0,99 €
Der Weltunergang droht. Die letzte Hoffnung sind Fey und Laina, die aus verfeindeten Völkern kommen. Sie müssen gemeinsam die Welt Faliene bereisen und Aufträge erfüllen, um den Weltuntergang abzuwenden. Doch die Aufträge bergen grausame Überraschungen und die Reise führt sie zu einem noch größeren Abenteuer… "'… er darf die Reise nicht alleine antreten. Er wird von einer ebenso Auserwählten begleitet, einer… jungen Forlindin.' Stille breitete sich aus. In jedem Gesicht in der Masse konnte man einen etwas anderen Gesichtsausdruck erkennen. Abscheu, Panik, Resignation, Trauer, alles Mögliche was die mimische Klaviatur der Schmerzen hergab. Forlinde, das Nachbarland, mit dem es schon mehrere Kriege gegeben hatte, den letzten erst vor zehn Jahren. Forlinde und Nevrine waren vehement verfeindet, wie zwei Länder nur miteinander verfeindet sein konnten. Deja dachte nicht viel. Wie kann man auch, wenn das Lauffeuer Hoffnung plötzlich einen ganz üblen Geruch bekam. Forlinde… Der infernalische Gestank des einst so heilenden Lagerfeuers in ihrem Herzen verätzte alles." Ein romantischer und actionreicher Fantasyroman mit dichter Story und Tragik, der mit den Erwartungen des Lesers spielt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2016
Glut und Gewittersee
Barbara Marčinko
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Deja versuchte den Tag, nach dem der Weltuntergang angekündigt worden war, so normal wie möglich zu gestalten.
Nimm einen Schluck von der Ziegenmilch. Zittere nicht so mit der Hand. Versuch zu lächeln, deine Eltern können dich am Tisch sehen.
Und ihnen wäre es sicher nicht besser gegangen, wenn sie gesehen hätten, wie betrübt Deja war. Wenn sie die gleiche Angst, die sie hatten, in Dejas jadegrüne Augen und edle Zügen brutal hinein gestanzt wiedergefunden hätten.
Ihre Eltern. Sie werden bald nicht mehr da sein. Nichts wird mehr da sein. Dieser Gedanke war einfach zu groß, so groß, dass er sich in alle Bereiche ausweitete. Auch in den kleinen heiligen Bereich, in dem sie versuchte, die Erinnerung an alles ein letztes Mal aufleben zu lassen. Nirgendwo konnte sie diesem gigantischen Gedanken entfliehen.
Wie lebt man nach so einer Nachricht? Gar nicht. Man lebt nicht nach so etwas. Man holt nur noch Luft und stolpert von einem katastrophalen Gedanken zum nächsten. Katastrophaler Gedanke eins. Ich werde sterben. Katastrophaler Gedanke zwei. Alle werden nicht mehr da sein.
Und dann noch so vieles. Was nicht mehr da sein wird. Ihr Volk Nevrine und ihr gleichnamiges Land wird es nicht mehr geben, nach all den Jahrtausenden. Das Volk, bei dem jeder dieses brünette lockige Haar mit allen Lichtreflexionen und Braunnuancen trägt. Mit einzelnen Korkenzieherlocken in den Farben golden bis wolfsbraun. Sie war fasziniert von der Schönheit ihres Volkes.
Die ganze Welt Faliene würde untergehen. Alles, was ihre Eltern ihr gezeigt hatten. Diese Fülle nie erlebter Augenblicke an so vielen fantastischen, nie gesehenen Orten. All ihre Fantasien werden zerstört, mitsamt allen schönen Träumen von nicht erlebten Städten, Meeren und Schlössern.
Und Gatharam! Falienes große Metropole, in deren Mitte sie sich immer geträumt hatte. Mit all ihren schönen Monumenten, Palästen und prächtigen Statuen. Den vielen Wesen und Menschen aus aller Welt, Gatharam, die pulsierende gewaltige Großstadt. Aber selbst jetzt, da ihr nicht mehr viel Zeit blieb, konnte sie nicht dorthin, da ihre Eltern nicht viel Geld besaßen und Gatharam viele Tagesreisen entfernt lag.
Sie merkte, wie ihre Eltern sich zusammenrissen, damit ihre Tochter nicht durchdrehte, und wenn ihre Eltern sich die Bürde auflasteten für sie stark zu sein, durften diese Anstrengungen nicht umsonst gewesen sein. Wenn Normalität der letzte Wille ihrer Eltern war, würde sie ihnen diesen Willen mit ihrer eigenen letzten Kraft erfüllen. Auch wenn ihr mehr danach war, das Irrsinnige, das von der Panik kam, aus ihrem Inneren nach außen zu stülpen und nur noch zu schreien.
Sie hob den Blick und schaute aus dem Fenster. Das erste Zeichen war unverkennbar. Die Sonne war von einem blutroten schrägen Strich durchzogen. Das zweite Zeichen, nach dem laut der alten Prophezeiung der Weltuntergang in sieben Tagen bevorsteht: Seit dem Anbruch des Morgens war ein fortlaufendes Donnern zu hören, obwohl kein einziger Blitz niederzuckte oder der Himmel sich verdunkelte. Es war wie der unheilverkündende Trommelwirbel des Himmels.
Dejas Blick wanderte von der durchgestrichenen Sonne wieder zurück ins Haus zu ihrer Mutter. Diese saß am Tisch und nippte an ihrer Tasse heißer Ziegenmilch. Deja brach es das Herz, so viel Angst an den Umrissen ihrer Mutter ablesen zu können. Als ihre Eltern schließlich merkten, dass ihre Tochter sie anstarrte, zwangen sie sich zu einem verkrampften Lächeln.
Dann rissen alle drei den Kopf nach oben, als ein Geräusch zu hören war, das anders klang als dieses sich ständig wiederholende Donnergrollen: das Blasgeräusch des Stadthorns. Es musste wohl eine neue Nachricht geben.
Alle drei standen auf und machten sich auf zum Marktplatz.
Sie drängten sich durch die Zuschauermasse, in der es nur so von wunderschönen Lockenköpfen wimmelte und richteten ihren Blick auf die mit bunten Tüchern geschmückte Bühne auf dem Marktplatz. Der Bürgermeister, gekleidet in ein weinrotes Gewand und wie ein Priester mit aufwändig gestickten roten Schals behangen, betrat die Bühne. Er stellte sich neben dem Spieler des Stadthorns. Seine sonore, kraftvolle Stimme flutete über die Menge und trotzte dem unheilverkündenden Donner im Hintergrund.
»Bürger dieser Stadt, wie jeder hier bin auch ich von Angst durchsetzt. Aber ich habe eine Brieftaube aus dem Zentrum von Nevrine bekommen, und sie enthielt die Nachricht, dass eine fliegende Löwin in der Größe eines Pferdes vom Himmel herabgestiegen sei. Sie hat sich als die Göttin Terimia vorgestellt und sagte, dass Faliene noch nicht verloren sei. Der Weltuntergang würde unter Bedingungen wieder abgewendet werden.«
Aufgebrachtes Geflüster zog sich durch die Menge. Deja fühlte, wie ein Berg von ihrem Herzen fiel. Der Stimme des Bürgermeisters setzte erneut ein.
»Hierfür müssen die Nevriner einen von den Göttern auserwählten jungen Mann auf eine Reise um Faliene schicken.« Als er die Götter erwähnte, merkte Deja sofort, wie Ehrfurcht durch ihre Glieder fuhr, ähnlich einem sofort wirkenden lähmenden Gift.
»Er muss sechs Aufgaben innerhalb von sieben Tagen bestehen. Die Aufgaben sind ausgewählte Gebete von Menschen, die dafür Opfergaben an die Götter darbrachten. Terimia wird ihn von einem Auftragsort zum anderen fliegen. Der Auserwählte ist laut Terimia Fey Adell, ein Dreiundzwanzigjähriger aus Dewood, zwei Tagesreisen von hier entfernt.« Der Bürgermeister legte eine Pause ein.
Hoffnung, die sie schon lange aufgegeben hatte, machte sich in Dejas Herzen breit wie ein kleines heilendes Lauffeuer, dessen Flammen eher zögerlich und vorsichtig über ihre hässlichen Wunden bleckten.
»Aber ich habe leider noch eine schlechte Nachricht…»
Oh, noch eine schlechte Nachricht heute, dachte Deja. Ein bevorstehender Weltuntergang reicht eben nicht.
»… er darf die Reise nicht alleine antreten. Er wird von einer ebenso Auserwählten begleitet, einer jungen Forlindin.«
Stille breitete sich aus.
In jedem Gesicht in der Menge konnte man einen anderen Gesichtsausdruck erkennen. Abscheu, Panik, Resignation, Trauer, jede Regung, was die mimische Klaviatur der Schmerzen hergab. Forlinde, das Nachbarland, mit dem es schon mehrere Kriege gegeben hatte, den letzten erst vor zehn Jahren. Forlinde und Nevrine waren so vehement verfeindet, wie zwei Länder nur miteinander verfeindet sein konnten.
Deja dachte nicht viel. Wie kann man auch, wenn das Lauffeuer Hoffnung plötzlich einen üblen Geruch bekam. Forlinde… der infernalische Gestank des einst so heilenden Lagerfeuers in ihrem Herzen verätzte alles.
Der Bürgermeister sprach noch einige abschließende Worte, dann machten sie sich alle auf den Weg nach Hause, unentschlossen, ob sie ihr Haupt endlich wieder heben konnten oder doch wieder senken sollten, wie sie es seit dem Morgen getan hatten. Rettung war nun möglich, hatte aber einen aschigen Beigeschmack.
Laina war, vorsichtig ausgedrückt, überrascht. Als sie ein Kratzen an ihrer Haustür vernahm, hätte sie nicht gedacht, dass eine pferdegroße weiße Löwin davor stehen würde. Noch dazu saß auf ihr ein junger Mann aus dem Volk Nevrine, dem ihrem Volk so sehr verhassten und von ihrer Stadt Esham weit entfernten Volk.
Sie wusste nicht, ob sie wegen der Löwin in Panik ausbrechen oder einfach fasziniert dastehen sollte, weil sie so schön war. Das Fell war nicht in einem reinen Weiß, sondern hatte Gelb- und Graustiche, die das Fell cremig und weich aussehen ließen. Die Beherrschung, die man brauchte, um seinen Kopf nicht hinein zu vergraben und mit der Hand hinzulangen, war groß.
Außerdem war die Löwin von einer so würdevollen und starken Aura umgeben, dass man glauben könnte, die Aura wäre sichtbar wie farbiger Rauch.
Eigentlich müsste sie auch neugierig auf den Nevriner sein. Die Reflexionen in seinen langen Haaren, deren viele Farbnuancen die totale Überforderung für sie darstellen musste. Die Leute ihres Volkes, die Forlinden, hatten keine verschiedenfarbigen Nuancen in ihren Haaren, stattdessen hatte jeder Forlinde einen Blondton in seinen Haaren. Lainas hüftlanges Haar sahen zum Beispiel aus wie eine hellere Variante von flüssigem Gold.
Auch die für Laina fremde Kleidung der Nevriner, ein langer schwarzer Mantel, unter dem ein schwarzes Oberteil blitzte, und schwarze bis zur Knie reichende Stiefel mit Schnallen, war auffällig. Vor allem seine roten Augen hätten sie faszinieren sollen. Sie selbst trug eine hellblaue, bis zu den Knien fallende Tunika mit langen Ärmeln, die ihre graublauen Augen erstrahlen ließ.
Auch der muskulöse und sehnige Oberkörper, der sich an das schwarze Oberteil schmiegte, hätte ihr Interesse wecken können.
Aber da waren nur Alarmbereitschaft und Hass in ihr. Lainas Gedanken rasten, dass ihre Nerven überanstrengt waren.
Jemand aus Nevrine… Jemand aus Nevrine… So ein Jemand aus Nevrine wie dieser Jemand aus Nevrine, der ihren Bruder umgebracht hatte. Vor zehn Jahren, vier Tage vor Kriegsende.
Sie erinnerte sich daran und wurde vor der Angst der möglichen Grausamkeit dieses Nevriner gelähmt. Diese Grausamkeit, die ihre damalige Abenteuerreise in ein infernalisches Blutbad verwandelt hatte. Seine Schreie, die Geräusche der Schwertschlitzer und der Knochenbrüche von damals sangen jetzt wieder in ihren Ohren vor, dass sie ihn für immer verloren hatte. Das spritzende Blut, die Dunkelheit, die für immer ihre Unschuld verloren hatte, und der abgerissene Arm von damals tanzten ihr wieder ihrem inneren Auge vor, dass sie nie wieder vergessen und glücklich werden könnte.
Der abgerissene Arm. Lainas Angst kehrte in so große Wut um, dass ihr fast schlecht davon wurde, und in ihr die Bereitschaft entstand, diesem Nevriner schreckliche Dinge anzutun.
Abgesehen davon, dass sie nicht wusste, wie sie wegen der Löwin reagieren sollte, wollte sie am liebsten laut »Nevriner!« schreien und den Mann direkt attackieren. Ihm direkt an die Kehle gehen.
Der Nevriner schaute aber genauso verwirrt drein wie sie selbst. Er schien von den seltsamen Vorkommnissen genauso überfordert zu sein, also schlich sich in Laina wieder leise die Unentschlossenheit.
Die Löwin begann zu sprechen. Die Stimme war so klangvoll, man erwartete fast ein Echo.
»Laina Widfar, ich bin die Göttin Terimia. Bewahre Ruhe, ich habe dir eine Botschaft und einen Auftrag zu verkünden.« Ein solches Wesen, das sprechen kann, konnte tatsächlich kein Tier sein, eher ein Gott. Wenn ein Gott wollte, dass sie Ruhe bewahrte, sollte das wohl sein, selbst wenn ein Nevrine in der Nähe war und ein ein Meter achtzig hohes Raubtier. Dass aber ausgerechnet ein Abkömmling dieser Barbaren auf dem Rücken dieser Göttin saß, verwirrte Laina sehr, und es verletzte sie tief.
Was sie dann hörte, ließ zuerst Hoffnung in ihr erblühen – Faliene würde eventuell nicht untergehen -, dann kam Ungläubigkeit hinzu – sie selber würde Aufgaben über ganz Faliene verstreut erfüllen und so die Welt retten müssen, und schließlich noch mehr Ungläubigkeit und Wut – denn sie sollte das mit diesem Nevriner Fey Adell zusammenmachen.
»Die Oberhäupter eurer Länder sind benachrichtigt, Brieftauben wurden in alle Städten verschickt, nahezu ganz Faliene weiß Bescheid. Steig auf, und ich fliege euch zum Ort eurer ersten Aufgabe, Gatharam.«
Sie sah die Göttin unverwandt an. Die wundersame Vorstellung, mit diesem Wesen zu fliegen, überstieg ihren Verstand. Ebenso wurde er überstiegen von der Vorstellung, hinter einem dreckigen Forlinder zu sitzen und ihn auch noch in Frieden zu berühren. Mit ihm über die Wolken zu steigen und zu reisen.
Vielleicht kann ich ihn ja von Terimia stürzen oder nachts, wenn er schläft, erwürgen, dachte sie. Wenn ich es mit diesem Dreck nicht mehr aushalte. Sie war kein gewalttätiger Mensch, aber der Gedanke an einen Forlinden erregte solchen Hass in ihr. Aber einen Auserwählten umzubringen würde den Göttern nicht gefallen, die es nicht weiter zu verärgern galt, und Terimia würde es wohl zu verhindern wissen.
Für einen Moment dachte sie darüber nach, dass Nevriner den gleichen Hass auf Forlinder hatten wie es umgekehrt war, auch wenn das für Laina unverständlich war. Und darüber, wie dieser junge Mann, der fehl am Platz wirkte, sich fühlen musste, jetzt mitten in Forlinde zu sein.
»Los, spring auf«, dröhnte Terimia. »Wir haben für alles nur sieben Tage Zeit.«
Es musste wohl sein. Sie ging mit zögernden Schritten auf die beiden zu. Beim Gehen kam neben der Abscheu vor dem Forlinder wieder ihr Unglaube über die Aufgaben auf. Sie sollte also die Welt retten. Um die ganze Welt reisen. Die Welt retten. Sechs Aufgaben. Die Welt retten. Alles kreiste wild in ihren Gedanken wie die Elemente eines Mobile, das sich mit einer Geschwindigkeit von hundert Stundenkilometern drehte.
Als Terimia sich hinlegte, damit Laina auf sie steigen konnte und sie ihre Hand auf den Rücken der Löwin legte, fühlte der sich genauso unendlich weich und flauschig an, wie er auf den ersten Blick gewirkt hatte. Das hatte etwas Heilsames an sich, wie ein erholsamer Schlaf nach langem, und lenkte Laina ab von ihren schrecklichen Erinnerungen an das Schicksal ihres Bruders.
Sie stieg auf den Steigbügel und kletterte auf die Löwin, darauf bedacht, Fey möglichst nicht zu berühren.
»Ich werde losfliegen. Du musst keine Angst haben vor dem Fahrtwind oder davor, zu fallen, denn ich kann eine windstille ungefährliche Kapsel um mich aufbauen.«
Und so war das auch. Die Göttin flog ohne Flügel immer weiter nach oben, und auch wenn diese Kapsel nicht sichtbar war, so fühlte sich der Flug so ungefährlich an, als wäre die Löwin noch auf dem Boden.
Sie stiegen immer weiter nach oben, bis über die Wolken, und Laina traute sich kaum, nach unten zu schauen. Stattdessen starrte sie auf den Rücken ihres verhassten Begleiters und ließ ihre Verwirrung über die Ereignisse ihr Gedankenkarussell überdrehen.
Ihre Hände griffen ins Fell und allein schon dieser Sinnesreiz war genug, um jemanden einzulullen, denn Laina hätte sich nie denken können, dass sich etwas so weich und anschmiegsam anfühlen könnte.
Aber Fliegen und das auch noch so frei! Das war einfach zu viel für einen Geist, der auch noch mit drohendem Weltuntergang, einer so wichtigen Aufgabe, der Nähe einer Göttin und einem verabscheuungswürdigen Forlinder zu tun hatte.
Sie kamen extrem schnell voran. Die Wolken und das Land, das immer mal wieder durch Löcher der Wolkendecke sichtbar war, sausten unter ihnen nur dahin, während es um sie völlig windstill war.
Verwunderlich war, dass das Donnergrollen hier oben in den Wolken gar nicht lauter war als unten. Es schien von überall zu kommen.
Durch den ganzen überladenen Gedankennebel kam ihr noch der Gedanke, dass sie Terimia gerne so viel fragen würde. Wie es in der Götterwelt aussehen mag, für was sie selbst stand und wie ihr Planet aussieht und welcher das sein mag am Sternenhimmel.
Jeder der zwölf Planeten in ihrem Sonnensystem wurde von einem anderen Gott erschaffen und jeder Gott hatte ein anderes Amt inne, nach dem er seinen eigenen Planeten formte.
Wofür ihr Planet stand, wusste keiner der Faliener, auch der Name und das Aussehen aller Götter blieb verborgen, bis zum heutigen Tag zumindest, an dem eine Göttin herabstieg und sich vorstellte. Außer, dass man zu den Göttern betete und ihnen Opfergaben darbrachte gab es nicht viel Religion, da von den Geschichten der Götter nichts bekannt war.
Laina musste auch zugeben, dass, obwohl sie immer brav gebetet und ein Teil ihres Essens geopfert hatte auf einen der Altären an Wegerändern der Stadt, dass es doch ein unheimliches Gefühl war, auch zu wissen, dass es Götter gab. Und einem zu begegnen. Sie fragte sich, wie weit es wohl mit ihrem Glauben her war.
Aber vielleicht war es mit dem Glauben an Götter wie mit Gatharam. Auch wenn man an deren Existenz glaubte, die Stadt vor sich zu sehen wäre noch einmal etwas ganz anderes. Diese so oft besungene Metropole tatsächlich bald zu sehen, war aber nur ein winziger Gedanke im Gegensatz zu all diesen unbegreiflichen Gedanken, bei denen ihr ganzes Leben nicht reichen würde, sich auf sie vorzubereiten.
Wusste Terimia, dass Laina wohl nicht so stark glaubte als sie gedacht hätte? Wusste Tarimiel von all ihren Sünden? Dabei hatte Tarimiel noch gar nicht gesagt, ob sie überhaupt die Göttin von Faliene und damit überhaupt für Laina zuständig war. Oder wussten alle Götter über jedes Wesen auf allen Planeten Bescheid?
So viel, was sie gerne von dem Wesen, das so schön war, dass es fast schmerzte, wissen würde. Aber Ehrfurcht vor ihr hatte die Luft in ihrer Brust so zugeschnürt, dass sie nicht fragen konnte.
Das Land, das ab und zu durch die Wolkendecke blitzte, änderte sich. Die üppigen Wälder, Berge und Flüsse nahmen ab, stattdessen waren schon länger laut Terimia die Vorstädte von Gatharam zu sehen, die aus größeren Häusern und Straßen bestanden als sie in Esham gewohnt war. Sie müssten bald da sein.
Und dann, nach einer längeren Wolkendecke, klaffte ein großes Loch auf und die Stadt blitzte heraus. Ein kleiner Einblick von einer gigantischen Stadt von oben. Aus der Entfernung sah es besonders einschüchternd aus. Ein Meer aus unterschiedlichsten Arten von Häusern. Mit Kuppeldächern, Flachdächern, spitz zulaufenden Dächern, bunt zusammengewürfelt. Es gab Gegenden, wo alles grau war, andere, wo die Schrägdächer mit roten Ziegeln gespickt waren, andere waren fröhlich bunt.
Dieses Meer aus Häusern und Straßen schien endlos wie ein echtes Meer und genauso wild. Terimia stürzte nach unten, als wäre sie ein Adler, der eine Maus entdeckt hat, und natürlich spürte Laina nichts vom Aufwind. Dennoch war es furchteinflößend, auf die Stadt zuzustürzen. Laina krallte ihre Hände in letzter Verzweiflung so fest in Terimias Fell wie sie nur konnte, bis ihre Finger so weiß wurden wie das Fell und stark schmerzten.
Wie selbstverständlich verringerte Terimia die Geschwindigkeit, als sie dem Boden immer näher kamen, flog eine galante Kurve und landete mit ihren Pfoten so leise wie eine große Katze auf der staubbedeckten terrakottafarbenen Straße.
