Glück, soviel man braucht - Stephan Schipper - E-Book

Glück, soviel man braucht E-Book

Stephan Schipper

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Beschreibung

Stellen Sie sich vor, sie wären im Besitz von Lottoscheinen, auf die Sie jedesmal gewinnen. Keine großen Summen, sondern nur soviel, wie Sie gerade am Leben hält. Würde Ihnen das auf Dauer reichen? Der Besitzer dieser Lottoscheine heißt Oskar Löwe und lebt in einer alten Garage. Seine Tochter Felicia (lat.: die Glücksbringende) hatte ihm die Scheine ausgefüllt, kurz bevor sie starb. Oskar selbst jedoch wurde seinerzeit für Felicias Tod verantwortlich gemacht. Seitdem hält er sich versteckt. Der Roman beginnt damit, dass Oskar von einem Krankenwagen angefahren wird und dabei sein Gedächtnis verliert. Die Fahrerin des Krankenwagens ist Trudi. Sie glaubt nicht an Schicksal, sondern an Sicherheitsgurte und gute Planung. Bis zu diesem Tag war sie fest davon überzeugt, man könne alles im Leben selbst beeinflussen. Vielleicht kommt Trudi gerade deshalb nicht mit ihrer verkorksten Familie klar. In sechs Tagen soll es eine Familienfeier geben. Zoff ist vorprogrammiert: Trudis schwuler Bruder möchte der Familie nämlich seinen dunkelhäutigen Adoptivsohn Olufemi präsentieren. Trudi schiebt den Gedanken an das Familientreffen weg und kümmert sich stattdessen rührend um Oskar. Dieser ist auf dem Weg der Besserung. Allmählich gibt auch Oskars Gedächtnis sein dunkel-trauriges Geheimnis preis. Doch dann kommt es zum Streit zwischen Oskar und Trudi, die danach zu ihren Eltern flüchtet. Dort beginnt das Familientreffen: Oskar, der Schicksalsgläubigkeit zu seiner Religion gemacht hat, fährt Trudi hinterher. Der Showdown im Kreise von Trudis Familie hält eine Tragödie bereit, die es abzuwenden gilt.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Stephan Schipper

Glück, soviel man braucht

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Epilog

Impressum neobooks

Montag

- Der wilde Oskar -

Sein Vollbart schien unkontrolliert in alle Richtungen zu wachsen. Es gab Tage, an denen er sich morgens im Spiegel selbst nicht wiedererkannte. Manchmal aber kam ihm das haarige Gesicht schon vertraut vor, und er konnte sich beim besten Willen nicht mehr an sein früheres Aussehen erinnern. Er war jetzt, mit sechsunddreißig Jahren, das, was er nie sein wollte - ein Gefangener seines Schicksals und schlimmer noch, er hatte sich damit abgefunden. Denn das Schicksal war unbeugsam.

Oskar zog sich den Handschuh aus. Den Rechten, also nicht den Lederhandschuh - nein, den Flanellhandschuh mit den Löchern. Er steckte sich den kleinen Finger ins Ohr. Dies verursachte ein schmatzendes Geräusch, begleitet von stechendem Schmerz. Unter seinem Fingernagel klebte eine gelb-rote Flüssigkeit. Als er diese ableckte, schmeckte sie salzig. Salz, so nahm er an, senkt womöglich den Gefrierpunkt von Eiter. Und dieser Gedanke beruhigte ihn, denn das Thermometer, welches er mit Klebeband an seinem Spiegelschrank befestigt hatte, zeigte seit Wochen Temperaturen von unter null an. Die Welt - seine Welt - schien zu erfrieren. Dem Badezimmerschrank, den er vom Sperrmüll hatte, fehlte eine der Spiegeltüren, doch er machte sich gut an der Wand der Garage, in der Oskar seit zwei Jahren lebte. Hier hatte er alles für ihn Wichtige verstaut: Quittungen, alte Lottoscheine, sein Tagebuch sowie einige wenige Fotos. Vergilbte Erinnerungen an ein früheres Leben. Neben dem Schrank hing das Bild eines Mädchens, darunter ein verblasster Zettel. Einer von denen, die man aus den Kalendern in Krankenhauszimmern abreißt. Für jeden Tag ein christlicher Spruch oder ein netter, gut gemeinter Aphorismus. Lebensweisheiten, die man gebraucht hätte, bevor man sie dort liest. Auf diesem Blatt stand unter dem Datum folgendes Zitat:

Wer ist arm, wenn er geliebt wird? – Oscar Wilde

Oskar hatte seinerseits handschriftlich etwas dazu geschrieben:

Wer wird geliebt, wenn er arm ist? – der wilde Oskar

Zettel und Foto hatten schon den bekannten Sepia Effekt und Oskar war längst nicht mehr so verbittert wie an jenem Tag, an dem er den Kalenderspruch sarkastisch kommentiert hatte. Höchstens zweimal im Monat noch, spielte er mit dem Gedanken, seinem Leben ein Ende zu setzen. Das Fieber war von vierzig auf achtunddreißig Grad gesunken und gestern hatte er eine beinah frische Banane im Müll gefunden. Im Radio kündigte man Tauwetter an. Kein Zweifel. Es ging bergauf.

Einzig das vereiterte Ohr und die laufende Nase vermiesten ihm in dieser kalten Nacht im Februar etwas die Laune. Oskar nahm sich das Stofftaschentuch, welches er am Tag zuvor im Schnee gesäubert hatte. Es war noch feucht, aber Oskar hätte sich nie, so wie ein Fußballer, ein Nasenloch zugehalten, um mit dem Auswurf des anderen den Gehweg zu verunreinigen. Er hatte sich seine guten Manieren bewahrt. Auch war er nicht dem Alkohol verfallen wie die meisten Obdachlosen der Stadt. Oskar bezeichnete sich selbst nie als obdachlos. Nein, er besaß eine Garage. Sie gehörte zu einem der vielen leerstehenden Häuser der Vorstadt von Klein-Hufeisenach.

Er nahm also das Taschentuch, um sich die Nase zu schnäuzen. Was dann geschah, sollte sein Leben zum Positiven verändern. Jedoch nicht sofort, sondern erst im Verlaufe der folgenden Woche. Das Ziehen in seinem rechten Ohr, das seit Tagen lediglich ein leises Stechen gewesen war, so als ob jemand mit einer winzigen Nadel sein Trommelfell berührte - dieses Stechen also verstärkte sich nun derartig, dass Oskar das Gefühl hatte, man habe die kleine Nadel gegen eine heiße Stricknadel ausgetauscht. Oskar schrie und starrte in den halben Spiegel. Dabei sah er seinen weit aufgerissenen Mund, in dem ein Schneidezahn fehlte. Dieser war vor wenigen Wochen bei der Begegnung mit zwei alkoholisierten Glatzköpfen verloren gegangen. Die beiden arbeitslosen jungen Männer in Springerstiefeln hatten geglaubt, in Oskar einen Sozialschmarotzer erkannt zu haben. Der eine hatte ihn festgehalten, während sein Kumpel zuschlug. Es gab kein Entkommen. Der Ring mit dem Reichsadler traf Oskars Oberkiefer mit voller Wucht. Hätte Oskar an einer Parodontitis gelitten, wäre der Zahn im Ganzen abhanden gekommen. Dank guter Pflege saß er jedoch so fest, dass er in Wurzelhöhe abbrach. Der Zahnarzt, der die Wurzel entfernen musste, bescheinigte Oskar damals auch ein, so wörtlich, „tadelloses Restgebiss“. Doch für dieses Restgebiss hatte Oskar nun keinen Blick. Er war zu sehr damit beschäftigt, seine Ohrenschmerzen weg zu schreien.

Eigentlich hätte er sich hören müssen, doch die Schreie kamen nur gedämpft in seinem Großhirn an. Kein Zweifel. Er brauchte jetzt dringend einen Arzt.

- Klee-Allee -

Die Tachonadel bewegte sich beharrlich zwischen achtzig und neunzig km/h. Um vier Uhr morgens trifft man in der Innenstadt von Klein-Hufeisenach kaum einen Menschen an. Trudi Goldberg trat also aufs Gaspedal. Sie schaute kurz nach hinten über die Schulter, als der Zwei-Meter-Mann anfing zu stöhnen. Er lag festgeschnallt auf der Liege, seine Augen weit aufgerissenen. Die Finger krallten sich um das Handgelenk des Rettungsarztes. Sie waren tätowiert mit den Buchstaben H, A, S und S. Am Mittelfinger trug der Mann einen Ring mit Reichsadler. Trudi sah fünfzig Meter vor sich eine Ampel auf Gelb springen und beschleunigte. Plötzlich hörte sie hinter sich ihren Kollegen rufen:

„Atemstillstand – Trudi! Halt an!“

Trudi reagierte sofort und kam mitten auf der Kreuzung zum Stehen. Der Puls des Mannes war noch schwach vorhanden, also fing der Arzt an, zu intubieren. In der kurvenreichen Innenstadt wäre dies bei voller Fahrt schwierig gewesen. Außerdem konnte Trudi dem Arzt jetzt assistieren. Als Rettungssanitäterin hatte sie zwar nur eine kurze Ausbildung durchlaufen, aber sie kannte sich im Rettungswagen besser aus als ihr junger Kollege, der erst seit ein paar Tagen dabei war. Mit wenigen, zielsicheren Griffen legte sie alles bereit, was gebraucht wurde. Nach nicht einmal einer Minute zeigte das Beatmungsgerät seine Wirkung. Puls und Herzfrequenz stabilisierten sich. Ein weiteres Mal hatte die Routine über den Tod gesiegt.

Bald darauf startete Trudi den Hundertachtzig-PS-Motor und fuhr weiter in Richtung Krankenhaus. Auf der Klee-Allee, dort wo die Bäume sehr dicht am Straßenrand stehen, schaltete sie vorsichtshalber das Martinshorn ein. Höchstens zwei Minuten noch, dann wären sie da. Vorausgesetzt, es würde nichts dazwischen kommen.

Doch es kam etwas dazwischen. Trudis Handy, welches in der Mittelkonsole lag, klingelte. Trudi schaute aufs Display und las: „Mutti.“

Schon zum dritten Mal innerhalb einer Woche rief sie an und Trudi wusste, es ging wieder einmal um die potentiell nervtötende Familienfeier am kommenden Wochenende. Ihre Eltern hatten anlässlich ihres fünfunddreißigsten Hochzeitstages die lieben Kleinen samt Anhängsel zum Essen eingeladen. Bei Trudis jüngerer Schwester Evelyn war dieses Anhängsel eine Art gutartiges Geschwür, das auf den Namen Dirk hörte. Die Begleitung ihres Bruders Max war wesentlich sympathischer, aber im Kreise der Familie gänzlich unerwünscht, weil männlich. Vermutlich würde Max also ohne seinen Freund Mario kommen. Und Trudi? Sie wusste noch nicht, ob sie überhaupt hingehen sollte. Also beugte sie sich nach unten, um das Handy auszuschalten.

Zur gleichen Zeit war auch Oskar mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Paracelsusklinik. Er ahnte noch nicht, dass er dort viel früher ankommen würde, als er gedacht hatte. Das Martinshorn interpretierte er als Tinnitus. Wusste er doch um die Probleme, die er mit seinen Ohren hatte. Durch die Fummelei an ihrem Handy ließ sich Trudi für einen kurzen Moment ablenken und sah ihn viel zu spät. Dadurch sollte sich auch ihr Leben grundlegend zum Positiven ändern. Natürlich nicht sofort.

- A la Carte -

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Dirk sein Rührei, gerade so, als sei es die Nachgeburt eines Außerirdischen. Würde es ihm heute wieder nicht schmecken? War zu viel Schnittlauch daran oder zu wenig, wie beim letzten Mal? Evelyn wusste es nicht. Dirk schaufelte sich einen ganzen Berg davon aufs Brot und würzte mit Salz nach, ohne vorher gekostet zu haben. Auf dem Weg zum Mund landete ein Stück des Rühreis in seiner Kaffeetasse, was er jedoch nicht gleich bemerkte. Er wischte sich mit dem kleinen Finger über die Lippen. Seine feingliedrigen Hände passten so gar nicht zu seiner Tollpatschigkeit und erst recht nicht zu seinem Körper, der hier und da einige Pölsterchen hatte. Früher liebte Evelyn alles an ihm. Seine weichen Gesichtszüge, die glatte Haut (er hatte nicht viel Bartwuchs und rasierte sich gründlich) aber sie mochte ebenso seine Unzulänglichkeiten wie den kleinen Ansatz einer Glatze oder die schon erwähnten Pölsterchen. Und heute...? Mit offenem Mund kauend begann er, zu reden:

„Du musst alleine, übrigens.“

Und er verrührte den Kaffee mit der Milch und dem Rührei zu einer unansehnlichen Brühe. Er hatte es immer noch nicht bemerkt.

„Alleine, was denn?“

„Am Wochenende zu deinen Eltern.“

Dirk schmatzte. Evelyn war fassungslos.

„Aber …“

„Hat sich ´ne Gesellschaft angesagt für Samstag. Dreißig Personen. Á la carte. Tut mir leid.“

„Tut dir leid? Seit Wochen freuen sich meine Eltern darauf, dass alle mal wieder bei ihnen sind.

„Hör zu, das Leben ist kein Wunschkonzert. In der Gastronomie kannst du dir nicht immer was aussuchen.“

Außer, man ist Gast und bestellt á la carte, dachte Evelyn.

Auch Evelyn suchte seit Langem eine feste Arbeit, fand jedoch keine.

„Deine Schwester nimmt dich sicher mit“, sagte Dirk mit einem Achselzucken, während er einen Schluck Kaffe nahm. Er verzog er das Gesicht, als er Brocken von Rührei zwischen den Zähnen hin und her schob.

„Aber ich will, dass du mitkommst. Und außerdem … mit diesem Volker? In einem Auto? Kommt gar nicht in Frage.“

Allein der Gedanke an Trudis Verlobten löste bei ihr einen Brechreiz aus. Evelyn ließ resignierend die Schultern hängen. Sie musste ihren Mann am Wochenende dabeihaben, denn es gab etwas zu verkünden. Eine Neuigkeit, die die versammelte Familie in Verzückung versetzen würde. Sie hatte die Ergebnisse vom Arzt. Herztöne, Größe, Aktivität des Kindes. Alles sah gut aus, dieses Mal. Aus irgendeinem Grunde wollte sie es Dirk jetzt noch nicht sagen. Schon gar nicht in dieser Stimmung Evelyn rauschte hinaus aus der Küche, spielte kurz mit dem Gedanken, sich eine Zigarette anzustecken. Aber dann … nein, besser nicht. Bloß keine Glimmstängel, nun wo sie schwanger war. Obwohl … Dirk schien es nicht einmal aufgefallen zu sein, dass sie seit Wochen nicht mehr rauchte. Dabei hatte sie es von fast zwei Packungen täglich auf null gebracht. Doch jetzt überkam sie eine innere Unruhe. Oder war es nur die Wut über ihren ignoranten Mann? Am liebsten hätte sie einen tiefen Zug genommen, damit der blaue Qualm hinunter in ihre Lunge drang. Dort musste sich bei Rauchern die Seele befinden. Und Evelyns Seele wollte gestreichelt werden.

Komm, blauer Seelenstreichler, dachte sie. Komm und vermische dich mit meiner Wut, und ich entlasse alles mit einem Ausatmen zurück in diese schlechte Welt.

Zu der Wut über Dirk kam noch der Gedanke an ein Wiedersehen mit Trudis Freund Volker. Sie hatte es zwei Jahre lang erfolgreich geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen. Damals hatte er versucht, sich an sie ranzumachen. An sie, Evelyn Goldberg, die graue Maus mit den viel zu kleinen Brüsten und der viel zu großen Brille. Sie würde sich niemals mit diesem einparfümierten Lackaffen in ein Auto setzen. So beschloss sie schon jetzt, ein Taxi zu ordern. Es war erst Montag, also noch eine knappe Woche bis zur Familienfeier, aber so wie ihre Schwester plante sie alles genauestens im Voraus. Sie griff zum Telefonhörer, um die Nummer von Taxi-Benedikt zu wählen, dem einzigen Taxiunternehmen der Stadt.

„Ich möchte einen Wagen bestellen. Ja in die Philisterstraße zwölf. Sagen wir gegen dreizehn Uhr. Nicht heute. Erst am Samstag. Schreiben Sie sich das bitte auf. Ich muss mich darauf verlassen können.“

Und worauf konnte man sich schon verlassen? Auf Dirk scheinbar nicht. Evelyn hatte sich alles so wunderbar zurechtgelegt. Die kleine Ansprache bei Tisch und die Verkündung, es habe endlich geklappt mit der Familienplanung. Ihre Mutter würde vor lauter Freude darüber augenblicklich stapelweise Kartons mit Kinderspielzeug und Büchern vom Dachboden holen. Da war sich Evelyn sicher. Sie würde die Staubschicht herunter pusten, um jede einzelne Kiste feierlich zu öffnen, als seien es Zauberkästen, mit denen man die Kindheit zurückholen könne. Evelyn musste Dirk wie auch immer überreden, wenigstens am Sonntag nachzureisen. Sie bekäme noch ihren großen Auftritt.

- Wenn Schicksal zum Kotzen ist -

Trudi glaubte nicht an Schicksal, sondern an Unglückvermeidungsstrategien sowie gute Planung. Als Folge dessen konnte sie jeden Erfolg, den sie im Leben hatte, als eine von ihr persönlich errungene Leistung verbuchen. Alles Negative wertete sie als selbst verschuldetes Ereignis. Zum Glück hatte sie jedoch bisher keine all zu schicksalhaften Erfahrungen machen müssen. In den nächsten Tagen sollte sie noch oft Gelegenheit bekommen, über die Begriffe Glück und Schicksal nachzudenken.

„Möchten Sie einen Kaffee, Frau Goldberg? Sie sehen blass aus.“

Trudi hörte die Frage des diensthabenden Unfallchirurgen, ohne zu reagieren. Sie spielte nervös mit dem Schlüssel des Rettungswagens, als sie durch das Fenster in der Tür hinüber zur Intensivstation blickte. Dort lag der Bärtige, den man vor wenigen Minuten aus dem CT-Raum geschoben hatte. Für einen Augenblick fiel ihr Blick auf das eigene Spiegelbild in der Scheibe. Es war dort nichts mehr zu sehen von der hübschen, energischen Rettungsassistentin, die jeder Situation gewachsen schien. Ihr Gesicht wirkte im fahlen Neonlicht statisch, zweidimensional, wie ein verblasstes Foto, das nur an das erinnerte, was sie wenige Stunden zuvor gewesen war.

„Wird er es schaffen?“

Sie zitterte die Frage heraus, ohne die Kraft und die Melodie, die ihre Stimme sonst auszeichnete.

„Man kann noch nichts Genaues sagen. Er hat jedenfalls keine schweren Verletzungen davongetragen, aber er ist bewusstlos.“

„Im Koma?“

„Wir müssen abwarten. Die Computertomographie zeigte weder Hirnblutungen noch Frakturen. Möglicherweise hat er also nur ein leichtes Hirntrauma durch die Erschütterung.“

„Aber warum ist er dann nicht bei Bewusstsein?“ Trudi wusste durchaus etwas über Komapatienten. Nicht aus ihrem Medizinstudium, welches sie vor fast sieben Jahren abgebrochen hatte. Nein. Sie hatte in ihrem jetzigen Beruf schon einige Motorradfahrer unter Leitplanken hervorgezogen und deren Krankengeschichten später verfolgt. Einer dieser jungen Burschen war nie wieder aufgewacht. Weder der Rückenprotektor noch sein Integralhelm hatten ihm das Leben retten können. Und der Mann, den Trudi angefahren hatte, war ohne Helm unterwegs gewesen. Nun sah sie durch die Scheibe und wünschte sich, er würde sich bewegen, oder wenigstens einen Laut von sich geben. Der Arzt hob die Augenbrauen.

„Seine Verletzungen sind wie gesagt nicht gravierend. Nur ein paar Kratzer. Abgesehen vom Unfall hat er aber noch einen grippalen Infekt inklusive einer starken Mittelohrentzündung.“

Trudi ließ die Schultern hängen. Konnte sie denn nichts tun? Sie war es gewohnt, die Dinge beeinflussen zu können.

„Rufen Sie mich bitte an, wenn Sie Genaueres wissen, ja?“

„Mach ich. Ach, übrigens – wir würden auch gerne seine Verwandten anrufen, aber wir haben nicht einmal seinen Namen.“

„Hatte er keine Papiere bei sich?“

Der Arzt lächelte abfällig.

„Was erwarten Sie? Vermutlich ist er einer der Obdachlosen, die immer am Bahnhof herumhängen. Ungewöhnlich ist nur, dass er dafür etwas zu viel Geld bei sich trug. Fünfundzwanzig Euro in kleinen Münzen.“

„Was ist mit besonderen Kennzeichen?“

„Na ja, er hat vor kurzem einen Schneidezahn verloren. Wie die Wunde aussieht, hat das ein Zahnarzt gemacht. Vielleicht lässt sich ja dadurch was herausbekommen.“

„Ich kann mich darum kümmern“, hörte sich Trudi murmeln, obwohl es letztlich Sache der Polizei war, die Identität des Mannes herauszufinden und sie selbst schon hundemüde war. Kurz darauf ging sie zu ihrer Wohnung, die nur einen Steinwurf von der Klinik entfernt lag. Es war ein steil bergab führender Weg, den die Klein-Hufeisenacher Bürger nur den ´Bazillenweg´ nannten, weil man ihn nach dem Krieg aus den Trümmern des alten Krankenhauses gebaut hatte. Auf halbem Weg kam ihr mit hoher Geschwindigkeit ein Wagen entgegen. Er pflügte sich durch den morgendlichen Nebel. Trudi erkannte ihn am blubbernden Geräusch des Turbomotors. Es war Volker, ihr Verlobter, mit seinem Porsche. Doch er war offenbar zu schnell und sah sie nicht, obwohl sie ihm zuwinkte. So blieb Trudi nur übrig, ihm enttäuscht hinterher zu sehen, bis er wieder in der Nebelwand verschwunden war.

Die Luft war frisch und lud ein zu tiefen Atemzügen. Ein Morgen, viel zu schade, um ins Bett zu gehen. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Nicht, nachdem sie einen Fahrradfahrer mit der Motorhaube quer über eine Kreuzung geschubst hatte und dieser nun im Koma lag. Ganz zu schweigen von dem Patienten, den sie transportiert hatte. Auch ihm ging es schlecht.

In dem Haus, in dem Trudi wohnte, musste sie sich einmal mehr die Treppen hinauf quälen, denn der Aufzug war wie so oft in letzter Zeit defekt. In ihrer Wohnung erwartete sie bereits die blinkende Leuchtdiode ihres Anrufbeantworters. Sie drückte auf den Knopf.

„Piiiep. Hallo, hier ist deine Mutter. Es wäre schön, wenn du dich mal meldest, um uns mitzuteilen, ob du uns am Wochenende mit deiner Anwesenheit beglücken wirst.“

Der Sarkasmus war nicht zu überhören. Und weiter:

„Ach ja … und sag mir bitte noch rechtzeitig, ob du diesen … Volker auch mitbringst. Wegen der Tischordnung und so. Bis dann.“

Ihre Mutter mochte Volker nicht besonders, weswegen sie ihn auch immer noch als "diesen … Volker“ bezeichnete, obwohl er schon seit einer Ewigkeit mit Trudi zusammen war. Vor fast zehn Jahren hatte sie ihn in der Unkaputt-Bar kennen gelernt, eine Studentenkneipe, in der sie damals aushilfsweise bedient hatte. Zumindest war das die offizielle Version, so wie Trudi sie ihrer Mutter erzählt hatte. In Wirklichkeit war sie an diesem Abend selbst nur Gast in dieser Kneipe gewesen. Nach ihrem fünften oder sechsten Ramazotti musste sie in Volkers Wohnung gelandet sein. Wahrgenommen hatte sie ihn aber erst am Morgen danach, nachdem sie sich gefragt hatte, auf wessen Sofa sie sich in der Nacht übergeben hatte. Es stellte sich heraus, dass es das Sofa eines frischgebackenen Assistenzarztes war, der sie am Abend zuvor mit zu sich nach Hause genommen hatte. Mehr noch – er war der Tutor, der sie in den nächsten Wochen durch den Anatomiekurs begleiten sollte. Die Sache war ihr so unendlich peinlich, doch Volker verzieh ihr das Missgeschick. Mit seinem ersten Gehalt kaufte er sich ein neues, sündhaft teures Ledersofa und schenkte Trudi das alte mit den Flecken. Immerhin war es gut genug für Trudis Studentenbude und eine Wolldecke darüber versteckte die Folgen ihrer gemeinsamen Nacht. In den Augen ihrer Mutter war Volker von Anfang an nichts weiter, als ein karrieregeiler Schnösel. Nur wegen ihm habe Trudi zwei Jahre später ihr Studium abgebrochen, so glaubte sie. Außerdem beklagte sie sich ständig darüber, dass sie wohl nie Oma werden würde und er, Volker, sei schuld daran, weil er keine Kinder haben wolle. Noch nicht, wie er immer vorgab. So ganz Unrecht hatte ihre Mutter allerdings nicht. Trudi war schon zweiunddreißig. Höchste Zeit also für Familie, vor allem dann, wenn das erste Kind kein Einzelkind bleiben sollte. Die Tischordnung war für Trudis Mutter so wichtig, weil sie wusste, dass Volker und Trudis Schwester Evelyn sich - warum auch immer - nicht ausstehen konnten. Die beiden nebeneinander zu setzen, wäre, als würde man einen Feuerkünstler seine Show direkt neben der Zapfsäule einer Tankstelle abhalten lassen. Sicher. Volker liebte es, zu provozieren. Etwas, womit Evelyn nicht umgehen konnte. Sie hatte einmal zu Trudi gesagt, sie finde Volker einfach nur zum Kotzen. Trudi hatte daraufhin lächeln müssen, behielt aber die Geschichte mit dem Sofa für sich.

Trudi beschloss, ihre Mutter nicht vor Mittwoch zurückzurufen. Heute war Montag. Sie ging hinaus auf den Balkon, atmete tief die kalte Luft ein, während sie hinaussah über Klein-Hufeisenach. Seitdem man im letzten Herbst einige Pappeln gefällt hatte, die direkt vor ihrem Haus standen, hatte sie eine herrliche Sicht auf die im Grunde hässliche Stadt, die noch vom tief hängenden Nebel zugedeckt war. Unter dieser Nebeldecke hörte man erneut das Martinshorn eines Krankenwagens, der kurz darauf den Bazillenweg hinauffuhr. Dort draußen lachten, weinten, arbeiteten Menschen und jeder von ihnen hatte seine Geschichte - sein eigenes, selbst gestricktes Leben. Trudi wischte mit einem Lappen die angetaute, dünne Eisschicht von einem der Plastikstühle. Während die Sonne sich alle Mühe gab, den Stuhl zu trocknen, besorgte Trudi eine Decke, eine Sonnenbrille, ein Telefon samt Branchenbuch und einen starken Kaffee. Nachdem sie es sich bequem gemacht hatte, suchte sie sich die Telefonnummern aller Zahnärzte der Stadt heraus und fing an, zu telefonieren. Dreizehn Mal wiederholte sie die gleichen Worte:

„Guten morgen, mein Name ist Goldberg. Ich bin von der Paracelsusklinik. Wir versuchen, einen Mann zu identifizieren, dem vor kurzem ein Schneidezahn gezogen wurde. Das Gebiss war sonst vollkommen intakt. Da wollte ich mal nachfragen, ob Sie in letzter Zeit jemanden hatten, der einen Unfall …“

Dr. med. dent. Schwarz, war die Nummer dreizehn.

„Ja, da war so ´n Penner. Zwei Nazis hatten ihn verprügelt. Wird immer schlimmer mit denen.“

„Können Sie mir den Namen des Mannes sagen?“ Trudi war jetzt schon erleichtert, ihn gefunden zu haben. Sie hörte, wie am anderen Ende der Leitung ein Patient zum Ausspülen aufgefordert wurde. Dann ein „….Moment mal.“ gefolgt von einem Rascheln. Und schließlich:

„Oskar … soundso. Wir konnten seinen Namen auf dem Anamneseblatt nicht erkennen.“

„Aber er muss doch eine Krankenkassenkarte abgegeben haben.“

„Nein, er war scheinbar nicht versichert.“

„Und Ihr Honorar?“

„Fünfunddreißig Euro und achtzig Cent. Er hat gleich in bar bezahlt.“ Trudis Optimismus schwand dahin.

„Kann ich vorbeikommen und mir den Patientenaufnahmezettel kopieren?“

Auf der anderen Seite der Leitung gurgelte ein Patient:

„Kann ich noch etwas Wasser zum Ausspülen in meinen Becher haben?“, „Aber natürlich“, antworte Dr. Schwarz.

„Gut, ich komme vorbei“, klinkte sich Trudi ins Gespräch ein und drückte auf den roten Knopf des Telefons. Sie trank den Rest ihres Kaffees leer und hörte, wie ein weiterer Krankenwagen den Bazillenweg entlangfuhr. Sie musste dabei an Volker denken, und dass sie eine Zeit lang gemeinsam im Rettungswagen unterwegs gewesen waren. Wenn man mit einer offenen Fraktur und Kreislaufstillstand irgendwo am Straßenrand in Klein-Hufeisenach gelegen hatte, konnte einem damals nichts Besseres als Volker Baumann passieren. In seinen Händen starb man nicht einfach so. In der Uniklinik war er zu jener Zeit schon einer der beliebtesten Ärzte. Vielleicht auch, weil er einmal medienwirksam einem bekannten Lokalpolitiker das Leben retten konnte, nachdem dieser sein Auto vor einen Betonpfeiler gelenkt hatte. Dass dem Mann ein halbes Jahr später sein nächster Selbstmordversuch gelang, war dabei unerheblich. Volker übersprang nach dem Ereignis mehrere Sprossen der Karriereleiter. Mittlerweile saß er mit Anzug und Krawatte im Vorstand der Paracelsusklinik. Stethoskop und Skalpell hatte er eingetauscht gegen Aktenordner und Laptop. Dass er damit glücklich war, konnte Trudi weder verstehen, noch glauben. Aber in letzter Zeit verstand sie vieles an ihm nicht mehr. Nach zehn Jahren sollte man doch den Mut für einen Heiratsantrag aufbringen, oder wenigstens in eine gemeinsame Wohnung ziehen wollen. Volker jedoch hatte scheinbar andere Pläne. Aber welche? Dies zu ergründen, hatte Trudi mittlerweile aufgegeben. Und heute war dafür sowieso keine Zeit. Wichtiger war für sie, die Identität des Unfallpatienten Oskar herauszufinden. Und so machte sie sich auf den Weg zu Dr. Schwarz.

- Fortuna-Straße Nummer Sieben -

Als Trudi die Zahnarztpraxis verließ, hatte sie nicht nur die Kopie des Patientenaufnahmebogens in der Hand, sondern auch eine Hochglanzbroschüre, in der Dr. Schwarz sämtliche Vorzüge seiner Praxis anpries. Zum Schluss vergaß er nicht, drauf hinzuweisen, wie voll doch sein Terminbuch sei. Weil er einer der Besten seiner Zunft sei, so Dr. Schwarz, müsse er aber damit leben. Trudi versprach höflich, ihre Zähne fortan nur noch bei ihm machen zu lassen und verabschiedete sich. Als sie im Auto saß, warf sie die Dentisten-Broschüre in die Klappkiste mit Altpapier, welche sie seit Tagen auf dem Beifahrersitz spazieren fuhr.

Trudi fuhr einen grasgrünen NSU-Prinz, Baujahr ´71, den sie liebevoll ´Frosch´ nannte. Ihr Vater hatte ihr sein fahrbares Heiligtum überlassen, als sie für ihr Studium nach Klein-Hufeisenach gezogen war.

Ein echter Oldtimer also. Einer, wie ihn die meisten nur bei Trockenheit und im Sommer aus der Garage holen. Aber Frosch hatte Trudi bisher nie im Stich gelassen. Auch heute sprang der Motor an, und das bei Temperaturen unter null. Der kalte Wind hatte eine dünne Eisschicht auf den Scheiben hinterlassen, während Trudi in der Zahnarztpraxis gewesen war. Also ließ sie die Heizung laufen, weil sie keine Lust hatte zu kratzen. Die Zeit des Auftauens nutzte sie, um sich die Kopie des Aufnahmebogens anzusehen. Der Patient von Dr. Schwarz durfte sich, wie es schien, bis auf den fehlenden Zahn, allerbester Gesundheit erfreut haben. Von der Frage nach Allergien bis hin zu Zuckerkrankheit war jeder Punkt auf dem Blatt mit ´nein´ angekreuzt. Alles Wichtige über Oskar war vermerkt. Sogar, dass er Oskar hieß. Sein Nachname jedoch war verwischt und unleserlich. Während des Schreibens war vermutlich das Blut von seiner aufgeplatzten Lippe auf die Stelle getropft. Aber es gab immerhin eine Adresse: Fortuna-Straße Nummer sieben.

Trudi kannte durch ihren Beruf fast alle Gegenden von Klein-Hufeisenach, aber als sie einbog in den Weg mit den Schlaglöchern so tief wie Bombenkrater, hatte sie das eigenartige Gefühl, plötzlich in einer anderen Stadt zu sein. Obwohl die Sonne schien, spiegelte sich nichts in den Fenstern der Häuser, und als Trudi genauer hinsah, erkannte sie den Grund dafür. Sämtliche Glasscheiben waren zerschlagen. Es war ein verlassener Ort, mit dem man aber offensichtlich Großes vorhatte. Überall am Straßenrand standen Baumaschinen. Ein Plakat, über fünf Meter hoch, zeigte die Visionen der Stadtväter, nach denen hier schon bald moderne Wohnkomplexe, Büros und Einkaufstempel entstehen sollten. Schlafen, Arbeiten, Geldausgeben. Trudi hatte davon in der Zeitung gelesen. Eine Ewigkeit war vergangen, bis nach der Wiedervereinigung hier die Eigentumsverhältnisse geklärt waren. Dann kam die Zeit der Bauspekulanten, die sich die Grundstücke unter den Nagel rissen und reihenweise Privatanleger dazu brachten, hier ihr Geld zu verzocken. Diese wurde mit der Aussicht angelockt, man könne den Besitz sehr bald gewinnbringend an die Stadt zurückverkaufen. Doch Jahre lang war hier nichts geschehen und die Banken behielten den längeren Atem. Die meisten Gebäude standen mittlerweile leer. So auch die in der Fortunastraße. Vor dem einzigen Haus, das hier noch Fensterscheiben hatte, parkte ein Möbelwagen. Im Vorbeifahren sah Trudi, wie sich dort eine greise, grauhaarige Frau am Gartenzaun festhielt und weinte.

Dann, nach weiteren hundert Metern, die Hausnummer sieben. Trudi stellte den Wagen ab und zweifelte. Hier sollte Oskar wohnen? Das Haus war noch viel grauer als alle anderen. Auf dem Grundstück lagen auch jetzt im Januar noch die Herbstblätter, längst nicht mehr bunt leuchtend, sondern glitschig braun. Man musste aufpassen, nicht auf ihnen auszurutschen, wenn man zur Haustür ging. Und wo waren eigentlich die Bäume, zu denen die Blätter einmal gehörten? Trudi fiel auf, dass im Garten nur noch Stümpfe aus der Erde ragten. Die nassen Reste einer Zeitung klebten auf der Stufe vor dem Eingang des Hauses. Die Klingel hing schräg herab und funktionierte nicht.

„Hallo? Jemand zu Hause?“ ... Keine Antwort.