Goldene Bohnen - Claus Levacher - E-Book

Goldene Bohnen E-Book

Claus Levacher

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Beschreibung

12 anekdotische Erzählungen Ein Garten wird bestellt, ohne dass man das Gemüse isst. - Hausbesitzer vermieten Schrott-Immobilien an Studenten. - Claus trägt zur falschen Zeit ein Gedicht vor und wird dafür bestraft... In 12 Erzählungen folgen anekdotische Szenen aufeinander, die sich tatsächlich zugetragen haben. Dass vieles voll unfreiwilliger Komik oder erstaunlich erscheint, liegt daran, dass auf der Welt vieles erstaunlich und voll unfreiwilliger Komik ist. Wir erfahren, dass Sternsinger nicht nur für einen guten Zweck sammeln. Es gibt eine Warnung vor allzu unbesorgter Benutzung der Deutschen Bahn und wir erleben ein Familienfest mit unerwarteter Choreographie. In medizinischer Behandlung und Lehre geht es eigenartig zu, weil hier Menschen am Werk sind. Im Bayreuther Festspielhaus steigt das Thermometer über die menschliche Körpertemperatur und beim Sprechen und Schreiben sinkt das Niveau oft unter Null. Die Erzählungen sollen unterhaltsam sein und dazu ermuntern, die Augen im Alltag offen zu halten. Nichts ist langweilig, denn es gibt nichts Interessanteres als Menschen.

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Vorwort

Goldene Bohnen

Die Autos meiner Eltern

Wohnklo mit Dusche

Was gibt’s zu Essen

Der Geist der Medizin

Im Trichter der Chirurgie

Kirche in Bewegung

Schneller geht es mit der Bahn

Lenas Polterabend

Bayreuther Festspiele

Der Kunde ist König

Wort und Sinn

Vorwort

Es gibt auf der Welt nichts Interessanteres als Menschen.

Überall tun diese Menschen Dinge, die erstaunlich, unerwartet oder voll unfreiwilliger Komik sind.

Ich habe für dieses Buch zwölf Themen aus meiner persönlichen Erlebniswelt ausgewählt. Einige kennt jeder Leser: Auto, Essen, Einkaufen, Gesundheit und Krankheit. Zu anderen Themen gibt es unterschiedliche Vorkenntnisse oder sie haben kritische Inhalte: Kirche, Oper, Studium, Lesen und Schreiben, Familienfeiern oder gar eine Fahrt mit der Deutschen Bahn.

Man kann mir vorwerfen, dass ich nur eine Anekdotensammlung zusammengestellt habe. Ich denke, das ist nicht schlimm, wenn sie unterhaltsam ist.

Man kann mit vorwerfen, dass ich keine richtige Autobiographie verfasst habe, weil Vieles aus meinem Leben nicht zur Sprache kommt. Ich denke, das ist nicht schlimm, weil mein Leben zu unspektakulär ist, um mehr darüber zu berichten.

Man kann mir vorwerfen, dass ich keine nützlichen Ratschläge vermittle. Ich denke, es ist ein guter Ratschlag, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, um sich auch an unbedeutenden Dingen zu erfreuen.

Sollte ein Leser sich freuen, weil er sich oder ein Geschehnis in diesem Buch zu erkennen glaubt, dann liegt es daran, dass alles tatsächlich passiert ist.

Sollte ein Leser sich ärgern, weil er sich oder ein Geschehnis zu erkennen glaubt, so irrt er sicherlich, denn ich habe Namen und Situationen so verändert, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig sind…

Der Gemüsegarten ist voller Bohnen und die Welt ist voller Menschen!

Wer die Augen offen hält, dem wird nie langweilig!

Gute Unterhaltung!

Goldene Bohnen

Als meine Eltern im Jahre 1957 ein Einfamilienhaus bauten, wurden in dem großen dazugehörigen Garten Obstbäume gepflanzt und umfangreiche Gemüsebeete angelegt. Es gab dort Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, diverse Kohlsorten, Salat, Erbsen und Bohnen.

Die Samstage des Frühjahres verbrachte mein Vater Fritz mit Umgraben, Düngen und Einbringen der Saat, an den Samstagen des Sommers wurde geerntet. Da bis auf die gutmütigen Kartoffeln das meiste Gemüse und Obst seine Erntereife innerhalb weniger Tage erreichte, mussten die geernteten Gartenerzeugnisse in einem engen Zeitfenster verarbeitet werden. Hierzu wurde nun der Rest der Familie hinzugezogen, mit zunehmender Fingerfertigkeit auch meine beiden Geschwister und ich. Am Ende diverser Arbeitsschritte stand das Einkochen in Einmachgläser, die nach dem Erkalten im Vorratskeller auf langen Holzregalen aufgereiht wurden.

Gerne betrachtete ich die wachsenden Vorräte, die uns Schutz vor dem Verhungern boten, falls der Krieg oder die Russen kommen sollten. Vor diesen Gefahren mit allen Konsequenzen zu warnen wurden Eltern und Großeltern nicht müde. „Das war in der schlechten Zeit…“, endeten oder begannen schlimme Erfahrungsberichte. Die „schlechte Zeit“ waren, wir mir spät klar wurde, nicht etwa Naziherrschaft oder Krieg, sondern die Hungerjahre 1946-1948.

Der Glanz der Einmachgläser schwand mit Vorrücken des Jahres, denn in den 60er Jahren gab es durchaus genügend frisches Gemüse und Obst im Lebensmittel-Einzelhandel. Mit deren Aussehen und Geschmack konnten unsere eingekochten Vorräte nicht Schritt halten. Spätestens zum Beginn des Folgejahres bildete sich auf den Gläsern im Vorratskeller eine Staubschicht, die erst entfernt wurde, wenn die Gläser im Sommer diskret entleert und für eine neue Füllung vorbereitet wurden.

In den 60er Jahren halbierte unser Vater die Ackerbaufläche, wodurch Platz für eine große Wiese, einen Sandkasten und eine Schaukel entstand. Da ja nun weniger Stellfläche für Einmachgläser erforderlich war, wurde der Vorratskeller in einen kleineren Raum verlegt. Als praktischer Nebeneffekt konnte der alte Vorratskeller dem Zeitgeschmack folgend zum Partykeller umgestaltet werden.

Ein Paradigmenwechsel kündigte sich durch die Eröffnung eines Discounters in der Nähe an. Dort fanden sich preiswerte Konserven aller Obst- und Gemüsesorten, die die mühevollen Zubereitungsschritte des Putzens, Zerkleinerns und Kochens bereits durchlaufen hatten. Als mein Vater bei einem sonntäglichen Mittagessen meine Mutter für die Qualität des Rotkohls wortreich lobte, gab sie zu Bedenken: „Der ist von Aldi“. Da schwenkte mein Vater um und lobte Aldi. - Zur nächsten Wachstumsperiode erwirkte meine Mutter die Einstellung des Kohlanbaues.

Zeitgleich mit dem Discounter trat die Gefriertruhe in unser Familienleben. Für uns Kinder bedeutete dies, Eis zu beliebigen Zeiten bekommen zu können. Für die Einmachgläser bedeutete es das Ende ihrer Funktion als potentielle Lebensretter.

Die 80er und 90er Jahre standen im Zeichen des Exodus. Die Kinder und die Oma verließen den Haushalt. Dem schwindenden Bedarf an Lebensmitteln folgte eine weitere Halbierung der Ackerfläche. Auf dieser baute mein Vater aber weiter hartnäckig Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und Bohnen an. Wenn ich in der sommerlichen Reifezeit zu einer warmen Mahlzeit in meinem Elternhaus war, bekam ich die Erzeugnisse vorgesetzt. Mein vorsichtiger Einwand, zu genau dieser Zeit gebe es doch das gleiche Gemüse vom Bio-Bauern aus der Region zu niedrigsten Preisen, wurde abgeschmettert. Mein Vater sei doch im Ruhestand und habe „genug Zeit“. Die Überschüsse würden eingefroren. Und übrigens wäre man in der „schlechten Zeit“ ohne Selbstversorgung schlimm dran gewesen.

Nach der Jahrtausendwende ließen die Aktivitäten nach. Auf dem Acker setzten die Eltern jetzt vermehrt auf Pflanzen, die bei Saat und Pflege wenig Arbeit machten und auch in der Ernte nicht auf filigrane Fingerfertigkeit angewiesen waren. Stolz präsentierte mein Vater gewaltige Zucchini und Kürbisse, deren Ernte sich allerdings oft bis in den November hinein verzögerte. Die Eltern waren mehr auf Größe und Gewicht als auf den Geschmack stolz; und irgendwie hätte man nach dem Pflücken diese kolossalen Früchte auch schnell verarbeiten müssen.

Auch der Blick in den Gefrierschrank zeigte die Abkehr von der Selbstversorgung. Eines Tages suchte ich Eis und fand in hintersten Winkeln tiefgefrorene Bohnen aus eigenem Anbau – ihrem Zustand nach aus einem lange vergangenen Erntejahrgang.

60 Jahre nach Beginn des familiären Ackerbaus zeigt sich der aktuelle Stand so: Mit Erreichen des 90.Lebensjahres hat mein Vater die „schweren“ Gartenarbeiten in die Hände eines jungen ausländischen Feldarbeiters gelegt, der mit einem durchdachten Dienstplan die Gärten der alternden Siedlungsgemeinschaft betreut. Da die Eltern sich seinen Namen nicht merken können (man verzichtet auf Schriftlichkeit bei Vereinbarungen und finanziellen Transaktionen) sagen sie einfach „Morgen kommt der Pole“.

Die Hauptaufgabe des Polen besteht im Rasenmähen und Beseitigen von Unkraut, womit er reichlich zu tun hat. Aber im März wird der Acker bestellt. Er ist zwar auf 1/8 der Ursprungsgröße geschrumpft, jedoch müssen Möhren, Zwiebeln und Bohnen in die heimische Scholle! Vor allem die Bohnen lobt mein Vater und wir haben bei Telefonaten und Besuchen stets Anteil an deren Gedeihen: „Nächsten Samstag setzen wir die Bohnen“ – „Geh mal in den Garten, die Bohnen stehen gut“ – „In ein paar Wochen können wir ernten“ – und schließlich „Wir hatten sehr schöne Bohnen!“

Als ich eines Tages in der Küche in einem Sieb etwa 20 Bohnen sah, die noch von ehrlicher Gartenerde bedeckt waren, forschte ich nach. Meine Schwester hatte sie für die nächste Mahlzeit gepflückt. Ja, das seien jetzt wohl die letzten der diesjährigen Ernte, erklärte meine Mutter. Der Pole habe alle bisherigen Bohnen in den vergangenen Wochen gepflückt: „Sie waren sehr schön!“. – „Haben sie auch schön geschmeckt?“, wollte ich wissen. Na ja, sie glaube schon, aber „der Papa und ich, wir essen ja nicht mehr so viel und manchmal haben wir auch Appetit auf was Anderes. - Da haben wir die Bohnen dem Polen mitgegeben.“

Ehrliche Feldarbeit lohnt sich: Erst wird man fürs Säen bezahlt, dann fürs Ernten und am Schluss bekommt man die Bohnen geschenkt!

Das sind goldene Bohnen!

Die Autos meiner Eltern

Bis ich 18 Jahre alt war, gab es in unserer Familie kein Auto. Zur Fortbewegung nutzten wir das Fahrrad, für Fahrten nach Köln oder zu den Großeltern in Glessen den Bus des Regionalverkehr Köln RVK.

Die Busverbindungen in beide Richtungen waren dürftig. Viele Busse hatten Verspätung – nur nicht die, zu deren Abfahrt ich zu spät an die Bushaltestelle kam. Morgens waren die Busse überfüllt, was während meiner Schulzeit die Angst weckte, ich könne an der Haltestelle „Brucknerstraße“ nicht rechtzeitig durchs Gedränge zum Ausgang kommen. Manchmal kam ich rechtzeitig zum Ausgang, aber der Busfahrer hielt nicht an. Dann musste ich bis „Contihaus“ fahren und mit meinen kurzen Beinen und meiner schlechten sportlichen Kondition den Weg zur Schule zurück rennen.

Auch die Fahrten nach Glessen waren von der nicht unberechtigten Befürchtung begleitet, der Bus könne zu spät, zu früh oder gar nicht kommen. Die Besuche bei den Großeltern fanden vorzugsweise am Wochenende statt. Das verschärfte die Situation, weil die Busse noch seltener als in der Woche fuhren. Immerhin war die Fahrt kürzer als nach Fortuna, wo die Großeltern zuvor gewohnt hatten. Nach dort musste der Bus auch einige Steigungen und scharfe Kurven durchfahren. Die eindrucksvollste Erinnerung an eine solche Kurvenfahrt verdanke ich meiner Schwester Dorothee, die kurz vor Ende der Tour in den auf ihren Knien liegenden Strohhut hinein erbrach. Fortuna wurde bald darauf für den Braunkohletagebau weggebaggert.

Wenn ich mich in der Oberstufe mit meinen Kölner Freunden traf, gewann ein anderes Detail des Fahrplans an Bedeutung. Der letzte Bus Richtung Bergheim verließ Köln Busbahnhof um 23.25 Uhr. Also nochmal zur Bestätigung des Unglaublichen: Nicht der letzte Bus, mit dem man IN die Disco fahren konnte, sondern der letzte, mit dem man ZURÜCK kam. Manchmal verpasste ich diesen „Lumpensammler“ genannten Bus oder wollte ihn nicht erreichen. Dann fuhr ich mit den Straßenbahnen und Bussen der Kölner Verkehrsbetriebe KVB, die menschlichere Betriebszeiten als die RVK hatten, bis Köln-Lövenich. Von dort waren es noch vier Kilometer bis nach Brauweiler, die ich zu Fuß ging. Mama brauchte sich nicht zu sorgen, ich würde per Anhalter fahren, denn es fuhr so gut wie kein Auto um diese Zeit.

Als ich in „Readers Digest“ einen Artikel über UFO-Landungen in abgelegenen Gebieten gelesen hatte, fürchtete ich eine Zeit lang, als einsamer Wanderer die Aufmerksamkeit von UFO-Piloten auf mich zu ziehen. Alle paar Meter drehte ich den Kopf in alle Himmelsrichtungen und eilte mit hochgezogenen Schultern weiter. Wer mich sah, konnte mich für leicht behämmert halten. Ich war zu dieser Zeit leicht behämmert.

Ich ging auf dem Radweg neben der Landstraße. Dort hatte ich markante Punkte für die zurückgelegte Entfernung: bei der einzigen Kurve war ein Drittel des Weges geschafft. Das letzte Drittel begann dort, wo über mehrere Meter eine Fahrradspur im Beton verlief. Die hatte Fritz Jahre zuvor gezogen, als er den Radweg kurz nach dem Guss der Betonplatten ausprobierte.

Als ich den Führerschein machte, begann eine neue Ära: Ein Leben ohne Fahrplan und ohne Alkohol!

Fritz, der selber gar keinen Führerschein hatte, machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Fahrzeug. Als Beweis für seine automobile Kompetenz erzählte er von Rudolf Carraciola und Bernd Rosemeyer, deren Autorennen er als Jugendlicher gebannt vor dem Volksempfänger verfolgt hatte. Technisches Wissen hatte er sich samstagnachmittags beim RWE angeeignet. Dann nämlich konnten alle Mitarbeiter, die ein Auto hatten, die betriebseigene Werkstatt benutzen. Viele machten Ölwechsel mit betriebseigenem Öl und füllten Kühlwasser nach. Alle wuschen ausgiebig ihre Fahrzeuge. Einige Wagemutige führten Reparaturen durch und der Oberingenieur Herr Stühlen zerlegte einmal seinen DKW in alle Einzelteile, die geschraubt waren. Das waren in den 30er Jahren viele. In Fritz‘ Erinnerung hatte der Werkstattboden danach wie eine Explosionszeichnung des DKW ausgesehen. Alles, was verölt oder verschmutzt war, reinigte Herr Stühlen in einer Wanne mit Trichloräthylen. Die Reinigungskraft war enorm und die Einzelteile des DKW sahen am Abend des Samstages aus wie neu. Herr Stühlen musste sich nach dem stundenlangen Einatmen der organischen Reiniger-Dämpfe benebelt nach Hause zurückziehen, aber am Montag der Folgewoche war sein Ruf als genialer Ingenieur stark gewachsen. Fritz schwor, dass das Auto nach dem Zusammenbau genauso ausgesehen habe wie zuvor und dass es womöglich besser als zuvor gefahren sei.

Seine Kenntnisse zum Thema „Auto“ vervollständigte Fritz mit einer Werbebroschüre des Modells „Audi 80“, die er im Autohaus Fleischhauer in Köln-Mülheim erhalten hatte. Dieses Haus lag auf dem Weg von seinem Büro in den Kabelwerken F&G zu „Tchibo“, wo er täglich in der Mittagspause einen Kaffee trank. Der Audi 80 sei von guter Qualität, erfuhren wir, und so wurde trotz meiner Einwände, das Modell habe wenig sportive Ausstrahlung, das Gebrauchtwagensortiment von Fleischhauer besichtigt. Fritz ließ sich alle Motorhauben der vorhandenen Audi 80 mit 55 PS öffnen. Zum Glück fand der Motorraum seine größte Zustimmung, der zu einer Sonderedition mit Doppelscheinwerfern, breiten Reifen und der Lackierung „viperngrün metallic“ gehörte. Ich machte eine Probefahrt über den Gebrauchtwagen-Parkplatz des Hauses, Fritz unterzeichnete den Kaufvertrag und wir fuhren mit roten Nummernschildern nach Hause.

Die ganze Familie war sehr zufrieden. Rita stellte fest, wie bequem der Einkauf für einen Sechs-Personen-Haushalt wurde und nahm einige Fahrstunden, um ihre seit 25 Jahren nicht genutzten Führerscheinkenntnisse aufzufrischen. Nach zwei Jahren machte auch Doro den Führerschein und sogar Burkhard konnte weitere fünf Jahre später auf die „grüne Schlange“ als Trainingsfahrzeug zurückgreifen.

Inspektionen und Wartungsarbeiten machte ich mit Fritz zusammen nach altbewährter RWE –Tradition am Samstag vor unserer Garage: Fritz beklagte sich, es seien viel zu wenig Schraubverbindungen vorhanden, die wir hätten lösen und kontrollieren können. Die wichtigsten Verschleiß- und Verbrauchsteile konnten aber mit unserem Schraubschlüsselsatz gewechselt werden. Ölfilter, Luftfilter, Zündkerzen und Keilriemen wurden in lockeren Abständen ausgetauscht.

Ab Kilometerstand 160.000 verlor der Motor Öl, wie wir an braunen Flecken auf dem Garagenboden und einem erhöhten Nachfüllbedarf feststellten. Weil es keine Schraube gab, durch deren Festziehen die Undichtigkeit hätte beseitigt werden können, befestigte Fritz eine leere Konservendose (ehemals Rotkohl) mit kräftigem Blumendraht so im Motorraum, dass das austretende Öl aufgefangen wurde. Jeweils samstags transfundierten wir den Inhalt der Dose wieder in den Ölkreislauf zurück. Unmittelbar vor den lästigen TÜV-Prüfungen entfernten wir Dose und Blumendraht und gönnten dem Audi eine „Motorwäsche“ in der Werkstatt unseres Vertrauens, wonach wir meist mit dem Hinweis „geringe Mängel“ die TÜV-Plakette erhielten.

Im Wesentlichen blieb der Audi unfallfrei. Mit der Zeit schrammten wir natürlich gegen diverse Poller und Parkhauswände. Dann kam am Folgesamstag der Lackstift „viperngrün-metallic“ zum Einsatz und die Optik war wieder einwandfrei.

Unsere Garage aber barg spezielle Risiken. Im hinteren Teil war sie durch die dort hineinragende Wohnzimmerwand schmaler als in der Einfahrt. Hinten war also das Ankratzen an die Wand vorprogrammiert, wenn man nicht genau zielte.

In jenem schmalen Teil der Garage hatte Fritz aus stabilen Holzlatten einen Fahrradständer gebaut, in dem 5 Fahrräder mit dem Vorderrad nach oben aufgehängt werden konnten. Eines Tages ließ Rita in Gedanken versunken das Kupplungspedal nach dem Einfahren in die Garage los, bevor sie den Motor ausgeschaltet hatte. Der Audi machte einen Satz nach vorne, der zentrale Stützbalken des Fahrradständers brach zusammen und Fahrräder und Ständer stürzten Rita auf die Motorhaube. Zurücksetzen konnte sie nicht mehr, weil ein Fahrrad ihre Vorderräder blockierte. Sie konnte aber auch weder Fahrer- noch Beifahrertür öffnen, weil diese sich bereits in dem schmalen Garagenteil befanden. Da der Audi zweitürig war, gab es keine weiteren Türen, die Rita durch Kriechen auf die Rücksitzbank hätte erreichen können. Fritz hörte zu der Zeit schon nicht mehr optimal und hatte den Lärm in der Garage nicht registriert. So öffnete Rita das Fenster auf ihrer Fahrerseite und beobachtete im Rückspiegel die Straße. Sobald der erste Passant im Rückspiegel erschien, rief sie aus Leibeskräften um Hilfe. Der Retter kam in die Garage, erfasste die Misere und klingelte Fritz zu Hilfe. Dieser betrat die Garage durch die Hintertür und räumte die Fahrräder und die Trümmer des Ständers bei Seite, worauf Rita im Rückwärtsgang den Unfallort verlassen konnte. Am Folgesamstag benötigten wir zwei Lackstifte „viperngrün metallic“.

Bei Kilometerstand 203.000 versagte der TÜV endgültig die Straßentauglichkeit, obwohl wir in der Waschanlage das Komplettpaket mit Lotus-Perleffekt gewählt hatten. Also wurde ein neuer Audi 80 der übernächsten Baureihe gekauft. Da ich nicht mehr zu Hause wohnte, fuhr Burkhard mit auf den Gebrauchtwagenparkplatz von Fleischhauer. Dort erlebte er eine Wiederholung des bewährten Auswahlverfahrens. Das diesmal von Fritz ausgesuchte Fahrzeug war „korallenrot“ und eine Fehlkonstruktion, die die Audi-Ingenieure unter dem Eindruck des ökologischen Erwachens der 1980er-Jahre auf den Markt gebracht hatten. Das Getriebe hatte 4 Vorwärtsgänge, von denen der vierte „E“ genannt wurde. Das sollte vielleicht für „Economy“ oder „Energiesparen“ stehen. Die lange Untersetzung sparte vorwiegend Energie, wenn man mit 90 km/h bergab fuhr. Alle anderen Verkehrssituationen erforderten hohe Drehzahlen in kleineren Gängen, um irgendetwas von den vorhandenen 60 PS auf die Fahrbahn zu bringen. Ein vorher und nachher nie mehr in PKWs eingebautes „Economy“-Anzeigeinstrument ließ seinen Zeiger weitestgehend im roten Bereich nervös hin- und her zucken. Wenn ich mit diesem Fahrzeug fuhr, hatte ich ein permanent schlechtes Gewissen, den Treibhauseffekt durch gedankenlose Fahrweise zu beschleunigen.

Rita, die zunächst die Farbe missbilligte, lernte aber die trägen Fahrleistungen der „roten Schnecke“, wie wir sie nannten, zu schätzen. Bald konnte sie berichten, wie gut es sei, ohne nennenswerte Beschleunigung zu fahren. Von einem Nachmittagskaffee bei ihrer Freundin Agnes zurückgekehrt hatte sie das Fahrzeug vor unserer Garage stehen lassen. Eine Stunde später klingelte ihre Nachbarin Marga an der Tür: „Rita, bei dir steht ein Kuchen auf dem Autodach“. Beide gingen zur Garage und fanden tatsächlich eine Tortenplatte mit einem halben Apfelkuchen unter einer Tortenhaube auf dem Dach. Einige Zeit standen beide verständnislos vor dem Ensemble, dann rekonstruierte Rita den Hergang: Agnes hatte ihr von den überreich vorhandenen Kuchen der Kaffeetafel den halben Apfelkuchen mitgegeben. Um in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel zu suchen, hatte Rita den Kuchen aufs Autodach gestellt und ihn dann beim Einsteigen vergessen. In Gedanken ging sie die Fahrtstrecke bis nach Hause durch: Mit der verfügbaren Geschwindigkeit waren in keiner Kurve Fliehkräfte entstanden, die dem Kuchen hätten gefährlich werden können. „Und in der engen Kurve an der Mathildenstraße bin ich extra langsam gefahren, weil da eine Polizeikontrolle stand“ berichtete sie. Die drei Polizisten hätten sie auch gar nicht angehalten, sondern ihr nur mit offenen Mündern lange hinterher geblickt.

Nachdem der rote Audi Jahre später seinen Dienst getan hatte, war erneuter Ersatz gefordert. Fritz war mittlerweile 75 Jahre alt und hatte somit keine reguläre Mittagspause in Mülheim mehr nötig. Daher wäre der Gang über Fleischhauers Parkplatz mit unnötiger Anfahrt verbunden gewesen. - So übernahmen die Eltern den blauen Ford Fiesta von Burkhard. Mit 70 PS und deutlich weniger Gewicht als seine Vorgänger war der Fiesta geradezu eine Rakete. Rita fuhr nun tatsächlich forscher und sie stellte fest, dass man nicht mehr SO sorgfältig die Gänge wechseln musste. Ihre Enkelkinder bestaunten die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Oma oft weite Strecken in Brauweiler im 2.Gang bewältigte, ohne vor hohen Drehzahlen mit kernigem Motorsound zurückzuschrecken.

Die Pflege des Fiesta ließ mit den Jahren zu wünschen übrig. Karlheinz, der Inhaber und einzige Mitarbeiter von „Otzenrath full service“ fuhr ab und zu in die Waschanlage, wenn er das Auto zum Reifen- und Ölwechsel abholte. Eine Innenraumreinigung fand aber nicht mehr statt, wie ich bei gelegentlichen Mitfahrten feststellen musste, und Lackschäden wurden nicht mehr mit Lackstift beseitigt. Ein Mal kam ich nach Brauweiler, als das Auto gerade sauber war und vor der Garage im hellen Sonnenlicht stand. Eine Vielzahl von Kratzspuren in verschiedenen Farben an allen Kotflügeln sprang mir ins Auge. Rita erklärte bereitwillig: „Das hellgraue war die Garagenwand – das grüne dort: da stand eine Platane auf dem Markt – das hier hinten war ein Betonpoller auf dem Parkplatz.“ Zu anderen Kratzern, die Lackpartikel in silbergrau-metallic, brillantschwarz und „mystic blue pearl“ enthielten, wusste sie keine Erklärung. War es denn wirklich wichtig? „Ein Auto ist ein Fortbewegungs- und Transportmittel“ war die gerne vorgetragene These von Fritz.

Transportiert wurden nicht nur Waren. Mit zunehmendem Alter fiel beiden Eltern das Gehen schwer und sie fuhren nun gerne auch kürzere Strecken im Dorf. Rita war auch jenseits ihres 80.Geburtstages stets ein bereitwilliger Chauffeur. Nach einer Kaffeestunde, diesmal bei Marie-Luise, bot sie ihren Freundinnen Katharina und Christel an, sie nach Hause zu bringen. Im Gegensatz zu den drei