Glücksstein oder Felsbrocken - Maria Brandtönies - E-Book

Glücksstein oder Felsbrocken E-Book

Maria Brandtönies

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Beschreibung

Beim nächsten Mal wird alles ganz anders ... Das hatte sich Konstantin fest vorgenommen, als er sein neues Leben antrat. Als Sohn reicher Eltern auf die Welt zu kommen, kann ja wohl nicht so schwer sein. Doch als wer oder was man wiedergeboren wird - kann man sich das wirklich aussuchen? Und so bleibt ihm auch diesmal die Traumvilla und das willfährige Dienstpersonal nebst den Millionen auf dem Konto verwehrt. Sein bescheidenes Leben betrachtet er als Bürde, als unerwünschte Last, die ihm auferlegt wurde. Er verabscheut alles daran und wehrt sich dagegen, auch nur ansatzweise so etwas wie Glück zu empfinden. In seinen Träumen begegnet er immer wieder Menschen und durchlebt Situationen, die ihm vor Augen führen, wie wertvoll sein Leben ist, und dass er wie blind und ohne es zu erkennen, einen wahren Schatz in Händen hält. Ein spiritueller Weg zu sich selbst - eine humorvolle, spannende und aufschlussreiche Erzählung, durchwebt mit Elementen der Esoterik.

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Vorwort

Meine langjährige Klientin, mittlerweile auch Freundin Maria, bat mich zu ihrem Buch ein Vorwort zu schreiben und dieser Bitte komme ich sehr gerne nach.

Wenn ich mich auf dieses Buch einlasse, nimmt es mich mit auf eine spannende Reise zu mir selbst.

In humorvoller, kurzweiliger Weise werde ich herangeführt an den Reinkarnationsgedanken, systemisches Arbeiten (Familienaufstellungen) und Traumdeutung. Es kann mich anregen, mich und meine Wünsche reflektierter zu betrachten. Was ist überhaupt ein Wunsch... und habe ich ihn präzise formuliert? Welcher Teil in mir wünscht es sich überhaupt? Inwieweit weicht mein Wunsch von meiner gelebten Realitätsebene ab?

Denn im Prinzip erfüllt sich für Konstantin, die Hauptperson dieses Buches, jede vorgeburtliche „Bestellung“, nur völlig anders als er sich das in seiner Inkarnation als Konstantin vorgestellt hat. Um dies und somit sich selbst besser zu begreifen, während er den Lebenskreis als Konstantin durchschreitet, darf er lernen/erfahren, dass sehr vieles von seinem Betrachtungswinkel abhängt... eben Glücksstein oder Felsbrocken... so wie jeder Leser für sich selbst herausfinden darf, ob er dieses Buch einfach nur als kurzweilige Unterhaltung genießen möchte oder es ihn einlädt, sich tiefer auf sich selbst einzulassen.

Stade, im März 2018

Sabine Dreibrodt

Heilpraktikerin für Psychotherapie/Reikimeisterin/Lehrerin

1

Als ich mir ausgesucht hatte, wieder auf diese Welt zu kommen, hatte ich mir ein supergeiles Leben in einer 67-Zimmer-Luxusvilla mit Zimmermädchen, Homeboy, Köchin, Waschfrau und einem Kindermädchen, das man nach allen Regeln der Kunst auf die Palme bringen kann, bestellt. Und jetzt! Was hatte ich bekommen?! Ich hauste in einer ober-super-knackengen Einraumwohnung, zappenduster, weil keiner die letzte Stromrechnung bezahlt hatte und ganz schön schmierig war es auch noch. Triefend feucht war es in dieser Bude, grauenvoll! Die einzig positive Tatsache war, dass es noch nicht zu Schimmelbefall gekommen war. Na immerhin, wenigstens etwas Positives!

Was war das für ein grauseliger Schlamassel! Ich konnte und wollte es einfach nicht verstehen. Exakt und ganz minutiös hatte ich meine Bestellung aufgegeben! Was hatte ich mir für eine Mühe gegeben. Keine Einzelheit ausgelassen. Präziser hätte ich es nicht formulieren können, und jetzt? Was um alles in der Welt war da bloß falsch gelaufen? Hatten die den Bestellbogen vertauscht?

Was war das? Unerklärliches Rucken! Wellen, die mir fast den Atem nahmen! Es wurde zusehend enger in meiner ach so engen Behausung. Vielleicht ein Erdbeben? Ein Tsunami? Ein Vulkanausbruch?

So etwas soll in der letzten Zeit ja immer häufiger vorkommen. Mutter Erde wehrt sich, hatte ich gehört. Aber dann soll sie sich doch da wehren, wo ich gerade nicht bin! Was kann ich denn dafür, wenn die schlecht drauf ist? Sollen sich doch andere Leute mit dem Problem rumschlagen, was habe ich damit zu tun?

So langsam, aber beständig, wurde es immer bedrohlicher in meinem kleinen Kämmerchen. Der Tsunami, oder was auch immer das für ein Unwetter war, lief zur Höchstform auf. Die Wellen rissen mich mit, ohne dass ich mich dagegenstemmen konnte. Mit kleinen, immer kürzer werdenden Pausen donnerten sie mich mit meinem Kopf unaufhörlich an die Außenwand meiner Behausung. Wäre es nicht so feucht in meiner Kajüte, wäre bestimmt der Putz von den Wänden gebröckelt. Autsch! Wie um alles in der Welt sollte ich mich gegen so eine Misshandlung wehren? Ich konnte nichts dagegen tun, ich musste es einfach geschehen lassen, ob ich wollte, oder nicht. Und dann war es plötzlich passiert!

Die Außenwand hielt nicht mehr Stand und ein rundes Loch tat sich auf. Es war deutlich zu erkennen, denn es drang von außen zaghaftes und doch auch gleißendes Licht in meine Koje. Koje ist hier wohl der richtige Begriff, denn das Loch in der Außenwand glich einem dynamischen Bullauge. Wie war so etwas möglich? Hatte mein Schädel ganze Arbeit geleistet? Das Erdbeben ebbte nicht ab, die Intensität nahm eher zu. Immer und immer wieder landete ich an der Außenwand. Ohnmächtig stand, oder besser lag ich dem ganzen Geschehen gegenüber. Wie konnte man mich nur so behandeln? Was passierte hier gerade?

Irgendwann konnte ich dieser Macht nicht mehr standhalten und wurde mit voller Wucht nach außen gedrängt. Grelles grauenvolles Licht umringte mich. Ich presste meine Augen unaufhörlich zusammen, aber dieses Licht war schrecklich grell. Welcher Trottel hatte denn so plötzlich die Stromrechnung bezahlt? Und dann diese Gestalten, die da in weißer Uniform herumirrten!?

Einer dieser undefinierbaren Außerirdischen packte mich mit einem Ruck an den Füßen, hielt mich auf den Kopf, und ehe ich mich versah, haute er mit der flachen Hand und voller Wucht auf meinen Allerwertesten. Au, au, und noch mal au! Merken die denn nichts mehr!

»Oh, wenn ich hier aus diesem Schlamassel heil rauskomme, gehe ich sofort zum Jugendamt und werde dich anzeigen! Wegen Kindesmisshandlung in Tateinheit mit plötzlichem Bezahlen der Stromrechnung«, ratterte es in meinem Kopf. Verwirrt versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Na ja, zuerst einmal musste ich aus diesem Dilemma heil herauskommen.

Ehe ich weiterdenken konnte, lag ich auf dem Bauch einer etwas zerzausten Frau, die mich angrinste, als wenn sie jeden Morgen Haschisch zum Frühstück konsumieren würde. Sie grinste so breit, dass ihre Mundwinkel schon an den Ohrläppchen kitzeln mussten. Ich versuchte zurück zu grinsen, nur gelingen wollte das nicht. Also, machte ich erst mal einen auf beleidigt und wartete auf die Dinge, die da kamen, oder auch nicht kamen. Je länger ich in dieses Breitmaulfroschgesicht blickte, wurde ich versöhnlicher. Wenn ich’s mir so recht überlege, fühlte ich mich auch ein ganz kleines bisschen wohl bei ihrem Anblick. Ich wusste nicht warum, aber diese Frau schien mich irgendwie zu mögen.

Mit dem Elan eine Schnecke kam dann plötzlich ein etwas unsicher wirkender, desorientierter Mann hinter ihrem Gesicht hervor. Was für eine schräge Type war das denn? Kaum hatte der die Lage gepeilt, knabberte er unaufhörlich an ihrem Gesicht herum! Keine Frage, der frühstückt morgens nichts, so hungrig wirkte der.

Eine kleine Weile hatte ich Ruhe vor dieser Sippschaft, wahrscheinlich wegen der eingeschobenen Frühstücksrunde, dann kam einer der Weißuniformierten zurück, riss mich von meinem weichen Kuschelkissen, tauchte mich in einen Swimmingpool und versuchte verzweifelt mich zu ertränken. Das gelang ihm Gott sei Dank nicht, denn ich wehrte mich mit Händen und Füßen. Ich schrie dem so laut in seine Trommelfelle, dass sie meiner Meinung nach sofort hätten platzen müssen. Da ihm sein Kinderertränken misslungen war, setzte er zur nächsten Attacke an und legte mich an einen dieser zwei fleischfarbenen XXL-Luftballons, die an dieser Frau hingen. Dort gab es offensichtlich etwas zu trinken, denn er faselte so wirres Zeug von »Saug- und Trinkreflex«. Im Grunde genommen gar nicht so übel, denn ich hatte mittlerweile einen Mordsdurst.

»Aber – Hilfe!«, durchzuckte es mich. »Wenn dieser Zapfhahn durch diese Frau geht, dann sind ja möglicherweise noch Spuren von diesem Frühstückscocktail im Getränk! Wollen die mich gefügig machen? Denken die, dann wird es leichter mich zu ertränken?« Meine Alarmglocken leisteten ganze Arbeit. Wie konnte ich mich wehren? Ach, mir war mittlerweile alles egal, denn ich war nur noch hundemüde und nicht mehr in der Lage, größere Standortbestimmungen und Gefechtsstrategien zu entwerfen. Endlich am Zapfhahn angeschlossen, dämmere ich so vor mich hin, als mich ein letzter Gedanke noch einmal aus dem Schlaf riss: »Hey, diese Meter mal Meter Frau und dieser hungrige Mann, sind das etwa meine Eltern?» Nun ja, nach Multimillionären sahen die aber nicht gerade aus! Das hatte ich doch damals ‹da oben› ganz anders bestellt. Warum hatte ich mir denn mit dem ganzen Team dort oben die Mühe gemacht und alles bestens organisiert und aufgelistet? Wo war dieses De-luxe-Leben, das ich geordert hatte? Hätte ich mir doch die Bestellung sparen können, wenn das sowieso nicht klappen würde. Egal, ich war zu müde, um auch nur noch einen Gedanken an dieses Malheur zu verschwenden und völlig erschöpft schlummerte ich ein.

Der Traum, in den ich fiel, passte obersuperaffenpunktgenau zu meiner Bestellung: Ich kniete auf einem Bobby Car - zum Sitzen war ich schon ein wenig zu groß - und sauste hin und her durch die Privatgemächer meiner Traumvilla. Als Kind eines schwerreichen Ölbarons in Dubai bewohnte ich nur für mich ein Badezimmer mit goldenen Hähnen, Schlafzimmer, Ankleidezimmer, Empfangsraum, Spielzimmer, Musikzimmer, Fitnessraum, Mal- und Kreativzimmer und Vorlesezimmer mit Kinderbibliothek. Im Spielzimmer hockte mein Kindermädchen auf dem Boden und sammelte mürrisch die Bausteine auf, die ich immer wieder umfuhr.

»Du baust sie wieder genauso auf, wie ich sie am Anfang zusammengesetzt habe!«, befahl ich ihr.

Ihren aufkeimenden Protest erstickte ich im Kern mit der Drohung: »Wenn du nicht gehorchst, dann sage ich das meinem Papa! Dann kannst du dir unser Anwesen von außen begucken, basta! Wer hat hier denn die Millionen, du oder ich?«

Ja ...! Genauso hatte ich die Bestellung abgeschickt! Es war göttlich sich vorzustellen, dass es doch noch so kommen würde, wenn ich erst mal alles reklamiert hatte. Das genau würde ich tun, ich würde diese Fehllieferung reklamieren! Drei Jahre Rückgabegarantie! Das klang doch klasse. Ich würde auf unverzügliche Rückgabe pochen! Ich würde mich nicht mit kleinen Verbesserungsgeschichten abspeisen lassen. Entweder ganz oder gar nicht. Drei Jahre würde ich nicht warten – unmöglich! Die sollten mich mal kennenlernen ‹dort oben›! Erst sollten sie mir die Villa liefern, und dann die Millionen hinterher, abgemacht ist schließlich abgemacht! Basta! Keine Kompromisse!

Ohne alles lange genießen zu können, wurde ich aus meinen süßen Fantasien gerissen. Ich erwachte vom ohrenbetäubenden Lärm einer ganzen Kindergartengruppe. Diese verwirrten Eltern konnten mich unmöglich schon in einem Kindergarten angemeldet haben! Aber, wer weiß? Als ich einigermaßen zur Besinnung gekommen war, erkannte ich, dass ich in einem Glaskasten lag, der an einem Bett montiert war. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben ungezogene Gören zerrten an meinem Kopf, an meinen Riechorganen und meinen geschundenen Nerven herum. Langsam, aber immer deutlicher, dämmerte mir mein Notzustand:

»Wenn das meine Eltern waren und diese sieben, wie Orgelpfeifen wirkenden Blagen, versammelten sich um mich und um diese Eltern, dann mussten das wohl oder übel alles meine Geschwister sein!«

Oh du meine Güte! Alles meine Geschwister?!? Die ganzen schönen Millionen sollte ich auch noch mit denen teilen, das konnte doch nicht reichen! Nicht mal ein Milliönchen bliebe da für mich übrig! Wo ist denn da die Gerechtigkeit? Die sollen sich doch ihre eigenen Millionen bestellen! Alarmstufe rot!!! In meinem Inneren rollte der nächste Tsunami heran. Blöder Bestellservice! Die Reklamation hatte sich gewaschen. So ein mit Wut getränktes Schreiben hatten die ‹da oben› noch nie gelesen. Wenn das nicht bereinigt würde und ich dieses Leben weiter so fristen müsste, dann würde ich für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Ich würde in Zusammenarbeit mit einem Racheteam dafür sorgen, dass alle, die an dieser Universalkatastrophe beteiligt waren, als Salmonellen wiedergeboren würden, dann wüssten sie aus erster Hand, wie sich ein Scheißleben anfühlt.

Als es dann nicht mehr zu übersehen war, dass ich wach war, legte dieser vertauschte Hungerhakenmann mich erneut auf den Bauch meiner ebenfalls vertauschten Mutter. Da war noch reichlich Platz links und rechts neben mir, aber ich war heilfroh, dass die restlichen sieben Schreihälse nicht auch noch mit auf diesen Hubschrauberlandeplatz wollten. Alle quakten durcheinander und immer wieder faselten sie etwas von Konstantin und blickten mit diesem kollektiven Kiffblick auf mich. Aha, das war dann sicher mein Name. Ehrlich gesagt, das war das erste Mal, an dem ich noch hoffte und betete, dass ich mich bis hierhin geirrt hatte und doch noch in eine 67-Zimmer-Luxusvilla einziehen würde, denn etwas adelig wirkte der Name schon auf mich.

Wieder einmal waren die Luftballons dran. Eine von diesen Uniformierten, diesmal eine Frau, stürmte ins Zimmer, riss mich an sich, platzierte mich vor die Fleischklöße und steckte mir einen von den Mordskalibern in den Mund. Zum Schreien blieb mir keine Zeit. Irgendwie war mir auch nicht nach Schreien, denn mittlerweile bekam ich richtig Spaß mit diesen Dingern und so ganz nebenbei versperrten sie mir auch noch den Blick auf diesen Kindergartenhaufen. Sie waren zwar um keinen Deut leiser geworden, quengelten unaufhörlich herum, aber, sollte mir doch egal sein. Ich schien hier die erste Geige zu spielen und das war auch ein schönes Gefühl. Ich hatte inzwischen auch meine Bedenken gegen den Frühstückscocktail abgelegt, denn ich war zwar genervt und sauer, aber bekifft war ich ganz bestimmt nicht, nachdem ich das erste Mal von diesem Zapfhahn genossen hatte.

Erstaunlicherweise hatte dieser Mann, der mein Vater sein wollte, wohl noch keine Zeit gefunden, etwas Vernünftiges zu essen. Er war noch genauso hungrig wie vorhin. Fast schon zwanghaft knabberte er immer wieder an meiner Tauschmutter herum. Hunger ist eben etwas ganz Schreckliches.

Ach, die konnten mich doch alle mal! Millionen hin, Millionen her. Erst einmal lag ich vor diesen Ballons und es ging mir ausgesprochen gut, denn das Zeug, das da herauskam, schmeckte gar nicht so schlecht und um den Rest würde ich mich dann später ausgiebig kümmern. Das bekäme ich sicherlich noch in den Griff. Es gibt zwar dummerweise noch keine Elternklappe, aber die Sache mit dem Umtauschen war heute, dank Verbraucherschutz, nicht mehr so kompliziert.

Alles easy, solange die Garantie noch nicht abgelaufen war und genau das erschien mir etwas unwahrscheinlich, denn ich hatte gerade erst taufrisch die falschen Eltern bekommen.

2

In den ersten Tagen meines neuen Erdendaseins versuchten mein Großhirn und mein Kleinhirn alle möglichen Eventualitäten für die Umtauschaktion zu koordinieren. Ich müsste den Kontakt ‹nach oben› aufbauen, aber wie? Warum meldeten die sich denn nicht? Ich hatte doch schon unzählige Notrufe abgesetzt. Wie sollte ich aus dieser Lage rauskommen, wenn die sich ‹da oben› nicht rührten? Ach, mir würde schon irgendetwas einfallen. Gut Ding will Weile haben. Im Zweifelsfall könnte ich ja auch noch auf die Zeitung zurückgreifen: »Familie zu versteigern!« So schlecht hörte sich das doch nicht an. Mittlerweile gab es ja solche Tauschbörsen, wäre noch angebrachter, denn irgendwo musste ich ja bleiben! »Tausche Kleinstadtgroßfamilie gegen Ölbaroneinkindfamilie.« Hörte sich doch gut an. Es würde eine passable Lösung geben, da war ich mir ganz sicher.

In der restlichen verbleibenden Zeit plänkelte ich so hin und her zwischen Luftballons, Nacktbaden mit Schwester Moni und Kindergartengörenohrenterror. Vom Grunde her nicht übel, es hätte mir bedeutend schlechter gehen können ... aber der High-Speed-Terror spitzte sich noch zu!

Als wenn die Herausforderung mit sieben Geschwistern nicht schon gereicht hätte, kam eines Morgens direkt nach meiner Nacktbadesession mit Schwester Moni eine alte, vielleicht sogar uralte, ungebügelte Frau in unser Zimmer. Auf mich machte sie den Eindruck, als würde sie im Antiquitätenladen als Schaufensterpuppe ihr Geld verdienen. »Was will die denn hier? Wir sind doch kein Museum«, schoss es mit panischer Anwandlung durch meinen Kopf.

Mit ihren, bis an die Knöcheln reichenden Filzpantoffeln, schlurfte diese Gestalt leicht gebückt an mein Bettchen. Wie aus der Kanone geschossen krächzte sie unüberhörbar in meine Ohren: »Halöli, hier ist das Omili! Halöli!«

Oh mein Gott! Omili! Das war doch nicht etwa meine Oma! Entsetzlich! Noch so ein Nichtunbedingtmillionärkandidat!

»Da ist ja endlich unser Bübili!«, hauchte sie.

»Bübili? Ich helf dir gleich, Bübili! Ich heiße KONSTANTIN!«, schmetterte ich ihr in Gedanken entgegen. Aber ... warum sagt diese Mumie ... ENDLICH? Es waren doch schon sieben Orgelpfeifen vor mir da!

Mein vegetatives Nervensystem und meine Schweißdrüsen arbeiteten auf Hochtouren. Ich versuchte völlig verkrampft mir die Nervensägen vorzustellen, die meine Geschwister sein wollten. Und dann ..., und dann ...! Allmählich dämmerte es mir! Potz Blitz tausend! Das waren alles Mädchen! HALLELUJA!!!

Einen ganzen Stall voller Weiber! Das war ja nicht zum Aushalten! Mir blieb auch nichts erspart! Können kleine Babys einen Herzinfarkt bekommen? Dann stand ich wohl kurz davor! Meine Haarpracht, die aus fünf wunderschönen Exemplaren bestand, stand so bombenfest in die Höhe, dass selbst die dickste Bürste ihre Mühe gehabt hätte, sie wieder an die Kopfhaut anzulegen. Hätten die nicht wenigstens ein paar Jungen untermischen können. Oder wenn sie ganz gute Laune gehabt hätten, dann wäre es doch möglich, den kompletten Haufen mit Jungs auszustaffieren. Warum denn nicht? Die Mädchenvariante war ja auch möglich. Das hatten die doch hinbekommen. Man, die hätten wissen müssen, dass mir das mit den Jungen tausendmal besser gepasst hätte.

Adrenalin überflutete meinen Körper bis in die klitzekleinste Zelle! Meine Wut auf ‹die da oben› türmte sich immer höher auf, der Kilimandscharo war ein Waisenknabe dagegen. Die hatten bei meiner Auslieferung nicht nur gepennt, deren Hauptbeschäftigung bestand wohl darin, den ganzen Tag Haschkekse zu futtern. Eile war geboten!

An meine Möchtegernmutter hatte ich mich ja inzwischen gewöhnt. Sie hatte zwei unschlagbare Argumente, die mich immer wieder in den Bann zogen. Aber, was sollte ich mit so einem ewig hungrigen Vater, mit so einer schrillen ‹Omili›, mit diesen Nervenmotorsägen anfangen! So etwas konnte ich nicht gebrauchen. Absolut indiskutabel!

Wenn das mit diesem Lärmaufkommen von diesen Nervensägen so weiter ging, würde ich in den nächsten Tagen einen Tinnitus und einen Hörsturz, wenn nicht sogar einen totalen Hörverlust erleiden! Und was noch viel schwerer wog, es gab nicht mal einen Nanohinweis auf die ganzen Millionen? Ein Millionär hätte doch in seinen Gemächern Lärmdämmungsmaßnahmen eingebaut. Nein, er hätte diesen Quälgeistern sofort Hausverbot erteilt! Schwester Moni würde mir doch mit vergoldeten Schwämmchen in einem Pool mit goldenen Wasserhähnen, der so groß wäre, dass ein Elefant darin baden könnte, den Allerwertesten waschen! Phasenweise ergriff mich die Angst, diese Vertauschfamilie hätte mich sogar einer Gehirnwäsche unterzogen, denn es gab mittlerweile Momente, da wäre mir ein einziges Milliönchen schon recht gewesen.

Hiiiilfe! Neeeeiiiin! Oberhammersuperaffenunakzeptabel!

Das Ganze war Grund genug, meinem Gehirn ein bisschen Beine zu machen, damit es endlich eine passable Lösung für die Tauschaktion auf dem Schirm hatte. Ein oberdringlicher Notruf war angesagt: »Konstantin an Gehirn! Konstantin an Gehirn! Bitte melden! Bitte melden!!! UUUUUUUUUNBEDINGT SOFORT MELDEN!!!«

Auch das Weglassen des ‘Bitte’ beeindruckte mein Gehirn in keiner Weise. Keine Lösung in Sicht! Keine Meldung von Gehirn an Konstantin! Gähnende Stille! Lähmendes Warten! Malheur de Kack!!!

3

»Wartet nur ab, diesen Laden hier mische ich so richtig auf!«, schoss es durch meine auf Hochtouren laufende Denkausrüstung, als ich mit meinen Eltern zum ersten Mal vor dem Haus stand, in das ich jetzt einziehen sollte. Das Haus sah in groben Zügen schon aus wie eine Villa, aber, um ehrlich zu sein, eher wie die ‹Villa Kunterbunt›! In diesem Haus sollte ich nun mein Dasein fristen, mit acht Weibern und dem hungrigsten Artgenossen, den meine Spezies wohl jemals haben würde. Meine Rückrufaktion zeigte leider immer noch keinen Erfolg, also musste ich meinen Frust gnadenlos rauslassen, wann, wo und an wen ich nur konnte. Ein kleiner, aber vielversprechender Trost.

Die Anzahl an Fenstern, die ich an diesem Häuschen ausmachen konnte, ließ ohne zu übertreiben arg zu wünschen übrig. Nach schleunigsten Hochrechnungen, bezüglich der Zimmerzahl, würden es nicht einmal 6,7 Zimmer, geschweige denn 67 sein, die dieses Haus zählte. Den Hubschrauberlandeplatz und den Butler hatte ich schon aus meinem Etat gestrichen. Ein schmaler, holperiger Weg führte direkt auf den Eingang zu. Im Schneckentempo - schneller war auch nicht unbedingt vonnöten - näherten wir uns der Eingangstür, oder sollte ich lieber sagen, dem Brett mit Griff. Dieses Brett, oder Tür, oder wie auch immer, erfüllte eher eine Fliegengitterfunktion, als die einer einbruchsicheren Haustür. Aber die Tür war noch nicht alles! Ich traute meinen Ohren nicht. Je näher wir kamen umso deutlicher konnte ich dieses Schrillen vernehmen. Dieses abartige Krächzen! Dieses durchdringende, tinnitusfördernde Gejaule! Schrecklich laut und schmerzhaft für meine Ohren ertönte ein: »Halöli! Halöli, Bübili!«

Also ...! Ich musste mich korrigieren. Ich teilte mir das Haus mit NEUN Weibsbildern! Langsam, aber beständig stiegen die Sympathien für meinen Vater. Neun Weiber! Der arme Kerl. Wie hielt der das nur aus? Im zweiten Anlauf minimierten sich die Sympathien schon wieder. Mal ganz ehrlich! Ein großes Stückchen Schuld traf ihn doch selbst an dieser Schieflage, er war doch der Produzent dieser Bande.

Beim Hereingehen konnte ich mit großer Anstrengung auf einer verwitterten Holztafel eine Inschrift lesen: K-O-H-L-R-A-B-E. Aha, ich hieß also Konstantin Kohlrabe. Nun, es hatte schon mal eindeutig bessere Namen gegeben, vor allem adelig klingendere. Wir gingen ins Haus und standen im Flur, wenn man den Ort so nennen will. Eine Empfangshalle war es jedenfalls nicht. Wenn ich an meinen Flur aus dem Traum in Dubai dachte, waren die Ähnlichkeiten mit diesem Flur so groß, wie die zwischen Wallnussbäumen und Krokodilen. Im Grunde war ich froh, dass ich noch nicht laufen konnte, denn der wenige Platz, den dieses Flürchen bot, war zugepflastert mit Schuhen und Schuhen und Schuhen. Und Jacken und Jacken und Jacken. Und ..., wäre ich auf eigenen Füßen hier hineingetorkelt – die Gefahr wäre wohl groß, postwendend mit einem gebrochenen Bein, gepaart mit einem Schädelbasisbruch, wieder im Krankenhaus gelandet zu sein.

Ich warf meine Blicke wild umher, um die Lage zu peilen. Als ich in das Zimmer geradeaus blickte, konnte ich vage eine Küche erkennen. Dem Geruch nach zu urteilen schien ich mich nicht zu irren.

»Halöli!« Schon wieder dieses Gekrächze. Das Stimmband dieser Vertauschoma war bestimmt genauso plisseeartig ausgebildet, wir ihr Äußeres. Sonst könnte man nicht mit so einer Stimme aufwarten. Und wieder: »Halöli!« Das Gekrächze kam immer noch aus der Küche! Konnte die Mumie etwa kochen? Na, ja, wofür gibt’s denn Kochsendungen? Höchstwahrscheinlich guckte die den ganzen Tag nichts anderes als Kochsendungen.

»Papi, Mami!!!« Ein Schreihalsgetöse setzte sich in Gang. Wie eine Sirene schwoll der Krach immer lauter an, geschätzte 120 Dezibel. Gefahr des Trommelfelldurchbruchs! Aus dem Wohnzimmer kam uns die ganze Rasselbande entgegengelaufen. Ich wäre froh gewesen, wenn ich wieder in meinen kleinen beschaulichen Glaskasten zurück gekonnt hätte. Auch wenn er keine goldene Umrandung hatte. Aber – unmöglich! Dahin zurück ging wohl nicht! Es blieb mir aber auch nichts erspart!

Wir gingen alle zusammen ins Wohnzimmer. Mein Vater nahm mich auf den Schoß und mich überkam ein Hauch von Glücksgefühl: »Na, endlich: Männer unter sich! Wir könnten doch gemeinsam einen Schlachtplan gegen diese Brut aushecken.« Fehlinformation, es sah nicht danach aus.

Unüberhörbar legte er mit sulzig angehauchter Stimme los: »So, mein lieber Konstantin, es wird Zeit, dass ich dir deine reizenden großen Schwestern mal vorstelle.«

»Oh, nein, muss das sein? Das ist das Letzte, wonach mir jetzt der Sinn steht. Und das reizend, das lass mal schleunigst weg.« Jetzt bedauerte ich, dass ich noch nicht laufen konnte. Ich wäre schnurstracks ausgerissen.

»Stellt euch mal der Reihe nach auf, Mädels«, befahl er.

»Hab ich’s doch gesagt: Orgelpfeifen. Besser konnte man diesen Anblick nicht beschreiben.«

Dann legte Vater los, indem er gleichzeitig mit dem Finger in die Richtung der Ziegen zeigte: »Das hier ist Kosima, das Katharina, Kunigunde, Klarissa, Koralinde, Klementine und Klothilde. Sind sie nicht wunderschön, meine Mädels?«

Wunderschön? Der hatte wohl seine Geschmacksnerven in Salzsäure gebadet. Danach ist einfach alles wunderschön, weil der Geschmackssinn abhandengekommen ist. Klothilde hatte große Mühe, diese Prozedur zu überstehen, denn sie konnte gerade erst laufen und fiel aus dem Stand immer wieder auf ihren mit Windeln eingepackten unteren Teil des Rückens. Ich stellte mir mit Inbrunst vor, wie himmlisch Klothilde aussähe, wenn ich ihr erst mal ein Beinchen gestellt hatte und sie platt mit Kopf und Bauch in eine Motkepfütze gelandet wäre. Oder wenn ich Kosima im Schlaf den Pferdeschwanz abgeschnitten hätte. Diese wunderbaren Gedanken ließen meine Laune in astronomische Höhen steigen. Oder, wenn ...

»Du meine Güte, alles nass! Konstantin läuft aus!« Mein Vater riss mich unsanft aus meinen süßen Tagträumen. Ich hätte ihm für diesen Gewaltakt am liebsten auch etwas abgeschnitten, zumal es noch den Nebeneffekt gehabt hätte, dass irgendwann nicht noch mehr Kosimas und Klementinen hier herumlaufen würden. »Meine Hose, meine Beine sind total zugepieselt. So was Blödes. Nun denn, dann müssen wir unseren kleinen Konstantin wohl mal auspellen. Mädels, das ist eure Gelegenheit. Dann könnt ihr gleich mal angucken, was ein souveräner Heldenvater so alles drauf hat.«

»Juhu!« schrie der ganze Haufen durcheinander und war schon vor uns im Badezimmer, schneller als ich überhaupt denken konnte.

Spanner! Hatten die noch nie etwas von Privatsphäre gehört? Wo bleibt die Sexualmoral? Ich bin doch nicht nach Hause gekommen, um eine Peepshow zu veranstalten. Aber – ich hatte keine andere Möglichkeit. Ich musste diesen lüsternen Akt über mich ergehen lassen.

Mein Vater stellte sich dabei an, als wäre er ein Erstklässler oder besser formuliert ein Kindergartenkind. Unbeholfen zuppelte er an mir herum. Man, waren die anderen sieben sabbernden Sexspanner denn alle vom Postboten oder hatte er sich bei denen nie um diese Dinge gekümmert? Umständlich, als hätte er Knoten an den Fingern oder Rhema in den Gelenken schaffte er es endlich, mich von dieser triefenden Verpackung zu befreien und schon schrie Koralinde, als wenn sie auf einem Nagelbrett säße: »Iiiiiiiihhhhhh, was ist das denn?«

»Koralinde, das ist bei kleinen Kindern immer so. Die können noch nicht auf die Toilette gehen und deswegen machen sie eben den ganzen Scheißkram in die Windel«, beruhigte sie mein Vater.

»Aber das meine ich doch nicht! Was hat der denn da für komisches Bammelzeug rumhängen?«

»Ach, das meinst du. Das komische Bammelzeug ist der Pipimann von Konstantin. So etwas haben die Jungen eben.«

»Das will ich aber auch haben!« schrie Kunigunde energisch und unüberhörbar.

Vater blieb ganz besonnen: »Das geht leider nicht, das kann man nicht nachordern. Entweder man hat es oder man hat es nicht.«

Kunigunde lief zur Höchstform auf: »Dann scheide ich dem da das ab, dann soll der das aber auch nicht haben, wenn ich das nicht haben darf!«

»Aaaauuuu! Dürfte ich dazu auch was sagen? Hee, schon mal was von Sadismus gehört? Darauf steht lebenslang. Nein, bei kleinen Mädchen steht darauf sogar die Todesstrafe (auch nicht schlimm – eine weniger).« Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Ein Thriller über die Mafia hätte kaum angsteinflößender sein können.

»Was macht man denn damit?« wollte Koralinde wissen.

»Als Erstes einmal macht man damit Pipi. Und was man als Zweites damit macht, das verstehst du nicht, dafür bist du noch zu klein.«

»Aber ich will das wissen«, schreiend, fast jähzornig, stampfte Koralinde mit den Füßen auf den Boden.

Mein Vater schaltete auf Aufklärungsunterrichtstonfall um: »Das verstehst du nicht. Wenn du 32 bist, kannst du ja deine Mutter noch mal danach fragen. Das ist früh genug. Andernfalls läufst du noch Gefahr, frühreif zu sein.«

»Was ist frühreif?«

»Aus! Genug! Das reicht jetzt! Entweder geht ihr alle sofort in euer Zimmer oder ihr hört jetzt endlich mit diesen dösigen Fragen auf!« Das Machtwort saß.

Dieser Feigling. Gerade der müsste doch ausgiebig erklären können, wozu so ein Ding da ist. Der hat doch selbst so eine Kanone und im Nachladen ist der doch absoluter Weltmeister, wenn ich’s recht überlege, sogar Weltallmeister. Sichtlich wütend und immer noch neugierig beugte sich Koralinde über mich, als wenn es in meinem Prachtstück eingraviert wäre, was man da sonst noch so alles mit machen könnte. Das war mein Einsatz. So eine Change musste ich einfach nutzen. Eine kleine winzige Anstrengung und ... Koralindes Gesicht wurde geduscht mit frisch produziertem gelblichem Gebräu Marke Konstantin.

Sie schrie das ganze Haus zusammen, oder vielleicht sogar die ganze Straße. Ach, was sage ich, sie schrie die ganze Stadt zusammen. War mir doch egal. Dieses Thema war jedenfalls vom Tisch. Was gingen diese Zicke denn solche Themen an? Die konnte kaum »Zwei tschechische Zwergschwalben zwitschern im Zwetschgenbaum« sprechen und interessierte sich schon für Sexpraktiken. Ungeheuerlich! Noch ungeheuerlicher wäre es, wenn jetzt auch noch die Mumie ankäme und mein frisch gebackenes Werkzeug begaffen wollte. Der würde ich so eine Fontaine verpassen, dass sie sich die restliche Zeit ihrer verbleibenden zweieinhalb Jahre, die sie noch hatte, nie mehr in die Nähe armer, unschuldiger, nackter Kinder trauen würde.

Glücklicherweise entging mir dieses Horrorszenario. Ungelenk, wie mein Vater war, brach er mir fast die Extremitäten und ansatzweise auch meine Rippen beim Versuch, mir eine trockene Verpackung anzulegen und meine Männlichkeit vor den hysterischen Sexmonstern zu verstecken. War ich froh, dass ich aus dieser Prozedur heil herauskam.

»Nun ist es Zeit für unseren kleinen Konny schlafi-schlafi zu machen«, säuselte mein Vater durch die stinkige Badezimmerluft.

Potz Blitz tausend! Jetzt litt der auch noch an Sprachkrebs. Konni?! Nun hatte ich schon mal einen einigermaßen adeligen Namen und der verhunzt den mit seinen ordinären Sprachanwandlungen. Warte nur, komm du mir mal in die Nähe der Konstantin-Dusche. Auch ohne mein Zutun sah mein Vater irgendwie aus, als wäre er gerade der Dusche entwichen. Es gab kaum noch eine trockene Stelle in seinem Gesichtsfeld. Ich glaube, dieser Einsatz war ein wenig viel für ihn. Ja, ja. Beim Kindermachen in erster Reihe stehen, beim Kinderkriegen andere vorlassen, bei der Kinderaufzucht Rückwärtsgang einlegen. Solche Väter braucht das Land.

Froh über seine vollbrachten Taten ging er, mit sieben Kletten im Schlepptau, mit mir in mein Schlafzimmer. Mein ist hier wohl ein bisschen dick aufgetragen. Ein von Etagenbetten bevölkertes, von Spielzeug vollgestopftes, von hässlichen Mädchenklamotten verhunztes Zimmer erwartete mich. Im Karree standen vier Etagenbetten und in der Mitte blieben noch 2-5 qm, um sich zu orientieren und nicht ins falsche Bett zu steigen. Auf einer Stelle stehend war es meinen Eltern bestimmt möglich, jedem ihrer Kinder am Abend einen Gutenachtkuss zu geben. Vereinsamen würde ich hier des Nachts offensichtlich nicht. Den Traum vom Badezimmer mit goldenen Hähnen, Schlafzimmer, Ankleidezimmer, Empfangsraum, Spielzimmer, Musikzimmer, Fitnessraum, Mal- und Kreativzimmer, Vorlesezimmer mit Kinderbibliothek konnte ich ein für alle Mal an den Nagel hängen. Das hier war ein Exemplar der Ausführung ‹all in one›.

»Na wartet nur, ihr da oben! Ihr Mitaussuchengel! Mit euch rechne ich noch ab!«

Mein Vater legte mich in eines der unteren Betten von diesem Massenabfertigungsschlafraum. Ach, wie freute ich mich endlich, wieder von dieser dösigen, ordinären, fliesbandkinderproduzierenden Sippschaft abschalten zu können. Ich wünschte mir die schönsten Träume, die sich jemals eine Kreatur in diesem Universum gewünscht hatte. Nach allen Regeln der Kunst wollte ich alles geben, um mich von dieser Einöde abzulenken. Mit zuckersüßen Gedanken an Rolls-Royce, Privatjacht, eigenem Kreuzfahrtschiff, Hubschrauberlandeplatz auf dem Hausdach ... schlief ich ein.

Der Traum kam wirklich postwendend, ohne lange auf sich warten zu lassen. Ich war ungefähr neun Jahre alt und stand im Versace Anzug, einem Joop Hemd, einer Lagerfeld Krawatte, einer Giorgio Armani Uhr und einer Gucci-Schultasche auf dem Dachplateau unserer 67-Zimmer-Villa. Dort wartete ich auf den Hubschrauber, der mich jeden Morgen pünktlich um 11.30 Uhr zu meinem Privatlehrer flog, um mich um 12.45 Uhr wieder zurückzubringen. Der Lehrer wohnte 2,3 Kilometer entfernt in einem eigens für mich gebauten Schulungsgebäude. Dort unterrichtete er mich in Fächern wie: Personalführung, Selbstbewusstseinserweiterung, Cholerikertraining, um nur einige zu nennen. Der Sportanteil seines Unterrichtes bestand aus Chefsesselsitzgymnastik, um meine Muskulatur schon frühzeitig auf mein hartes Berufsleben vorzubereiten. Der Sportunterricht war ausgezeichnet, denn ich erhielt schon ganz früh die allerbesten Haltungsnoten.

Der Hubschrauber landete und mein mit Haargel am Kopf klebendes, glänzendes Haar wehte ansatzweise aus der Position. Das war weniger schlimm, denn wenn ich zurückkommen würde, wäre gleich mein Privatfriseur zur Stelle, um meine Haarpracht wieder in adelige Stellung zu bringen. Aber jetzt erst hieß es wieder einmal: Auf in den Schulmarathon.

Im Unterricht brachte ich meinen Lehrer oft zur Verzweiflung, manchmal war er aber auch stolz auf mich, was ich alles schon so bei ihm gelernt hatte. Mein Selbstbewusstsein konnte sich mit dem eines Säbelzahntigers messen und meine cholerischen Auswüchse sorgten dafür, dass die Leute vor mir zitterten wie eine kleine Maus vor einem dicken, fetten Kater.

Soweit zum Pflichtprogramm. In den kurzen Pausen wurde mein Lehrer nicht müde, mir unaufhörlich zuzusetzen. Er versuchte mir einzureden, dass all mein Reichtum völlig unerheblich sei. Völlig unwichtig! Es war zum Verzweifeln, mit welchem Elan er auf mich einredete: »Mein lieber Konstantin! Es gibt Dinge im Leben, die kannst du nicht sehen, nicht kaufen, nicht mit unendlichen Millionen aufwiegen. Du kannst sie nicht messen in Dollar, in Euro oder in Aktien. Achte auf Dinge zwischen den Zeilen. Achte auf dein Inneres, deine Gefühle, deine Seele. Obwohl du in materiellen Dingen schwimmst, kannst du ein völlig armseliges Leben führen, wenn deine Seele dabei verdurstet und verkümmert. Das Leben auf dieser Erde ist nicht so, wie du es wahrnimmst. Du wirst noch erkennen, was ich damit meine, das Leben wird dich diese Dinge schon lehren. Da gibt es noch viel wichtigere Dinge, die wichtiger sind als dein finanzieller Reichtum.«

Dieser Stümper! Der war doch nur eifersüchtig auf meine Millionen, denn er war arm wie eine Kirchenmaus. Deswegen versuchte der mir jetzt einzureden, dass meine Millionen schlecht wären. Ha, ha, Bürschchen, dich habe ich doch durchschaut.

Dann war sie ganz plötzlich wieder da! Die Wirklichkeit! Aus der Traum! Ich wachte unerbittlich auf und musste mich der Realität stellen. Am liebsten wäre ich vor Wut an die Decke gesprungen! Aber das hätte mich allerhöchstens an die Matratzenunterseite des oberen Etagenbettes manövriert. Erstens tat es bestimmt höllisch weh, und zweitens brachte mich das nicht weiter. Aber warum konnte nicht alles so wie im Traum sein? Es wäre doch so schön. Als Alternative lebte ich wie eine Ölsardine in der Büchse am Stadtrand von irgendeinem Kaff, statt in Saus und Braus wie ein Ölbaron in seinem Paradiespalast.

4

Tapfer boxte ich mich durch die Widrigkeiten des Alltagslebens, die Garantie von drei Jahren war langsam aber sicher abgelaufen und meine Reklamationszeit entschwand. Kurioserweise konnte ich mich, je näher ich dem Ende der Garantie kam, immer weniger an meine damalige Bestellung und an mein verpasstes Leben erinnern. Nur noch verschwommen konnte ich erkennen, wie ich damals ‹oben› gesessen hatte, wie ich mit ‹denen da oben› genau aussuchte, wer meine Eltern werden würden, wohin ich geboren werden sollte, was für Hürden ich im Leben meistern wollte. Was hatte ich in all meinen bisherigen Leben, die hinter mir lagen, noch nicht gemeistert? Von welchen Gefühlen aus meinen alten Leben wollte ich die gegenteiligen Aspekte erfahren? Wie spannend war es gewesen, mir meine neuen Aufgaben zu kreieren. Immer blasser wurde für mich das Wissen, dass ich selbst die Stolpersteine für mein Leben hingelegt hatte, weil ich daran wachsen wollte. Es wurde immer undurchsichtiger! Der Schleier wurde immer dichter! Hatte es sich ‹da oben› wirklich so zugetragen, oder war das auch einer meiner vielen Träume, die ich immer wieder hatte? Bildete ich mir das alles nur ein, entsprang es meiner Fantasie? Ich konnte immer weniger behaupten, dass es stimmte! Die Vorstellung von einem selbst ausgesuchten Leben wurde permanent blasser, bis sie irgendwann nicht mehr zu erkennen war. Also lag auch mein Umtauschbestreben irgendwann brach, ich vergaß es einfach. Nur nicht die Millionen, die ich doch so gern besessen hätte, die blieben irgendwie in meinem Unterbewusstsein noch da, zumindest der Drang danach.

Unterdessen leistete ich mir mit Wonne erbitterte Grabenkämpfe mit Kosima, Katharina, Kunigunde, Klarissa, Koralinde, Klementine und Klothilde. Klothilde war mein liebstes Opfer, denn sie konnte sich am wenigsten zur Wehr setzen und verfiel immer in einen hocherfreulichen Wut- und Schreianfall. Sehr zu meiner Freude! Manchmal ging dieser Schuss aber nach hinten los, denn sie verstand es aufs Allerbeste, die Mitleidsdrüse von Papa und Mama zu aktivieren. In solch einem Gefechtsfall schrien´ auch Papa und Mama kräftig mit, schimpften wie Rohrspatzen, allerdings nicht auf Klothilde, sondern bedauernswerterweise auf mich.

Ihre Namen hatte ich mittlerweile auch herausbekommen. Sie hießen Ernestine und Luitpold ..., ohne Kommentar!

Die Mumie nannten alle Esmeralda. Ich blieb lieber bei Mumie, den Namen fand ich passender. Blöderweise hatte die sich nicht an meine Vorhersage mit den zweieinhalb Jahren gehalten, denn sie weilte immer noch unter uns. Das drängte mich zu der Vermutung, dass solche Schreckschrauben, wie sie eine war, wohl generell eine höhere Lebenserwartung gepachtet hatten. Alles in allem hatte ich sehr anstrengende Alltagsrhythmen zu überwinden, die immer wieder das gleiche Schema beinhalteten. Diese bestanden aus:

Grabenkämpfe –

Mumie ärgern –

Besenkammervoninnenbegucken ...

Grabenkämpfe –

Mumie ärgern –

Besenkammervoninnenbegucken ...

und das immer wieder mit neuen intelligenten Hochgenüssen meinerseits (zumindest außerhalb der Besenkammer).

Es gab aber auch schöne Begebenheiten, wie zum Beispiel die Männerabende mit Papa Luitpold und mir. Es war jedes Mal die gleiche Zeremonie. Im Fernseher lief ein Krimi und auf dem Tisch standen ein Gedeck (Bier und Schnaps) für Papa und dazu leckere Chips für mich, manchmal jedenfalls. Diese Abende waren immer wieder aufs Neue göttlich für mich, denn mir gefiel, dass die weibliche ‹K-Bande› dabei jedes Mal die Wohnzimmertür nur vom Flur aus betrachten durfte. Das waren endlich mal Momente, in denen ich eine besondere Rolle spielte, in denen ich gesehen wurde, in denen man mir, zumindest mein Papa, Aufmerksamkeit schenkte, auch wenn ich die mit dem Fernseher teilen musste. Im normalen Alltag war dafür keine Zeit. Papa und Mama waren zu sehr in ihren Aufgaben gefangen. Acht Kinder, Haushalt, Arbeit ... Der normale Trott, das war okay für meine Eltern, zu mehr fehlte ihnen die Zeit. Obwohl, eine nicht gerade unbedeutende Kleinigkeit gab es da allerdings doch noch.

Über die freute ich mich insgeheim ganz besonders: Papas Kanone war nicht wieder nachgeladen worden.

Irgendwann war dann die Schule nicht mehr zu umgehen. Bei der Schuluntersuchung wurde festgestellt, dass ich zwar einigermaßen intelligent, aber blind wie ein Maulwurf war. Das hatten vorher weder Papa, Mama noch die Mumie bemerkt. Meine Mutter verpasste mir postwendend in Komplizenschaft mit dem Optiker eine Brille der Marke Monstergestell. Die Gläser waren so rund und groß wie Ofenrohre und so dick wie Glasbausteine. Als ich mich das erste Mal im Spiegel bewunderte, traf mich der Schreck auf unerbittliche Weise. Ich sah aus wie eine Mischung aus Harry Potter und Albert Einstein.

Die Schule als solches löste in mir nicht gerade Jubelanfälle aus. Seitdem ich mein Glasbausteinmonokel trug, bot ich den Kindern in meiner Klasse den besten Nährboden für Sticheleien, Hänseleien und unschönen Wortspielchen. Allein, dass ich jeden Morgen von sieben Zicken begleitet zum Schulgebäude pilgerte, lockte aus ihnen Kraftausdrücke wie: Warmduscher, Muttersöhnchen oder Schwesternbaby, hervor. Aber, die kannten Konstantin noch nicht! Ich konnte mich wehren ... Boxkampfeinlagen der Güte Cassius Clay in Höchstform waren an der Tagesordnung. Dummerweise hatte das Folgen: Glasbausteinbruch, blaugrüne Verzierungen im Gesicht, ungerechte Hausarbeitsrationen vom Lehrer und mindestens jeden 3. Tag Schulgebäudeaufenthaltsverlängerung. Kein Lehrer hatte Mitleid mit mir, andersherum hatte ich natürlich auch kein Mitleid mit denen. Ich brachte sie immer wieder regelmäßig zur Weißglut - hatten die doch auch nicht besser verdient. Welcher vernünftige Mensch verbringt denn seinen Tag damit und macht es denn auch schon zu seinem Job, kleine Kinder zu drangsalieren? Die Oberfrechheit war ja, dass die damit auch noch ihr Geld verdienten. Rache war süß und mittlerweile mein Lieblingsthema.

Die Mumie entwickelte sich langsam zur Antimumie. Sie war diejenige, die schnell erkannte, wenn ich mich einsam, verlassen und gekränkt fühlte, nahm mich dann auf ihren Schoß und versuchte mich zu trösten. Sie erzählte mir vom Leben, hatte für alles eine Erklärung. Wie ungerecht hatte ich stets über sie gedacht. Voreilig und unüberlegt! Wir verstanden uns immer besser und ich nannte sie nicht mehr Mumie, sondern liebevoll ‹Oma Mumi›. Ich hatte mich so an den Namen Mumie gewöhnt, da wollte ich ihn nicht ganz aufgeben, außerdem war Esmeralda für meine Kinderzunge sowieso zu lang.

Oma war die Einzige, die mich, wenn ich mit bunt verzierten Augen und geschwollener Nase das Haus betrat, liebevoll in den Arm nahm und tröstete: »Ach, mein lieber kleiner Konstantin. Das ist doch alles nicht so schlimm, wie es aussieht. Fang nicht gleich an, alles zu verurteilen. Trete einen Schritt zurück und sieh dir die Situation aus einer anderen Blickrichtung an. Die Jungen mögen dich bestimmt, sie können das nur nicht so zeigen. Du bist genauso, wie du bist: Einzigartig und wunderbar. Auch wenn die Jungen das Gegenteil sagen. Du wirst in deinem Leben geliebt, auch wenn das im Moment für dich nicht den Anschein hat.«

»Aber Oma, wie kannst du so etwas sagen? Die mögen mich alle nicht, wie kannst du das Gegenteil behaupten? Du bist ja nie dabei, wenn die so böse zu mir sind! Wenn die mich mögen würden, dann wäre vieles anders. Wenn diese blöden Schwestern nicht wären, dann ...«

»Hör auf, andere zu beschimpfen!«, unterbrach mich Oma Mumi. »Schau immer danach, was du selbst mit dieser Sache zu tun hast. Hast du Wut tief innen in dir, dann wird sich diese Wut auch in deiner Außenwelt zeigen. Das ist ein unumstößliches Gesetz. Die Jungen wettern gegen dich – du wetterst gegen die Jungen – und ihr haut aufeinander ein. Die Aggressionen steigern sich, ein Teufelskreis. Das geht so nicht!

Du allein bist für dich verantwortlich. Nicht die anderen. Nicht die Jungen, nicht deine Schwestern! Lerne gelassener zu werden. Lerne dich selbst zu lieben! Lerne nicht, alles sofort zu verurteilen, wie du es tust! Sehe nicht immer alles nur negativ! Sei nicht so aggressiv! Nur so geht es!

Du hast einen starken Willen, du hast Ziele. Liebe dich selbst so, wie du bist, lerne dich so anzunehmen, wie du bist, und du schaffst alles. Schau immer auf die Liebe im anderen und natürlich auch in dir, dann wird dir das Leben Flügel verleihen. Denke gut über die Welt und sie wird dir Gutes spiegeln! Sie kann gar nicht anders! Glaub an deine Millionen und du wirst sie bekommen!«

Ich verstand das alles nicht so richtig, was sie mir gebetsmühlenartig unterbreitete, das war mir doch eine Nummer zu hoch. Aber es war jedes Mal eine First-Class-Wundversorgung für Privatpatienten. Es wirkte wie ein 23 Zentimeter dicker Kopfverband, ab und zu sogar wie ein Körperkomplettverband. Besser hätte Omas Trost nicht wirken können. Egal, was Oma gerade machte, egal wie spät es war, egal, mit welchem Wehwehchen ich kam, sie hatte Zeit, hörte mir zu und tröstete mich. Irgendwann würde ich vielleicht verstehen, was mir Oma stetig eintrichtern wollte.

Meinen Schwestern gefiel das natürlich nicht. Sie waren von den Zehen bis zu ihren Zahnspangen neidisch auf mich und so sorgten sie dafür, dass die Wattewirkung nicht lange anhielt, der nächste Machtkampf war vorprogrammiert.

Für meine Schwestern war Oma Mumi natürlich auch immer da, aber die hatten ja nicht die dauernden Grabenkämpfe auszufechten, sie hatten es eben einfacher in ihrem Leben, als ich. Irgendwie schien denen nicht so viel im Weg zu stehen, wie mir. Die Mädels untereinander verstanden sich besser. Mit mir schien ihnen das nicht möglich zu sein. Sie hatten nette Freundinnen, die öfter bei uns zum Spielen auftauchten. Die Lehrer in der Schule waren gerechter zu ihnen und machten nicht so viel Ärger. Nachsitzen war für meine Schwestern ein Fremdwort. Bei denen war Oma Mumi nicht so gefordert, also war ich es, der sich ein Dauerabo zum Ausweinen bei Oma gesichert hatte. Wie göttlich! Oma Mumi war zum Lichtblick in meinem Leben geworden.

5

Drei Wochen nach meinem 12. Geburtstag kam ich wieder einmal Stunden später von der Schule nach Hause, mit einer Mordswut auf die Lehrer und einem Mordshörnchen von den Möchtegernklitschkos. Die Tränen hatte ich mir schnell von der Backe gewischt, damit die Rotznasen von Schwestern sie nicht sehen konnten. Die standen schon wieder grinsend am Fenster und freuten sich über meinen einsamen und langen Schulaufenthalt jenseits des Unterrichtes. Diese hämische Lache war kaum zu ertragen.

Ich stürmte ins Haus und rief: »Oma Mumi, Oma Mumi, wo bist du? Ich komme!« Keine Antwort. »Oma Mumi, hey, wo bist du?« Erneut keine Antwort... Stille! Ich stürmte ins Wohnzimmer, denn dort saß sie meistens am Nachmittag bei einer Tasse Tee, wenn ich von der Schule kam. Aber diesmal saßen zu meiner Verwunderung Papa und Mama auf dem Sofa. Was machten die denn hier? Normalerweise war Papa um diese Zeit doch noch bei der Arbeit. Mama traf sich am Nachmittag oft mit ihrer Freundin. Was noch dazukam, besonders vergnügt sahen die zwei nicht gerade aus.

»Wo ist Oma Mumi?« wollte ich sofort wissen.

»Konstantin, wir müssen mit dir reden.«

Der Tonfall gefiel mir ganz eindeutig nicht. Was war hier los? Wir müssen mit dir reden – so etwas passierte doch nur, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen. Wollen die mich jetzt zur Adoption freigeben? Haben die Oma Mumi etwa verkauft? Wo war sie denn bloß?

»Hör mal, Konstantin. Manchmal passieren Dinge, worüber wir sehr traurig sind«, begann Mama unsicher zu lamentieren.

Manchmal? Da konnte man doch wieder sehen, dass sie nicht den blassen Schimmer einer Ahnung hatte. Mir passieren laufend Dinge, worüber ich traurig bin.

»Ja, aber genau deshalb will ich ja zu Oma Mumi«, entfuhr es mir trotzig.

»Das geht nicht. Du kannst nicht zu Oma gehen. Du kannst nie wieder zu Oma Esmeralda gehen. Sie ist heute Morgen gestorben. Sie hatte einen schlimmen Herzinfarkt und ist noch im Krankenwagen verstorben«, fasste Papa sich ein Herz.

Das saß!!! Wie konnte der so etwas sagen. Und wenn es so wäre, wie konnte Oma Mumi mich hier in dieser Stierkampfarena allein lassen. Ich hatte doch nur sie, bei der ich mich ausweinen konnte. Nein, das würde sie niemals tun. Niemals! Niemals! Ich war außer mir. Die konnten mich doch alle mal. Wahrscheinlich nur wieder einer von diesen Angriffen auf das Konstantinnervenpaket. Oder? Sollte es doch stimmen? Immerhin passierte so etwas immer wieder. Man konnte sich ja nicht selbst aussuchen, ob man sterben wollte oder nicht.

Mama und Papa blieben beharrlich bei ihrer Aussage und so langsam wurde mir klar, dass es doch wahr sein könnte und ich verstand die ganze Welt, ja das ganze Universum nicht mehr.

Was sollte ich denn jetzt machen, so allein? Als Erstes verkroch ich mich in mein Bett, war todtraurig und weinte heimlich unter der Bettdecke, damit die blöden Weiber es nicht merkten. Ich stand den ganzen Nachmittag nicht mehr auf. Müde, enttäuscht und tieftraurig schlief ich Lichtjahre später ein.

In der Nacht bekam einen solches Mordsmagenknurren, als ob in meinem Bauch ein ganzer Löwenkäfig stationiert gewesen wäre. Ich wollte hinunter in die Küche, um mir etwas aus dem Kühlschrank zu stibitzen, war gerade im Begriff die Treppe herunterzugehen... da! Da saß Oma Mumi, mitten auf der Treppe und lächelte mir zu, wie es schöner nicht hätte sein können. Auf einmal war sie wieder da? Oma war wieder da! Ja, ja, sie war gar nicht weg. Oma hatte wohl ein schlechtes Gewissen! So etwas macht man doch nicht mit Konstantin. Mir so einen Schrecken einzujagen, unverschämt!

»Hallo, Oma Mumi, Oma Mumi! Du bist ja doch nicht weggegangen!« Ich war außer mir vor Freude und Erleichterung.

»Hab ich’s mir doch gleich gedacht. Die anderen haben mich nur angeflunkert und wollten mir Angst machen und mich ärgern! Wie immer!«, rief ich ihr freudestrahlend entgegen und sprang vor Begeisterung in die Luft. Ich setzte mich aufgekratzt zur ihr auf die Treppe und wir unterhielten uns, so, wie wir es immer taten.

Überglücklich lauschte ich ihren Worten: »Mein lieber kleiner Konny«, begann sie. Manchmal, wenn es brenzlig wurde, benutzte sie dieses unschöne, unadelige Fremdwort. »Du musst jetzt ganz stark sein. Du musst in allen Situationen an dich glauben, du musst die Freude in dein Leben lassen und darfst niemals vergessen, dass ich dich immer lieb habe. Vertraue auf meine Worte. Das ist ganz wichtig für dich.«

»Aber, das hast du mir doch schon achtundsiebzigtausend Mal erklärt, dafür brauchst du doch nicht extra nachts aufstehen«, unterbrach ich sie sichtlich genervt.

»Schau mal, Konstantin, ich bin doch gar nicht tot. Ich bin nur in eine andere Dimension gegangen. Ich lebe jetzt in einer anderen Welt. Und dort geht es mir sehr, sehr gut. Es ist nicht so, wie es im ersten Moment für dich aussieht. Ich bin trotzdem immer noch bei dir, wenn du mich brauchst. Ich passe auf dich auf und ich schupse dich hin und wieder mal ein wenig, wenn du unzufrieden in dein Gejammer verfällst und auf Opfertour gehst.«

»Also, bist du jetzt tot oder nicht?« Langsam wurde ich ungehalten bei dieser ewig gleichen Faselei.

»Mit den Augen der Menschen schon. Ihr könnt mich nicht mehr wahrnehmen. Nur einigen Leuten wurde es geschenkt, so etwas zu können. Es wird immer mehr Menschen geben, die mit Engeln oder Verstorbenen in Kontakt treten können, um den Menschen hier auf der Erde zu helfen. Das ist so vorgesehen und auch gut und wichtig für die Zukunft. Du wirst noch solche Menschen in deinem Leben kennenlernen. Wenn mein Körper auch nicht mehr hier auf der Erde ist, meine Seele ist immer bei euch, immer um euch herum. Wenn du mal traurig bist, sprich ruhig mit mir, ich höre dich ganz bestimmt.«

»Schwacher Trost, du hörst mich – haha, superegoistisch. Du hörst mich – ich dich nicht. Da kann ich ja viel mit anfangen.« Ich war nicht im Ansatz gewillt, ihren Worten zu glauben. »Das ist ja so, als wenn ich dem Radiosprecher was erzählen will, der antwortet mir dann auch nicht. Oder hast du schon mal gesehen, dass der aus dem Kasten herauskommt, um mit mir zu quatschen? Nee! Was habe ich dann von so einer Unterhaltung?«

»Du kannst mich auch wahrnehmen. Nicht mit der Sprache, wie du es gewohnt bist, aber ich mache mich bemerkbar durch Gedankenblitze, durch Einfälle, durch bestimmte Texte, die du liest, weil sie dir besonders ins Auge fallen, durch Lieder, usw. Es gibt viele Möglichkeiten, mich zu bemerken, du musst nur offen dafür sein und aufmerksam hinschauen.«

»Hinschauen, hinschauen, alles gut und schön. Das macht es nicht leichter, wenn ich dich trotzdem nicht erkennen kann, das hilft mir auch nicht!« Trotzig stemmte ich mich gegen solche Behauptungen.

»Sprich immer wieder mit mir, bitte mich darum, wenn ich dir helfen soll, ich werde mein Möglichstes versuchen! Du hast einen freien Willen, den werde ich achten. Nur wenn du bittest, kann ich dir auch helfen! Alles andere ist mir untersagt.«

»Dann probieren wir das doch gleich am Wochenende mal mit den Lottozahlen aus, dann sind meine Millionen doch endlich keine Zukunftsmusik mehr!« begeisterte ich mich.

»So ist das nicht gemeint. Es ist nicht wie in einem Selbstbedienungsladen. Heute ist mir mal nach Lottogewinn, morgen mal nach einem eigenen Flugzeug. Was bringt es dir, ein Flugzeug ohne Flughafen und ohne Pilotenschein? Nein! So habe ich das nicht gemeint! Die Hilfe, die ich dir zukommen lassen kann, muss auch einen Sinn für dich haben. Alles andere wäre für dich eher zum Nachteil und würde dich im Leben nicht weiterbringen.« Oma war noch genauso hartnäckig, wie sie früher war. »Aber, Konstantin, was auch immer dir in deinem Leben zustößt, merke dir das eine: Du wirst immer geliebt! Vergiss das niemals! Niemals! Vertraue dem Leben, vertraue meinen Worten! Versprichst du mir das?«

»Aber ...« Ich wollte ihr noch antworten, da war sie auf einmal verschwunden und ich stand genauso perplex da, wie ich am Morgen im Wohnzimmer gestanden hatte, als Papa und Mama mir von Oma erzählt hatten. Jetzt vertraute ich erst einmal auf den Kühlschrank, dass er meinen Hunger bändigen konnte, dann würde ich mal weitersehen.

Am nächsten Morgen holte mich die Wirklichkeit gnadenlos ein. Ich musste erkennen – alles nur ein Traum. Da half auch kein Gefasel von: »Ach, ist doch nicht so schlimm! Ich bin doch nicht tot! Du wirst immer geliebt! Hab Vertrauen!« Dieses Gesülze half mir nicht über die unumstößliche Tatsache hinweg: Oma war definitiv tot. Oh, ich armes bedauernswertes Geschöpf. Scheißlage. Stimmung im fünfstelligen Minusbereich! Was machte das Leben bloß mit mir? Erst keine Millionen und jetzt keine Oma mehr! Grauenvoll!

Ich schleppte mich durch die nächsten Tage, mir ging laufend der Traum von Oma durch den Kopf, doch der half mir nicht im Mindesten weiter. Wenn ich versuchen wollte, so wie Oma es mir gesagt hatte, mit ihr zu sprechen, dann war am anderen Ende nur Funkstille. War mir klar, dass das nicht funktionieren konnte! Ich war zu betrübt, um mit den Jungen in der Schule meine Machtkämpfe auszutragen. Die dachten sich bestimmt, ich mache eine Psychotherapie, oder noch schlimmer, ich nähme an einer Psychopharmakastudie teil. Titel: ‹Die sedierende Wirkung von trizyklischen Neuroleptika auf zyklische Machtkämpfe›. Dass meine Oma gestorben war, interessierte die nicht, die kümmerten sich nur um sich selbst. Egoisten, alles Egoisten. Die Welt war voll von Egoisten.

Am dritten Tag war dann die große Beerdigung. Alle hatten sich verkleidet, nur nicht so bunt, wie ich das vom Karneval kannte. Sie zogen die eintönige, schwarze Variante vor. Fehlten nur noch die richtigen Masken oder Perücken und es wäre der Startschuss für eine grandiose Halloweenparty gewesen. Da stand ich nun mit unserer XXXL-Familie am Grab und konnte keinen klaren Gedanken denken.

Was hatte Oma im Traum gesagt? »Ich bin immer bei dir und helfe dir, glaub an dich, vertraue mir.«

»Träum schön weiter, Ömchen«, dachte ich eingeschnappt vor mich hin. »Soll mich ja mal wundern, wie du da aus der Kiste wieder rauskommen willst. Ich jedenfalls komme nicht in das Loch da runter.

»Oma Mumi, was hast du nur mit mir gemacht? Wieso hast du mir das angetan? Wenn du noch da wärest, dann wäre das Leben doch um Längen erträglicher! Ich armer kleiner Tropf, mir blieb auch nichts erspart. Das Leben war doch ein einziger Jammerhaufen! Warum immer ich?!«

6

Irgendwie lief hier auf dieser Erde alles suboptimal. Wenn ich an meine verpassten Millionen dachte, überkam mich jedes Mal Melancholie. Alles Mögliche hatte das Leben für mich bereitgehalten, Weiberüberbevölkerung, Sardinenbüchsendasein, Boxeinlagen, Strafarbeiten, Omaabzug – bloß keine Millionen - was sollte denn noch so alles kommen? Gar nicht auszudenken, wenn ich weiterhin ohne meine Milliönchen mein Dasein fristen sollte. Wenn wenigstens das andere in meinem Umfeld gepasst hätte. Aber nein, auch darin hatte ich alles andere als Glück. Kämpfen, Kämpfen, Kämpfen, jeden Tag, 24 Stunden. Selbst im Schlaf holte mich dieses Kämpfen ein, indem ich laufend Träume hatte, die mich nicht zu Ruhe kommen ließen.

»Das Leben ist eben kein Wunschkonzert!«, pflegte mein Vater zu sagen, wenn irgendetwas bei ihm wieder schieflief.

»Weiß du doch gar nicht!«, war meist meine trotzige Antwort.

»Woher willst du das so genau wissen?« Dabei wusste ich es ja selbst nicht, ob es so war oder nicht. Ich behauptete es einfach, um ihm Paroli zu bieten, um meinen Frust gegen alles und jeden rauszulassen. Auf Kosten der anderen, aber das war mir egal. Frustabbau um jeden Preis.