Glück - Dragica Rajcic Holzner - E-Book

Glück E-Book

Dragica Rajcic Holzner

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Beschreibung

Ein Kind "fehlt" ins Wasser und gleich sind wir in der Welt von Dragica Rajcic Holzner, einer poetischen Welt, die Sprachnormen und Erzählkonventionen aufbricht. Wörter nehmen ungewohnte Formen an, Sätze geraten in Schieflage und Geschichten werden laufend revidiert. "Das Eigentliche / wird nie durch die Worte oder Geschichten weitergegeben", sagt Ana Jagoda, das Ich der Stimmen aus dem Heimatdorf Glück. Und doch will Ana "erzählen ohne Linderung / um erzählend sich zu vergewissern / dass es etwas gibt / wozu erzählen gut ist". Sie versucht ihre Geschichte zu finden und jene der "Tränen ihrer Ahnen". Es ist eine Geschichte fortgesetzter Misshandlungen und Missbräuche der Frauen durch ihre Väter und Ehemänner, die weitergeben, was sie selbst einst unter der Fuchtel ihrer Väter erdulden mussten. Ein "Womenirrhaus" in Chicago bietet Frauen wie Ana Schutz und Raum zum Aufarbeiten der Traumata. Im Rückblick wird Ana bewusst, wie bestimmte Herrschaftsformen zwischen den Geschlechtern sich auf subtile Weise in der Psyche beider, Opfer wie Täter, sedimentiert haben.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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DragicaRajčićHolzner

Glück

 

edition spoken script 341. Auflage, 2019© Der gesunde Menschenversand, LuzernAlle Rechte vorbehalten

 

eISBN: 978-3-03853-161-6Lektorat: Daniel Rothenbühler

 

Herausgeber: Matthias Burki,Ursina Greuel, Daniel Rothenbühler

 

Gestaltung: hofmann.to

 

Herzlichen Dank für die Unterstützung an:Stadt Zürich Kultur, Fachstelle Kultur desKantons Zürich, Kulturförderung KantonSt.Gallen

 

Dragica Rajčić Holzner dankt Stadt ZürichKultur für das Werkjahr 2015

 

Der gesunde Menschenversand wird vomBundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitragfür die Jahre 2016 – 2020 unterstützt

 

www.menschenversand.ch

 

Rechtehinweise

 

Giuseppe Ungaretti: Vita d’un uomo. Tuttele poesie. A cura e con un saggio introd. diCarlo Ossola. © 1996 Arnoldo MondadoriEditore S.p.A., Milano. © 2015 MondadoriLibri S.p.A., Milano.

 

Giuseppe Ungaretti, «Nicht atembar derAbend», in: Paul Celan, GesammelteWerke in fünf Bänden. Fünfter Band.Übertragungen II. © Suhrkamp VerlagFrankfurt am Main 1986. Alle Rechte beiund vorbehalten durch Suhrkamp VerlagBerlin.

 

«Es wird», aus: Paul Celan, Die Gedichte.Kommentierte Gesamtausgabe in einemBand. Herausgegeben und kommentiertvon Barbara Wiedemann. © SuhrkampVerlagFrankfurt am Main 2003. AlleRechtebei und vorbehaltendurchSuhrkampVerlag Berlin.

È senza fiato, sera, irrespirabile,

Se voi, miei morti, e i pochi vivi che amo,

Non mi venite in mente

Bene a portarmi quando

Per solitudine, capisco, a sera.

Nicht atembar der Abend, kein Lufthauch,

wenn ihr, meine Toten, und ihr gezählte Lebende, die ich liebe,

mir nicht in den Sinn kommt,

glückbringend, während

ich begreife, aus Einsamkeit, abends

Giuseppe Ungaretti

Übersetzung Paul Celan

Alles was ich von Bekannten aus Glück noch haben kann

ist Erinnerung an Ton ihrer Stimme

oder Farbe der Augen.

Unsere Stimmen ineinander

unverloren

schließlich kann keiner von uns allein

das Knäuel von Fiktion

entwirren

die jenes wacklige Ding bilden

das wir Selbst nennen.

In den schlaflosen Nächten

höre ich alle anderen Stimmen drin

es kann sein

dass diese Stimmen mich jetzt reden hören

und mich in sich aufsaugen.

Traum von Glück

Jahrlang nachdem ich Womenirrhaus in Chicago verlassen hatte

und für Rehabilitation zu Jim und Jenifer in Sunflower Farm

umgezogen war

träumte ich denselben Traum.

Ich bin in Glück

in meinem Dorf

die kleinen runzligen Zwerge steigen aus der Erdinneren

es sind drei

sie singen laut

dissonant.

Ich bin in einem äussersten Ort in Dalmatien

muss aussteigen.

Ein Geburtsland.

Seit Jahren an dieser Busstation

steigt weder jemand in Bus hinein noch aus Bus hinaus.

Mein Vater

der Busfahrer

hält sofort an

er weiss

was ich suche

und schaut mich misstrauisch an

so wie man diese verrückten Ausländerinnen anschaut

die eine Art unverdorbene Naturschönheit suchen

dort wo Gott der Welt Gute Nacht gesagt hat.

Seit zwanzig Jahren hat Vater mich vermisst

Vater liebt Ausländerinnen

Vaters Augen kleben auf meinem Rücken

auch als der Bus schon längst Richtung Süden verschwunden ist.

Die Erregung

die Ungewissheit

macht meinen von der Reise ermüdeten Körper steif

und Beine schwer.

Glück liegt in die Breite gestreckt

zwischen zwei kahl geschorenen Steinbergen.

Auf beiden Seiten der mit Macchia überwucherten Wiesen

welche einst fruchtbare Mais- und Weizenfelder waren

wachsen vereinzelt kleine Steinhäuser

direkt an sie angelehnt Schafställe.

Die Häuser sind klein

einige ohne Dachsteine

so dass Wände als einsame Finger

zum nackten Himmel sich auflehnen.

Ich sehe mein Schulhaus mit Fenstern ohne Holzrahmen

welche wie leere Augen mich verschlingen wollen.

Das sind sicher Kriegsschäden oder Raubspuren.

Auf ersten Blick sieht Glück menschenleer aus

vielleicht auch seelenleer

es sollten doch Vogelgezwitscher und Schafsglocken meine

Ankunft bekunden

ich habe keinen Hund

keinen Luchs

mit blutiger Schnauze

welcher mir behilflich sein könnte.

Wo ist mein Geburtshaus?

Es ist auch an meinem ersten Schultag schwer zu finden

gewesen.

Ich habe Rücken voll Ameisen

setze mich neben Kuhtränke und Dorfbrunnen

und warte ohne Hoffnung

warte auf Mutter

habe Angst

dass ich sie nicht erkennen werde

oder sie mich für immer vergessen hat.

Ich werde ihr kein Wort sagen können

warten auf Mutter ist sinnlos

weil die Mutter ihrem Geliebten nachtrauert.

Das Licht verändert sich ständig

ich schlafe und kann jetzt in Traumschlaf zweiten Grades hinfallen

ich fliege buchstäblich von Schulhaus bis Geburtshaus.

Klopfen muss ich nicht

die Holzbrettertüre ist Spalt breit offen

ich trete in die Dunkelheit ein.

Im grossen Raum steht nur ein Holztisch

auf dem Tisch sehe ich todträumende Augen

sie starren auf mich

meine Glückseligkeit

mein Bewußtsein

vermag nicht

das Wimmelnde Leuchtende des Raums in Ordnung zu bringen

denn je schärfer es ist

desto grenzenloser wird

wenigstens vorläufig

die Welt.

Als ich mich von Glück erholt habe

schaue ich durchs offene Fenster

und erkenne in der vollbusigen Frau meine junge Mutter

in dem jetzt von Rosen überwucherten Garten

sticht meine Mutter ihrem Mann ins linke Auge

ich denke das muss ein Kuhauge sein

fürs Drehen der Szene

Andalusische Fliege

so der Film.

Erst jetzt sehe ich Igor

Igors Augen

einzige Augen

welche mich zerschnitten haben

sie starren direkt in mich hinein

Igor schwebt mit beiden Augen über den Tisch zu mir

ich fühle erst Wärme dann Hitze

wie damals als seine Hand erstes Mal

um meine Schultern streichelte

meine Wangen.

Ich kann es auswendig

ich kann auswendig inwendig

ich bin so glücklich dich hier zu finden ich ja

Guter Gott angezogen in Uniform des Tages

schüttelt seine Seele wach

sie besteht aus Asche und ist verfärbt.

Mutter ist nicht zu sehen

Wenn Besuch aus Glück bei ihnen war

zogen die Eltern eine andere

lachende

Gesichtshaut an

und die Wörter wurden laut hinausgesagt.

Wenn sie allein zuhause waren

dann redeten sie kürzeste Befehlsätze

durch geschlossene Lippen.

Die Mutter verschloss sich manchmal

hinter den Schlafzimmer Türen

und kam für die Stunden nicht heraus.

Wenn sie aus dem Zimmer endlich wieder in der Küche

mit geschwollenen Augen und schmalen Lippen

auftauchte

bekam die Küche normales Gesicht.

Die seltene Erinnerung ihres Lachens

beim Fallen des ersten Schnees

sie spielte und lachte

und warf die Schnee Bälle um sich.

Der Geruch ihres Schweisses

und Härchen unter den Armen

wenn sie uns wusch.

Als sie die Sehe Brille bekam

wurden ihre Augen vor der Welt geschützt.

Mit dem Vater kam die Stille ins Haus.

Der Wächter der Familie

der Fürst mit blauen Augen

der fremde überdimensionale Vater

welcher Gesetze und Regeln gab

die keins von Kindern gründlich ausführen konnte.

Sein Lachen wäre Verschwendung der Zeit gewesen

nur Nachbarin Jasna brachte ihn zu seltsamem Kichern.

Er zeigte den goldenen Zahn beim Reden

und einen silbrigen beim Fluchen

welcher weit hinten im Mund lag.

In ihm kochte Zornsuppe

welche jederzeit überschwappen würde

wie kochende Milch.

Er konnte es auch immer begründen

hast du keine Augen in Kopf gehabt?

Er liebte lange Reden

vor den Ohren anderer.

Wir Kinder hatten kein Wort

sondern dienten als Empfänger der Verheissungen des Vaters.

Er musste aus Kindern

die Schlechtigkeit aller Menschen

rechtzeitig austreiben

die Dorfprimitivität

ein für alle mal aus ihnen verbannen

Dorf Glück hasste er

und nur primitive Menschen sah.

Am Weihnachten verfiel er in die zur Schau gestellte Gütigkeit

weil sich so gehört

weil er sich in diese Rolle des feierlichen Vaters gefiel

weil es Weihnachten gab

und Kinder sollten sich an Weihnachten erinnern

weil er zwei Gläser bitteren Likör Pelinkovac getrunken hatte

und den Kindern die Geschichte erzählte

wie er einem Wolf

auf dem vereisten Fluss

den Schwanz aus dem Körper ausgerissen hatte.

Die Kinder trauten nicht ganz dieser Umwandlung

und sassen auf seinen Knien

jederzeit bereit

abzuspringen.

Die Mutter und Grossmutter

hängten sich nicht an die gute Stimmung an

warnten ihn vor Alkohol

welche ganze Familien schon zerstört hat

und es tut seinem Magen nicht gut.

Der Vater brach in Zorn aus

schüttelte die Kinder von seinen Knien.

Ihr gönnt mir gar nichts

wann war ich je betrunken?

Kinder wünschten sich so sehr einen betrunkenen Vater

welcher Geschichten erzählte und scherzte.

Dann die Nachmittage

in welchen Kinder zum Gott gebetet haben

und ihn baten

den Vater zum Verschwinden zu bringen

er soll sterben lieber Gott

aber Gott soll nicht verraten

dass er auf Kinder gehört hat.

Schrecklichkeit dieses Hasses

welcher ihre kleinen Körper zerschmetterte

genau so wie die Schläge des Hosengürtels

ihre rot gestreifte Haut hinterliess

Gürtel der Eisenbahngesellschaft ŽTP

Gürtel aus der Haut vom Rind abgezogen und prepariert

und diese lange Dauerhaftigkeit des Tier Schmerzes

wird zurückgegeben

noch mal auf andere Haut

Schmerz zu übertragen.

Später wird Gürtel Bestimmungsplatz wieder

auf Vaters Hose erreichen.

Vater muss nur seine Hand biegen

sie nicht weit ausstrecken

um Gürtel zu holen.

Er wendet ihn und macht eine Schlinge

schnappt Kindes Hand

und in der anderen Hand ist sein Gürtel

wendet sich schlangenhaft

er hat ihn in der Hand

er hält Kind

ich stehe und darf mich nicht bewegen

mein Herz springt durch Hals

erste Röte hat mein Gesicht erreicht

Mutter ist nicht zu sehen.

In der Geldtasche des Vaters

Einmal muss Vater gesagt haben

wir gehen nach Čačak.

Er zeigte auf mich und sagte

ich habe Ausweis gemacht

Ana kommt mit.

Von diesen Worten hatte ich

die geräuschlos steigende Aufregung

in Augen Ohren

mein Herz

unter dem vergilbten Unterhemd

klopfte bis in die Rücken.

Zugreise schon morgen.

Morgen war weit versteckt.

In Geldtasche hat mich Vater gesteckt

erstes Foto mit meinem Gesicht

für die Vergünstigten

Familien Angestellten Ausweis der Eisenbahn Mitarbeiter.

Er trug Ausweis und mich immer mit sich

dieses Kind

welches ich sehe

ist ein in sich versunkenes Kind mit grossen dunklen Augen

kurz geschnittenen Haaren

Scheitel auf linke Seite

geölt gekämmt

Haarschnitt eines Jungen

schmale Pullover Zöpfe

dann hört das Foto auf.

Kind starrt in sich hinein

abwesend

fragend.

Abstehende Ohren fallen auf

grosse.

Heiratshindernis

obwohl die Mutter sie mit dem Wundpflaster zugeklebt hat

damit Chancen vergrössern

einen Bräutigam später für Mädchen ausfindig machen zu können.

Ich schaue in mir dieses Kind an

unmöglich zu begreifen

dass dasselbe Ich in diesem Kind

in mich heute über gerettet wurde.

Vater trug seine dunkelblaue Eisenbahn Uniform

mit den Messing Knöpfen

und blaue Eisenbahn Hemd.

Auf der Jacke der Uniform stand

mit gelben Buchstaben geschrieben

JŽTP

Jugoslavensko željezničko

transportno poduzeće

In meinen Ohren klang diese Bezeichnung geheimnisvoll.

Fernglück

welches durch die Augen strömte

hinaus hinein

Reise mit dem Zug.

Aus Angst

allein in Korridor

des nach Zug stinkenden Zuges

ging ich nie aus dem Abteil auf WC.

Vater wird das immer wieder nach der Rückkehr erzählen.

Geruch des Zugabteils

Urin Holz ölig

Häuser welche mitreisten

draussen flogen

und von Bäumen begleitet wurden

Stromstangen wie Bleistifte

war folgsames Kind

unglaublich gut habe ich die Reise überstanden

wie eine Grosse

wird Vater sagen

an die Worte des Vaters

erinnere ich mich.

Ankunft.

Eine Treppe nach oben

Holztreppe.

Dünner Mann

welchen ich Onkel nennen sollte

Onkel Tetak

welcher keine Kinder zeugen konnte

und mich fest kitzelte.

Ich weinte vor Lachen.

Mutters Freundin

Mutter kam nach Hause von Viehaustreiben

sagte

arme Besa arme Besa

hat sich bei Kuhtränke erhängt.

Du kannst nicht zu Begräbnis gehen

nicht in diesen Zustand

sagte Vater zur Mutter.

Neues Kleid kaufst du für Erstkommunion von Ana

jetzt nicht.

Besa welche mit dreizehn Jahren

von zuhause gestohlen wurde

in der selben Nacht von ihrem Bräutigam vergewaltigt.

Die Entführung des jungen Mädchens

vielleicht Ausgangspunkt des Unheils für ganzes Glück.

Besa war festgehalten auf dem Pferd

sie haben sie belogen

sie soll zu ihrer Schwester nach Glück kommen.

Das junge Kind

mit wunderschönen schwarzen Haaren

auf sie hatte es alter Witwer abgesehen.

Besa hütete Schafe

und spielte mit anderen Dorf Kindern.

Der Witwer

ihr Entführer

trank Wein vor dem Haus ihres Onkels

er redete über die Viehpreise

und dass man dieses Jahr kaum etwas verdient hatte

deswegen er Besa zu ihrer Halbschwester in Glück bringen

werde

auszuhelfen.

Er wollte vor Einbruch der Dunkelheit

in Glück sein

stellte sich vor

wie das Mädchen vor ihm auf dem Pferd sitzt

seine Hände eng an ihren Oberteil.

Ihre Schreie in dieser Nacht

hörte ganzes Glück

sie streuten sich und versanken

ohne Hilfe.

Besa verlor ihren Verstand nach dieser Nacht.

Sie gebar zwei Kinder

ihr Mann nahm ihr dann die Kinder weg

arme blöde Besa.

Ich will ihre Geschichte nicht

muss ich sagen

immer wieder wie springender Leopard

galoppiert Leid

von einer Zeit in die andere.

Wenn eine Generation gerade stolz

eine alte Schuld abträgt

ihre Kinder tauchen sich in neue.

Überprüfung des Talents für Dichtung bei Don Lilo

Ich war über vierzehn

obwohl Mutter dreizehn sagte.

Meine rechte Brust war größer als die linke

wenn ich sie berührte

schmerzte sie mehr als die kleinere.

Im Vergleich zu meinen Klassenmädchen

hatte ich

augenscheinlich

die kleinste Brust der ganzen ersten Gymnasium-Klasse

ich hatte eine kaum mit dem Wort Brust zu bezeichnende Brust.

Jeden Morgen machte ich eine Überprüfung des Wachstums

der Brust

enttäuscht zog ich dann mein schwarzes Schulkleid an

und band die Haare zum Pferdeschwanz

um wie eine Streberin auszusehen.

An dem Morgen war ich sehr aufgeregt

aufgeregt war mein täglicher Zustand

ich war direkt aufgesogen von der Unruhe.

Ich war erleichtert

dass es heute nur vier Stunden waren

so konnte ich mich vor dem Besuch des Priesterheims etwas

beruhigen

und Fladenbrot mit Čevapčići essen.

Mein erster Besuch allein

bei dem mystischen Mann

welcher so bescheiden im Priesterheim wohnte.

Tea war fast verliebt in ihn

wo findet man einen Priester heutzutage

sagte sie

der

Mathematik Dichtung Psychologie und Philosophie

in kleinen Finger hat.

Er ist Jugendseelsorger in der Kathedrale

und gibt Unterricht über die Liebe

Liebe als Göttliche Sendung an die Menschen

Liebe als Kraft

die Welt litt an dem Mangel an Liebe

welcher den Krieg hervorruft.

Noch mit der Čevapčići-Lepinja im Mund

bin ich in der Nikola Tesla Straße angekommen.

Man musste zweimal läuten und warten

ich drückte den Knopf

und dabei lauschte ich den Schritten im Inneren des Hauses

dem Zuschlagen der Türen

das Čevapčići-Brot war schon im Magen.

Es schien eine Ewigkeit zu vergehen

bis die Heilige Schwester kam

und die Türe des Priesterwohnheims öffnete.

Du kennst dem Weg

sagte sie

mit einem Lächeln am unförmigen Gesicht

als wären wir längst Vertraute.

Das Don Lilo Zimmer lag im zweiten Stock

das Treppenhaus war dunkel

und der ganze Eingang roch nach Kohlblatt und Gulasch.

Die abgestandene Luft des verschlossenen Wohnheims

drang in meine Nase

meine Lunge

in die Ohren

in die Kleider

etwas Kirchliches hatte sich auch bis hierher verirrt

etwas was mit der Nase nicht deutlich zu entziffern war.

Mein heutiger Besuch

unter dem Vorwand des Mathematik-Nachhilfeunterrichts

diente der Überprüfung meines Talents für die Dichtung

wie Tea mir versichert hatte.