Gnadentod - Gitta Schwerberger - E-Book

Gnadentod E-Book

Gitta Schwerberger

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Beschreibung

“In meinem Kofferraum liegt ne Leiche!”
Was sich zunächst wie ein abgedroschener Scherz anhört, entpuppt sich schnell als bizarre Wahrheit, vor allem, da es sich bei dem ‚Kofferraum‘ tatsächlich um die Ladefläche eines Leichenwagens handelt.
Doch wer ist der Tote, wer legte ihn dort ab und war es wirklich Mord?
Fragen, die sich nicht nur Kriminalhauptkommissar Robert Haller, sondern auch dessen junger Kommissaranwärter Amun Sháhier stellen.
Als binnen kürzester Zeit weitere Tote in Bestattungsinstituten der Frankfurter Stadtteile Fechenheim, Griesheim und Bornheim gefunden werden, beginnt nicht nur die Bestatter Branche nervös zu werden.
Die Ermittlungen drehen sich lange im Kreis, denn gerade wenn ein Fragezeichen gelöst zu sein scheint, tauchen fünf weitere auf.
Dann jedoch mischen sich die tierischen Begleiter des Ermittlerteams ein, nehmen den Fall, parallel zu ihren Menschen, in ihre eigenen Pfoten und verhelfen damit zur Lösung des Falles.

Gitta Schwerberger wurde früh in ihren Talenten und Leidenschaften gefördert.
Bereits im Grundschulalter war sie Mitglied des HR-Hörspielensembles.
Nach stimmlicher Aus- und Weiterbildung war sie als Hörbuchsprecherin u.a. für Blindenhörbücherein tätig. Diese Leidenschaft führte sie als Dozentin für Stimmbildung und Textpräsentation an die VHS Frankfurt, wo sie ihr Wissen weitergab. 
Wissenschaftlich folgte nach dem Studium der Zahnmedizin das Studium der Sozialen Arbeit: Schwerpunkt gesetzliche Betreuung mit Aus- und Weiterbildungen in klinischer Psychiatrie und Soziotherapie. Neben ihrem wissenschaftlichen Ratgeber über das Betreuungsrecht und seine Tücken, ist Mord ihr liebstes Hobby, weshalb Gnadentod ihr zweiter Frankfurt Krimi ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gitta Schwerberger

 

Gnadentod

 

Frankfurt Krimi

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2025 Europa Buch | Berlin

www.europabuch.com | [email protected]

 

ISBN 9791257031299

Erstausgabe: September 2025

Für

Für

Blümchen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles ist Nichts.

Nichts ist Alles.

Und wir?

Mittendrin!

G. S. 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gnadentod

 

„In meinem Kofferraum liegt ´ne Leiche!“

Nur kurz überlegte Kommissaranwärter Amun Shahier einfach aufzulegen, ehe er stattdessen ein knappes „Verarsch mich nicht, ich bin im Dienst!“, in sein Handy zischte.

„Und ich hab hier eine Leiche zu viel in meinem Kofferraum, die meiner Toten gerade den Platz wegnimmt!“

„Alter, wenn du mich verarschst…!“, blaffte der fünfunddreißigjährige Deutschinder lauter, als ihm lieb war.

„Tu ich nicht! Warte!“

Während Amun ein Rauschen und Knacken hörte, glitt sein Blick verstohlen durch das kleine, nicht ganz quadratische Büro.

Neben der Abstellkammer, am Ende der dritten Etage des Polizeipräsidiums, hatte man sie einquartiert.

Auf Wunsch seines Tutors, der dem Trubel der unteren Stockwerke nichts abgewinnen konnte.

Ihm gefiel es, denn auch er schätzte eine ruhige Arbeitsatmosphäre.

Ihre zwei tierischen Büromaskottchen Fred und George lagen friedlich dösend zwischen den beiden Schreibtischen.

Die Farne auf der Fensterbank lechzten ebenso nach Wasser wie die drei großen Yuccapalmen in den Ecken des Raumes.

Einzig sein Tutor schien frisch.

Auch er telefonierte, allerdings mit dem Dienstapparat.

„Lenard Michel, Polizeimeister, siebtes Revier, mit wem spreche ich?“

Reflexartig zog Amun die Augenbrauen nach oben und straffte den Oberkörper.

Es war also kein Scherz!„KA Shahier, Mordkommission drei, Dienstnummer 2784, was ist passiert?“

„Unbekannter Toter im Wagen eines Herrn Sanchez, der uns auch verständigt hat.“

„Na glaubst du mir jetzt?“, hörte er, parallel zu Michels Worten, die vertraute Stimme des Freundes dazwischenrufen.

„Und ein Knöllchen haben sie mir auch noch verpasst. Ich park nämlich wie üblich in zweiter Reihe. Also was ist? Bist du zuständig?“

Anstelle des vorgeschriebenen ‚Nein, weil ich seit der Grundschule mit dir befreundet bin, und deshalb als befangen gelte‘, entschied sich Amun den Freund zu vertrösten.

Seit seinem ersten Tag hatte er eine solche Situation mehr gefürchtet als alles andere.

Selbst der Gedanke gegen einen Mafiaclan ermitteln zu müssen, war für ihn nicht halb so erschreckend, wie das hier.

Die Regel war klar, das hatte er während seines Studiums auf der Polizeiakademie gelernt.

„Als befangen gilt derjenige Beamte oder Beamtenanwärter, der gegen eine ihm bekannte und oder ihm nahestehende Person ermitteln muss“.

Dabei war die genaue Auslegung der Adjektive ‚bekannt‘ und ‚nahestehend‘ vom Gesetzgeber bewusst vermieden worden, um die Individualität des Einzelfalls berücksichtigen zu können.

So konnte es also durchaus zulässig sein, gegen Freunde oder die eigene Familie zu ermitteln.

Allerdings nur, wenn der eindeutige Nachweis erbracht wurde, dass die Neutralität des Ermittelnden dadurch nicht getrübt war.

Nur half ihm das in dieser Situation nicht weiter, da nirgendwo stand, was als ‚eindeutig‘ galt.

Und wie genau ‚der Nachweis der Neutralität‘ zu erbringen war, wusste er auch nicht.

Hilfesuchend lugte Amun zu seinem Tutor, der sich mit einem motivierenden „Auf geht’s Jungs, wir haben ´nen Fall“, erhoben hatte.

Während die beiden schwarzen Labradore der Aufforderung ihres Herrchens sofort Folge leisteten, verharrte Amun in seiner Position.

„Na was ist Herr Shahier? Ihr erster richtiger Fall seit Ihrem Dienstantritt letzten Monat. Wollen Sie sich nicht zu uns gesellen?

Leichenfund in Fechenheim. Bregenzer, Ecke Fachfeldstraße und paradoxerweise auch noch…“

„Im Leichenwagen meines alten Freundes Jorge Sanchez!“, vollendete Amun den angefangenen Satz und wies mit einer fast unmerklichen Handbewegung auf sein Handy.

Hauptkommissar Robert Haller atmete hörbar aus und nickte stumm.

Auch er kannte die Regel, vor allem aber kannte er Kornelius Seeberger.

Seit seinem Dienstantritt, vor gut zwei Jahren, hatte der Kriminalrat alles dafür getan, um das mehr als angeschlagene Image der Frankfurter Staatsdiener aufzupolieren.

‚Miteinander freundlich helfen‘ lautete dabei seine Devise.

Der Versuch Polizisten wieder als ‚Freund und Helfer‘ zu etablieren.

Die Umsetzung seines ehrgeizigen Vorhabens war dabei in zwei Schritten erfolgt.

Schritt eins bewirkte die ‚äußere Umstrukturierung‘.

Mit der akribischen Pedanterie eines Beamten im gehobenen Dienst, sorgte Seeberger zunächst für die Auflösung der alten Büroordnung.

Zweiraum statt Großraum war nun der Trend.

Ein Leichtes, wenn man bedachte, dass die Mehrzahl der Kollegen ohnehin krank oder in Frührente waren.

Schritt zwei beinhaltete den ‚inneren Wandel‘, der die verpflichtende Teilnahme an regelmäßigen Seminaren zur Verbesserung des Miteinanders durch Toleranz und Akzeptanz bedeutete.

Inhalt dieser war, Verdächtige nicht als ‚Gegner‘ zu sehen.

Stattdessen sollte man sie als Menschen anerkennen, die nur eine andere Art der Problemlösung gewählt hatten.

Für ihn untragbar, denn bei Mord galten einzig die Regeln der Kriminalistik, des Strafgesetzbuches und der Strafprozessordnung!

Nur diese waren bei der Aufklärung des Kapitalverbrechens maßgebend.

Daran konnten auch die Seminare nichts ändern!

Der Kommissar schüttelte den Kopf.

In seinen über fünfundzwanzig Dienstjahren bei der Frankfurter Mordkommission hatte er so manchen Kriminalrat kommen und gehen sehen. Seeberger allerdings toppte sie alle.

Das konnte nicht gut gehen!

Zumindest nicht auf Dauer, wie alleine der eklatante Mangel an Nachwuchs zeigte.

Unwillkürlich musste Haller grinsen, denn die Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren so eindeutig, dass selbst Seeberger sie nicht schön reden konnte.

Amun Shahier beispielsweise, war der erste Kommissar Anwärter seit vier Jahren.

Und bei den Kolleginnen und Kollegen der anderen Abteilungen sah es auch nicht besser aus.

Polizist war, dem Mainstream sei Dank, eben schon lange kein Traumberuf mehr.

Und wenn er ehrlich war, konnte er es auch keinem verdenken.

Dem Staat zu dienen war ‚out‘.

‚Anti‘ war in.

Der moralische Paradigmenwechsel hatte ganze Arbeit geleistet!

Polizistinnen und Polizisten waren heute mehr denn je gesellschaftlich tolerierten Anfeindungen, Pöbeleien und tätlichen Angriffen ausgesetzt.

Eine traurige Normalität!

Schichtdienst, wenig Lohn, und Überstunden taten ihr Übriges.

Da musste einem einfach die Lust am Polizistendasein vergehen!

Zugegeben, für ihn und Harald waren gerade die Schicht- und Bereitschaftsdienste das Geheimnis ihrer über achtzehnjährigen Beziehung.

Allerdings waren sein Mann und er Ausnahmen.

Ihrer Partnerschaft bestand vor allem aus einer großen Portion Eigenbrötelei, viel Toleranz und drei Hunden.

Darüber hinaus genossen Harald und er ihr verpartnertes Solistenleben.

Haralds Verwandtschaft war lange tot.

Den persönlichen Kontakt zu seiner eigenen Sippe hatte er vor sieben Monaten eingestellt.

Telefonieren reichte auch.

Für Harald und ihn Glück pur.

Das Gro der Masse allerdings konnte Polizeidienst, Beziehung und Familienleben meist nicht miteinander vereinbaren.

Etwas Gutes hatte Seebergers Kuschelkurs allerdings.

Die Hunde durften mit zum Dienst.

Ein Segen für ihren Kontostand, denn Hundetagesstätten waren teuer.

Und auch die nervenaufreibende Organisation des Hinbringens und Abholens blieb ihnen so erspart.

Er seufzte, als er in die Hocke ging, um seinen Hunden eine kleine Portion Streicheleinheiten zu gönnen.

Dabei war das Knacken seiner Kniegelenke für Shahier genauso unüberhörbar, wie der Seufzer, der dem Kommissaranwärter ein vorsichtiges, „Alles in Ordnung?“, entlockte.

Haller hob den Kopf, schaute den jungen Kollegen an und musste unwillkürlich lächeln.

Die ehrliche Besorgnis rührte ihn.

„Aber natürlich!“, antwortete er deshalb schnell.

„Meine Knochen meinen nur manchmal mich darauf hinweisen zu müssen, dass ich dann doch schon sechsundfünfzig bin.

Und um Ihre Frage zu beantworten, vertrete ich die Ansicht, dass die Professionalität eines Ermittlers sich gerade dann zeigt, wenn er auch bei privaten Verstrickungen seinen Job macht.

Sollte ich allerdings feststellen müssen, dass Ihnen die Sache über den Kopf wächst, ziehe ich Sie von dem Fall ab. In diesem Sinne.“

Mit seiner Rechten wies er gen Tür und zwinkerte seinem Zögling dabei aufmunternd zu.

Binnen Sekunden wich Amuns Anspannung einem befreiten Lächeln.

„Hast Du das gehört?“, fragte er in das Mikrophon seines Handys?

„Ja, hab ich“, kam die Antwort des Freundes. „Und was heißt das jetzt?“

„Dass ich unterwegs bin!“

 

 

*

 

Als die Glocken Sankt Josephs die achte Stunde einläuteten, machte sie sich bereit.

Wie jeden Morgen stellte sie das Gedeck ihres spärlichen Frühstücks zusammen, fegte sorgsam die wenigen Krümel vom Tisch und schloss das Marmeladenglas.

Bedächtig stellte sie im Anschluss Tasse, Teller, Untertasse, Messer, Löffel und Eierbecher in die Spüle.

Die Marmelade ließ sie stehen, sie würde morgen früh ohnehin wieder von ihr essen und eventuell dazwischen etwas von ihr naschen, wozu sie also wegräumen?

Die Fenster hatte sie schon nach dem Aufstehen geklappt, das verschaffte ihr ein wenig mehr Zeit.

Sie seufzte.

Früher war es leichter gewesen.

Versonnen wanderte ihr Blick aus dem Fenster.

Vor elf Jahren war sie noch gereist.

Hatte sich Brest, Rennes und Lorient angesehen.

Hatte es sich gut gehen lassen.

Achtzig war sie damals.

Heute allerdings bereiteten ihr schon die sieben kleinen Treppenabsätze Beschwerden, die sie und ihre Wohnung von der Außenwelt trennten.

Und während sie früher von einem ihrer zahlreichen Verehrer erwartet wurde, wartete heute nur noch ihr leichtmetallenes Vehikel mit vier Rädern auf sie.

Oh, wie sie diesen verdammten Rollator hasste!

Man konnte einer Frau wahrlich auf viele Arten die Würde nehmen.

Ein Rollator aber war das mit Abstand würdeloseste von Allen!

Bittersüß lächelnd schaute sie an sich herab.

Ihre Schönheit war gewichen, die Haut faltig, die Augen trüb und die Beine dick geworden.

Aber Frau war sie noch immer!

Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

Was elf Jahre und zwei Erkrankungen doch ausmachten.

Erneut vernahm sie das Geläut Sankt Josephs.

Kurz vor halb neun.

Sie musste sich beeilen.

Es war an der Zeit.

Höchste Zeit!

Sie wählte den hellblauen Übergangsmantel und das dunkelblaue Halstuch mit den Margariten.

Ein stielvoller Kontrast zur weißen Bluse, der cremefarbenen Hose und den beigen Schuhen.

Ihren Schirm würde sie heute nicht brauchen.

Vor ein paar Minuten erst hatte es aufgeklart.

Der Dauerregen der letzten Tage war einem strahlend blauen Himmel gewichen.

Und sollte sich wider Erwarten doch ein unvorhergesehener Schauer zwischen die wärmenden Sonnenstrahlen mogeln, würde sie das nicht umbringen.

Mehr als nass konnte sie nicht werden, und gegen Nässe gab es Handtücher. Sie hatte in ihrem Leben weiß Gott Schlimmeres erlebt, als einen Regenschauer im April.

Viel Schlimmeres sogar, das aber lag lange hinter ihr!

Genau wie diese Wohnung, in der sie mehr hauste, denn lebte.

Ihre Wohnung im dritten Stock, mit spärlichem Mobiliar und viel zu kleinen Zimmern.

Aber auch sie würde bald hinter ihr liegen!

Sie musste nur noch ein bisschen warten.

Eine kleine Weile noch, doch was war schon eine Weile angesichts von einundneunzig Jahren Leben!

Nur kurz ließ sie ihren Blick nochmals durch die Zimmer gleiten.

Eine alte Angewohnheit, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist.

Unnötig geworden, denn jetzt, wo sie das Sofa nicht mehr teilen musste, war wieder alles in Ordnung!

Ja, es würde nicht mehr lange dauern, ehe sie nicht nur diese Behausung, sondern auch dieses Kapitel ihres Lebens abschließen konnte!

Und nachher würde er kommen, um mit ihr zu besprechen, wie lange sie sich noch gedulden musste.

Davor allerdings hatte sie noch einiges zu erledigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

 

„Ja, ich weiß, Murphys Gesetz.“, kommentierte Haller die Blicke der beiden Schwarzen, als sie auf den sonnengefluteten Parkplatz des Polizeipräsidiums traten.

„Und ja, ihr dürft Euch deshalb auch beim örtlichen Tierschutzverein über mich beschweren.

Ich bin und bleib ein Rabenvater, der Euch arme Hundekinder bei Sonnenschein, zur Arbeit prügelt und bei Regen Gassi geht.“

„Murphys Gesetz? Kenn ich!“, lachte Amun, der seine Schritte gerade nach rechts lenken wollte.

„Ich merk`s“, grinste Haller und unterbrach Amuns Bewegung durch eine kurze Berührung an dessen Arm. „Andere Seite, der olivgrüne Rover!“

„Und ich hätte schwören können, dass der dunkelblaue Einser-BMW da drüben…“

„Tja mein Lieber, so kann man sich täuschen.

Darum schließen und handeln Sie nie ohne hundertprozentig überprüftes Wissen!

Lektion eins eines jeden guten Ermittlers.

Oder wollten Sie mich nur von ihrem orangenen Smart ablenken?“

„Ertappt!“, gestand Amun. „Aber woher wissen Sie?“

„Nur weil ich manchmal erst nach Ihnen ins Büro komme, heißt das nicht, dass ich auch später als Sie im Präsidium bin!

Mein Mann Harald ist bei der Spusi, und auch bei denen gibt es Fenster!“

Mit einer unmerklichen Drehung deutete Haller dabei hinter sich, während Amun verlegen unter sich schaute.

Und wieder einmal ärgerte er sich über sich selbst.

Schon immer war er so darauf bedacht alles richtig zu machen, dass er die einfachsten und logischsten Dinge vergas, oder einfach übersah.

Sein Hang zur Perfektion steigerte sich besonders dann, wenn ihm etwas wichtig war.

Und das hier war ihm wichtig!

Sehr wichtig sogar!

„Ich wusste gar nicht, dass wir in unserer Flotte auch Smarts in dieser Farbe haben“, riss Haller Amun aus seinen Gedanken.

„Haben wir auch nicht. Ist mein eigener.“

„Dann haben die Kollegen der Verwaltung Ihnen noch keinen eigenen Dienstwagen zugeteilt?“

Amun schüttelte den Kopf.

„Während meiner studienbedingten Praktika war das nicht nötig.

Beim Zoll am Flughafen und in der Abteilung für Internetkriminalität brauchte ich keinen Dienstwagen.

Und jetzt meinten sie, solle ich erst mal mit Ihnen fahren, wegen der Teambildung.

Na ja, und zum Herkommen und Heimfahren reicht mir mein Kleiner ja.“

„Na dann Willkommen im dienstinternen Shuttle Service Haller.

Allerdings ist das hier ist die Mordkommission und ich bin Ihr Tutor, nicht Ihr Taxi!

Bei unseren Ermittlungen müssen Sie unabhängig von mir sein.

Und genau deshalb werde ich unseren verstaubten Korinthenkackern jetzt auch mal ein bisschen die Krawattenknoten verschieben.“

Während er mit der einen Hand die Jackentasche nach seinem Handy durchwühlte, warf er Amun mit der anderen den Schlüssel des Rover zu, der wie immer in der Hosentasche steckte.

„Ich fahre, aber macht Ihr drei euch doch bitte schon mal startklar.“

Wie aufs Stichwort trabten Fred und George daraufhin an Amun vorbei, der ihnen staunend zum Heck des Rover folgte.

„Einfach nur aufmachen, den Rest machen die beiden alleine.“, rief Haller.

Und das taten sie, wie Amun nur Sekunden später feststellte.

Kaum dass die Heckklappe geöffnet war, vollzogen die zwei Labradore eine Choreographie, die selbst Marius Petipa in Erstaunen versetzt hätte.

Wie auf ein unsichtbares Stichwort war es Fred, der sich zuerst erhob.

Nach einer Drehung um die eigene Achse nahm er Anlauf, beschleunigte, sprang, und landete elegant inmitten des Kofferraumes.

Dort angekommen folgten zwei piroettenähnliche Drehungen mit Tippelschritten.

Dann legte er sich rechtsseitig ab.

George tat es ihm gleich, und unterschied sich in seinen Bewegungen in nichts von der geschmeidigen Eleganz Freds.

Allerdings kam er auf der linken Seite zum Liegen.

„Wow!“, entfuhr es dem jungen Kommissaranwärter.

„Das ist wirklich beeindruckend.“

„Das, verehrter Kollege, ist vor allem wochenlanges und konsequentes Training!“, raunte ihm Haller augenzwinkernd zu, indem er das Navi programmierte.

Dass seine beiden Schwarzen dieses Kunststück schon beherrschten, als er sie während seines letzten Falls adoptierte, verschwieg er dem jungen Kommissaranwärter.

Stattdessen verkündete er Shahier, dass der Schlüssel für seinen Einser am Empfang für ihn bereit lag.

Den Papierkram würde man später zu ihm rauf schicken.

„Ok, jetzt bin ich wirklich baff. Wie haben Sie das denn gemacht?“, gab Amun verdutzt von sich.

„Lars Reuter aus der Verwaltung, schuldete mir noch einen Gefallen.

Und da Sie ja ganz offensichtlich mit unserem Einser da drüben liebäugeln, der rein zufällig auch gerade frei ist…“

„Ich…“, stotterte Amun verlegen.

„Kein Ding! Und wenn Sie irgendwo zwischen Ihrer Freude und Ihrem Erstaunen Ihre Worte wieder gefunden haben, erzählen Sie mir doch bitte von Ihrer Freundschaft zu Herrn Sanchez, damit ich die Lage besser einschätzen kann.

Nur für den Fall, dass Seeberger uns Probleme machen sollte.“

„Das könnte aber eine Weile dauern. Es ist für mich nämlich das erste Mal, dass ich binnen weniger Minuten vom Smart zum BMW-Fahrer befördert wurde.“, gab Amun mit schüchtern verschmitztem Lächeln zu bedenken.

„Sie haben genau dreißig Minuten.“, antwortete Haller nüchtern.

„Fünfundzwanzig wenn’s gut läuft und uns die Osterurlauber nicht wieder die ganze Miquellallee, oder die Hanauer verstopfen.

Und fünfzehn bis zwanzig, wenn ich mich auf halber Strecke entscheide, doch den Schleichweg über die Casella zu nehmen.“

Der junge Kommissar Anwärter schluckte.

Dem hatte er nichts entgegenzusetzen.

Das Haller rhetorisch brillant war wusste er nicht nur von seinen Dozenten, sondern auch aus den unzähligen Vernehmungsprotokollen, die er in den letzten Wochen gelesen hatte.

Wie sich Hallers Konter jedoch am eigenen Leib anfühlten, spürte er erst jetzt.

Man hatte ihn gewarnt.

Robert Haller war nichts für einen Anfänger wie ihn, sondern ein verschrobenes Unikat, das am liebsten alleine arbeitete.

Zuweilen unkonventionell in seinen Ermittlungsansätzen, mit festen, aber nicht starren Prinzipien und hohen moralischen Grundsätzen.

Ein professioneller Individualist, der es vor Jahren sogar gewagt hatte ein Angebot als Ausbilder in Wiesbaden abzulehnen.

Und er, der kleine deutschindische Kommissaranwärter wollte genau das!

Das gewisse Etwas, das Haller von allen anderen unterschied.

Er wollte von den Besten lernen!

Und für ihn war Haller einer der Besten!

Mit einer Mischung aus Bewunderung und Ehrfurcht schaute er zum Fahrersitz.

Der Mann mit graubraunmeliertem Haar, etwas zu viel Bauch, gut gepflegtem Vollbart und unverwechselbarer Hornbrille, war für ihn viel mehr als nur ein Tutor.

Er war ein Vorbild!

Ein Vorbild, dem er nacheiferte und das er auch beeindrucken wollte.

Bis hierher hatte er sich auch tapfer geschlagen, doch bisher hatten sie auch nur stupiden Bürodienst geschoben.

Das hier war ein Fall!

Ein richtiger Fall, allerdings einer mit einem Einser BMW als neuen Dienstwagen!

„Was ist?“, unterbrach Haller Amuns Gedanken.

„Passt Ihnen mein Fahrstil nicht, oder weshalb beäugen Sie mich so?“

„Nein, nein! Sie fahren sehr gut!“, wiegelte der junge Kommissar Anwärter schnell ab.

„Ich frag mich nur, weshalb Sie das Navi programmiert haben, obwohl Sie den Weg offensichtlich zu kennen scheinen?“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich ihn kenne?“

„Weil Sie eben sagten, dass Sie eventuell eine Abkürzung über die Casella nehmen würden.

Für mich bedeutet das, dass Ihnen die Strecke zu unserem Tatort bekannt ist. Aber wenn Sie sie kennen, weshalb dann das Navy?“

„Gut aufgepasst! Der Teufel steckt bei allen Gesprächen, die wir führen im Detail!

Und ja, ich kenne die Strecke tatsächlich.

Mein Mann und ich wohnen nämlich auch in Fechenheim.

Allerdings im Norden, der uns mit Enkheim und Bergen verbindet. Aber gelegentlich sind wir gute Hundeväter und gönnen unseren drei Fellnasen ein kühlendes Bad im Main.

Und der umspült Alt Fechenheim, wo ihr Freund gerade mit seiner Leiche im Kofferraum auf uns wartet.“

„Drei Fellnasen?“, fragte Amun, der bisher nur Fred und George erlebt hatte, erstaunt.

„Drei!“, bestätigte Haller.

„Crispy, unseren zehn Monate alten Cane Corso Rüden, werden Sie auch gleich noch kennenlernen. Den nämlich nimmt mein Mann immer mit.

Nicht dass er ein guter Spurenleser ist, oder es jemals werden würde, aber er bringt die Kollegen zum Lachen mit seiner unübertrefflichen Tollpatschigkeit. Ein wahres Showtalent.“

„Ihr Mann?“, fragte Amun, dessen Gedanken kurz abgeschweift waren.

„Der Hund!

Mein Mann hat hin und wieder zwar auch seine komischen Momente, ist aber in der Tendenz weit davon entfernt komisch zu sein.

Besonders momentan bereitet er mir Kopfschmerzen, oder besser sein Verhalten.

Und genau deshalb habe ich auch das Navi angestellt. Die so schön sonore Stimme des Sprechers versüßt mir meine nicht gerade positiven Gedanken an meinen Angetrauten.“

Amun nickte verstehend und lächelte.

Kopfzerbrechen hatte Gina ihm auch schon oft bereitet.

Sehr oft sogar!

Und obwohl auch er seine Frau liebte, gab es doch auch in ihrer Ehe Momente, in denen er ihr alles andere als wohlgesonnen war.

Er hob den Kopf und schaute auf die Straße.

Hallers Befürchtungen waren nicht eingetreten.

Sowohl Miquel- als auch Wittelsbacherallee waren nahezu leer.

Und selbst die Hanauer Landstraße war für einen Montagmorgen gut befahrbar.

Die Verlängerung der Osterferien machte sich also tatsächlich bezahlt!

Der gröbste Ansturm urlaubshungriger Straßenverstopfer war vorbei und jetzt, zu Beginn der Karwoche, würde erfahrungsgemäß auch keine zweite Welle folgen.

Als Haller den Blinker setzte, um in die Ernst-Heinkel-Straße einzubiegen schreckte Amun auf. Ihm blieb weniger als zehn Minuten!

Er musste sich beeilen!

„Sie erinnern mich an ihn.“

„An wen?“, fragte Haller sichtlich irritiert, da auch er während des kurzen Schweigens seinen eigenen Gedanken nachhing.

„An Jorge, meinen Freund. Sie erinnern mich an ihn.“

„Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?“

„Ein Kompliment natürlich!

Sie müssen sich vorstellen zwei südländische Exoten, Ende der Achtziger in einer Frankfurter Grundschule.

Er in weißem T-Shirt, dunkelroter Hose, gelber Weste und schwarzem Halstuch. Ich in typisch indischer Jungenkleidung.

Eine Idee meiner Frankfurter Mutter.“

Bei dem Gedanken an diese modische Scheußlichkeit schüttelte er kurz den Kopf.

„Zurückgestuft natürlich, denn eigentlich wären wir in der Dritten gewesen. Aber weil wir die Exoten waren, hat man uns, trotz einwandfreiem Deutsch, in die Zweite gesteckt.

Na ja, und bei unserer Vorstellung trat Jorge ‚Ole!‘ rufend mit dem Fuß auf und meinte dann nur ganz lapidar: „Ich bin Jorge aus Cordoba, und wer Cordoba nicht kennt, hat das Leben verpennt“.

Sie verstehen?“

Haller lächelte verschmitzt.

Und wie er verstand!

Zwar war er an seinem ersten Schultag nur der Polizistensohn und kleiner Bruder der Polizistentochter zwei Klassen über ihm.

Das allerdings hinderte ihn bei seiner Klassenvorstellung nicht dies voller Stolz zu betonen.

Darüber hinaus gestand er dann noch frank und frei, dass er Jungs liebte und gerne lernte.

Das Donnerwetter seines Vaters hatte er noch heute in den Ohren, und beliebt hatte ihn sein Bekenntnis auch nicht gemacht.

Aber gefürchtet, denn mit dem ‚Polüpensohn‘ wollte niemand Ärger haben!

Doch auch wenn der Vergleich hinkte, musste er sich doch eingestehen, dass Jorge Sanchez ihm gerade sehr sympathisch geworden war.

„Erzählen Sie weiter.“

„Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen.

Jorge und ich saßen zusammen.

Ich machte seine Hausaufgaben, er sorgte dafür, dass mich niemand verprügelt.

Wir wurden Freunde.“

„Klingt er nach Zweckgemeinschaft?“

„Schon, aber mit gegenseitigem Nutzen. Man nannte uns Body and Brain, wobei er der Body war. Wir ergänzten uns halt gut, das schweißt zusammen.

Nach der Grundschule ging er dann auf die Realschule in Höchst, ich aufs Gymnasium in der Innenstadt.

Unsere Verbindung riss dabei nie ab.

Nach bestandenen Abschlüssen wurde er Bestatter und gründete, zusammen mit seiner Familie, sein ‚genussvolles Bestattungsunternehmen‘.

Ich hingegen machte zuerst eine Ausbildung zum Rechtspfleger und ging danach zur Polizei. Das allerdings wissen Sie ja aus meiner Akte. Und dass ich den sportlichen Teil beim Einstellungstest bestanden habe, verdanke ich auch ihm, denn ohne seine täglichen Trainingseinheiten würde ich heute wahrscheinlich nicht hier sitzen.“

Haller grinste.

„Seit unserer Kindheit haben Jorge und ich quasi jede freie Minute miteinander verbracht und glauben Sie mir, keine einzige davon war langweilig!

Selbst bei Gina, meiner Frau, hat er mir damals geholfen.“

Haller stutzte.

Der gutaussehende Mann neben ihm, sah nicht gerade aus, als ob er Hilfe bei Frauen benötige.

Im Gegenteil wäre er unter anderen Umständen eine Sünde wert gewesen.

„Das müssen Sie mir erklären.“

„Gina ist aus Tremiti, einem kleinen Dorf im Osten Italiens.“

„Ah, verstehe, die gute alte Sacra Corona Unita“

„Nein, nein! Mit der ostitalienischen Mafia hat das nichts zu tun!

Sondern ausschließlich mit der Tatsache, dass ein Urlauber nicht gerade der Traum einer traditionell apulischen Familie ist.“, fiel ihm Amun entschieden ins Wort.

Das Beispiel entlockte Haller ein kurzes, aber herzliches Lachen.

„Jorge, dem trotz allem kreativen Geist und modernem Denken Traditionen wichtig sind, vor allem die seiner Familie, hat bei Ginas Eltern dann ein gutes Wort für mich eingelegt, verbunden mit dem Versprechen auch nach unserer Hochzeit auf sie achtzugeben.“

„Und hat er?“

Amun nickte.

„Gina ist die Leiterin des ‚Fiesta Funeraria‘, Jorges Restaurant direkt neben seinem Bestattungsinstitut oben in Bornheim.

Er und seine Familie richten für die Hinterbliebenen dort dann auf Wunsch auch noch den Totenschmaus aus.

Wobei das Funeraria natürlich auch nicht trauernden Gästen offen steht.“

„Praktisch! Und mutig sein Restaurant ‚Der Leichenschmaus‘ zu nennen.“, schmunzelte Haller.

„Sie sprechen spanisch?“, fragte Amun erstaunt.

„Von sprechen kann keine Rede sein, aber verstehen tue ich es ganz gut, einem Verflossenen sei Dank.“

„Verstehen ist bei Fremdsprachen meiner Meinung nach sowieso das A und O.

Sprechen kann man auch mit Händen und Füßen. Aber wenn man nicht versteht, wird’s eng.

Und was Jorge und sein Funeraria angeht ist er einfach nur geschäftstüchtig!

Er war und ist nämlich der Meinung, dass sich Tod, Leben, gutes Essen und Genuss nicht ausschließen.

Und seine Rechnung ist aufgegangen.

Im ‚Fiesta Funeraria‘ verkehren nämlich fast genauso viele nicht trauernde Gäste, wie Trauernde.“

„Ein genussvolles Bestattungsunternehmen‘!“

„Ganz genau!

Und typisch für seine Multitasking Familie, in der Tradition auf Moderne trifft.

Sein Onkel, beispielsweise, ist Steinmetz, der deshalb natürlich immer einen Sonderpreis bei den Grabsteinen macht.

Der Vater ist Restaurator, der vom Grabkreuz bis zur Urne alles aufpimpt, was dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel.

Die Mutter, als Organistin, ist für die Musik während der Trauerfeiern zuständig und die Tante versorgt das ‚Funeraria‘ als kochende Konditorin mit allem, was es an traditionellen spanischen Speisen so gibt.

Deren zweiter Man wiederum war der Vorbesitzer des Bornheimer Instituts, der den Grundstein für das Alles legte.“

„Echt kreatives Familienimperium! Auf die Idee ein Bestattungsrestaurant aufzumachen, muss man auch erst mal kommen.“

Amun nickte.

„Und gut florierend noch dazu! Jorge ist gerade dabei eine zweite Dependance in der Nähe des Hauptfriedhofs zu eröffnen.“

„Und Ihre Mutter?“

„Meine Mutter?“

„Sie erzählten eben, dass Ihre Mutter auch aus Frankfurt ist und Sie trotzdem an ihrem ersten Schultag hier in indische Jungenkleidung steckte?“

Amun sah unter sich und nickte beschämt.

„Eine ihrer Marotten.

Sie liebt alles, was auch nur annähernd indisch ist.

Nach ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin ist sie deshalb auch nach Agra.

Dort lernte sie meinen Vater kennen.

Er hatte damals gerade seinen Facharztausbildung zum Orthopäden beendet, und es kam, wie es kommen musste.“

„Mehr Indien geht nicht!“

„So in etwa.“

„Was ist schiefgelaufen? Ich meine, weshalb sind Ihre Eltern zurück nach Deutschland?“

„Aus dem gleichen Grund wie Jorges Familie.

Miese Wirtschaft und trotz Studium fast kein Einkommen.

Dazu kam der Umstand, dass eine deutsche Ehefrau, selbst für modern denkende Inder, die das Kastensystem ablehnten, dann doch ein wenig zu viel des Guten war.

Und so öffneten uns Jorges Bornheimer Bestatteronkel und meine Mutter das Tor zum besseren Leben in good old Germany.“

„Und? Ist es besser?“

Amun nickte grinsend.

„Bis aufs Wetter ja! Das ist manchmal genauso scheußlich, wie der selbstgemachte Himbeersenf meiner Mutter und wie Sie sehen bin auch ich eher westlich als indisch geprägt.

Und was Jorge betrifft, beneide ich ihn bis heute für sein mehr als gesundes Selbstvertrauen.

Er treibt mich manchmal zwar an den Rande des Wahnsinns, aber wenn es wirklich drauf ankommt, ist er der verlässlichste Freund, den man sich wünschen kann!“

„Zweifellos.“, stimmte Haller zu.

Und während er von der Pforten- in die Fachfeldstraße einbog, ertappte er sich dabei, sich auf die Begegnung mit dem extrovertierten Bestatterindividualisten zu freuen

*

 

Fast schien es, als würde die alte Linde sie begrüßen.

Sanft rauschten die Zweige, als sie den Lärm der Eichwaldstraße hinter sich ließ. Die wohltuende Stille des Kirchhofes von Sankt Joseph tat gut.

Ihr Weg hierher war kurz und doch fühlte sie sich, als habe sie gerade den Mount Everest bestiegen.

Leise stöhnend ließ sie sich auf die Bank gegenüber ihrer Linde sinken und lauschte dem leisen Plätschern des Brunnens in ihrem Rücken.

Welch eine Wohltat.

Nichts war zu hören.

Kein Autolärm, kein Handygebimmel, oder Geschnatter geschwätziger Menschen.

Nichts, außer dem sanften Plätschern des Brunnens und dem lieblichen Wiegen der Lindenzweige.

Sie schaute auf, schaute zu ihrem Baum, ihrer Linde, die sie Tag ein Tag aus begleitete.

Wie viele Jahrzehnte mochte es her sein, seit sie hier zum ersten Mal saß?

Viele, dachte sie bei sich, doch nicht halb so viele wie die Linde bereits überstanden hatte.

Sie war bestimmt über hundert Jahre alt, schätzte sie.

Ein alterndes Relikt wie sie selbst.

Ihre Freundin, ihre Linde, die sie in all den vergangenen Jahren durch alle Widrigkeiten des Lebens begleitet hatte.

Lächelnd betrachtete sie die von Sonnenlicht durchfluteten Blätter, deren sattes Grün durch die anhaftenden Regentropfen in einen sanften Goldton gehüllt wurden.

„Wirst einen scheenen Sommer haben“, flüsterte sie ihr zu.

„Einen scheenen Sommer, so kräftig wie du treibst.

Ich hingegen.“

Sie senkte den Blick, starrte auf ihren Rollator und fluchte im Stillen.

Früher war sie gut zu Fuß, war oft gewandert im Taunus, oder den Vogesen.

Und heute?

Heute brachten sie schon die zwei kleinen Straßen von ihrer Wohnung hierher an ihre Grenzen.

„Kannst froh sein, dass Du starke feste Wurzeln hast!

Feste Wurzeln sind wichtig im Leben!

Die machen stark, spenden Leben.

Jeder braucht feste Wurzeln!“

Das Klappern des Schlüsselbundes ließ sie Aufsehen.

Er hatte sich also auch verspätet.

Wieder einmal!

Zu oft in letzter Zeit für ihren Geschmack.

Als ahnte er ihre Gedanken, schlich Küster Mertens mit schnellen Schritten und verschämtem Seitenblick an ihr vorbei.

Die alte Vettel schaffte es doch immer wieder vor ihm da zu sein.

„So, jetzt können Sie.“, raunte er ihr unfreundlich zu, nachdem er Kapellen und Kirchentür geöffnet hatte.

„Wurde auch Zeit, mein Lieber“ nickte sie.

 

*

 

Amun Shahier hatte nicht übertrieben.

Die knallrote Mercedes E- Klasse VF 213, mit breiten sonnengelben Streifen an den Seiten war genauso wenig zu übersehen, wie Haralds wippender Tiguan.

Crispy war wieder einmal in Höchstform, vor allem jetzt, da er Fred und George witterte.

Er parkte den Rover vor dem nahegelegenen Schulhof, ließ die Labradore frei und schaute sich um.

Wenn er es recht bedachte, hätte das satte Mittelblau des Tiguan einen wunderbaren Passepartout für die E- Klasse abgegeben, wenn Harald seinen VW anders geparkt hätte.

Bezog man jedoch den graubraunen Mini Countryman von Gerichtsmediziner Ralf Danner mit ein, bildeten die drei Wagen ein ziemlich exaktes Dreieck.

Ein Dreieck, dass das Ensemble des emsig umherlaufenden Pulks aus Uniformierten und Spurensicheren aufs vortrefflichste umrahmte.

Banksy hätte seine Freude, schoss es Haller durch den Kopf, insbesondere, da Fred und George gerade beschlossen, Crispy aus seinem Tiguangefängnis zu befreien.

In vollem Galopp waren sie gen Tiguan geschossen, und kratzten nun fiepend an Haralds Heck.

Crispy seinerseits beantwortete das Fiepen mit einem hohen, freudig-erregten Bellen.

„Um den zu knacken, müssten sie Houdini sein!“, kommentierte Ralf Danner das Vorhaben der Hunde.

„Oder, wie ich, einen Zweitschlüssel haben!“, zwinkerte ihm Haller zu und entriegelte den Kofferraum mit einem kurzen Knopfdruck.

„Kleine aber feine Sicherheitsmaßnahme, falls Harald oder ich mal den Schlüssel verlegen!“

Der schlanke, großgewachsene Forensiker, mit weißem Haarschopf, brach in schallendes Gelächter aus.

Das allerdings lag weniger an der Erklärung des Kommissars als vielmehr an Fred und George.

Nach erfolgreichem ‚Sesam öffne dich‘ schauten die nämlich irritiert zwischen Haller und ihren Pfoten hin und her.

Für Crispy gab es unterdessen kein Halten mehr.

Der junge Rüde umwirbelte die Labradore, begrüßte Haller und nahm dann Kurs auf sein zweites Herrchen.

Mit einem Satz war er Harald Schöne in den Rücken gesprungen.

Ein gelungener Überraschungsangriff, auch wenn es einzig Crispy war, der sich darüber freute.

„Wer, verfluchte Scheiße hat den Hund freigelassen?“, schrie Schöne, der gerade damit beginnen wollte, Spuren auf der Fahrerseite des Leichenwagens zu sichern.

„Ich! Und so war das nicht geplant!

Ich hab nur sein Brustgeschirr nicht richtig zu fassen bekommen.“, entschuldigte sich Haller.

„Und ich hab hier einen Tatort zu untersuchen!“, schnauzte Schöne in Richtung seines Mannes.

„Also mach Dich gefälligst vom Acker und warte bis Du dran bist!“

„Ärger im Paradies?“, raunte Danner dem Kommissar zu, als dieser wieder neben ihm am Countryman stand.

„Eher Eiszeit in der Hölle!

Und genau die wird auch bald noch zufrieren, wenn mein holder Gatte so weiter macht!“

„Wegen Dietmars Beförderung zum Leiter der Spusi oder Deinem Neuen?“

Haller schüttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.

„Dietmars Beförderung fand er gut und war froh, dass der Kelch an ihm vorbei ging.

Und mein ‚Neuer‘ ist rein beruflich und stockhetero noch dazu!

Amun Shahier, verheirateter Kommissaranwärter, unter meiner Obhut.“

„Weiß Dein Mann das auch?“

Diesmal war Hallers Kopfschütteln eindeutig.

„Der Herr Spurensicherer geht mir seit Wochen aus dem Weg und redet nur das Nötigste mit mir!“

„Oh ha! Dann muss unser verspäteter Aprilscherz da drüben also nicht nur auf mich, sondern auch auf dich warten.

Kaffee?“, fragte er auf die dunkellila Thermoskanne auf dem Dach seines Countryman weisend.

Kopfschüttelnd lehnte Haller ab.

„Wieso denn verspäteter Aprilscherz?“

„Weil heute der zweite ist!

Und wenn Ihr mir gestern was von einer ‚Leiche im Leichenwagen‘ erzählt hättet, wär ich höchstwahrscheinlich nicht gekommen!“

Unwillkürlich musste Haller schmunzeln, auch wenn ihm nicht danach zumute war.

Mit ernstem Blick schaute er wieder zu seinem Mann.

Natürlich hatte Harald recht!

Sein Missgeschick mit Crispy hätte nicht passieren dürfen.

Und an einem Tatort schon gar nicht!

Dass diesbezügliche Reglement war jedem Polizisten von Hamburg bis Garmisch bekannt und strikt zu befolgen.

Kein geringerer als Ernst August Ferdinand Gennat, der ‚Buddha von Berlin‘, hatte jene Regeln zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts festgelegt.

Und sie galten bis heute!

Zuerst kamen die Spurensicherer.

Sie riegelten den Tatort ab, bildeten eine Spurengasse, sichteten und sicherten. Währenddessen befragten die Uniformierten Zeugen.

Dann erst waren die Kommissare an der Reihe.

Und ganz zum Schluss durften die Rechtsmediziner ihrem Handwerk nachgehen, da sie durch ihre Untersuchungen, die Lage des Leichnams verändern mussten.

Das allerdings berechtigte Harald nicht so zu reagieren, wie er reagierte!

Die Sache würde ein Nachspiel haben!

So oder so!

„Dein junger Hübscher da drüben legt sich ja ganz schön ins Zeug“, riss ihn Danner aus seinen Gedanken.

„Will wohl Eindruck bei Dir schinden?“

Noch immer ernst schaute Haller zu Shahier, der zusammen mit einem Uniformierten und seinem Freund hinter der Absperrung stand.

„Er macht nur seinen Job!“, brabbelte Haller vor sich hin.

Dabei ertappte sich ein weiteres Mal zu Schmunzeln, denn auch Shahiers Beschreibung von Jorge Sanchez traf voll ins Schwarze.

Der mittelgroße Spanier war in seinem brombeerfarbenen Hemd und dem hell-lila Jackett tatsächlich unverkennbar individualistisch!

Und erst jetzt konnte sich Haller die Szenerie des ersten Schultages der beiden Männer richtig vorstellen.

„Der Junge hat ein gutes Auge! Und ein Händchen das Gesehene realitätsnah zu beschreiben!“, nickte er anerkennend,

„Und genau das sollten wir jetzt auch haben! Wir dürfen nämlich endlich!“, antwortete Danner, ohne wirklich zu wissen, was der Kommissar genau meinte.

Obwohl Haller nichts anderes erwartete, war er beim Anblick des Innenraums von Sanchez Wagen doch beeindruckt.

Das in Imperial Gold verkleidete Innendekor erinnerte ehr an die Lobby eines Luxushotels, denn an einen Leichenwagen.

Frida Kahlos ‚Blume des Lebens‘ schmückte die Acrylglas-Trennwand zwischen Fahrerkabine und Ladefläche.

Ihre ‚Sonne des Lebens‘ verzierte die Innenseite des Dachs.

Der Tote selbst lag auf der mittleren Schiene des elektrisch ausfahrbaren Ladebodens.

Friedlich lächelnd lag er da.

Klein, hager, haarlos.

In einem feinen, aber nicht teuren Anzug, dessen rechtes Hosenbein sorgsam hochgesteckt worden war.

Als Sohn und Enkel der Kriegsgeneration kannte er diesen Trick, mit dem das Fehlen von Extremitäten kaschiert wurde.

Er hatte immer lachen müssen, wenn er Männer mit hochgesteckten Ärmel oder Hosenbeinen sah.

Bis sein Vater und Großvater ihm die Gründe dafür nannten.

Danach war sein Lachen verstummt und einer tiefen Ehrfurcht gewichen.

Er besah sich das Gesicht des Toten.

Alt, faltig, uneben, vertrocknet.

Vom Leben gezeichnet, und doch lächelte er!

Seine vor der Brust verschränkten Hände hielten eine Sonnenblume.

Ein Papierbildchen der Gnadenmutter mit Kind lag in Herzhöhe, direkt auf der Brusttasche seines Jacketts.

„Was schätzt Du, wie alt ist er?“

„Ungefähr neunzig, plus minus ein oder zwei Jahre“, antwortete ihm Danner. „Genau kann ich Dir das erst sagen, wenn ich ihn auf dem Tisch hatte und oder die Spusitruppe einen Ausweis oder etwas Ähnliches gefunden haben.“

Haller nickte.

„Hast Du sonst schon was für mich?“

„So erst mal keine offensichtlichen Spuren von Gewalteinwirkung.

Keine äußeren Verletzungen.

Keine offenkundigen Abwehrspuren.

Er wurde, so wie das hier aussieht, ziemlich fachmännisch gereinigt und balsamiert, was Du an seiner Haut erkennen und riechen kannst.

Darüber würde ich mich gerne nochmal mit dem Bestatter unterhalten, der ihn gefunden hat.

Mich interessiert nämlich, was die so für Balsamierungs- und Reinigungsmaterialien benutzen.

Als Anhaltspunkt für eine vergleichenden Analyse.

Und er wurde aller Wahrscheinlichkeit nach auch gekühlt, weshalb ich Dir trotz voll ausgeprägter Leichenflecken noch nichts Genaues zum Todeszeitpunkt sagen kann!“, beendete der Rechtsmediziner seine Ausführungen.

„Gekühlt?“

„Ja, gekühlt! Das mit dem Eis im Schrank zum frisch halten!

Seine Körpertemperatur weist eindeutig darauf hin.

Genau wie die Tatsache, dass er trotz gelöster Leichenstarre dennoch ein wenig ‚steif‘ für einen ‚normalen‘ Toten ist.

Andererseits ist bei unseren Toten ja meistens nichts normal.“

„Aber das ist doch eher ein Grund zur Freude mein Lieber!“, gab Haller nicht ohne einen gewissen Funken von Ironie in der Stimme von sich.

„Wir wären ja alle arbeitslos, wenn es nur noch ‚normale Tote‘ geben und sich unsere Mörder an Regeln halten würden!“

„Wie wahr, wie wahr und tragisch schön!“, murmelte der Forensiker.