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"Der Tag ist wieder einmal der Nacht gewichen. Sie ist mein Verbündeter, umschlingt mich, nimmt mich in sich auf, bis ich mit ihr konturenlos verschmelze. Ich steige über den kleinen Jägerzaun hinüber in den Garten und wate durch den tiefen Schnee. Im Haus sind alle Zimmer hell erleuchtet." Im tiefsten Winter, Eiseskälte, der Schnee türmt sich auf den Straßen, entzündet ein gnadenloser Mann im Namen einer perversen Moral eine bluttriefende Mordserie. Seltsame Blutbotschaften schrecken die Stadt auf. Auch ein beurlaubter Polizist gerät in die Fänge des Rabenmannes, der eine alte Schuld begleichen will. Er ahnt nicht, was sich vor seinen Augen abspielst, schon gar nicht, wer die Fäden zieht.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Alan Lee Hemmswood
Gnadenwolf
Erfüllung einer Blutschuld
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Epilog
Impressum neobooks
Vor vielen Jahren …
Die Abendsonne strich das im Wald versteckte Anwesen kupferrot, eine Brise wehte sanft durch die fein gestutzten Grashalme über den weitläufigen Rasen. Vogelgezwitscher drang aus den umliegenden Wäldern hin zu dem kleinen Eiland inmitten der Bäume … die Gartenanlage des Anwesens umschloss die Villa aus der späten Gründerzeit in einem nahezu idealen Kreislauf. Parallel zu der rückwärtigen Fassade erstreckte sich über die gesamte Länge der Villa ein Schwimmteich, der von schwarzem Marmor umgeben wurde. Vereinzelt zogen Blütenkelche ihre unsymmetrischen Bahnen, von Windeshand getrieben, durch das ruhige Wasser. Die farbenfrohen Schiffchen durchbrachen die Wasseroberflächenspannung ganz zart, lediglich ein vernachlässigbarer Teil ihres Bestandes verbarg sich dem Augenschein des Jungen unter der wässrigen Grenze.
Die meisten Menschen sind Kelchblüten, Kelchblüten auf einem weiten Meer. Die Allermeisten. Sie offenbaren sich den menschlichen Sinnen und verbergen lediglich einen verschwindend geringen Teil ihres Selbst. Äußerst wenige Menschen jedoch sind anders. Sie sind Eisberge. Sie geben nur einen minderen Teil ihres Ausmaßes preis und hüllen ihr wahres Wesen in die lebensfeindliche Schwärze des eisigen Meeres, wo es dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Eisberge sind gefährlich. Sie täuschen über das, was sie sind. Der Eisberg treibt im Wasser und nur ein kleiner Teil durchsticht die Wasseroberfläche. Das bedingt die Dichteanomalie. Anomalien gibt es nicht nur bei Eisbergen. Doch anders als beim Wasser der Eisberge ist es hier keine naturgemäße Eigenschaft, sondern ein formreicher Prozess …
Der kleine Junge saß unter einem Sonnenschirm, ein Glas Limonade in der Hand und beobachtete den Gärtner beim Schneiden des Rhododendrons, der sich filigran um die gesamte Rasenfläche legte. Der emsige Mann war in der Entfernung für den Jungen nur noch als Miniaturausgabe zu erkennen. Als der Junge gerade nach dem Buch, „Mobby Dick“, auf dem Abstelltisch griff, läutete im Inneren des Hauses unmelodisch das Telefon. Sofort sprang er auf und lief über die Terrasse durch die Türöffnung hinein ins Haus. Er stellte sich dabei immer vor, ein Junge aus einem ferne Zeiten zurückliegenden Mär zu sein, der über die terrakottafarbene Zunge eines Riesen in dessen fauligen Schlund dringt.
Die abstrakten Figuren auf den abstrakten Bildern an den weißen Wänden starrten mit ihren angsteinflößenden Fratzen auf den durch den schmalen Gang eilenden Jungen hinab und streckten ihre widerwärtigen Glieder nach ihm. Doch sie würden ihn nicht packen, er war immer schneller als sie. Er lief vorbei an der schwarzglänzenden Skulptur, die ihn mit ihren vielen Fängen zu haschen schien.
Der Junge von zartem Alter nahm freudig erregt den Telefonhörer ab und drückte ihn gegen sein Ohr.
„Hallo?“, japste er von seiner Verfolgungsjagd noch außer Atem in den Hörer.
„Hallo Schätzchen, wie geht es dir?“.
„Mama, Mama“. Pause. „Du fehlst mir so! Wann kommt ihr zurück?“
„Das wird noch was dauern, Schätzchen. Du weißt doch, dass dein Vater und ich grade erst aufgebrochen sind. Kümmert sich denn das Hausmädchen nicht gut um dich?“, gab die kühle Stimme zurück.
„Doch, doch, aber …“
„Na siehst du, dann ist doch alles halb so schlimm. Außerdem kann ein Junge, der sich anschickt ein großer Mann zu werden, nicht früh genug selbstständig werden. Ich soll dich von deinem Vater schön grüßen. Ach ja, du weißt ja welcher Tag in drei Wochen ist. Wir werden dem Hausmädchen Bescheid geben, dass sie mit dir in die Stadt fahren soll und du dir alles aussuchen darfst, was dein kleines Herz begehrt. Alles“.
„Werdet ihr da sein?“
„Schätzchen, unsere Reise hat grad erst angefangen. Wir werden noch mindestens einen Monat unterwegs sein, das weißt du doch“.
„Ihr fehlt mir“
„Du uns auch Schätzchen, hab einen schönen Tag“.
Bevor der kleine Junge antworten konnte, dröhnte der enervierende Besetztton aus der Hörmuschel. Das Glitzern in den Augen war erloschen. Enttäuscht trottete er zurück nach draußen und nahm sein Buch wieder in die Hand. Es war sein Trost. Flucht und Heimat zugleich.
Am Geburtstagsmorgen thronte ein Berg Geschenke im Wohnzimmer, der beinahe bis auf die Höhe der Galerie ragte. Die einfallenden Sonnenstrahlen wurden von den glitzernden Geschenkepapieren reflektiert und erweckten den Eindruck eines Christbaums. Der Junge lief die gewundene Treppe hinunter ins Wohnzimmer, stoppte vor dem Geschenkeberg auf dem kalten Marmor und umrundete die strahlende Anhäufung im Laufschritt. Mit jedem Schritt, der ihm dem dreihundertsechszigsten Grad näher brachte, wich seine Hoffnung. Als er die Runde beendet hatte, stieg die ernüchternde Gewissheit in ihm auf und schlug eine tiefe Kerbe. Seine Eltern waren tatsächlich nicht gekommen.
Es kam die Zeit, da offenbarte sich dem Jungen der Decodierungsschlüssel für die vielen “Schätzchen“. Und entgegen des sehnlichsten Wunsches des Jungen, dass sich ihre Lebenswege vereinen, sahen seine Eltern einen anderen Kurs vor: Zwei parallele Wege, die sich niemals treffen würden. Jahr um Jahr verstrich, Schlag um Schlag traf in die Kerbe. Mit jedem vergangenen Geburtstag sah der Heranwachsende seine Eltern weniger.
Dann eines Morgens, der Junge war mittlerweile vierzehn Jahre alt, lag auf dem langgezogenen Esstisch, der einer Tafel glich, ein unscheinbarer Briefumschlag auf seinem Platz. Der Knabe ergriff eilig das Kuvert und las den Absender. Er war von seiner Mutter, gesandt vom anderen Ende der Welt. Wieder funkelten seine Augen. Er riss den Umschlag an der Querseite auf, entnahm das Schreiben und faltete es ungeduldig auf. Zart erhoben sich die dünnen Härchen auf seinen Armen, als er die ersten Zeilen las. Er konnte es nicht fassen: Seine Eltern schickten ihn weg … nach England auf ein Internat. Dort solle er "eine hervorragende Ausbildung“ genießen und die Umgangsformen lernen, die „es sich ziemt“ an den Tag zu legen. Feine Perlen glitten von der Wange des Jungen auf das Papier in seiner Hand, tauchten es beim Auftreffen in konzentrischer Entfaltung in dunkle, feuchte Flecken.
Und wieder verstrichen die Jahre. Ein Telefonat am Geburtstag, ein Telefonat an Weihnachten. Während die anderen Internatsschüler mindestens zweimal im Jahr ihre Familien besuchten, verbrachte er das ganze Jahr im Internat, einer altwürdigen Burg an der Nordwestküste Englands. Oft streifte er durch die einsamen Weiten des Landes, vorbei an der Küste oder über weite Felder, unter wolkenverhangenem Himmel, den die Sonnenstrahlen nur selten zu durchbrechen vermochten. Er liebte den Kontrast des satten Grüns der Wiesen und der Schwärze des dunklen, tobenden Meeres unterhalb der Küsten.
Es war wieder ein verregneter Nachmittag, da kam der Anruf. Es war weder sein Geburtstag noch war es Weihnachten … Er stand damals an der windigen Steilküste und beobachtete mit feinen Augen das Spiel der Seemöwen. Der Wind zerzauste sein Haar. Er hatte das Gefühl die Gischt des eisigen Meeres, das mit urgewaltiger Kraft gegen die Küste ankämpfte, in seinem Gesicht zu spüren. Die zerklüftete Felsenformation zu seinen Füßen zeigte ihre spitzen Zähne. Sie wollte ihn verschlingen. Und er wollte es auch. Der mittlerweile junge Mann schritt so weit an den Abgrund heran, dass seine Schuhspitzen den sicheren Untergrund verließen. Er schloss die Augen und lehnte sich nach vorne … ein schriller Schrei übertönte den Sturm. Der hochfrequente Ton schoss durch die Winde und bohrte sich tief in den Gehörgang des jungen Mannes, der sich erschrocken aus seiner Trance riss und rückwärts taumelte, auf den sicheren Boden. Seine Lehrerin für Etikette rannte auf ihn zu und schlug ihm mit der flachen Hand hart ins Gesicht.
Als sie wieder im Internatsgebäude angekommen waren, führte die Lehrerin ihn zu einem Telefon, mittels dessen die ganze Zeitlang eine Verbindung aufrechterhalten worden war. Er führte den Hörer zum Ohr.
„Ja?“, sprach er schüchtern.
„Hallo, Junge! Hier ist dein Vater“. Wenn der junge Mann sich auch nur noch schemenhaft an dessen Aussehen erinnern konnte, so war die tiefe Reibeisenstimme doch sehr vertraut. „Junge, deine Mutter ist gestern gestorben, sie hatte einen Autounfall“. Kurz, prägnant, emotionslos.
Danach: Rauschen. Der junge Mann konnte sich an nicht mehr erinnern. Simultan in dem Moment des zuletzt ausgesprochenen Wortes rissen Seele und Herz einfach so auseinander. Es gab keinen Knall und auch keine Explosion. Es war vielmehr ein leises Reißen, nicht lauter als der Flügelschlag eines Schmetterlings. Die Liebe zu seiner Mutter war zwar eine des Hasses, aber eben auch eine die ein Sohn für seine Mutter empfand gewesen.
Er weinte keine einzige Träne. Er wollte weinen, doch er konnte nicht. Die schwärzesten Tage seines Lebens folgten. Doch als er das kurze Trauertal durchschritten hatte, fühlte er etwas in sich, was ihm bisher unvertraut war. Eine Kraft, die seine Selbstzweifel und innere Zerrissenheit auf eine merkwürdige Weise zu bekämpfen schien. Er spürte, wie Stück für Stück der Last abfiel, die jeden einzelnen seiner Knochen beugen konnte. Sein Weltbild begann sich in Zähfluss zu entzerren. Es brauchte nicht lange für seine Entscheidung. Der Prozess, der in ihm eingesetzt hatte, war ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Er würde nach Deutschland zurückkehren. Aber nicht als derjenige, als der er seine Heimat verlassen hatte. Das schwor er sich …
Des Nachts vollziehe ich es am liebsten. Umhüllt von der Schwärze der Nacht, geleitet vom Schein der Sterne begebe ich mich auf die Jagd. Die Kälte der sternenklaren Nacht brennt auf meiner Haut, in meinem Gesicht, doch dies verstärkt nur meine Erregung. Mein Atemdunst tanzt wabernd vor mir in der Luft. Gleich einem Raubtier verharre ich regungslos knöcheltief im Schnee stehend hinter einer alten Esche. Sie ist mein Gehilfe. Der Schatten ihrer kahlen Zweige erstreckt sich im Mondschein unheilvoll gen meines –nun, ich nenne ihn- Vertragspartners, wenn auch unsere Leistungen nicht unterschiedlicher sein könnten. Im Wiegen des leichten Windes scheint es, als ob der Schatten der Zweige mir die Richtung zu zeigen vermag. Mit routinierter Gelassenheit beobachte ich sie. Obwohl sie wissen müsste, dass der Zeitpunkt gekommen ist, hat sie nicht die leiseste Ahnung. Ihr unsägliches Leben wird an diesem kalten Wintertag ein befreiendes Ende nehmen. Darauf habe ich sehnsüchtig gewartet: Die Kirchglocken erklingen unheilverkündend und leiten die Geisterstunde ein. Der Moment, auf den ich gewartet habe …
Lediglich ein einsamer Jogger, der seine letzte Runde durch den Park dreht, steht ihrer Erlösung noch entgegen. Ich blicke dem Läufer hinterher, wie er leichten Schrittes das Sichtfeld verlässt. Nun denn, der Zeitpunkt ist gekommen.
Ich schreite aus dem Sichtschutz des Baumes heraus und stapfe durch den tiefen Schnee über die Wiese in Richtung meines Ziels. Sie kauert, mir abgewandt, auf einer Parkbank. Selbst das Knarzen des komprimierten, von einer ächzenden Eisdecke überzogenen Schnees lässt sie nicht aufschrecken. Langsamen Schrittes, die Hände tief in meine Manteltaschen vergraben, gehe ich um die Bank herum und sehe ihr erstmals nach einem zäh dahinfließenden Jahr unmittelbar in die Augen. Für gewöhnlich sehe ich in diesem Moment eine dem Tod ins Gesicht starrende Angst, jedoch nicht so in diesem Fall. Man sagt, die Augen seien der Spiegel der Seele. Wenn dies der Wahrheit entspricht, so kann ich in ihren trüben Augen erblicken, dass ihre Seele vor langer Zeit zerborsten ist. Die Chemikalien, die in ihrem Körper wüten, haben die vernunftbegabte Persönlichkeit in ihr schon vor langer Zeit besiegt und in den Abgrund gerissen. Ihr Gesicht ist eingefallen und von der über sie erhabenen Droge zerfressen. Nun ja, ich muss gestehen, dass ihr Anblick meinem Verlangen die Energie entzieht. Ich bin es, der sein Gegenüber in seinem letzten Moment beherrschen will, wenn er ihm den Tod einhaucht. Und dann dieser armselige Anblick: Ein Junkie, Gefangene ihrer selbst und im festen Würgegriff der Droge. Sie ist ihr Herrscher, nicht ich. Sie hat mich immer noch nicht erkannt. Die Nadel steckt noch in ihrem narbenübersäten Arm. Ich bezweifele, dass sie überhaupt noch mehr von dieser Welt wahrnimmt als das, was das Zeug ihrem Geiste vorgaukelt.
Sei es wie es mag, aber ich bin ein ehrenwerter Mann. Mir ist bewusst, dass der Vertrag nicht gebrochen werden darf. Ich erfülle pflichtbewusst meinen Dienst an der Gesellschaft. Behutsam führe ich die ummantelte Klinge aus der Tasche, befreie sie vom Leder und spüre die fesselnde Kälte und schneidende Schärfe in meinen Handflächen. Die Klinge schimmert im Mondschein. Das Schimmern fährt herab …
Ich fordere stets nur das ein, was mir als Gegenleistung für die Meinige versprochen wurde.
Der Mann mittleren Alters saß in einem kleinen Café im belebten Stadtzentrum. Die anderen Gäste konnten erahnen, dass mit dem Mann irgendetwas nicht stimmte ... Die Krankheit war damals aus dem Nichts gekommen. Er hatte einen für nicht möglich gehaltenen Teil seines Körpergewichtes eingebüßt, unmissverständlich erfahren, dass die Krankheit unersättlich ist. Seine zittrigen Finger steuerte seitdem der Tremor, als lenke ein unbarmherziger Marionettenspieler seine Bewegungen mittels unsichtbarer Fäden.
Er reckte sich etwas nach oben, als die wärmenden Sonnenstrahlen durch die isolierende Fensterscheibe des Cafés auf seinen entkräfteten Körper fielen. Sein Fleisch mochte zwar geschunden sein, doch sein Geist war seit Wochen wieder von Hoffnung erfüllt. Der Arzt hatte ihm mitgeteilt, dass er wohl wieder gesund werden würde, die Chemotherapie habe „angeschlagen“. Die Nachricht hatte ihn zunächst in Ekstase und Sekunden später in tiefe Furcht versetzt. Denn er hatte in seiner Verzweiflung ein Tor geöffnet, das tief, tief in die Schwärze führte. Er hatte einen unaufkündbaren Pakt mit diesem gottlosen Teufel geschlossen …
Der hagere Mann schob den klassischen Caféhausstuhl zurück und schritt auf die blonde Bedienung zu, die mit einem charmanten Lächeln hinter dem Tresen wartete.
„Darf es noch was sein?". Ihr Gesicht schien in Stein gemeißelt, wie das einer Stewardess. Doch der Mann wusste, dass es keinesfalls aufgesetzt war.
„Clara, sei doch so lieb und gib mir mal die aktuelle Tageszeitung".
Die Bedienung griff, ihre Lippen zogen sich noch eine Nuance weiter auseinander, auf Taillenhöhe neben sich und reichte dem Mann die Zeitung.
„Dank dir, Clara". Der Mann ging zurück zu seinem Platz und ließ sich mit einem Seufzer nieder. Er breitete die Zeitung zwischen seinen zittrigen Händen aus. Und dann stellte er die Atmung unwillkürlich ein, seine Augen starrten schockiert auf die Titelseite vor ihm.
“Grausamer Fund im Park“.
Unter der Überschrift nahm ein abgebildetes Foto die gesamte Breite der Zeitung ein. Der Mann zog das Bild bis auf wenige Zentimeter vor seine Augen heran. Vor einer Parkbank lag im Schnee ein weißes Laken, darunter zeichneten sich die Konturen eines Menschen ab. Im Kreis um das verhüllte Opfer herum waren Blutspritzer zu erkennen, die sich wie feine Safranfäden im jungfräulichen Schnee abgezeichnet hatten. Neben dem vermeintlichen Opfer lag ein weiteres Laken. Hierunter zeichneten sich allerdings keine Formen ab.
Verdammt, das kann doch nicht wahr sein. Ein elektrisierender Strom durchfuhr seinen Körper, seine Finger und Zehen begannen erst zu kitzeln, dann zu schmerzen. Sein Geist malte dunkle Bilder, stellte sich vor, bald würde sein Name dort zu lesen sein. Wie lang ist es her? Er wusste es nicht mehr, hatte es im Labyrinth seines Gedächtnisses sorgfältig versteckt. Und dann hatte er die Karte verbrannt. Fahrig überflog der Man den Artikel. Eine Drogenabhängige wurde in dem großen Park der Stadt mit durchtrennter Kehle aufgefunden. Das Bizarre in dem Fall beschleunigte seinen Puls nochmal um ein Vielfaches. Sein Herz schlug ihm bis zur Brust. Der Täter habe mit dem Blut des Opfers im Schnee eine Nachricht hinterlassen:
„Ich bin ein stürmischer Gesell‘,
Ich wähle rasch und freie schnell,
Ich bin der Bräut’gam, du die Braut,
Und ich bin der Priester der uns traut.“
Sowas sollte eigentlich nicht nach außen dringen. Im Angesicht der Länge der Botschaft und der erforderlichen Menge an Blut mischte sich noch Übelkeit zu seinem Angstgefühl. Angeekelt las er weiter. Die skurrilen Worte seien Auszug aus einer Ballade. Silvesternacht von Theodor Fontane. Jedoch sei selbst eine Deutung spekulativer Art zum gegenwärtigen Zeitpunkt laut Aussage der Kriminalpolizei noch nicht möglich. Der Mann vergrub das Gesicht in seinen Händen und dachte angestrengt nach. Wenn er das ist, dann sind wohl die ersten fällig. Aber es könnte auch nicht mehr als ein belangloser Zufall sein.
Plötzlich vibrierte sein Handy. Hastig griff er in seine Hosentasche und zog unbeholfen das Mobiltelefon heraus. Es war seine Tochter. Sie lud ihn zu ihrem Geburtstag ein. Ein zartes Lächeln zeichnete sich auf seiner Augenpartie ab, darunter blieb das Gesicht gelähmt. Ein Nebelstreif am Horizont. Wie lange mag’s her sein, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe? Zwei Monate? Der schmale Grat zwischen Erde und Himmel ließ sich schon seit Wochen in einer alles erstickenden Schwärze, wie ein böses Omen, in der Ferne blass erkennen. Mit jedem Tag kam er dem Horizont ein Stück näher. Die schwammige Blässe des dunklen Mals wich Tag um Tag gefestigten Konturen. Schien es damals noch weit, weit entfernt, so war es mittlerweile allgegenwärtig. Es war ein reales Szenario geworden. Und jetzt, da er sich auf dem Weg der Genesung befand, lähmte in dieser Gedanke. Einen Gegner fast geschlagen, während sich der andere von hinten heranschleicht und mir die Kehle durchschneidet. Keine tolle Vorstellung. Er hatte sich immer noch nicht entschieden, wie er mit der Situation umgehen soll, wollte aber auch gar nicht daran denken.
Er trank seinen Kaffee aus, erhob sich und blickte umher. Er mochte die Atmosphäre hier. Er versank immer förmlich in dem Stimmengewirr, das jedoch in keiner Weise aufdringlich war. Es war vielmehr wie eine sanfte Hypnose, die seinen Geist aus seinen gottgesetzten Grenzen ausbrechen und in eine neue Sphäre eintauchen ließ. Und in dieser Umgebung dachte er eigentlich nicht an seine Probleme. Er fühlte sich entspannt, vergaß alles um ihn herum. Der Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen tat sein Übriges. Immer wenn er den betörenden Geruch wahrnahm, fühlte er Entspannung, als sei er darauf konditioniert. Aber in diesem Moment wurde ein klaffendes Loch in diese Heile-Welt-Fassade geschlagen, das spürte er eindeutig.
In seine Gedanken vertieft verließ der Mann das Café. Die Sonnenstrahlen verwandelten die von Schnee und Eis bedeckte Straße vor ihm in ein Meer aus lumineszierenden Eiskristallen. So viel Schnee hatten wir schone lange Zeit nicht mehr. Sein Weg durch die winterlich anmutende Landschaft, vorbei an der sonst so grauen Tristesse der Häuserfronten führte ihn jedoch schnell zu seinem Ziel. Er betrat das mit der spiegelnden Fensterfront versehene Gebäude, das ihm nach dem Öffnen der Sicherheitsschleuse den Zugang in sein Innerstes gewährte. Bedächtig schritt er durch die hellen Fluren. Durch jene Flure, die er so oft durchlief. Wie er diese Zeiten gleichzeitig vermisste und doch verfluchte.
Hier und da senkte er zum Gruß seinen Kopf, bis er schließlich an dem Büro angelangte, dessen Tür auch seinen Namen aufwies: Andreas Liebig. Ohne zu klopfen trat er über die Schwelle und sah in das Gesicht seines Kollegen.
„Du schon wieder?! Dein Kontrollwahn bringt dich noch eher ins Grab als dein Krebs! Gib ihm doch auch eine faire Chance“. Kopfschüttelnd blickte sein Kollege ihm in die Augen.
„Wenn ich nicht penibel darauf achten müsste, dass du keine Fehler begehst, säße ich dir wahrscheinlich schon wieder gegenüber“, konterte Liebig.
„Was sagt der Onkel Doktor?“.
„Ich bin weiter auf dem steilen Weg der Besserung“. Liebig grinste und zwinkerte seinem Partner zu.
Sein Kollege, Nils Olson, war das das stereotype Bild eines Schweden … und bis auf den Krebs, einte sie dasselbe Schicksal. Ihre Tätigkeit in der Mordkommission hatte die Zeit verschlungen. Jaja, die erstaunliche Macht des Gehirns, gewisse Erscheinungen mit Erinnerungen und Gefühlen zu koppeln. Immer, wenn Liebig nach längerer Zeit auf Olson traf, machte er dieselbe Gefühlswanderung durch. Er musste an die schönen Dinge denken, die Feiern in ihrer Stammkneipe, die gemeinsamen Verhaftungen und Ermittlungserfolge, die Freundschaft. Aber dann ging es hinab. Von hundert auf null, vom euphorischsten Hochgefühl in schwarze Leere. Das alles hat mich meine Familie gekostet. Ich verstehe immer noch nicht, wie ich so blind sein konnte. Zeit für andere, ist das wertvollste, was wir schenken können. Und ich habe es nicht kommen sehen, war von falschem beruflichem Ehrgeiz geblendet.
Als seine Frau sich dann von ihm trennte, war es für ihn ein eiskalter Schlag ins Gesicht gewesen. Wie das passieren konnte? Er kannte nun die Antwort und sie brannte jeden Tag lichterloh schmerzend in seiner Seele ... Es war die vereinnahmende, verdammte Arbeit.
Viele Tage, Wochen, Monate vergingen. Liebig hatte sie damals nicht gezählt. Sie waren für ihn bedeutungslos geworden. Jeglicher Kontaktversuch zu seiner Frau scheiterte. Dann kam der Tag, an dem ihm bewusst wurde, dass das gnadenlose Schicksal ein makabres Spiel mit ihm spielt. Es fing damit an, dass er sich körperlich geschwächt fühlte, dann musste er sich häufig übergeben, ständige Kopfschmerzen plagten ihn. Als Liebig eine Woche nach dem Arztbesuch den Anruf über die Ergebnisse seines Bluttests mit dem niederschmetternden Befund erhielt, machte sich ein betäubendes Gefühl in seinem Körper breit.
Wie paralysiert saß er damals tagelang in seiner dunklen Wohnung, gedankenlos wartend auf sein Ende. Er hatte beschlossen seine Familie über seinen gesundheitlichen Zustand nicht aufzuklären. Liebig verließ seine Wohnung nur noch für die Chemo. Obwohl sein Lebenswille den Kampf mit dem Tod schon vor langer Zeit verloren zu haben schien, hatte er sich für die Therapie entschieden. Motor dieser Überlegung war allerdings nicht die Hoffnung auf das Leben, sondern der Schmerz. Er wollte die Selbstgeißelung. Er wollte sich für seine jahrelange Apathie dem gegenüber, was sich direkt vor seinen Augen abspielte, bestrafen.
„Huhu, Andreas“. Olson riss Liebig aus seinen Gedanken.
„Was? Oh ja, tut mir leid“, Liebig wischte sich über die Stirn, „in letzter Zeit bin ich manchmal etwas geistesabwesend“.
„In letzter Zeit?“. Olson stieß einen Luftschwall aus.
„Was ist das für eine Sache? Das mit der Blutbotschaft“, lenkte Liebig das Gespräch auf den makabren Fund.
Olson stockte kurz. „Diese beschissen Käseblätter".
„Ja, die böse Presse. Nein jetzt mal im ernst. Was ist da los?".
„Frag mich Einfacheres. Wir wissen noch nichts Genaues, alles sehr vage. Wir sind aber mittlerweile sicher, dass die Botschaft auf die Ballade Silvesternacht von Fontane verweist. „Aber …“, lachte Olson höhnisch, „selbst die Deutungen der Ballade sind nicht unumstritten. Es geht um ein junges Mädchen, das einer alten Sage folgt. Hiernach offenbart sich einem jeden Mädchen der zukünftige Ehemann, wenn es in der Silvesternacht um Mitternacht den Essenstisch für zwei deckt. Als die Uhr dann zwölf Uhr schlägt, bekommt es das Mädchen allerdings mit der Angst zu tun. Aber da ist es auch schon zu spät und jemand hat sich zu ihr gesellt. An dieser Stelle schließt sich die Strophe an, die der Spinner uns hinterlassen hat. Am Ende ist das Mädchen tot. Der Gast, der ihr zukünftiger Ehemann sein soll, ist nach landläufiger Auffassung der personifizierte Tod. Er holt sich das Mädchen … Was ist mit dir Andi, du bist ja ganz blass geworden? Wirst du auf deine alten Tage noch sensibel?“.
„Nein, nein. Das sind nur die Medikamente“.
Kalter Schweiß legte sich auf seine Stirn. Ist er das? Mein Teufel? Möglich? Wahrscheinlich? Sicher? Liebig konnte die Lage nicht einschätzen, was allerdings seiner aufsteigenden Angst nicht abträglich war.
„Die Tote konnte bisher nicht einmal identifiziert werden, hatte keinen Ausweis bei sich. Und wird anscheinend auch nicht vermisst, wir haben’s mit den bekannten Vermisstenmeldungen abgeglichen. Nicht selten bei Junkies. Die anderen Halbtoten im Park haben ausgesagt, dass sie “Ratte“ genannt wurde. Hatte wohl immer so einen verlausten Nager dabei. Und sie lebte auf der Straße. Wer soll sie also auch schon vermissen?“.
Erst jetzt fiel Liebig auf, dass er die ganze Zeit den Mund geöffnet hatte.
„Wirklich alles in Ordnung?“.
„Jaja doch. Mach dir mal keine Sorgen. Oder sollte ich sagen, Hoffnung? Auf ein alleiniges Büro vielleicht?“.
„Das wäre schon was Feines“, lachte Olson.
„Da musst du dich aber nicht etwas gedulden. Wie geht’s eigentlich dem Chef?“.
„Ach, knurrig wie eh und je. Aber in letzter Zeit war hier nicht viel los, das hat ihn ein bisschen sanftmütig gestimmt. Wollen wir mal hoffen, dass es auch dabei bleibt … und diese wirre Bluttat das Werk eines kleinen Psychos ist, dem nur einmal kurzzeitig die Sicherungen durchgebrannt sind“.
„Das hoffe ich auch“.
„Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Du, ich muss jetzt weiter machen. Während du zu Hause krankspielst, muss ich hier deine ganze Arbeit übernehmen, also sieh zu, dass du hier bald wieder auftauchst!“.
„Eher als dir lieb ist!“.
Liebig verließ das Büro und ging den umgekehrten Weg zurück in die Kälte. Er brauchte jetzt erst einmal Zeit zum Nachdenken. Zeit für sich. Wenn Nils nur wüsste, welch gewaltiger Sturm in mir tobt.
Nachdem er zwanzig Minuten gegangen war, kam er in den Park, in dem in der Nacht die Leiche der jungen Frau gefunden wurde. Vor ihm tat sich eine riesige, weiße Fläche auf, deren elliptische Form an den Seiten von kahlen Bäumen gesäumt wurde. Der junge Polizist, der am Eingang postiert war, ließ Liebig nervös passieren. Liebig sah es schon von hier. In einiger Entfernung wogte das polizeiliche Flatterband sanft in der Luft. Dahinter arbeiteten immer noch die Männer von der Spurensicherung. Er presste die Luft aus seinen Lungen und ging durch den plattgetretenen Schnee hinüber. An der Stelle angelangt, stellte er sich vor die Absperrung, vergrub seine Hände in den Jackentaschen und sah in den Schnee vor der Parkbank herab. Die Blutspritzer waren immer noch zu sehen. Er spielte in Gedanken durch, was hier gestern Nacht abgelaufen war, stellte sich vor, wie der Mann mit der Maske hinter einem der Bäume aus dem Schatten hervortritt, sich von hinten heranschleicht, seinem Opfer die Kehle durchschneidet, seine Finger in der Blutlache tränkt und in aller Ruhe die Zeilen schreibt. Immer und immer wieder spielte er den Vorgang in seinem Kopf durch, manchmal sah er sich selbst in seinen Gedanken auf der Bank sitzen.
Liebig beobachtete die Spurensicherung noch eine Zeitlang bei ihrer Arbeit, bis die Dämmerung einsetzte. Er ging den Weg aus plattgetretenem Schnee wieder zurück und machte sich auf den Heimweg. Als er den Park verließ, hörte er die mahnenden Worte der Kirchenglocken.
Tempus fugit-
Er weiß nicht, dass ich ihn beobachte. Das wissen sie nie.Die Menschen vermögen selten das Offensichtliche zu erkennen. Ich muss diesen Ignoranten zu Gute halten, dass ich viele Gesichter habe. Der Mensch lässt sich zu gerne von Ablenkung und Verkleidung in die Irre führen.
Wenn ich sie verfolge, verleiht es mir das erregende Gefühl von Macht. Aber … ich sehe mich nicht als Voyeur. Ich bin viel mehr als das. Ich bin der Engel, der auf sie niederfährt. Ich nehme mich ihrer an. Ein Schelm, der mich für einen bösen Menschen hält.
Ich kann den Dampf seines Kaffees sehen. Ich kann den Geruch seines Kaffees riechen, das Knittern seiner Zeitung hören. Ich stelle mir sogar vor seine Gedanken lesen zu können. Er sieht nicht mehr aus wie an dem Tage, an dem er sich an mich wandte. Aber das stört mich nicht. Ich bin eine bescheidene Persönlichkeit. Seine Uhr tickt. Seine Zeit läuft ab. Es ist nunmehr fast ein Jahr her, seitdem sein Gesuch mich ereilte. Besser gesagt: Seitdem ich ihn dazu brachte ein Gesuch an mich zu richten. Aber auch sonst lehne ich selten ein Gesuch ab. Ich bin ein guter Mensch. Ein guter Mensch, der anderen hilft. Ich erfülle pflichtbewusst meinen Dienst an der missratenen, von Derbheit durchzogenen Menschheit. Und verlange dafür allzu wenig. Doch er ist mehr als jeder andere zuvor, er ist so viel mehr …
Er richtet sich auf, dreht sich um und blickt mir direkt in die Augen. Dies sind die Momente, die mir Erfüllung schenken. Die Möglichkeit bei meinem Treiben entdeckt zu werden, gibt mir ein unerreichbares Hochgefühl. Aber ich weiß, er wird mich nicht erkennen. Auf seinem Gesicht zeichnen sich die markanten Wangenknochen ab. Er hat viel Gewicht verloren. Seine Augen scheinen trüb. Doch eines passt nicht ins Bild: Seine aufrechte Körperhaltung. Menschen, die von mir erlöst werden wollen, haben für gewöhnlich ein eingefallenes Rückgrat. Nicht so dieser. Er verlässt das Café und ich folge ihm noch ein paar Schritte durch die beißende Kälte. Ich gehe nur ein paar Meter hinter ihm. Ich weiß, wo er wohnt, wie oft er seine Wohnung verlässt, wohin er geht. Ich kenne ihn. Aber für nun verliert er seinen Schatten. Ich habe anderes zu tun, bin ein geschäftiger Mann. Aber er wird nicht lange auf meine Gesellschaft verzichten müssen.
Tick tack, Objekt meiner tiefsten Begierde. Die Zeit fliegt. Und deine ist bald zu Ende.
Das schrille Läuten des Weckers riss Liebig aus dem Schlaf. Er hatte heute Nacht wieder von ihm geträumt, von seinen starren, ausdruckslosen Augen. Von seinem mit einer grotesk anmutenden Maske verdeckten Kopf. Sein Körper war von einer schwarzen Kutte umhüllt, die an den Armen großzügig ausgeschnitten war. Die Kapuze verdeckte seinen Hinterkopf. Ein Rabe. Mit der schnabelartigen Maske und der weiten Kutte sah er aus wie ein übergroßer Vogel mit mächtigen Schwingen, den es nach Aas dürstet.
Sein perfides Vorhaben hielt er in Schrift fest. Er hatte an alles gedacht, es schien routiniert. Ein Ledersäcken, das zuvor noch mit einer Kordel umschlossen war, legte er der Länge nach aus. Zum Vorschein kamen ein antiquiert anmutendes Pergament, eine weiße Feder und ein Behälter mit pechschwarzer Tinte. Er öffnete das Behältnis, senkte den Federkiel in die Tinte, hob die Feder mit großer Geste über das Pergament und zeichnete geschwungene Lettern auf das trockene, nach Feuchtigkeit lechzende Pergament. Es schien seine persönliche Liturgie zu sein, ein Zelebrieren, ein festlicher Akt. Das einzige, was noch gefehlt hätte, wäre gewesen, dass ich mit meinem eigenen Blut unterschreiben muss.
Mittlerweile hatte er sich aus seinem Bett aufgerafft und stand bei einem heißen Kräuertee in seiner kleinen Küche. Aus dem Radio schallte “Highway to hell“ von ACDC. „Hey Satan, pay‘ my dues“. Liebig zog selbstironisch die Augenbrauen hoch. Tja, meine Schulden werde ich schon bald beim Teufel höchstpersönlich begleichen müssen. So oder so.
Sein Blick blieb auf einem Bild hängen, das eingerahmt die Fensterbank zierte. Eine glücklich aussehende Frau schaute ihm verträumt in die Augen, neben sich ihr Ebenbild stehend, nur dreißig Jahre jünger. Damals hatte ich sogar noch Haare auf dem Kopf.Lang ist's her. Doch bevor seine Gedanken in die Vergangenheit gezogen wurden, ließ ihn die schrille Stimme der Radiomoderatorin aufhorchen.
„Erneut ein makabrer Fund: Auf einer Toilette am örtlichen Flughafen wurde heute Nacht eine männliche Leiche gefunden“ tönte sie. Mit wenigen, kryptischen Worten schilderte der Wachmann, der die Leiche am frühen Morgen entdeckte hatte, noch seinen grausigen Fund. Die sich überschlagende Stimme berichtete, die zuständigen Polizeibeamten hätten ihn angewiesen, aus ermittlungstaktischen Gründen keine Details zu nennen.
Kalter Schweiß legte sich auf Liebigs Stirn, obwohl die Raumtemperatur keinen Grad höher wurde. Lange Zeit nichts Auffälliges und dann zwei Morde in wenigen Stunden ... und obendrein die komische Botschaft? Die Möglichkeit eines Zufalles schwindet so langsam dahin. Dann ist es wohl wirklich wahr.
Liebig ließ seinen dampfenden Tee stehen, zog seine Daunenjacke über und machte sich gehastet auf den Weg.
Und bist du nicht willig, so gebrauch ich Gewalt-
Wie ich es hasse. Die Menschen sind verdorben, sich selbst das größte Übel. Die Gesellschaft ist ein gesichtsloser, amorpher Organismus, geleitet von Opportunität, Obszönität und zweifelhaften Idealen. Prinzipien kommen und gehen, haben nicht mehr Beständigkeit als ein Wimpernschlag. Die Menschen sind schon lange Geiseln ihrer dekadenten Lebensweise und Laster. Zu fett und zu satt, um das Wesentliche zu begreifen.
Noch niemals habe ich einen Vertrag gebrochen. Ich bin gewissenhaft. Doch dieser kleine, ehrlose Narr denkt, er könne mir entkommen. Welch niederträchtiger Irrglaube?! Lasst mich Euch eines sagen: Ich bin überall. Ich überwache jeden eurer Schritte. Ich habe die Fäden eurer Leben, in der Hand. Und ich durchtrenne sie, wenn es so weit gekommen ist. Es gibt kein Entkommen und ihr habt das Scheitern zu verantworten, ihr alleine.
Ich setze mich in ein Taxi und folge dem seinigen zum Flughafen. Denkt er, ich würde es nicht sehen? Er steigt aus und blickt nervös umher, bevor er einen großen Koffer aus dem Kofferraum des Taxis hievt. Ich bezahle den Fahrer mit einem freundlichen Lächeln und einem großzügigen Trinkgeld. Dann steige ich aus dem Taxi, schließe meinen Mantel und nehme meine Fährte auf. Entspannten Schrittes folge ich dem kleinen Mann, der hastig seinen Koffer hinter sich herzieht. Ich bin mir meines Sieges sicher, ich habe ihn in der Hand. Aus sicherer Entfernung beobachte ich, wie er seinen Koffer aufgibt und eincheckt. Ich kann erkennen, wie seine Hand zittert, als er seinen Pass und sein Ticket vorlegt. Über seine Schulter blickt er sich um. Doch er kann mich nicht erkennen. Niemand kann das. Ich bin ein Geist. Von seiner Nervosität amüsiert, entlockt es mir sogar ein kleines Lächeln. Er schreitet nun zu den Sicherheitskontrollen. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn … Er widert mich an. Nachdem er die Sicherheitskontrollen überwunden hat, schaut er nochmal zum Bereich der Check-In-Schalter. Ich sehe einen Anflug der Erleichterung auf seinem Gesicht, als er nichts Auffälliges bemerkt. Doch wie Falsch: Ich könnte direkt vor dir stehen, du törichter Stümper, und du würdest nicht einen Hauch des Verdachtes haben.
Ich tu‘ es ihm nun gleich, gehe zum Schalter, kaufe mir ein Ticket, lasse das kalte Metall aus meiner Jackentasche unauffällig in einem Mülleimer verschwinden und passiere die Sicherheitskontrollen. Das Messer ist zwar mein Pinsel, aber ich bin auch ohne Werkzeug ein virtuoser Maler, wallende Erregung ist meine Muse.
Ich bin dir so nahe und du bist dir sicherer denn je. Welch gewaltiger Fehler.
Wir sitzen direkt am Gate, Rücken an Rücken, uns trennen keine zwanzig Zentimeter … Auckland, Neuseeland, soso. Schön soll es dort sein. Du wirst allerdings keine Kiwis zu Augen bekommen. Der Fahnenflüchtige steht auf … ich kenne sein Ziel. Auch ich erhebe mich und folge ihm, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Nach wenigen Schritten tritt er aus dem Hauptgang, der alle Gates miteinander verbindet, und kehrt nach einigen weiteren Metern in eine Nische ein. Auch ich passiere die Nische. In der Mitte zwischen Herrentoilette zur linken Seite und Damentoilette zur rechten steht ein Putzwagen vor der gekachelten Mauer. Er wird mir hilfreich sein …
Eilig betrete auch ich die linksseitig gelegene Herrentoilette. Am Waschbecken steht noch ein alter Mann, der sich die Hände wäscht. Ein schneller Blick genügt um festzustellen, dass sich hier keine weitere Menschenseele aufhält … bis auf ihn. Als der Alte die Toilettenräume verlässt, gehe auch ich wieder hinaus. Ich greife mir aus dem Putzkasten das “temporally out of order”-Schild und postiere es vor der Tür der Herrentoilette. Außerdem brauche ich den Wischmobb, oder vielmehr dessen Stiel. Ich öffne erneut die Tür zur Herrentoilette, trete hindurch und zwänge das eine Ende des Holzstückes unter die Klinke, während ich die Gegenseite auf dem Boden verkeile … Jetzt sind wir ungestört.
