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Leben wie im Werbespot mit Besitz, Erfolg, Statussymbolen, Macht und Mode wird den großen Glücksknall entfesseln - so lautet das Credo (Glaubensbekenntnis) der florierenden Glücksindustrie, und Millionen und aber Millionen Zeitgenossen beten es nach. Sie erhoffen Erfüllung und Lebenszufriedenheit durch spritzige Autos, ein Traumhaus im Grünen, einen Swimmingpool, einen offenen Kamin, trendige Fitness-Geräte, Schmuck, schicke Partys, edle Spirituosen, exotische Ferienparadiese etc. Was die nach dem kommerzialisierten Mega-Glück oder Instant-Glück Haschenden käuflich erwerben, ist aber bestenfalls Glück mit kurzem Verfallsdatum. Dafür liefert die Glücksforschung jede Menge hieb- und stichfeste Beweise. Unser Ziel ist Glücksgold - nicht Scheingold mit Talmiglanz und nicht Plastikglück. Wir vertrauen uns daher auf unserer Weltreise zu den Glücksquellen nicht Glücksdilettanten an, sondern Kennern und Könnern - Wissenschaftlern und Weisen -, und folgen den von den Meistern der Lebenskunst in Jahrhunderten und Jahrtausenden markierten Routen zum Glücksgold. Dabei erleben wir Überraschungen auf Schritt und Tritt. Zum Beispiel: Seit dem Jahr 1990 gilt in der modernen Psychologie "Flow" als der goldene Schlüssel zum Geheimnis des Glücks, doch die Flow-Praxis als Gipfelerlebnis des Glücks kennen die alten Inder, Chinesen und Japaner schon seit eh und je, ebenso die Indianer, die Afrikaner, die Südseeinsulaner und die 100.000 Jahre alten Aborigines (Uraustralier). Was am meisten verblüfft: Die Glückseinsichten der Weisen aller Zonen und Zeiten - der Meister des "geglückten" Lebens - werden in unseren Tagen von der Neuen Physik (Quantentheorie) und der modernen Hirnforschung vielfach bestätigt. Es ist ein spannendes Abenteuer, wie die aktuelle experimentelle Naturwissenschaft und die uralten mystischen/spirituellen Traditionen der Religionen (u. a. Yoga/Vedanta, tibetisches bzw. buddhistisches Bewusstseinstraining, Wuwei, Zen, Kabbala/Chassidismus oder Sufismus) in der Glücksfrage zusammenfinden. In Summe: Das Buch "Glücksgold" skizziert eine Wegekarte mit den von der Weisheit und der Wissenschaft abgesteckten verlässlichen Pfaden zu den Goldminen des Glücks.
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2012
www.tredition.de
Der Autor Dr. Ernst Stürmer, 1932 in Linz/Donau geboren, studierte an den Universitäten Graz, Paris (Sorbonne) und Wien Geschichte, Romanistik und Publizistik und schloss 1958 seine Studien mit dem Doktorat der Philosophie ab. Beruflich als Journalist, Schriftsteller und Fotoreporter faszinierten ihn von Anfang an die traditionellen Kulturen, Weisheitslehren, Religionen und Heilkünste Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Er vertieft und aktualisiert das Wissen über seine Interessensgebiete durch regelmäßige Studienreisen und Recherchen. Die meisten seiner zahlreichen Bücher schöpfen aus den spirituellen Kulturschätzen der Völker und Kontinente.
Das Buch entfaltet die erprobten Glücksrezepte der Kulturkreise Asiens, Ozeaniens, Australiens, Lateinamerikas, Afrikas und des Abendlandes. Die kleine weltumspannende Kulturgeschichte der Glücksideale versteht sich in erster Linie als Wegweiser für die eigene Glückssuche.
Um glücklich zu sein,
muss man nicht Glück haben.
Glück ist nicht Glückssache
Ernst Stürmer
Glücksgold
Die Glücksrezepte der
Völker, Kulturen und Religionen
www.tredition.de
© 2011 Ernst Stürmer
Umschlag-Bilder:
Cover: Daruma als Stehaufmännchen ist Japans liebster Glücksbringer.
Sein Motto: „Siebenmal hinfallen und achtmal wieder aufstehen.“
Rückseite: Gleichnis für den Weg aus dem Chaos zur Glückseligkeit ist der Lotos, der rein und unbefleckt aus Schmutz und Schlamm ins Licht emporwächst.
Verlag: tredition GmbH ISBN: 978-3-86850-942-7 Printed in Germany
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Inhalt
Kompass für die Expedition
Zum Thema
(1) Froh zu sein bedarf es wenig
Die moderne Glücksforschung
(2) Wenn die Chemie stimmt
Glück im Labor der Naturwissenschaften
(3) Geh mir aus der Sonne!
Wie viel Philosophie braucht das Glück?
(4) Das Geheimnis heißt Flow
Die Psychologie des Glücks
(5) Sehnsucht Ananda
Glück in der Tradition Indiens
(6) Den Sukha-Samen bewässern
Glück in der Tradition Tibets
(7) Paradiese, Götter und Wuwei
Glück in der Tradition Chinas
(8) Sachi im Schatten von Fuku
Glück in der Tradition Japans
(9) Lebenslust statt Lebensfrust
Glück in der Tradition Ozeaniens
(10) Auf den Traumzeitpfaden
Glück im Verständnis der Aborigines Australiens
(11) Die Wurzeln der Blumen
Glück im Verständnis der Indianer
(12) Hoffnung auf Regen
Glück im Verständnis der Afrikaner
(13) Zauberwort »Alhamdulillah«
Glück im Verständnis des Islam
(14) Windhauch oder 14.000 Schafe?
Glück im Verständnis des Judentums
(15) Zwischen Jammertal und Lebensfülle
Glück im Verständnis des Christentums
(16) Marionette oder Puppenspieler?
Bilanz der Glücksexpedition
(17) Regisseur des Geistes
Meisterung der Gedanken
(18) Täglich gute Laune tanken
Wohlfühl-Hormone kultivieren
(19) Einen neuen Kontinent entdecken
Höhenwanderung auf dem Glückspfad
(20) Heraus aus dem Schneckenhaus
Der Gipfelsieg
Ob die Menschen das Glück dort finden, wo sie es suchen? Das ist unser Thema. Gleichen wir nicht dem Till Eulenspiegel des Orients, dem legendären Mulla (Meister) Nasrudin, der vor seinem Haus auf den Knien herumrutschte und im Schein einer Straßenlaterne den Boden absuchte? „Was hast du verloren, Mulla?“ fragte ihn neugierig der Nachbar. ― „Meinen Schlüssel.“ Der Nachbar half ihm eine Weile suchen und fragte dann: „Bist du sicher, Mulla, dass du den Schüssel hier verloren hast?“ ― „Nein, verloren habe ich ihn im Haus.“ ― „Ja um Himmelswillen, warum suchst du ihn hier draußen?“ Nasrudin: „Weil es hier heller ist.“
Suchen wir, verführt von den schrillen oder in Schalmeienklänge gehüllten Reklamebotschaften der Glücksindustrie, unseren Glücksschlüssel nicht am falschen Ort, nämlich „draußen“ im Scheinwerferlicht der Werbung, obwohl wir ihn in unserem Inneren verloren haben?
Tricks und Drehs
Heute ist durch die Magie der Werbepsychologie jedes Produkt und jede Dienstleistung – ob Waschmaschine oder Winterurlaub – ein Glücksbringer. Was nicht mit einem Glücksmascherl präsentiert wird, verkommt zum Ladenhüter.
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Werbung eine bloße Produktinformation: sie stellte die Vorzüge einer Ware dar. Das war in Notzeiten ein zugkräftiges Verkaufsargument. Seither steht nicht mehr die Sachinformation über den Gebrauchswert im Vordergrund. Die moderne Überfluss-, Verschwendungs- und Wegwerfgesellschaft schreit nach anderen Werbemethoden, um Produkte populär zu machen. Besonders seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts lautet die Zauberformel der Werbebranche: Emotionen wecken. Wohlfühlwerbung – sprich: Glücksverheißung – ist Trumpf. Die Werbung verkauft in der modernen Konsumgesellschaft den Wohlstandsbürgern keine „Gebrauchsdinge“ mehr, sondern „Glücksdinge“.
Die Werbung in Fernsehen, Kino, Presse und Internet sendet unablässig virtuelle Glücksverheißungen und Glücksvisionen aus. Spots, Plakate und Inserate wollen kein Auto vertreiben, sondern Freiheit, Abenteuer, Erfolg, dynamisches Erscheinungsbild, Prestige usw. vermitteln. Ein Kundenfang-Slogan des japanischen Luxusautomobilbauers Lexus: „Wer glaubt, Geld mache nicht glücklich, gibt es falsch aus“. Wer sich einen Luxus-Lexus leistet, kauft sich in einen exklusiven Klub der Erfolgreichsten ein, dem moderne Glücksprinzen wie der Geldaristokrat Bill Gates angehören. Ein Reklamespruch aus der Duftzunft: „Parfum bekommt man überall, wir verkaufen Streicheleinheiten“. Für den Damenrasierer Venus köderte Gillette Frauen mit dem Werbespruch: „Erwecke die Göttin in Dir“. Niemand muss heutzutage traurig sein. Oder kennen Sie nicht „die Zahnpaste, die Sie vor Freude jubeln lässt“?
Makellose Körper, coole Siegertypen, Strahlehelden mit Meister-Proper-Lachen umgarnen uns mit dem Märchen vom käuflichen Glück, statten uns mit Wunschträumen aus, hüllen uns in flauschige Geborgenheit, versprechen uns Schönheit und Jugend, Erfolg beim anderen Geschlecht und ein besseres Leben in perfekt gestylten idealen Welten.
Die Werbebotschaft kurz und bündig: glückliche Jugend, glückliches Alter, glückliches Paar, glückliche Familie, glückliche Freizeit, glückliche Zukunft. Seid glücklich! Wer ist noch nicht superhappy?
Wer glaubt, gegen die Tricks und Drehs der Werbemoguln gefeit zu sein, weiß nicht, dass er als Glücksstreber einer Art Gehirnwäsche zum Opfer gefallen sein könnte. Denn neuerdings bedienen sich Marktforschung und Werbung zur Verführung der Konsumenten des „Neuromarketing“, das sich auf die moderne Gehirnforschung stützt. Mit Hilfe der neuesten bildgebenden Technologien schauen die Hirnforscher direkt in die Kundenköpfe hinein, um die geheimsten Wünsche und Bedürfnisse zu ergründen. Mit dem Wissen, wie das Gehirn entscheidet und auf Werbebotschaften, Markenprodukte und Konsumgüter reagiert, können die Neurostrategen der Konzerne das Konsumverhalten, die Produktvorlieben und den Kaufimpuls über das Unterbewusstsein steuern. Unsere bewusste willentliche Kontrolle wird also durch die neurologische Manipulation behindert.
Zum Glück verdammt
„Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher“, sang schon der Volksschauspieler Hans Albers (1891-1960) im alten Schlager. Doch noch keine Generation stand so sehr im Banne des Glücks wie die unsere. Die Einpeitscher des vermarkteten und massenmedial verbreiteten Glücks haben uns zu Glückshysterikern gemacht, die unter dem Zwang stehen, ununterbrochen jubeln und jauchzen zu sollen und pausenlos zu begehren.
Glück wird zum Diktat, klagt der französische Philosoph und Schriftsteller Pascal Bruckner und plädiert im Namen der Freiheit für das Recht des Menschen, auch unglücklich und traurig sein zu dürfen. Der „zum Glück verdammte“ Mensch leide unter „Edensucht“. Ebenso sehnt sich der Schweizer Schriftsteller und Sprachspieler Kurt Aebli danach, „ungestört unglücklich“ sein zu können.
In Amerika überhaupt ist es „öffentliche Pflicht“, höchstmöglich glücklich zu sein.
Immer mehr Menschen werden unglücklich, weil sie glauben, immer glücklich sein zu müssen, warnt daher der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid.
Gnadenlos zur Lebenslust genötigt, steigen die Ansprüche des westlichen Menschen an das Glück ins Unermessliche.
„Gott was ist Glück! Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel“, schrieb im 19. Jahrhundert Theodor Fontane an einen Freund.
Das ist nicht das glamouröse Glücksideal des 21. Jahrhunderts. Vom Zeitgeist getrieben, peilen wir ein überdimensioniertes Glück an. Unsere maßlosen Glücksansprüche erweisen sich aber kontraproduktiv als Glücksvampire.
Im Sog des Spaßkults
Spritzige Autos, Traumhaus im Grünen, trendige Fitnessgeräte, Schmuck, Modeklamotten, schicke Partys, edle Spirituosen, exotische Ferienparadiese: erwirken sie Erfüllung und Lebenszufriedenheit? Immer fehlt noch ein Stück vom Glück. Kaum besitzt man etwas, regt sich schon neues Verlangen. Nach Wilhelm Busch: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge“. Der Millionär möchte Milliardär werden. „Es stirbt der Glücklichste wünschend“, bilanziert der Dichter. In seiner Gier nach Glück droht also der Mensch zum Nimmersatt zu werden.
Im Trommelfeuer raffinierter Reklame sind wir permanent der Versuchung ausgesetzt.
Beglücker aller Art lachen uns entgegen. Events sonder Zahl zelebrieren den Spaßkult mit „Fun“, „Entertainment“ und „Amusement“. Holde Glücksfeen erwarten uns am Roulettetisch und in der Klassenlotterie, die Millionäre macht. Internetlinks kennen glücktriefende Erfolgsrezepte. Und Wohlfühl-, nein „Wellbeing“-Seminare wissen, wie man eine Landebahn für das Glück baut. Selbsthilfe- und Ratgeberbücher aus der Esoterik-Abteilung propagieren Gedankenerneuerung, Askese, Gebet oder Meditation als sichere Glücksgarantie nach dem Motto: Still werden statt Freudensprünge machen.
Künstliches Hochgefühl
Die Pflicht zum Glücklichsein ruft von allen Seiten. Den Werbepsychologen machen die Chemiker Konkurrenz. Sie bieten Glücksgefühle per Pillen an. Es ist in gewissen Kreisen Mode geworden, Glückspillen zu schlucken. Denn Biochemiker und Neurowissenschaftler sind dahintergekommen, dass wir unsere Fähigkeit, Glück zu empfinden, an und für sich der Chemie (!) verdanken: chemischen Glücksbotenstoffen. Sie sind die „Drahtzieher“ unserer Stimmungslage. Der Körper schüttet in bestimmten Situationen bzw. unter bestimmten Bedingungen die Glücksbotenstoffe Serotonin und Dopamin aus, die auf dem Nervenweg das Signal „Sei glücklich!“ zum Gehirn senden. Serotonin lässt die Sonne im Herzen scheinen.
Wodurch kann der Pegel an Glücksbotenstoffen im Körper erhöht werden? Zum Beispiel beim Joggen oder durch den Konsum von Schokolade. Oder eben durch Drogen der Pharmaindustrie. Chemische Glücklichmacher lösen einen Zustand der Euphorie aus und sind daher in unserer auf Lebenslust fixierten Gesellschaft Verkaufsschlager.
Doch: Hände weg von vermeintlichen Glückspillen, die uns vorgaukeln, „gut drauf“ zu sein. Künstliches Hochgefühl durch Drogen herbeizuzerren, ändert nichts an den Ursachen des Seelentiefs und birgt Suchtgefahr.
Das Glück zu erhaschen ist also ein ebenso aufreibendes wie enttäuschendes Unterfangen: Glücksstress mit einem Wort.
Glückliche erklären keine Kriege
In Menschen mit sozialer Ader mag der Zweifel aufsteigen: Verdient das Glück so viel Tamtam?
„Wie können Sie nur von Glück sprechen, wenn so viele Menschen im Elend vegetieren!“ empörte sich ein junger Zuhörer bei einem Vortrag des französischen Soziologen Albert Memmi. Der Gelehrte antwortete ihm: „Ihre Auflehnung ist lobenswert, aber: Warum sollte die Pflicht zur Solidarität bedeuten, dass wir selber unglücklich sein müssen.“ Es ist in der Tat keine Tugend, gegen sein eigenes Glück zu sein.
Im Grunde ist glücklich sein wollen und sein Leben bejahenswerter und erfüllter zu machen nicht bloß Selbstliebe (die durchaus einen positiven Stellenwert auch im Christentum hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“), sondern eine schöne Seite der Nächstenliebe. Unglücklichsein ist eine Entmutigung und Glücklichsein eine Ermutigung der Mitmenschen. Menschen mit frohen Mienen: Sie sind bereit, das Gute im Nächsten zu sehen. Sie wollen ihre Freude mit anderen teilen. Sie kümmern sich mehr um ihre Mitmenschen in der Nähe und in der Ferne. Unglückliche aber neigen dazu, sich zurückzuziehen. Sie sind anfälliger, den Mitmenschen mit Abneigung oder Aggression zu begegnen und lassen es an Zusammenhalt (Solidarität) fehlen.
Der Philosoph Alain (Emile-Auguste Chartier) gibt zu bedenken, dass die Unfähigkeit bzw. die fehlende Bereitschaft, sich um sein eigenes Glück zu kümmern, sehr gefährlich sein und sogar zu Kriegen führen kann. Die Schlachtfelder der Geschichte im Sinn, mahnt er: „Meiner Meinung nach sind all die Leichen, Ruinen und Rüstungsausgaben das Werk von Menschen, die es nie verstanden haben, glücklich zu sein, und nicht ertragen können, andere glücklich zu sehen.“ Glückliche erklären keine Kriege.
Es liegt also durchaus im eigenen Interesse wie im Interesse unserer Nächsten, die eigene Glückskondition zu steigern: die Fähigkeit zur dauerhaften Freude am Leben.
Weltreise zum Glück
Fazit: Der zeitgenössische Glückssucher droht in ein verwirrendes Labyrinth zu geraten, einen Irrgarten mit Wegeverzweigungen, Sackgassen, Umwegen, Schleifen und Fallen, wenn er auf das gängige Glücksblabla unserer Konsum- und Spaßgesellschaft hereinfällt und sich vom schillernden Talmiglanz des Pseudoglücks blenden lässt.
Im Dschungel der Glücksverheißungen kann man sich ohne Orientierungshilfe allzu leicht verirren. Daher möchte das Buch „Glücksgold“ den Leserinnen und Lesern gleichsam als Kompass und Wegekarte bzw. als Satellitennavigationssystem auf ihrer Glücksexpedition dienen. Wir folgen dabei nicht den „abwegigen“ Fährten von Glücksdilettanten, die Plastikglück fabrizieren, das marktschreierisch im Sonderangebot vertrieben wird. Wir folgen den Spuren von Meistern der Lebenskunst aller Zeiten und Zonen – über das Abendland hinaus in alle Weltgegenden nach Indien, Tibet, China, Japan, Ozeanien, Australien (zu den Aborigines), zu den Indianern und Afrikanern, ebenso zu den Quellen des Christentums, des Judentums und des Islam. Mit anderen Worten: „Glücksgold“ skizziert eine Weltkarte des Glücks mit den erprobten Wegen und Pfaden, die die Völker und Kulturen (Religionen, Weisheitslehren und Wissenschaften) der Menschheit im Lauf der Geschichte erkundet haben.
Kurz gefasst: Das Buch ist eine Einladung, die Erfahrungen der Weisen und die Einsichten der Wissenschaftler − der Glücklichen und der Glücksexperten – in unserem Leben und Alltag zu nutzen und zu verwerten.
1. Kapitel
„Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König“, sangen wir als Schüler. Was aber ist das Wenige, das uns königlich glücklich macht?
Wir starten eine spannende und nutzbringende Entdeckungsreise, um das Glück in der weiten Welt und in der tiefen Seele aufzuspüren.
In der ersten Etappe erkunden wir das Forschungsfeld einer neuen Wissenschaft: der Glücksforschung, ironisch „Happyologie“ genannt. Sie führt uns durch den Dschungel der Glücksvorstellungen, der Glücksverheißungen und der Glücksanleitungen.
Wir unterscheiden drei Arten des Glücks: 1. Glücksmomente: Hochgefühle, flüchtig wie Sternschnuppen. 2. Glück als Grundstimmung: eine dauerhafte Lebenszufriedenheit. 3. „Glück haben“ bedeutet: vom Schicksal begünstigt werden oder einem Unheil knapp entrinnen.
Alles Glück der Welt
1965 begann (in den USA) die ernsthafte wissenschaftliche Forschung über Glück und Lebenszufriedenheit.
In Deutschland gründete der erste deutsche Glücksforscher, der Soziologieprofessor Alfred Bellebaum (Universitäten Koblenz und Bonn), 1990 das „Institut für Glücksforschung“ in Vallendar, das auf Grund des schillernden und unbestimmten Reizwortes „Glück“ gelegentlich schon für ein Eheanbahnungsinstitut oder ein Eros-Center gehalten wurde, wie der Gründer des Instituts selbst berichtet.
Glücksforscher in aller Welt machen sich ans Werk, um die Natur und die Spielregeln des Glücks und glücksverwandter Positiverfahrungen zu ergründen wie Lebenszufriedenheit, Behagen, Unbeschwertheit, Wohlbefinden (Wellbeing), Wellness, Freude, Frohsinn, Spaß, Hochstimmung, Überschwang, Begeisterung, Euphorie, Faszination, Ekstase, Lust, Bliss, Kick, Seligkeit, Sinnerfüllung oder Harmonie.
Die Erasmus-Universität von Rotterdam z. B. sammelt seit Jahren Daten und Untersuchungen aus aller Welt zum Thema Glück und fasst sie in einer „Glücksdatenbank“ („World Database of Happiness“) zusammen. Der Soziologe und Psychologe Ruut Veenhoven, der Initiator der einzigartigen Dokumentation − der weltweit umfangreichsten und bedeutendsten Sammlung von Daten zum Glücksempfinden − kommt durch seine Studien zu einem tröstlichen Ergebnis: Die Menschen rund um den Erdball schätzen sich eher glücklich als unglücklich ein. „Die menschliche Fähigkeit zum Glück ist also groß“, urteilt der Glückswissenschaftler Veenhoven.
Zum Glück ist das Glück nicht an Wohlstandsgüter gebunden, sonst wären vier Fünftel der Menschheit vom Glücksempfinden ausgesperrt und das reichste Fünftel der Weltbevölkerung, das 86% der globalen Konsumausgaben tätigt, wäre am zufriedensten. In Wahrheit ist das Leben in den Ländern des materiellen Wohlstands ein nie enden wollendes Brauchen und Bedürfen, so dass echte Erfüllung und Zufriedenheit schwer fallen.
Deutschland auf Platz 28
Wer dem kapitalistischen Slogan „Geht`s der Wirtschaft gut, geht`s uns allen gut“ glaubt, mag sich wundern, dass nicht die führenden Wirtschaftsmächte der Welt die Champions in der Glücksweltmeisterschaft sind. Im Ranking des letzten Jahrzehnts (von 2000 bis 2010) liegen die USA (mit 7,4 Punkten) auf dem 20. Platz im globalen Glückswettbewerb, Japan (6,2 Punkte) auf dem 101., China (6,4 Punkte) auf dem 94., Deutschland (7,1 Punkte) auf dem
28., Großbritannien (7,2 Punkte) auf dem 25. und Frankreich (6,6 Punkte) auf dem 84. Platz.
Deutschland liegt also auf dem 28. Platz, gleichauf mit Nikaragua, aber u. a. hinter Mexiko, Panama, Kolumbien, die Dominikanische Republik, Argentinien, Venezuela und Guatemala.
Die Schweiz (8 Punkte) liegt auf dem 4. Platz und Österreich (7,7 Punkte) auf dem 11. Platz.
Glücksweltmeister ist Kostarika (8,5 Punkte)! Die Silbermedaille geht an Dänemark (8,3 Punkte) und die Bronzemedaille an Island (8,2 Punkte).
Schlusslichter in der Glücksskala des 1. Jahrzehnts im 21. Jahrhundert sind Tansania und Togo mit je 2,6 Punkten.
Wenn alles in allem Dritte-Welt-Länder, die zum Teil in einer fürchterlichen Misere leben, in der Glücksweltmeisterschaft ganz gut abschneiden, ist also die Quelle des Glücks gewiss nicht das Bruttosozialprodukt oder das Bankkonto.
Reichtum und Trübsinn
Dennoch lautet das Credo der Glücksindustrie, das Millionen und aber Millionen nachbeten: Lottogewinn, Spitzeneinkommen, Reichtum, Lebensstandard, Luxus, Erfolg, Karriere, Rang, Titel, Ruhm, Sex, Konsum, Reisen, Freizeitspaß, Gesundheit, Schönheit und Intelligenz machen uns zu Glückskindern. Der Komiker Otto Waalkes drückt es so aus: „Schönheit, Reichtum und Ruhm sind völlig bedeutungslos. Es kommt nur darauf an, dass man gut aussieht, jede Menge Geld hat und dass alle einen kennen.“
Was sagt die empirische (= auf Erfahrung & Experiment beru-hende) Glückswissenschaft zu den Glücksklischees? Legen wir das Glücksblabla auf den Prüfstand der heutigen Glücksforschung:
GELD: Kann man dem Glück im Casino nachhelfen? Hebt eine Erbschaft den Glückspegel? Gewinnen wir Glück, wenn wir den Jackpot knacken? Die Glücksforschung hat Millionäre, Lottogewinner und Karrieristen nach ihren Erfahrungen auf der Sonnenseite des Lebens befragt.
+ Professor Andrew Oswald von der britischen Warwick University hat die Erfahrungen von Lottogewinnern erforscht. Fazit seiner berühmten Studie: Nach einer kurzen Euphorie versank die Mehrzahl der Glückspilze in Trübsinn. Die Erfüllung ihrer materiellen Wünsche hatte eine tiefe Enttäuschung zur Folge, weil sie weder das Gefühl des Glücks noch der Sicherheit bewirkte. Drei Jahre nach dem Glückstreffer waren 80% in ihren früheren finanziellen Status zurückgefallen, manche waren sogar höher verschuldet. Insgesamt fand sich unter den Lottogewinnern ein deutlich höherer Prozentsatz an Depressiven als im Durchschnitt der Bevölkerung.
+ Martin Seligman, amerikanischer Glücksprofessor, untersuchte ebenfalls Gewinner hoher Geldsummen. Nach seiner Studie waren sie rund drei Monate lang glücklicher als vorher. Dann fielen sie auf ihren ursprünglichen Glückslevel zurück und unterschieden sich nicht mehr von den anderen.
+ Die Londoner „School of Economics“, die eine Untersuchung über Spitzenverdiener durchführte, kommt zu dem Schluss: Nicht Wohlstand und Glück bilden ein Paar, sondern Wohlstand und Schwermut. Je höher das Einkommen, desto trüber die Stimmung. Der Studie zufolge führen Spitzenverdiener mit Abstand die Statistik der Depressiven an.
+ Bei einer Studie des Glücksforschers Michael Argyle (Universität Oxford) über Multimillionäre mit mehr als 125 Millionen Dollar Vermögen in den USA kam ans Licht, dass sich 37% der amerikanischen Supermillionäre sogar unglücklicher fühlen als Durchschnittsverdiener.
+ Glückspsychologe Ed Diener interviewte die 50 reichsten Amerikaner (jeder ein Krösus mit über 100 Millionen Dollar). Obwohl sie sich im Gold wälzen, liegt ihre Lebenszufriedenheit nur minimal über dem Durchschnitt.
Die persönliche Lebensfreude steigt also entgegen landläufiger Ansicht keineswegs mit dem Reichtum an. Sie ist nicht mit Kontostand, Gehaltserhöhung oder Vermögenszuwachs gekoppelt. Das ist durch solide empirische Untersuchungen erhärtet.
Kurzum: Wer sich nicht glücklich fühlt, darf als Entschuldigungsgrund nicht mangelnden Cash angeben. Einzig für sehr arme Menschen sind Glück und Geld gekoppelt, eruierte die Glückswissenschaft. Sobald aber die Existenz gesichert ist und die Grundbedürfnisse gestillt sind, spielt der „Mammon“ kaum eine Rolle im Glückserleben. In bescheidenen Verhältnissen lebende Menschen sind in Summe sogar glücklicher als Reiche.
Geld muss natürlich nicht unglücklich machen, aber es kann unglücklich machen. Die Kursangebote eines Coachs des Top-Managements, „wie man trotz Reichtum glücklich werden kann“, sollen sich eines regen Zuspruchs erfreuen.
Antifaltencreme und Facelifting?
→ SCHÖNHEIT: „Nirgendwo gibt es so viel Schönheit, Glanz und Reichtum wie in und um Beverly Hills“, erklärte Hollywoodstar Richard Gere, selbst einmal als „schönster Schauspieler“ der kalifornischen Traumfabrik apostrophiert. „Doch nirgends ist der Bedarf an Psychotherapie größer als in Hollywood.“
Wenn wir aber den Glücksmanagern unserer Konsumwirtschaft Glauben schenken, rangiert Schönheit ganz oben im Katalog der Garanten für das Glücklichsein. Die von Werbung, Showbusiness und Modekunst hochgezüchteten Schönheitsideale versprechen Lebensgenuss und Wunscherfüllung. Mystifizierte Schönheit gefeierter Filmstars und Supermodels: Köder der Werbeindustrie für Parfums, Sportautos und Joghurt.
Studien der für das Glück zuständigen Wissenschaft (u. a. des US-Psychologen Ed Diener) belegen jedoch, dass schöne Menschen, wie sie uns halbentblößt von Kinoleinwand, Plakaten und Zeitschriftencover anstrahlen, weder ein häufigeres noch ein höheres Glücksempfinden haben als gewöhnlich Aussehende ohne Antifaltencreme oder Facelifting. Die entknitterte Haut ist noch kein Garant des Glücks. Das Mega-Glück schlägt sich nicht auf die Seite der Bilderbuch-Beautys.
→ INTELLIGENZ & BILDUNG: Ist Klugheit ein Glückssprudel-quell? „Wenn ich mit intellektuellen Freunden spreche, festigt sich in mir die Überzeugung, volles Glück sei ein unerreichbarer Wunschtraum“, bekundet der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russel (1872-1970). „Spreche ich aber mit meinem Gärtner, bin ich vom Gegenteil überzeugt.“
Der Dichterfürst und Universalgelehrte Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) bekannte, dass er auf keine vier Wochen komme, wenn er die behaglichen Glücksmomente in seinem langen Leben zusammenzähle.
Fortuna bevorzugt weder Nobelpreisträger noch Volksschulabsolventen.
→ GELTUNG & PRESTIGE-JOB: Sind Status und Karriere entscheidend für das Glück? Sind Ärzte, Richter, Uniprofessoren und Top-Manager zufriedener mit ihrem Leben als Kellnerinnen, Chauffeure oder Monteure? Mihaly Csikszentmihalyi, Pionier der Glücksforschung: „Ein Direktor ist gewöhnlich zufriedener im Job als ein Tieflohnarbeiter. Zu Hause oder in der Freizeit ist es umgekehrt, dort fühlt sich der Arbeiter in der Regel glücklicher als der Boss. Am Ende der Arbeitswoche ist die »Glückssumme« der beiden etwa gleich.“
Promis brauchen zum Glücklichsein nicht selten das Publikum. Für sie ist Glück erst Glück, wenn es, theatralisch in Szene gesetzt, von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Ihr Vorzeigeglück entpuppt sich als Unglück, wenn sie nur ein paar Tage lang nicht in den Medien vorkommen.
Glück und Unglück im Spital
→ GESUNDHEIT: Dem 2004 verstorbenen Schauspieler Christopher Reeve wurde einst durch einen Reitunfall jäh aller Halt entrissen. Jahrelang an den Rollstuhl gefesselt, gestand der legendäre „Superman“-Star, dass er erst nach dem Unfall das Glück gefunden habe. Ist also das Glück nicht an Gesundheit gebunden?
+ Glücksforscher Kevin Smith hat das Glücksgefühl von Menschen erkundet, die von schweren Krankheiten und Schicksalsschlägen heimgesucht worden waren. Smith stellte fest: „In der Regel waren alle nach dem Unglück durch eine Phase tiefer Niedergeschlagenheit gegangen. Danach jedoch hatten sie sich nicht nur einfach erholt, sondern entschieden dazugewonnen an Glück, Liebesfähigkeit und innerem Frieden.“ Denn: „Sie suchen das Glück nicht mehr außen, sie finden es innen.“
+ Ein anderes Beispiel: Der amerikanische Glücksforscher David Lykken (University of Minnesota) hat in Krankenhäusern Glück und Unglück von Patienten (darunter Querschnittgelähmten) auf Herz und Nieren geprüft. Er staunte: „Es gibt Leute, die mit bitteren Prognosen im Rollstuhl sitzen und höchst vergnügt sind. Es gibt Patienten mit schweren Krankheiten, von deren glücklicher Ausstrahlung die ganze Station profitiert. Es gibt eine Lebensfreude, die unabhängig ist von äußeren Bedingungen.“
Das goldene Wort
Definieren (= wissenschaftlich fassen) kann man das Nebelwesen Glück nicht.
Glück: ein magisches Wort. Ein Wort aus Gold, wie der Dichter Hermann Hesse betont, nicht aus Nickel oder Kupfer: „ Kein Zweifel“, schreibt der neuromantische Schriftsteller, „das Wort Glück kommt nicht aus Wörterbüchern und Schulstuben. Es ist nicht erdacht, abgeleitet oder zusammengesetzt, es ist eins und rund, ist vollkommen: es kommt aus dem Himmel oder aus der Erde wie Sonnenlicht oder Blumenblick. Wie gut, wie tröstlich, dass es solche Wörter gibt! Ohne sie zu leben, wäre wie Welken und Verödung, wäre wie Leben ohne Brot und Wein, ohne Lachen und Musik.“
Dem Glücklichen ist der Himmel blau, selbst bei Nebel und Gewitter.
Nicht nur Hedonisten, Glücksritter, Playboys und Bonvivants jagen nach Glück. Nach Glück streben ebenso Techniker und Ökonomen wie Künstler, Gelehrte, Philosophen und Theologen. Glück suchen Fun-Sportler im Bungee-Springen, Bergsteiger im Gipfelsieg, Schrebergärtner in der Rosenzucht und Mystiker in der Gottversenkung.
Das deutsche Wort Glück tauchte erstmals im 12. Jahrhundert als „Gelücke“ in der frühhöfischen Literatur der Minnesänger auf – aus der Feder des Dichters Heinrich von Veldecke (1140-1200). Gelücke steht ursprünglich für Gelingen: eine günstige Fügung des Schicksals oder einen guten Ausgang eines Geschehens.
Das Wort Gelücke trat im deutschen Sprachraum in Konkurrenz zum althochdeutschen Begriff „Heil“, der für die Germanen Glück bedeutete als günstiges Vorzeichen, Segen, Gesundheit, Unversehrtheit, Heilung, Beistand, Rettung, Erfolg, Wohlfahrt, Ganzheit und Vollständigkeit.
Das Grußwort „Heil“ besagt: „Alles wird gut“. Wir kennen die Grußformeln „Heil dir“, „Waidmanns Heil“ (Jäger), „Petri Heil“ (Angler), „Berg Heil“ (Alpinisten), „Schützen Heil“ (Büchsenschützen), „Ski Heil“ (Skifahrer) oder – in einer unheilvollen Epoche – „Heil Hitler“.
Im Christentum gewann das Wort Heil die Bedeutung von Begnadung: Rettung (Erlösung) von Sünde und Schuld durch den Heiland und Erlangung der himmlischen Glückseligkeit.
Urmensch und vergnügtes Schulmeisterlein
Jede Epoche der Geschichte hat natürlich ihre eigenen Glücksvorstellungen.
Am Leben bleiben: das war das Glück des Frühmenschen. In der Urzeit galt: Glück ist Überleben, Unglück ist Existenzangst und Lebensgefahr.
Die Existenzsicherung und Arterhaltung war abhängig von Nahrung, Kleidung, einem Dach über dem Kopf und Schutz vor Gewalt und wilden Tieren. Das waren die 4 Glückskomponenten unserer Ururahnen, die daher ihr Heil in der Verbundenheit mit dem „Rudel“ suchten, die die Überlebenschance erhöhte.
Sobald die Grundbedürfnisse erfüllt sind, verlagert sich das Glücksverständnis des Menschen auf Ersatzbedürfnisse.
Eine Chronik der Glücksideale würde den Rahmen unserer Darstellung sprengen. Daher beschränken wir uns auf ein Beispiel, das in scharfem Kontrast zu den Glücksbildern unserer Gegenwart steht: die Welt des Biedermeier, an die etwa die kauzigen Sonderlinge des Malers Carl Spitzweg (1808-1885) erinnern wie der „Bücherwurm“, der „arme Poet“ oder der „Kaktusliebhaber“.
Schon der deutsche Dichter Jean Paul (1763-1825) hat das Vollglück in der Beschränkung gesehen. Sein Modell: das „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ (so der Titel einer Erzählung von Jean Paul aus dem Jahre 1790).
Doch zum Durchbruch kam das Glücksideal der Bescheidenheit vollends in der Biedermeierzeit (in der Geschichte „Vormärz“ genannt) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Das Glück suchten die Menschen zwischen 1815 und 1848 treuherzig und gutmütig in der Selbstgenügsamkeit. Sie waren zufrieden mit der eigenen Innerlichkeit. Sie pflegten das Glück im Winkel. Einfachheit war Trumpf.
Der großen Politik misstrauend, schirmten sich die Menschen von der Welt ab und flohen in die Häuslichkeit der eigenen vier Wände. Ihr liebevoll ausgeschmücktes gemütliches Heim bot Geborgenheit und Ruhe. Es war ein Rückzug ins Private und Idyllische. Hausmusik, Kaffeekränzchen und Landpartien waren die Höhepunkte des Biedermeierglücks, das der Nachwelt allzu spießbürgerlich, hausbacken und versponnen erscheint.
Dem kleinbürgerlichen Glücksideal entsprach das kleinbäuerliche Glücksideal, das ein Gedicht von Theodor Fontane (1819-1898) besingt:
Glück
Sonntagsruhe, Dorfesstille, Kind und Knecht und Magd sind aus, Unterm Herde nur die Grille Musizieret durch das Haus. Tür und Fenster blieben offen, Denn es schweigen Luft und Wind, In uns schweigen Wunsch und Hoffen, Weil wir ganz im Glücke sind. Felder rings – ein Gottessegen Hügel auf- und niederwärts, Und auf stillen Gnadenwegen Stieg auch uns er in das Herz.
Die vordergründige Harmonie der Biedermeiermenschen hatte freilich einen konfliktreichen Hintergrund: das Spannungsfeld vor der bürgerlichen Revolution von 1848.
Doch das beschauliche, entsagungsvolle und behagliche Glücksideal der kleinen kreuzbraven Leute mit einfachem Gemüt ist ein Gegenpol der spektakulären Glückserwartungen der Jetztzeit.
Sabotage des Glücks
Unsere Alles-ist-möglich-Gesellschaft wirbt mit Versprechen, dass man Glück kaufen kann. Ein Leben wie im Werbespot mit Besitz, Erfolg, Statussymbolen, Macht und Mode wird den großen Glücksknall entfesseln − lautet die Botschaft.
Werbung, Meinungsmacher und Medien führen uns durch Halb- und Unwahrheiten (sprich Glückslügen) auf eine falsche Fährte, die in einer Sackgasse mündet: im Scheinglück trügerischer Illusion.
Im vergeblichen Haschen nach dem kommerzialisierten Mega-Glück überfordern wir uns mit Wunschträumen. Nur noch Begehrende und Verzehrende machen sich an Leib und Seele kaputt.
Der amerikanische Psychologe und Glücksforscher David Myers bringt die Glücksfrage auf den Punkt: „Die meisten Menschen sabotieren ihr Glück mit falschen Erwartungen.“
Daher versteht sich die Glückswissenschaft als „Versuch, herauszufinden, was uns Menschen »wirklich« glücklich macht“ (so der weltbekannte Glücksforscher Dr. Mihaly Csikszentmihalyi).
Die zentrale Erkenntnis der Glückswissenschaft ist, dass äußere Umstände, materielle Glücksdinge oder grandiose Ereignisse nur eine geringe Rolle im Glückserleben spielen und nicht einmal 10% auf der Glücksskala ausmachen. Selbst wenn die Lebensumstände völlig wechseln, ändert sich der Grad des persönlichen Lebensglücks kaum, fand z. B. der Glücksforscher Philipp Mayring in einer über einen langen Zeitraum durchgeführten Untersuchung heraus.
Gestützt auf hieb- und stichfeste Tatsachenbeweise lautet die Kernaussage der Glücksforschung also klipp und klar:
→ Das Glück kommt aus uns selbst. Nicht Geld, Geltung und Gestalt sind entscheidend für das Glück, entscheidend ist die innere Haltung.
10 Schritte in die richtige Richtung
Die Frage der Fragen der Glücksforschung lautet also: Welche Eigenschaften, Einstellungen und Verhaltensweisen machen uns zu heißen Glückskandidaten?
Die Glückswissenschaft hat inzwischen durch empirische Studien Unmengen von Daten und Statistiken über die Kriterien für ein gelungenes Leben mit anhaltendem Glücksempfinden und über die Merkmale des Glückstyps gesammelt und analysiert.
Um uns nicht zu verzetteln, filtern wir die von der Glückswissenschaft entdeckten Faktoren, Komponenten und Elemente des Glücksvermögens und bündeln sie zu einem 10-Punkte-Programm.
Wie können wir also der Glücksforschung zufolge die Fähigkeit zum Glückserleben erlernen und trainieren?
Die idealen Glücksbedingungen sind:
1.Erlebnis und Risiko
Die Erlebnisorientierung der heutigen Industriegesellschaft ist eine Flucht aus der gähnenden Langeweile. Das graue Alltagseinerlei wird durchbrochen im „Erlebniseinkauf“, „Erlebniswohnen“, „Erlebnisschwimmbad“ etc. Dramaturgisch inszenierte „Erlebnislandschaften“ wie die Swarovski-Kristallwelten in Wattens (Tirol) ziehen Menschenmassen in den Bann. Kurzum: Erlebniskonsum ist der letzte Schrei. Im Tretmühlendasein werden künstliche Erregungen gesucht. In der Erlebnisgesellschaft ist „Kick“ ein Ersatzwort für Glück geworden.
Auswüchse sind zwar ungesund, wahr bleibt dennoch: Das Gegenteil von Glück ist nicht Unglück oder Pech, sondern: Langeweile. Glück braucht also Wechsel, Wagnis, Unternehmungslust, Konfrontation mit dem Ungewöhnlichen.
Wer im lässigem Trott dahinlebt und wie ein Drehorgelspieler die alte Leier abspult, wer es sich in seinem gewohnten und automatisierten Lebensbereich bequem macht und nicht laufend seinen Erfahrungsbereich vergrößert, hemmt sein „Wachstum zum Glück“, wie sich der Glücksforscher Seligman ausdrückt. „Glückliche Menschen“, konstatiert Seligman, „verlassen die Komfortzone (Lebensbereich, mit dem wir vertraut sind). Sie probieren Neues und gehen das Risiko ein, zu scheitern.“
Ein erstklassiges Glücksstimulans: seine Talente entdecken und entfalten, beispielsweise mit japanischen Künsten wie Ikebana (Blumenstecken) oder Origami (Papierfalten). Für Senioren: Wie wär`s mit einem Computerkurs?
Die Wonnen des Gewöhnlichen
2.Blümchen am Wegesrand
Die Augen öffnen für die „Blümlein am Wegesrand“. Das heißt: im Alltag die „Wonnen des Gewöhnlichen“ aufspüren und genießen: blühende Krokusse im Schnee, den duftenden Flieder im Frühling, das Zirpen der Grillen oder Surren der Libellen, die im Regen glänzenden Kieselsteine, das Spinnennetz im Morgentau und den rosaroten Abendhimmel.
„Glückliche Menschen stiften ständig kleinere Anlässe, sich zu freuen“, summiert Ed Diener, Professor für Lebenszufriedenheit. Laufen Sie barfuß. Beschenken Sie einen wildfremden Menschen. Lassen Sie sich von einem Kunstwerk hinreißen. Hören Sie Mozart. Nehmen Sie ein wohltuendes Kräuterbad. Meditieren Sie. Kurz und gut: Lauern Sie den kleinen Highlights im täglichen Leben auf. Das ist das Kleingeld des Glücks.
Keine rosa Brille
3.Positive Erwartungshaltung
„Wenn ich am Morgen aufwache, habe ich 2 Möglichkeiten“, sagte ein Lebensphilosoph: „Ich kann wählen, guter oder schlechter Laune zu sein.“ Der Glücksaspirant wählt generell die positive bzw. optimistische Erwartungshaltung.
Heißt das, statt schwarz zu sehen (= blind sein für das Gute und Schöne) eine rosa Brille aufzusetzen? Oder sich etwas einzureden, wogegen Beweise sprechen? Keineswegs.
„Ein positiv denkender Mensch weigert sich nicht, das Negative zur Kenntnis zu nehmen“, so der amerikanische Apostel des positiven Denkens, Norman Vincent Peale. „Er weigert sich lediglich, sich dem Negativen zu unterwerfen.“
„Zwei Gefangene blickten in die Ferne. Der eine sah die Gitter, der andere die Sterne.“
Einstein und der Verdurstende
4.Dankbarkeit
Nobelpreisträger Albert Einstein erzählte ein Erlebnis im Schlafwagen, als er mit einem Kollegen von Berlin zu einem Kongress nach München reiste. Er konnte nicht schlafen, weil der Kollege unentwegt stöhnte und klagte: „Ach, bin ich durstig, das ist schrecklich. Wie durstig bin ich, eine Qual ...“ Da das Ächzen kein Ende nahm, kletterte Einstein aus dem Bett, schlurfte in Pantoffeln in den Speisewagen und brachte dem Verdurstenden eine große Flasche Mineralwasser mit.
Dann schloss er die Augen, um sich dem Schlummer zu ergeben. Vergeblich.
Der Kollege hörte nicht auf: „O Gott, wie war ich durstig! Grausam war das. Sie können sich das nicht vorstellen, wie durstig ich war, diese Qual ...“
Einsteins Schlussfolgerung: „Die meisten Menschen sind weit weniger glücklich als sie sein könnten. Und das nur deshalb, weil sie so gern jammern.“
US-Glücksforscher Barry Neil Kaufman – Psychologieprofessor in Massachusetts: „Dankbarkeit ist der schnellste Weg zum Glück. Immer, wenn wir uns unglücklich fühlen, können wir die Aufmerksamkeit auf etwas lenken, wofür wir dankbar sein dürfen. Solche Dinge, Menschen, Gefühle gibt es immer – auch in der turbulentesten Katastrophe.“
Warum immer ich?
5.Wozu statt warum
Die Glücklichen bekommen im Leben nicht weniger Tiefschläge als die Unglücklichen, stellte Glücksprofessor Martin Seligman fest. Doch sie gehen anders mit ihnen um:
> Die Unglücklichen, mit dem Schicksal hadernd, fragen: Warum ist das passiert? Ich werde vom Unglück verfolgt. Das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Warum immer ich? Warum? Warum? Warum?
> Die Glücklichen fragen nicht „warum“, sondern: „wozu“. Wozu ist das gut? Sie erkennen Missgeschick oder Pech als Lernchance: welche neuen positiven Möglichkeiten ergeben sich dadurch für mich? Sie halten sich an die Spruchweisheit: „Jede Widrigkeit trägt den Keim eines noch größeren Vorteils in sich.“
Kurz: Zum Unglücklichsein tendiert, wer „problemorientiert“ denkt, zum Glücklichsein tendiert, wer „lösungsorientiert“ denkt.
6.Liebhaber der Realität
Das ist der springende Punkt der Kunst, glücklich zu sein: Sein Talent für das Schicksal wecken.
+ „Üblicherweise liegen wir täglich im Clinch mit der Realität – im Gegensatz zu den Glücklichen, die die Realität lieben“, erklärt die amerikanische Psychologin Barbara Fredrickson.
+ Professor Hinderk Emrich (Medizinische Hochschule Hannover) pflichtet bei: „Was unterscheidet uns von Menschen, die dauerhaft Glücksgefühle spüren? Nur ihr Realitätsgefühl. Ihre Fähigkeit, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.“
+ „Das Glück“, meint der Schriftsteller Maurice Barrès, „ist im Grunde nichts anderes als der mutige Wille, zu leben, indem man die Bedingungen des Lebens annimmt.“
Weltweit stimmen die Glücksforscher darin überein: Glückliche sind Liebhaber der Realität! Alle anderen machen sich unglücklich, die ständig die Realität − die tatsächliche Lebenssituation − zu manipulieren und ihren Wünschen anzupassen versuchen und ihre Mitmenschen richten und verurteilen.
Genervte Unglücksraben
Wer mit starren Vorstellungen, wie alles im Leben zu sein hat, permanent herumnörgelt, hat nicht die geringste Chance, glücklich zu werden. Das sind jene, die das widerliche Wetter bejammern, die verstopften Straßen beklagen, dem anders denkenden Partner Szenen machen, Freunde und Fremde kritisieren und korrigieren, alles bewerten, alles einteilen in „gut für mich“ und „schlecht für mich“ und überhaupt die schlechte Welt verdammen. Alles nervt ihn, alle stören ihn, den Unglücksraben.
Das ist das Herz des Glücklichseins: Andere akzeptieren. Annehmen, was ist. Glückliche sind Verzeihende und sie lassen Unvollkommenheit zu.
Engagement und Initiative
Klarstellung: Das ist keine Empfehlung der Glückspsychologen, Ungerechtigkeiten und Missstände zu billigen. Das heißt nicht, fatalistisch zu resignieren oder die Hände in den Schoß zu legen. Passive Menschen haben nämlich ein geringes Glücksvermögen.
Sich engagieren für eine bessere Welt, die Gesellschaft draufgängerisch mitgestalten, Initiative ergreifen, Verantwortung übernehmen ist im Gegenteil glücksfördernd.
Glückstötend ist jedoch, zu grübeln, zu lamentieren, zu schmollen, sich aufzuregen, zu verzweifeln, weil das Leben so ist, wie es ist. Das ist das „Breitbandantifortunatikum“ schlechthin, um eine Wortschöpfung der Psychologin Ute Lauterbach zu verwenden.
Der Beatle John Lennon: „Leben ist das, was geschieht, während wir andere Pläne schmieden.“
„Glück ist Talent für das Schicksal“, formulierte der Dichter Novalis (1727-1801).
Sperrmüll und Kleinkram
7.Ballast abwerfen
„Wer glücklich reisen will, reise mit leichtem Gepäck“, rät Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944). Das gilt besonders für die Lebensreise.
Die Philosophin und Psychologin Ute Lauterbach präzisiert: „Alles, was ich habe, ohne es zu brauchen, ist eine Belastung.“
Dazu gibt es umfassende glückswissenschaftliche Studien.
Das Verhältnis zwischen Glück und „Luxusfieber“ nahm der Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe Professor Robert Frank (Cornell University, New York) unter die Lupe. Fazit: Nicht Wunscherfüllung macht glücklich, sondern: einfaches Leben.
Der genannte Forscher führte ein Experiment durch, an dem mehrere tausend Menschen teilnahmen. Es ging darum, Schritt für Schritt das Leben zu vereinfachen: sie entrümpelten den Dachboden, entledigten sich des Sperrmülls im Keller, brachten Nostalgiehausrat und Kleinkram zum Flohmarkt, arbeiteten die Stapel liegen gebliebener Papiere auf, zahlten ihre Schulden, bereinigten Streitigkeiten und nahmen aufgeschobene Projekte endlich in Angriff oder trennten sich definitiv von ihnen.
Nach ein paar Wochen wurden sie zum ersten Mal und nach einem Jahr zum zweiten Mal befragt. Professor Frank analysierte die Ergebnisse: Die Teilnehmer des Experiments fühlten sich freier und leichter. Sie hatten nicht mehr das Gefühl, den Überblick zu verlieren. „Bei fast allen“ – so Professor Frank – „hatte sich das Verlangen nach immer mehr Besitz gelegt. Sie hatten gemerkt: »Ich brauch mich gar nicht so viel zu sorgen. Ich kann mit wenigen Dingen auskommen. Ich bekomme genau das, was ich brauche«.“
Der Glücksforscher Myers zeigt auf, dass sich Menschen, die auf TV-Berieselung, Freizeitstress, Karriere, Mode oder neueste Technik verzichten, besser fühlen.
Hauptsächlich Katastrophen
Für die Deutschen ist Fernsehen die liebste Freizeitbeschäftigung. Zum Thema Fernseh-Konsum und Glück führte der Psychologieprofessor Jeff Davidson Experimente und Studien in den USA durch. Er vertritt die Meinung, dass der Informationsgehalt des amerikanischen Fernsehens winzig ist. Es serviert hauptsächlich Katastrophen, Mord und Totschlag. Denn „bad news“ sind bekanntlich „good news“, weil sie die Quoten steigern. Der Zuschauer kann aber an dem geballten Unglück und Leid nichts ändern, so dass sich im amerikanischen TV-Publikum allmählich das Gefühl entwickelt, in einer feindlichen Welt zu leben, der man hilflos ausgeliefert ist. Der regelmäßige Fernsehzuschauer häuft also in seinem Geist überflüssigen Ballast an, und er wird zu einem ungebremsten Hedonismus und zu sofortiger Bedürfnisbefriedigung ermuntert. In Experimenten testete Davidson daher, was passiert, wenn Menschen den Bildschirm abschalten. Wer auf wahllosen Fernsehkonsum verzichtet, gewinnt prompt Lebensfreude und bekommt ein freundlicheres Weltbild.
Ein anderer US-Glücksforscher – David Myers – bestätigt: Glückliche Menschen verbringen nur 1/5 so viel Zeit vor dem Fernseher wie Durchschnittsbürger.
Die heimliche Sehnsucht
8.Soziale Einbindung
Über 100 Studien von Glücksforschern in 40 Ländern stimmen überein, dass soziale Einbindung (in Ehe, Partnerschaft, Familie, Freundschaft und Geselligkeit) der Grundstein des Glücks ist.
„Zugehörigkeit“ – und nicht mehr Individualisierung – ist die heimliche Sehnsucht im 21. Jahrhundert. Besonders Arbeitslose mit dem Stigma des einsamen Verlierers und Absteigers fühlen sich abgehängt, ausgegrenzt und abgesondert. Ihre Glückschancen sind extrem zwangsreduziert.
In 11jähriger Forschungsarbeit hat Glücksforscher Prof. Michael Argyle eine gute Ehe und echte Freundschaft als signifikante Glücksgaranten ermittelt. Im Kreis der Lieben – der Familie und der Freunde – gedeiht die Lebenszufriedenheit in einem Klima des Vertrauens und der Geborgenheit am besten.
Warum gibt es in der Dritten Welt Menschen, die glücklich sind, obwohl sie arm, verfolgt oder unterdrückt sind. Eine Frage, die sich Rupert Neudeck stellte, der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, der Tausenden Menschen das Leben gerettet hat. Er kennt das grenzenlose Unglück auf unserer Erde, aber ebenso das „Glück derer, die im Dunkel leben, das Glück der Habenichtse und Schmuddelkinder“. Neudeck: „Sie leben noch in richtigen Familienverbänden und werden nicht einfach ausgespuckt, wenn sie alt sind. Da wird einem klar, was Glück ist.“
Prof. Michael Argyle untersuchte den Zusammenhang zwischen Glück und der Teilnahme an geselligen Freizeittreffen. Wer sich zurückzieht und die Gesellschaft meidet, hat ein größeres Risiko, sich unglücklich zu fühlen. Die Teilnahme an gemeinschaftlichen Freizeitbeschäftigungen hingegen steigert das Gesamtglück um das Doppelte. Argyle empfiehlt daher, z. B. Tanzen zu gehen oder eine freiwillige Tätigkeit bei einer Hilfsorganisation auszuüben. Sie können sich aber ebenso im Kirchenchor oder in einer Theatergruppe engagieren.
Selbst in den Slums
9.Spiritueller Faktor
Religiöse Menschen sind glücklicher als nicht religiöse. Das hat u. a. David Larson, Chef des US Health Research Institute, statistisch nachgewiesen. Denn der Glaube gibt dem Leben einen übergeordneten Sinn und vermittelt das Gefühl des Behütetseins, das man in keiner Versicherungsanstalt kaufen kann.
10.Selbstvertrauen
Die deutsche Sozialforscherin Elisabeth Noelle-Neumann war sich mit anderen Experten einig, dass Selbstvertrauen – Vertrauen in die eigene Kraft und Fähigkeit – der Kern des Glücks ist.
Die Glücksforschung unterstreicht, dass Glückliche ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl haben, d. h. dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, sich als kompetent begreifen und nicht anderen die Schuld geben, wenn etwas nicht klappt. Glückliche glauben, dass andere sie mögen und schätzen.
Ein Sprichwort für Unsichere: „Ob du glaubst, etwas zu können, oder ob du glaubst, etwas nicht zu können, du wirst immer recht behalten.“
Glücksforscher Philipp Mayring fasst zusammen: „Glückliche haben ein positives Selbstbild, hohe Selbstachtung und ein befriedigendes Identitätsgefühl.“
Dr. Robert Biswas recherchierte über Unglück und Glück in den Slums von Kalkutta. Selbst unter den Obdachlosen und Bettlern, die unbeschreiblich arm sind, fand er Glücksgefühle. Der Grund: Sie haben ein „anständiges Selbstwertgefühl“, das sie aus der Religion schöpfen.
Das sind − laut moderner Glücksforschung − die 10 Geheimnisse der Glücksschmiede.
2. Kapitel
„Freude – schöner Götterfunken“ preist der Dichter das Glück. Glück – das ist Jubeln und Jauchzen. Und das ist Stillsein mit Freudentränen im Auge. Hermann Hesse umschreibt Glück als Mittanzen im Reigen der Welt und Mitsingen im Chor der Sphären.
Die Naturwissenschaftler hingegen entzaubern das Glück und betrachten die göttliche Gabe Glück nüchtern als biochemischen Vorgang: als Zusammenspiel von Hirnnerven und Hormonen. Glück entsteht nicht in unserer Seele oder unserem Herzen, sondern in unserem Kopf ganz trivial durch Neurohormone und Neurotransmitter (Botenstoffe), sagen die Naturwissenschaftler. Sie zerlegen das Glück in Endorphine, Serotonine, Dopamine und andere Wohlfühl-Hormone und chemische Glücksbotenstoffe, die in der Biofabrik des Körpers produziert werden.
Heißen die wahren Glücksexperten also „Psychoneuroimmunologen“, die sich speziell mit den Beziehungen bzw. dem Wechselspiel zwischen Psyche, Nerven, Hormonen und Immunsystem befassen. Sie geben vor, bis zur Quelle unserer Gefühle vorzudringen.
Wenn wir durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen pro Sekunde 11 Millionen Reize (Sinneseindrücke) empfangen, sind es chemische Botenstoffe (so genannte Neurotransmitter), die das Gehirn informieren. Im sog. limbischen System werden alle Sinneseindrücke gespeichert und nach dem „Lustprinzip“ in „gut“ und „schlecht“ sortiert. Das löst Hormonausschüttungen aus, die wir als Emotionen – Gefühle und Stimmungen – erleben: als Zorn, Schreck oder eben als Glück. Das Gehirn sendet Signale an alle Organe: „Seid glücklich!“ Die Glücksbotschaft kursiert überall im Nervennetzwerk und versetzt uns in Euphorie.
Ist also Glück Kopfsache?
Neben dem für Emotionen und Empfindungen verantwortlichen limbischen System sind noch andere Gehirnregionen am Entstehen und Erleben der Glücksgefühle beteiligt: alles in allem, schätzt Dr. Joseph Ciorciari vom australischen „Brain Sciences Institute“ der Swinburne-Universität, wirkt etwa ein Drittel des Gehirns am Glückskonzert mit. Millionen und Milliarden Gehirnzellen bilden also das Glücksorchester.
Die zunächst unbewusst ablaufenden glücksbezogenen Prozesse werden in der Großhirnrinde (Kortex), dem Sitz unseres Bewusstseins – den „grauen Zellen“ – integriert. Der hinter der Stirn liegende (= präfrontale) Bereich der Großhirnrinde lässt uns erkennen – macht uns bewusst: Ich bin glücklich.
Insgesamt hat das Gehirn über 10 Milliarden Nervenzellen, die untereinander verschaltet sind (mit 100 Billionen Schaltstellen, wenn sich die Experten nicht verzählt haben) und mittels elektrischer und chemischer Impulse kommunizieren und Informationen austauschen.
Rosa Brille für das Gehirn
Mit dem positiven Gefühl von Glück, Freude und Wohlbefinden verknüpft sind namentlich „Glückshormone“ wie Endorphine, Serotonin und Dopamin, die seelische Höhenflüge bewirken. Zusammengefasst: Wenn der Organismus also genügend richtige Hormone produziert, stellen sich automatisch Glücksgefühle ein.
+ Endorphine: Sie spielen die erste Geige im Glücksorchester. Wenn sie im Gehirn andocken, machen sie uns „selig“. Sie sorgen für Glück, Rauschzustand und Schmerzsenkung.
Der Name Endorphin leitet sich von „endogenes (= im Körper selbst entstehendes) morphiumartiges Molekül“ ab. Es handelt sich also um ein (erst 1975 entdecktes) körpereigenes Morphin, ein „innen hergestelltes“ Opiat, das positive Gefühle − speziell die Lebensfreude − im Gehirn anregt.
Unter dem Einfluss der Endorphine möchten wir die Welt umarmen.
+ Serotonin: Die Glückshormone und Glückboten schlechthin − die Serotonine − setzen dem Gehirn gleichsam eine rosa Brille auf. Sie stiften Harmonie in unserem Bewusstsein. Der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther (Universität Göttingen): „Das Serotonin kann die Aktivitäten der verschiedenen Hirnregionen synchronisieren, im gleichen Rhythmus schwingen lassen – und so ein absolutes Glücksgefühl erzeugen.“ Hüther definiert Glücklichsein überhaupt „als Gefühl, das sich einstellt, wenn es uns gelingt, die vielen im Gehirn parallel laufenden und sich häufig gegenseitig störenden Verarbeitungsprozesse zu harmonisieren.“
Steigt der Serotoninspiegel im Körper an, verbreitet sich die beruhigende und entspannende Botschaft: Du bist glücklich! Die Lebensfreude pulst. Ist aber der Serotoninpegel zu gering, greifen Depression und Angst um sich.
+ Dopamin: Wenn uns irgendetwas (ein gutes Essen, ein Konzert, ein Ausflug, die Begegnung mit einem geliebten Menschen usw.) glücksverheißend dünkt, schüttet das Gehirn Dopamin aus. „Dopamin“, erklärt der Hirnforscher Prof. Gerhard Roth (Universität Bremen), „ist kein Glücksstoff an sich, sondern verspricht uns das Glück.“ Es ist ein Botenstoff der Vorfreude: es steuert das Begehren. Es motiviert. Dopamin treibt uns voran: ist der „Treibstoff“ für glücks- und lustorientiertes Handeln. Dopamin veranlasst, dass wir uns anstrengen, zu bekommen, wonach uns der Sinn steht.
Sind wir Menschen von Chemie beseelte Wesen? Wir sträuben uns gegen den Gedanken, dass unsere Glücksgefühle eine rein zerebrale Angelegenheit sein sollen, gleichsam ein Konzert von Chemikalien im Gehirn.
Nun: Wir sind gewiss keine Marionetten der Moleküle, Neuronen und chemischen Botenstoffe, betont der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein und verbildlicht die Zusammenhänge: „Mit dem menschlichen Innenleben und den Botenstoffen im Gehirn verhält es sich ähnlich wie mit einem Kunstwerk und den Materialien, aus denen es besteht: Die Fresken in der Sixtinischen Kapelle sind unendlich viel mehr als die Farbpulver, die Michelangelo verwendete. Aber ohne diese Pigmente hätte er seine Sicht des Kosmos nie malen können. Genauso sind wir viel mehr als die Architektur unserer Gehirne, mehr als die Stoffe, die durch unsere Köpfe strömen. Und doch käme unser Seelenleben ohne sie nicht zustande.“
In die Wiege gelegt?
Ist das Empfinden von Glück (sprich: Wohlgefühl, Behaglichkeit, Zufriedenheit, Geborgenheit und innere Freude) aber nicht überhaupt „angeboren“, also in den Genen verankert, d. h. im Erbgut festgelegt? Das fragte der Emotionspsychologe Carroll Izard 1981 zum ersten Mal, um dahinter zu kommen, warum die Glücksfähigkeit von Mensch zu Mensch so verschieden ist. Seither sind die Genwissenschaftler auf der Jagd nach Glücksgenen.
Wenn nämlich dem Menschen das Talent, Glück zu genießen, gleichsam als Mitgift in die Wiege gelegt wurde, ist er als Opfer des genetischen Lotteriespiels wehrlos seinen Gefühlen ausgeliefert, unwiderruflich und unverrückbar. Dann wäre der Versuch, glücklich zu werden, genau so sinnlos wie der Versuch, größer zu werden, präzisiert Psychologieprofessor David Lykken (University of Minnesota).
Prof. Lykken wollte daher wissen, wie weit die Fähigkeit und Neigung zum Glücklichsein eine „Schicksalsfrage“ ist, also vom Augenblick der Befruchtung festgelegt ist. Er und sein Team werteten die Daten und Persönlichkeitsbilder von 1500 eineiigen (= erbgleichen) und zweieiigen Zwillingen aus, die zum Teil gemeinsam im Elternhaus und zum Teil getrennt bei Adoptivfamilien aufgewachsen sind.
Die erste Wohlbefindensstudie war naturgemäß eine Momentaufnahme (und könnte daher vom Zufall – von gerade erlebten Hochs und Tiefs – beeinflusst worden sein). Die zweite Studie über die Gemütslage war eine Wiederholungsstudie 10 Jahre später. Das ermöglichte, die Erblichkeit des Glücks mit 48,5% zu beziffern.
Jeder Mensch erbt einen bestimmten Pegel an Glücksfähigkeit: von den Molekulargenetikern „Happiness Set-Point“ genannt. Das ist das in der Gen-Ausstattung festgeschriebene langfristige stabile Normal-Niveau des Glücks.
Das heißt aber anderseits, dass wir zu über 50% unsere Stimmung und unsere positive Grundeinstellung selbst steuern können: durch unsere persönliche, einzigartige, selbstgewählte Einstellung. „Wir sind also keineswegs Gefangene unserer Gene“, sagt Lykken. „Innerhalb weiter Grenzen können wir selbst entscheiden, der Seele Flügel anzuschnallen.“ Soweit das Minnesota-Zwillingsprojekt, das großes Aufsehen erregt hat.
Es bleibt also dabei: Wir selbst sind dafür verantwortlich, ob das Leben glückt.
Pillen gegen Seelentiefs?
Der naturwissenschaftliche Weg zum Glück ist, die chemischen Glücksstoffe im Körper zu vermehren.
Das kann auf zweierlei Art geschehen. Die direkte Methode ist unnatürlich (= künstlich): weil die Glücksstoffe von der Pharmaindustrie oder vom Drogenhandel bezogen werden.
Lustvolle Befriedigung zu erlangen und Unlustgefühle zu verdrängen durch Bewusstseinsmanipulation: das ist nichts Neues. Opiate (Morphium, Opium, Heroin), Alkohol, Kokain, Hanfdrogen (Haschisch, Marihuana) und Halluzinogene (Meskalin) sind altbekannte Rauschmittel.
Die Einnahme von Drogen hat vielfältige Ursachen: z. B. gravierende soziale Probleme, Flucht aus persönlichen Krisen, Wohlstandsüberdruß oder modisches Protestverhalten einer rebellischen Jugend. Ursprünglich dienten Rauschmittel in zahlreichen Kulturen in der Regel kultischen und medizinischen Zwecken, selten der Befriedigung der Genussgier. In der Erlebnisgesellschaft heute ist das Hauptmotiv des Konsums psychoaktiver Substanzen aber: sich einen „Kick“ zu verschaffen.
Leistungsdruck, Hektik, Stress, Erschöpfung, Leeregefühl drücken die Stimmung in den Keller. Schlechte Laune ist aber Sand im Getriebe der Leistungsgesellschaft. Besonders in den USA ist schlechte Laune nicht gesellschaftsfähig. Die Parole lautet: „Always smile! I`m doing fine!” oder „I feel fantastic!“ Wer im „Hort der Lebensfreude“ nicht lustig ist, fühlt sich schuldig. In den USA leiden doppelt so viele Frauen an Depression wie Männer. Falsch, widerlegt eine neue Studie: denn die Depression der Männer tarnt sich als “Workaholismus” – Arbeitswahn. Das ist der uramerikanische Lebenssinn: weiterkommen, immer weiter.
Feuerwerk und Achterbahn
Ein Verkaufsschlager sondergleichen ist die „Glückspille“ Prozac/Fluctin (mit dem Wirkstoff Fluoxetin), die schon 28 Millionen Amerikaner regelmäßig konsumieren. Mittlerweile zählt die von der aggressiven Werbung als Wundermittel gepriesene Lifestyle-Droge, die 1987 in den USA auf den Markt kam, insgesamt an die 60 Millionen Konsumenten weltweit. Glücksgefühl per Knopfdruck: durch gezielten Eingriff in den Serotonin-Haushalt des Gehirns. Die Seelentröster-Pille schlucken, und schon ist man guter Dinge. Das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ bezeichnete Prozac 1999 als „Produkt des Jahrhunderts“. Prozac-Kritiker warnen: Wer sich mit dem Antidepressivum Prozac chemisch auf Trab bringt, läuft Gefahr, sein Wohlbehagen z. B. mit nervösem Gesichtszucken, Gewalttätigkeit, Schlafstörungen, Panikattacken, Selbstmordgedanken und Hirnschäden zu bezahlen.
Immerwährende Champagnerlaune im künstlichen Paradies: ist das nicht verlockend in der Tretmühle des Alltags?
In den 1980er Jahren kam eine Partydroge namens Ecstasy nach Europa, die die Welt bunt macht und im Gefühlszentrum des Gehirns ein „biochemisches Feuerwerk“ entfaltet.
Der kalifornische Chemiker Alexander Shulgin, der die Ecstasy-Droge, die im Gehirn hohe Dosen von Serotonin und Dopamin freisetzt, 1965 erstmals in seinem Labor herstellte, probierte sie selber aus: „Ich fühlte mich glücklich, leicht und von unglaublicher Stärke beflügelt – wie in einer besseren Existenz. Mir war, als sei ich nicht nur Bürger der Erde, sondern im ganzen Universum zu Hause.“
Die Spaßdroge der Techno-Szene wirkt 4 bis 6 Stunden sinnestäuschend, bewusstseinserweiternd, aufputschend, leistungssteigernd – und euphorisierend bis zur Ekstase. Sie hebt das Selbstbewusstsein und steigert – als „Herzöffner“ – das Mitteilungsbedürfnis und die Kommunikationsfähigkeit.
Die User (Anwender) empfinden Glück, Frieden, Harmonie, Wärme und Mitgefühl.
Rausch ohne Reue? Im Erlebnis optischer und akustischer Halluzinationen auf der „Achterbahn der Sinne“ werden die Alarmsignale des Körpers (Hunger, Erschöpfung, Schmerzen) nicht mehr wahrgenommen, so dass Organversagen oder Kollaps drohen. Die gehirnwirksame Droge ist insgesamt gesundheitsschädlich. Durch regelmäßigen wochenendlichen Konsum von Ecstasy verdummt das Gehirn.
Trojanisches Pferd
Überhaupt sind die von außen zugeführten Glücksdrogen meist suchterzeugend, d. h. sie machen abhängig. Die Ursachen der Depression bleiben unberührt.
Der Liedermacher Konstantin Wecker, der nach seinen ersten Erfolgen kokainsüchtig war, schildert sein Leiden: „Welches Entsetzen, wenn nur noch ein paar Gramm im Haus waren. Wände wurden aufgeschlagen, hinter denen ich Depots vermutete, Möbel zerfetzt in der Hoffnung, Reste zu finden – wie unwürdig, wie sehr ekelte ich mich vor mir selbst.“
Zum Thema „Glück“ interviewt, bekannte der Musik- und Medienmanager Dieter Gorny: „Schon als Rockmusiker habe ich um Drogen einen riesigen Bogen gemacht. Weil ich panische Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren. Ich fand die Vorstellung schlimm, in einer Phantasiewelt nicht selbst zu springen, sondern gesprungen zu werden. Bei Drogen fürchte ich, den Eingang nicht mehr als Ausgang zu erkennen.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf.
Der naturwissenschaftlich versierte Glücksexperte Stefan Klein illustriert mit einem treffenden Vergleich, wie die Drogen das Gehirn „kapern“: Nikotin, Alkohol und Kokain, erläutert Klein, schleichen sich wie die Krieger im trojanischen Pferd in die Hirnstrukturen ein, die für die angenehmen Gefühle zuständig sind.
„Zigaretten“, hebt er hervor, „sind das verführerischste Suchtmittel überhaupt, nicht nur, weil sie allgegenwärtig sind, sondern auch, weil Nikotin das Dopaminsystem unmittelbar anspricht.“
Stichwort: Alkopops. Der Trendsport des Koma-Trinkens – des Vollrauschs – wird drastisch als „Völkermord an Millionen Gehirnzellen“ angeprangert.
Der Toxikologe Gaetano Di Chiara ermittelte: Unter Alkoholeinfluss steigt der Dopaminspiegel auf das Doppelte, bei Nikotin und Kokain auf das Dreifache.
Der Naturwissenschaftler, Literat und Philosoph Bertrand Russell (1872-1970) bezeichnete das negative Glück des Drogenrauschs als „zeitweiligen Selbstmord“.
Glück geht durch den Magen
Es gibt aber noch eine andere – eine indirekte und natürliche – Methode, die chemischen Glücksstoffe im Körper zu vermehren: durch Selbständerung, d. h. durch Umgestaltung des Lebensstils.
Wir können z. B. durch Nahrungsmittel, Bewegung, Lachen etc. die körpereigene Apotheke aktivieren, damit sie reichlich Glücksstoffe erzeugt. Die Körperapotheke ist exakt auf unseren Körperhaushalt abgestimmt und zeitigt keine schädlichen Nebenwirkungen – im Gegensatz zu den Rauschmitteln und Antidepressiva.
> Lebensmittel:
Was den Glücksbotenstoff Serotonin im Körper steigen lässt, hilft dem Glück auf die Sprünge. So führt u. a. der Verzehr bestimmter Lebensmittel dazu, dass indirekt – auf Umwegen – im Körper Serotonin entsteht, das Freude und Wohlgefühl erweckt, den Tiefschlaf fördert und die Schmerzempfindlichkeit senkt. Glück, das durch den Magen geht. Gute Laune lässt sich essen.
Stärkster Glücksbringer und Seelentröster unter den Nahrungsmitteln ist die Schokolade. Doch wir alle wissen: zu viel Schokolade ist ungesund. Naschkatzen bezahlen ihre glücklich machende Leidenschaft mit unglücklich machenden überflüssigen Kilos. Das gilt ebenso für Glück spendende Eiscreme und Schlagsahne.
Gesündere ernährungsbedingte Glücksbringer in stressigen und depressiven Phasen sind etwa Bananen, Nudeln, Dinkel, Getreide, Brot, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Nüsse, Feigen, Soja, Milchprodukte und Chilischoten.
Finnische Forscher haben entdeckt, dass mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren das Glücksgefühl heben und die Depression senken. Ihr Glücksrezept: Zweimal wöchentlich Hochseefische auf dem Speiseplan.
Tanzen statt Hängematte
> Bewegung / körperliche Aktivität / Muskelanstrengung:
Nicht nur durch unsere Nahrung können wir die Körperchemie günstig beeinflussen und uns in Schwung bringen. Dass Joggen und überhaupt Ausdauer- oder Extremsportarten (wie Rafting, Canyoning oder Bungee-Jumping) „high“ machen, also überwältigende Glückserlebnisse vermitteln können, hat sich längst herumgesprochen. Sie treiben die Ausschüttung körpereigener Glücksstimulanzien in die Höhe, speziell die Endorphine mit ihrer dem Opium verwandten Wirkung.
Doch Radfahren, Walking (sportliches Gehen), Schwimmen, Pilates, Taiji oder Gartenarbeit setzen ebenso Glückshormone frei und bauen aufgestaute Stresshormone ab. Zudem scheidet der Körper beim Schwitzen depressionsfördernde Stoffe aus.
Wir gehen nicht mehr auf die Jagd wie unsere Vorfahren. Wir tollen nicht mehr herum wie die Kinder. Wir sind bewegungsentwöhnt, bewegungsfaul. Es ist glückstötend, auf Dauer alle Viere von sich zu strecken und in der Hängematte auf der faulen Haut zu liegen. Bequemlichkeit, Müßiggang, Faulenzen, Schlaraffendasein bezahlen wir mit Depression und Unglücksgefühlen. Schon der hl. Thomas von Aquin wusste ohne Neurowissenschaft: „Trägheit macht traurig.“ Glückswissenschaftler David Myers: „Schon 14 Tage reiner Relax-Urlaub senken die geistige Wachheit und dadurch die Glücksfähigkeit um 20%.“
Eine ideale körperliche Aktivität ist nach Glücksforscher Argyle: Tanzen, das die glücksfördernde Bewegung mit der positiven Wirkung von Musik und von sozialen Kontakten verbindet.
Glücksbewerber sollten alles in allem die Faustregel beherzigen: täglich mindestens 45 bewegungsreiche Minuten an der frischen Luft verbringen. Das hält den Glückshormon-Spiegel langfristig oben.
Hahaha – inneres Joggen
> Lachen:
