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Ein Roman über Freundschaft, Freiheit und die immerwährende Suche nach dem echten Leben. Sommer 1994 in der fränkischen Provinz: Fred ist siebzehn und steht auf Physik, Marihuana und die Freundinnen seiner Mutter. Mit seinem besten Freund Nick entdeckt er den Technoclub Das Boot und Ecstasy, den perfekten Gegenentwurf zur kleinbürgerlichen Tristesse der Erwachsenen. Doch sein Aufbegehren wird zum Kampf gegen die physikalischen Naturgesetze und Fred läuft Gefahr, seinen besten Freund und am Ende sich selbst zu verlieren. GLÜCKSREAKTOR ist Rebellion, Rave und Ekstase – ein atemraubender Leserausch.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2018
Max Wolf
Glücksreaktor
Roman
TEMPO
You gotta peak’em, let’em relax, and then peak again.
I gotta drive those kids hard. They wanna be driven.
David Morales
Die Energie der Welt ist konstant.
Die Entropie der Welt strebt einem Maximum zu.
Rudolf Clausius
Wenn ich nicht sicher bin, ob ich es mit einer Ameise zu tun habe, dann lasse ich folgenden Text ab. Wir sind doch nur eine bessere Aspirintablette, sage ich dann. Wir werden ins Leben geworfen, sprudeln für ein paar Sekunden, und dann lösen wir uns ins Nichts auf. Ameisen, wie mein Vater und 99 Prozent der anderen Zellhaufen, die hier so herumkriechen, können damit nichts anfangen. Ich haue diesen Text raus, schaue mein Gegenüber an und kann sehen, wie die elektrischen Impulse hilflos durch seine Gehirnwindungen flackern. Gehirnwäsche gelungen.
Als Reaktion kommen dann stumpfe Blicke, Schulterzucken oder Sätze wie: So ist das halt, damit muss man sich eben abfinden.
Wenn meine Gehörknöchelchen solche Signale empfangen, dann ist alles klar: Vor mir steht eine Ameise. Wenn mein Gegenüber aber auch nur minimales Verständnis zeigt, leite ich die zweite Stufe meines Tests ein. Was den Vogel abschießt, sage ich dann, ist, dass fast jeder selbst auf dieses kurze Sprudeln verzichtet. Total freiwillig. Warum sprudeln, wenn ich mich auch komplett lautlos auflösen kann? Warum leben, wenn man auch sofort sterben kann?
Wer mit diesem Beat etwas anfangen kann, schwingt auf meiner Wellenlänge. Alle anderen können sich meinetwegen auch sofort auflösen.
Ich gehe in die Horizontale und erhebe mich in die Luft. Dreißig Meter über dem Boden zücke ich mein Megaphon. Achtung, Achtung, das ist eine wichtige Durchsage. Alle, die ihr Leben auf der Leidenschaftssparflamme leben, alle, die nur die Kopie eines anderen sind, lösen sich auf. Alle Hausfrauen-Frauen, die ihr Leben damit verbringen, ihren Ameisenmännern die Hemden zu bügeln, alle schlipstragenden Siemensangestellten, die stundenlang das Blech ihres Autos polieren, alle Ärzte und Rechtsanwälte, die schon als Kinder wussten, dass es nichts Schöneres gibt, als das Leben ihrer Eltern zu kopieren, all die werden gebeten, sich zum Ausgang zu bewegen und zum nächstmöglichen Zeitpunkt aufzulösen. Am besten sofort.
Eine Welt ohne Ameisen. Eine Welt ohne Imitate. Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre. In Faitach jedenfalls würde diese Auflöseaktion mit einem Schlag massig Platz schaffen. Faitach, das ist das Kaff, in dem meine Eltern wohnen und in dem ich die letzten siebzehn Jahre meines Lebens verschwendet habe. Faitach, das sind sechstausend Ameisen, zwei Kindergärten, eine Grundschule, ein paar Sportvereine, eine Jugend- und Trachtenkapelle, ein Obst- und Gartenbauverein. In den Jahren 1975 bis 1977 hat der Bauunternehmer Michael Hübel in Faitach siebzehn Mal das gleiche Einfamilienhaus gebaut. Siebzehn identische Häuser für siebzehn identische Ameisenfamilien in einer Straße mit dem Namen Dr. Ritterweg. Das dritte Haus im Dr. Ritterweg ist das Haus meiner Eltern, Dr. Ritterweg 8, man erkennt es an dem braunen Jägerzaun, den hat sonst niemand in der Straße. Hinter dem Haus haben meine Eltern einen kleinen Gemüsegarten angelegt, auf der Terrasse steht ein Vogelhäuschen, das man vom Esszimmer aus beobachten kann. Wenn man diese Eckdaten als Argumente in die Lebendigkeitsfunktion füttert, dann ist klar, wo man rauskommt: auf einem globalen Maximum der Leblosigkeit, mitten in einem perfekt vorgestanzten Ameisenleben. Und genau da bin ich aufgewachsen.
Samstags, nach dem Frühstück, bleibt mein Vater am Esstisch sitzen, dann blättert er lange durch die Prospekte der Supermärkte, dann notiert er die neuesten Angebote von Norma, Aldi und Co. So kann man Geld sparen, sagt er. So kann man seine Zeit verschwenden, sage ich. Aber wenn man nichts anderes zu tun hat, wenn man sich dafür entschieden hat, als Kopie zu leben, dann ist das ja auch egal. Und während mein Vater sich weiterbildet, steht meine Mutter in der Küche und spült. Danach ruft sie ihre Schwester an oder Gabi Gerster.
Die Frauen im Dr. Ritterweg sind Hausfrauen, die Männer Ingenieure und Kaufmänner. Alle arbeiten bei Siemens. Faitach liegt nämlich nur zwölf Kilometer entfernt von Erlangen. Und Erlangen, das hat mein ein Meter zweiundneunzig großer Vater mir einmal mit insektenmäßigem Stolz erklärt, Erlangen ist der größte Standort der Siemens Aktiengesellschaft. Weltweit. Und deshalb ist Erlangen, Faitach und jedes der anderen sechs Käffer zwischen Erlangen und Faitach bevölkert mit fleißigen Siemensameisen. Und natürlich ist mein Vater genau so eine Ameise.
Morgens, zwischen halb sieben und halb acht, da öffnen sich die Haustüren im Dr. Ritterweg, da kommen die Ameisen herausmarschiert, mit Anzug und Krawatte, die Aktentasche in der einen, den Mazda- oder Opelschlüssel in der anderen Hand. Dann marschieren sie zu ihren Autos, dann fahren sie nach Erlangen, dann setzen sie sich an ihren Arbeitsplatz, in einem der neun Siemens-Bürohäuser von Erlangen. Jetzt geht es an die Arbeit. Telefonieren, Notizen machen, Papiere abheften, den Finger in das Nasenloch schieben, die Insektenaugen in die Decke bohren. Zwischen 11:30 Uhr und 13:30 Uhr darf man zur Mittagspause, dann kriechen die durch die langen Gänge und rufen sich ihren Siemensianerschlachtruf entgegen, Mahlzeit, Mahlzeit, Mahlzeit, jedem, der einem entgegenkommt, wird das zugerufen. Pünktlich nach dreißig Minuten geht es zurück an den Arbeitsplatz. Um 17:00 Uhr ist Feierabend, dann wird die Aktentasche gepackt, dann geht es nach Hause, dort wartet die Frau am gedeckten Tisch.
Das Leben dieser Ameisen ist ein Pendel, das mit regelmäßigen Bewegungen hin- und herschwingt, immer in derselben vorgegebenen Bahn, ohne auch nur ein einziges Mal abzuweichen. Nach und nach wird dieses Pendel langsamer, irgendwann bleibt es stehen. Dann ist alles vorbei. Dann hat sich die Tablette aufgelöst, ohne auch nur ein einziges Mal gesprudelt zu haben. Irgendwann funkten diese Erkenntnisse durch meine Schaltungen. Und seitdem weiß ich: Mein Leben wird nicht so sein. Ich werde mein Leben nicht in diesem Kaff verbringen. Ich werde nicht für irgendein Unternehmen arbeiten und irgendwelche sinnlosen Produkte verkaufen. Ich werde nicht einfach das Leben meiner Eltern oder das von irgendjemand anderem kopieren. Ich werde keine Ameise. Ich will sprudeln!
Die Flugbahn eines Körpers wird durch die Kräfte bestimmt, die an diesem Körper ansetzen: Die Schwerkraft wirkt senkrecht nach unten, die Bewegungskraft in die Horizontale. Die resultierende Bahn ergibt sich aus der Addition dieser beiden Kräfte mithilfe eines Kräfteparallelogramms. Ameisen sind punktförmige Körper, die sich auf einer perfekt vorgezeichneten Flugbahn bewegen, am Ende dieser Bahn wartet das schwarze Loch der unendlichen Nichtexistenz. Das ist das erste Ameisenflugbahngesetz. Irgendwann katapultiert sich dieser ein Meter dreiundachtzig große, sechsundsiebzig Kilogramm schwere Zellhaufen, der von seinen Eltern siebzehn Jahre zuvor einmal Frederick genannt wurde, auf eine komplett neue Flugbahn. Ich verlasse das Ameisengravitationsfeld.
Ich kenne niemanden, hat mein Vater gesagt, der daheim auszieht, bevor er die Schule beendet hat. Genau so flackern die Gehirnströme meines Vaters. Immer mit der Masse und dem Durchschnitt argumentieren. Niemals aus der Reihe tanzen. Immer brav auf dem vorgestanzten Pfad bleiben.
Vor einem Jahr oder so habe ich ihn einmal gefragt, warum er eigentlich Ingenieur geworden ist. Erst hat er mich nur angeglotzt und nichts gesagt. Als ob er nicht wüsste, warum er überhaupt lebt. Er hätte damals gelesen, hat er dann gesagt, dass die Wirtschaft Ingenieure suche. Dass das ein sicherer Beruf sei. Ich habe meinen Vater angeschaut und konnte nicht glauben, was er da gesagt hatte. Und plötzlich war mir klar, dass ich die Kommunikation mit meinem Vater komplett einstellen kann.
Von diesem Moment an habe ich den Druck im Kessel erhöht. Bei jeder Gelegenheit habe ich meinen Eltern an den Latz geknallt, dass ich raus will. Raus aus diesem Ameisenhäuschen im Dr. Ritterweg, raus aus Faitach, raus aus diesem vorgestanzten Leben. Ich will raus hier. Irgendwann schaltet meine Mutter auf Dauerweinmodus, mein Vater schreit die ganze Zeit herum und knallt die Türen. Dann habe ich sie soweit. Sie zahlen mir meine eigene Bude und dazu noch zweihundert Mark im Monat zum Leben. Kurz darauf ziehe ich nach Erlangen, in eine achtzehn Quadratmeter große Einzimmerwohnung im siebten Stock eines Hochhauses, in der Gerhart-Hauptmann-Straße 11. Es ist der 1. September 1994, zehn Tage vor dem Ende der Sommerferien und dem Beginn der zwölften Klasse.
Den Umzug zieht meine Mutter mit mir durch. Meine Mutter und ich sitzen im Auto nach Erlangen, im Anhänger sind die Umzugskartons mit meinen Sachen, mein Vater sitzt im Ameisenkostüm an seinem Siemensianerschreibtisch und ordnet Akten. Meine Mutter schleppt mit mir die Sachen in meine Bude, sie stellt mir den Schrank und den Schreibtisch auf, dann räumt sie den Küchenschrank ein und bezieht mir die Matratze. Dann drückt sie mir noch fünfzig Mark in die Hand.
Kurz nachdem meine Mutter abzieht, läuft mein bester Kumpel Nick hier ein. Nick steht im kleinen Flur, er öffnet die Tür zum Bad und schiebt seinen Kopf hinein, er streicht mit den Fingern über die beiden Kochplatten und die Spüle, dann macht er zwei Schritte und steht mitten in meinem Zimmer. Sein Blick gleitet über die Matratze, den kleinen Schreibtisch, die Umzugskartons.
Geile Bude, Alter, sagt Nick und lacht. Und in diesem Moment ist Nick wieder diese 1-A Comicfigur, mit seinem großen, schlaksigen Körper, der viel zu kurzen Jeansjacke, die hoch über dem Gürtel hängt, und seinen schulterlangen lockigen Haaren, die hinten aus seinem Cap herausquellen. Verdammt geile Bude, wiederholt Nick und hebt seine Rechte zum High-Five. Seine Unterlippe glänzt feucht, das ist Nicks Sprudelindikator, das ist seine Lebendigkeitsäquivalenzbedingung, Unterlippe feucht heißt, Nick ist am Sprudeln und umgekehrt, so einfach ist das. Ich schlage ein, die Nadel meines Stimmungsbarometers schiebt sich in den tiefgrünen Bereich: Erlangen, meine eigene Bude, Nick – meine Sprudelsensoren vibrieren, oh ja, ich will, dass das nie aufhört, ich will, dass es monstermäßig sprudelt in meinem Leben, das fühlt sich so tierisch gut an.
Wir flacken uns auf die Matratze. Nick fummelt in den Taschen seiner Jeansjacke herum, dann liegen OCBs, Zigaretten und ein Tütchen mit Piece vor uns auf dem Teppich. Nick zieht eine Zigarette aus der Schachtel und fängt an, das Teil zu rösten.
Was ist mit Mucke?, fragt er.
Noch da drin, sage ich, und deute auf die zwei Umzugskartons in der Ecke.
Warum rauchen wir überhaupt Tüte?, frage ich dann.
Nick starrt mich an und peilt nichts. Dann klickt es in seiner Zentrale, jetzt hat er einen Gesichtsausdruck drauf, als ob er gerade zum ersten Mal gehört hätte, dass wir auch nur aufgemotzte Schimpansen sind.
Alter, sagt er, seine Stimmbänder vibrieren jetzt im kurzwelligen Bereich, das ist nicht dein Ernst.
Meine Mundwinkel gehen auf Maximalausschlag. Vor zwei Wochen haben Nick und ich bei einem Versandhandel in Holland eine Glasbong bestellt, das Teil läuft unter dem Namen Puff Daddy und ist die größte Bong, die die im Sortiment haben. Gestern ist die dann endlich eingetrudelt.
Ich drücke mich von der Matratze nach oben und ziehe die Bong hinter den Umzugskartons hervor.
Darf ich vorstellen, sage ich, die gläserne Schönheit. Vierundsiebzig Zentimeter Länge, ich streiche mit den Fingern langsam am Glasrohr entlang, sieben Zentimeter Durchmesser, ein Chillum von –
Alter, unterbricht mich Nick, halt keine Vorlesungen. Gib das Ding lieber mal rüber.
Kurz darauf hängen wir wieder auf der Matratze.
Ist das ein fetter Kopf, quietscht Nick und hält mir dabei den halbgefüllten Glaskopf hin. Ich habe jetzt locker zwei Gramm aufgeflockt, und das Ding ist nicht einmal zur Hälfte voll.
Mein Blick klebt für einige Sekunden auf dem Teil, dann rauscht die Meldung durch meinen Sehnerv, dass Nick gerade ein frisches Stück Piece aus dem Tütchen fingert.
Entspann dich, Mann, sage ich. Wenn wir uns das reinziehen, ich zeige auf den halb gefüllten Kopf, dann bewege ich mich heute maximal noch zur Toilette.
Nick flockt einfach weiter, dann ist der Kopf bis zum Anschlag gefüllt. Er schiebt die Bong in meine Richtung.
Auf deine Bude, Alter, sagt er.
Ein warmer Neuronenstrom fließt durch meine Leitungen. Meine Mutter sitzt im Fernsehsessel, den Rollladen hinter sich hat sie heruntergelassen, damit die Nachbarn nicht sehen, dass sie um diese Zeit fernsieht. Mein Vater krabbelt auf allen sechsen durch die dunklen Gänge eines Bürogebäudes, genau wie die anderen fünfundzwanzigtausend Erlanger Siemensameisen, Richtung Ausgang. Und ich, ich hänge auf der Matratze in meiner eigenen Bude ab, in Erlangen, mit Nick, der gläsernen Schönheit und einer fetten Ladung schwarzer Afghane.
Ich ziehe langsam und gleichmäßig, um das Rohr möglichst dicht mit Rauch zu füllen. Ich setze ab und lege die Hand über die Öffnung. Das Teil ist noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt, Mann. Tief ausatmen und wieder ansetzen, jetzt fülle ich das Rohr bis oben. Noch einmal absetzen und tief ausatmen, dann geht es los. Ich ziehe. Das Wasser blubbert und versetzt mein Trommelfell in angenehme Schwingungen, der Rauch strömt in meine Lunge, ich ziehe weiter, ich darf jetzt nicht aufhören, ich muss meine Lunge bis zum Anschlag füllen, ich ziehe immer weiter, ich spüre, wie das Zeug in meinem Schädel ankommt, ich ziehe und ziehe, das Karussell nimmt Fahrt auf – dann nehme ich den Daumen vom Kickloch und schalte auf Vollbeschleunigung.
Meine Gehirnwindungen werden mit voller Wucht gegen meine Schädelknochen gepresst. Meine Augenlider gehen auf Sinkflug. Mein Körper wird flach auf die Matratze gedrückt. Ich tauche ab. Irgendwo, weit entfernt, fahren Autos auf der Straße. Irgendwo blubbert eine Bong. Ich tauche tiefer. Dann stehe ich am Gartenzaun im Dr. Ritterweg 5. Und da liegt sie, Petra Hoffmann, in ihrem weißen Bikini, auf dem Holzliegestuhl. Mein Blick klebt auf ihren langen Beinen.
Von Woche eins an fliegt auch Mische regelmäßig in meiner Bude ein. Mische, der heißt eigentlich Lasse, die anderen nennen den alle Lasso, aber bei Nick und mir läuft der wegen seiner dicken Mischen nur unter Mische. Mische ist ein halber Finne, zwei Jahre älter als ich und auch auf dem Henke-Gymnasium, und wenn Mische letztes Jahr nicht sitzengeblieben wäre, dann wäre er jetzt schon fertig.
Das Prinzip von Aktion und Reaktion besagt, dass jede Aktion eine gleich große Reaktion erzeugt, die auf den Verursacher der Aktion zurückwirkt. Mische ist groß, noch größer als mein Vater, vielleicht einen Meter fünfundneunzig oder so. Und weil ihm das noch nicht genug ist, rennt Mische seit Jahren in die Muckibude und gibt es sich da so richtig dreckig. Keine Ahnung, ob der Mund da mittrainiert wird, auf jeden Fall sieht das bei Mische so aus, der hat nämlich ein 1-A Alligatorenmaul. Einmal hat er sich eine Packung Marlboro quer reingeschoben, den Mund zugemacht und kurz danach die Schachtel ohne den kleinsten Knick wieder rausgeholt.
Deine Bude ist mein Boxenstopp auf dem Weg in die Pampa, hat Mische gleich beim ersten Mal hier gesagt. Misches Vater hat nämlich vor zwei Jahren ein Haus in einem Kaff mit dem Namen Michelsbach gebaut, und auf dem Weg von der Muckibude nach Michelsbach liegt meine Bude. Und wenn ich von meiner Matratze aus höre, wie Mische mit seiner dröhnenden Hip-Hop Mucke auf dem Parkplatz unten einrollt, dann schießt meine Stimmungsnadel in den vierstelligen Bereich. Kurz darauf steht er vor meiner Tür. Alligatorengrinsen, hautenges Muskel-Shirt, strohblonde schulterlange Haare und eine gewaltige Ladung Energie zwischen den Fasern: Das sind die Stoffeigenschaften von Mische.
Habt ihr schon mal eure Brainpower testen lassen?, fragt Mische. Ich meine, IQ-Test und so?
Nee Alter, sagt Nick, wozu denn das?
Mische zuckt mit den Schultern. Ich musste halt mal einen machen, sagt er und grinst. Auf jeden Fall ist dabei rausgekommen, sagt er dann und bewegt dabei seine Mundwinkel anschlagsmäßig Richtung Ohrläppchen, dass ich hundertsechzig PS unter der Haube habe.
Na und, Alter, sagt Nick.
Und mit so einer Maschine rasselst du durch, Mann, lache ich, das muss man erst mal schaffen.
Wenn Mische in meiner Bude einläuft, dann zieht er als erstes eine große rote Dose aus seinem Rucksack, 100 % Whey Power, steht da drauf. Dann schiebt er vier dicke Löffel gelbliches Pulver in ein Glas, dann füllt er das mit Wasser auf und zieht sich das Teil in einem Zug rein.
Eiweiß und Creatin, sagt er und deutet dabei auf seinen angespannten Bizeps, das ist das Material, aus dem die Muskeln sind. Mische zeigt sein bestes Alligatorengrinsen, und in diesem Moment stelle ich mir vor, dass Mische einmal tief einatmet und meine gesamte Bude in seinem Riesenmaul verschwindet. Ich schaue auf seinen Bizeps, das Teil sieht aus wie eine schwangere Fleischwurst in einem drei Nummern zu kleinen Badeanzug, keine Ahnung, warum der so tierisch bei den Mädels landet.
Das ist der Finnen-Bonus, hat Nick einmal gesagt. Die denken alle, dass der einen Mordsknüppel zwischen den Beinen hat. Er macht eine kurze Pause. Dann hebt er seine rechte Hand und hält mir seinen ausgestreckten kleinen Finger entgegen.
Dabei hat Mische da gar nicht so viel zu bieten, Alter, Nick grinst und wackelt dabei mit dem kleinen Finger.
Natalie haben wir vor ein paar Monaten kennengelernt, über Nicks älteren Bruder, der war früher einmal mit ihr zusammen. Auf jeden Fall ist Natalie seit kurzem unsere Connection, und wir kaufen unser Piece jetzt bei ihr. Natalie ist ein paar Jahre älter als wir, einundzwanzig, hat ihre eigene Bude mitten in Erlangen, am Bohlenplatz, und studiert seit einem Jahr auf Lehramt. Am Anfang sind wir immer nur kurz bei ihr gewesen, haben das Piece abgeholt und sind dann weitergezogen, aber dann haben wir uns ziemlich schnell mit ihr angefreundet. Und jetzt hängen wir immer öfters zu dritt bei ihr ab. Bei Natalie schwingt dann immer Elektromucke durch den Raum, keine Ahnung, was genau das ist, ich habe ja gerade erst meine Rockerhaut abgestoßen, von Techno und House und solchen Sachen habe ich genau null Ahnung. Aber der Beat, der bei Natalie aus den Boxen kommt, hat mir von Anfang an richtig gut gefallen.
Nick und ich hängen auf den Sesseln in Natalies Zimmer ab und rauchen, zwischen Nick und mir steht eine fette Pflanze, von der Decke hängen kleine Töpfe mit Pflanzen, das ist ein halber botanischer Garten hier, aber ich mag das, bei Natalie ist alles auf Entspannung gepolt. Nick blättert in einem der Bücher, die hier immer herumliegen, blubbernde, zwitschernde Elektroklänge flirren durch das Zimmer, das ist schon wieder richtig gute Musik, das ist Energie und gute Laune, das packt mich. Natalie steht tänzelnd vor dem Fenster, ihre Arme machen sanfte, wellenförmige Bewegungen, sie erzählt uns von diesem Laden in Nürnberg, dem Boot.
Das spielen die da die ganze Nacht, sagt Natalie und lacht. Das bringt dich in eine völlig neue Sphäre. Raven im Boot, auf einmal hat sie einen Gesichtsausdruck drauf, als ob sie auf dem High des Jahrhunderts unterwegs wäre, das fühlt sich an, sagt sie, als ob du dich als Individuum auflösen würdest. Da verschmilzt du mit den anderen zu einer Einheit.
Nick und ich schauen uns an, unsere Gehirnströme funken vollsynchron. Das Boot, Raven – das müssen wir so schnell wie möglich auschecken.
Die tanzen da von Samstagnacht bis Sonntagmittag, sagt Natalie.
Du warst bis Sonntagmittag in dem Laden?, fragt Nick, seine Stimme springt in den kurzwelligen Bereich.
Natalie zündet die Tüte an, die sie schon die ganze Zeit in der Hand hält. Ja klar, sagt sie, das ist Raving.
Die Schallwellen, die Natalie uns da entgegenfeuert, turnen mich monstermäßig an. Natalie nimmt einen tiefen Zug von der Tüte und hält den Rauch lange in der Lunge. Dann neigt sie den Kopf leicht nach hinten und entlässt den Rauch als dünnen Strahl Richtung Decke.
Nächsten Samstag legt Dr. Motte im Boot auf, sagt sie dann. Das wird eine ganz besondere Nacht. Sie macht eine kurze Pause. Kommt ihr mit?
Auf jeden, sagt Nick sofort.
Klar, schiebe ich hinterher. Mein Oberkörper ist jetzt am Wippen, im Zimmer riecht es nach Gras. Keine Ahnung, wer dieser Dr. Motte ist, einen coolen Namen hat der auf jeden Fall.
Soll ich euch dann was besorgen?, fragt Natalie.
Ich drehe mich zu Nick, unsere Blicke treffen sich, Nick und ich grinsen im Doppelpack los. Natalie spricht von Drogen, das ist klar, aber ich habe keine Ahnung, was genau sie meint.
Das wäre voll korrekt, sagt Nick.
Alles klar, sagt Natalie, ich probiere es. Dann schiebt sie sich mit ihren langsam gleitenden Bewegungen vor Nick und hält ihm die Tüte hin.
Machst du mir einen Shot?, fragt sie.
Nick übernimmt die Tüte und streicht die Asche der Glut sorgfältig am Aschenbecher ab. Er steht auf, legt sich das Teil verkehrt herum in den Mund und umschließt die Tüte mit seinen Lippen. Dann strömt der Rauch in Natalies Mund. Für einen kurzen Moment hält sie sich an Nicks Hüften fest, dann schwankt sie zum Sofa. Gras-Shots knallen brutal rein. Nick hat die Tüte immer noch zwischen den Lippen und wedelt mit beiden Händen in meine Richtung. Er hat noch Dampf. Ich springe auf und hole mir einen Shot ab. Dann klebe ich wieder im Sessel, mit geschlossenen Augen. Jedes einzelne Molekül in meinem Schädel dreht sich, mein Körper ist unendlich schwer.
Alter, ich bin auf dem vollen Fressfilm, sagt Nick, als wir das Treppenhaus bei Natalie herunterlaufen. Kurz darauf sitzen wir auf den Bierbänken im Hühnertod, mit Hähnchen und Pommes.
Geile Sache mit dem Boot, sage ich, da hab ich richtig Bock drauf.
Nick schiebt sich ein dickes Stück Fleisch in den Mund und nickt.
Von was hat Natalie denn vorhin gesprochen?, frage ich. Was will sie uns besorgen?
Keine Ahnung, sagt Nick, irgendwas Schnelles. Wird schon passen, Alter.
Das klingt, als ob Nick wüsste, worum es hier geht. Dabei hat er doch auch keine Ahnung. Nick und ich, wir kiffen, mit Piece und Gras, da kennen wir uns richtig gut aus, da kann uns keiner was. Aber von anderen Sachen haben wir keine Ahnung.
Am Abend hängen Nick und ich wieder in meiner Bude ab. Mit meinem Einzug hier vor vier Wochen haben wir uns schlagartig in dieser neuen Zellhaufen-Entspannungskonfiguration stabilisiert: Nick und ich, auf der Matratze in meiner Bude, der Sound von The Doors oder den Stones, dazu mächtige Mengen rauchförmiges Piece und Gras, die sich ihren Weg in Richtung unserer Lungen schlängeln. Wir sind ständig am Qualmen. Morgens, direkt nach dem Aufstehen, Nick pennt fast jeden Tag hier, mittags, nach der letzten Stunde, da checken wir sofort in meine Bude und legen los und natürlich abends, die Abende sind die täglichen Höhepunkte, da knallen wir uns mit 220 km/h gegen die Wand, da ziehen wir an der gläsernen Schönheit, bis auch das letzte Neuron in unserem Schädel auf Pause geschaltet ist. Break on through to the other side. Break on through to the other side. Yeah, yeah, yeah …
Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich, wie Nicks kleiner Finger sich in ein Flagellum verwandelt und anfängt, peitschenmäßig hin und her zu schlagen. Nicks Unterlippe und Nicks kleiner Finger, das sind die beiden Pole seiner Stimmungsnadel. Und wenn Nicks kleiner Finger anfängt auszuschlagen, dann ist in seiner Schaltzentrale Nervosität ausgebrochen, so einfach ist das.
Alter, stöhnt Nick und schüttelt dabei den Kopf, ich weiß echt nicht, wie ich auf diese schwachsinnige Idee kommen konnte, Physik-Leistungskurs zu machen.
Nick schaut, als ob die gerade einen Piece-Notstand ausgerufen hätten, ich muss lachen, und nach einigen Sekunden fängt auch Nick an zu lachen. Wir beide wissen ja ganz genau, warum Nick, der in der Elften wegen Mathe und Chemie eine Ehrenrunde gedreht hat, jetzt im Physik-Leistungskurs auftaucht. Das war natürlich meine Idee. Ich stehe nämlich total auf dieses Zeug. Kräfte, die an punktförmigen Körpern ansetzen, elektromagnetische Wellen, die unsichtbar durch den Raum schwirren, Elektronen, die mit Lichtgeschwindigkeit durch metallische Drähte rasen, mein Neuronenhaufen da oben spricht maximal auf diesen ganzen Kram an. Und wenn der Schneider vor uns steht und diese Sachen zum Besten gibt, dann verwandle ich mich in eine Empfangsstation, die nicht genug bekommen kann.
Aber natürlich hatte ich keinen Bock, alleine da abzuhängen, mit den dick bebrillten Typen, mit dem Thorsten und dem Dirk und den Zwillingen und und und, mit denen kann ich gar nichts anfangen, die vibrieren auf einer ganz anderen Wellenlänge durch ihr Leben, die vibrieren auf der Ameisenlangwellenfrequenz, und damit will ich genau null Komma null zu tun haben. Und deshalb habe ich Nick zum Physik-Leistungskurs überredet. Mathe, meinen zweiten Leistungskurs, den habe ich ihm nicht angetan, das wäre zu viel, das checke ich schon, aber Physik, das kann er mitmachen, habe ich mir gedacht.
Ich pack das nicht, sagt Nick und schüttelt noch einmal den Kopf. Alter, jetzt sind gerade einmal zwei Wochen rum, der Schneider hat noch nicht einmal richtig angefangen, und ich verstehe nur noch Bahnhof. Hast du mal gesehen, wie Dirk mich anguckt? Und Miriam? Die kapieren alle nicht, was ich da mache. Und ich kapiere das auch nicht. Da könnte ich mich genauso gut in den Fortgeschrittenenkurs Chinesisch setzen.
Kühl mal runter, Mann, sage ich, so schwierig ist das auch nicht.
Nicks Gesicht verzieht sich. Für dich, Alter, sagt er, aber du bist auch ein Perverser. Du bist da irgendwie falsch vertaktet. Du hörst das einmal und kapierst das. Aber so geht das bei mir nicht.
Das hat mit deiner Einstellung zu tun, Mann, sage ich. Du gehst da rein und denkst, das kapiere ich nicht, das ist alles krass kompliziert, da braucht man eine fünf Zentimeter dicke Hornbrille, um das zu peilen.
Nick schüttelt den Kopf. Nee, das ist es nicht. Plötzlich hat Nick diesen verzweifelten Gesichtsausdruck drauf. Alter, wenn ich das dieses Jahr nicht packe, sagt er, dann war es das mit dem Abi. Mehr als einmal in der Oberstufe wiederholen, das geht nicht. Das ist meine letzte Chance. Ansonsten kann ich Treppenhäuser putzen.
Mann Nick, sage ich und lege meinen Arm über seine Schulter, jetzt entspann dich doch mal. Das Jahr hat doch gerade erst angefangen.
Auf einmal klickt es bei mir.
Wir ziehen uns das ab jetzt zusammen rein, Mann, sage ich. Wir setzen uns hier hin, ich deute mit dem Finger auf die Matratze, und ziehen uns das Zeug rein, bis du das drauf hast.
Nicks Gesicht hellt sich auf.
Den Brillenschlangen und dem Schneider, sage ich, denen zeigen wir es, Mann. Die werden sich noch umschauen. Die werden dich noch kennenlernen. Bald nennen die dich Nick Einstein, Mann.
Nick lacht und sieht wieder entspannt aus. Dann hebt er die Hand zum High-Five, und wir schlagen ein.
Denen zeigen wir es, Alter, sagt er.
Und am Samstag geht es ins Boot, sage ich, und in dem Moment vibrieren wir wieder vollsynchron.
Der Moderator lächelt, seine weißen Zähne blitzen in die Kamera. Heute stelle ich Sie vor eine besondere Wahl, sagt er. Ein Tusch ertönt, die Kamera schwenkt langsam nach rechts zur Bühne, die durch einen silbrig-glitzernden, in der Mitte zweigeteilten Vorhang verdeckt ist. Alternative Nummer eins, sagt der Moderator, und deutet auf die linke Hälfte des Vorhangs. Der Tusch nimmt an Intensität zu, man spürt die Spannung im Publikum, alle stieren gebannt auf den Vorhang, der Tusch wird schneller und lauter, plötzlich wird die linke Hälfte des Vorhangs zur Seite gezogen. Wir sehen eine langgezogene Bar mit dunkler Holztheke und metallenen Barhockern. Zentral an dieser Bar steht eine vielleicht achtzehnjährige, schlanke Blondine, mit einem weißen Minirock und blauen Matrosentop, das eng an ihrem Oberkörper sitzt. Die Blondine dreht sich zum Publikum und macht einige räkelnd-tänzelnde Bewegungen, das Publikum trommelt mit den Füßen auf den Boden und pfeift. Der Moderator zeigt noch einmal seine weißen Zähne, dann hebt er beschwichtigend die Hand. Oder, sagt er, als wieder Ruhe im Saal eingekehrt ist, Alternative Nummer zwei. Wieder setzt ein Tusch ein, wieder stieren alle gebannt auf die Bühne. Dann wird auch die rechte Hälfte des Vorhangs zurückgezogen. Jetzt erkennen wir, dass sich die Bar über die gesamte Bühne erstreckt. Rechts sitzt eine schwarzhaarige Mittvierzigerin, die in einem schwarz-durchsichtigen Catsuit mit übergeschlagenen Beinen und einer Zigarette im Mund zum Publikum blickt.
Ich weiß, was meine Kumpels wählen würden. Jungs wie Nick und Mische, die würden sich sofort für die Blondine entscheiden. Da bräuchten die keine drei Sekunden für. Ich bin da komplett anders verschaltet. Definieren wir die Funktion F, die jedem ganzzahligen Alter einer Frau A ein Energieniveau E des Sexuallappens zuordnet. Was ich sagen will, ist, dass die erste Ableitung dieser Funktion bei mir strikt positiv ist. Je älter, desto besser. Keine Nullstellen oder Wendepunkte in Sicht, weit und breit.
Jeder Stoff ist eindeutig durch seine Stoffeigenschaften charakterisiert. Schmelzpunkt: 0,95 Kelvin, Siedepunkt: 4,15 Kelvin, Wärmeleitfähigkeit: 0,1513 Watt pro Meter und Kelvin. Das ist das Edelgas Helium. Schrille und enge Oberteile, Gold- und Perlenketten und eine mächtige Parfumwolke: Das ist Gabi Gerster, die beste Freundin meiner Mutter. Und wenn Gabi Gerster im Dr. Ritterweg 8 einläuft, dann startet in meinen Phantasielappen eine stark exotherme Reaktion. Und wenn ich an den Mann von Gabi Gerster denke, dann bekomme ich einen spontanen Brechreiz. Der verbringt sein Leben nämlich damit, Gartenmöbel in Italien zu kaufen und dann in Deutschland wieder zu verkaufen. Der Gerster, der ist sein eigener Chef, der ist unabhängig, der hat sein eigenes Unternehmen, der kurbelt die Wirtschaft an, das beeindruckt meinen Vater und die anderen Siemensameisen im Dr. Ritterweg. Und als ich noch nicht selber denken konnte, da haben meine Beurteilungsareale diese Schwingungen übernommen. Irgendwann habe ich dann gerafft, dass der Job vom Gerster genauso sinnlos ist wie der von meinem Vater und den dreihundertfünfzigtausend anderen Siemensameisen. Was machst du mit deinem Leben? Wie verbringst du die paar Jahre, die du hier hast? Du kaufst und verkaufst Gartenmöbel? Das ist ja maximal interessant, das bringt ja meinen ganzen Körper zum Vibrieren, da haut es mir ja fast die Kinnlade weg vor Aufregung. Kein Wunder, dass der Gerster sich jeden Abend eine Flasche Rotwein reinzieht.
Mein Vater geht morgens um sieben aus dem Haus. Meine Mutter steht vor ihm auf, sie macht den Tee, damit der nicht zu heiß ist, wenn mein Vater an den Frühstückstisch kommt. Sie deckt den Tisch, sie holt die Erlanger Nachrichten aus dem Briefkasten und legt sie neben den Teller meines Vaters. Dann schmiert sie ihm zwei Vollkornbrote für die Mittagspause und legt ihm einen heiß abgewaschenen Apfel dazu. Zweimal pro Woche staubsaugen, einmal pro Woche nass wischen. Jeden zweiten Tag die Toilette und die Waschbecken putzen. Wäsche waschen und bügeln, alles ordentlich falten und dann einsortieren. Meinem Vater das Hemd und die Hose rauslegen. Das sind die Pendelbewegungen im Leben meiner Mutter. Das ist das Leben einer Ameisenhausfrau aus Faitach.
Morgens, nach dem Frühstück, wenn mein Vater brav zu seinem Ameisenschreibtisch marschiert ist und ich in der ersten Stunde sitze, dann räumt meine Mutter den Frühstückstisch ab, dann klemmt sie sich an den Telefonhörer, dann tauscht sie die immergleichen, maximal inhaltsleeren Schallwellen mit ihrer Schwester aus. Wie ging noch einmal die Kürbissuppe? Hast du schon einmal Azaleen gepflanzt? Nachmittags trifft sie sich mit Gabi Gerster zum Kaffee. Montags und mittwochs fahren die beiden zusammen nach Erlangen. Gassi gehen, nennen die das. Wenn man den Aufmotzgrad der Gerster als Argument in meine Erregungsfunktion füttert, dann bekommt man eine monoton ansteigende Funktion. Und wenn Gabi Gerster mit ihrem Audi 100 zum Gassi gehen im Dr. Ritterweg 8 vorfährt, dann ist sie im 1-A Aufmotzmodus. Ihre Oberteile sind dann noch schriller und enger als sonst, ihr Hals und ihre Arme sind noch üppiger bestückt, und ihre Parfumwolke ist größer und dichter. Wenn Gabi Gerster zum Gassi gehen hier vorfährt, dann knallt es die Nadel meines Erregungsbarometers auf Maximalausschlag.
Früher, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe, da haben die beiden mich öfters mitgenommen zu ihren Ausflügen in die Stadt. Durch die Karosse der Gerster schwingen dann die Klänge von Schmalz und Co. The whispers in the morning of lovers sleeping tight. Are rolling by like thunder now as I look in your eyes. Die Gerster blickt in den Rückspiegel und prüft ihre Frisur, dann zündet sie sich eine ihrer weißen Davidoff Slim Zigaretten an. Wenn sie auf die Landstraße kommt, dann gibt sie richtig Druck. Das kann dann schon mal hundertachtzig werden. I hold on to your body and feel each move you make. Your voice is warm and tender. A love that I could not forsake. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor wie es wäre. Gabi Gerster und ich.
Geparkt wird hinter dem Bahnhof, und dann gehen die beiden erst einmal Kaffee trinken. Danach zum Shoppen auf die Nürnberger Straße, das ist die Haupteinkaufsstraße in Erlangen, hier findet man auf fünfhundert Metern alles, was das Hausfrauenherz begehrt.
Schau mal hier, das Oberteil von letztem Mal. Soll ich das noch mal anprobieren? Wirklich? Also gut. Ach nein, das gefällt mir ja überhaupt nicht mehr. Ach wie süß, das hier muss ich unbedingt mitnehmen. Ich suche schon Ewigkeiten nach so einer Strickjacke. Was kostet die denn? Zieht die Hose hinten rein? Wirklich nicht? Hast du die Jacke gesehen, so etwas Geschmackloses.
Immer wieder flirren die gleichen Bilder durch meine Phantasielappen. Die gold- und perlenbesetze Gabi Gerster und ich sind alleine im Dr. Ritterweg 8. Ich sage ihr, dass ich ihr etwas zeigen will, in meinem Zimmer, unten, im Keller. Im Flur vor meinem Zimmer knipse ich das Licht aus, so kann ich sehen, wenn meine Mutter zurückkommt. Dann sitzt Gabi Gerster auf meinem Schreibtisch. Ihr pinkfarbenes Oberteil und ihr Jackett liegen auf dem Teppich. Ihre Brüste sind solariumbraun und groß. Gabi Gerster streckt ihre Hände aus, umfasst meinen Kopf und schiebt ihn zwischen ihre Brüste.
Am Samstag laufen wir gegen neun Uhr abends bei Natalie ein. Kurz darauf sind wir in unserer Gleichgewichtskonfiguration: Nick und ich hängen vollentspannt in den Sesseln, Natalie liegt flach ausgestreckt auf dem Sofa, ein dünner Rauchfaden strömt aus ihrem Mund Richtung Decke. Natalie hält mir die Tüte hin, ich will sie fragen, was denn nun ist, ob es geklappt hat, aber dann lass ich das, das ist unlocker.
Irgendwann fängt Natalies Körper an, zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer zu schwingen. Sie gleitet in ihr Schlafzimmer, einige Minuten später kommt sie zurück, mit einer anderen Klamotte am Körper, sie begutachtet sich von allen Seiten im großen Spiegel, wirft uns einen Blick zu, dann gleitet sie zurück in ihr Schlafzimmer. Bei jedem Schwingungsvorgang verwandelt sich die Höhenenergie des Pendels in kinetische Energie, um sich dann doch wieder in Höhenenergie zurückzuverwandeln. Höhenenergie, kinetische Energie, Höhenenergie, genau so ist das mit unserem Leben: Wir kommen aus dem unendlichen Nichts, tauchen für ein paar Jahre hier auf, um dann doch wieder in das unendliche Nichts zu verschwinden.
Nick raucht und blättert in dem Buch, das hier schon letztes Mal herumlag, Flow – Das Geheimnis des Glücks,
