Suche nach einer Lösung. Bis dahin muss mir einfach etwas einfallen. Sophie und Oscar sitzen schon mit bunten Getränken an der Bar, als ich zu unserer Verabredung eintreffe. Ich bin aufgeregt, und ich habe ein Notizbuch und einen Kugelschreiber eingesteckt, was sich ein bisschen lächerlich anfühlt. Es ist doch kein Meeting. Immer muss ich alles so generalstabsmäßig vorbereiten.

Oscar begrüßt mich herzlich, und Sophie umarmt mich mit dem ganzen Enthusiasmus einer Mutter, die endlich mal wieder einen freien Abend in einer Bar verbringt. Dass ich nicht mehr oft ausgehe, liegt schon auch daran, dass fast alle meine Freundinnen Kinder bekommen haben. Manche sind auch noch aufs Land gezogen, was unsere Freundschaft nicht gerade vertieft hat. Sophie hingegen hätten keine zehn Pferde dazu gebracht, in einen Vorort zu ziehen  – nur unsere Verabredungen, die müssen wir jetzt eben oft auf den Spielplatz, in den Zoo oder in die Turnhalle zu einem Volleyballspiel ihrer Ältesten legen.

Sophie und Oscar warten anstandshalber ab, bis ich ein Glas Weißwein vor mir habe. Aber dann wollen sie es doch wissen.

»Jetzt sag schon, warum sind wir hier?«, fragt meine Freundin.

»Wüsste ich auch gern. Ich freu mich, dich zu sehen, aber die Konstellation ist, ähm, ungewöhnlich«, sagt Oscar.

»Ja, stimmt. Also, es ist so.« Schnell stürze ich das halbe Glas Wein in mich hinein. »Ich wünsche mir ein Kind. Es wird zeitlich knapp, und an Liebe glaube ich nicht mehr. Deshalb möchte ich einen Mann finden, der es mit mir zeugen und aufziehen will. Einen schwulen Mann, die anderen haben ja biologisch keine Schwierigkeiten, die können mit sechzig noch Vater werden. Da wäre mir das Risiko zu groß, dass der Mann noch mal eine eigene Familie gründet und von unserem Kind nichts mehr wissen will. Und jetzt brauche ich eure Hilfe beim Formulieren der Anzeige, mit der ich den Mann suchen will.«

Ich verstumme und schaue die beiden an. Oscar macht große Augen, während Sophie nach meinem Weinglas greift und es austrinkt.

»Das war mein Wein«, sage ich.

»Ja, aber man kann Campari-Soda schlecht exen. Entschuldigung.« Sie winkt dem Barkeeper und dreht sich dann zögerlich wieder in meine Richtung. »Ich sag jetzt einfach, was ich denke, ja? Mir fallen auf der Stelle zwanzig Arten ein, wie das in einer Katastrophe enden kann. Aber wie ich dich kenne, hast du über die alle schon nachgedacht und wirst versuchen, sie auszuschließen. Außerdem fallen mir auch bei jeder neuen Liebesbeziehung zwanzig Wege in die Katastrophe ein, und das hat noch nie jemanden davon abgehalten. Und bei neuen Lieben sage ich auch erst mal, dass ich mich freue, was ich eben irgendwie vergessen habe, weil ich so überfordert war, also, ich wollte sagen: Ich freu mich.« Sie nimmt meine Hand. »Ich freu mich, das wird alles super, und bitte hör nicht auf mich, ich bin ’ne Spießerin.«

»Bist du nicht!«

»Also ich bin kein Spießer, und ich find’s trotzdem krass«, sagt Oscar.

»Dabei hast du mich auf die Idee gebracht! Du hast mir vorletztes Jahr auf einer Party gesagt, du hättest gern ein Kind, und das wäre die einzige Lösung für dich.«

»Ich, ein Kind?« Oscar guckt erschreckt.

»Da warst du noch mit Stefan zusammen und voll auf dem Familientrip«, sagt Sophie.

»Puh, ja, das kann sein. War ich sehr betrunken?«

»Schon.« Ich verkneife mir die Bemerkung, dass er auf jeder Party bodenlos betrunken ist. Außerdem bin ich erleichtert, dass er seine Meinung offenbar geändert hat  – er wäre nämlich aus genau diesem Grund nicht als Vater infrage gekommen.

»Das erklärt einiges. Vergessen wir das, ich weiß jedenfalls genau die richtige Website für dich!« Oscar sprüht schon wieder vor Begeisterung. »Sie heißt Gay for it, da sind nur Männer aus dem Rhein-Main-Gebiet, ein Leipziger bringt dir ja nichts. Es gibt Kleinanzeigen, und die werden sogar gelesen, weil sie oft so crazy sind.«

»So crazy wie meine.«

»Ja, na ja.« Er prostet mir zu und grinst.

»Du hast noch nie was Verrücktes gemacht«, sagt Sophie.

»Na, herzlichen Dank.«

»Du weißt, wie ich das meine! Du gehst keine Risiken ein, du überlegst dir alles genau. Wenn du das vorhast, ist es nicht verrückt, sondern nur unkonventionell.«

»Ich schreib das gleich mit, diese Argumente werde ich brauchen, um es meinen Eltern beizubringen.«

»Aber ich muss dich in einem Punkt warnen.« Sophie hebt mahnend den Zeigefinger, um ihn dann in meine Schulter zu piksen. »Diese ganze Vorausplanerei, auf die du so stehst, diese lückenlose Ausarbeitung von Plan B und Plan C und Plan D  – das wird aufhören, wenn du ein Kind hast. Kommst du damit klar?«

»Du findest, ich bin zu perfektionistisch für ein Kind?«

»Nicht zu perfektionistisch, eher zu  …«

»Unflexibel«, springt Oscar ihr bei.

»Ist das euer Ernst? Oscar, du kennst mich doch kaum!«

»Ja, und sogar mir ist es schon aufgefallen.«

»Ich sage doch überhaupt nicht, dass du deswegen keine gute Mutter sein könntest!«, sagt Sophie. »Ich will dich nur darauf vorbereiten, dass alles chaotisch wird und trotzdem super sein kann.«

»Hmpf.« Ich bin ein bisschen beleidigt. »Ich bin vielleicht nicht besonders flexibel, aber was ist denn gegen gute Planung einzuwenden? Und ist fünf alternative Pläne zu haben nicht fast so gut, wie flexibel zu sein?«

»Wenn du dann mit Plan F genauso zufrieden bist, klar«, sagt Sophie.

»Ich finde das mit den Plänen nicht so schlecht«, erklärt Oscar. »Mal ganz realistisch, du wirst mit dem Vater haufenweise Vereinbarungen und Listen und gemeinsame Kalender haben müssen, da kannst du nicht einfach alles ad hoc entscheiden.«

»Seht ihr!«

»Was wir also eigentlich brauchen, ist ein Typ, der ähnlich tickt wie du.«

Ich ziehe mein Notizbuch aus meiner Tasche. »Genau. Und wenn wir das jetzt noch irgendwie wertschätzend formulieren könnten, damit der Mann nicht denkt, ich suche eine Selbsthilfegruppe für Perfektionisten, wäre es mir sehr recht.«

»Das bekommen wir schon hin«, sagt Sophie. »Aber erst brauchen wir alle noch was zu trinken.«

Eine Stunde später steht in meinem Büchlein zwischen tausend durchgestrichenen Wörtern, Sternchen und Ausrufezeichen:

Suche Mann für Co-Elternschaft

Du möchtest ein Kind und weißt nicht, wie? Geht mir genauso. Bin Single-Frau, achtunddreißig, und suche einen Mann, der mit mir ein Kind zeugt und aufzieht  – ohne Liebesbeziehung, aber freundschaftlich und verlässlich. Wenn du bis fünfzig Jahre alt bist, dein Leben im Griff hast und glaubst, dass Erziehung ohne Humor nicht funktioniert, könnte das ganz gut klappen. Ich freue mich auf deine Nachricht.

»Ist das konkret genug?«, fragt Sophie. »Willst du nicht noch irgendwas Genaueres reinschreiben?«

»Was denn zum Beispiel?«

»In normalen Kontaktanzeigen steht immer, man soll tierlieb sein«, sagt Oscar.

»Ich bin gegen Katzen und Hunde allergisch. Ich hoffe, der Mann ist nicht allzu tierlieb.«

»Wie er aussieht, ist dir wirklich ganz egal?«

»Also wenn er wirklich sehr dick wäre, würde ich mir Sorgen machen, dass er nicht alt wird. Aber das ist ja kein ästhetisches Kriterium, mir geht’s nur um seine Gesundheit.«

»Was ist mit Rauchen?«

»Könnte ich mir als Partner nicht vorstellen, aber wenn er nur ab und zu eine raucht, während das Kind bei mir ist, wäre das auch okay.«

»Okay, allmählich verstehe ich, warum die Suche nach einem Vater tatsächlich einfacher sein könnte als die nach einem Partner«, sagt Sophie. »Die Zielgruppe ist kleiner, aber es kommen mehr davon infrage.«

»Das sagst du jetzt. Warte mal ab, bis Laura anfängt, die Bewerber auszusortieren. Das wird lustig.«

»Ich werde einfach auf meinen Bauch hören«, verkünde ich. »Schließlich spielt mein Bauch in der ganzen Sache eine entscheidende Rolle.«

Sophie und Oscar tauschen einen bedeutungsvollen Blick, den ich beim besten Willen nicht interpretieren kann.

Kapitel 4

Erst zwei Wochen später beginne ich eine leise Ahnung davon zu gewinnen, was meine Freunde in diesem Moment gedacht haben. Da sitze ich nämlich am Küchentisch, erstelle Checklisten und erwäge ernsthaft, ein Klemmbrett anzuschaffen. Wie beim Arzt, wo man am Empfang ein Formular ausfüllen muss. Welche Krankenkasse? Beruf? Name des Hausarztes? Vorerkrankungen? Bitte ankreuzen, j/n.

Schnell habe ich eine ganze Seite voller Fragen beisammen. Dann will ich die unwichtigsten streichen, aber ich finde sie eigentlich alle wichtig. Bauchgefühl hin oder her, ich muss doch wissen, ob der Mann einen Schufa-Eintrag hat! Andererseits wusste meine Mutter das über meinen Vater wahrscheinlich auch nicht so genau, als sie geheiratet haben. Es ist ja kein klassisches Small-Talk-Thema. Was hat sie damals wohl am meisten interessiert?

Seufzend lege ich den Kugelschreiber hin und rufe sie an. Es gibt da allerdings eine kleine Komplikation: Meine Mutter weiß noch nichts von meinem Plan. Deshalb muss ich meine Frage nach ein paar Minuten Plaudern sehr vorsichtig anmoderieren.

»Sag mal, wenn du dir damals einen Vater für mich hättest backen können, welche Eigenschaften hätte der gehabt?«

»Also, ich fand deinen Vater ganz prima. Ich hätte keinen anderen gewollt!«

»Na ja, aber du warst eben auch verliebt. Gab es irgendwelche Eigenschaften, die du an ihm vermisst hast? Oder etwas, das dich gestört hat?«

»Dass er mich direkt nach deiner Abifeier verlassen hat, das hat mich gestört.«

»Und als er noch da war? Komm, irgendwas muss dir doch einfallen! Du idealisierst ihn im Nachhinein!«

»Ja, ist ja gut! Er hätte mehr Verantwortung übernehmen können. Immer war ich dafür zuständig, wenn dir deine Schuhe zu klein geworden waren oder du für eine Klassenarbeit lernen musstest. Das hat mich geärgert.«

Ich mache mir eine Notiz. »Okay. Noch was?«

»Warum willst du das alles wissen? Erstellst du eine Ehemann-Wunschliste?«

»Ähm, nee. Nur so. Ich grübele halt.« Yay, nur halb gelogen.

»Mach dir nicht immer so viele Sorgen. Wenn der richtige Mann vor dir steht, weißt du Bescheid! Nur keine Eile. Andrea Sawatzki ist achtundfünfzig und hat ein Kind von vierzehn.«

»Andrea Sawatzki sieht aus, als hätte sie ihr ganzes Leben Yoga und Salat gewidmet. Wahrscheinlich ist die körperlich erst Ende zwanzig.«

»Aber Gianna Nannini war fünfzig und hat bestimmt viel Kuchen und Eis gegessen!«

»Genau. Und dazu Fruchtbarkeitshormone, die bis heute den Tiber verseuchen.«

Kurz überlege ich, ob ich ihr erzählen soll, was ich vorhabe. Aber wenn ich einen Vater gefunden habe, ist dafür ja immer noch genug Zeit. Also beende ich das Gespräch lieber. Ich finde es oft am besten, meine Mitmenschen vor vollendete Tatsachen zu stellen, statt vorher alles mit ihnen zu besprechen.

Deshalb bist du jetzt auch achtunddreißig und Single, sagt eine böse kleine Stimme in meinem Kopf.

Halt die Klappe, zische ich zurück. Dann nehme ich ein zweites Blatt Papier und schreibe »Wie willst du die Verantwortung teilen?« darauf.

 

Auf die Treffen mit den Kandidaten bin ich bestens vorbereitet. Aber auf die Zuschriften, die mich per Mail erreichen, konnte mich nichts vorbereiten. Schon als ich zum ersten Mal in das eigens dafür eingerichtete Postfach schaue, habe ich Herzrasen. Was, wenn Menschen mich beschimpfen für meine Idee? Ich weiß zwar nicht, was es da zu beschimpfen gäbe, aber das ist immer noch das Internet. Was, wenn keiner dabei ist? Das wäre noch viel schlimmer. Ich war mir so sicher, dass ich auf diesem Weg jemanden finden würde. Vielleicht hab ich mir das alles zu einfach vorgestellt. Jetzt, kurz bevor ich erfahre, ob ich in einer Sackgasse stecke oder ob es hier weitergeht, bekomme ich Schweißausbrüche. Ich ziehe meinen Pullover aus, schüttele mich und atme tief durch. Dann öffne ich die erste Mail.

Ich war mal eine Weile auf einem Online-Datingportal, da bekam ich ein paar sehr plastische Nachrichten dazu, welche Körperteile des Absenders mich gern als Erstes kennenlernen würden. Das hier ist ganz anders, zum Glück, aber auch bizarr: Ich bin jetzt mit den Erziehungsvorstellungen anderer Menschen konfrontiert. Und Oscar hatte recht  – es fällt mir sehr leicht auszusortieren.

»… ist mir vegane Ernährung auch bei meinem Nachwuchs sehr wichtig  …«

»… möchte ich mein Kind gern auf das hervorragende Internat schicken, auf dem ich selbst war  …«

»… erachte ich Disziplin als entscheidend bei der Erziehung, obwohl freundliche Zuwendung natürlich nicht zu kurz kommen darf  …«

»… würde ich den Lebensmittelpunkt des Kindes bei dir sehen, da ich viel herumreise  …«

»… freuen mein Lebensmensch und ich uns schon auf das Getrappel von kleinen Füßchen  …«