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Fahr nie eine heilige Kuh an. Lee träumt vom großen Geld, von schönen Frauen und schnellen Autos. Als sein Chef ihn um einen dubiosen kleinen Gefallen bittet – ein fabrikneuer Wagen soll verschwinden –, gönnt sich Lee verbotenerweise noch eine kleine Spritztour mit seiner hübschen Kollegin Hell. Der Spaß endet in dem Moment, als die beiden den Kofferraum öffnen. Danach hat Lee allen Grund, schleunigst unauffindbar zu werden. Was läge da näher als Goa? Doch fern der Heimat fangen die Probleme erst so richtig an … «Lewis schleift einen um den halben Globus und erwartet auch noch, dass man mit ihm Schritt hält – und genau das tut man, mit dem allergrößten Vergnügen.» (The Observer) «Pistolenduelle in der Londoner Vorstadt und Globetrotterflair, schillernde Charaktere und begnadete Prosa – Simon Lewis mixt diese Elemente zu einem stil- und gehaltvollen Cocktail.» (Toby Litt) «Lewis verbindet die Rasanz und den pointierten Witz eines Elmore Leonard mit dem Realismus eines Alan Bennett zu einem rundherum überzeugenden Plot. Ein äußerst gelungener und unterhaltsamer Roman.» (The Times)
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2010
Simon Lewis
Go
Roman
Deutsch von Volker Oldenburg
In willkürlicher Reihenfolge:
Sarah Swann, Gin und Rob, Rizla No-stars, Charles, Nicky, Gags, Ed, Jonathan, Elaine, Foluke, Jenna, Wang Bin, Jing Wen, Qian Fan, Brent, EJ, Layla, Nina, Louise, Thorbjørn, Bill, Du, Jo.
Danke.
teil eins
eins
Stellt euch vor, ihr müsst frühmorgens ein Hindernisrennen mitmachen und jemand gießt euch dabei ranzigen Käse in die Ohren. Genau so war mein Job. Ein richtiger Scheißjob, der mir aber die notwendige Zulage zu den paar Kröten einbrachte, die ich vom Arbeitsamt bekam – ich meine, schließlich wollte ich anständig essen und rauchen. Ich sammelte freitag- und samstagabends Gläser im Dazzler ein, einem Club in Deptford. Das war genau der Schuppen, bei dem mir normalerweise ein Blick auf den Eingang gereicht hätte, um sofort auf die andere Straßenseite zu wechseln. Das grelle Licht, das sich wie ein Strom Kotze durch die offene Tür auf den Bürgersteig ergoss, das silberne Glitzerschild und die Fliegen der Rausschmeißer sagten mir nur eins – Gorgonzola-City.
Es war ein Samstag im Sommer kurz nach elf. Seventies Night. Eine Schlange Besoffener drängelte sich vor dem Eingang. Eigentlich hätte es mir einen Hauch von Genugtuung verschaffen müssen, an der Schlange vorbeizumarschieren, ein paar Worte mit den Türstehern zu wechseln und hineinzuschlendern, aber in diesem Laden machte das alles andere als eine anerkannte Szenegröße aus dir.
Während ich mich durch die Tür quetschte, tastete Marlowe, Sicherheitsmann, Brutalo und ein Volvo von einem Menschen, einen Clubgast von oben bis unten ab.
«Wie läuft’s denn so?», fragte ich ihn.
«Du bist spät dran», sagte er. Ein Nicken seines halslosen Kopfes zur Innentür, ausgelöst durch ein ruckhaftes Zucken mit der Schulter, gab mir zu verstehen, dass ich durchgehen könne. Da Marlowe nicht in der Lage war, gleichzeitig zu atmen und zu sprechen, verständigte er sich mit dem Körper. Ich sah ihm kurz bei der Arbeit zu. Anscheinend fasste er den Pferdeschwanz des Clubgasts als persönliche Beleidigung für seinen eigenen spärlichen Haarwuchs auf, denn er testete ihn wirklich auf Herz und Nieren. Er guckte in seine Zigarettenschachtel, in sein Portemonnaie und nahm sogar die weißen Socken unter die Lupe.
Hinter der Tür befand sich ein schwarzgestrichener Gang, und in einer Nische stand ein Aquarium. Ein echtes Scheißaquarium. Gel, der Geschäftsführer, hatte es vor sechs Monaten in dem Glauben aufgestellt, es verleihe dem Club mehr Stil. Aber die Fische – billige schwarze Winzlinge und ein paar bunte zur Abwechslung – krepierten einer nach dem anderen. Ihre Lebenserwartung lag bei ungefähr zehn Tagen und jeden zweiten Abend trieb wieder einer kieloben im Wasser. Und so gehörte es neben dem Verteilen von Handzetteln, dem heimlichen Kleben von Plakaten, dem Putzen und dem Streicheln von Gels Ego zu einer meiner Sonderaufgaben, ins Zoogeschäft zu flitzen und neue Fische zu besorgen.
Ich hatte ihm erklärt, dass es an der verräucherten Luft liege. Die Fische vertrügen das nicht und er müsse ein Aquarium mit Deckel besorgen. Doch es war nicht das Fischsterben, das ihn schließlich dazu brachte, ein geschlossenes Aquarium zu kaufen. Er hatte vielmehr beobachtet, wie die Clubber ihre Gläser hineintauchten und das Wasser tranken, da er die Kaltwasserhähne auf den Klos abgestellt hatte.
Gegenüber dem Aquarium befand sich die Garderobe, Hells Käfig. Wenn sie nur einmal mit mir gevögelt hätte, wäre das alles erträglich gewesen. Sie war Abend für Abend die bestaussehende Frau im Club. Sie hatte lange lockige schwarze Haare, braune Augen und einen breiten Mund. Sie hatte das perfekte Gesicht. Alle müssten so aussehen. Meistens trug sie eine Menge schwarzen Eyeliner und machte ein genervtes Gesicht. Kein italienischer Designer hätte ihren stromlinienförmigen Körper besser stylen können. Sie trug ein schwarzes Netztop, das knapp bis an ihren gepiercten Bauchnabel reichte. Darunter erspähte ich die verlockende obere Hälfte eines bizarren Tattoos.
Ich versuchte sie, sooft es ging, in ein Gespräch zu verwickeln, immer eifrig darauf bedacht hervorzuheben, wie furchtbar auch ich den Laden fand, damit wir etwas Gemeinsames hatten.
«Alles klar, Hell?»
«Ja.»
Ich warf einen Blick auf das Buch, das aufgeschlagen vor ihr auf dem Tresen lag. «Einführung in das Tarot».
«Willst du mir etwa die Karten legen?»
«Um deine Zukunft vorauszusagen, muss ich dir nicht erst die Karten legen, Lee. Sie sieht trübe aus.» Aber diesmal lag nur ein leichter Anflug von Hohn in ihrer Stimme. Ich machte Fortschritte.
Hinter Hells Käfig gabelte sich der Korridor. Der eine Gang führte zu einer Tür mit der Aufschrift ‹Privat›. Dahinter befand sich der Bau, in dem Gel seine plumpen Kampagnen ausheckte. Der andere führte zur Gehörgangverkäsungsarena. Ich steuerte auf die Tür zu, klopfte einmal und trat ein.
Gels Eierkopf hatte die Farbe von gebrauchter Altersheimbettwäsche, und in seinen Augen brannte allein die Frage, wie viel Geld man eingenommen hatte. Er sprach gerne in unverständlichen Redensarten, die er sich offenbar aus einem Slangwörterbuch zusammengeklaubt hatte.
Er saß hinter seinem Schreibtisch und unterhielt sich mit Danny, der auf der Kante hockte. Danny war von ganz anderem Kaliber. Er war klein und stämmig, trug eine Brille, deren Gläser so dick wie Flaschenböden waren, und stotterte. Offiziell war er bloß Promoter und Chef des Sicherheitsteams, aber in Wirklichkeit schmiss er den Laden oder verhinderte wenigstens, dass er den Bach runterging und Pleite machte.
Ich schlängelte mich an Kartons mit Flyern und zerbrochenen Scheinwerfern vorbei und ging auf die beiden zu. Der Bau, das Herzstück des Clubs, aus dem der ganze Rest gesteuert wurde, besaß den Charme und die Eleganz einer Gefängniszelle. Die fensterlosen Wände waren weiß gestrichen, die Decke niedrig und das Licht so grell, dass man aussah wie ein Zombie.
«Glitzerstaub», sagte Gel, «die Zukunft heißt Glitzerstaub. Ich kenn da so ’ne Firma, weißte, die kommen mit diesen Maschinen zu dir, hallo, Lee, also, die haben diese Maschinen, so ’ne Art Staubsauger, nur eben andersrum, verstehste, und damit sprühen sie Kleister und Glitzerstaub an die Wände, bis der ganze Laden ’nen silbrigen Schimmer kriegt. Schwarz ist Scheiße. Von schwarz hab ich die Nase so voll, sieht hier ja aus wie in ’nem beschissenen Kerkerloch.»
«T… tolle Idee, Gel», sagte Danny, «tolle Idee. Aber ich glaube, die K… Kids, die sind noch nicht so weit. Der Club hat was ganz Individuelles, und es ist ein Risiko, daran herumzupfuschen.»
«Aber wir müssen mit der Zeit gehen.»
«Sicher, Gel, aber die Kids hängen nun mal am A… A… Althergebrachten. Sie wollen keine Veränderungen, ihnen gefällt, was wir ihnen bieten, deswegen kommen sie zu uns.»
«Findest du, dass wir die Wände neu machen sollen, Lee?», fragte Gel.
Gel fragte mich häufig nach meiner Meinung, vielleicht weil ich der jüngste Mitarbeiter war und er mich als Ratgeber in Sachen Jugendkultur und als direkten Draht zu den Kids betrachtete.
«Nein, Gel. Irgendwie hänge ich echt am Althergebrachten, genau, wie Danny gesagt hat. Ich bin gegen Veränderungen.» Es war mir scheißegal, welche Farbe die Wände hatten, aber ich hielt es für taktisch klug, Danny zu unterstützen, weil ich ihn um einen großen Gefallen bitten wollte. Beide sahen mich an und ich laberte einfach weiter. «Außerdem mag ich schwarz. Das gibt dem Laden so einen gefährlichen Touch. Ich meine, alle Teenies wollen ihre Wände schwarz streichen, und ihre Eltern verbieten es.»
«Und deswegen kommen sie zu uns», ergänzte Danny, «denn sie wissen, dass bei uns die W… Werte ihrer Eltern nichts zählen und sie so ungezogen sein können, wie sie wollen.»
«Genau», sagte ich und nickte, «so ist es.»
«Verstehst du», sagte Danny, «hier geht’s um hintergründige Psychologie.»
Gel schaute für einen Augenblick grübelnd drein. «Die Renovierung würde ’ne Stange Geld kosten», sagte er. «Vielleicht warte ich lieber bis nächstes Jahr damit. Ich werde mal horchen, was andere darüber denken.»
«So ist’s richtig», sagte Danny. «Was hältst du davon, wenn du erst mal den Laden in Schwung bringst. Du wirst da draußen gebraucht.»
Gel legte gern selbst ein Set auf und Danny ließ ihn, wenn auch nur für eine Stunde ganz am Anfang. Gel schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.
«Dann heizen wir doch mal die Arty Farty an», sagte er und machte sich davon. Arty Farty sollte Party heißen; ich glaube, das hatte er sich selber ausgedacht.
«Du solltest dich jetzt besser an die A… Arbeit machen und so», sagte Danny zu mir.
«Ich wollte dich noch etwas fragen.»
«Und, was kann ich für dich tun?», fragte er.
Jetzt war es so weit.
«Es geht um Folgendes. Ich möchte dich wegen etwas um Erlaubnis bitten.»
«Ach ja?»
Ich hatte eine kleine Rede vorbereitet, doch ich ließ sie fallen und kam sofort zur Sache.
«Ich möchte gern ein bisschen mit Speed dealen.»
Danny schwieg.
«Ich weiß, dass ihr hier schon Dealer habt, aber keiner dealt mit Speed, richtig? Nicht regelmäßig jedenfalls. Alle dealen mit E.Ich werde also niemandem auf den Schlips treten. Natürlich gebe ich euch den üblichen Anteil.»
Das Tempo, in dem Danny mit den Fingern auf die Schreibtischplatte trommelte, gab ungefähr mein Herzrasen wieder. Er wirkte beunruhigt. Scheiße, dachte ich, ich hab’s verbockt. Ich hatte zu Hause zwei Unzen, die nur auf seine Zusage warteten. Ich hatte das Speed schon mit ein bisschen Guarana und Backpulver gestreckt und eingewickelt. Ich wollte nicht, dass ein Haufen teurer Origamipäckchen unnütz herumlag.
Danny betrachtete seine großen eckigen Nägel.
«W… w… w…»
«Ja?»
Er hielt inne und fixierte mich mit funkelnden Augen, die durch die Brillengläser stark vergrößert waren.
«Wir werden sehen. Du hast doch ein A… Auto, oder?»
«Ja.»
«Gut. Du wirst mich und Marlowe nach Hause fahren. Dann unterhalten wir uns übers G… G… Geschäft. Und jetzt mach dich an die Arbeit.»
Ich ging in den Club, wo sich eine wilde Mischung aus Kleinganoven, Kiffern, Posern, Traumtänzern, Schwachköpfen, Pennern, Discomäusen, Vollalkis und Studenten für die abendliche Unterhaltung warm machte. Die Hälfte von ihnen war so um die vierzehn, der Rest um die fünfundvierzig. Sie standen wie auf dem Spielplatz in kleinen Grüppchen zusammen und beäugten einander aufmerksam. Ein paar der Mädchen tanzten und sorgten dafür, dass sie von allen bemerkt wurden. Gel legte wirklich beschissene Musik auf. Als wären die Siebziger nicht schon beim ersten Mal schlimm genug gewesen. Ich hatte noch nichts zu tun und ging angeekelt herum, sammelte Plastikbecher ein und fragte mich, wie Danny sich wohl entscheiden würde.
Ich dachte an meinen Verdienst – zwanzig Pfund pro Abend, bar auf die Kralle – und überlegte, wie viel mehr ich verdienen konnte, wenn ich nebenbei dealte. Zweihundert vielleicht. Allerdings würde ich es nicht ohne Dannys Erlaubnis tun. Ich hatte schon miterlebt, was mit Leuten geschah, die das taten, und einmal hatte ich hinterher sauber gemacht. Neben dem Bau befand sich ein Raum, in dem nur ein paar kaputte Stühle standen und alte Zeitungen herumlagen. Auf dem Teppich war ein Fleck, der einfach nicht mehr rausging.
Der Laden wurde im Laufe des Abends immer voller und feuchter und das Clubvolk geriet mehr und mehr aus dem Häuschen. Die Arbeit schlauchte mich zunehmend; ich musste mich ständig zwischen den vielen Menschen hindurchdrängen, wobei ich mit der linken Hand ein Teleskop aus Gläsern trug und mit der rechten Leute zur Seite stieß. Für sie war ich bloß ein Möbelstück, dem sie kaum Beachtung schenkten. Ein Abend verlief wie der andere. Ich hörte, wie irgendein Typ zu einem Mädchen sagte: «Hol deinen Mantel, du hast wieder gebaggert.» Genau das Gleiche hatte er schon letzte Woche gesagt. Oder wenn nicht er, dann ein anderer.
Als um zwei das Licht anging, hatte man den Eindruck, eine Bombe wäre eingeschlagen. Überall lag Müll herum, und bis auf ein paar Vereinzelte, die noch vollgedröhnt an der Wand hockten, strömte das Partyvolk wie die Lemminge zu den Ausgängen. Ich stibitzte mir einen Drink von der Bar, lehnte mich gegen den Tresen, zündete mir eine Zigarette an und genoss die Stille des leeren Clubs.
Als Gel verschwitzt auf mich zukam, erzählte ich ihm, wie gut der Abend gelaufen sei. Er hielt mir wie einem Junkie, dem man Geld leiht, zwei zerknüllte Zehner hin und verzog sich.
«Ey, alter Abräumer.»
Danny. Er hatte Marlowe bei sich, der wieder seine Straßenkleidung trug und eine Tasche in der Hand hielt. Der Typ bewegte sich wie ein Roboter, den man in einer Autowerkstatt behelfsmäßig zusammengelötet hatte. Es war mir ein Rätsel, weshalb er solchen Schlag bei Frauen hatte – ich hatte ihn beim Gehen ein paarmal dabei überrascht, wie er in der Seitengasse mit einem Mädchen rummachte.
Wir gingen nach draußen; die plötzliche Kälte war eine Wohltat. Eine schnatternde Schar Clubvolk drängte sich um den Hot-Dog-Wagen. Jemand verteilte Flyer für einen anderen Club. Der Bürgersteig war übersät damit. Ich war ziemlich nervös, weil weder Danny noch Marlowe einen Ton sagten. Meine Schrottkarre, ein Fiesta, stand ein Stückchen weiter, und ich hoffte, er würde sofort anspringen.
Danny fegte ein paar leere Chipstüten von der Rückbank und stieg ein, während Marlowe sich auf den Beifahrersitz zwängte, eine Sitzordnung, die mich überraschte.
«Wo wohnt ihr?», erkundigte ich mich.
«Fahr uns nach Camberwell», sagte Danny.
«Das liegt nicht gerade auf meinem Weg.»
«Nur ausnahmsweise.»
Beim zweiten Versuch sprang der Wagen an. Ich bog auf die Fahrbahn und schob ein vernünftiges Tape in die Anlage.
«Was ist denn das für ’n Scheiß?», fragte Marlowe, woraufhin ich hinüberlangte, um die Kassette zu wechseln.
«Lass den Jungen doch hören, worauf er Lust hat», sagte Danny. «Hattest du ’nen guten Abend?»
«Für mich sind sie weder gut noch schlecht», sagte ich, «ich bringe sie einfach hinter mich.»
Danny lachte. «Haste das gehört, Marlowe? Der war gut, J… Junge.» Er beugte sich vor und steckte den Kopf zwischen den Sitzen hindurch.
«Ich hab den Eindruck, die Arbeit im Club macht dich nicht wirklich g… glücklich.»
Da ich abbiegen musste, hatte ich Zeit zum Nachdenken, bevor ich antwortete. «Der Club gefällt mir. Ich finde nur, dass mein Job mich nicht genug fordert.»
«Du meinst, du kannst dein P… Potenzial nicht voll ausschöpfen?», fragte Danny.
«Ja, genau das meine ich.»
«Sein Potenzial nicht voll ausschöpfen», sagte Marlowe und zerrieb jedes Wort zwischen den Zähnen wie ein Sahnebonbon.
«Du weißt, dass der Club Miese macht?», fragte Danny.
Das wusste ich nicht.
«Warum leitest du ihn dann nicht?», fragte ich. «Du könntest ihn leicht sanieren.»
«Um ehrlich zu sein», sagte er, «interessiere ich mich m… m… mehr für meine eigenen Geschäfte.»
«Und was sind das für welche?»
«’n b… bisschen dies, ’n bisschen das.»
«Und ’n bisschen was anderes», sagte Marlowe, und wir drei lachten, als wären wir dicke Kumpel.
Die Unterhaltung war wirklich nett, aber ich fragte mich, wann sie endlich zur Sache kommen würden.
Wir kamen gut voran und erreichten Peckham. Ich fahre gern nachts Auto, wenn die Straßen leer sind. Ich trat aufs Gaspedal und heizte an einem Nachtbus vorbei.
«Du bist ein guter Fahrer», sagte Danny. «Was meinst du, Marlowe?»
«Er fährt gut.»
Danny lehnte sich wieder zurück und wir schwiegen bis Camberwell. Ich überlegte, ob es zu unverfroren wäre, wenn ich das Thema von selbst noch einmal anschnitt.
Marlowe drehte sich zu Danny um und sagte: «Ich hab Kohldampf.»
«Hier in der Nähe gibt’s ’nen Bagelladen, der noch offen hat», sagte ich.
«Nee», sagte Marlowe, «ich brauch jetzt unbedingt ’ne Käsezwiebeltasche.»
«Auf der rechten Seite kommt gleich ’ne Tanke, die die ganze Nacht offen hat», sagte Danny. Er setzte sich wieder gerade auf.
«Und was das Speedverkaufen im Club angeht–», setzte ich an.
«Hier», sagte Danny und zeigte auf die Tankstelle, «die da ist es.»
Ich drosselte das Tempo und fuhr auf den Vorplatz.
«Halt vorm Eingang», sagte Danny.
«Das geht nicht», sagte ich, «da scheuchen sie dich weg.»
«H… halt vorm Eingang.» Ich tat es. Marlowe nahm die Tasche und stieg aus. Er ließ die Tür offen und ging schwerfällig zum Nachtverkaufsfenster, durch das man dem Mann dahinter zuschreien muss.
Danny legte mir eine Hand auf die Schulter. «Lass den Motor laufen.»
«Was habt ihr vor?»
Ich konnte nicht glauben, was ich als Nächstes sah.
Marlowe zog eine Pistole aus der Tasche und schrie dem verblüfften Kassierer zu: «Na mach schon, rück die Kohle raus!»
«Verdammte Scheiße!», rief ich.
«Kopf runter», schnauzte Danny und drückte mir fest den Nacken nach unten. «Die haben Kameras.» Ich duckte mich und steckte den Kopf unter das Steuer. Plötzlich war mir sehr kalt; durch das offene Fenster strömte die Nachtluft herein. Ich spürte, wie Marlowe wieder auf dem Beifahrersitz landete.
«Verdammt, fahr zu!», schrie Danny.
Beim Auftauchen schaltete ich sofort in den ersten Gang. Marlowe knallte die Tür zu. Ich ließ den Fuß auf dem Gaspedal und der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen auf die Straße.
«Fahr! Fahr! Fahr!», schrie Danny.
Ich hatte Glück, es kamen keine Autos. Ich raste die Straße hinunter, ohne richtig zu wissen, was ich tat. Der Motor heulte. Ich nahm den Fuß vom Gas, schaltete in den zweiten und trat wieder zu. Wir fuhren in die Richtung zurück, aus der wir gekommen waren. Ich merkte, dass ich schrie: «Scheiße, Scheiße, was soll diese ganze Scheiße?»
«Wenden», schrie Danny. «Na los!»
Ich trat auf die Bremse, der Wagen geriet ins Schlingern, und Marlowe rutschte über den Sitz auf mich zu. Wir standen quer auf der Straße, und der Nachtbus, den ich vorhin überholt hatte, raste auf uns zu. Ich konnte das bleiche Gesicht des Busfahrers sehen. Bevor ich wusste, was ich tat, befand ich mich im Rückwärtsgang, und der Wagen fuhr zurück auf den Bürgersteig. Der Bus dröhnte wie ein roter Nebelstreifen an uns vorbei.
«Was ist los?», schrie ich.
«Ich hab ’nen Bullen gesehen, Scheiße», brüllte Danny. «Verdammt–» bevor er seinen Satz beenden konnte, war ich schon wieder im ersten Gang und fuhr zurück auf die Straße, «–fahr zu!» Ich warf einen Blick in den Rückspiegel, sah aber keine Autos. Ich fuhr völlig verkrampft an der Tankstelle vorbei und wartete darauf, dass jeden Augenblick eine Sirene losheulte. Ich schaltete direkt in den Dritten, und der Motor heulte, bis ich an Geschwindigkeit zugelegt hatte. Allmählich wurde mir ein bisschen wohler.
«Links. Nach links!», rief Danny. Ich trat auf die Bremse und bog abrupt von der Hauptstraße in eine schmale Seitenstraße, die zu einer dunklen Wohnsiedlung führte.
«Die Nächste rechts», sagte Danny. Ich bog so scharf ab, dass ich auf den Bürgersteig geriet und den Seitenspiegel an einem Geländer absäbelte. Ich raste durch die schmalen Straßen und die Häuser rauschten an uns vorbei. Die Finsternis gab mir ansatzweise ein Gefühl von Sicherheit. Ich spürte, wie verkrampft Marlowe und Danny dasaßen. Immer noch keine Sirenen. Ich konzentrierte mich auf die Lichtkegel, die die Scheinwerfer auf die Straße warfen.
Wir kamen an einer Reihe von Abzweigungen vorbei, und ich nahm an, dass Danny mich in die Siedlung gelotst hatte, weil man in den vielen Seitenstraßen besser verschwinden konnte. Die Straßen sahen, abgesehen von einigen kleinen Abweichungen, vollkommen gleich aus: Straßenlaternen, kompakte Flachbauten aus Beton, üppige Bäume. Zu meiner Beruhigung begegneten wir keiner Menschenseele. Aber als ich ins Grübeln kam, wie viele Menschen möglicherweise meine Fahrmanöver von vorhin mit angesehen hatten, dämmerte es mir, dass ich auf alle Fälle den Wagen loswerden musste.
«Jetzt links», sagte Marlowe. Ich bog in eine kurze Sackgasse.
«Aber hier kommen wir nicht weiter», rief ich.
«Halt hier an», sagte er. «Gleich da drüben.» Er zeigte auf den Bordstein.
«Aber vielleicht werden wir verfolgt. Jemand könnte uns gesehen haben.»
«T… T… Tu’s einfach», sagte Danny.
Ich hielt an und der Motor soff ab. Ich war noch im dritten Gang. Wir standen vor einem Haus. In einem Fenster im Erdgeschoss flackerte das Licht eines Fernsehers. Plötzlich war es ganz still. Ich begann zu zittern. Meine Hände hatten sich so fest um das Lenkrad gekrallt, dass es wehtat. Meine Haut war von einem Schweißfilm überzogen.
«So ist’s gut», sagte Marlowe. «Hier wohne ich.»
Ich schwieg für einen kurzen Moment. «Was? Du wohnst hier?»
Marlowe drehte sich zu mir um und sah mich an. «Willste mal abbeißen?», fragte er.
In der rechten Hand hielt er noch die Pistole. In der linken hatte er die Pastete. Er hatte schon ein paarmal abgebissen. Er prustete los. Krümel flogen umher, während er sich halb totlachte. Danny klopfte mir auf die Schulter.
«Marlowes Bruder arbeitet nachts in der Tankstelle», sagte Danny.
Ich blinzelte und nahm die Hände vom Steuer. Danny gackerte. Ich vergrub den Kopf in den Händen.
Ich kicherte, einmal, zweimal, und spürte, wie in mir die blanke Hysterie hochstieg.
«Ihr Schweine, ihr miesen Schweine. Was für eine Scheiße.» Ich heulte.
«J… J… Junge», sagte Danny, «du warst spitze.»
Wir lachten so unbändig, dass der Wagen zu schaukeln anfing.
«Du kannst verkaufen, was du w… willst. Willkommen im Verein.»
zwei
Freitagabend gegen zehn, einen Monat später. Eighties Night. Ich trödelte zur Arbeit. Der Club öffnete erst in einer halben Stunde, aber ich kam jetzt gern früher, plauderte noch ein bisschen mit den Angestellten, lungerte eine Weile herum und trank manchmal ein Bier mit Danny. Bevor die Musik losging, war der Laden ganz erträglich. Und selbst danach war es nicht mehr so schlimm. Irgendjemand musste ein gutes Wort für mich eingelegt haben, denn ich hatte überhaupt nichts mehr zu tun. Um etwas Abwechslung zu haben, sammelte ich hin und wieder ein Glas ein und brachte es zur Bar, so wie früher eben. Niemand verlangte es von mir. Und am Ende des Abends gab mir Gel doppelt so viel Geld wie früher. Es war mir schon fast peinlich.
Ich ging an Marlowe vorbei. Ich glaube, er sah mich inzwischen als einen Kumpel an – sein Nicken ging einen Zentimeter tiefer als vorher.
Hell war in ihrem Käfig und hängte ihren Mantel auf ein grünes Lederteil. Ihre Tasche, ein brauner Hippie-Beutel, lag auf dem Tresen. In der Regel kam sie etwas früher; so hatte sie noch genug Zeit, in aller Ruhe ein bisschen zu lesen, wie sie mir einmal erzählte.
Heute Abend war es so weit, sagte ich mir. Heute Abend.
Beim Anblick von Hell bekam ich weiche Knie, meine Knochen verwandelten sich in Gummi und das Blut stieg mir pochend ins Gesicht; ich hatte das Gefühl, als müsste ich mich gleich übergeben. Die schwarze, auf Hüfte geschnittene Jeans und das abgeschnittene Top brachten ihre kurvenreiche Figur bestens zur Geltung. Ein Blick auf ihren glatten Bauch und den Nabel, der wie ein Grübchen mittendrin saß, half meiner Konzentration auch nicht weiter. Ich nahm ihre klimpernden Silberarmreife ins Visier.
«Hi.»
«Ach, hallo, Lee.» Sie war dabei, ihre Tasche aufzuknöpfen.
Ich lehnte mich mit den Hüften gegen den Tresen und legte meinen rechten Arm gegen die Metallstrebe am Rand der Durchreiche, eine Taktik, mit der ich sowohl Lockerheit und Selbstvertrauen suggerieren als auch meine neue Armbanduhr zur Schau stellen wollte, die dick und klotzig an meinem Handgelenk hing. Sie sah fast so teuer aus, wie sie gewesen war. Ich verdiente jetzt so viel Kohle – ein paar hundert die Woche–, dass ich mir ordentlich etwas leisten konnte. Die Taucheruhr aus glänzendem Edelstahl war bis hundert Meter Tiefe wasserdicht, hatte Leuchtzeiger und einen beidseitig verstellbaren Drehring, was immer das auch sein mochte.
Ich hatte geile Klamotten an und mein neues Handy verursachte in der Gesäßtasche meiner Jeans eine gehörige Beule. Ich wusste, dass ich gut aussah. Ich war auf Draht. Ich war selbstsicher. Und supercool, wie ich mir die letzten zwei Minuten immer wieder bestätigt hatte. Yeah.
Ich kam mir vor wie ein Vierzehnjähriger.
«Wie läuft’s so?»
«Gut», sagte Hell und kramte in ihrer Tasche. Sie sah auf. Ihre Augen besaßen das unergründliche Braun einer Colaflasche, die man ins Licht hält.
«Alles klar bei dir, Lee?» Sie lächelte und entblößte dabei ihre leicht schiefen Zähne, die so weiß strahlten wie das alleredelste Papier.
«Ja, mir geht’s gut.» Ich lächelte zurück.
«Ich finde meine Kippen nicht», sagte sie und wühlte weiter.
«Ich wollte dich fragen…»
«Da sind sie ja.» Hell zog eine Schachtel Silk Cut hervor. Ihre Fingernägel waren abgekaut und die Kuppen von Daumen und Zeigefinger der rechten Hand waren waldbraun.
«Also, ich dachte, ähm…»
Ich hatte meinen Spruch ein paarmal vor dem Spiegel geübt, bis ich es draufhatte, ihn einfach auszuspucken und lässig dahintreiben zu lassen wie irgendeine beiläufige Bemerkung.
«Hättest du, hättest du, äh, ich meine, hättest du Lust, mal mit mir auszugehen? Oder so.»
Die Worte plumpsten einfach heraus, schlugen noch ein paar kleine Wellen und verpufften. Hell sah mich an, als hätte ich ihr soeben gestanden, ich würde kleine Kinder fressen.
«Was?»
«Irgendwann mal. Ist nur so ’ne Frage. Klar. Du musst nicht.»
Ich machte mich auf eine Abfuhr gefasst.
«Lee!» Danny kam zur Tür herein. «Lee!» Ich nahm den Arm von der Strebe und drehte mich um.
«Sch… sch… schön, dich zu sehen», sagte Danny laut. Er marschierte eilig auf mich zu und dämpfte die Stimme. «Marlowe hat gesagt, du hast n… n… neulich klasse Arbeit geleistet.»
«Ach, das war doch nicht der Rede wert. Ich habe nur getan, was ihr mir gesagt habt.»
«Eben.» Er zog seine schwarze Bomberjacke aus.
Am vergangenen Sonntag hatte ich Marlowe mit einer Sporttasche über die M1 kutschiert. Sie hatten mir weder gesagt, worum es ging, wohin die Reise führte, noch wie viel Geld ich dafür bekommen würde. Nur ein kleiner Gefallen, hatte Danny gesagt. Nach zwei Stunden Fahrt hielten wir bei einer Tankstelle, und Marlowe stieg mit der Sporttasche aus. Ich blieb im Wagen. Zehn Minuten später kam er ohne die Tasche zurück und sagte mir, ich solle zurück nach London fahren. Das war alles.
«Und du hast keine Fragen gestellt», sagte Danny. «Das ist eine wichtige Gabe.»
Er hielt Hell seine Jacke hin. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie die Hand ausstreckte und die Jacke entgegennahm. Dann hörte ich, wie sie nach hinten zu den Garderobenständern ging.
Danny grub in der Tasche seiner Jeans und zog eine dicke Lederbrieftasche hervor.
«Du weißt doch, was man über die Neugier sagt», sagte er, während er zehn Zehner abzählte. «Wer zu n… n… neugierig ist, den bestraft das Leben.» Er faltete die Scheine und gab sie mir. «Als Zeichen meiner Anerkennung.»
Ich schob mir das Geld hinten in die Hosentasche und überlegte, was Hell wohl jetzt dachte. «Das ist sehr nett von dir.»
«H… hör mal. Da gäb’s noch was, das du für mich erledigen könntest.»
«Ja?»
Er deutete mit dem Kopf ruckartig zum Eingang. «Komm mal kurz mit nach draußen.»
Beim Umdrehen warf ich Hell einen Blick zu. Sie stand mit dem Rücken zu mir und stellte im Hinterteil des Kabuffs ihre Tasche ins Regal.
«Bis später dann, Hell», murmelte ich. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich hörte.
Danny führte mich hinaus auf die Straße und in die kleine Sackgasse neben dem Club. Wie gewöhnlich standen ein paar große Mülltonnen am Rand, und es stank nach Pisse.
Und dann stand da noch ein Auto. Nicht bloß irgendeine alte Mühle. Nein, ein silberner Mercury. Die Gasse war dunkel, aber der Wagen schien von innen heraus zu leuchten.
«Nur ein kleiner Gefallen, Lee. Ich möchte, dass du ihn fährst.»
Ich ging zur Front des schnittigen Wagens. Der Schlitten war erste Sahne. Die Scheinwerfer hatten sogar kleine Scheibenwischer. Danny blieb neben dem Wagen stehen.
«Ich möchte, dass du ihn zu einem Stausee fährst und ihn loswirst, Lee.»
Ich sah ihn scharf an. «Ihn loswerden?»
«Ja. Lass ihn einfach verschwinden. Du bekommst dreihundert Piepen dafür.»
«Dreihundert?»
«Dreihundert.»
«Ich weiß nicht, Danny.»
«Was weißt du nicht, Lee?»
«Du meinst, ich soll ihn in den See fahren? Diesen Wagen hier?»
«Wie ich gesagt habe. Du fährst ihn heute Nacht zum Stausee und versenkst ihn.»
«Er ist wunderschön.»
Danny zog einen Schlüsselbund aus der Hosentasche, trat vor und schloss die Fahrertür auf.
«Los. Steig ein.»
Ich kletterte vorsichtig hinein. Es kam mir vor, als würde ich in ein heißes Bad steigen. Ich fühlte mich sofort zu Hause. Ich hätte einziehen können. Der Wagen verkörperte alles, was ich nicht hatte und immer schon haben wollte. Er roch nach Geld und Macht.
Danny beugte sich hinunter und sprach mit mir durch die offene Tür.
«Wie viel Kohle bringt dir das Dealen in der Woche ein, Lee? Ein paar Hundert? Genug, um dir, na was, Klamotten und Platten zu kaufen?» Er hielt inne. Ich legte beide Hände um das Steuer. Die Polsterung gab leicht nach, so als würde mich der Wagen wollen.
«Das ist doch bloß ein Taschengeld. Sei ehrgeizig, Lee. Steck dir hohe Ziele. D… denk im großen Stil. Du bist j… j… jung und unverbraucht und steckst voller Ideen. Du willst es doch zu etwas bringen im Leben. Wenn ich dich anschaue, Lee, sehe ich einen jungen Mann voll brachliegender T… T… Talente vor mir. L… l… liege ich da richtig?»
Ich betrachtete das Armaturenbrett aus Walnussholz, das mit Hi-Tech ausgestattet war wie eine Raumfähre. «Ja.»
«Erledige diese Sache für mich, Lee, und danach gibt es mehr für dich zu tun. Du wirst mächtige F… F… Freunde kennenlernen. Du wirst einen Haufen Geld machen. Du wirst viel erreichen.» Ich nahm die rechte Hand vom Steuer und legte sie auf den wohlgeformten Schaltknüppel.
«Du erledigst das heute Nacht, okay? Nach der Arbeit. Es ist nicht weit von hier. Ich zeichne dir drinnen eine Karte.» Er ließ den Schlüssel in meinen Schoß fallen und klopfte auf das Dach. «G… guter Junge.» Er schlenderte davon und ließ mich eingezwängt in dem sexy Gefährt zurück. Ich blieb noch eine Weile sitzen und freundete mich mit der Maschine an. Beim Aussteigen verspürte ich dasselbe Verlustgefühl, das mich überkam, wenn ich morgens aus dem Bett krabbelte. Das dumpfe Geräusch, mit dem die Tür zufiel, war zutiefst befriedigend. Ich hielt den rechteckigen Schlüsselring in der Hand und ging schlüsselbaumelnd zurück in den Club.
«Lee», rief Hell, als ich mich ihrem Kabuff näherte.
Ich blieb schlurfend stehen. «Was ist? Du, tut mir leid, aber–»
«In Ordnung.»
«Was?»
«In Ordnung.»
«Hast du morgen schon was vor?»
«Nein. Hab ich nicht.»
«Gut.» Ich nickte ihr knapp und geschäftsmäßig zu. «Wie wär’s, wenn wir uns um eins hier draußen treffen. Hättest du Lust auf ’ne kleine Spazierfahrt?»
Hell lächelte. «Ich kenn genau den richtigen Platz dafür. Ich mach uns ein Picknick fertig.»
Ich warf den Schlüssel hoch, fing ihn auf und schloss ihn in meiner Faust ein. Supercool.
Hell war eigentlich ziemlich nett. Sie war intelligent und aufgeweckt, künstlerisch veranlagt, vielseitig gebildet, begeisterungsfähig und ausgesprochen witzig. Und sie hatte eine Menge zu sagen. Ja, sie war eine aufgeweckte, interessante Persönlichkeit. Und dann erst diese Möpse! Der Hintern! Die Beine!
Und da war sie! Sie und ich, ganz allein!
Wir befanden uns irgendwo in der Einöde, auf einem Acker weit weg von London, und saßen in einem Steinkreis. Das Gras war grün, die Vögel sangen, und überall gab es Bäume, Büsche und Blumen. Nicht unbedingt der Ort, den ich ausgesucht hätte, aber ich ließ mich ohne weiteres darauf ein, Grünfutter zu knabbern, zu quatschen und ab und zu einen verstohlenen Blick auf ihre Möpse zu riskieren – dafür hätte ich mich sogar mitten in einen Kriegsschauplatz gesetzt.
Hell trug ein lila T-Shirt und einen schwarzen Rock mit Troddeln am Saum, wie sie früher am Sofa meiner Oma gehangen hatten. Der Rock war lang, doch ab und zu, wenn sie zum Beispiel nach einem Apfel griff und ich den Kopf einzog, hatte ich einen klasse Blick auf ihre Beine.
Hell lag auf der Decke und reckte ihre Stupsnase zum Himmel. Ihre langen schwarzen Haare umrahmten ihr Gesicht wie ein gewellter Heiligenschein. Sie summte leise vor sich hin. Es war einer jener Augenblicke, in denen man einfach nur da war, die frische Luft, den Himmel und das Grünzeug genoss und gar nicht das Bedürfnis hatte zu reden. Ich empfand das irgendwie als Erleichterung. Ich musste mir nicht ständig krampfhaft Gedanken machen, was ich als Nächstes sagen sollte.
Ich lag seitlich neben ihr, den Kopf auf einen Arm gestützt. Die Muskeln taten weh vom vielen Lächeln, Nicken und Augenbrauen-Hochziehen.
Mein neuer Pager piepte. Ich drehte mich um, zog ihn aus der Hosentasche und hantierte an den Knöpfen herum. Chelsea hatte null zu null gespielt.
«Wer ist dran?», murmelte Hell.
«Geschäftlich.»
Der Pager war mit einer Silberkette an meinem Gürtel befestigt. Ich sah bewundernd zu, wie die Kette in der Sonne glitzerte, steckte den Pager wieder ein und genoss die Aussicht. Der Merc stand etwa zwanzig Meter weit weg vor der Hecke im Gras.
Mir fiel wieder ein besonderer Moment ein, der sich auf der Fahrt hierher ereignet hatte. Auf der Landstraße war ein Nissan Micra im dritten Gang und mit allerhöchstens vierzig Sachen vor uns hergezuckelt. Ich hatte schon geglaubt, wir würden nie an ihm vorbeikommen, bis wir um eine Kurve fuhren und ich sah, dass vor uns fünfzig Meter freie Straße lagen. Es würde knapp werden, aber ich ging das Risiko ohne zu überlegen ein. Ich trat heftig aufs Gaspedal und der Wagen schoss davon wie eine Rakete. Innerhalb einer halben Sekunde war der Micra nur noch eine schwindende Erinnerung. Wir schwenkten mit der Geschmeidigkeit eines brasilianischen Stürmers zurück auf die andere Spur. Der Wagen lief wie geschmiert. Ich sah, dass Hell beeindruckt war. Was für ein wunderschönes Auto. In mir prickelte es.
Jetzt sagte sie: «Der Wagen gehört nicht wirklich dir, oder?»
Ich drehte ihr den Kopf zu und sah, dass sie mich von der Seite ansah und lächelte. Taktisch gesehen war jetzt genau der richtige Moment, ihr die Wahrheit zu sagen. Mädchen stehen auf so was. Ich würde ehrlich zu ihr sein. Na ja, ehrlicher.
«Er gehört einem Freund.» Ich zögerte kurz. «Ich wollte dich beeindrucken.»
«Das war nicht nötig.» Sie drehte sich auf die Seite, stützte sich auf einen Arm und sah mir in die Augen. «Es ist mir egal, was für ein Auto du fährst, Lee.»
«Echt?»
«Echt. Oder was für einen Job du hast oder wie viel Geld du verdienst. Oder wie viel technischen Schnickschnack du besitzt.»
«Echt?»
«Echt. Du machst dir zu viele Gedanken über diesen Kram. Das ist einer der Gründe, warum ich mit dir hierhergefahren bin. Ich wollte, dass du etwas begreifst.«
«Und was?»
«Ich sehe, dass du jetzt als der oberwichtige Dealer herumstolzierst und dick mit Danny befreundet bist, und damit stimmt etwas nicht.»
«Was?»
«Du hast dich in Nichtigkeiten verheddert, Lee. Die Menschen verheddern sich so sehr in Nichtigkeiten wie Geld und so, dass sie vergessen, was wirklich wichtig ist.»
«Was?»
«Wenn du an einen schönen und geheiligten Ort wie diesen kommst, wird dir klar, na ja, dass alles andere nur – Nebensächlichkeiten sind. Wirklich wichtig ist ganz etwas anderes.»
«Was denn so?»
«Du weißt schon… einfach da zu sein. Schau dir die Vögel an, Lee, die Blumen und die Steine. Die wollen keine großen Nummern sein.»
Irgendwo war Schluss, sogar bei ihr.
«Was redest du da, Hell? Willst du mir etwa sagen, ich soll mir die Vögel angucken? Das tue ich. Ich guck mir den da an.» Ich zeigte auf einen großen hässlichen Vogel mit stumpfen Flügeln, der wie ein echter Bomber über uns kreiste. «Der da ist ein großer Vogel, weil er die Kleinen frisst. Und alles andere ist zweitrangig. Jedenfalls, wenn du einer von den Großen bist.»
«Aber Lee, Lee, ein großer Vogel zu sein ist nicht das, was zählt. Die kleinen Vögel sind genauso gut. Sie sind ebenso glücklich. Was ich dir zu erklären versuche, Lee, worum es wirklich geht, ist, wir alle sind eins, wir alle sind Teil des, des–»
«Des kosmischen Energiestroms?», sagte ich. Davon hatte sie vorhin schon gesprochen. Ich wusste, dass ich ihr einfach zustimmen musste, wenn ich noch den Hauch einer Chance haben wollte. Wenn sie sagte, die Erde ist eine Scheibe, dann war sie eine Scheibe und würde es so lange bleiben, bis ich mir die Zigarette danach ansteckte.
«Genau!» Sie schien zufrieden. «Die Leute in früheren Zeiten wussten das. Deswegen haben sie diese Steine errichtet. Als Erinnerung für uns.»
«Ja. Stimmt.» Ich nickte und gab mir Mühe, überzeugt zu wirken.
Wir schauten uns eine Weile lang die Steine an. Es waren fünf, die jeweils im Abstand von rund fünf Metern standen und ungefähr meine Größe hatten. Hell erklärte mir, dass es sich um einen alten Tempel handele, der früher eine Weihestätte gewesen war. Wenn ein Haufen Primitiver unbedingt ein paar Steine schleppen und auf einem Feld aufstellen will, dann ist das ihr Problem, dachte ich bei mir. Die Zivilisation hat sich seitdem ein bisschen weiterentwickelt.
«Die Menschen, die das hier errichtet haben», fuhr Hell fort, «wussten noch Dinge, die wir längst vergessen haben.»
Klar doch, dachte ich, und warum haben sie dann keine einzige Erfindung gemacht, wenn sie so irre klug waren?
«Hier habe ich das Gefühl, Kraft tanken zu können. Verstehst du, was ich meine?», fragte Hell.
«Ja.»
«Du spürst die Energie doch auch, oder?»
Wenn sie so wild auf Energie war, hätten wir unser Picknick besser drüben unter der Überlandleitung abhalten sollen. Ich suchte angestrengt nach einer günstigen Gelegenheit. In mir ratterte es, Energie, Energie, ich hab ’ne Menge Energie, und wenn du genug Zeit hast, hab ich die Energie.
«Aber klar», sagte ich.
«Und die, die Magie.»
Magie, Magie, wir wollen die Magie gemeinsam spüren. Ich glaube, du bist eine magische Frau, Hell. Willst du mal meinen Zauberstab sehen?
«Und das Gefühl von Frieden.»
Gefühl von Frieden, Gefühl von Frieden… damit konnte ich nichts anfangen.
«Ein Ort wie dieser bringt dich zum Erwachen, findest du nicht?»
«Ich bin wach, Hell. Ich bin hellwach.» Ich beugte mich zu ihr vor und die Zeit blieb beinahe stehen. Lass uns ficken. Oh Gott, bitte. Ich will auch alles tun. Aber lass uns ficken. Bitte bitte bitte. Lass uns endlich ficken.
JIU! JIU! JIU!
Die Alarmanlage des Wagens ging los. Es hörte sich an wie der Weltuntergang. Ich fuhr herum und sah gerade noch, wie der große Vogel, der sich auf dem Dach niedergelassen hatte, davonflatterte. Dämliches Federvieh.
«Scheiße, Scheiße, Scheiße!» Ich stand auf. Hell auch. Sie hielt sich die Ohren zu. «Stell das ab», schrie sie, «stell das doch ab.»
Ich lief über die Wiese und kramte dabei den Autoschlüssel aus der Hosentasche.
JIU! JIU! JIU!
Mann, was für ein Höllenlärm.
Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Aber der Lärm hörte nicht auf. Hell kam hinterher.
«Stell das ab!», schrie sie.
Ich öffnete die Tür, kletterte auf den Vordersitz und starrte auf das Armaturenbrett. Die Zeiger und Digitalanzeigen starrten zurück. Ich drückte ein paar Knöpfe.
JIU! JIU! JIU!
«So tu doch was!», schrie Hell.
«Ich versuch’s ja, O.k.? Wie stellt man dieses Scheißding bloß ab?» Hell riss mir den Schlüssel weg und ging zum Heck des Wagens.
«Was machst du da?»
«Immer, wenn bei meinem Vater die Alarmanlage anging, hat er alle Türen aufgemacht. Dann hat es aufgehört.»
«Was redest du da?» Ich fuhr herum und sah durch die Heckscheibe, wie der Kofferraum aufsprang.
JIU! JIU! JIU!
Hell kreischte auf. Als ob mehr Lärm uns gerade noch gefehlt hätte.
«Ich hab’s», schrie ich. «Das Dingsda am Schlüssel, das Infrarotdingsda. Drück es! Hell?»
Ich sah zu, wie sie kreischend vom Auto weg durch das Gatter und hinaus auf den Feldweg lief. «Hell!»
Ich stieg aus und rannte hinter ihr her. Sie lief volle Kanne weiter und schlug sich seitwärts in die Büsche.
«Verdammte Scheiße, was soll das?»
JIU! JIU! JIU!
Ich ging zum offenen Kofferraum und spürte, wie mein Gesicht weiß wurde. Nicht so weiß allerdings wie das Gesicht des Toten, der zusammengerollt darin lag und ebenso überrascht aussah wie ich. Er starrte mich mit großen toten Augen an. Bis auf ein Paar rote Boxershorts mit schwarzen Punkten trug er nichts am Leibe. Nein, es waren weiße Shorts mit schwarzen Punkten; sie waren mit dem klebrigen Zeug durchtränkt, das aus den drei kleinen Löchern in seiner Brust gesickert war.
JIU! JIU! JIU!
drei
An diesem Abend stahl ich mich gegen elf in den Club. Die Stammgäste, die mit in der Warteschlange standen, erkannten mich und sagten hallo. Die Ursache meiner neuerrungenen Beliebtheit – vierzig Päckchen – steckte in meinen Turnschuhen. Ich hätte noch mehr unterbekommen, aber ich wollte ganz sicher sein, dass ich nichts wieder mit nach draußen nehmen musste, denn es bestand immer das Risiko, auf dem Nachhauseweg angehalten zu werden. Ich ging an der Schlange vorbei, nickte und schüttelte Hände wie ein Mitglied des Königshauses beim Besuch in Wembley, aber ich tat es bloß halbherzig. Ich war vollkommen erledigt. Der Großteil des Nachmittags war mit einem Querfeldeinmarsch und Trampen draufgegangen. Am Abend hatte ich mir zu Hause voller Sorgen die Haut von den Nagelbetten gekratzt und war Haare raufend im Kreis herumgegangen.
Marlowe nickte mir zu. Ich lächelte schwach zurück und schlenderte dann an ihm vorbei über den Gang zu Hells Käfig. Vor dem Tresen stand eine Schlange von fünf Leuten, die ihre Jacken und Mäntel über dem Arm trugen. Ich ging nach vorn und spähte an dem ersten in der Schlange vorbei, ein Mann mittleren Alters mit aufgeknöpftem orangenen Rüschenhemd, aus dem ein tuffiger Haarteppich hervorschaute.
«Hell.» Sie sah an mir vorbei. «Hell.» Sie trug immer noch die Klamotten von vorhin. Ihr Rock hatte Grasflecke. Leider sah sie schöner aus denn je.
«Ich hab zu tun», sagte sie und schob einen rosa Zettel über den Tresen. Der Mann nahm ihn und sie griff die fünfzig Pence. Er verschwand in Richtung Käse-Zentrum und ich schob mich an seinen Platz.
«Hör mal, Hell, es tut mir leid. Es tut mir leid, o.k.? Ich kann’s erklären, Hell.»
«Ich will dich nie wiedersehen.» Ihre Stimme stockte. Sie sah mich geradeheraus an und ihr Blick traf mich mit seiner ganzen Macht. «Ich weiß nicht, ob ich das jemals vergessen kann.»
«Ey, Alter», blökte der Nächste in der Schlange in mein Ohr. Ich drehte mich um, starrte ihn finster an und bekam eine Wolke Aftershave ab. Er starrte genauso finster zurück.
«Ich habe kein Interesse an deinen Erklärungen», sagte Hell. Sie sah an mir vorbei zu dem Typen hinter mir. «Kann ich Ihnen Ihre Jacke abnehmen, Sir?»
Er versuchte seine Lederjacke an mir vorbeizureichen. Ich legte meine Hände auf die Streben neben dem Tresen und blockierte ihm den Weg. Ich senkte den Kopf und zischte Hell zu.
«Hell, die Autoschlüssel. Ich brauch die Scheißautoschlüssel.»
«Was?»
«Die Autoschlüssel. Du bist mit den verdammten Autoschlüsseln weggerannt.»
Einer aus der Schlange tat lautstark seinen Unmut kund.
«Also, ich habe sie nicht», sagte Hell. «Ich kann mich auch nicht erinnern, sie gehabt zu haben. Weißt du, dass ich eine Ewigkeit bis nach Hause gebraucht habe? Ich musste bis–»
Ihr Gesicht fiel in sich zusammen. «Du meinst, du hast ihn dort gelassen?»
«Ich sitze in der Scheiße, Hell. Ich sitze echt in der Scheiße.»
Der Mann hinter mir tippte mir auf die Schulter. «Das wirst du gleich, Alter», sagte er, «wenn du nicht gleich ’n bisschen dalli machst.»
«Genau», sagte das Mädchen hinter ihm.
«Das ist nicht mein Problem, oder?», sagte Hell.
«Ist es wohl», sagte ich. «Es ist wohl dein Problem.»
«Scheiße, Mann, du kriegst gleich Probleme», sagte der Mann und versuchte mich zur Seite zu schubsen.
«Schon gut, schon gut. Scheiß drauf.» Ich zog ab und steuerte auf den Bau zu.
«Lee.» Danny schwang sich auf seinem Stuhl herum, um mich herzlich zu begrüßen. Gel sah flüchtig von seinem Schreibtisch auf. Er hockte über einem DIN-A4-Block und hatte wie ein kleiner Streber, der den Schüler vom Nachbartisch am Abschreiben hindern möchte, schützend den Arm darumgelegt.
Ich schob mich weiter in den Raum hinein. Danny stand auf, legte mir den Arm um die Schulter und führte mich zu dem Faxgerättisch in der Ecke, damit wir so weit wie möglich von Gel weg waren. Wir pflanzten uns auf den Tisch. Ich spürte das Gewicht seines fetten Schlangenarms, der sich mir um die Schulter wand.
«Wie ist das k… kleine Geschäft gelaufen?»
Ich tat so, als müsste ich erst kurz überlegen, wovon er sprach.
«Das kleine Geschäft? Ach gut, ja, bestens.»
«Alles hat g… g… geklappt?»
«Ja, null Problem.» Mein Ton war kumpelhaft und beiläufig. «Ich bin zu dem Stausee gefahren, wie du gesagt hast, dann hab ich am Ufer gehalten, hab das Gaspedal blockiert und zugeschaut, bis er glug glug ganz untergegangen war. Wie du gesagt hast. Echt schade. War ’n tolles Auto.»
Ich vergaß nicht, ihm fest in die Augen zu sehen, fuhr mir nicht mit der Zunge über die Lippen, sprach nicht zu schnell, legte nicht die Hand vor den Mund und tat auch sonst nichts Auffälliges. Ich war ein guter Lügner, denn ich hatte beim Arbeitsamt genug Übung bekommen.
«Und keiner hat dich gesehen?»
«Keiner.»
«Bestens.» Danny griff sich in die Jacke und holte ein Bündel Zehner hervor, das mit einem Gummiband zusammengehalten wurde.
«B… Bezahlung wie vereinbart.» Er gab es mir, und ich stopfte es in die Hosentasche.
«Lee», rief Gel herüber, «wird groovy mit e geschrieben?»
«Nein. Es sei denn, du schreibst es mit zweien am Ende», sagte ich.
«G… g… guter Witz», sagte Danny laut. «Das gefällt mir. Gee err oh oh vau ee ee. Ja. Groovy.» Gel wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Danny senkte die Stimme. Er übte mit dem Arm Druck auf meine Schultern aus, bis sich mein Kopf senkte, und zog mich näher zu sich.
«Diese kleine Sache, die du gemacht hast, ist gut angekommen. Bei einer ganzen Menge L… Leute. Ein paar davon sind ziemlich w… w… wichtig. Du hast dir gerade eine Menge Freunde gemacht, Lee.»
«Wirklich?»
«Ja. Mächtige Freunde. Einflussreiche Freunde.»
Gel schlug mit der Hand auf den Schreibtisch und rief: «Bin ich denn bescheuert? Liege ich jetzt völlig verkehrt? Superstyle. Das schreibt sich doch mit eh-ih, oder?»
«Mit Ypsilon, würde ich sagen, Gel», sagte ich.
«Was soll denn das heißen?», fragte Danny. «Ich sag euch, was das heißt. Das ist ’ne rattenscharfe Mieze, die sich ordentlich aufbrezelt. Supersteil. Also mit eh-ih.»
«Hab ich’s mir doch gedacht», sagte Gel.
Danny drehte den Kopf zu mir und senkte wieder die Stimme. «Gehörst du zu den Guten, Lee?», fragte er mich mit gedämpfter drängender Stimme.
«Ich glaube schon.»
Danny schwieg. Das Licht, das sich in seinen Brillengläsern spiegelte, legte einen Schimmer über seine riesigen Augen. «Es laufen nämlich ’ne Menge übler F… F… Figuren frei rum. Du sollst wissen, dass du auf der richtigen Seite stehst. Du arbeitest für die Guten. Ich möchte, dass du das verstehst.»
«Du hast dich sehr deutlich ausgedrückt.»
Danny rückte keinen Zentimeter von mir ab. Ich spürte seinen heißen Atem in meinem Gesicht.
«Die G… Guten sind auch g… gut zu ihren Freunden. So ist das mit den G… Guten. Sie kümmern sich um einander. Aber wenn einer, der den G… Guten mimt, sich als Schurke entpuppt, werden die G… Guten sehr böse. Dann mögen sie ihn nicht mehr. Du weißt, was mit Schurken passiert?»
«Was?»
«Die beißen ins Gras.»
«Ich gehöre zu den Guten, Danny, das weißt du.»
«Hättest du Lust, beim Rest der Bande mitzumischen, Lee? Bei den G… Guten.» Er rüttelte mit dem um mich gelegten Arm an mir. «He?»
«Bei den Guten?»
«Es gibt da etwas, das du für mich e… e… erledigen sollst, Lee. Eine Arbeit, die du für mich tun kannst. Und für deine neuen F… F… Freunde. Eine wichtige Sache. Sehr gut bezahlt. Fahren, Lee. Mehr nicht. Du sollst jemanden von A nach B bringen.»
Gel schlug mit der Hand auf den Tisch, um unsere Aufmerksamkeit zu erringen, und stand auf.
«Wie wär’s damit», sagte er. Wir drehten uns um und sahen ihn an. Er hielt den Block vor sich und nahm denselben schrägen Akzent an, mit dem er auch ins Mikro sprach. «‹Der superduper Siebziger-Sound wird euch präsentiert von unseren Spitzenjungs, Grovee – mit zwei e – Tony Marconi und Mr.Supersteil Andy Pee. Also macht euch auf die Socken, ihr groovekstatischen flippigen Siebziger-Freaks, und kommt in den angesagtesten heißesten Laden der Stadt, wo es richtig abgeht. Kommt ins Dazzlers in Deptford, bla bla bla, Adresse, von neun bis spät, tragt, was ihr euch traut, sechs Pfund, vier vor dreiundzwanzig Uhr plus Ermäßigungen nach Vorlage eines gültigen Ausweises. Seht’s euch an, ihr groovee – mit zwei e – Freaks.› Und dazu noch ein Plateauschuh. Was sagt euch das?»
«Das sagt mir Siebziger», bemerkte ich. «Und zwar durch und durch.»
