Glück in Lea's Gesicht - Trix Ramseier - E-Book

Glück in Lea's Gesicht E-Book

Trix Ramseier

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Beschreibung

Lea’s beste Freundin Angie erhält eine Einladung von ihrem Großvater: Vier Wochen Italien und bei der Olivenernte dabei sein. Das schreit nach Spaß und italienischer Lebensfreude. Da Leas Leben im Moment nicht mit ihren eigenen Vorstellungen übereinstimmt, respektive nicht kooperativ ist, steckt sie in einer mittelschweren Krise. Aus diesem Grund willigt sie ein, Angie zu begleiten. Mit Max im Gepäck fahren die beiden Richtung Sonne, Rotwein und Oliven. Dass die Einladung eine kleine Überraschung enthält, weiss niemand. Und plötzlich sind Entscheidungen gefragt. Ob Lea trotz der verlorenen Schlacht den Krieg gewinnt und dies ihr Gesicht vor lauter Glück strahlen lässt?

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Alessandro

Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, Orten, Handlungen wäre rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Alles wird gut

Italien

Der erste Morgen in Italien

Es ist wundervoll

Die Oliven-Attacke

Nach Hause

Kurz vor Weihnachten

Die neue Geschichte beginnt

Viele kleine Kleinigkeiten

Die Eröffnung

Alles wird gut

Seine weichen und warmen Hände umfassen mein Gesicht und ich blicke in die wahrscheinlich zärtlichsten Augen auf dieser Erde. Seine Lippen berühren die meinen und ich schwebe auf einer samtenen Wolke dahin. Nie soll er aufhören mich so zu berühren. Nie soll er aufhören mich so zu küssen. Nie sollen seine Augen aufhören zu leuchten, wenn sie in die meinen schauen. Nie…

Rrrriiiiiinnnngggg – rrrriiiiiinnnngggg…

Ich öffne meine Augen, schliesse sie aber sofort wieder, um dieses Gefühl nicht zu verlieren. Ich will es für immer behalten!

Rrrriiiiiinnnngggg – rrrriiiiiinnnngggg…

Erneut öffne ich die Augen und – scheisse, jetzt bin ich wach! Es war alles nur ein Traum.

Ich spüre, wie mir in Sekundenschnelle Tränen in die Augen schiessen. Das darf nicht wahr sein! Kaum wach, wird schon geflucht und geweint. Das kann nicht mein Leben sein. Es ist sicher ein Irrtum. Träume ich doch noch?

Rrrriiiiiinnnngggg – rrrriiiiiinnnngggg…

Schon wieder. Also träume ich definitiv nicht mehr. Es ist auch nicht mein Wecker, denn dieser macht nicht Rrrrriiiiiiinnnnnggggg, sondern dieses nervige PiiiepPiiiepPiiiep. Wer um Himmels willen klingelt in dieser Herrgottsfrühe an meiner Tür? Kann man nicht mehr in Ruhe träumen? In Ruhe fluchen? In Ruhe weinen?

Geflennt habe ich die letzten drei Wochen täglich. Ein Auf und Ab der Gefühle. Und meine Tränen spielen mir täglich vor, dass sie meine besten Freunde sind, weil sie IMMER für mich da sind. Halloooo! Tränen sind nur Freunde, wenn sie NICHT da sind. Meine Tränen versauen mir nämlich schon am frühen Morgen den Tag, was echte Freunde niemals tun würden.

Täglich weinen ist doof?

Ich danke Ihnen für diese Bemerkung, aber das weiss ich bereits. Hier der Grund meiner Tränen, welcher wahrscheinlich gar kein echter Grund ist:

MANN läuft nach acht Jahren Beziehung ganz easy zur Tür hinaus, beendet ohne Wenn und Aber die Partnerschaft, dreht sich nicht mehr um und bricht den Kontakt von einer Sekunde auf die andere ab.

Das ist der Anlass meiner Weinkrämpfe, und es fühlt sich echt verschissen an.

Sie denken, dass sich meine Gefühle getäuscht haben und ich noch mal nachspüren soll? Spüren, ob es sich wirklich so schlecht anfühlt? Hmm, ich probier’s mal.

Spür… Spür… Spür…

Bringt nichts, immer noch beschissen. Ist doch ein riesiges Theater, dieses Gefühls-Chaos. Aber was soll’s, ich möchte einfach nur reden!

Mit wem?

Mit ihm.

Wirklich?

Ja.

Wieso das nicht geht?

Er sträubt sich und sieht keinen Sinn in einem Gespräch.

Wieso?

Charakterlos.

Echt?

JA, und jetzt ist gut mit der Fragerei. Er will einfach nicht und lässt mich nun die ganzen Scherben alleine aufwischen.

Bitte? Ich muss nicht aufwischen? Hmm, da könnte etwas Wahres dran sein. Ich sollte einfach mit schwerem Schuhwerk auf den Scherben herum trampeln und mir eintrichtern, dass diese tausend Teilchen mir ja wieder einmal Glück bringen werden.

Und überhaupt war er eh ein Arsch! Dass muss einfach mal gesagt sein. Und wenn MANN einen solchen Abgang hinlegt –ach was soll’s! Vorbei ist vorbei.

Schmerzen tut’s trotzdem und am liebsten möchte ich in einen tiefen Winterschlaf fallen. Zuerst vollfuttern, dann abtauchen und im Frühling glücklich, zufrieden UND SCHLANK wieder ins Leben treten.

Wieso schlank?

Na ja, schlank im Schlaf. Kennen Sie nicht? Es gibt unzählige Bücher darüber. Und mein Schlaf würde mehrere Monate dauern. Ich hätte anschliessend grosse Chancen, den ersten Preis bei einem Schlankheitswettbewerb einzustecken. Das wäre mal was!

Wieder klingelt es.

»Ist ja gut, ich komme schon!«

Mühsam steige ich aus dem Bett und öffne die Tür. Es ist Angie, meine beste Freundin.

Sie fuchtelt mit einem Briefumschlag um sich, umarmt mich, küsst mich auf beide Wangen und scheint gerade im Lotto gewonnen zu haben.

»Alles wird gut!«, ruft sie laut. »Alles wird so etwas von gut!«

Ich verstehe nicht einmal Bahnhof und befreie mich aus ihrer nicht enden wollenden Umarmung.

»Nur die Ruhe, liebe Angie!«

Die Geschichte fängt ja toll an. Sollten Geschichten nicht mit Spannung anfangen? Sollte die erste Seite nicht mitreissend und fesselnd sein? Eine so grosse Spannung aufbauen, dass man es sich nicht vorstellen kann, das Buch jemals wieder aus den Händen zu legen? Sollte nicht jeder Satz die Neugierde auf den nächsten wecken? Sollten die Nerven nicht bereits nach dem ersten Abschnitt blank liegen und man möchte vor lauter Begeisterung durchdrehen?

Wer hier durchdreht sind wahrscheinlich nur ich und meine hysterische Freundin, die einen ominösen Briefumschlag direkt vor meinem Gesicht hin und her schwenkt.

Angie und ich haben zusammen schon viel erlebt und mit meinen vierzig Jahren habe ich bereits sehr viele Fehler gemacht, habe aber immer etwas dazugelernt. Im schlimmsten Fall habe ich diverse Fehler dann aber leider wiederholt, weil ich eben doch nichts gelernt habe. Wow, es scheint, als oute ich mich da gerade als Vollidiotin. Dieses Risiko gehe ich aber ein!

Angie ist dieses Jahr übrigens zweiundvierzig Jahre jung geworden.

Ob sie verheiratet ist?

Gott, sind Sie neugierig. Nein, sie ist nicht verheiratet. Sie ist seit drei Jahren Single und hat nach der Trennung von ihrem Verlobten eine eigene Werbeagentur gegründet. Eine super Agentur und Arbeit ohne Ende. Ich beneide sie um ihre Ideen und ihre Kreativität. In den letzten drei Jahren ist ihre Agentur sehr bekannt geworden und sie beschäftigt momentan sechs Mitarbeiter – Tendenz steigend.

Wieso Trennung? Ihr Verlobter hat sie verlassen, weil er sich seiner Liebe zu ihr nicht mehr sicher war und er keine Kinder wollte. Angie hätte so gerne Kinder gehabt, aber ihr Partner wollte keine Bastarde (so nannte er alle Kinder), und er würde keine Sekunde seines Lebens auf so eine Rotzgöre aufpassen. Als Angie nicht aufgegeben und ihn immer wieder um Audienz gebeten hat, war er sich dann eben seiner Liebe nicht mehr sicher und hat innerhalb von zehn Stunden die gemeinsame Wohnung verlassen.

Sorry, aber auch in diesem Fall muss ich das Wort Arsch einbringen!

Sie war zwar völlig down, aber nicht lange. Sie liess sich ihr Leben nicht durch einen Nichtsnutz verderben. Angie hat nämlich eine ganz besondere Begabung! Sie kann Schicksalsschläge sehr gut verarbeiten. Sie bündelt dafür ihre ganze Trauer, ihr Unverständnis und ihre Angst zu einem Kraftpaket zusammen, mit welchem sie dann tapfer auf dem neuen Weg weiterschreitet und sofort neue Ziele ansteuert! Tja, und kurze Zeit später sieht es so aus, als hätte sie diese Richtung selber gewählt! Ich bewundere ihren nicht aufhörenden Optimismus. Ich glaube, dass die Opossums, das sind so kleine braune Viecher, ebenfalls diesen Optimismus besitzen. Im Film »Ice Age« ist es jedenfalls so.

Angie kommt aus einer sehr reichen Familie. Leider hat sie aber ihre Eltern viel zu früh verloren. Vielleicht hat sie durch dieses Erlebnis diese unglaubliche Kraft entwickelt, sich immer wieder aufzurichten, egal was passiert. Ich glaube, sie hätte seit dem Tod ihrer Eltern gar nie mehr arbeiten müssen, denn ihr Erbe ist riesig. Aber seit ich sie kenne, bringt sie ununterbrochen Höchstleistungen, denn sie liebt ihre Arbeit von ganzem Herzen.

Es wäre toll, wenn ich wenigstens etwas von ihrem Optimismus haben könnte. Leider habe ich diesen weder in die Wiege gelegt bekommen noch als Weihnachtsgeschenk erhalten. Vieles wäre einfacher.

Bitte? Ich habe andere Charakterzüge?

Ja, das habe ich! Ich zähle diese gerne auf:

Manisch depressiv (Selbstdiagnose)

Fremdbestimmt und ohne Geduld (ebenfalls Selbstdiagnose)

Das Optimisten-Zertifikat wurde mir niemals ausgehändigt (schade)

Ich habe keinen, aber wirklich gar keinen Durchhaltewillen (nochmals schade)

Bin sportlich nicht wirklich auf der Höhe (meine Laufschuhe strotzen vor Sauberkeit)

UND…

Ich habe keinen Mann. Das ist aber keine Charaktereigenschaft, sondern die nackte Wahrheit.

Das war sie, die Beschreibung meiner Wesensart. Sieht nicht gerade rosig aus, oder? Mit mir würde wahrscheinlich sogar ein Psychiater ins Bodenlose stürzen oder wäre zu einem Selbstmord bereit. Wahrscheinlich bereits nach der ersten Sitzung oder besser ausgedrückt Liegung.

Oder ist das veraltet? Darf man heute beim Psychiater auch sitzen, oder muss man sich immer noch in die horizontale Lage begeben? Kapiere nicht, dass man sich für diese Gespräche hinlegen muss, während der andere in einem Stuhl sitzt und alles, was er wichtig findet, auf ein Blatt Papier kritzelt. Diese Kritzeleien, auch Notizen genannt, bekommt man ja meines Wissens nie zu Gesicht. Und genau deshalb werfen diese geheimen Kugelschreiberzeichen bei mir ein paar Fragen auf.

Wer kann nämlich beweisen, dass die arbeitende Person (in diesem Fall der Psychiater) nicht Skizzen seines nächsten Hausumbaus skizziert? Oder seinen nächsten Urlaub plant? Oder sich bereits Gedanken über die Weihnachtskarte oder das Weihnachtsessen macht? Ich lasse jedenfalls solche Besuche sein, da ich keine teure Fragestunde bezahlen will, wenn sich mein Gegenüber bereits in der Weihnachtszeit befindet oder den Einkaufszettel für den Wochenendeinkauf vorbereitet.

Aber nun weiter mit der Geschichte.

»Also, meine Liebe«, beruhige ich Angie, »jetzt atme tief ein und wieder aus. Genau so, durch die Nase ein und durch den Mund aus. Hast du im Lotto gewonnen? Hat dir George Clooney geschrieben?«

Wobei mich ein Brief oder eine SMS von Roger Federer ja viel mehr begeistern würde. Er ist mein heimlicher Star, meine heimliche grosse Liebe. Das kann ich hier ruhig schreiben, denn Roger-Liebling, wie ich ihn nenne (und das auch heimlich), wird sich wahrscheinlich in seiner Freizeit nicht mit Bücher lesen beschäftigen, also wird er es nie erfahren. Und wenn er lesen würde, dann sicher Kinderbücher, was ich ausserordentlich toll finde. Es lebe Roger Federer und seine ganze Familie!

»Lea, jetzt wirst du gleich durchdrehen!«

»Wohl kaum, denn ich sehe hier nur eine Person, die spinnt. Sag endlich, was los ist!«

»Halte dich fest, ich habe einen Brief von meinem Grossvater erhalten! Du weisst schon, der aus Italien. Erinnerst du dich? Wir waren doch vor drei Jahren dort im Urlaub. Weisst du noch?«

»Nur ruhig, Angie. Sicher weiss ich es noch, wie könnte ich diesen Urlaub vergessen! In diesem Urlaub hast du drei Männern das Herz gebrochen, weil dein Typ dich verlassen hat. Soll ich weitererzählen?«

»Ach, hab dich nicht so«, erwidert sie mit einer unglaublich echten Unschuldsmiene. »Erstens waren es gar keine richtigen Männer, und zweitens – who cares? Sind doch selber schuld, wenn sie meine Einladung angenommen haben.«

»Angie, das ist nicht fair«, entgegne ich ihr und hebe fast noch meinen Zeigefinger. Wäre aber sehr unpassend, ich bin ja nicht ihre Mutter.

»Du hast dem Maler deines Grossvaters ewige Liebe zugesichert, genauso wie dem netten jungen Herrn in der Metzgerei. Und als wäre das noch nicht genug, hast du dem umwerfend gutaussehenden Inhaber der Bibliothek ebenfalls dein Herz versprochen.«

»Ja, aber nur, weil ich diese Trennung verkraften wollte und da blieb mir nur diese Lösung. Weisst du noch, wie alle drei an Vollmond um Mitternacht mit einer roten Rose im Hof erschienen sind? Ich lache mich jetzt noch schief! Diese Gesichter vergesse ich nie!«

»Ich auch nicht, aber es war nicht nett, denn sie waren ja alle unschuldig!«, schimpfe ich mit tiefen Falten auf der Stirn. Diese Falten sind übrigens auch sichtbar, wenn ich mich nicht ärgere.

»Na und? Ich war an der Trennung meines Ex auch unschuldig. Dieser Mistkerl lässt mich eine Woche vor der Verlobung sitzen, da musste ich einfach Dampf ablassen. Der Urlaub bei meinem Grossvater war perfekt dafür geeignet.«

»Wir beenden dieses Thema«, sage ich mit entschlossener und verärgerter Stimme, »es war trotzdem nicht toll. Oder denkst du, dass auch ich jetzt jedes männliche Wesen bis aufs Äusserste reizen und dann mit schwenkendem Arsch den Tatort verlassen soll?«

»Wäre keine schlechte Idee.«

»Angie, jetzt ist Schluss!«

»Ist ja gut, Lea, aber jetzt pass auf! Mein Grossvater hat uns beide eingeladen, zu ihm nach Italien zu kommen. Und weisst du, was wir dort machen können?«

»Trinken und essen«, beantworte ich ihre Frage.

»Du meinst saufen und fressen.«

»Du bist unmöglich!«, lache ich.

Ihre Wortwahl finde ich nicht immer passend. Aber ich glaube, dass sie den Unterschied zwischen Privat- und Geschäftsgesprächen im Griff hat. Ich versuche immer, mich trotz der eben erfahrenen Verletzung gewählt auszudrücken. Nur ein Wort benutze ich des Letzteren öfters: Arschloch.

Angie schwärmt weiter: »Wir können bei der Olivenernte mithelfen. Ist das nicht toll? Das muss unglaublich viel Spass machen! Da hat es sicher viele Leute, viele Getränke und auch viel Pasta. Und diese Oliven von den Bäumen zu schütteln kann ja nicht so schwer sein!«

»Wie kommt dein Nonno denn dazu, uns für diese Ernte einzuladen? Einfach so?«

»Natürlich nicht! Er hat mich gebeten, ihm bei der Werbung für sein Hotel zu helfen. Ich glaube, es läuft nicht sehr gut.«

»Werbung wäre wirklich nicht das Verkehrteste, was dein Nonno machen könnte. Vor drei Jahren waren wir die einzigen Gäste. Unser Zimmer war, um es gelinde auszudrücken, bewohnbar, aber sonst sah die Sache wirklich nicht so gemütlich aus. Das Hotel, dieses burgähnliche Anwesen, hätte dringend eine Renovation nötig. Ausser, dein Grossvater möchte dort einen unglaublich grusligen Film drehen, bei dem die Leute nach den ersten fünf Minuten vor lauter Panik aus den Kinos abhauen, weil die Gemäuer so unheimlich sind und sie die darin verborgenen Kreaturen gar nicht erst sehen wollen!«

»Du übertreibst masslos, auch wenn du mit dem Aussehen des Hotels recht hast. Aber seit dem Tod meiner Grossmutter hat Nonno es einfach nicht mehr auf die Reihe gekriegt. Er hat zwar alles versucht, aber ohne Nonna sah er keinen Sinn mehr. Du musst dir vorstellen, er war seit der Schulzeit mit ihr zusammen und sie liebten sich so sehr. Du hättest sie sehen sollen! Solange sie zusammen sein konnten, war die Welt für sie in Ordnung. Ihre Blicke, ihre Gesten und ihr Respekt dem anderen gegenüber waren so unglaublich schön. So muss Liebe sein! Genau so!«

»Ich weiss, Angie, Liebe sollte so sein. Habe ich mir ja auch gewünscht – und was ist passiert?«

Angie steht auf, ignoriert meinen Satz und teilt mir strahlend mit: »Am 4. Oktober geht’s ab nach Italien. Ich weiss, dass du ab diesem Datum vier Wochen Urlaub hast. Und ja, es tut mir sehr leid, dass dein Ex mit seiner Neuen in DEINEN Urlaub fährt. Ist echt zum Kotzen und sollte verboten sein, dass man eine Frau verlässt, sie einfach so austauscht und dann noch die Frechheit besitzt, den vorher gebuchten Urlaub mit der neuen anzutreten. Da bleibt mir die Spucke weg und ich könnte glatt durchdrehen!«

Weinkrampf ahoi! Super! Es überfällt mich und ich schluchze wie ein Schlosshund oder sonst ein Tier auf vier Pfoten.

»Nein Lea, das wollte ich nicht! Nicht weinen, bitte nicht weinen. Es tut mir leid, ich ärgere mich einfach so über diese Frechheit.«

Sie nimmt mich fest in ihre Arme, was die ganze Sache nur noch schlimmer macht.

Auch ich kann nicht fassen, wie er sich aus dem Staub gemacht hat. Nachdem er die Frechheit hatte, mir eine SMS zu schreiben, dass ich die wichtigste Person in seinem Leben sei, unsere Wege sich aber nun trennen, hat er noch einen draufgelegt. Für ein Gespräch mit mir hatte er kein Gehör, aber nach ein paar Tagen schrieb er eine weitere SMS mit folgender Mitteilung: Ich werde den von uns gebuchten Urlaub mit meiner neuen Liebe verbringen, habe schon alles veranlasst.

Und nun soll noch einer sagen, Männer sind NICHT SCHEISSE.

Angie merkt, dass ich knapp vor dem Hyperventilieren bin und nimmt mich bei den Schultern:

»Lea, schau mich an, nun mach schon, schau mir in die Augen! Auch wenn du es nicht glaubst. Sein Abgang war feige, das bestreitet niemand. Aber weisst du, er hat zwar deine Hand losgelassen, dir aber dafür deinen Käfig geöffnet. Verstehst du?«

»Nein«, schluchze ich, »verstehe gar nichts.«

»Ich erkläre es dir. Er hat dich verlassen und du warst am Tiefpunkt. Dieser Schnösel hat dir nicht eine einzige Chance gegeben, mit ihm zu sprechen. Im Gegenteil, er schubste dich mit seinem niveaulosen Abgang direkt ins schwarze Loch hinunter. ABER jetzt kommt’s, meine Liebe. Er hat dich zwar sitzengelassen, hat aber nicht gemerkt, dass er dir damit deine Freiheit und dein Leben zurückgibt und dir dazu noch Flügel schenkt.«

»Angie«, weine ich weiter, »was redest du für einen Scheiss. Was für ein Leben hat er mir gegeben? Und komm mir nicht mit Flügeln. Hier geht’s doch nicht um Engel. Dein Geschwafel macht doch gar keinen Sinn. Stehst du jetzt auf seiner Seite? Und überhaupt, hast du diesen Quatsch aus einem Fernkurs Selbsthilfegruppefür-verarschte-Frauen?«

»Nein. Du hast es nie bemerkt, aber du warst die ganze Zeit völlig unter Stress. Du wolltest ihm zeigen, dass die zehn Jahre Altersunterschied nichts ausmachen und du locker mit den jungen Tussis mithalten kannst. Konntest du aber nicht. Weil du eben zehn Jahre älter bist und du irgendwie – wie soll ich sagen – angekommen bist. Bei ihm kann davon keine Rede sein.«

»Nirgends bin ich angekommen. Doch, in einem grossen schwarzen Loch.«

»Hör auf, du weisst genau, was ich meine. Lea, das ist deine grosse Chance. Fang noch mal an, ich helfe dir. Es wird alles gut, glaube mir. Keine einzige Träne ist er wert! Keine einzige. Überleg doch mal. Weil er deine Hand losgelassen hat, kannst du nun mit beiden Händen den Käfig öffnen, in dem du die ganze Zeit gelebt hast. Lea, flieg zu den Sternen und noch viel weiter. Es ist dein Leben!«

»Käfig, Flügel, Hand loslassen«, schluchze ich weiter, »du hast doch keine Ahnung. Ist doch alles Schwachsinn.«

»Das ist jetzt unfair, Lea. Du weisst, dass ich dir helfen will. Aber du lässt es ja gar nicht zu. Du musst nicht gegen mich kämpfen, liebe Freundin. Ich bin nicht diejenige, die Mist gebaut hat. Das war ganz alleine dein EX.«

»Sorry, du hast recht. Tut mir leid. Ich weiss einfach nicht, wie ich das alles begreifen soll.«

»Das wirst du. Aber du musst geduldig sein. Ich weiss, dass dir genau das sehr schwer fällt, aber du hast keine andere Wahl. Es ist einfach so!«

Ich weine immer noch, aber die Moralpredigt von Angie macht mich doch etwas stutzig. Was, wenn es die Wahrheit ist? War ich wirklich so fremdbestimmt? Habe ich mich wirklich aufgegeben und deshalb nicht gemerkt, was für ein abgekartetes Spiel er spielte? Und stimmt es, dass ich noch mal von vorne anfangen und fliegen kann? Fliegen möchte ich ja sehr gerne, aber nicht mehr auf die Schnauze.

»Lea", Angie nimmt mich noch einmal bei den Schultern und schaut mir in die Augen, »er hat womöglich mit der Neuen sein Happy End gefunden, aber weisst du was? Am Schluss wirst auch du dein Happy End haben. Ich bin ganz sicher. Am Schluss bist du die Siegerin.«

»Was würde ich nur ohne dich tun?”

»Weiter weinen«, tröstet sie mich, lächelt und nimmt mich nochmals in den Arm.

Meine Angie. Sie ist ein herzensguter Mensch und ich liebe sie sehr. Und ja, ein Altersunterschied von zehn Jahren ist nicht zu unterschätzen. Schade, dass ich nicht auf meinen Verstand gehört habe. Aber was soll’s, ich kann es nicht mehr rückgängig machen.

»Also«, unterbricht Angie meine Gedanken, »ich muss jetzt zur Arbeit. Ich habe vorhin mit Mia, meiner Stellvertreterin, gesprochen und ihr alles erklärt. Du weisst, ich kann meinen Job auch im Urlaub ausführen und meine Leute im Büro werden in diesen vier Wochen alles perfekt machen. Ich habe ja keine Deppen angestellt.«

»Angie, ich denke nicht, dass das ein toller Urlaub wäre. Weisst du, auch in Italien werde ich ihn vermissen. Du kennst mich ja, ich bin sehr gerne für mich alleine. Fahr du nach Italien und ich werde hier nach dem Rechten schauen.«

»Bitte? Du willst hier zu was schauen?« Sie sieht mich mit grossen Augen an. »Zum Rechten? So ein Quatsch. Du wirst mit mir nach Italien kommen und dann…«

»Wirst du wieder Herzen brechen. Wer wird es dieses Mal sein? Das Dorf, unweit des Hotels ist recht klein. Ich weiss nicht, ob es da noch Männer gibt, welche du verarschen kannst.«

Sie lächelt mich an und ich weiss, dass sie niemanden verarschen will. Und ich auch nicht, obwohl das Leben auf dieser Kugel manchmal echt verschissen ist. Ab und zu ertappe ich mich sogar dabei, dass ich mir die Frage der Fragen stelle!

Nein, nicht -Willst du mich heiraten-. Es ist die andere Frage! Was denn genau der Sinn des Lebens ist!

Wenn man sich diese Frage stellt, hat man wahrscheinlich schon verloren, oder? Ist ja voll depressiv, was ich da von mir gebe. Und das in meinem Alter. Muss echt an mir arbeiten und sollte dringend einen Kurs besuchen, z.B., Das Leben hat einen Sinn, weil wir sind. Wobei sich bei einem solchen Kursnamen sicher niemand anmelden würde, denn schon der Titel wirft viele Fragen auf. Scheisskurs. Ich lasse es sein.

»Angie, ich kann nicht wie du einfach auf und davon.«

»Doch Lea, genau DU kannst das! Oder was genau hält dich hier? Dein EX? Ist ja lächerlich. Jetzt wird’s Zeit, dass du diesen arroganten Muskelprotz aus deinen Gedanken verdrängst. Ich habe immer gesagt, je mehr Muskeln, desto weniger da oben!«

Sie tippt sich dabei an ihre Schläfe und lächelt.

Angie hat recht, er war wirklich oberflächlich und seine Muskeln waren ihm heilig. Sein Spitzname war übrigens Mucki. Er hat sich dauernd Protein-Shakes gemixt und mir damit sehr viel Spass bereitet. Nein, nicht wegen seiner Muskeln, eher wegen seiner übertriebenen Sorgen.

»Weisst du noch, Angie, als er sich ein falsches Protein-Geschlabber anrührte? Der Shake hätte am frühen Morgen getrunken werden müssen und Mucki hat ihn versehentlich am Abend gemixt! Und er wusste einfach nicht, ob dieser Shake am nächsten Morgen noch geniessbar ist!«

»Ja, kann mich daran erinnern. Du hast ihm doch vorgeschlagen, sich in einem Forum Hilfe zu suchen, oder?«

»Genau, ich war kurz vor einem der grössten Lachanfälle meines Lebens, weil er fast in Panik ausbrach und so hilflos vor mir stand! Und das alles nur wegen einem Shake!«

»Lea, ich habe dir immer gesagt, dass du Mucki abservieren sollst. Du wolltest ja nicht hören.«

»Stimmt, denn ich muss mir halt oft den Kopf stossen, bevor…«

»Bevor jemand anderes dir eine Entscheidung aufbrummt.«

»Ich bekenne mich schuldig.«

»Also, meine Liebe«, sagt Angie, »ich muss mich jetzt wirklich auf den Weg machen, es gibt eine Menge zu besprechen. In drei Tagen ist Dienstag und dann fahren wir zu Sonne, Oliven, Rotwein und Lasagne. Ich freue mich so sehr und du wirst sehen, es wird dir gefallen.«

»Ich weiss nicht – können wir das nicht noch einmal besprechen?«, werfe ich leise ein, lasse dazu theatralisch meinen Kopf hängen und setze sogar noch meinen Ich-bin-so-hilflos-Blick auf.

»Nein, kommt überhaupt nicht in Frage! Wir fahren nach Italien. Es wird bombastisch.«

Angie gibt mir einen Kuss auf die Wange, hechtet zur Wohnung hinaus und ruft mir aus dem Treppenhaus noch ein -Alles wird gut- zu.

Da bin ich mal gespannt. Bin gar nicht begeistert. Wieso kann ich nicht mehr mit ihm Zusammensein? Ach ja, weil er meinen Käfig geöffnet hat. Wie Angie immer auf solche Ideen kommt?

Trotz viel Arbeit ruft Angie mich oft an und fragt nach meinem Befinden. Es geht mir nicht wirklich gut. Ich kann das alles einfach nicht verstehen, dieses Lebewohl du dummes, altes Ding, habe eine Jüngere gefunden.

Ich kenne übrigens jede einzelne Homepage im Internet, welche sich mit dem Ende einer Beziehung befasst. Alles gute Vorschläge und irre gute Motivation. Die Zitate und Motivationssprüche sind wahrscheinlich nur für mich gemacht worden. Denn sie passen alle in mein Leben! Ich fühle mich so etwas von toll, wenn ich meinen Ordner mit hunderten von Zitaten gelesen habe! Dann lösche ich das Licht, lege mich zufrieden und volle Kanne überzeugt, dass alles so sein muss wie es ist, ins Bett und dann kann sich mein Gehirn bereits nicht mehr an diese tollen Ideen zur Bewältigung des Problems erinnern. Aus und vorbei und mich übermannt die Traurigkeit, und dann finde ich alle Sprüche zum Kotzen und nicht der Wahrheit entsprechend. Echt verschissen! Herzlich willkommen als Single im realen Leben! Das kann ja heiter werden.

Am Montagabend kommt Angie vorbei. Sie will schauen, ob ich wirklich alle Sachen zusammengepackt habe, welche ich in Italien zum Überleben brauche. Wie immer, wenn ich verreise, liegt ein riesiger Haufen Klamotten auf meinem Bett, welche in den Koffer gequetscht werden müssen.

Angie verdreht die Augen, lacht aber: »Hey, Liebe, wir wandern nicht aus, wir gehen nur vier Wochen nach Italien. Du brauchst nicht so viele Sachen mitzunehmen, auch dort kann man sich etwas kaufen.«

Ich gehe nicht darauf ein. Es geht mir immer noch nicht gut, weil ich immer an Mucki und seine Neue denken muss, welche morgen in MEINEN Urlaub fliegen. Ich kann es immer noch nicht glauben!

Angie merkt, dass ich eine kleine Depression schiebe und hilft mir schweigend, alles in den Koffer zu verstauen. Sie ist ein Schatz.

Nach dem Koffergequetsche (ich weiss, dass es dieses Wort nicht gibt, aber Sie wissen sicher, was ich damit sagen möchte), trinken wir noch einen Chai Latte mit viel leckerem Milchschaum und ich kann ihn sogar ein wenig geniessen. Wirklich ein sehr feines Getränk. Angie hat wie üblich den ganzen Schaum zwischen Oberlippe und Nase. Sieht voll bescheuert aus, aber das passiert ihr immer, und wenn ich sie nicht darauf aufmerksam mache, plappert sie fröhlich weiter und der Schaum blubbert vor sich hin.

Angie hat wegen eines Reitunfalls, welcher in ihrer Kindheit passiert ist, kein Gefühl mehr zwischen der Oberlippe und der Nase. Ich muss Reitunfall vielleicht ein wenig genauer definieren: Sie sass bei ihrem Onkel auf den Knien und sie spielten hoppe, hoppe Reiter. Aus unerklärlichen Gründen fiel sie hinunter und schlug mit der Oberlippe und Nase auf eines der Bauklötzchen, mit welchen sie vorher einen Stall gebaut hatten. Da sieht man es deutlich. Sport ist eine gefährliche Sache! Und wenn man sich während des Bauens eines Bauklötzchen-Pferdestalls nicht gemäss Suva Vorschriften kleidet, kann das, wie man gerade gelesen hat, voll danebengehen.

Zum Glück hat sie diese Taubheit oben im Gesicht und nicht 75 Zentimeter weiter unten.

Sie dürfen ruhig schnell nachmessen!

»Ich hole dich morgen um 03.00 Uhr ab, ist das okay?«, fragt sie, als sie sich den Schaum mit ihrem Handrücken abgewischt hat. Manchmal benimmt sie sich wie ein alter Bauer. Fehlt nur noch, dass sie mit der Faust auf den Tisch haut und herzhaft flucht.

»Um 03.00 Uhr? Spinnst du?«

»Wir haben, Pausen mit einberechnet, sicher an die dreizehn Stunden Fahrt vor uns. Habe ich dir doch gesagt, oder?«

»Ja, hast du, aber 03.00 Uhr?«

»Das schaffst du, meine Jammertante, das schaffst du!«

Bevor Angie nach Hause geht, um ihren Koffer ebenfalls zu packen, haucht sie mit einem verführerischen Blick: »Vergiss Sir Max nicht.«

Ich muss lachen und antworte: »Keine Sorge, Sir Max kommt mit, er ist der Einzige, der zu mir hält. Egal was passiert. Sir Max ist der Beste und wird mich ganz sicher begleiten.

Und ja, ich verrate sofort, wer Sir Max ist: Mein Vibrator. Ein Goldstück. Wirklich ein toller und treuer Freund. Und wenn er mal einen schlechten Tag hat, legt man einfach neue Batterien rein und das Vergnügen kann erneut losgehen. Muss mir aber ein neueres und vor allem leiseres Modell anschaffen. Kann ja nicht sein, dass die Nachbarn wegen des grossen Lärms aufwachen und denken, dass ich in meiner Wohnung eine Kernbohrung durchführe. Mal schauen, in Italien gibt es vielleicht ein paar Neuigkeiten betreffend Thema Vibrator.

Ich liege im Bett und kann nicht einschlafen. Wie meistens. Meine Gedanken machen gerade einen auf Hurrikan. Da wirbelt es die Gedanken so stark durcheinander, dass man das Gefühl hat, nicht mehr atmen zu können. Ich kann mich da so was von reinsteigern. Das habe ich voll drauf. Nein, ich bin nicht stolz deswegen, denn dieser Gedankenwirrwarr ist zum Durchdrehen. Ich habe nur noch keinen Weg gefunden, den Hurrikan zu stoppen. Wie könnte ich auch – oder kennen Sie jemanden, der einen richtigen Orkan schon mal zum Stillstand bringen konnte? Es bringt nämlich nichts, wenn sich ein tapferer Bulle breitbeinig vor den Wirbelsturm stellt und die Kelle mit STOP aufleuchten lässt. Innert Sekunden wäre der optimistische Polizist nämlich weg vom Fenster, oder besser gesagt von der Polizeistation, und würde beim nächsten Frühstück garantiert fehlen. Da müsste man schon hinterhältiger vorgehen!

Haben Sie’s bemerkt?

Nein?

Ich schlafe immer noch nicht.

Ich habe übrigens mal versucht, den Schlaf mit Schlaftabletten zu überlisten. Null Chance. Es hat kein bisschen geholfen. Wollte mich dann in der Apotheke über die mir verordneten Pillen beschweren, aber zum Glück habe ich in meinem Medikamenten-Durcheinander noch feststellen können, dass ich anstelle der Schlaftabletten Magentabletten eingenommen hatte. Mein Schlaf hat sich darüber totgelacht und ich war jede Nacht bis in die Morgenstunden wach.

Peinlich?

Ja. Definitiv.

Punkt 03.00 Uhr klingelt es an der Tür. Ich bin hundemüde, aber dennoch um 02.00 Uhr aufgestanden und habe schon circa einen Liter Kaffee getrunken. Bin bereit für diese Italienreise, obwohl ich gerade sehr viel an Mucki denke. Heute würden wir zusammen in Urlaub fliegen. Ich habe mich so darauf gefreut und dieser Vollpfosten haut einfach ab, als wäre er auf der Flucht. Und ja, jetzt bin ich wütend. Wirklich wütend. Wie nur prügle ich diese Gedanken aus meinem Kopf?

Mit einer Bratpfanne? Bin sehr schmerzempfindlich, also lasse ich das sein. Aber danke trotzdem für den Tipp.

Angie und ich umarmen uns. Sie ist völlig aufgeregt und freut sich wie ein kleines Kind. Ich verstehe sie. Das Hotel ist zwar alt, liegt aber an einer wunderschönen Lage und strahlt trotz notwendiger Renovation eine grosse Ruhe aus. Die Ruhe vor dem grusligsten Filmdreh aller Zeiten, aber das sage ich Angie nicht noch einmal. Ich glaube nämlich, dass sie sich als Kind dort wirklich wohlgefühlt hat.

»Hast du Sir Max im Gepäck?« fragt sie, bevor wir losfahren.

»Sicher habe ich ihn dabei, er freut sich auf ein paar heisse Nächte in Italien. Und nun fahr schon los, jetzt bin ich auch nervös.«

Aufgeregt, wütend, verletzt und traurig setze ich mich ins Auto und wir reisen ab. Ich reisse mich zusammen, will Angie nicht die Fahrt verderben. Es ist nicht ganz einfach, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten, gehört aber zum Verarbeitungsprozess. Doofes Wort. Ich habe es im Internet gelesen. Man ist übrigens mit keinem Problem alleine auf der Welt! Im Netz findet man für jedes Problem ein Forum und tausend Menschen, die wissen, wie man alles wieder hinbiegen kann. Das ist doch ein sehr beruhigender Gedanke, finden Sie nicht auch?

Wir kommen gut voran. Angie weiss, dass ich immer noch traurig bin und erzählt deshalb eine Geschichte nach der anderen. Es ist unglaublich, was sie so alles aus ihrem hübschen Köpfchen zaubert. Eigentlich hätte sie einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde verdient. Als Weltmeisterin im Aufmuntern. Sie kann das so gut, dass sie viel Geld damit verdienen könnte. Das Geschäft könnte folgendermassen heissen: Kummer? Ruf an. Hier die Nummer.

Toll oder?

»Habe ich dir die Geschichte mit dem Strampler schon mal erzählt?«, fragt Angie, obwohl ich mich von ihrer letzten Geschichte noch gar nicht erholt habe.

»Ich weiss nicht genau. Um was ging’s und vor allem, mit wem?«

»Es geht um den Strampler.«

»Den Strampler?«

»Ja, den Strampler für den Mann. Sieht aus wie ein Babystrampler. Diese Anzüge mit Füsschen und Kapüzchen. Babys sehen in diesen Teilen so niedlich aus und man möchte ewig mit ihnen knuddeln. Nun hat so eine Intelligenzbestie solche Strampler für den Mann und die Frau erfunden. Echt, ich lüge nicht. Hast du das noch nie gesehen?«

»Doch, ich habe das letzthin im Internet entdeckt. Die sollen ja unglaublich bequem sein, damit man vor dem Fernseher so richtig abhängen kann.«

»Genau die meine ich«, bestätigt Angie. »Die Herren-Strampler haben zwar keine Füsschen, sind aber ebenfalls mit Reissverschluss und Kapuze ausgerüstet.«

Sie fängt an zu lachen: »Also Lea, du versprichst mir, dass du niemandem davon erzählst.«

»Ich verspreche nie etwas«, gebe ich zur Antwort. Ich verspreche nämlich nie etwas und halte das auch.

»Das weiss ich, habe es aber trotzdem versucht.«

»Sorry, hab’s bemerkt.«

»Also, ich hatte an diesem Abend so richtig Lust auf Sex. Es musste also etwas unternommen werden. Die Toilette war nach einer zweistündigen WC-Session endlich frei und ich konnte unter die Dusche. Mein Ex machte es sich vor dem Fernseher gemütlich und ich sagte ihm, dass ich nach der Dusche zu ihm kuscheln käme.

»Kuscheln? Ich dachte, du wolltest Sex«, lache ich.

»Wollte ich auch. Im Eiltempo stieg ich unter die Dusche, rasierte alles, was es zu rasieren gab und versiegelte meine Haut mit einer herrlich duftenden Bodylotion. Die Haare wurden toll hergerichtet, das Makeup aufgefrischt, Minzbonbons eingeworfen und vor dem Spiegel noch schnell ein paar umwerfende Augenaufschläge geübt. Es soll MANN ja umhauen.«

»Angie, hör auf, ich glaub nicht, dass ich das alles wissen will!«

»Mir egal, ich erzähle es trotzdem, und warte, es kommt noch viiiiiel besser. Jetzt kommt nämlich erst das Wesentliche. Ich schlüpfte in meinen Bodystocking.«

»In was bist du geschlüpft?«

»Bodystocking. Warst du noch nie in einem Erotikmarkt? Wobei ich die Dinger ja immer online kaufe, das ist mega praktisch. Ein Bodystocking ist ein hammermässiges Dessous, das jeden Mann wahnsinnig macht. Es ist eine Art Catsuit oder Overall, welcher aus Spitze besteht. Dieser ist an allen Stellen offen, auf welche man direkten Zugriff haben muss, um die Bodystocking–Trägerin zu befriedigen. Kommst du noch mit?«

»Ja, nein!«, pruste ich.

»Ich zog mir noch schwarze, hochhackige Stiefel an und dann ging’s baucheinziehend und arschschwenkend ins Wohnzimmer.«

»Und dann? Was war dann? Hat es ihm die Sprache verschlagen?«

»Eher mir.«

»Wieso? Bitte fahr weiter.«

»Die folgende Szene musst du dir jetzt bildlich vorstellen. Ich kam in diesem unglaublich erotischen Teil im Wohnzimmer an. Mein Ex lag in einem Strampler auf dem Sofa und kratzte sich am Sa…, ist ja egal, wo er sich gerade gekratzt hat.«

Ich kriege mich nicht mehr ein und stelle mir Angie gerade vor. Ich kann vor lauter Lachen kaum mehr atmen. Tränen laufen mir die Wangen hinunter. Lachanfall-Tränen, die liebe ich!

Angie fährt weiter: »Dieses Bild war einfach zu krass. Und abrupt hatte ich gar keinen Bock mehr auf erotische Abenteuer. Nicht mit einem Mann in einem Strampler. Es ging gar nichts mehr, denn ich lachte mich fast zu Tode. Und die Lust, die war verschwunden.«

»Und dein Ex?«

»Seine Augen waren so gross wie noch nie und eine Wölbung unter dem Strampler war deutlich zu erkennen. Bei mir war aber alle Erotik gewichen. Und weisst du, was der Clou war?«

»Nein, was denn?«

»Ich wollte ihn mit meinem neuen Dessous ja überraschen und verführen. Und ER wollte mich mit seinem neuen Strampler ebenfalls verführen. Die Überraschung war ihm jedenfalls gelungen und meine Lust auf Sex war von der einen Sekunde auf die andere erloschen.«

Angie und ich können kaum aufhören zu lachen. Ist es nicht wundervoll, das Leben? Wenigstens manchmal?

Und nebenbei bemerkt: Wenn man jemals ein Baby im Strampler geknuddelt hat, speichert man dieses Kleidungsstück inklusive Baby als niedlich ab. Und niedlich ist ja alles andere, als das, was wir mit einem Partner in Verbindung bringen wollen. Da fallen mir viel bessere Worte ein. Diese werde ich aber nicht verraten.

Nach vierzehn Stunden Autofahrt, etlichen Kaffee-WC-Stopps, tausend Gesprächen und weiteren Top-Storys von Angie sind wir fast am Ziel. Angie freut sich sehr, ihren Grossvater wieder zu treffen.

Wieso sie ihn seit drei Jahren nicht mehr besucht hat?

Sie hat doch diese Werbeagentur gegründet und war einfach zu beschäftigt. Sie hat wirklich geschuftet wie ein Ochse. Ich weiss, dass dies für Angie eine Flucht war. Die Flucht vor dem Alleinsein, die Flucht vor der eigenen Angst.

Wieso haben Frauen eigentlich diese saudoofe Angst, wenn sie verlassen werden? Wovor genau hat man denn eigentlich Angst? Ist es wirklich das Alleinsein? Ist es das Neue? Ist es das Unbekannte, welches uns nach einer Trennung erwartet?

Eigentlich sollte man sich nicht fürchten. Im Gegenteil, man sollte die Flügel ausbreiten und bis zu den Sternen fliegen. Natürlich muss man sich neu orientieren, aber ist es nicht genau das, was auch spannend sein kann? Was uns neue Perspektiven eröffnet und wir uns auf das besinnen, was wir wirklich möchten? Denn auch wenn das Verlassen werden uns nicht passt, jeder kann das Ganze als Chance anschauen. Man muss sich nur getrauen!

Das habe ich jetzt aber sehr schön beschrieben. Wow! Fast glaubwürdig, oder? Dabei habe ich weder meine Flügel ausgebreitet noch eine neue Perspektive gesichtet. Ich finde immer noch alles zum Kotzen. Und wenn ich schon dabei bin, Angst vor dem Alleinsein habe ich auch.

Italien

»Schau, Lea, das Dorf ist schon dort vorne, siehst du?«

»Ja, ich sehe es. Hoffentlich sieht der Bibliothekar dich nicht ankommen. Der würde dir glatt die Autoreifen kaputt stechen oder dir ein paar Bücher an den Kopf werfen. Haben wir einen Helm dabei? Den solltest du vorsichtshalber aufsetzen. Oder noch besser. Ich fahre selber weiter und du legst dich hinten auf die Rückbank.«

»So ein Quatsch! Der und die anderen zwei haben mich schon lange vergessen«, gibt sie mir zur Antwort.

Kann schon sein, denke ich. Muss aber nicht.

Nach weiteren zehn Minuten biegen wir in die Allee ein, welche zum Hotel führt. Angie stoppt das Auto und wir beide sitzen da und schauen die Strasse entlang. Rechts und links stehen haushohe Pappeln. Die Sonne scheint durch die Bäume und es sieht aus, als wenn wir in diesem Moment in eine Fantasiewelt eintauchen würden. Es ist unbeschreiblich schön.

Ohne ein Wort über diese Pracht zu verlieren, fährt Angie langsam die Allee entlang. Nach circa zweihundert Metern sehen wir es, das Hotel. Mein Kiefer läuft Fuss, denn ich kann mich nicht daran erinnern, dass es so gross und so imposant gewesen ist. Mir verschlägt es die Sprache und ich muss meinen Kiefer von Hand wieder an die richtige Stelle rücken.

Habe ich eben imposant gesagt? Gibt es noch eine Steigerung? Dann würde ich lieber dieses Wort wählen, habe aber gerade keine Zeit, ein Synonym zu suchen.

Könnten Sie das vielleicht für mich erledigen? Sie haben auch keine Zeit? Okay, dann lassen wir dieses imposant einfach stehen!