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Fortsetzung des Romans "Glück auf Bewährung." Nach dem versuchten Suizid liegt Helenas Leben in Trümmern. Weder ihr Mann Maximilian noch ihre Töchter Ines und Julia zeigen Verständnis für ihre Tat. Unterstützung bekommt sie von Oscar, ihrer Jugendliebe und dem Vater von Julia. Mit Oscar fängt sie ein neues und glückliches Leben in ihrer alten Heimat an. Viel zu früh wird sie durch einen tragischen Unfall aus dem Leben gerissen. Oscar bekommt Trost von seiner Tochter, die erst jetzt die ganze Wahrheit erfährt.
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Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Am frühen Nachmittag war Maximilian nach Hause gekommen. Er war müde, hungrig und freute sich auf das gemeinsame Mittagessen mit seiner Frau. Heute sollte es sein Lieblingsessen gegeben. Wenn Helena Kohlrouladen machte, fertigte sie immer mehrere auf einmal an, um sie für die Tage einzufrieren, an denen sie nicht genug Zeit zum Kochen hatte.
Eigentlich mochte er seit vielen Jahren das Sonntagsessen am liebsten: Klöße, Rouladen und Rotkohl. Öfter gab es vorweg noch eine Hühnersuppe mit Nuddeln, die Helena selbst machte.
Als er Helena kennlernte, lernte er auch eine neue Küche kennen. Seine Mutter kochte zwar ebenfalls gut, aber eben anders. Ganz schnell hatte er sich dann umgestellt und die schlesischen Gerichte als sehr gut gefunden. Wenn er dann später für ein paar Tage zu Hause gewesen war, musste er sich wieder auf Mutters Essen umstellen. Helena dagegen mochte das, was seine Mutter manchmal gekocht hatte, nicht besonders gern. Sie hatte es ihr auch gleich ehrlich gesagt, und so hatte es nie Probleme gegeben.
Maximilian erinnerte sich an jenen Sonntag, an dem Helena gekocht hatte. Niemand durfte die Küche betreten. Und als sie damit fertig war, durften alle am gedeckten Tisch Platz nehmen. Es gab Rouladen, zwei Sorten Klöße und Rotkohl. Mit Spannung wartete Helena auf ein Urteil. Für den Fall, dass niemand ihre Klöße hätte essen wollen, hatte sie heimlich auch noch Kartoffeln gekocht, die sie aber in der Küche versteckt hielt. Es freute sie, dass alles sehr gut geschmeckt hatte. Am meisten wurde sie vom Schwiegervater und vom Schwager gelobt.
Maximilians Bruder meinte: „Da hast du dir was eingebrockt. Jetzt wollen wir jeden Sonntag Klöße essen. Und die Kartoffeln kannst du den Schweinen geben.“
„Welche Kartoffeln?“, fragte Helena scheinheilig.
„Ich habe gesehen, dass du welche, sozusagen für alle Fälle, gekocht hast.“
„Ja, ich gebe es zu. Ich wollte nicht, dass jemand hungern müsste, und über die Klöße hätten sich die Schweine bestimmt auch gefreut.“
Maximilian fiel ein Erlebnis ein, das ihn erneut hat schmunzeln lassen. In den Semesterferien war er mit Helena wieder einmal im Hause seiner Eltern. Die waren an einem Wochenende ihre Verwandten besuchen. Helena sollte die Schweine und Hühner versorgen und das Mittagessen kochen. Sein Bruder rief Helena in den Hühnerstall, und sie sollte ein Huhn aussuchen, das in den Kochtopf wandern sollte. Als er von ihr verlangte, dass sie es schlachtete, war sie dem Weinen nah. Letztendlich musste Helena es dann nur noch rupfen. Zum Glück hatte sie schon öfter gesehen, wie ihre Schwiegermutter das machte. Das Huhn war gerupft. Jetzt sollte sie es ausnehmen. Sie weigerte sich und hatte damit gedroht, kein Mittagessen mehr zu machen. Maximilian übernahm schließlich das Ausnehmen und Zerteilen.
Am Abend bekam Helena einen Eimer in die Hand – es war Zeit, die Kühe zu melken. Sie hatte große Angst vor der Kuh und wollte erst gar nicht, dass man ihr zeigt, wie das Melken geht. Stattdessen hatte sie angeboten, das Sieben der Milch, das Füllen der Milchkannen und den ganzen Abwasch danach zu übernehmen. Damals wurden die Kühe noch per Hand gemolken.
Als Maximilians Eltern zurückgekommen waren und fragten, wie die zwei Tage für Helena gewesen seien, beklagte sie sich nicht. Erst als ihr Schwager und Maximilian angefangen hatten zu erzählen, wie es wirklich gewesen sei, gab es viel zu lachen. Beide hatten zugegeben, dass sie Helena hatten auflaufen lassen und prüfen wollen. Sie waren sich einig, dass Helena die Prüfung bestanden hatte.
Maximilian erinnerte sich ebenso an Helenas Backkünste: Mit der Zeit hatte sie gelernt, die besten Torten und andere Kuchen zu backen. Wenn sie bei Maximilians Eltern Urlaub machten, hatte sie ihre Rezepte dabei. Seine Mutter hatte immer nur einen Hefekuchen mit Streusel gebacken. Wenn der Kuchen frisch war, schmeckte er gut, abgesehen davon, dass der Kuchen ganz hoch war. Für Helena war er aber zu trocken. Sie mochte keinen trockenen Kuchen. An einem Wochenende hatte sie dann selbst gebacken. Es gab Käsekuchen mit Mandarinen und einen Eierlikörkuchen. Beide Kuchen wurden mit Appetit aufgegessen.
Sogar seine Mutter meinte: „Endlich mal was anderes.“ Aus ihrem Mund bedeuteten solche Worte eine große Anerkennung.
Jetzt aber genug mit den Erinnerungen, sagte Maximilian zu sich selbst. Den halben Tag hatte er bei einem Bekannten gearbeitet. Gemeinsam hatten sie unzählige Meter Zaun gezogen. Nachdem sie fertig waren, wurde Maximilian zum Mittag eingeladen, aber er wollte schnell nach Hause und mit Helena essen.
Heute war der letzte Tag, an dem er gearbeitet hatte – nach fast einem Monat würde er ab morgen endlich mehr Zeit für Helena und für sich haben. Sie war damit einverstanden gewesen, dass er jeden Tag für mehrere Stunden weg war. Anfänglich hatte sie gemeint: „Das Geld können wir gut gebrauchen.“ Ab und zu beschwerte sie sich trotzdem, dass sie von morgens bis zum späten Nachmittag alleine sei. Als er zu Hause angekommen war, hatte er sofort bemerkt, dass Helenas Auto nicht da war. Er dachte, dass sie bestimmt nur kurz einkaufen gefahren wäre. Wenn sie viel zu besorgen hatte, nahm sie den Wagen, damit sie die schweren Taschen nicht schleppen musste. Sonst war sie oft zu Fuß gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren. Mit dem Fahrrad war sie auch sonst jeden Tag unterwegs. Das Fahrradfahren war für sie eine Art Sport. Nur selten war er mitgefahren. Irgendwie mochte er das Fahrrad nicht. Und so war Helena meistens alleine unterwegs. Und darüber hatte sie sich auch manchmal beschwert. Sie hätte eine Fahrradtour mit ihm machen und unterwegs vielleicht picknicken wollen aber er hatte keine Lust, und so unternahmen sie immer weniger irgendetwas gemeinsam.
Oder sie ist mit ihrem Auto zur Waschanlage gefahren, dachte Maximilian. Jede Woche hatte sie ihren Wagen von innen sauber gemacht, und alle paar Wochen ihr Auto in einer Waschanlage gewaschen. Da war sie ganz penibel. Alle paar Monate verkündete sie, dass sie im Auto nicht mehr rauchen würde, und machte alles, was man nur reinigen kann, sauber. Spätestens nach sechs Wochen war es dann mit dem Vorsatz vorbei, und sie rauchte wieder im Auto.
Vielleicht macht sie ihren Wagen für die nächste Nichtraucherphase fertig, dachte er zuletzt. Oder sie ist bei ihrer Freundin, um sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Ihre beste Freundin hatte einen Fahrradunfall gehabt und musste mit einem Gipsbein noch zwei Wochen zu Hause bleiben. Deshalb besuchte Helena sie jeden Tag.
Er hatte auch sofort die kleinen Veränderungen in der Wohnung bemerkt: Im Flur auf der Garderobe hing keine Jacke oder Weste und keine Handtasche. Alles war weggeräumt. Er dachte nur: So sollte es immer sein. Seine Sachen hingen immer noch auf der Garderobe. Später wollte er sie wegräumen. Auf dem offenen Schuhregal standen keine Schuhe von Helena. Im Bad hing nur sein Badetuch auf einem Hacken. Er dachte, dass Helena ihres in die Wäsche gegeben hätte, und sie hätte vergessen, ein frisches aufzuhängen. Von Mal zu Mal hatte sie manche Kleinigkeit vergessen. Obwohl es in letzter Zeit öfter passierte, dass sie etwas vergessen hatte, machte er sich keine Sorgen. Helena auch nicht.
Neulich war Helena einkaufen gefahren und war erst nach über zwei Stunden zurückgekommen. Sie hatte vergessen, wo sie ihren Wagen abgestellt hatte. Mit dem vollen Einkaufswagen musste sie alle Reihen des Parkplatzes sichten. Ihr Auto ist klein und hinter viel größeren Autos kann man es nicht immer sehen. Vor zwei Wochen wollte sie Brot, Eier und Getränke holen. Maximilian stellte zwei Kasten mit Leergut in den Kofferraum ihres Wagens. Als sie wieder zurückgekommen war und er die Kästen holen wollte, fand er im Kofferraum nur leere Flaschen. Er fragte Helena, ob es wieder einmal keine Getränke gegeben habe.
Sie fasste sich an den Kopf und meinte: „Ich habe es vergessen, einfach vergessen. Langsam glaube ich, dass ich vergesslich werde. Es passiert immer öfter, dass ich was verschwitze.“
Er entgegnete: „Wie kann man das bloß vergessen? Nur drei Sachen wolltest du kaufen, das kann man doch im Kopf behalten.“
„Es kann ja passieren, oder ich werde langsam dement. Mit dem Alter wird man eben vergesslich“, versuchte sie eine Entschuldigung zu finden.
„Aber nicht in deinem Alter, Helena. Wer weiß, wo du wieder mit deinen Gedanken warst. Wenn ich morgen in der Stadt bin, dann werde ich die Getränke holen. Mach dir keinen Kopf deswegen. Du hast Recht, es kann jedem so etwas passieren.“
Maximilian fiel jetzt ein, dass Helena manchmal nicht wusste, was sie gestern oder vorgestern getan oder gesagt hatte. Weder sie noch er fanden es beunruhigend. Es passierte ja nicht jeden Tag, sondern nur ab und zu. Dass anderen Menschen so etwas auch passiert, darüber waren sie sich einig.
Auf der Ablage am Spiegel lagen keine Haarspangen von Helena. Sie besaß jede Menge davon. Eigentlich benutzte sie fast jeden Tag die gleiche Spange oder ein Haargummi, obwohl die Kollektion bestimmt für zwei Monate gereicht hätte. Helenas Kosmetika hatten sich auch gelichtet. Viel benutzte sie sowieso nicht. Seit er sie kannte, war sie immer sehr sparsam mit Make-up. Sie fühlte sich am wohlsten ungeschminkt: eben Natur pur. Und das mochte er schon immer an ihr. Im Laufe der Zeit änderte sich das nicht. Nur zu besonderen Anlässen achtete sie darauf, dass ihre Fingernägel lackiert waren, dass ihr Make-up perfekt war, und sie erfand immer eine neue Frisur für ihr langes Haar.
Im Wohnzimmer bemerkte er eine frische Tischdecke und Blumen aus dem Garten in einer Vase. Die Vase kannte er noch nicht. Man hätte wohl sagen können, dass Helena Vasen sammelte. Ihr Spruch war: Jede Art von Blumen benötigt eine spezielle Vase. Und sie verstand es, wunderschöne Blumensträuße in ihren Vasen zu arrangieren. Mit der Zeit kaufte sie immer öfter Blumen, wenn der Garten keine mehr hergab. Er hatte nichts dagegen, weil auch er Blumen liebte. In dem Moment hatte er beschlossen, Helena öfter wieder Blumen zu schenken. Nicht nur zum Geburtstag, am Frauentag und am Hochzeitstag. Früher, viel früher brachte er ihr Blumen oder eine Schachtel Pralinen ohne irgendeinen Grund, außer dem, dass er sie liebte.
Warum habe ich damit aufgehört? Ich liebe Helena immer noch. Bestimmt nicht so wie früher, dafür ist viel zu viel passiert in unserer Ehe; aber ich liebe sie. Auf meine Art.
Auch das Fenster im Wohnzimmer war geputzt und die Gardine frisch gewaschen. Da beide in der Wohnung rauchten, hatte Helena jeden Monat Fenster geputzt und Gardinen gewaschen. Ein paar Tage roch es dann nach Frische in allen Räumen, bis der kalte Rauch sich wieder breit gemacht hatte. Obwohl sie überall viel lüfteten, der Geruch blieb. Eigentlich hätten sie vor der Haustür oder auf der Terrasse rauchen können. Im Sommer taten sie es auch, obwohl nicht immer. Bei schlechtem Wetter bevorzugten sie doch das Wohnzimmer. Wir sollten endlich mit dem Rauchen aufhören. Helena hustet die ganze Zeit, und seit einiger Zeit quälen auch mich Husten und Atemnot.
Maximilian hatte beschlossen, am Wochenende mit Helena darüber zu sprechen. Er war der Meinung, dass es dafür nie zu spät sei, mit dem Rauchen aufzuhören.
Die Wohnung kam ihm fast steril vor. Irgendwie unheimlich. Hatte seine Frau wieder so richtig Ordnung gemacht? In letzter Zeit hatte sie überall etwas liegen gelassen, und öfter musste sie nach einem Gegenstand suchen. Früher wusste sie immer, wo ihre Sachen lagen.
Vor drei Wochen hatte sie mit dem Sommerputz und mit Entrümpelung angefangen. Systematisch, Raum für Raum war sie vorgegangen. Alle Schränke, alle Schubläden hatte sie sauber gemacht und entrümpelt. Alleine aus der Küche kam ein großer Karton voll Sachen, die entsorgt sein sollten: alte Kochtöpfe, Pfannen und Backbleche, Gläser, Teller und verschiedene Schüsseln. Sie hing nicht besonders an materiellen Sachen. Von den Backzutaten, Gewürzen und den Vorräten, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, hatte sich auch eine volle Tüte angesammelt. Plötzlich gab es viel mehr Platz in allen Schränken. Und Helena fühlte sich dann ein paar Tage so richtig gut, irgendwie befreit.
Auch im Wohnzimmer hatte sie gewütet: Kerzen, Servietten, alte Grußkarten, verschiedene Vasen, ein Teeservice und mehrere Bilderrahmen hatte sie entsorgt.
Er erinnerte sich, was er zu Helena gesagt hatte: „Du wirst bestimmt demnächst irgendwas davon brauchen und dich ärgern, dass du es weggegeben hast.“
Sie hatte nur behauptet, dass sie genau überlegt habe, was weg könne und was nicht. Außerdem hatte sie gesagt, dass Entrümpeln ein Weg zu einem einfachen, ballastfreien Leben wäre, und er solle sich an ihr ein Beispiel nehmen und in der Garage und im Schuppen so richtig aufräumen.
In der zweiten Woche hatte sich Helena ihrem Zimmer und ihrem Kleiderschrank gewidmet. Sogar ihre kleine Taschensammlung war zum Opfer gefallen. Genauso ihre Schuhe. An einem anderen Tag beschäftigte sie sich mit den Bücherregalen: Ihre Bücher ordnete sie in ein Regal ein, Maximilians in ein anderes. Koch- und Backbücher, Handarbeit, Lexika und Wörterbücher, Ratschläge, Medizin und ein paar Romane fanden in ihrem Regal Platz. Handwerk, Garten, Renovierung, Kunst und Geschichte, das war Maximilians Sammlung. Viele Bücher landeten im Papiercontainer, um Platz für neue zu schaffen.
Ganz zum Schluss sortierte Helena noch alle Ordner, die verschiedene Dokumente und Akten beinhalteten. Sie kaufte sogar ein paar neue Ordner, die sie ordentlich beschriftet und alle Unterlagen sorgfältig einsortiert hatte. Auch hier hatte sie viele Dokumente entsorgt, die nie mehr gebraucht werden würden.
Es waren nur noch Fotos und Fotoalben geblieben. Das wollten sie am kommenden Wochenende gemeinsam erledigen.
Maximilian kam in die Küche und machte sich das Mittagessen warm. Auf dem Küchentisch fand er eine Nachricht von Helena. Sie schrieb, dass sie weggefahren sei, um spazieren zu gehen. Das hatte sie noch nie gemacht. Nicht alleine. Sie waren manchmal irgendwohin gefahren, zum Beispiel an die Ostsee, um am Strand zu spazieren und ein Eis zu essen. Maximilian dachte, dass Helena vielleicht nur ein paar Kilometer entfernt am See wäre. Es war ein sehr schöner Tag, an dem sie Sonne tanken konnte. Sie hätte zwar auch im Garten den sonnigen Tag genießen können, aber bestimmt wollte sie sich einmal an einer anderen Umgebung erfreuen. Auf jeden Fall hatte sie sich eine Ruhepause verdient. Der Wohnungsputz und die ganzen Vorbereitungen der letzten Tage, und dann der Geburtstag selbst, kosteten Helena viel Energie. Sie ließ sich aber von niemandem helfen.
Da soll sie es sich gut gehen lassen, egal wo. Bis ich gegessen habe, wird sie bestimmt zur Kaffeezeit zurück sein. Maximilian machte sich deshalb keine Sorgen um sie. Sie ist kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau, die sich zu helfen weiß, waren seine Gedanken.
Nach dem Mittagessen beschloss er, ein wenig im Garten zu arbeiten. Er war zwar müde, aber heute wollte er nur die leichten Arbeiten erledigen. Bei der Arbeit verging die Zeit im Nu. Er fühlte sich auch nicht mehr müde. Er freute sich schon auf Kaffee und Kuchen. Aber erst, als er eine Tasse Kaffee mit Helena trinken wollte, wurde ihm bewusst, dass sie noch nicht zurückgekommen war.
Wo bleibt sie so lange? Langsam machte er sich doch Gedanken. Wo bleibt sie bloß so lange? Ist ihr etwas passiert? Oder macht das Auto wieder Probleme? Oder hat sie einfach die Zeit vergessen?
Er beschloss, noch eine Viertelstunde auf Helena zu warten. Nach fünfzehn Minuten, als Helena dann immer noch nicht da war, sammelte er alle Gartengeräte zusammen und verstaute sie im Geräteschuppen. Er war sicher, dass Helena bald nach Hause kommen würde.
Nach der Gartenarbeit hatte er zuerst lange geduscht. Als er saubere Sachen aus seinem Schrank holte, bemerkte er, dass sein Bett mit seiner Lieblingsbettwäsche frisch bezogen war. Auf seinem Schreibtisch lagen drei Briefumschläge. Zuerst dachte er, dass es vielleicht nur die übliche Post wäre, die Helena noch nicht gelesen hatte. Bei genauem Hinsehen stellte er jedoch fest, dass es sich nicht um die gewohnten Postsendungen handelte, sondern dass alle Umschläge ohne Briefmarken und Poststempel waren. Einer war für Ines, ein anderer für Julia und einer für ihn selbst bestimmt. In dem Moment ahnte er, dass etwas Schreckliches, Unaufhaltsames geschehen sein musste. Sein Herz fing an zu rasen, ihm wurde heiß und kalt. O nein, bitte nicht, war sein einziger Gedanke. Er betete, dass er sich irrte, dass ihn nichts Schlimmes erwarten würde.
Er konnte sich noch ganz genau an Helenas ersten Abschiedsbrief erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Sie hatte damals, vor fünfundzwanzig Jahren, versucht, sich das Leben zu nehmen. Zusammen mit den Ärzten hatte er um ihr Leben gebangt. Und dann immer wieder. Immer wieder Suizidgedanken und Suizidversuche.
Am Anfang, als er nur wenig über Helenas Krankheit wusste, konnte er sie nicht verstehen. Heute kannte er sich mit allen Symptomen gut aus, und trotzdem konnte er nicht verhindern, dass Helena sich nicht im Griff hatte. Er konnte ihr nicht groß helfen. Er saß eine Weile nur so da. Er konnte sich nicht bewegen und wollte den Brief nicht lesen. Er dachte: Wenn ich den Brief nicht lesen werde, dann passiert auch nichts. Es war kindisch, das war ihm klar, aber trotzdem redete er es sich ein. Plötzlich kam ihm aber ein anderer Gedanke: Und wenn Helena schreibt, wo sie ist? Und wenn es nicht zu spät wäre? Vielleicht könnte er noch das Schlimmste verhindern. Mit zitternden Händen machte er den Briefumschlag auf. Er sah, dass er zwei Briefe beinhaltete. Er nahm den ersten, den längeren, und fing an zu lesen. Seine Hände zitterten so heftig, dass er immer wieder neu anfangen musste. Er nahm den Brief in die Küche mit und zündete sich eine Zigarette an.
Lieber Maximilian,
wir haben uns öfter verzeihen müssen. Bitte, verzeih mir das letzte Mal. Ich habe dir verschwiegen, dass ich Krebs habe. Er hat schon überall gestreut, so dass keine Rettung möglich ist. Oft habe ich gesagt: „Guck mal, wie toll ich abgenommen habe!“ Anfangs habe ich mich darüber sehr gefreut, aber dann... Ich möchte nicht, dass du und die Kinder mit mir leiden müssen. Du weißt, wie es damals bei meiner Mutter war. So möchte ich nicht sterben, so möchte ich nicht leiden müssen. Ich möchte keine Strahlentherapie, keine Schmerzen, kein Morphium, kein Warten auf den langsamen Tod.
Ich weiß, es ist egoistisch von mir, aber es ist mein Leben und meine Entscheidung. Mein Leben ist und war voll Selbstmitleid. Die anderen ertragen es doch auch. Warum ich nicht? Man sagt doch, Liebe besiegt alles.
Nach diesen Worten musste er eine Pause machen und sich zusammenreißen. Obwohl er nicht weinen wollte, flossen Tränen, und er spürte eine panische Angst. Er zündete sich eine zweite Zigarette an und wollte weiterlesen. Ich muss weiter lesen, vielleicht …“, dachte er. „Ich möchte nicht zusehen müssen, wie mir die Haare ausfallen, wie ich immer magerer und schwächer werde. Ich könnte keine mitleidende Worte und Blicke ertragen.
Ich habe dir noch etwas verschwiegen. Als du im Krankenhaus warst, haben Julia und ich Blut gespendet. Und dann wollte mich der Arzt sprechen. Er hat mir erklärt: Wenn man alle drei Blutgruppen hat, d.h. von Vater, Mutter und Kind, kann man zwar nie eine bestimmte Vaterschaft nachweisen. Man kann aber in besonderen Fällen eine Vaterschaft ausschließen. Unseren Blutuntersuchungen nach kannst du auf keinen Fall der leibliche Vater von Julia sein. Ich habe lange überlegt, was ich mit dem Wissen anfangen soll. Weder mit Julia noch mit jemand anderem habe ich darüber gesprochen. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass Julia es erfahren sollte. Jeder soll seine Wurzeln kennen. Auch Julia hat ein Recht zu erfahren, wer ihr Vater ist.
Ich überlasse dir jetzt die Entscheidung. Falls du Julia die Wahrheit sagst, habe ich ihr einen zweiten Brief geschrieben. Den gibst du ihr nur dann, wenn du mit ihr über die Vaterschaft gesprochen hast. In dem Briefumschlag für Julia befindet sich ein Foto von Oscar, als er noch Gymnasiast war. Ich habe keine anderen Fotos. Dieses habe ich zufällig im Internet gefunden. Seit meiner Auswanderung hatte ich mit ihm keinen Kontakt mehr, auch mit anderen Personen nicht, die über ihn berichten könnten. Dieses Kapitel war für mich für immer abgeschlossen. Dachte ich zumindest.
Wieder musste er eine Pause anlegen. Einerseits war es ihm bisher egal gewesen, wer Julias Erzeuger war. Und nun, als Helena mit der Wahrheit herausgerückt war, war er doch schockiert. Er war nicht deshalb erschüttert, weil er nicht Julias biologischer Vater sein sollte, sondern weil Helena es ihm so lange verschwiegen hatte. Mit großer Angst, dass er noch mehr schlechte Nachrichten erfahren würde, setzte er das Lesen fort. Für einen Moment dachte er, dass ihn nichts mehr erschüttern könnte. „Ich bitte dich, egal, wie Julia sich entscheiden sollte, unterstütze sie in allem. Ich weiß nicht, welche Entscheidung sie treffen wird, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich plötzlich ablehnen wird. Nicht Julia! Du bist und bleibst für sie der Vater. Sie wird bestimmt wütend auf mich sein, und du brauchst mich nicht mehr zu beschützen. Ich glaube, dass sie dich verstehen wird. Vielleicht nicht sofort. Sie muss nicht nur ihre eigenen Wurzeln verarbeiten, sondern auch noch, dass Daniel ihr Halbbruder war, und dass Ines ihre Halbschwester ist.
Ich versichere dir, dass Oscar der einzige Mann war, mit dem ich dich betrogen habe. Ich gab mich dir als Jungfrau, und ich wollte dir immer treu bleiben. Leider kam es anders. Ich wäre bestimmt nie im Stande gewesen, einen fremden Mann kennenzulernen, mich zu verlieben und dich zu betrügen. Ich habe damals gedacht, dass ich es Oscar schuldig bin. Er hat mir mehr als drei Jahre seiner Jugend geopfert und...
Verzeih mir, dass ich sentimental geworden bin. Egal, was ich denke oder sage, die Uhr kann ich doch nicht zurückdrehen. Eigentlich ist der Krebs nur ein Vorwand für meinen Schritt. Ich habe geglaubt, irgendwann würde eine Zeit kommen, in der ich mich besser fühlen werde. Ich wünschte mir, ich würde eines Tages aufwachen und nicht mehr unglücklich sein und mich nicht mehr schuldig fühlen – wie durch eine Zauberhand. Auf so einen Tag habe ich die ganze Zeit gewartet. Ich habe mir eingeredet, dann würde es mir besser gehen, ich würde mein Leben wieder genießen können. Es ist mir aber klar geworden, dass das nicht passieren wird. Für immer wird es mich belasten. Ich kann es nicht ertränken – es bleibt an der Oberfläche schwimmen. Und das konnte und kann ich nicht mehr akzeptieren.
Menschen sind wie Spielzeug. Früher oder später gehen sie kaputt. Manche kann man reparieren und manche eben nicht. Zu den Irreparablen gehöre ich.
Ich hoffe, dass die Kinder dir beistehen werden.
Versuche, ein neues Glück zu finden.“
Jetzt wollte er den zweiten Brief lesen. Wegen der Tränen, die er nicht mehr halten konnte, hatte er kaum etwas sehen können. Er wischte seine Augen mit dem Ärmel trocken. Einerseits hatte er Angst, noch mehr Schreckliches zu erfahren, andererseits hatte er die Hoffnung, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handelte.
Aber mit so etwas scherzt man nicht, sagte er zu sich selbst. Ich glaube nicht, dass Helena Krebs hat – sie hätte es mir doch gesagt, oder?
Warum eigentlich hatte Helena ihm zwei Briefe schreiben müssen? Warum konnte sie sich nicht in einem Brief mitteilen?
Maximilian,
du wirst mich einen Feigling nennen, und vielleicht hast du damit nicht Unrecht.
Den heutigen Tag habe ich schon seit Wochen geplant. Oscar hat damit nichts zu tun. Hätte er nur fünf Minuten später an der Tür geklingelt, wäre ich nicht mehr zu Hause, hätte mit ihm nicht gesprochen.
Er hat Beweise, dass er Julias Vater ist. Jetzt kannst nur du entscheiden, was passieren soll.
Ich wollte immer das Beste für Julia. Und wer bist du, dass du dir anmaßt, darüber zu entscheiden, was für sie am besten ist? Ich hoffe, dass du mit Oscar klar kommst, wenn es um Julia geht.
Maximilian war bestürzt. Ich habe es gewusst. Ich wusste es von Anfang an, dass sie Oscar nachtrauert, dass sie ihn nicht vergessen kann. Hat sie mir ihre Liebe immer nur vorgespielt?
Was sollte er machen, Julia und Ines anrufen? Er entschied sich dagegen für den Fall, dass das alles nur ein falscher Alarm wäre. In der Hoffnung, Helena würde jede Minute vor der Haustür stehen, wollte er bis zum späten Abend abwarten und niemandem beunruhigen.
Wo soll ich Helena bloß suchen? , fragte er sich. Sie kann doch überall sein. Wenn sie…, dann befindet sie sich bestimmt nicht in der Nähe. Mein Gott, wenn sie bloß nach Hause zurückkäme!
In dem Moment fiel ihm Helenas Handy ein. Er wählte Helenas Nummer, vertippte sich mehrmals, und dann hörte er den Klingelton aus Helenas Zimmer. Ihr Handy lag auf dem Schreibtisch zusammen mit dem Wohnungsschlüssel.
Das Zimmer war gründlich aufgeräumt. Nur das Bett war noch nicht frisch bezogen. Maximilian erinnerte sich jetzt an das fehlende Handtuch im Badezimmer, an Helenas Entrümpelungswochen, und er zählte eins und eins zusammen: Alles deutete darauf hin, dass Helena nicht zurückkommen wollte.
Er überlegte, wo er zuerst nach Helena suchen könnte, da läutete es an der Tür. Gott sei Dank, Helena, dachte er. Klar, ihre Schlüssel, die sie wieder mal vergessen hatte, liegen auf dem Schreibtisch.
Er machte die Tür auf und sah zwei Polizisten vor sich stehen.
„Sind Sie der Ehemann von Helena Weber?“
„Ja, der bin ich. Was ist passiert? Wo ist meine Frau?“, fragte Maximilian eindringlich.
„Können wir hereinkommen?
Für einen Moment herrschte unheimliche Stille. Ein Polizeibeamter wollte wissen, wann Maximilian seine Frau zuletzt gesehen, wann er mit ihr gesprochen hätte.
„Heute früh“, stammelte Maximilian. „Nach acht Uhr bin ich weggefahren und alles war normal, wie immer. Es gab keine Anzeichen für irgendetwas – sonst wäre ich zu Hause geblieben. Am Nachmittag kam ich dann nach Hause. Meine Frau war nicht da, ihr Wagen auch nicht.“
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Erst viel später habe ich einen Abschiedsbrief gefunden. Meine Frau schreibt aber nichts Konkretes. Soll ich den Brief vielleicht holen? Jetzt reden sie schon! Lebt sie? Spannen Sie mich bitte nicht auf die Folter!“
„Bitte, beruhigen Sie sich, Herr Weber.“ Pause. „Ihre Frau befindet sich seit Stunden im Krankenhaus auf der Intensivstation. Die Ärzte kämpfen um ihr Leben.“
„Was ist bloß passiert? Bitte, sagen sie mir die Wahrheit!“
Maximilian erfuhr, dass Helena nur fünf Kilometer von zu Hause entfernt auf einem Rastplatz in ihrem Auto bewusstlos gefunden wurde. Zwei Radfahrer hatten sich irgendwie verfahren und waren auf dem alten Rastplatz gelandet. Sie hatten eine kleine Pause eingelegt, um etwas zu essen und zu trinken. Dann breiteten sie ihre Wanderkarte aus. Trotz der Karte hatten sie keine Ahnung, wo sie sich genau befanden und in welche Richtung sie fahren sollten. Den kleinen Wagen, der am Ende des Rastplatzes abgestellt war, hatten sie schon früher bemerkt. Schließlich hatten sie nachsehen wolle, ob sich jemand im Auto befände. Als sie näher kamen, sahen sie, dass im Auto eine Frau sitzt und schläft. Sie haben an die Scheibe geklopft, in der Hoffnung, dass die Frau aufwacht und ihnen helfen könnte.
Der Polizist machte eine kurze Pause, fragte Maximilian, ob mit ihm alles in Ordnung wäre, und erzählte weiter. „Die Frau reagierte aber nicht. Der eine Radfahrer versuchte die Autotür zu öffnen. Die Tür war aber verriegelt; auch die Tür an der Beifahrerseite und auch der Kofferraum. Bei genauem Hinsehen haben sie auf dem Beifahrersitz einige Tabletten und eine Spritze gesichtet. Ihnen war sofort klar, dass etwas nicht stimme, dass die Frau vielleicht einen Selbstmord begangen hätte.“
Maximilian saß ganz abwesend da. „Und weiter?“
„Vielleicht kann man sie noch retten?, hatten sich die Männer gefragt. Sie riefen den Krankenwagen an. Der zweite Anruf galt der Polizei. Der Rettungswagen und die Polizei waren schnell an Ort und Stelle. Die Frau lebte noch, aber sie war bewusstlos.“
Maximilian wurde von den Polizisten gefragt, ob er alleine bleiben könne. Er versicherte hastig, dass er in Ordnung sei. Er sagte, dass bald seine Tochter käme. Er wollte allein sein. Einfach nur allein sein und nachdenken. Wenn er überhaupt klar denken konnte – er war nicht nur wütend, sondern auch sehr enttäuscht. Wieder spielte Helena ihre Rolle so gut, dass er überhaupt nichts gemerkt hatte. Sie war in der letzten Zeit nicht anders als sonst.
Oder vielleicht doch? Bloß ich habe es nicht bemerkt. Auch die Kinder nicht?
Er machte sich jetzt Vorwürfe, dass er so lange Helena alleine gelassen hatte. Wenn er immer zu Hause gewesen wäre, hätte er bei Helena mögliche Veränderungen feststellen können.
Hätte, könnte oder wäre – es bringt nichts. Wenn jemand sich das Leben nehmen möchte, der wird es auch schaffen. Das wusste er ganz genau, und trotzdem fühle er sich schuldig. Die Polizisten gaben ihm Helenas Autoschlüssel.
„Der Wagen ist in Ordnung, aber sie sollen ihn nach Hause holen. Man weiß nie, wer sich dort herumtreibt.“
Nachdem die Polizisten gegangen waren und Maximilian eine Weile auf die Wand gestarrt hatte, löste sich der Schock. Später saß er in der Küche und konnte immer noch nicht klar denken. Er wusste zwar, dass Helena jetzt im Krankenhaus lag. Er wusste aber nicht, in welchem Zustand sie sich befand und ob sie überleben würde. Er ließ die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren. Unzählige Fragen quälten ihn. Hätte er es ahnen können? War es seine Schuld? Hätte Helena es nicht getan, wenn er den ganzen letzten Monat lang nicht gearbeitet hätte?
Er lief im Zimmer auf und ab. Ihm war klar, dass er jetzt kein Auto fahren konnte. Aus Erfahrung wusste er: Wenn Helena überleben sollte, wäre sie sowieso nicht ansprechbar.
Aber vielleicht können mir die Ärzte schon was Genaues sagen? Vielleicht braucht sie mich.
Er holte seine Briefe, die Helena ihm geschrieben hatte, und las sie noch einmal.
Helena ist ein Opfer ihrer Vergangenheit, dachte er immer wieder. Sind wir nicht alle Opfer der Vergangenheit? Ja, schon, aber eine starke Person lässt es nicht zu, ein Opfer zu werden.
Nach einer Viertelstunde war der erste Schock vorbei, und Maximilian beschloss, doch ins Krankenhaus zu fahren. Auf dem Weg dorthin versuchte er an die gute und schöne Zeit mit Helena zu denken, an ihren gestrigen Geburtstag. Er fragte sich, ob es noch Liebe sei, was er für seine Frau empfinde, ob es vielleicht nur Gewohnheit, ob es bloß Bequemlichkeit war, verheiratet zu sein, oder Angst vor einem Leben allein.
Egal, wie er seine Fragen auch wendete, immer liefen sie darauf hinaus, dass er Helena immer noch liebte - auf seine Weise. Er konnte sich kein Leben ohne sie vorstellen. Er hatte Sorge, dass seine Angst Wirklichkeit werden könnte. Helena darf nicht sterben. Helena darf ihn nicht verlassen. Mit jedem gefahrenen Kilometer wurde er unruhiger. Er wusste nicht, was ihn im Krankenhaus erwartete. An der Rezeption sagte man ihm, dass eine Helena Weber keine Patientin der Klinik sei. Maximilian musste darum bitten, man möge in der Intensivstation nachfragen.
Auf der Intensivstation angekommen, suchte Maximilian zuerst nach einem Arzt. Er hatte Magenschmerzen und rasendes Herzklopfen, als er durch die Korridore eilte. Die ganze Zeit hatte er gebetet, der Arzt möge gute Nachrichten für ihn haben. Er fand den Arzt im Ärztezimmer.
„Einige Stunden später, Herr Weber, und Ihre Frau hätte keine Chance mehr, am Leben zu bleiben. Aber es ist noch nicht alles überstanden. Wir müssen noch mehrere Untersuchungen abwarten, um sagen zu können, ob irgendwelche bleibenden Schäden zu befürchten sind, vorausgesetzt Ihre Frau überlebt den Suizidversuch.“
Die Worte trafen Maximilian wie ein Faustschlag in den Magen. „Ist sie nicht außer Lebensgefahr?“, fragte er vorsichtig.
„Leider nicht, Sie müssen sich gedulden“, sagte der Arzt.
Maximilian schüttelte fassungslos den Kopf. „Kann ich meine Frau kurz sehen? , fragte er mit tränenerstickter Stimme.
„Eine Krankenschwester wird Sie zu Ihrer Frau bringen. Vergessen Sie aber nicht, dass Ihre Frau Sie nicht hören und Ihnen nicht antworten kann. Wenn alles gut geht, dann können Sie vielleicht morgen oder übermorgen mit Ihrer Frau sprechen. Wir tun, was wir können. Glauben Sie mir, wir tun alles, was in unserer Macht steht. Es ist unsere Pflicht, Leben zu retten. Jede Woche haben wir Suizidfälle. Wir tun unser Bestes“, sagte der Arzt mitfühlend.
„Vielen Dank. Ich danke Ihnen für alles, was sie tun.“ Maximilians Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Sie retten das, was andere sinnlos wegwerfen, Doktor“, sagte Maximilian mit Nachdruck. „Es war nicht der erste Suizidversuch meiner Frau. Bis jetzt wurde sie immer gerettet. Warum tut sie uns das an? Warum kann sie nicht zufrieden sein mit dem, was sie hat? Ich verstehe sie immer weniger.“
Maximilian entschuldigte sich sogleich für seine Bemerkungen. „Sie können mir meine Fragen nicht beantworten. Niemand kann es, höchstens meine Frau. Aber entweder kann sie das auch nicht, oder sie will es nicht.“
Als Maximilian endlich bei Helena war, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie lag bewegungslos mit vielen Schläuchen und Apparaten im Bett. Sie kam ihm so klein, so zerbrechlich und so unschuldig vor. Er küsste sie auf die Stirn, setzte sich ans Bett, nahm ihre Hand und saß einfach nur da. Erst als die Krankenschwester ihm sagte, er solle morgen kommen, fand er sich in der Wirklichkeit wieder. Er wusste nicht, wie lange er nur so dagesessen hatte.
„Wenn meine Frau aufwacht, sagen Sie ihr bitte, dass ich da gewesen bin“, bat Maximilian.
Sie antwortete ihm: „Ich möchte es gerne tun, aber ihre Frau wird sicher noch lange schlafen. Wir wissen leider nicht wie lange. Und wenn sie dann aufwacht, wird sie noch Stunden brauchen, um mit Ihnen sprechen zu können.“
„Danke, ich werde morgen wiederkommen. Vielleicht wird meine Frau schon wach sein. Ich möchte, dass man mich anruft, wenn sich der Zustand meiner Frau ändern sollte. Egal um welche Uhrzeit, ich bin telefonisch erreichbar.“
Maximilian spürte, dass er momentan lieber kein Auto fahren sollte. Um zu sich zu kommen, setzte er sich auf eine Bank im Krankenhausgelände. Er versuchte, nicht wütend auf Helena zu sein.
Warum hat sie versucht, sich wirklich das Leben zu nehmen? Wenn sie nur überlebt, dann wird alles wieder gut, ich werde alles tun, damit sie uns nicht verlässt. Lieber Gott, stehe mir bei. Zeig mir, was ich in meinem Leben ändern soll. Weise mir auch den Unfrieden meines eigenen Herzens auf und hilf mir, ihn zu überwinden. Lass mich Hoffnung haben.
Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt gebetet hatte, wann er zu Gott so gesprochen hatte. Auf jeden Fall fühlte er sich viel besser und irgendwie auch stärker. Nach einer halben Stunde war er dann endlich nach Hause gefahren.
Maximilian war dabei, eine Einkaufsliste zu schreiben. Obwohl er die ganze Zeit mit seinen Gedanken bei Helena war, ging das Leben unaufhaltsam weiter, weil es weitergehen musste. Auch essen und trinken musste er. Er schrieb auf einen Zettel: Brot, Butter, Obst, Milch und etwas Aufschnitt. Immer hatte Helena die Einkäufe erledigt. Nur bei großem Einkauf fuhren sie gemeinsam in die Stadt. Helena hatte in großen Läden oftmals Panik bekommen.
Als er die Einkaufstasche schon in der Hand hielt, klingelte es an der Haustür. Er wollte einfach von niemandem gestört werden, als es aber nochmals klingelte, öffnete er die Tür. Vor ihm stand ein Mann, den er nicht kannte. Aber irgendwie war ihm sein Gesicht bekannt, nur erinnern konnte er sich auf die Schnelle nicht.
„Guten Tag, ich...“, sagte der Unbekannte.
Maximilian hatte ihn unterbrochen. „Wer sind Sie und was wollen Sie? Wir kaufen nichts an der Haustür!“
„Sie wissen nicht, wer ich bin, oder?“
„Es tut mir leid, ich kenne Sie nicht“, sagte Maximilian ärgerlich und wollte die Tür wieder schließen.
„Ich bin Oscar. Helena hat mich für heute hierher bestellt. Ich habe gestern mit ihr gesprochen.“
Maximilian hatte auf einmal hunderte Gedanken: Ist der Mann jener Oscar? Was möchte er? Ist er eine Bedrohung für mich? Warum hat Helena mir nichts gesagt?
Auf einmal wurde ihm klar, dass Helena es ihm gar nicht sagen konnte, weil sie … Er wollte ihm schon an die Gurgel springen, hatte sich aber sofort wieder in der Gewalt. Oscar machte zwei Schritte rückwärts, für den Fall, dass Maximilian ihn attackierte.
„Was haben Sie mit Helena gemacht? Was haben Sie mit ihr besprochen“, schrie Maximilian.
Jetzt wurde Maximilian unterbrochen. „Ich verstehe nicht. Helena hat mich für heute drei Uhr bestellt, damit wir uns zu dritt unterhalten könnten: Sie, Helena und ich. Wir haben es gestern so besprochen, als ich kurz hier war. Sie musste dann aber zu einem wichtigen Termin. Hat sie es Ihnen nicht gesagt?“
„Nein, hat sie nicht. Sie hat es mir nicht gesagt, weil sie es nicht tun konnte!“
„Aber warum? Sie hat es versprochen!“
Maximilian wollte etwas sagen, aber er konnte nicht. Schließlich schaffte er nur ein Wort hervorzubringen: „Suizidversuch.“
„Ein Selbstmord?“, rief Oscar entsetzt. „Was haben Sie mit ihr gemacht, dass sie so unglücklich war, dass sie nicht mehr leben wollte?“, fragte Oscar besorgt.
Maximilian fixierte Oscar. „Was möchten Sie damit sagen? Was erlauben Sie sich überhaupt?“
Oscar stammelte: „Ich, ich...“ Eine bedrückende Stille lag in der Luft, und beide wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Maximilian fing sich als Erster.
„Kommen Sie herein. Ich halte nichts davon, Familienangelegenheiten zwischen Tür und Angel zu besprechen. Wir sind erwachsene Männer und können uns wie solche verhalten.“
In Wirklichkeit hatte er keine Lust, sich mit Oscar über Helena zu unterhalten. Sie setzen sich gemeinsam an einen Tisch, ohne ein Wort zu sagen.
Maximilian musterte Oscar und musste feststellen, dass sein Rivale immer noch sehr gut aussah – schlank, kein Bauchansatz, kein graues Haar und eine gesunde Gesichtsfarbe. Seine Hände waren gepflegt, und er war gut angezogen.
Oscar dachte: Er sieht nicht schlecht aus, sogar jünger, als er ist; er macht einen müden Eindruck; sein Gesicht verrät, dass er manches im Leben hatte durchmachen müssen. Er nahm all seinen Mut zusammen und fragte zögernd, ob Helena lebt. Maximilian wollte ihm antworten, aber er konnte nicht. Soll ich mit ihm über meine Helena sprechen? Und so nickte er nur und verließ das Zimmer für den Fall, dass ihm die Tränen kämen. Nachdem er dann zurück war, sagte er mit schwacher Stimme und unter Tränen: „Helenas wichtiger Termin war der Suizidversuch. Ein paar Stunden später und sie wäre tot gewesen. Ich danke Gott, dass sie den Suizidversuch überlebt hat.“
Und da konnte er seine Tränen nicht mehr halten, obwohl er Oscar die Stirn hatte bieten wollen.
Oscar legte seine Hand auf Maximilians Rücken. Es war ein Reflex, und eine Sekunde später rechnete er damit, dass Maximilian seine Hand abschütteln oder auf ihn losgehen würde.
Wie benommen, konnte Maximilian nur sagen: „Danke“.
Er ging in die Küche und brachte dann eine Kanne Kaffee und zwei Tassen. Er ging wieder in die Küche und brachte einen Teller mit Kuchen. Beiden war klar, dass es ein kleines Friedensangebot war. Sie tranken ihren Kaffee und schwiegen: Sie waren mit eigenen Gedanken beschäftigt.
Maximilian spürte, dass er reden müsse, damit Oscar so schnell wie möglich verschwinden möge. Er hatte keinen Bedarf, sich ausgerechnet mit ihm zu unterhalten.
Er hatte Oscar über Helenas Zustand informiert, und dass noch ein langer Weg vor ihr stehe, dass sie nicht von heute auf morgen wieder gesund werden würde.
„Sie müssen wissen, dass es nicht der erste Selbstmordversuch war“, seufzte er.
„Ich weiß, vor Jahren…“
„Woher wissen Sie das?“, fiel Maximilian ihm ins Wort.
„Meine Tante hat als Krankenschwester in dem Krankenhaus gearbeitet, in welchem Helena damals lag.“ Es herrschte wieder Stille.
„Was meinten Sie, als Sie über einen langen Weg sprachen?“, wollte jetzt Oscar noch wissen.
„Nach einem Selbstmordversuch wird man in die Psychiatrie verlegt. Es ist irgendwie Vorschrift. Zuerst bleibt man auf der geschlossenen Station. Und davor hat Helena die größte Angst, weil sie dort schlechte Erfahrung gemacht hatte. Wenn die Ärzte der Meinung sind, dass der Patient keine Selbstmordgedanken mehr hegt, wird er auf eine offene Station verlegt. Dort geht es mit der eigentlichen Therapie erst los. Je nachdem: So ein Aufenthalt in der Klinik kann sechs Wochen oder sogar länger dauern.“ Maximilian nahm einen Schluck Kaffee, dann noch einen und fuhr atemlos fort. „Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. Ja, das weiß ich. Helena tut es immer wieder. Wir haben das schon mehrmals überstanden. Es besteht eine schwache Hoffnung, dass alles noch gut wird. Aber Helena muss es wollen. Ich frage mich, ob sie die Kraft dazu findet. Mit jedem Mal hat sie weniger Lebensenergie und nennt sich selbst eine Versagerin.“ Maximilian, weiter unter Tränen: „Nach der Entlassung aus der Klinik kann sie noch eine Tages-Klinik besuchen, um die Genesung zu stärken. Solche Therapie hat sie auch schon mal durchgemacht. Irgendwann ist dann alles wieder normal, zumindest für uns Außerstehende.“
„So, wie Sie das alles schildern, war Helena schon öfter in der psychiatrischen Klinik?“ Tränen glitzerten plötzlich in Oscars Augenwinkeln.
„Ja, leider ist es so. Ich hoffe, dass wir es auch diesmal gemeinsam schaffen. Helena ist psychisch krank. Sie kann sich aber damit nicht abfinden.“
„Psychisch krank?“, fragte Oscar verblüfft. „Ja, aber sie ist doch in guten Händen?“
„Ja, das ist sie.“ Maximilians kurzes Lachen klang eher wie ein Schluchzen. „Helena dachte nie an die Zukunft. Sie hatte sich angewöhnt, in der Gegenwart zu leben. Weil sie sich nie der eigenen Vergangenheit stellen konnte, war für sie auf die Zukunft offenbar kein Verlass.“
Oscar antwortete nichts. Tränen standen ihm in den Augen, und er schämte sich nicht.
Nach einer Weile sprach er über den gestrigen Tag.
„Sie hat mir gestern nichts gesagt. Ich sah aber in ihren Augen eine große Traurigkeit. Hätte ich bloß was bemerkt, dann...“
Maximilian schüttelte fassungslos den Kopf. „Machen Sie sich keine Vorwürfe. Helena war und ist eine gute Schauspielerin“.
Oscar wechselte das Thema: „Selbstverständlich möchte ich heute nicht über Julia sprechen. Ich schlage deshalb vor, dass wir es einfach verschieben, bis wir uns zusammen mit Helena an einem Tisch setzen können, wenn sie wieder gesund sein wird“, schlug Oscar vor.
„Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis. Glauben Sie mir, dass ich seit gestern noch keine Zeit und keinen Kopf hatte, darüber nachzudenken. Helena hatte in ihrem Abschiedsbrief geschrieben, dass Sie Beweise für Ihre Vaterschaft hätten, und dass sie selbst seit einiger Zeit die Wahrheit kennen würde.“
„Ja, das stimmt. Sie brauchen mir nicht zu danken. Können Sie mir vielleicht sagen, in welchem Krankenhaus Helena ist?“, fragte Oscar besorgt.
Plötzlich war die Freundlichkeit wie weggeblasen. Maximilian wünschte, dass Oscar jetzt verschwinden möge, am besten für immer. „Wir haben nur das eine. Und jetzt möchte ich, dass Sie gehen“, murmelte Maximilian nervös.
Weder Maximilian noch Oscar gaben sich zum Abschied die Hand. Oscar versuchte Maximilians Arm zu berühren. Er hatte nicht mit einer derart heftigen Reaktion gerechnet.
„Fassen Sie mich nicht an! Und kommen Sie nie wieder!“, sagte Maximilian eindringlich.
Als Oscar noch etwas sagen wollte, schrie ihn Maximilian aufgeregt an: „Verschwinden Sie aus meinem und Helenas Leben! Sie haben schon genug Unheil eingerichtet. Lassen Sie die Vergangenheit da, wo sie hingehört. Julia wird nie die Wahrheit erfahren! Das lasse ich nicht zu. Julia ist und bleibt meine Tochter! Und wenn sie es doch erfahren sollte, dann wird sie Sie bestimmt nicht kennenlernen wollen!“
Oscar blieb nichts anderes übrig, als zu gehen, ohne noch irgendwas laut zu sagen. In Gedanken sagte er sich: Also, so geht das nicht, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Auf dem Weg zu seinem Wagen, den er nur eine Straße weiter abgestellt hatte, beschäftigte ihn nur diese Frage: Hatte Helena sich seinetwegen umbringen wollen?
Immer wenn er nachzudenken oder eine wichtige Entscheidung zu treffen hatte, war er spazieren gegangen; so auch jetzt. Dabei wurde der Kopf schneller frei und die Gedanken kamen nicht so schnell durcheinander. Vorher nahm er noch eine Schachtel Zigaretten aus dem Handschuhfach. Seit mehreren Jahren rauchte er nicht mehr im Auto, was zwei Vorteile hatte. Erstens, stank der Wagen nicht und zweitens rauchte er weniger.
Nach nur wenigen Schritten hätte er am liebsten laut geschrien. So laut und so lange, wie er nur könnte. Aber er traute sich nicht: Zwei Radfahrer kamen im entgegen, und hinter ihm ging eine Frau mit einem Hund spazieren.
Er merkte nicht, dass seine Schritte immer schneller wurden, bis er sogar zu laufen angefangen hatte. Nach zirka zwei Kilometern lief er zurück. Auf einer Bank machte er eine Verschnaufpause. Die kurze körperliche Anstrengung hatte ihm gut getan. Er bereute es, dass er nichts zu Trinken mitgenommen hatte. Er suchte seine Taschen nach einem Kaugummi oder Traubenzucker ab und fand nur die angefangene Schachtel Zigaretten, die er zerdrückte und in den Abfallkorb warf.
Jetzt konnte er viel klarer denken. Wieder und wieder fragte er sich, warum Helena sich das Leben nehmen wollte. Spekulieren brachte nichts, nur Helena selbst konnte ihm die Frage beantworten. Dazu musste sie aber erst gesund sein, und er müsste hier bleiben.
Da er keine großen Verpflichtungen an seinem Wohnort hatte, beschloss er, im Hotel zu bleiben. In ein paar Tagen wollte er Helena im Krankenhaus besuchen. Hoffentlich würde sie ihn empfangen wollen. Und was wenn sie mich jetzt hasst? Helena und Hass – das passt nicht zusammen. Aber sie könnte sich doch geändert haben, oder? Nein, nicht Helena.
Oscar war schon seit einiger Zeit gegangen, und Maximilian saß zusammengesunken am Tisch. Ihm war klar, dass er endlich Ines und Julia anrufen sollte. Er hatte aber eine unbeschreibliche Angst zu telefonieren. Um einen klaren Kopf zu kriegen, beschloss er, eine Stunde im Garten zu arbeiten. An der frischen Luft, nach einer körperlichen Arbeit würde er sich bestimmt besser fühlen.
Was er dann aber im Garten machte, hatte mit Gartenarbeit nichts zu tun. In ein paar Minuten hatte er den Garten verwüstet, jahrelange Arbeit und Pflege waren zerstört: Alle möglichen Blumen hat er zertrampelt und ausgerissen, den Gemüsegarten total platt gemacht. Zuletzt nahm er sich noch Sträucher und Bäume mit einer Kettensäge vor. Er entwickelte dabei voller Wut eine ihm unbekannte Kraft.
Als er erschöpft und kraftlos eine Verschnaufpause machte, sah er, was er eingerichtet hatte. Jetzt war er wütend auf sich selbst.
Mein Garten! Was habe ich bloß gemacht? Die Pflanzen können doch nichts dafür, dass mein Leben so verpfuscht ist. Wenn Helena am Leben bleibt, werde ich alles neu und sogar hübscher machen. Er schaute nach oben in Himmelsrichtung. Ich schwöre es.
Um die Gespräche mit Julia und Ines noch ein wenig von sich zu schieben, hatte er lange geduscht und sich rasiert. Dabei erinnerte er sich an einen Satz, den Helena vor nicht langer Zeit gesagt hatte: „Manche Menschen sind für das Glück nicht gemacht.“
Er überlegte, seit wann denn Helena unglücklich sein könnte und ob sie überhaupt je glücklich gewesen sei. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals über Glück gesprochen hätte.
Endlich griff er zum Telefon und wählte zuerst Ines Nummer. Sie sah anscheinend auf dem Display, wer sie angerufen hatte, und meldete sich: „Ja, Papa?“
Maximilian sammelte alle Kräfte, um eine einigermaßen ruhige Stimme zu bewahren, die kaum mehr als ein Flüstern war. „Mama ist im Krankenhaus.“ Tränen stiegen in ihm auf.
„Was ist passiert? Hatte sie einen Autounfall?“, fragte Ines aufgeregt.
„Nein, weißt du, sie hat..., sie wollte nicht mehr leben“, flüsterte er.
„Sag mir, bitte, dass es nicht wahr ist. Hat sie einen Selbstmord begangen? Mein Gott! Hast du sie gefunden? Wo? Waren es wieder Tabletten? “, rief Ines entsetzt. „Ich hatte gestern einen schrecklichen Traum, den ich mir nicht erklären konnte.“
Maximilian hörte, dass seine Tochter bitterlich weinte. Er unterbrach sie.
„Beruhige dich. Mama hat überlebt. Das hoffe ich. Es waren Tabletten, und sie wurde gestern auf einem Rastplatz in ihrem Auto gefunden. Neben ihr lag noch eine leere Spritze.“
Jetzt konnte Maximilian nicht weiter reden und er hätte gerne jemandem bei sich gehabt, der ihn tröstete und umarmte. „Gestern? Hast du wirklich gestern gesagt?“ Ines Stimme versagte fast. „Und du rufst erst jetzt an? Warum hast du nicht schon früher angerufen? Hast du schon Julia informiert?“
„Nein, sie ist die Nächste, die ich anrufen muss.“
„Soll ich sie lieber anrufen? Wenn es dir hilft, dann werde ich sie informieren. Ich werde ihr schonend die Wahrheit beibringen.“
„Nein, danke, das muss ich selbst tun. Hoffen wir, dass Mama wieder gesund wird. Wenn sich etwas Neues ergibt, werde ich dir Bescheid geben.“ Ines stellte ihm noch eine letzte Frage: „Du hast gesagt, dass du hoffst, dass Mama den Suizidversuch überlebt. Schwebt sie immer noch in Lebensgefahr? Ist sie schon wach? Wann kann man sie besuchen?“
Maximilian musste ihr die Wahrheit sagen. „Die Ärzte tun alles und meinen, dass Mama gute Chancen hat. Wach ist sie aber noch nicht. Wir können jetzt nur hoffen und beten, dass sie wieder gesund wird.“
Die erste Hürde hatte er gut überstanden. Jetzt war Julia an der Reihe. Jetzt wusste er, dass er nicht Julias biologischer Vater war. Bis jetzt war er sich sicher, dass diese Erkenntnis niemals etwas ändern werde. Julia bleibt seine Tochter und er bleibt ihr Vater. Aber jetzt, wenn er gleich ihre fröhliche Stimme hörte, würde er sich seiner Gefühle auch dann noch sicher sein können? Er atmete tief durch, wählte Julias Nummer, und gleich darauf hörte er: „Hallo, Papa. Ist was passiert? Du rufst nicht oft bei mir an.“
„Ja, es ist etwas passiert. Mama ist seit gestern im Krankenhaus. Sie hat einen Selbstmord begangen. Und sie hat es überlebt, aber ihr Zustand ist noch kritisch.“
„Bist du jetzt zu Hause? In einer halben Stunde bin ich bei dir, Papa. Ich mache mich jetzt sofort auf den Weg. Bis gleich!“ Und schon hat sie aufgelegt.
Maximilian wurde warm um‘s Herz. So war seine Julia – immer nett, freundlich, mitfühlend, hilfsbereit und ...und...
Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er ihre heile Welt zerstören oder sie ganz verlieren könnte. Ihm bleibt eine gute halbe Stunde, bis Julia kommt. Er hat Tee und Kaffee gekocht, und die Wohnung schnell gesaugt. Ihm fällt ein, dass alle Abschiedsbriefe noch auf seinem Schreibtisch liegen und er hat sie in einer Schublade, in der hintersten Ecke versteckt. Er weiß noch nicht, was er mit den Briefen an Ines und Julia machen soll. Jetzt, da Helena am Leben ist, will er die Briefe behalten, für Helena aufbewahren.
Was mache ich, wenn Oscar unangemeldet kommt? Nein, er kommt bestimmt nicht. Das wird er nicht wagen. Und wenn doch?
Er versucht nicht daran zu denken, sondern nur daran, dass gleich Julia kommt, dass sie ihn umarmen und trösten wird.
Julia hat nicht geklingelt, sondern mit ihrem Schlüssel die Haustür aufgeschlossen. Auch Ines hat einen Schlüssel für alle Fälle. Als Maximilian ihr entgegen kommt, hat sie ihn ganz fest umarmt. Beide kämpften sie mit den Tränen. Die Nähe eines lieben Menschen tut beiden gut.
Julia sagt immer wieder: „Es tut mir leid, es tut mir so leid.“
„Warum sollte es dir leidtun, Julia?“
„Ich habe nicht bemerkt, dass es Mama so schlecht geht. Sie war doch an ihrem Geburtstag fröhlich, hatte gute Laune und lachte sogar.“
„Sie hat uns alle getäuscht. Wenn sie wollte, dann konnte sie sich für ein paar Stunden ganz anders geben, sich einfach verstellen. Sie war schon immer eine Meisterin des Verbergens gewesen.“
Jetzt war es mit seiner Beherrschung vorbei: Tränen strömten ihm übers Gesicht.
„Mir ist doch was aufgefallen“, sagte Julia.
„Als sie ihre Gäste verabschiedet hatte, hat sie jeden umarmt, was sie sonst nicht tut. Zärtliche Gefühle zeigte sie nur selten, und körperliche Nähe konnte sie sonst auch nicht zulassen. Und an ihrem Geburtstag war sie plötzlich ganz anders. So wie sie eigentlich immer sein sollte. Ich habe mich nur gefreut, dass sie ihre Angst vor der Körpernähe überwunden hatte. Ich habe mich wirklich für Mama gefreut. Und dabei war es nur ein Abschied für immer?! Mein Gott! Es tut mir leid“, sagte Julia mit schwacher Stimme.
„Mach dir bloß keine Vorwürfe – wenn jemand so etwas tun will, dann wird er es auch tun. Egal wie gut man aufpasst.“
Julia wischte ihre Tränen ab und putzte sich die Nase.
„Kannst du mir jetzt erzählen, was du darüber weißt?“, fragte sie immer noch unter Tränen.
Maximilian schilderte ihr das, was die Polizei ihm gesagt hatte, und auch das, was der Arzt im Krankenhaus meinte. Über die Abschiedsbriefe verlor er kein Wort. Er war dankbar, dass Julia nicht danach fragte. Sie wollte wissen, ob er heute schon im Krankenhaus war, und wenn nicht, dann wollte sie mitkommen.
„Wir können zuerst anrufen, ob Mama überhaupt schon wach ist. Glaube mir, es ist kein schöner Anblick, wenn sie auf der Intensivstation nur so da liegt. Sie wird uns später umso mehr brauchen. Hoffe ich.“
Maximilian hat im Krankenhaus angerufen. Helenas Zustand hat sich verschlechtert: Ihr Kreislauf ist sehr instabil. Julia und Maximilian haben beschlossen, doch zu Hause zu bleiben. Maximilian meint, sie solle lieber ihre Mutter nicht in diesem Zustand sehen.
Julia macht sich Sorgen um ihren Vater und sie hat ihm angeboten, dass sie über die ganze Nacht bei ihm bleibt.
„Ich kann auf der Couch schlafen, wenn ich überhaupt werde schlafen können. Und Dirk ist sowieso heute nicht da.“
Maximilian hat sich herzlich bedankt und meint: „Ich schaffe es schon. Sei mir nicht böse, aber ich möchte allein sein. Ich muss nachdenken und irgendwie muss ich einen klaren Kopf bekommen. Mir geht momentan ganz viel durch den Kopf.“
„Das kann ich gut nachvollziehen. Versprich mir, dass du nicht dir die Schuld gibst. Du hast Mama die Tabletten nicht gegeben. Es war alleine Mutters Entscheidung, und wir können nur froh sein, dass sie den Suizidversuch überlebt hat, und beten, dass sie wieder gesund wird. Alles andere ist zurzeit nicht wichtig. Wie du schon sagtest: Wenn jemand so etwas tun möchte, wird er es auch schaffen.“
Sie versuchte zu lächeln, als sie fragte: „Versprochen und abgemacht? “ Maximilian nickte.
Sie telefonierte noch kurz mit ihrer Schwester. Sie verabredeten, sich in zwanzig Minuten vor dem Krankenhaus zu treffen. Beide wollten ihre Mutter doch sehen.
Maximilian musste Julia versprechen, sofort anzurufen, wenn sich Neuigkeiten ergeben sollten.
Wenn sie bloß wüste, dass die größte Neuigkeit schon längst da wäre und auf sie wartet.
Irgendwann ging Maximilian ins Bett. Er hatte nur einen Gedanken: Meine Julia! Meine Julia? Gott! Ich möchte sie nicht verlieren. Ich habe sie immer am meisten von unseren Kindern geliebt. Und sie liebte mich auch. Bedienungslos. Sie war noch nicht geboren und ich liebte sie schon.
Er konnte nicht einschlafen. Alles, was auf ihn eingestürzt war, wollte verarbeitet werden. Helena hatte ihm vor fünf Jahren versprochen, dass sie nie wieder versuchen werde, sich das Leben zu nehmen. Und jetzt hatte sie ihr Versprechen gebrochen. Er fragte sich, wie er damit umgehen sollte. Er spürte eine große Wut auf Helena. Eine Liebe zu ihr hatte er jetzt nicht empfunden. Er stand wieder auf, kochte sich einen starken Kaffee, legte ein Blatt Papier und einen Stift auf seinen Schreibtisch vor sich hin. Er wollte alle seine Gedanken festhalten. Seine Reflexionen schrieb er auf ein Blatt:
1. Helena keine Vorwürfe machen!
Er war aber sogleich der Meinung: Wenn er nichts sagte, dann könnte Helena denken, dass sie ihm egal wäre. Und so hatte er beschlossen, nach Bedarf zu handeln. Auf jeden Fall musste Helena sich damit irgendwann auseinander setzen. Er versprach sich Hilfe von Helenas Arzt und von ihrem Therapeuten.
2. Nicht über die Vaterschaft reden
Erst wenn Helena darüber reden mochte, käme das Thema auf den Tisch. Er konnte Helena aber nicht verzeihen, dass sie ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte.
Er fragte nach Gründen, warum sie es für sich behalten wollte und wann sie es ihm sagen wollte. Wenn überhaupt.
3. Nicht über Oscar reden
Es wurde ihm klar, dass das ganz schwierig für ihn sein würde. Er wusste nicht, wie Helena zu Oscar stand. Vielleicht mochte sie mit ihm gehen, weil sie ihn immer noch liebte?
Er wusste, was es ihn kosten würde, mit ansehen zu müssen, dass sie einen anderen liebte.
Er hoffte, dass Helena sich für ihn, ihren Mann entscheiden werde.
4. Julia nicht spüren lassen, dass…
Obwohl er Julia sehr liebte, immer schon geliebt hat und immer lieben wird, da ist eine kleine Ecke in ihm, die er nicht überzeugen kann. War es vielleicht nur die Angst vor der Zukunft, Angst vor der Wahrheit?
5. Helenas Schwester und Bruder benachrichtigen.
Er wusste, dass sie ihn in erster Linie für Helenas Suizidversuch verantwortlich machen würden. Aber daran konnte er nichts ändern. Sie wussten zu wenig über Helenas Krankheit. Vielleicht würd Helena sie später über alles informieren.
6. Urlaub stornieren
