Glücksbringerin der Schattenwälder - Marie Mohn - E-Book

Glücksbringerin der Schattenwälder E-Book

Marie Mohn

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Beschreibung

Hochspannender, emotionsgeladener Fantasyroman! ||| Weshalb wird Glücksbringerin Kaja seit ihrer verbotenen Begegnung mit Waldwandler Teon vom Pech verfolgt? Schattenwesen lauern ihr auf, ein Unglück jagt das nächste, ihr Geheimnis droht von den Falschen entdeckt zu werden. Dass ihr Herz zwischen Teon und ihrem vertrauten Seemann Nio schwankt, ist ihr geringstes Problem. Unverhofft gerät sie in einen Kampf gegen eine dunkle Bedrohung, gegen Vorurteile und um ihr Glück. ||| Taucht ein in diese hochspannende, altertümliche All Age Fantasywelt. Neue fantastische Wesen und eine mitreißende Liebesgeschichte erwarten euch! ||| Leserstimmen: | "... ein Fantasy-Liebes-Roman mit viel Humor und Spannung. [...] Eine fantastisch-bezaubernde Liebesgeschichte." eBookNinja | "... Marie Mohns Schreibstil ist wie gemalt, man kann sich die Handlungsorte, Charaktere und Szenen perfekt vorstellen, wie ein kleines Kopfkino." Lielan reads | "... Mit diesem Buch zieht das Glück ins Haus, es bestärkt einen in dem Vorsatz den Moment des Glücks zu genießen. [...] Eine eindeutige Leseempfehlung." Bücher über alles Blog | "... hat mich von Beginn an gepackt und in eine völlig neuartige, phantasievolle Welt entführt. [...] Mit überraschenden Wendungen, voller Spannung und vielen Emotionen." Bücherwurm ||| Infos & kostenlose Extras: mariemohn.com ||| Trailer: bit.ly/gluecksbringerintrailer ||| >>> Schnell zugreifen und Gesamtausgabe von Glücksbringerin der Schattenwälder günstig holen!

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Marie Mohn

Glücksbringerin der Schattenwälder

Fantasy Romance

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Glück

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Liebe Leser!

Dank Zuallererst danke ich meiner besten Freundin und Schwester, Kritikerin und Motivatorin, ohne die dieses Buch nur ein trauriges Abbild seiner selbst wäre. DANKE FINA!

Die Autorin

Impressum neobooks

Glück

Es gibt keinen Weg zum Glück -glücklich-sein ist der Weg.[ Buddha ]

~~~~~~~~~~~~~

Unsere wahre Aufgabe ist es,glücklich zu sein.[ Dalai Lama ]

~~~~~~~~~~~~~

Glücklich ist, wer den Moment genießt.

Prolog

Die Götter mussten den Verstand verloren haben! Andernfalls wäre den Zwillingsschwestern Kaja und Liana solch ein Unglück niemals widerfahren. Es widersprach jedem Naturgesetz. Dennoch: Obgleich sie Glücksbringerinnen waren, brach an jenem verhängnisvollen Frühjahrsmorgen vor fünfzehn Sommern unsägliches Pech über sie herein.

Warum ausgerechnet Liana ein solches Schicksal ereilte, würde Kaja nie verstehen. Ihre Schwester war doch der Sonnenschein der Familie! Sie selbst hingegen streunte lieber mit den anderen Kindern durch die Gassen ihres Heimatstädtchens Donn, um den Erwachsenen Streiche zu spielen. Unbeschwert schwebte sie durch ihr Leben, geerdet nur durch Liana. Umgekehrt zerstreute sie stets die Sorgen ihrer Schwester und nahm sie vor den unangenehmen Seiten der Außenwelt in Schutz.

Auch an diesem furchtbaren Tag wollte Kaja Liana beschützen. Panik drohte sie zu überwältigen und sie erstickte beinahe vor Angst, trotzdem kämpfte sie unerbittlich gegen ihre Mutter. Sie musste zu Liana gelangen und die groben Lakaien des Grafen überzeugen, sie anstatt ihrer Zwillingsschwester mitzunehmen. Liana verdiente ein solches Los nicht und es war ihre Aufgabe, sie davor zu bewahren.

Erfolglos bäumte Kaja sich auf. Ihre Mutter umklammerte sie unbarmherzig und verschloss ihren Mund, sodass sie kaum atmen konnte. Kaja zitterte. Sie schloss ihre Augen und sah schwarze Flecken Lianas lindgrüne Umrisse verwischen. Verzweiflung und Schmerz verdunkelten ihre Sicht. Ihr Herz pochte. Panisch riss sie die Augen auf und beobachtete durch den schmalen Spalt im Schrank, wie ein bärtiger Kerl Liana zappelnd fortführte.

»Nein!«, flehte diese und ging dazu über, ihren Peiniger zu beißen und zu kratzen. Unbeeindruckt schüttelte er seinen Kopf und schliff sie weiter - gegen einen derart kräftigen Mann blieb einem sieben Sommer jungen Mädchen nicht die geringste Aussicht zu bestehen.

Nochmals nahm Kaja all ihre Kraft zusammen, um den erbarmungslosen Armen zu entkommen. Sie schlug um sich und trat nach ihrer Mutter, die leise aufkeuchte, ohne ihren Griff auch nur einen Augenblick zu lockern. Irgendetwas musste sie doch tun können! Entschlossen presste sie ihre Augen erneut zusammen und sammelte ihre innere Kraft, bis sie zu zerbersten schien.

Als sie sich von diesem Ausbruch erholt hatte, saß ihre Mutter reglos da, ihre eben noch stählernen Arme hingen kraftlos herab. Kaja sprang auf und stolperte die Außenstiege hinab. Liana war nirgends zu entdecken! Keuchend hastete sie die Stufen hinauf und schwang einen Fuß durch das Dachfenster der Kinderstube auf das moosbedeckte Dach. Ihre Schwester war nirgends zu erspähen, die Männer des Grafen waren längst über alle Berge mit ihr.

Es war zu spät.

»Liana!«, brüllte sie, bäumte sich auf und sackte in sich zusammen. Sie hatte ihre Schwester im Stich gelassen.

Heiße Tränen liefen über ihre Wangen, als ihre Mutter sich näherte. »Du bist schuld!«, rief sie ihr schluchzend an den Kopf. »Wie konntest du das zulassen?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schlug sie die Tür der Kinderstube zu, ehe sie in der Leere der Verzweiflung versank.

Die folgende Zeit verging für Kaja wie im Nebel. Die Abwesenheit ihrer Zwillingsschwester war präsenter als alles andere. Gedankenverloren saß sie am Steinboden der Stube und starrte auf die kahlen Wände. Sie sprach nicht, aß kaum und ignorierte alles, was um sie geschah. Die Worte, die ihre Eltern an sie richteten, waren unverständliches Gemurmel für sie, bedeutungslos. Die Arme ihres Vaters, die sich des Öfteren um sie legten, spendeten nur wenig Trost. Schuldgefühle quälten sie und die Angst um Liana raubte ihr den Schlaf. Das Fehlen ihrer zweiten Hälfte schmerzte noch stärker als die Wut auf ihre Mutter brannte.

Drei Tage später rollte unvermittelt unbändige Energie auf sie zu. Namenlose Angst erschütterte sie. Am liebsten hätte sie sich wie ein Igel zusammengerollt. Kaja suchte den Raum ab, doch sie war blind für die Gefahr. Was geschah hier? Dann überkamen sie neue Eindrücke: Liebe, Vergebung, Dank - alles unverkennbar an sie gerichtet. Sie sprang auf. Es war Liana! Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht - der Kontakt zu ihrer Schwester war wieder hergestellt.

Doch wovor fürchtete sich diese so sehr, dass sie ihre Gefühle übertrug? Kajas streckte ihre Sinne nach Liana aus, um ihr über die Entfernung beizustehen - aber sie erreichte sie nicht.

Einen Augenblick später brach eine neue Welle auf sie ein: Schmerz, Verlust und letztlich: Stille. Ihr Herz setzte mehrere Schläge aus, und sie vergaß zu atmen. Es bestand nicht der geringste Zweifel: Liana war gestorben. Die Zeit stand still, als wäre sie in einer Zwischenwelt, umgeben von dumpfem Nichts. Dann forderte ihr Körper sein Recht ein - ein panischer Atemzug zwang Luft in ihre Lungen.

Die Verzweiflung und der Schmerz stiegen ins Unermessliche und trieben sie beinahe in den Wahnsinn. Ihr Kopf schien zu bersten. Der Name ihrer Schwester lag auf ihrer Zunge, doch sie brachte keinen Laut heraus. Ihr stummer Schrei schien alles zu übertönen.

Tage verstrichen, doch für Kaja blieb die Zeit stehen. Sie nahm nicht wahr, dass ihre Eltern Nachricht vom Tod ihrer Schwester erhielten: Liana war am frühen Morgen erfroren im Garten der Burg aufgefunden worden. Anscheinend hatte ein Schattenwesen sie angegriffen, anders ließen sich die ungewöhnlichen Erfrierungen zu dieser Jahreszeit nicht erklären. Natürlich hätte ein solches Unglück auch geschehen können, wenn sie nicht vom Grafen geraubt worden wäre - dann wäre sie jedoch kaum in die Dunkelheit hinausgegangen, um alleine zu sein.

Die unbeholfenen Versuche ihrer Eltern sie zu trösten, halfen Kaja nicht. Auch in der gemeinsamen Trauer fand sie keinen Trost. Sie bestand aus Leere. Aus Verlust. Bis die Wut sie wieder packte, dann schrie sie sich die Seele aus dem Leib oder beschimpfte ihre Mutter.

Irgendwann erklang die Stimme ihrer Großmutter Helea und einen Augenblick später umhüllte sie der wohlbekannte Duft von Veilchen. Sie musste sich nicht umdrehen, um das Bild ihrer geliebten Großmutter vor Augen zu haben: Helea war eine hochgewachsene, würdevolle Frau, die ihre weißen Haare meist zu einem Knoten aufsteckte. Trotzdem wirkte sie nicht bieder, sondern gelassen und mit sich und der Welt im Reinen. Zuversicht breitete sich in Kaja aus, als sie in die vertrauten Arme sank. Ihre Großmutter würde sie verstehen und Rat wissen - das tat sie schließlich immer.

»Du musst die Trauer loslassen, mein Kind«, begann Helea, »Liana hätte nicht gewollt, dass du das Leben aufgibst. Sie lebt in unseren Herzen weiter, verstehst du? Sie wird immer bei dir sein und in dir fortbestehen. Ich bin sicher, irgendwo wacht sie über dich, spürt deine Liebe und ist glücklich, wenn du es bist.«

Der kleinen Kaja rannen die Tränen über die Wangen, dabei hatte sie gedacht, der Strom wäre längst versiegt. In dem Moment, als sie die Worte hörte, bestand für sie kein Zweifel mehr: Ihre Großmutter hatte recht. »Aber Liana hatte das nicht verdient!«, protestierte sie dennoch. »Sie war immer brav und ich ...« Mühsam schluckte sie die Tränen hinunter. »Da ist etwas schief gelaufen!« Sie stampfte mit den Füßen auf - die Ungerechtigkeit war unerträglich für sie.

»Vielleicht haben die Götter sie gerade deshalb zu sich geholt, weil sie so ein gutes Kind war. Damit sie ihnen das Leben oben im Himmel noch schöner macht und dort das glückliche Leben eines Engels führen kann.« Mit ihren haselnussbraunen Augen sah sie ihre Enkelin ernst an, doch ein leichtes Lächeln durchdrang die Trauer. Bestimmt hatte sie das gleiche Bild vor Augen wie Kaja: Liana, deren dunkle Locken über ein weißes Kleid fielen, summend - wie sie es so oft getan hatte - und über Wolken hüpfend. »Auch du bist ganz besonders, Kaja, vergiss das nie. Dass Liana ihr Leben hier bei uns auf der Erde nicht fortführen kann, ist ein Grund mehr, deines so gut und glücklich wie möglich zu leben. Merke dir das gut, mein Kind. Und handle danach.«

Später trottete Kaja hinaus, Schritt für Schritt und mit hängenden Schultern. In schwierigen Situationen war ihre Schwester sonst stets bei ihr gewesen. Nun griff sie ins Leere.

Ziellos irrte sie umher und folgte einem schmalen Weg, der sich einen Hügel empor schraubte. Sie fand sich bei der zerbröckelnden Stadtmauer am Rande Donns wieder, die an dieser Stelle von dürren Rosenbüschen und Efeu umwuchert war. Von hier oben konnte sie die Stadt bis hinab zum Hafen überblicken und von der Rückseite der Anhöhe sah man weit hinaus auf die Landschaft der Kustaner Lande. Das vielschichtige Grün der Schattenwälder bedeckte einen weiten Teil der Fläche, doch auch die Sümpfe, das Wolltal und die Nachbarstädte Rusteneck und Ilor ließen sich von hier oben erahnen. Rotkehlchen zwitscherten von ihrem Nest auf der knorrigen Eiche hinter der Mauer und auch das Plätschern der Rinua, dem Fluss, welcher sich quer durch das Gebiet zog, durchbrach die Stille. Der kühle Meereswind trug einen schwachen Salzgeruch heran und die Abendsonne gab noch ein wenig Wärme ab. Doch all das fiel ihr an diesem Tag nicht auf, sie starrte nur mit trockenen Augen in die Luft - ihre Tränen waren versiegt.

Eine Stimme zerschnitt den trostlosen Kokon, der sie umschlossen hielt. »Tut dir was weh?«

Verwirrt sah sie sich um.

Ein kleiner Junge lehnte an der alten Eiche. Seine blauen Augen leuchteten in den letzten Sonnenstrahlen, seine Kleidung und seine kurzen Haare hingegen waren dunkel und schienen mit dem Schatten des alten Baumes zu verschmelzen. »Kann ich dir helfen?«, fragte er, nachdem sie ihn einige Zeit wortlos gemustert hatte.

Sie winkte ab. Ihr konnte niemand helfen!

Er zuckte mit den Schultern. »Soll ich dich allein lassen?«

Nun schüttelte sie vehement den Kopf. Der Junge ließ sich neben ihr auf der Mauer nieder und sah mit ihr der untergehenden Sonne über dem Meer zu. Als sich die Dunkelheit über dem Land ausbreitete, erkundigte sie sich nach seinem Namen.

»Nio. Und deiner?«

»Kaja.« Sie verfiel wieder in Schweigen.

Wortlos nahm er ihre Hand.

Kaja umklammerte seine Finger, bis sie sich weiß färbten, um das Fehlen ihrer Schwester zu verkraften.

Nur der Mond erhellte das Land noch, als sie ihn losließ. »Danke, dass du da warst«, flüsterte sie, ehe sie sich umwandte und aufrechter heimwärts lief - obgleich sie gewiss nie mehr so unbeschwert sein würde wie zuvor.

Dann schlichen sich die Fragen ein. Wie konnte Lianas Leben schon vorbei sein? Träumen von Abenteuern auf hoher See konnte sie nun niemals folgen. Auch die Waldwandler würde sie niemals wiedersehen. Dabei hatte Liana seit ihrer Begegnung mit den Wilden beständig von ihnen gesprochen. Doch dann hatte sie sich das Fußgelenk gebrochen und kurz darauf diese scheußliche Krankheit mit den roten Punkten eingefangen. Wenig später waren die dreckigen Handlanger des Grafen aufgetaucht. Warum hatten diese Kerle Liana hinfort gerissen?

Zweifelsfrei war sie vom Falschen entdeckt worden. Eine kleine Unachtsamkeit, die ihr Ende bedeutete. Dabei hatten sie von klein auf gelernt, ihre smaragdenen Augen vor Fremden zu verbergen, um nicht als Glücksbringerinnen erkannt und beansprucht zu werden. Angeblich waren Glücksbringerinnen, auch Talismas genannt, der Grund für den Reichtum und das Glück der Grafen, Fürsten und vereinzelter Bürger. Als Graf der Provinz hatte Morron das Recht auf seiner Seite und würde auch Kaja holen, wenn er von ihr erführe. Nur Verheiratete waren unantastbar. Ihrer Mutter war es mit viel Glück gelungen, bis nach ihrer Heirat unentdeckt zu bleiben - diese Hoffnung hatte sie auch für ihre Töchter gehegt. Für Liana hatte sie sich nicht erfüllt.

Kajas Gedanken wirbelten unaufhörlich. Weshalb waren sie überhaupt Glücksbringer? Und was half all das Glück, wenn es sich gegen die Träger wandte? Eines Tages würde sie Licht in diese Wirrungen bringen und für eine Welt kämpfen, in der Gerechtigkeit siegte!

Wenn sich Kaja nun, fünfzehn Sommer später, an ihre Kindheit erinnerte, waren alle Gefühle mit einem Schlag wieder da. Schmerz und Wut kämpften um die Vorherrschaft in ihr.

Sie selbst war bisher nicht an die Adeligen verraten worden, obwohl die meisten Bewohner Donns von ihr wussten. Würde ihre Glückssträhne anhalten und sie weiterhin vor habgierigen Verfolgern bewahren?

Kapitel 1

Obwohl die Mittagszeit längst überschritten war, brannte die Sonne erbarmungslos auf das staubige Pflaster herunter und nicht der leiseste Lufthauch verschaffte die ersehnte Erleichterung. Kajas Mund war trocken, obgleich sie ihren Durst eben beim steinernen Brunnen am Rande des Hafenvorplatzes gestillt hatte. Der Gestank war kaum auszuhalten - schlagartig fiel ihr ein, weshalb sie den Fischmarkt im Hafen normalerweise mied.

Warum, zum Teufel, war sie entgegen ihrer Überzeugung hierher gekommen? Richtig, wegen Nio. Heute war er ausnahmsweise an Land, wenn auch nur für einen halben Tag. In letzter Zeit hatte sie ihn selten gesehen, sie konnte sich nun sogar für ein Treffen auf dem Fischmarkt erwärmen - beinahe jedenfalls.

Ihre beste Freundin Mira lehnte neben ihr an einer der Hausmauern aus Backsteinen. Trotz der hellblonden Lockenmähne, die das stupsnasige Gesicht großteils verdeckte, war Kaja klar, worauf Miras Blick gerichtet war: Timo, Nios jüngerer Bruder, stand nicht weit entfernt. Miras Unruhe griff auf sie über - ihre Freundin trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Mittlerweile waren kaum noch Fische auf Lager und die meisten Fischer bauten ihre Stände bereits ab.

»Lass uns hingehen!«, forderte Mira ungeduldig und ging voran.

Als Kaja zu den anderen stieß, erzählten die Brüder gerade von ihrer Entdeckung: eine Höhle in Nähe der schwarzen Bucht.

»Ihr müsst unbedingt mitkommen! Es gibt eine Menge Fische in der Gegend, zumindest genug für einen Tagesfang - Vater hat nichts dagegen, wenn wir dorthin steuern. Seid ihr dabei?« Erwartungsvoll strahlte Timo Mira an.

Ehe sie antworten konnten, trat Nio näher an Kaja heran. Seine blauen Augen leuchteten in der Sonne. »Wir würden natürlich einen Picknickkorb vorbereiten - damit ihr nicht verhungert!« Er grinste. Nach all der Zeit wusste er, womit er sie locken konnte.

»Gern!«, erwiderte Mira prompt und ihr blieb nichts übrig, als zuzustimmen.

»Überredet.« Kaja rückte noch näher an Nio, um den blendenden Sonnenstrahlen zu entgehen.

Auf Nios Gesicht breitete sich ein Strahlen aus. Während sie vereinbarten, sich in zwei Tagen bei Sonnenuntergang zu treffen, entdeckte sie sonnengebleichte Strähnen in seinem haselnussbraunen Haar. Zudem roch er vertraut nach Salz und Meer. Beinahe hätte sie ihre Vorsätze aufgegeben und sich in seine Arme fallen lassen. Es konnte kein Fehler sein, einen Augenblick loszulassen - oder doch?

Sie schüttelte den Gedanken ab und verabschiedete sich. So wichtig ihr das Festlegen einer Verabredung gewesen sein mochte und so sehr sie die Gesellschaft ihrer Freunde genoss: Sie war froh, den Hafen mit seinem widerlichen Gestank hinter sich zu lassen.

»Na, hat Nio dich schon gehen lassen?«, erklang wenig später die Stimme von Kajas Mutter Namea aus der Küche. Sie stand am rußgeschwärzten Ofen und rührte in einem dampfenden Topf. Ihre rötlichen Locken trug sie wie üblich aufgesteckt - trotzdem leuchteten sie im Kontrast zu ihrem schlichten Leinenkleid.

»Mhm«, murmelte Kaja errötend, und machte sich daran, den Tisch zu decken. Warum ihre Mutter dieses Thema so oft aufgriff, war ihr schleierhaft. Nio war zwar der einzige Mann, den sie regelmäßig traf - aber so wie sie es andeutete, war es nicht zwischen ihnen. Normalerweise jedenfalls.

Kurz darauf polterte ihr Vater Petah, tief verdreckt von der Arbeit im Garten, bei der Tür herein. Kaja grinste. Man sah kaum, wo sein schwarzer Haarschopf endete und das schlammverkrustete Gesicht begann. Er warf einen Blick zum Kochtopf. »Es gibt nicht zufällig Rindseintopf? Ich könnte eine ganze Herde verschlingen!« Petah lachte. Natürlich wusste er, dass bis zur nächsten Fleischausgabe am Markt noch zwei Tage hin waren.

»Geschmortes Wurzelgemüse wird genügen müssen.« Namea seufzte.

Seit die Waldwandler nicht mehr zum Markt kamen, gab es nur noch wenig Fleisch - und auch dieses wurde rationiert ausgegeben. Wenn es den Aufstand nur nicht gegeben hätte! Die damaligen Forderungen des Waldvolks waren eigentlich nachvollziehbar: gleiche Rechte und Bedingungen für alle. Bei Donns Bewohnern hatte dieser Wunsch jedoch nur Gelächter hervorgerufen. Die enorme Verachtung, welche die Städter den Waldbewohnern entgegenbrachten, war in einer gewaltigen Schlägerei mit etlichen Verletzten und einem Toten eskaliert. Daraufhin waren sämtliche Waldwandler aus Donn verbannt worden.

Kaja ersparte sich ihren Kommentar dazu, sonst würde sich wieder eine endlose Diskussion anbahnen. Die meisten Stadtbewohner fanden, Waldwandler wären nicht viel zivilisierter als Tiere. Es war schon wahr: Sie sahen wild aus, vielen standen die Haare wirr zu Berge und es gab kaum welche, die mehr als eine einfache Tunika und eine Wildlederhose trugen. Sie hatte bisher noch mit keinem persönlich gesprochen, allerdings waren sie offensichtlich zivilisiert genug, um Handel zu treiben. Es machte sie zornig, wie bedenkenlos sich die Mitglieder ihres Volkes über jene des Waldvolkes stellten!

Nur der Schein einer Kerze erhellte die Stube noch, als sie zu Bett ging. Lieber wäre sie draußen durch die Nacht gestreift um die Sterne zu bewundern, doch morgen musste sie früh hinaus. Zumindest der geplante Ausflug war ein Lichtpunkt am Horizont. Nio und sie hatten sich während der letzten Monde kaum gesehen - die Nachfrage nach Fisch war stärker als je zuvor, seit das Fleischangebot so rar geworden war. Daher hatten Nio, sein Bruder Timo und deren Vater Loneos wahnsinnig viel zu tun und waren zwischen tagelangen Touren am Meer meist nur wenige Stunden an Land. Wenn die Waldbewohner nur aus ihren Wäldern hervorkämen, könnte sie Nio öfter sehen!

Bald driftete sie in einen wirren Traum ab, in welchem Nio Fische auf riesige, dunkle Waldwandlern warf und ihr Vater ihn kräftig anfeuerte. Die ganze Nacht lang wand sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her und wachte am Morgen mit schmerzenden Gliedern auf.

Nachdem sie sich überwunden hatte, das Bett zu verlassen, wusch sie sich mit eiskaltem Wasser, bis sie wach genug war, um Waren auf ihren Esel Rokko zu verladen. Früher hatte ihr Vater den Verkauf der Waren am Markt übernommen. Da Kaja als hübsche Frau jedoch mehr Kunden anzog und viele der Meinung waren, von ihr stets auch ein wenig Glück zu erwerben, konzentrierte er sich mittlerweile auf seine Tätigkeit als Imker.

Die engen, von Backsteinhäusern gesäumten Gassen waren bereits überfüllt. Genervt schob sie sich zwischen Fußgängern, Reitern, Karren und Kutschen hindurch. Sie hätte ihrem Esel seinen Willen lassen und den längeren Weg rund um die Stadt einschlagen sollen! Als sie endlich auf dem Marktplatz eintraf, waren trotz der frühen Stunde schon etliche Händler dort. Noch war das Kopfsteinpflaster auf dem riesigen Platz sauber - zumindest im Vergleich zu den Gassen. Kaja nahm ihren üblichen Standplatz ein - unweit des Kirchentors, neben einer alten Blutbuche, die während der staubigen Mittagshitze kühlenden Schatten auf ihren Stand werfen würde.

Neben dem Hauptprodukt Honig hatte sie noch viele andere Waren anzubieten - Kerzen aller Art, Salben, Propolistropfen und Tinkturen und süße Köstlichkeiten wie Honigbonbons und Honigkuchen. Die ersten Kunden ließen nicht lange auf sich warten und sie bewarb erfolgreich ihren Honig und die Naschereien, ließ kosten und probieren. Auch ihre Tinkturen und Salben fanden einen regen Absatz. Besonders freute sie sich, eine Mutter mit drei an starkem Husten erkrankten Kindern von ihren Hustenwickeln, Honig-Salbei-Bonbons und Propolistropfen überzeugen zu können. Es war ein gutes Gefühl, ihre selbst hergestellten Mittel so sinnvoll einsetzen zu können.

Noch bevor die größte Mittagshitze Donns Bewohner in ihre Häuser zurücktrieb, war ihr Stand fast ausverkauft und Kaja summte vor sich hin, während sie die übrigen Waren zusammenpackte. Als sie die letzten Honiggläser einräumte, entdeckte sie zwei Stände weiter, bei der Schneiderin Salina, einen großen Mann mit tiefschwarzen, wild abstehenden Haaren. Er war barfuß, trug eine dunkle Wildlederhose und einen Fellbeutel über der Schulter. Ein Waldwandler!

Kaja wusste, sie sollte besser wegsehen - ihr Vater hatte es ihr gründlich eingeschärft. »Sprich nie mit diesen Waldwandlern!«, hatte er sie stets gewarnt, »Sieh nicht zu ihnen hin und halte Abstand! Sie sind gefährlich!«

Dennoch konnte sie den Blick nicht von dem Fremden lösen. Gefährlich? Mag sein. Aber faszinierend! Und außerdem konnte sie Salina nicht mit einem der gefährlichen Waldbewohner alleine lassen! Nun wandte er den Kopf zu ihr und hielt mitten in der Bewegung inne. Sie würde sich nicht abschrecken lassen! Trotzig hob sie ihr Kinn, machte ein paar Schritte in seine Richtung und hielt seinem Blick stand. Waren das Goldflecken in seinen tiefbraunen Augen? Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. Seine Zähne waren nicht im Mindesten schwarz und faulig, wie es immer hieß!

Sie war beinahe bei ihm angelangt, als ein Tumult aufkam.

»Ein Waldwandler!«, schrie jemand, »Sofort festnehmen!«, und, »Wache!«

Der Waldwandler schien ausgerechnet diesen Moment für ein Nickerchen auserkoren zu haben und verbarg seine Goldflecken vor der Welt. Unwillig schüttelte sie den Kopf - hatte er in einer solchen Situation nichts Besseres zu tun? Flüchten zum Beispiel? Endlich schien er sich seiner Lage bewusst zu werden: Er riss die Augen auf und sah sich um. Vor ihm war der Stand, von rechts und der Mitte des Marktes kamen Wachen aus der Menschenmenge. Der einzige freie Weg führte an ihr vorbei. Er warf ihr einen abschätzenden Blick zu und sprintete los. Im Vorbeilaufen streifte er ihren Arm und ein gewaltiger Energieschlag durchzuckte sie. Wäre der Himmel nicht klar und wolkenfrei gewesen, hätte sie geschworen, von einem Blitz getroffen worden zu sein! Bei den Göttern, wie war das nur möglich?

Benommen hielt sie sich an einem der Stände fest, entschlossen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen und das Chaos in ihren Gedanken zu ordnen. Hatte er sie absichtlich berührt? Woher kam diese überwältigende Energie? Ihre Beine zitterten, während sie dem Mann nachblickte. Er verschwand zwischen zwei Häuserblocks - lange bevor die Wachen auch nur in seine Nähe gekommen waren.

Sobald er weg war, beruhigte sich die Menge und Kaja ging zur Schneiderin, um mehr heraus zu finden. »Was wollte der Waldwandler bei dir?«

Salina, eine mollige Frau mittleren Alters, schüttelte verärgert den Kopf. »Einen Leinenbeutel und zwei Säuglingsstrampelsäcke gegen geräucherten Speck tauschen - den hätte ich wirklich gut brauchen können. Aber der alte Hanno musste natürlich nach den Wachen rufen ...«

Später ging sie ihren gewohnten Aufgaben wie dem Brauen von Tinkturen und dem Formen von Skulpturen nach, doch der Waldwandler ging ihr nicht aus dem Kopf. Ständig sah sie seine dunklen Augen und sein herausforderndes Grinsen vor sich. So ein Aufstand, nur weil er auf dem Markt aufgetaucht war - vor wenigen Sommern war der Handel mit dem Waldvolk doch noch gang und gäbe! Damals war sie stets in Begleitung ihres Vaters auf dem Markt gewesen - und er hatte den Handel mit den Waldwandlern jedes Mal selbst übernommen, um sie von den Wilden fernzuhalten. Der Kerl mit den wirren Haaren war somit nicht der Erste seiner Art, den sie gesehen hatte, wenn sie auch keinem der anderen so nahe gekommen war und diese Begegnung einen viel bleibenderen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, als alle vorhergehenden. Und dieser Energieschlag, als er sie berührt hatte ... Was mochte da dahinter stecken?

Die morsche Tür der Werkstatt wehrte sich gegen ihre Versuche, sie zu bezwingen. Es sollte wirklich kein derartiger Aufwand sein, eine verdammte Tür zu schließen! Erneut riss Kaja am Knauf und hielt mit ihrem Fuß dagegen. Ein eingespieltes Ritual zwischen ihr und dem antiquierten Eingang zum Erdgeschoss ihres Elternhauses - doch das Haus wurde von Tag zu Tag widerspenstiger! Oder lag es an ihrer zunehmenden Ungeduld? Endlich gelang ihr das Kunststück und sie ließ die Werkstatt mitsamt der unerledigten Arbeit hinter sich.

Es war bereits finster draußen - Grund genug, den Tag für beendet zu erklären, selbst wenn ihr heute nur wenige Kerzenskulpturen gelungen waren und die frisch angerührte Salbe einen eigenartigen Geruch verströmte.

Das Obergeschoss, in welchem der Wohnbereich ihrer Familie lag, war über einen Aufstieg an der Außenseite des Backsteinhauses zu erreichen. Die Stiege knarrte - wie gewöhnlich - doch als sie die nächste Stufe betrat, bewegte sich etwas hinter ihr. Wer kam zu dieser späten Stunde noch zu ihnen? Sie konnte niemanden entdecken. »Ist da jemand?«, rief sie zögerlich in die Dunkelheit. Es blieb ruhig. Trotzdem wurde sie das unangenehme Gefühl nicht los, nicht alleine zu sein.

Zügig stieg sie die Stufen hinauf und suchte am Schlüsselbund den passenden Schlüssel. Gerade als sie ihn gefunden hatte, zischte es unter ihr. Vor Schreck ließ sie die Schlüssel fallen. Sie wandte sich um und sah ... nichts. Allerdings ein sehr dunkles, sich bewegendes Nichts - was nur eines bedeuten konnte: Schattenwesen!

»Macht auf!«, schrie sie panisch und polterte an die Tür, während sie den Bund aufhob und versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken.

Die Kälte des Schattens erreichte sie. Augenblicklich begann sie zu zittern. Frost breitete sich in ihr aus und ihre Beine erstarrten. Der eisige Schmerz war kaum auszuhalten! Sie wollte gegen die Tür treten, um hinein zu kommen, doch abgesehen von einem leisen Knacksen reagierten ihre Beine nicht mehr. Als wären sie tatsächlich vereist! »Verdammt!«, fluchte sie und sah sich verzweifelt um. Wie setzte man sich gegen Schattenwesen zur Wehr? Mit Feuer? Oder war da nicht irgendetwas mit Kreisen? Nun, damit konnte sie jetzt nicht aufwarten - Kaja griff nach der einzigen Waffe, die ihr zur Verfügung stand: der Stein, der ihnen als Türstopper diente. Sie warf ihn mit der ganzen Kraft, die sie aufbringen konnte, gegen die herannahende Finsternis. Leider erzielte dieser Angriff nicht die beabsichtigte Wirkung - im Gegenteil: Der Stein fiel durch das Schattenwesen hindurch, die Stiege hinab. Der Schatten kam immer näher! Ihr Atem gefror zu Nebelwolken und ihr wurde übel, als sie den fauligen Geruch einatmete, der ihm anhing. Ihre Haare stellten sich bei dem bedrohlichen Zischen auf, welches die Bestie ausstieß.

Der finstere Schatten war beinahe bei ihr angelangt, als sich im letzten Augenblick die Haustür öffnete.

»Den Göttern sei Dank!« Sie stolperte hinein, warf die Tür hinter sich zu und schob den Riegel vor. Angeblich konnten Schattenwesen weder Türen öffnen, noch andere materielle Gegenstände bewegen. Hoffentlich war das nicht nur leeres Gerede! Ihre Gedanken wirbelten und ihr Herz klopfte, als wollte es einen neuen Rekord aufstellen.

Ihre Mutter kniete sich zu ihr auf den Dielenboden des Vorraums und rüttelte sie besorgt an der Schulter. »Was ist passiert?«

»Schattenwesen!«, brachte sie schwer atmend hervor und lehnte sich zitternd gegen die kühle Steinwand. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, knarrte und knackste hinter ihnen die Tür - anscheinend gab der Schatten noch nicht auf und versuchte nun ins Haus einzudringen. Reif überzog das Holz des Eingangs, die Kälte übertrug sich also auch auf Gegenstände! Hoffentlich war die Tür stabil genug, um nicht zu splittern, wenn sie gefror!

Kreidebleich rief Namea nach ihrem Mann, der sie geistesgegenwärtig anwies, alle Fenster zu prüfen, während er mit einem eilig herbeigeholten Kreidestück einen großen Kreis auf den Holzboden zeichnete. Er zog Kaja, deren Beine nach wie vor steif waren, hinein und fuhr die Konturen des Kreises murmelnd nach. Lächerlich! Das sollte helfen? Obgleich Kreise für die Schattenwesen angeblich unüberwindbar waren - darauf verlassen wollte sie sich eigentlich nicht! Wer wusste schon, ob dies der Wahrheit entsprach? Aber was könnte sie allein ausrichten, praktisch bewegungsunfähig gegen einen unantastbaren Gegner? Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, bereit für einen aussichtslosen Kampf, falls das dunkle Geschöpf die Barrieren durchbrach. Hoffentlich würde das Knarren und Zischen bald verstummen!

Rücken an Rücken mit ihren Eltern kauerte sie innerhalb des Kreidekreises. Die erste Zeit in ständiger Anspannung, dann gewöhnte sie sich an die Situation. Hin und wieder nickte sie vor Müdigkeit fast ein, schreckte aber sogleich wieder auf.

Die Dämmerung brach bereits herein, als der Schatten endlich aufgab - jedenfalls war die Kälte vergangen und das typische Zischen verebbt.

Kaja spürte ihre Beine inzwischen wieder, auch wenn sie noch zittrig auf ihnen stand. Gute-Nacht-Wünsche-murmelnd schleppte sie sich in ihr Bett. Trotz der späten Stunde konnte sie noch lange nicht einschlafen - sie war zu aufgewühlt, die Geschehnisse hatten sich schier überschlagen!

Später, Kaja kam es vor, als wären nur wenige Augenblicke vergangen, wachte sie durch das gleißend helle Sonnenlicht auf. Sie blinzelte. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, trotzdem fiel es ihr schwer, aufzustehen. Als hätte das Schattenwesen sie auseinander genommen und falsch zusammengesetzt! Sie biss die Zähne zusammen, wackelte mit ihren Zehen und stellte sie probehalber auf den Boden. Ihre Beine schienen den gestrigen Vorfall überstanden zu haben - immerhin. Stöhnend schleppte sie sich ins Badezimmer und schüttete sich eiskaltes Wasser ins Gesicht um die gröbste Müdigkeit zu vertreiben. Es war schon spät, höchste Zeit etwas mit dem Tag anzufangen! Sie musste ihren Vorrat an Salben aufstocken, Honiggläser beschriften und natürlich Mira von den gestrigen Vorfällen erzählen. Die Zeit verging quälend langsam, während sie ihrer Arbeit nachging. Bald gab sie es für diesen Tag auf - eine Begegnung mit einem Schattenwesen und starker Schlafmangel rechtfertigten einen freien Tag ohne Zweifel.

Kurze Zeit später saß Kaja mit Mira im wild wuchernden Garten hinter dem Haus von Miras Familie. Sie ließen sich auf zwei Steinblöcken nieder, hielten dampfende Teetassen in den Händen und diskutierten lebhaft.

»Könnte das Auftreten des Schattenwesens nicht mit jenem des Waldwandlers zusammenhängen? Es kann doch kein Zufall sein, wenn sich beide am selben Tag auf dich fixieren!«, rief Mira aus und gestikulierte so wild, dass ein großer Teil des Tees auf Kajas dunkelblauem Leinenkleid landete.

»Au! Verflucht!« Kaja sprang auf und lief zum steinernen Springbrunnen, der sich inmitten des Gartens befand, um das verbrühte Bein zu kühlen.

Das war typisch für Mira, wenn sie sich in etwas hineinsteigerte, waren solche Missgeschicke an der Tagesordnung. »Tut mir leid«, entschuldigte sich diese schuldbewusst.

»Schon gut«, beruhigte Kaja. »Warum sollte es einen Zusammenhang geben? Bestimmt nicht. Außerdem war der Waldwandler nicht fixiert auf mich! Er hat mich nur ... angegrinst?«

»Angegrinst!?« Mira schauderte. »Und das bringt dich zum Lächeln? Ein grinsender Waldwandler?«

Kaja zögerte. Brachte sie der Waldwandler zum Lächeln? Und wenn sie an seine Berührung dachte, sollte sie sich dann nicht eigentlich fürchten?

Kapitel 2

Verärgert verzog Kaja das Gesicht, griff mit geschlossenen Augen nach ihrem Kissen und zog es über ihren Kopf. Zu dieser unheiligen Stunde sollte Stille das oberste Gebot sein - ihre Mutter könnte ruhig leiser mit dem Geschirr hantieren! Heute war kein Markttag - ein wenig Schlaf würde ihr doch noch vergönnt sein! Leider hielten sie die gedämpften Geräusche weiterhin wach und so stand sie wenig später auf. Die Sonne schien bereits in ihre Stube und blendete sie. Halb blind tastete sie sich in den Waschraum, ehe sie in die Küche schlürfte. Wortkarg grüßte sie ihre Mutter und konzentrierte sich dann auf die dampfende Tasse grünen Tees, als könnte sie im Satz ihre Zukunft vorhersehen.

Wenig später hielt sie Ausschau nach der Seemöwe, dem Fischerboot von Loneos und seinen Söhnen. Sie musste nicht lange suchen - zurzeit lagen im ohnehin kleinen Hafen von Donn nur wenige Boote vor Anker. Als sie an Bord steigen wollte, kitzelte sie plötzlich warmer Atem im Nacken.

»Guten Morgen«, brummte Nio hinter ihr und sie erstarrte. Sie wusste nie, wie sie sich verhalten sollte, wenn er so nah bei ihr war. Früher, als sie noch jünger waren, war seine Nähe selbstverständlich gewesen. Hand in Hand waren sie durch die Gassen gelaufen und hatten sich zusammen in ihren Geheimverstecken verkrochen - in den steinernen Höhlen, in den Ästen der knorrigen Eiche oder in einem der alten Beiboote, die entlang der Rinua angebunden waren. Beinahe jeden Tag hatten sie miteinander verbracht! In den letzten Jahresläufen waren ihre Begegnungen wegen seiner langen Aufenthalte auf der See allerdings immer seltener geworden und sie hatten diese Selbstverständlichkeit verloren. Nach und nach war sie schüchternem Lächeln und vereinzelten Küssen auf die Wange gewichen.

»Morgen, Nio.« Sie stieg aufs Boot.

Er folgte mit einem Satz und landete sicher neben ihr. »Schön, dass du schon da bist. Ich hab Tee und Honigwaffeln mit - wie ich dich kenne, hast du noch nicht gefrühstückt?«

***

Vorne im Bug ließen sie sich nieder und stürzten sich auf das Frühstück. Als er Kaja ihren Teebecher reichte, zuckte sie bei der Berührung zusammen. Sollte er sich entschuldigen?

In den Morgensonnenstrahlen leuchteten ihre tiefgrünen Augen und ihr schwarzes Haar glänzte. Nio kannte keine annähernd schöne Frau. Besonders genoss er ihren Anblick, wenn sie lachte und vor Freude tanzte oder vollkommen in einer Tätigkeit aufging und die Welt um sich vergaß. Auch die ernsthaften Momente gehörten zu ihr, die Trauer in ihren Augen, wenn sie von Liana oder ihrer Großmutter sprach, der Zorn, der aus jeder ihrer Poren drang, wenn es um die vielen Ungerechtigkeiten in der Welt ging und der Mut, mit der sie gegen solche Angelegenheiten vorging. Selbst ihre kleinen Fehler liebte er, wie die Trägheit, die sie in den Morgenstunden beinahe schlafwandeln ließ, ihre Neugier und ihre Dickköpfigkeit.

Mit den Jahren war seine Zuneigung anders geworden, erwachsener. Er hatte gehofft, ihr bei diesem Ausflug endlich einen Kuss stehlen zu können, aber wenn sie schon bei der Berührung ihrer Hände erschrak, würde sie darauf wohl nicht gerade begeistert reagieren. Seine Hoffnung sank. Er schluckte und entschied, sich nicht zu entschuldigen. Wahrscheinlich nahm sie ohnehin an, die Berührung sei ein Versehen gewesen.

Wenig später trafen auch Mira und Timo ein. Sobald alle an Bord waren, lichteten sie den Anker und setzten die Segel. Im Hafen war es noch ruhig, als sie ihn verließen - die übrigen Boote lagen noch verlassen an ihren Plätzen. Die Brüder waren ein eingespieltes Team und lenkten das alte Fischerboot mühelos hinaus aufs offene Meer. Immer wieder warfen sie Blicke zu den Frauen, die am Bug des Schiffes standen und sich unterhielten.

»Heut holen wir uns unsere Mädels, verwöhnen sie mit Honigwein und küssen sie ausgiebig - was meinst du Nio?« Timo grinste breit.

Nio biss sich auf die Lippe. Er hatte schon Mädels geküsst, auch mehr natürlich, aber mit Kaja war alles anders. Selbst darüber mit seinem Bruder zu scherzen fiel ihm schwer. »Du hast leicht reden, so wie Mira dich vorhin angestrahlt hat. Aber gut: Heute versuchen wir unser Glück!«

***

Seekrank zu sein, war ein übles Los, wenn man sich auf einem Boot befand. Trotzdem brachte Mira nichts von ihrer Überzeugung ab, ein Fischer könnte nur eine seefeste Frau akzeptieren. Tapfer lächelte sie - Hauptsache Timo merkte nicht, wie es ihr ging. Dennoch verrieten sie ihr blasses Gesicht und die Schweißperlen auf ihrer Stirn - Kaja konnte sie jedenfalls nichts vormachen. Statt wie Kaja aufs wogende Meer hinaus zu sehen und die Fahrt zu genießen, fixierte ihre Freundin den Rettungsring, als würde die Seemöwe jeden Moment kentern.

Mitleidig legte Kaja der sonst so fröhlichen Frau die Hand auf die Schulter und verwickelte sie in ein Gespräch über Timo - dieses Thema ließ Mira die schaukelnden Wellen sogleich vergessen. Nachdem sie so ziemlich jede handbreit des Fischers schwärmend erwähnt hatte, hielt sie inne und hob ihre Brauen. »Hast du schon gehört, was heute beim Stadttor passiert ist?«

Da Kaja verneinte, erzählte Mira von einer blutigen Auseinandersetzung zwischen einem Waldwandler und den Wachen am Stadttor. Bürgermeister Hurris und der Stadtrat hatten daraufhin den Kontakt mit den Waldwandlern per Strafe verboten. Auch jede Sichtung eines Waldwandlers musste ab sofort direkt gemeldet werden.

Kaja warf eine der an Deck liegenden Muscheln ins Wasser. Die Situation mit den Waldwandlern schien sich immer mehr zuzuspitzen. Ärgerlich! Eigentlich hätte sie den Waldwandler vom Markt gern nochmals gesehen - und sei es nur, um das Bild von ihm klar zu rücken. Sie wollte nicht an sein Grinsen denken, wenn sie an ihn dachte. Im Gegenteil, sie wollte gar nicht an ihn denken! Und wenn doch, wollte sie wenigstens einen gefährlichen Wilden vor sich sehen - wie es sich gehörte!

Um die Mittagszeit erreichten sie die schwarze Bucht, wo Nio und Timo die Netze auswarfen. Nachdem sie einen großen Teil der Köstlichkeiten verspeist hatten, der erste Fang eingeholt war und die Netze erneut im Meer trieben, machten sich die Vier mit dem Beiboot auf zur Höhle.

Die Öffnung war schmal und dunkel, das Beiboot passte gerade hindurch, ohne an den Felswänden anzuecken. Die Wände waren glitschig und Kaja ertappte sich mehrmals dabei, wegen herab fallender Tropfen zusammenzuzucken. Neben ihr hielt Mira ihre Petroleumlampe fest umklammert. Im Dunkeln bewegte sich etwas. Was war das? Ein kühler Luftzug fuhr durch den Tunnel und sie erzitterte. Mira lehnte sich enger an sie und auch Kaja hielt vor Furcht den Atem an. Vorsichtig hob sie ihr Licht empor, um der Gefahr nicht blind gegenüber zu stehen. Sie würde doch nicht schon wieder einem Schattenwesen über den Weg laufen? Bevor sie diesen Gedanken aussprechen konnte, teilte sich das Dunkel und formte sich in eine Menge kleinerer Gestalten. Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen zog ein Schwarm Fledermäuse an ihnen vorbei. Erleichterung machte sich in ihr breit. Seit wann war sie so schreckhaft?

Am Ende des Tunnels befestigten sie das Boot und zwängten sich durch eine schmale Lücke, um die Höhle weiter zu erkunden. Sie fanden sich in einem größeren Raum wieder, der durch mehrere Löcher in der Decke von Tageslicht erleuchtet wurde. Der Raum war mindestens doppelt so hoch wie sie selbst und im Gegensatz zum Eingang sehr weitläufig, wodurch er wie ein großer Saal wirkte. Es roch nach wild wuchernden Minzepflanzen, die sich an den Felswänden empor schlängelten. Sie blickte zu Mira, die nun in der Mitte der Höhle stand und die Augen geschlossen hielt. Ihre Freundin strahlte innere Ruhe aus und atmete tief ein und aus. Kaja, Nio und Timo ließen sich auf Felsbrocken nieder und sahen Mira erwartungsvoll an. So unruhig und quirlig Mira auch meistens war, sie hatte eine wunderschöne Stimme und war eine begnadete Sängerin. Wie immer in solchen Situationen wurde sie ruhig und selbstbewusst, als wandle sie sich in einen anderen Menschen, bevor sie zu singen begann. Ihre Stimme war hell und klar, sie sang eine Ballade, die Kaja Tränen in die Augen trieb. Timos Mund stand offen und sein Blick wich nicht einen Wimpernschlag von Mira ab. Kaja deutete Nio, ihr zum Beiboot zu folgen. Wenn sie den beiden nun ein wenig Privatsphäre gönnten, würden sie vielleicht heute endlich zusammenfinden.

***

Miras Stimme klang gedämpft zu ihnen, doch Nios Blick haftete unbeirrt auf Kaja, die auf der gegenüberliegenden Bank saß. Ihre Hände glitten ins Wasser und sie beobachtete scheinbar interessiert die kreisförmigen Wellen, die dabei entstanden. Stille stand zwischen ihnen und eine ungewöhnliche Spannung. Wo war die lockere Leichtigkeit, wenn man sie brauchte?

Er nahm seinen Mut zusammen, rückte wie sie an den Rand des Bootes und hielt seine Hand ebenfalls ins kühle Nass. Seine Finger näherten sich ihren, ein freudiger Schauer durchfuhr ihn, als er sie endlich berührte. Nervös umfing er ihre Hand, strich mit seinem Daumen über ihren Handrücken. Er wagte es kaum aufzusehen, wartete jeden Augenblick darauf, dass sie sich ihm entzog. Doch sie ließ die Berührung zu. Er hielt es nicht länger aus: er musste wissen, wie sie reagieren würde und was sie dachte - sofort! Als er den Kopf hob, war ihr Blick fragend auf ihn gerichtet. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und half ihm, die Sache endlich anzusprechen.

»Kaja«, begann er heiser, »Ich wollte schon länger...« Er schluckte. Ihr fragender Blick half ihm nicht weiter. Hatte sie wirklich keine Ahnung wie er empfand? »Darf ich«, er räusperte sich, »Darf ich dich küssen?« Ihr Zögern entging ihm nicht.

Sie sah ihn an, dann weg von ihm, aufs Wasser. Wollte sie dort ihre Antwort finden? Als ihr Blick wieder auf ihm landete, nickte sie kaum merklich.

Nio hatte sich mehr Euphorie erhofft, zumindest erkennbare Freude statt der Unsicherheit, die sie ausstrahlte. Trotzdem konnte er sich nicht mehr zurückhalten, immerhin hatte er ihre Zustimmung erhalten. Was wollte er mehr? Er ließ ihre kühle Hand los, legte seine Arme um ihre warme Taille und küsste sie zärtlich auf den Mund. Ihre vollen Lippen schmeckten süß, sogar noch besser, als er es sich in seinen zahlreichen Tagträumen vorgestellt hatte. Unerträglich langsam öffnete sie ihre Lippen, ließ ihn ein, erwiderte seinen Kuss. Einen Moment schwamm er im Glück - doch sie zog sich viel zu bald zurück. Sein Verlangen war erwacht, er wollte sie näher an sich heranziehen, sie berühren. Angestrengt zwang er sich zur Ruhe und atmete tief durch. Das war Kaja, kein Mädel aus einem der Wirtshäuser! Er griff nach ihrer Hand und sah ihr fest in die Augen.

»Weißt du«, raunte er mit tiefer Stimme, »Dass du das Beste in meinem Leben bist?« Sie lächelte und er fuhr ermutigt fort: »Deine Nähe macht mich glücklich und ich will dich genauso glücklich machen. Ich möchte mein Leben mit deinem verbinden Kaja! Willst-«

»Warte!«, unterbrach sie ihn abrupt und schüttelte mit plötzlich ernster Miene den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ... Lass mir bitte Zeit.«

Zeit? Etwas in ihm brach. Ihm war klar, was das bedeutete - entweder wollte man jemanden oder nicht. Zeit zu fordern, hieß nicht zu wollen. Kaja wollte ihn nicht! Nio sackte in sich zusammen.

»Tut mir leid«, wisperte sie. Er konnte ihr nicht mehr in die Augen sehen und rückte verloren von ihr ab. Am anderen Ende des Beibootes fixierte er die Planken unter sich, dann das dunkle Wasser, in welchem er sie eben noch berührt hatte.

Als Timo und Mira endlich zu ihnen stießen, schien endlos viel Zeit vergangen zu sein. Die beiden kamen gemeinsam, Hand in Hand. Wenigstens sein Bruder war erfolgreich gewesen.

Kapitel 3

Wind pfiff um Kajas Ohren und sie zog ihre Kutte enger um sich. Gut, dass sie beim Anblick der Wolkenberge trotz des sommerlichen Mondes daran gedacht hatte, sie mitzunehmen. Während sie Rokko hinter sich herzog, wanderten ihre Gedanken zum gestrigen Tag, zu Nio und seinem Geständnis. War er tatsächlich im Begriff gewesen, um ihre Hand anzuhalten? Und das nach dem ersten Kuss? Sie hatte sich noch nicht einmal an die Vorstellung gewöhnt, ihn zu kü-

Verflucht! Musste sie sich auch noch ihre Zehen stoßen? Humpelnd hielt sie sich an ihrem Esel, um nicht zu fallen, und biss die Zähne zusammen - Wehleidigkeit half ihr nicht weiter. Sie führte Rokko bis zum Marktplatz, der im Vergleich zu normalen Markttagen wie ausgestorben wirkte. Außer ihr waren erst zwei Verkäufer da: der Weinhändler und die Bäckersfrau. Anscheinend hatte der Kampf zwischen dem Waldwandler und den Wachen spürbare Auswirkungen. Sie machte sich auf einen dieser zähen Tage gefasst, an denen Langeweile die Zeit dahin kriechen ließ. Wenn sie geahnt hätte, wie wenig heute los sein würde, hätte sie sich Arbeit mitgenommen, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Wenn wenigstens Salina da wäre, damit sie jemanden zum Tratschen-

Etwas knirschte hinter ihr. Alarmiert wandte sie sich um, sah aus den Augenwinkeln noch eine Bewegung. Was zum Teufel?! Unwillkürlich griff sie nach dem Schnitzmesser, mit welchem sie sonst persönliche Gravierungen und Muster in Kerzen und Skulpturen schnitzte und blickte sich vorsichtig um. Der Platz lag nach wie vor beinahe verlassen da. Ob sie die beiden anderen Händler rufen sollte? Sie konnte nichts mehr entdecken und von der Kälte, die Schattenwesen normalerweise verbreiteten, war nichts zu spüren. Eigenartig! Rund um ihren Stand war alles frei, nur die mächtige Buche ragte neben ihr empor. Ob sich dahinter jemand - oder etwas - versteckte? Das Messer vor sich erhoben, schlich sie auf den Baum zu. Unter ihren Schritten knirschten Kieselsteine auf dem Kopfsteinpflaster - anschleichen konnte man das eigentlich nicht nennen. Sie war nur noch wenige Fuß vom Stamm der Blutbuche entfernt, als plötzlich eine Hand hervorschnellte und sich auf ihren Mund legte. Verdammt! Erschrocken sog sie die Luft ein, erwischte wegen der breiten Finger ihres Angreifers jedoch nur wenig Frischluft. Panisch schlug sie um sich und versuchte vergebens, sich aus dem festen Griff zu winden, bis ihr das Schnitzmesser einfiel. Sie könnte- Zu spät! Schon wurde ihr das Messer entrissen. Im gleichen Atemzug wurde sie herumgewirbelt und befand sich, mit dem Rücken an einen Fremden gepresst, hinter der Buche. Es handelte sich unverkennbar um einen Mann - die starken Arme, die sich um sie gelegt hatten, ließen keinen Zweifel zu. Kaja nahm den erdigen Geruch der Pranke wahr, die ihren Mund verschloss. Sie versuchte zu schreien, um die anderen Händler auf sich aufmerksam zu machen. Das gedämpfte Geräusch, welches sie hervorbrachte, führte jedoch keineswegs zum gewünschten Erfolg. Angestrengt zwang sie sich, ruhig und klar zu denken. Gewiss, es handelte sich nicht um ein Schattenwesen, aber Hilfe benötigte sie trotzdem! Oder könnte sie sich selbst helfen? Eine Idee nahm in ihren Gedanken Gestalt an und brachte ihren bedrängten Mund zum Lächeln - entschlossen öffnete sie ihn soweit wie möglich, stieß mit einem Ruck vor und biss kraftvoll in die Finger des Fremden. Ha! Er ließ sie abrupt los und sie wollte gerade davon stürzen, als sie eine raue Stimme vernahm.

»Bitte ... warte!«

War das sein Ernst? Das konnte doch nicht wahr sein, erst hielt er sie mit Gewalt fest, entführte sie - wenn auch nur wenige Fuß weit und einen Augenblick lang, wie sie sich eingestehen musste - und dann bat er sie zu warten? Wie verquer war dieser Fremde? Trotzdem, ihre Neugier siegte. Sie blieb stehen und wandte sich zu ihm um. Kaum mehr als eine Armlänge von ihr entfernt stand ein Waldwandler. Derselbe, den sie letztens am Markt gesehen hatte. Derselbe Kerl, dessen Grinsen sie verfolgte. Kaja stand wie gebannt da und starrte ihn an. Von Nahem wirkte er noch interessanter! Das tiefe Schwarz seiner wirren Haare sah aus der Nähe fast unnatürlich aus und wurde durch seine leicht gebräunte Haut kaum abgeschwächt. Obwohl sie für eine Städterin - besonders für eine Frau - groß war, musste sie zu ihm aufsehen, um sein Gesicht näher zu betrachten. Seine dunkelbraunen Augen waren tatsächlich von goldenen Punkten durchsetzt und hielten ihrem Blick stand. Neben dem erdigen Geruch bemerkte sie eine würzige Note. Sie schüttelte - verärgert über sich selbst - den Kopf und zwang sich, vernünftigere Gedanken zu fassen. Gerade als sie zu einer Antwort ansetzte, hörte sie die unverkennbaren Schritte der Stadtwache näher kommen. Typisch! Kaum wurde der Umgang mit den Waldwandlern endgültig verboten, entdeckte man sie mit - na? Mit einem Waldwandler. Was sonst! Oder auch nicht, wenn sie schnell genug war. Kurz entschlossen nahm sie ihn an der Hand, zog ihn mit sich in die nächstgelegene Gasse und lotste sie beide in einen der schmalen Hauseingänge. Der Platz war eng, sie standen aneinander gedrängt vor der hölzernen Haustür. Neben ihnen befand sich der Vorsprung der Hausmauer - wenn sie einen Schritt vor traten, wären sie auch aus der Ferne leicht erkennbar. Ihr Herz pochte. Der erdig-würzige Geruch benebelte sie, der Arm des Waldwandlers berührte den ihren, er war behaart - aber nicht, wie oft erzählt wurde, stark wie bei Tieren, sondern ganz normal, männlich eben - und er war kühler als ihr eigener Arm. Trotzdem wurde ihr noch wärmer durch den Kontakt. Sie hielt den Blick auf den Boden gesenkt - mögen die Götter verhüten, dass er noch bemerkte, wie er auf sie wirkte! Als sie doch zu ihm aufsah, verzog sich sein Mund von einem sanften Lächeln in ein breites Grinsen und brachte zwei unwiderstehliche Grübchen zum Vorschein. Verflucht! Rasch wandte sie sich ab, entsetzt von ihrer eigenen Reaktion.

***

Das Mädel neben ihm stieg unruhig von einen Fuß auf den anderen, ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie sah zu ihm auf und obgleich sie ihre Augen sofort abwandte, war Teon der Funke nicht entgangen, der ihm bestätigte, was er vermutet hatte - sie begehrte ihn! Ihre Augen waren tiefgrün, strahlend und wachsam. Diese grünen Tiefen hatten ihn schon bei ihrer ersten Begegnung vor wenigen Tagen gefangen genommen. Bei den Menschen gab es irgendeine Sage über grünäugige Frauen, doch er erinnerte sich nicht, worum es darin ging. Ob die starke Anziehung, die sie auf ihn ausübte, damit zusammen hing? Ob die unnatürlich kräftige Energie, die er in ihr bemerkt hatte, daher kam? Wenn er sie mit seinem sechsten Sinn betrachtete, erschien sie ihm seltsam hell. Ihr Licht war weder gelb-orange wie bei anderen Menschen, noch blau-grün, wie bei seiner Art, sondern lindgrün und blendend hell. Welches Geheimnis mochte dahinter stecken? Rasch öffnete er die Augen, noch benebelt und verwirrt von ihrer Helligkeit. Ihr Blick haftete auf seinen Lippen und er spürte beinahe ihre Berührung an dieser Stelle. Er lächelte unwillkürlich, doch es verging ihm schnell, als sie sich - angewidert - von ihm abwandte. Zum Teufel! Weshalb hatte er eine andere Reaktion erwartet? Sie war ein Mensch, ein Stadtbewohner und noch dazu ein Weib! Natürlich verachtete sie ihn, hielt ihn für einen Wilden, wie es die verkennende, herablassende Art der Menschen war. Abgesehen davon war er ohnehin aus einem anderen Grund hier!

Dennoch, die Stille war unerträglich. Sie stand neben ihm, schien die Luft anzuhalten und die Mauer zu fixieren. Er hielt die Ruhe und Ungewissheit kaum noch aus. Was dachte sie? Warum hatte sie ihn überhaupt hierher gezogen? Sie hätte auch ohne ihn vor den Wachen flüchten können! Und doch hatte sie ihn mitgenommen, obwohl er sie vorhin grob an sich gerissen und ihren Mund zugehalten hatte. Hatte sie gar keine Angst vor ihm? Es sah nicht so aus. Immerhin hatte sie ihn gebissen! Nur mit Mühe konnte er bei der Erinnerung ein lautes Auflachen verhindern. Wie ein tollwütiges Grauhörnchen war sie auf ihn losgegangen! Nun stand sie dicht neben ihm und die banale Berührung ihrer Arme verwirrte ihn fast noch mehr, als der betörend süße Geruch von Vanille und Honig, der sie umhüllte. Sie war nach wie vor still, nur ihre provozierend langsamen Atemzüge waren zu hören. Die Wachen mussten doch längst fort sein!

Er räusperte sich. »Ehm ... ich denke, wir können zurück zu-«

Prompt wandte sie sich zu ihm um und funkelte ihn aufgebracht an. »Zurück zu was? Was hattest du geplant, wolltest du mich entführen?!«

Teon unterdrückte ein Lachen. »Wohl kaum. Bissige Tierchen gibt es bei uns genug!« Das hätte er besser nicht gesagt, ihre Miene wurde noch wütender und ihr Mund verzog sich zu einem grimmigen Strich. Diesen Ausdruck kannte er von seiner Schwester - hier war eine Entschuldigung nötig, sonst könnte er heute keine Hilfe mehr erwarten. »Das war nicht so gemeint«, brachte er reumütig hervor, »Tut mir leid.« Er sah in ihr abwartendes Gesicht und fuhr, nachdem sie nicht darauf einging, mit seinem eigentlichen Anliegen fort: »Vorhin ... ich wollte nur verhindern, dass du die Wachen rufst, bevor ich dich um einen Gefallen bitten konnte.«

Sie schmunzelte. »Bitten?«

»Wir brauchen für unsere Nuri ein Heilmittel. Sie ist erst wenige Monde alt und fiebert seit Tagen. Unsere Heiler hatten keinen Erfolg und von deinen Tinkturen wurde mir in den höchsten Tönen erzählt! Kannst du uns helfen?«

***

In Kajas Kopf rumorte es. Es ging um einen Säugling? Sein Kind? Er konnte nicht viel älter sein als sie ... Natürlich waren in diesem Alter viele verheiratet und bekamen erste Kinder. Warum störte sie der Gedanke? Offensichtlich war er tief besorgt um seine Tochter. Selbstverständlich würde sie ihm helfen, egal wie ungeschickt und grob seine Bitte begonnen hatte.

»Ich geb dir was mit für deine Kleine«, stellte sie klar und wagte vorsichtig einen Schritt vor, um zu prüfen, ob die Wachen inzwischen abgezogen waren. Zumindest konnte sie keine mehr entdecken. »Warte hier auf mich.«

Sie eilte - so schnell es ihr, ohne Aufsehen zu erregen, möglich war - zurück zu ihrem Stand, griff nach einigen Fläschchen und Tiegeln und legte sie in einen Leinenbeutel. Unbeachtet kehrte sie zurück zum Waldwandler.

»Ich dachte schon, du kommst nicht mehr und schickst mir stattdessen die Wachen.« Sein rechter Mundwinkel zuckte, dennoch sah er sie ernst an und sie kannte ihn nicht genug, um einschätzen zu können, ob es sarkastisch oder ernst gemeint war.

»Die kommen gleich«, scherzte sie halbherzig und schlüpfte neben ihn in den Hauseingang. »Erzähl mir noch was über die Kleine. Hat sie Schmerzen? Ausschlag? Husten?«

Nachdem er ihre Fragen beantwortet hatte, gab sie ihm Propolistropfen gegen die Viren, eine Tinktur, um der Infektion und dem Ausschlag entgegenzuwirken und empfahl kühle Wickel um das Fieber zu senken.

»Danke.« Vorsichtig schob er die Waren ein. »Was bin ich dir schuldig?«

»Du hast wohl keine Münzen zum Zahlen?«

»Nein, aber das hier.« Er holte aus seinem Lederbeutel ein großes Stück geräucherten Speck, reichte es ihr und kramte weiter im Beutel.

»Das reicht vollkommen«, hielt sie ihn auf. Fleisch war mittlerweile so rar, dass horrende Summen dafür bezahlt wurden. Mit diesem Speck könnten sie wochenlang ihre Mahlzeit bereichern - ihr Vater würde begeistert sein. »Also dann ... Mach’s gut. Und gute Besserung für die kleine Nuri!«