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Blut und Rache – das ist alles, was Skadi nach Jahren der Gefangenschaft bleibt. Als ihr Bruder Jerik sie endlich befreit, ist nichts mehr, wie sie es kennt: Jerik wirkt fremd, seine rätselhafte Begleiterin weckt Skadis Misstrauen – und dunkle Mächte aus fernen Reichen beginnen, sich für sie zu interessieren. Aus dem geplanten Rachefeldzug wird eine atemlose Jagd, in der Skadi bald nicht mehr weiß, ob sie noch die Verfolgerin ist – oder längst selbst gehetzt wird. Gefangen in einem Netz aus goldenen Lügen und gefährlichen Allianzen, muss sie erkennen: In einer Welt voller gieriger Könige, erbarmungsloser Götter und engstirniger Seefahrer hat die Wahrheit keine Bedeutung – sondern nur, wer die Macht hat, sie zu erzählen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
WELTENBAUM VERLAG
Vollständige Taschenbuchausgabe
11/2025 1. Auflage
Goldene Lügen
© by Lisa Enna Schmidt
© by Weltenbaum Verlag
Egerten Str. 42
79400 Kandern
Umschlaggestaltung: © 2025 by Magicalcover
Lektorat: Julia Schoch-Daub / Feder und Flamme Lektorat
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Giusy Amé
Autorenfoto: Privat
ISBN 978-3-69067-026-5
www.weltenbaumverlag.com
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.de abrufbar.
Lisa Enna Schmidt
Goldene Lügen
High Fantasy
Content Notes:
Missbrauch, Prostitution / Sklaverei, Körperliche Gewalt / Folter, Manipulation, Rassismus, Toxische Beziehungen.
Dieses Buch ist jedem gewidmet,
der es vermisst,
die Wahrheit sagen zu können.
Dürre Finger strichen über zarte Haut.
»Es ist ein Mädchen«, krächzte die alte Heilerin.
»Ist etwas mit ihr?«
Keine Antwort. Die Berührungen wanderten hinauf zur Stirn, bis sie dort einen vagen Kreis auf der Haut zogen. Es war ein Streichen, nicht zögerlich, aber fein, als würde man versuchen, einen Schmetterlingsflügel unbeschadet zu liebkosen. Nur dass das nicht möglich ist. So wie jede Berührung auf einem Schmetterling verbleibt, so verblieb auch dieses Streichen wie eine unsichtbare Narbe, deren Geschichte in Vergessenheit geraten wird.
»Ist sie krank?« Tiefe Besorgnis durchtränkte die verzweifelten Worte.
»Schweig, Weib!«, knurrte die Stimme – kratzig, rau, wie kleine Kieselsteine, die unter festem Schuhwerk gegeneinander gerieben werden.
Stille.
Ein weiterer Kreis.
Ruckartig zuckte die Hand zurück, während sie den Blick hob.
Silbrig glänzende Augen fixierten die Mutter, in deren Erinnerungen sie sich wie spitze Nägel bohrten.
»Behüte dein Kind«, knurrte sie leise, als könnte jedes ihrer Worte den Geist eines lauernden Wolfs wecken und ihn auf das Neugeborene hetzen.
»Was ist mit ihr?«
Eine bedrückende Frage wie die Unheil vorhersagende Dunkelheit einer heranziehenden Gewitterwolke – Angst schürend, beunruhigend, erdrückend.
»Hör mir gut zu, Weib, denn ich kann es dir nur dieses eine Mal sagen«, warnte die Fremde mit gehobenem Zeigefinger.
»Haare blutrot, Augen verbrannt. Hexe und Königin Hand in Hand. Ich liebe dich aus ihr hinaus gebannt. Teuerstes Gold mit Lügen gesandt.«
Plötzlich machte sie einen Schritt zurück und hustete, als ob ihr die verschluckten Worte noch fest im Rachen säßen. Dann folgte noch ein Schritt rückwärts. Panisch, schnell, fliehend.
Die weit aufgerissenen Augen waren nicht mehr silbrig, sondern gewöhnlich braun.
»Was bedeutet das?« Die verzweifelte Hand der Mutter wollte sie ergreifen, doch es war zu spät. Ihr Griff verlor sich in der Finsternis.
Sie war weg.
Fort und mit ihr auch diese von Unheil geschwängerten Worte. Eilig zog die Mutter ihre Hand zurück, den besorgten Blick auf das stille Kind richtend.
Sie fiel auf die Knie.
Mit zitternder Hand strichen die sanften Finger der Mutter über den kahlen Kopf des Kindes, während sie ihre Nase senkte, um den betörenden Duft des neuen Lebens einzuatmen, der mit einem Mal erstickend giftig roch.
»Djtoh, Skadi, Djtoh!«
Skadi
Wenn man den ganzen Tag von Monstern umgeben ist, schreckt man in der Dunkelheit nicht mehr vor Schatten zurück. Die grausigsten Gestalten machen sich selten die Mühe, unbemerkt zu bleiben. Viel gefährlicher sind jene, welche wie eine offene Falle herumlaufen und jedem die Chance geben, mit einem falschen Wort hineinzutappen.
In dieser Nacht strich auch Skadi durch die finsteren Gassen von Reskevink. Am liebsten hätte sie den ganzen Frust aus sich herausgeschrien, um sich getreten und alles zerstört, was ihr in den Weg kam, doch keine Person mit Verstand hätte es nach Anbruch der Dunkelheit gewagt, einen solchen Lärm zu veranstalten.
Dass sie dennoch laute Stimmen in der Ferne vernahm, bestätigte Skadi nur wieder einmal darin, dass Reskevink eine Stadt war, in der man seinen Verstand für gewöhnlich verlor.
Auch wenn sie keine Reskanerin war, kannte sie die Regeln dieser Stadt so gut, als hätte sie sie selbst auf den alten Papierrollen der Stadtverfassung niedergeschrieben.
Andererseits wäre es egal gewesen, was Skadi getan hätte.
Alles würde sie an diesen einen Ort zurückbringen – manches auf dreckigeren Wegen, manches auf schmerzhafteren. Es half ihr nicht, dass sie ihren Verstand wie einen Bernstein schliff, bis er glänzte, denn in einer Stadt, wo niemand das Denken wertschätzte, brachten auch ausgeklügelte Pläne nichts. Diese Menschen lebten nach dem wohl ältesten Naturgesetz, das es gab: Fressen oder gefressen werden.
In der Ferne erkannte Skadi bereits die Umrisse der steinernen Mauer, die mit der Finsternis der Nacht verschwammen. Es waren vielleicht dreißig Fuß bis dorthin – möglicherweise auch vierzig. Genau ließ die Dunkelheit es sie nicht erkennen.
Vorsichtig blickte sie sich um. Niemand war hier. Dennoch waren ihre Hände kampfbereit zu Fäusten geballt. Aus der Ferne vernahm sie das laute Dröhnen der Band, die wie jeden Abend in der Klapprigen Hexe spielte. Es wäre gelogen gewesen, zu sagen, dass die Musik gut wäre, aber der Alkohol ließ die meisten Leute vergessen, wie sich saubere Töne anhörten – in der Schenke ging es einzig und allein um die Lautstärke.
Der Name von Grauherz, dem Besitzer der Schenke, war selbst in den vornehmsten Schichten der Stadt bekannt. Die Armen achteten ihn, weil sie es sich nicht leisten konnten, nachts von seinen Leuten heimgesucht zu werden, und die Reichen hatten Respekt vor ihm, da auch sie wussten, dass es keine Wache im Land mit dem Zorn dieses Mannes aufnehmen konnte. Zu ihrem großen Leid war Grauherz nicht nur grausam, sondern auch klug. Man sagte, er sei bisher aus jeder Zelle wieder ausgebrochen – egal wo oder wer ihn hinter Gitter brachte. Ein Wachmann vor Grauherz’ Zelle war ein toter Wachmann.
Eines Tages würde Skadi wieder durch den Torbogen der Schenke treten, über dem die hölzerne Hexe auf ihrem morschen Besen hing und mit ihren roten Augen hinab auf die zwielichtigen Besucher blickte.
Wenn dieser Augenblick käme, würde Skadis rotes Haar zerzaust von all den Kämpfen sein, durch die sie die Straßen dieser Stadt mit Blut getränkt hatte.
Dann wäre es an der Zeit, dass sie einen nach dem anderen für das büßen ließ, was sie ihr damals angetan hatten, als sie zum ersten Mal einen Fuß nach Reskevink gesetzt hatte.
Skadi war fast bei der Mauer angekommen, da hörte sie plötzlich Schritte hinter sich – sie waren schwer und dumpf wie Sandsäcke, die nacheinander auf den Boden fielen.
Skadi machte gar nicht erst den Versuch, wegzulaufen. Sobald man sie hatte, würde alles zu spät sein. Nun konnte sie nur noch die Anzahl der Peitschenhiebe beeinflussen.
Drei für jede Stunde, die sie den Sucher durch Reskevink irren ließ.
In dieser Stadt konnte sie nirgendwo hin, solange sie diese seidenen Gewänder am Leib trug. Sie hatten die Wirkung einer ungewollten und unausgesprochenen Einladung an jeden lüsternen Mann in Reskevink.
Dieser Gedanke hätte Skadi vielleicht erzittern lassen, wäre sie sich nicht darüber im Klaren gewesen, dass es ohnehin nicht mehr schlimmer werden konnte.
Mit einer geschmeidigen Bewegung fuhr Skadi zu dem großen Mann herum, der sich in der Gasse aufgebaut hatte. Er war ein wahrer Hüne.
»Hier geblieben«, dröhnte Bosses tiefe Stimme zu ihr vor. Mit vor Wut zusammengezogenen Brauen fixierte er sie über die Entfernung hinweg.
Skadi verlagerte ihr Gewicht auf das rechte Bein, während sie ihre dünnen Arme vor der Brust verschränkte. Der kalte Nachtwind erfasste den Saum ihres seidenen Kleides und wehte es umher, doch Skadi ließ sich durch die Kälte nicht beirren.Bis zu diesem Moment hatte sie es alles vergessen: Ihr Kleid, die Fesseln an ihren Handgelenken und den wunderschönen Kamm in ihrem Haar. Bis zu diesem Moment war sie frei gewesen ...
»Komm her, kleine Hexe«, knurrte Bosse, der sich ihr mit stampfenden Schritten näherte.
Skadi bewegte sich keinen Zentimeter. Sollte er doch selbst herkommen! Trotzig reckte sie ihm das Kinn entgegen und stierte ihn aus ihren finsteren, geradezu teuflischen Augen an. Nach all der Zeit hatte sie schon längst die Angst vor ihm verloren.
Ihr ständiges Fortlaufen war wie ein Spiel zwischen ihnen geworden, nur dass kein Ende zu erahnen war. Bosse zögerte nicht, sondern packte die Kette an ihren Gelenken mit seinen prankengleichen Händen.
Skadi stierte nur gleichgültig zu ihm hinauf.
»Was habe ich dir gesagt?«, fragte er vorwurfsvoll.
Sie erwiderte nichts. Bosse wurde unsicherer. So war es immer mit dem Hünen. Ab dem Moment, an dem man ihm das Gefühl gab, dass man sich einen Dreck um das scherte, was er sagte, verschwand sein Selbstbewusstsein so schnell wie ein Geldbeutel in Reskevinks dichtesten Gassen.
Wortlos zerrte Bosse an ihren Ketten. Skadi ließ sich ohne jeglichen Widerstand von ihm zurück in eine Seitengasse ziehen. Ein Teil von ihr zuckte zusammen, als sie an der kleinen weißen Flagge vorbeiliefen, auf der ein Paar blutrote Lippen abgebildet war. Die Markierung des Vergnügungsviertels – nicht, dass diese vonnöten gewesen wäre. Die Flagge schreckte niemanden ab und die verführerischen Damen schritten nicht selten über diese »Grenze« hinaus.
»Lady Dagny vermisst dich bereits«, hörte Skadi Bosse leise grummeln – ein alberner Adelstitel, den sich ihre Herrin selbst verpasst hatte. Dagny war genauso wenig eine Lady wie Skadi eine freie Frau.
Dennoch blieb das Mädchen stumm, bis sie gemeinsam das vorletzte Haus der Straße erreichten. Jede aufmüpfige Bemerkung war ein Griff ins Feuer – am Ende würde sie ohnehin die Einzige sein, die darunter litt. Warum sich also unnötigen Schmerz zufügen?
Drinnen brannte ein rötliches Licht und sie vernahm den beißenden Geruch von Parfüm aller Art. Stimmen drangen aus dem Inneren des Hauses hervor, gefolgt von einem leisen Knarzen.
Bosse stieß sie vor sich durch die Tür direkt in den Eingangsbereich, ehe er sich selbst duckte, um unter dem Rahmen hindurchzupassen.
Der Raum war bis auf einen kleinen Tresen leer. Nur ein Vorhang aus roter Seide führte hinein ins wahre Kicherstübchen, das älteste Freudenhaus in ganz Reskevink.
»Da ist ja unsere kleine Ausreißerin.« Selbst jetzt, da Lady Dagny erzürnt klang, hatte ihre Stimme noch etwas an sich, das den Anschein erweckte, sie würde einen verführen wollen.
Dieses Mal streckte Skadi nicht ihr Kinn trotzig vor, sondern schien förmlich in ihrem schwarzen Kleid aus Seide zu versinken.
Sie war eine mitleidlose Draufgängerin, doch zugleich hatte man sie hier gelehrt, wann es an der Zeit war, aufzuhören. Unter Lady Dagnys erzürntem Blick wäre vermutlich jede Person verstummt. Nur hätte es nicht jeden so viel Überwindungskraft gekostet wie Skadi. Worte, die sie nur allzu gerne ausgespien hätte, tanzten förmlich um ihre Zunge herum, als hofften sie, beim nächsten Atemzug heimlich hinausschlüpfen zu können.
»Heute scheint dein Glückstag zu sein«, verkündete Lady Dagny mit ihrem üblichen freudlosen Lächeln. »Dein Vertrag wurde abbezahlt.«
Noch ehe Skadi ihn sah, nahm sie seinen angenehmen Duft wahr. Die meisten Männer in diesem Haus wurden von dem beißenden Geruch des Alkohols begleitet, mit dem sie versuchten, sich ihr Leben zu verschönern, bis sie schließlich doch immer wieder hier landeten, aber dieser Mann ... war anders.
Skadi
Auf leisen Sohlen trat Jerik Boetker in den Vorraum. Nichts an ihm hatte sich verändert. Wie damals trug er eine braune Weste, ein sandfarbenes Hemd und eine dazu passende Hose. Sein Auftreten hätte ihn vornehm wirken lassen können, wären da nicht die vielen Schrammen gewesen, welche den Stoff übersäten, genau wie die breite Narbe, die sich vom Nasenrücken quer über seine rechte Wange zog.
»Es freut mich, dich wiederzusehen, Skadi«, sagte er mit der wohlklingenden Stimme eines Liebhabers, die sämtliche Alarmglocken in Skadi schrillen ließ.
Unter der Seide an ihrem Körper überkam sie ein eiskalter Schauder. Er hatte sie jahrelang nicht holen wollen. Zwei Mal war Skadi damit beschäftigt gewesen, ihn dabei zu beobachten, wie er vor dem Freudenhaus stand und den Blick seiner schönen grünen Augen über die steinerne Fassade des Hauses gleiten ließ, doch kein einziges Mal war er hineingekommen.
Er hatte sie verraten. Nicht nur einmal, sondern jedes Mal aufs Neue, wenn er Skadi Hoffnungen gemacht hatte, nur um dann klammheimlich zu verschwinden.
Anfangs hatte Skadi sich gefürchtet und gehofft, doch mit der Zeit war ihr Herz still und ihr Geist laut geworden.
Alles, an was sie jetzt denken konnte, war Rache.
Das, was man ihr genommen hatte, konnte ihr niemand mehr wiedergeben – aber sie konnte sich etwas anderes holen. Ein Messerstich, ein Schubs oder ein verändertes Kartenblatt – einzelne Sekunden konnten das Glück wie Glas in der Luft zerspringen lassen und Skadi war bereit, ein Meer aus Scherben hinter sich zurückzulassen.
»Ihr kennt euch also«, kommentierte Lady Dagny skeptisch. Mit einer gehobenen Augenbraue ließ sie ihren Blick zwischen den beiden hin und her schweifen.
»Alte Geschäfte«, erklärte Jerik knapp, um den Gedanken der Zuhälterin genügend Freiraum zu lassen. Er musterte das Mädchen eindringlich, was sie zu ignorieren versuchte, aber Skadi konnte nicht anders, als ihren Blick immer wieder zu der Narbe gleiten zu lassen, die Erinnerungen wie Hagelkörner auf sie hinabprasseln ließ.
Schreie, Schläge ... Stille.
»Habt ihr andere Kleider für sie?«, erkundigte sich Jerik nun. »Es soll nicht die ganze Stadt glauben, ich würde mit einer Hure herumspazieren.«
Wahrscheinlich wäre Skadi ihm an die Kehle gesprungen und hätte bis zur Bewusstlosigkeit auf ihn eingeschlagen, wäre da nicht Lady Dagnys hinterhältiges Kichern gewesen, welches das Blut in ihren Adern gefrieren ließ und den Fokus ihres Zorns wieder auf die hinterhältige Frau lotste.
»Natürlich, aber glaubt mir, Mister Järskin, die halbe Stadt weiß bereits, wer sie ist.«
Offensichtlich hatte Jerik an einen Decknamen gedacht – das war schon mehr, als Skadi ihm zugetraut hätte.
Er ging nicht auf Lady Dagny ein, sondern zuckte bloß gleichgültig mit den Schultern.
»Tevila!«, rief diese nun über ihre Schulter. Ihr flirtender Ton hatte eine scharfe Wende zur Bitterkeit eingelegt.
Sogleich wurde der Vorhang beiseitegeschoben und ein Mädchen stolperte herein.
»Ihr habt gerufen«, brachte die junge Frau keuchend hervor.
Skadi ließ ihren Blick an ihr hinabgleiten. Tevilas Körper war wie eine einzige Unfallstelle. Mitleid und Wut überrollten Skadi wie eine gigantische Lawine aus den nordischen Bergen. Das linke Bein der jungen Frau war in einem unnatürlichen Winkel verdreht, sodass ihr keine andere Möglichkeit blieb, als zu humpeln. Auch die einst schönen Wangen waren nun von Narben übersät. Ihre Züge allein reichten, um eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Eine Mahnung an alle Mädchen im Kicherstübchen.
Dieses Mal gelang es Jerik nicht, seine Gleichgültigkeit zu behalten. Skadi erwischte ihn dabei, wie er von dem Mädchen zu ihr blickte.
Das hätte ich sein können, dachte sie stumm und wusste dabei, dass er diesen Gedanken mit ihr teilte. Das zeigte ihr der finstere Ausdruck, der in seine grünen Augen getreten war.
Ihre Erinnerungen an den Abend, als Tevila aus ihrem Zimmer gekommen war, waren noch so frisch, als wäre es erst gestern gewesen. Schluchzend war das Mädchen vor Lady Dagnys Füßen zusammengebrochen und hatte unter bitteren Tränen ihre Schwangerschaft gebeichtet.
Jeder von ihnen war ein Verhütungsmittel bereitgestellt worden, dennoch hatte Tevila es geschafft, schwanger zu werden. Skadi war sich nicht sicher, ob das Mädchen es absichtlich abgesetzt hatte, in der Hoffnung, ihr Kunde würde die Standhaftigkeit – oder eher Dummheit – besitzen, sie nach alten Bräuchen zur Frau zu nehmen oder ob es an der Leere in ihrem Kopf gelegen hatte, die Skadi schon des Öfteren bei dem Mädchen aufgefallen war.
Drei Wochen hatten die Arbeiterinnen des Bordells Tevila nicht mehr gesehen. Ein Teil von Skadi hatte bereits geglaubt, dass Lady Dagny kurzen Prozess mit dem Mädchen gemacht und sie im Hafen ertränkt hätte, doch dann war sie wieder aufgetaucht.
Verkrüppelt und entstellt war Tevila herumgehumpelt und hatte geputzt – von einer Schwangerschaft keine Spur. Es gingen eine Menge Gerüchte herum, wie Lady Dagny das Mädchen hatte leiden lassen – eines grausamer als das andere und doch ahnte Skadi, dass die Wahrheit sie alle übertraf.
Nun hielt sie einen Stapel frischer Kleidung in den Armen, mit dem sie auf Skadi zukam. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihr die Sachen ab.
»Wo kann sie sich umziehen?«, fragte Jerik, während er einen kleinen Schlüssel vom Tresen nahm. Seine Stimme klang bemüht unbekümmert, so als würde ihn nichts von alledem, was hier hinter verschlossenen Vorhängen vor sich ging, interessieren.
Lady Dagny kicherte amüsiert und machte eine weit ausholende Bewegung durch den Raum. »Sie kann sich auch hier ausziehen.«
»Vergebt mir, wenn ich mir das bis heute Abend aufheben will.« Eines musste Skadi ihm lassen, Jerik war ein guter Schauspieler. Allein die Art, wie er es schaffte, verschmitzt zu lächeln, ohne dass die Schuldgefühle, die in seinen Augen glänzten, herausbrachen, war eine Kunst für sich.
Langsam kam er auf Skadi zu. Sie erstarrte, als er nach ihren Händen griff und die Fesseln aufschloss. Klirrend fielen sie von ihren Gelenken, doch das gefangene Gefühl blieb. Es haftete an ihrer Haut wie ein hässliches Muttermal, an das sie sich mit der Zeit gewöhnt hatte.
Schon wandte Jerik sich wieder Lady Dagny zu.
Mit einer übertrieben eleganten Geste deutete sie auf den Vorhang zu ihrer Linken.
Skadi beeilte sich davonzukommen. Hinter sich konnte sie die beiden noch leise miteinander sprechen hören, doch sie verstand kein Wort.
Der mit weichem Stoff ausgelegte Raum war leer.
In den frühen Morgenstunden, wenn der Sonnenaufgang bevorstand, kam selten jemand und wenn doch, verschwanden die Besucher meist direkt oben in den Zimmern. Die größte Menge tauchte jedoch im Dunkeln auf, versteckt vor den Augen der Bevölkerung und kehrte in derselben Finsternis nach Hause zu ihren Frauen und Kindern zurück.
In einem kleinen Nebenzimmer zog Skadi sich die dünnen Gewänder aus. Jedes Mal erzitterte sie, wenn die Seide ihre Haut streifte, während sie ihre dünnen Beine hinabglitt. Auch heute war es nicht anders. Mit den zarten Berührungen kamen Erinnerungen in Skadi hoch.
Eilig griff das Mädchen nach dem braunen Hemd und der dunklen Hose, die Tevila gebracht hatte.
Ihr war es egal, dass der Stoff rau war und an ihrer Haut kratzte. Alles war besser als die weiche Seide zu spüren.
Mit ihrem alten Kleid im Arm kehrte Skadi zum Eingang zurück.
Auf dem Weg löste sie noch den goldenen Kamm aus ihrem feuerroten Haar, das sanft auf ihre Schultern hinabfiel. Vorsichtig platzierte sie ihn oben auf der Kleidung.
Ehe Skadi durch den Vorhang trat, spürte sie bereits, wie sich die Aufmerksamkeit wieder auf sie richtete.
»Komm«, wies Jerik sie knapp an. Die Mauer in seinem Gesicht, mit der er versuchte, jegliche Gefühle zu verdrängen, schien jedes Mal ein wenig zu bröckeln, wenn er sie ansah.
»Bringt sie einfach zurück, wenn Ihr keinen Spaß mehr an ihr habt«, sagte Lady Dagny mit einem bitteren Lachen. »Sie ist ein anstrengendes Mädchen, also passt auf, dass sie Euch nicht wegläuft.«
»Ich fange sie schon wieder ein«, versicherte er. Skadi vermied es, zu ihm aufzusehen.
»Das glaube ich Ihnen, Mister Järskin. Dennoch nehme ich sie jederzeit wieder auf. Durch das Weglaufen hat sie eine gute Ausdauer bekommen und auch Bosse schadet es nicht, sich ab und an bewegen zu müssen.«
Skadi musste sich zusammenreißen, um der alten Frau nicht auf die Füße zu spucken. Diese wandte sich nun ihr zu und riss Skadi die Kleidung aus der Hand. Das charmante Leuchten in ihren Augen war gänzlich erloschen. Tevila konnte die Sachen gerade noch greifen, als Lady Dagny sie regelrecht in ihre Richtung schleuderte.
»Gut zu wissen«, entgegnete Jerik kühl. Er kam auf Skadi zu.
Sofort spannte sie sich erneut an. Jedem seiner Schritte folgte eine Erinnerung – dicht und aufdringlich wie ein Schatten, der ihrer Rettung einen bitteren Beigeschmack verlieh.
»Hände her!«
Nur widerwillig hielt sie ihm die Gelenke hin. Mit starrem Blick fesselte er sie und ließ den Schlüssel dann in die Tasche seiner Weste gleiten, bevor er den Knopf schloss.
»Auf Wiedersehen, Skadi«, säuselte Lady Dagny.
Skadi erwiderte nichts, sondern folgte Jerik nur wortlos aus dem Kicherstübchen. Sie würde irgendwann wiederkommen. Dann würde Blut die Seide des Salons beflecken und das lustvolle Stöhnen würde sich in Schreie verwandeln, doch vorerst standen noch andere Namen auf ihrer Liste – und einer von ihnen lief direkt vor ihr her.
Jerik
Jerik spürte, wie Skadi schweigend hinter ihm herlief. Mit jedem Schritt wurde sie leiser, bis dort nur noch das kaum hörbare Rascheln ihrer Sohlen auf dem Boden war, das nach und nach auch zu verstummen schien.
Jerik hätte kein Geld dieser Welt darauf verwettet, dass sie wirklich dort war, denn er wusste es erst sicher, als er ruckartig zu ihr herumfuhr.
»Sag es einfach, ehe du verschwindest, Skadi«, knurrte Jerik.Was wollte sie noch von ihm? Er war wiedergekommen! Sie hätte ihm nur dafür dankbar sein sollen, dass er sie aus diesem Bordell geholt hatte, anstatt ihn nun mit jedem noch so kleinen Zucken ihrer Gesichtszüge zu verurteilen.
»Du hast lange auf dich warten lassen«, keifte Skadi, wobei sie ihn mit einem tödlichen Blick ihrer dunklen Augen streifte. Wenn er sie nicht schon sein Leben lang gekannt hätte, wäre er zurückgezuckt. Doch so stieß er nur ein Schnauben aus. »Okay, vielleicht sollten wir das doch später besprechen.«
Er hatte nicht das geringste Interesse, auf offener Straße einen Streit mit ihr zu beginnen. Es hatte lange gedauert, das Geld aufzubringen, mit dem er sie freigekauft hatte. Dass jedes seiner Geschäfte unter der Hand verlaufen war, hatte das Ganze auch nicht gerade leichter gemacht.
Er hatte es gehasst, vor dem Bordell auszuharren, ohne etwas tun zu können. Nicht selten hatte Jerik mit dem gefährlichen Gedanken gespielt, einfach einzubrechen und sie herauszuholen – sie, Skadi, seine kleine temperamentvolle Halbschwester.
Wäre sie ein Junge gewesen, hätte man sie vermutlich als Bastard geschimpft und aus der Gesellschaft ausgeschlossen, doch Jeriks Vater hatte einen Weg gefunden, sie als seine Tochter großzuziehen. Schließlich war sie es selbst gewesen, die sich aus ihrer eigenen Familie verbannt hatte.
Er bog um eine Ecke. Ohne sich umzudrehen, wusste er, dass sie noch hinter ihm war. Wie sie es tat, wusste er nicht, aber Jerik war klar, dass sie entschied, wann er das Gefühl haben sollte, dass sie bei ihm war und wann nicht.
Seit Jahren lebte er nun auf dem kleinen Dachboden von Tante Mirellas Café. Entweder die Alte wusste nichts davon oder sie störte sich nicht an seiner Anwesenheit.
Hinter ihm musterte Skadi das Haus. Es war nur drei Straßen weiter. Wahrscheinlich fragte sie sich gerade, wie er hier so ruhig hatte schlafen können – die Antwort war einfach: gar nicht.
»Ich kenne meinen Preis«, sagte Skadi plötzlich hinter ihm.
Er wurde schneller. Sie folgte ihm weiterhin, doch nun begann sie zu ihm aufzuholen. Am liebsten wäre er losgerannt. Er wollte bei dem Gespräch, das sie gleich führen würden, nicht in ihre Augen blicken.
»Du warst teuer.«
»Bezahlbar«, korrigierte sie.
Darauf erwiderte Jerik nichts. Er öffnete die Hintertür und schlüpfte ins Innere des Hauses. Das Gebäude war von einem süßen Kuchenduft eingehüllt, der ihn begleitete, als er die schmale Treppe zum Dachboden hinaufkletterte. Hinter ihnen schloss Skadi die Tür. Trotz ihres wutentflammten Blickes genoss er ihre Gegenwart. Im trüben Licht, das durch ein kleines Fenster fiel, erklomm er die Sprossen. Unter ihm knarrte das alte Holz bei jedem Schritt. Erst als er oben angekommen war, begann Skadi ebenfalls hinaufzuklettern, wobei sie sich bei weitem geschickter anstellte, als er es getan hatte.
Eine einzelne Kerze brannte auf dem Dachboden. Schon aus der Ferne erkannte er Dayita. Die kleine Flamme warf helle Schatten auf ihre dunkel gebräunte Haut und erhellte ihre goldbraunen Augen, als sie aufsah.
Hinter Jerik rappelte sich Skadi auf.
»Ich beginne zu verstehen«, knurrte sie, wobei ihr gehässiger Unterton nicht zu überhören war. Die Stimme seiner Schwester konnte wie eine Peitsche sein – hart und knallend. Bei dem Hieb ihrer Worte wäre Jerik beinahe zusammengezuckt.
Mit verschränkten Armen trat sie auf ihn zu.
»Das ist Dayita«, stellte er die junge Frau bemüht ruhig vor. Im Stillen ermahnte er sich dazu, tief durchzuatmen.
»Ist mir reichlich egal!«
Jerik biss sich auf die Unterlippe, um nicht ausfällig zu werden. Ihm gefiel es nicht, wie trotzig seine Schwester sich verhielt. Was wollte sie noch von ihm hören? Dass es ihm leidtat definitiv nicht. Wahrscheinlich hätte Skadi ihm auf die Füße gespuckt, wenn er sie in irgendeiner Weise bemitleidet hätte.
»Deshalb hast du dir also drei Jahre Zeit gelassen«, murmelte sie bitter. »Ich war nicht die erste Hure, die du gekauft hast.«
»Skadi!«, rief er wütend aus. Für einen kurzen Augenblick ballte sich seine Hand zur Faust, doch er lockerte sie schnell wieder. Wenn er Skadi jetzt schlug, würde sie weg sein, noch ehe der Schmerz seiner Fingerknöchel vom Aufprall auf ihre hervorstechenden Wangenknochen verstummt wäre.
Seine Schwester machte noch einen weiteren Schritt in seine Richtung, wobei ein blitzender Glanz in ihre finsteren Augen trat. »Ist dir eigentlich klar, über die Lippen wie vieler Männer und Frauen dieser Name in den letzten Jahren gegangen ist?«
Er schwieg. Natürlich war es ihm bewusst. Es war ja nicht so gewesen, als hätte er sich zurückgelehnt und Däumchen gedreht. Die letzten Jahre hatte er einzig und allein damit verbracht, einen Weg zu finden, um sie freizukaufen.
»Ist dir klar«, fuhr Skadi zischend fort, »was ich in diesen drei Jahren durchgemacht habe? Du hättest dir einen vernünftigen Beruf suchen und meinen Preis innerhalb weniger Monate abbezahlen können.«
»Wieso ich?«, brach es aus ihm heraus. »Ich habe nie die Klapprige Hexe betreten. Das warst du, Skadi! Du allein hast die Menschen dazu gebracht, dass sie dich in diese Kleider gesteckt haben. Das hatte rein gar nichts mit mir zu tun!«
Er war ein Verräter, aber dieser Gedanke schmerzte weniger, als sich zu seiner Schuld zu bekennen.
»Darf ich dich an eine Sache erinnern, Jerik?«, fragte sie mit erschreckend ruhiger Stimme. Der Sturm in ihren Augen legte sich, nur um den aufgewühlten Dreck herabsinken zu lassen und den Blick auf ihre wirkliche Dunkelheit freizulegen.
»Als wir diese Stadt betreten haben, war ich vierzehn. Du erinnerst dich doch sicher noch an den Tag, als ich mich mit Vater angelegt habe. Wir haben uns lange gestritten, bis ich schließlich fortlief.«
Natürlich erinnerte Jerik sich daran. Es war eine Familienfeier gewesen, auf der Skadi ihr Temperament mal wieder unter Beweis hatte stellen müssen und sich mit ihrer Großmutter anlegte. Irgendwann war ihrem Vater der Kragen geplatzt. Vor der ganzen Familie hatte er verkündet, dass Skadi nichts weiter als das Kind einer Hure war. Am nächsten Tag, noch ehe die Sonne den vergeblichen täglichen Versuch starten konnte, die weißen Lande zu schmelzen, war sie fort gewesen.
Der Moment, als er ihr Zimmer betreten hatte und keine Spur von ihr zu finden war, hatte sich fest in seinen Erinnerungen eingeprägt. Jerik war keinen Augenblick davor zurückgeschreckt, sein Zuhause hinter sich zu lassen, um seine kleine Schwester wiederzubekommen. Quer durch Norderdrons Gebiete bis nach Reskevink war er ihr gefolgt. Skadi war jung und dumm genug gewesen, sich ausgerechnet mit einer der zwielichtigsten Banden der Stadt einzulassen. Als er sie fand, war es bereits zu spät gewesen. Mehrere Monate hatte er dabei zugesehen, wie sie die dreckigsten Geschäfte erledigte, bis er schließlich versucht hatte, einzuschreiten.
Skadi hatte man des Verrats beschuldigt. Niemandem war es erlaubt gewesen, mit Außenstehenden über die Taten von Grauherz, dem Inhaber der Klapprigen Hexe, zu sprechen. Mit allen Mitteln hatte sie sich gewehrt, als man sie hinaus und zum Kicherstübchen zerrte.
Damals hatte er ihr gesagt, er würde wiederkommen. Er hatte es getan – oft sogar, doch jedes Mal ohne das passende Geld.
»Als ich fünfzehn war«, fuhr Skadi leise fort, »hast du dich in meine Geschäfte eingemischt!«
»Was für Geschäfte? Du hast Menschen getötet«, entgegnete er entrüstet und verschränkte die Arme vor der Brust. Er würde sich nicht verurteilen lassen, weil er versucht hatte zu verhindern, dass seine Schwester zur Mörderin wurde.
»Das habe ich und von dem Geld habe ich gelebt, Jerik! Von was hast du gelebt? Sag es mir!«
»Ich habe geputzt.« – und mit ihm selbst fremden Stoffen gehandelt, aber die Scham ließ ihn diese Worte herunterschlucken.
»Eine Stufe weiter darunter und du wärst in dieser Stadt gleichgesetzt mit einer Hure«, zischte Skadi und schüttelte den Kopf. »Ich habe wenigstens versucht, mir einen Ruf aufzubauen.«
»Du hättest einen anständigen Job gebraucht, keinen Ruf!«, Jeriks Geduldsfaden riss langsam, aber sicher. Putzen war ein anständiger Beruf – ekelig und dreckig, aber auf seine eigene Art bemerkenswert.
»In einer Stadt wie Reskevink bringt dir ein ehrenhafter Beruf reichlich wenig! Wärst du nicht gewesen, hätten sie mich nicht an diesem Tag in das Bordell gezerrt.«
»Ich wollte dir helfen!« Er versuchte sich vergebens zu rechtfertigen. Noch immer verstand er nicht, worauf Skadi hinauswollte. Er war an allem schuld? Nein, das nicht! An vielem? Ja, aber nicht an allem.
»Das hast du aber nicht!«
»Und ob ich das habe. Ohne mich würdest du dort immer noch drinnen hocken und ...« Er verstummte schlagartig.
Sie schnaubte. »Sag es ruhig, Jerik. Was hätte ich getan? Sprich es doch aus und hör auf, vor den Tatsachen davonzulaufen. Ich war eine Hure und vorher eine Mörderin. Zu beidem stehe ich, also steh auch du dazu, dass du derjenige gewesen bist, wegen dem sie mich angeklagt haben.«
Nun konnte er nicht mehr anders als zu brüllen. »Und wenn ich das tue, was dann?« Seine Brust bebte. Wieso hatte sie ihm nicht wenigstens einen kleinen Moment lang dankbar sein können?
»Dann sind wir quitt und du lässt mich gehen.« Mit dem Kinn deutete sie auf die Fesseln an ihren Händen. Sie musste sich so daran gewöhnt haben, dass sie damit sogar ohne Probleme die Leiter hinaufgekommen war.
Jerik runzelte die Stirn. »Wohin willst du denn gehen?«
»Ich habe eine Rechnung zu begleichen«, erwiderte sie.
»Ich lasse nicht zu, dass du jemals wieder die klapprige Hexe betrittst.«
Skadi reckte ihr Kinn in die Höhe und Jerik wurde sofort klar, dass ihre Diskussion hier noch kein Ende nehmen würde. »Du kannst mich nicht davon abhalten!«
»Und ob ich das kann. Du gehörst jetzt mir.«
Jerik schlug die Klappe zum Dachboden zu. Mit einem kleinen Schlüssel verriegelte er das Schloss, ehe er den Raum durchquerte, um zu Dayita zu gelangen. Die Wut floss durch jeden seiner stampfenden Schritte.
Dayita hatte den Wortwechsel schweigend beobachtet.
Widerwillig folgte Skadi ihm. Auch ihr Blick hatte sich auf Dayita gerichtet.
»Also Dayita«, sagte sie so ruhig, dass man hätte meinen können, ihre Auseinandersetzung wäre nur ein übler Tagtraum gewesen. Jerik wunderte sich darüber, dass sie sich wirklich den Namen gemerkt hatte, doch aus ihrem Mund hörte er sich seltsam an – gehässig, aber auch weich.
»Wo hat er dich also her?«
Beide Mädchen musterten einander. Sie mussten ungefähr gleichalt sein, auch wenn Dayita älter wirkte. In weichen Wellen fiel ihr das dunkle Haar über die Schultern und auch ihre Gesichtszüge hatten etwas Zartes an sich, ganz im Gegenteil zu seiner Schwester. Ihr hüftlanges rotes Haar war zerzaust, ihre Haut blass wie die einer Leiche und ihre Augen schwarz, als wäre sie ein Dämon, der auf Händen und Füßen aus der Unterwelt gekrochen war.
»Wir haben uns vor wenigen Wochen kennengelernt«, erklärte Jerik an ihrer Stelle. »Sie kommt aus Dungarlien. Ich habe ihr angeboten, dass ich sie heiraten werde, damit sie in Reskevink bleiben kann – nicht jeder bekommt einfach so eine Aufenthaltsgenehmigung.«
Obwohl Reskevink eine freie Stadt war – zumindest für Männer mit vollen Geldbeuteln – waren die Leute hier den Menschen aus Norderdron stark zugewandt. Vielleicht lag es daran, dass sie ihre Sprache übernommen hatten, vielleicht mochten sie aber auch das kühle Wesen der Männer aus dem Norden. Als Alder hatte man es schon schwerer. Die Menschen aus Aldouth taten denen aus Norderdron zwar vieles gleich, aber ihr Charakter war durch die warmen Sommer erwärmt und die Dungarlier ... sie waren mit den Reskanern durch einen Hass verbunden, den Jerik sich nicht erklären konnte.
»Auch eine Art jemanden zu kaufen«, kommentierte Skadi mit einem Lächeln, das Jerik einen eiskalten Schauder den Rücken hinablaufen ließ. Er kam nicht darüber hinweg, sich vorzustellen, wie sie jemandem mit demselben mordlustigen Grinsen einen Dolch in die Brust rammte.
Ohne dass er es bemerkt hatte, war Dayita aufgestanden und steuerte mit einer totsicheren Geschwindigkeit auf Skadi zu. Diese bewegte sich keinen Zentimeter, sondern blickte ihrem Gegenüber nur selbstsicher in die Augen. Aber auch Dayitas Haltung war gerade, der Rücken durchgestreckt und der Kopf gehoben – stolz wie eine Prinzessin.
»Ich wurde nicht gekauft«, sagte Dayita, wobei ihr dungarlischer Akzent in einem leichten Singsang zu vernehmen war.
»Und warum bindest du dich dann an meinen Bruder? Aus Liebe?«
»Man kann nicht alles mit Gewalt lösen.« Die Blicke der beiden Mädchen waren fest ineinander verwoben wie die zweier Kämpfer, welche nur darauf warteten, dass einer vorspringt, um selbst zuschlagen zu können. »Ich schätze dich als eine Person ein, die eine Verhandlung mit einem Messer im Ärmel betreten würde, aber ich ziehe Worte vor. Ich werde mich nicht wie eine Verbrecherin durch dieses Land kämpfen.«
Einen Moment lang herrschte Stille. Dayitas ruhige braune Augen musterten die von Skadi und für den Hauch einer Sekunde wäre Jerik beinahe so naiv gewesen, zu glauben, dass seine Schwester sich geschlagen geben würde.
»Du willst also durch eine Stadt wie Reskevink laufen und die Liebe als deine Waffe nutzen?« Sie lachte freudlos auf. »Hier gibt es keine Liebe. Glaub mir, Romantikerin, ich weiß, wovon ich spreche.«
»Ich bin keine Romantikerin«, widersprach Dayita, wobei eine kleine, empörte Falte zwischen ihren Augenbrauen erschien.
»Du wirst hier noch schlimmere Spitznamen bekommen. Wie oft hast du dieses Gebäude schon verlassen?«, erkundigte sich Skadi. Ihr Ton klang forsch – fast schon drängend.
»Täglich«, antwortete Dayita sofort. Obwohl sie genau wie Skadi den Kopf gehoben hielt, schien sie eine Spur kleiner zu werden.
»Und in welchen Gegenden warst du?«, hakte Skadi weiter nach. Sie würde so schnell nicht von der Dungarlierin ablassen.
»Auf dem Markt.«
»Also kennst du die Stadt nicht«, mit diesen Worten ging sie an ihr vorbei, geradewegs in eine Ecke, die möglichst weit von Jeriks und Dayitas Lager entfernt war.
»Wie meinst du das?«, fragte jene. Die Falte zwischen ihren Brauen war bei Skadis Worten noch tiefer geworden.
»Auf dem Markt sind die Menschen, mit denen du sprichst, die Verkäufer und zugleich diejenigen, welche nicht in der Stadt leben. Es gibt keine guten Menschen ins Reskevink, Romantikerin.«
Dieses Mal hakte Dayita nicht weiter nach. Sie blickte zu Jerik, doch er zuckte nur mit den Schultern. In den letzten drei Jahren hatte er kein einziges Wort mit seiner Schwester gewechselt und mit den letzten Worten, die sie ihm damals gewidmet hatte, hatte sie ihm gewünscht, dass er auf den Straßen dieser dreckigen Stadt verrotten sollte.
Er hatte überlebt.
In diesem Augenblick fragte er sich, ob sie überhaupt ein wenig dankbar dafür war, dass er sie befreit hatte. Sie hatte ihn ja auch nicht um Hilfe gebeten, um ihre Ketten zu lösen – wahrscheinlich ahnte sie aber auch bereits, dass er es nicht tun würde.
Trotz all ihres Temperaments war Skadi ein kluges Mädchen. Vielleicht hätte sie sogar allein in den Straßen überlebt, wenn er nicht gewesen wäre. Vielleicht hätte ihr Wahnsinn sie aber auch von allein in eines der Bordelle getrieben.Er wusste es nicht und möglicherweise war diese Unwissenheit angenehmer als die Wahrheit, denn diese könnte bedeuten, dass er tatsächlich seine eigene Schwester in die Hölle Reskevinks gebracht hätte.
Dayita
Ich kann das rothaarige Biest nicht ausstehen! Dieser Gedanke hielt Dayita die restliche Nacht und auch den Großteil des frühen Morgens wach. Sie wälzte sich von links nach rechts und wieder zurück. Der Stoff ihres schweißnassen Nachthemds klebte bereits unangenehm an ihrem Rücken.
Als sie es schließlich aufgab zu schlafen, bemerkte sie Jeriks Blick.
»Guten Morgen«, flüsterte er leise genug, dass nur sie ihn hören konnte. Er hatte sich seitlich auf den Ellenbogen gestützt und ein kleines verschlafenes Lächeln huschte über ihre Lippen.
Er sah gut aus mit dem verwuschelten braunen Haar. Das war ihr schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen.
»Guten Morgen«, erwiderte sie müde und unterdrückte ein Gähnen. Ihr Blick blieb jedoch nicht bei Jerik, sondern glitt zum anderen Ende des Raumes.
Die Brust des Mädchens hob und senkte sich in einem gleichmäßigen Rhythmus, was nur durch die schwachen Strahlen zu erkennen war, die von der Sonne durch das undichte Dach geworfen wurden. Sie rollte sich im Schlaf, sodass ihr Gesicht für Dayita erkennbar wurde. Ohne den angespannten Ausdruck hätte sie beinahe friedlich gewirkt.
»Sie hat viel durchgemacht«, hörte sie Jerik dicht neben sich wispern.Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich zu ihm um. »Ein Grund mehr, um dir dankbar zu sein.«
»Sie ist mir dankbar«, entgegnete er, doch Dayita konnte hören, dass er sich dabei selbst nicht ganz sicher war. Es war nur eine schlecht aufgetischte Lüge.
Dayita legte ihre Hand auf die seine. »Ich bin dir dankbar!«
Seine Mundwinkel zuckten, während er den leichten Druck ihrer Finger erwiderte. »Das bedeutet mir viel.«
Kurz lächelten sie einander stumm an und Dayita genoss diese Intimität, die in dem Blick seiner warmen Augen lag. Sie liebte diese Momente, in denen es sich anfühlte, als könnte sich dort wirklich etwas zwischen ihnen entwickeln. Dafür hasste sie aber jene umso mehr, in denen ihr bewusst wurde, dass dieser junge Mann neben ihr nicht viel mehr als ein Fremder war. Vielleicht würde er ein Freund werden, aber sie wusste, dass sie sich nicht in ihn verlieben konnte.
»Sicher, dass du mich nicht freilassen willst, um ein bisschen Zeit mit deiner Romantikerin zu haben?«, erklang in diesem Moment Skadis raue Stimme.
Erschrocken fuhren sie beide zu ihr herum. Das Mädchen hatte sich aufgesetzt. Ihr rotes Haar stand zu allen Seiten ab und dunkle Ringe umrahmten ihre finsteren Augen. Dennoch wirkte sie hellwach. Am liebsten hätte Dayita laut aufgestöhnt.
»Hast du nicht geschlafen?«, fragte Jerik. Die Besorgnis war ihm deutlich anzuhören und wieder einmal konnte Dayita ihn nur dafür bewundern. An seiner Stelle hätte sie sich schon längst nicht mehr darum geschert, was aus dem frechen Mädchen wurde, das auch jetzt keinerlei Dankbarkeit für seine besorgte Frage zeigte.
»Ich bin es nicht gewohnt, nachts zu schlafen«, entgegnete Skadi kühl, während sie sich erhob. Trotz der Fesseln waren ihre Bewegungen geschmeidig. Man hätte sie wohl nicht gehört, wäre da nicht das deutliche Klirren des Metalls gewesen.
Als Dayita sich wieder Jerik zuwandte, erkannte sie erst, wie sehr ihn die Worte seiner Schwester trafen.
»Was macht ihr an einem eurer perfekten schönen Tage?«, erkundigte sich das Mädchen. Der Spott wich keine Sekunde aus ihrer Stimme. Dayita hasste es, verhöhnt zu werden, aber noch mehr hasste sie Undankbarkeit und davon strotzte diese Göre nur so.
»Frühstücken«, murmelte Jerik, der sich offenbar wieder gefangen hatte und bemüht war, eine gute Miene zum bösen Spiel aufrechtzuerhalten.
»Klingt nicht schlecht.«
Sie rappelten sich ebenfalls auf. In den letzten Wochen war ihr Leben tatsächlich entspannt gewesen. Während Jerik versucht hatte, so schnell und so viel Geld wie möglich zu verdienen, war ihre einzige Aufgabe gewesen, unsichtbar zu bleiben. In zwei Wochen hatten sie den Termin beim Standesamt. Danach wäre sie eine anerkannte Bürgerin dieser Stadt und könnte endlich aufhören, vor den Wachen wegzulaufen.
Oft hatte sie sich gefragt, wie Jeriks Schwester wohl sein würde. Alles, was er erzählt hatte, war, dass sie etwas Falsches getan hatte und man sie an ein Freudenhaus verkauft hatte. Dayita hatte erwartet, dass sie die gleichen braunen Haare wie ihr Bruder haben würde, doch auf ihrem Kopf brannte ein regelrechtes Feuer. Zudem war ihre Haut unglaublich blass. Nichts an den beiden Geschwistern deutete auf eine Verwandtschaft hin.
Skadi kam geradewegs auf sie beide zu.
»Du bleibst hier oben«, wies Jerik sie schroff an. »Ich sorge dafür, dass wir Farbe und neue Kleidung für dich finden.«
Skadi legte die Stirn missbilligend in Falten. »Du willst mir also andere Haare verpassen.«
»Ich will sie lediglich färben«, beschwichtigte er sie und wandte sich Dayita zu. »Holst du Essen vom Markt?«
»Die Pengra sind in der Kiste, oder?«
»Ja genau, wie immer. Es müsste noch genug Geld da sein.«
Sie durchquerte bereits den Raum. In einer kleinen Kiste bewahrten sie alle Münzen auf. Vorsichtig öffnete sie den alten Deckel. Seit Skadis Kauf war nur noch der Boden dünn bedeckt. Sie nahm ein paar einzelne Geldstücke heraus, ehe sie den Deckel wieder lautlos schloss.
»Ich bin bald zurück«, versprach sie mit einem warmen Blick in die Richtung ihres Verlobten.
»Das hoffe ich doch.« Jerik zwinkerte ihr zu, sodass sie nicht anders konnte, als zu lächeln.
Als Dayitas Blick für einen Moment an Skadi hängen blieb, war sie überrascht. Dayita hatte damit gerechnet, dass das Mädchen die Augen verdrehen würde, doch Skadi musterte sie nur wortlos und dieser Blick ging ihr auf eine Weise durch Mark und Bein, die sie nicht verstand.
Mit einem verwirrten Kopfschütteln schloss sie die Luke auf.
»Bis später.«
»Auf Wiedersehen«, rief ihr Jerik noch halblaut nach, während sie die Leiter bereits flink herabkletterte.
Ihre Aufgabe war einfach: zum Markt gehen, kein Aufsehen erregen, Obst kaufen und direkt wieder hier hinauf. Sie freute sich schon auf den Tag, an dem sie die Zeit haben würde, ruhig über den großen Platz zu schlendern, ohne jederzeit damit rechnen zu müssen, von jemandem erwischt zu werden.
Der Markt war drei Straßen weiter. Schon bald hörte sie die Menschenmenge. Anfangs war sie mit einer Kapuze hinausgegangen, doch irgendwann hatte sie bemerkt, dass das viel auffälliger war als einfach wie eine normale Bürgerin über das Kopfsteinpflaster zu schlendern.
Vor den mit Obst und Gemüse bedeckten Tischen hatte sich eine Menschentraube gebildet. Rufe wurden lauter und eine einzelne prägnante Stimme hob sich aus der Menge hervor.
Neugierig näherte Dayita sich dem Mann, der auf einem hölzernen Kasten stand und mit beiden Händen ein Schild in die Höhe hielt. Er wirkte arm. Seine Kleidung war zerschlissen und sein blondes Haar von Dreck bedeckt. Dennoch schien die Art, wie er sprach, die Menschen zu fesseln, so wie es Dayita nur von den spitzzüngigen Straßenzauberern aus Dungarlien kannte.
»WIR WOLLEN FREIHEIT«, brüllte er in die aufgewühlte Menge. Schlagartig ertönte lauter Jubel. Ganz vorne stand eine Gruppe junger Männer, der Kleidung nach zu urteilen angehende Gelehrte, die besonders angetan wirkten. Dayita verblüffte der Eifer dieser dürren Persönlichkeiten nicht. Die Armen waren selten die Ersten gewesen, die sich gegen die Herrscher stellten und damit ihren letzten Rest Brot opferten, sondern die Klugen, die Visionen hatten, wie die Welt sein könnte, wenn alte Traditionen durchbrochen würden.
»MAN KANN UNS NICHT FÜR IMMER UNTERDRÜCKEN! WIR WOLLEN MEHR RECHTE.«
Erneut brach Lärm in der Menge los.
Dayita ging weiterhin auf die Gruppe zu. Einen anderen Weg gab es nicht, um zum Markt zu kommen, wenn sie nicht durch unzählige Nebenstraßen laufen wollte. In den Gassen warteten die Wachen. Also blieb Dayita nichts anderes übrig, als weiterzulaufen.
Doch je näher sie kam, umso mehr bemerkte sie auch eine Randgruppe. Mehrere Männer hatten sich dort aufgestellt, allesamt in vornehmer Sonntagskleidung, und musterten den jungen Mann abfällig, wie er seine leidenschaftliche Rede hielt. Immer wieder trat einer von ihnen einen Schritt in die Richtung des Predigers, aber bis jetzt waren sie jedes Mal von ihren Kameraden zurückgehalten worden. Noch schienen sie unsicher, ob sich eine Prügelei lohnen würde. Gewiss viel mehr aus Angst, sie könnten sich dreckig machen als aus Furcht vor den Stadtwachen.
»JEDER VON UNS IST GLEICH«, fuhr der Redner gerade fort. Er schien erst jetzt wirklich in Rage zu geraten und mit jedem Wort folgten seine Ausrufe schneller aufeinander.
Eine einzelne Person kam von der Gruppe herüber, dem es offensichtlich gelungen war, sich der Zurückhaltung seiner Kameraden zu widersetzen. Mit einer widerlich selbstbewussten Art schritt er auf den Redner zu.
Dayita
»Blondie!«, die Stimme des Typen hallte klar über den Platz.
Die Menge verstummte abrupt. Auch der junge Mann wurde still und selbst aus der Ferne konnte Dayita erkennen, wie sein Adamsapfel einen Hüpfer machte. Dort, wo der Typ entlangging, teilten sich die Menschen gleich einer großen Masse. Manche verschwanden gänzlich, um kein Teil von dem drohenden Ärger zu werden. Wahrscheinlich hätte Dayita es ihnen gleichtun sollen, doch stattdessen blieb sie wie angewurzelt stehen.
Ihre Hände hatten sich vor Nervosität zu Fäusten geballt.
»Hörst du dich eigentlich selbst reden?«, zweifelte der Kerl an, der mit seinem ordentlichen Aufzug den Anschein erweckte, ein Student zu sein.
»Hörst du dich reden?«, entgegnete der blonde Junge, das Kinn mutig hebend. »Wir alle sollten das Recht haben, frei zu sprechen.«
Schnaubend warf der adlige Mann einen Blick zurück zu seinen Kameraden, die seiner Abneigung gegenüber dem Redner kopfschüttelnd zustimmten. »Wenn jeder sagen könnte, was er wollte«, sagte der Mann nun wieder an den Blonden gewandt, der mit jeder Sekunde kleiner zu werden schien, »dann würden viel mehr Leute solche Scheiße erzählen wie du, Blondie!«
»Soll ich dir mal sagen, wer hier ...« Weiter kam er nicht.
Einer von den Begleitern des Adligen riss ihn von hinten von dem Podest. Der junge Mann konnte nicht einmal mehr schreien, ehe sein Kopf auf dem harten Boden aufprallte.
Die Menge stob panisch auseinander, während Dayita vorstürmte. Der Aufprall des jungen Mannes schien große Wellen ausgelöst zu haben, die alle Versammelten in die Flucht schlugen und sie davon abhielten, einen Schulterblick zurückzuwerfen.
So schnell Dayita konnte, eilte sie auf den blonden Jungen zu, der sich langsam aufrappelte. Mit zittrigen Händen tastete er den Boden ab, um Sicherheit zu erlangen, doch er war zu benommen, um sich wirklich selbst halten zu können.
Nun hatten sich auch die restlichen Männer genähert.
Gemeinsam wie eine Gruppe dungarlischer Löwen schritten sie auf ihn zu.
»Zurück!« Dayita wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, um ihre Stimme zu erheben, doch im nächsten Moment fand sie sich schon dabei wieder, wie sie sich schützend vor den jungen Mann stellte.
Jeder hier war mindestens einen Kopf größer und dennoch brachte Dayitas Übermut sie dazu, sich überlegen zu fühlen.
»Was willst du, Schwarze?«, knurrte einer von ihnen. Ein großer Junge mit hellbraunem Haar, der unweigerlich einem Adelsgeschlecht aus Reskevink entstammen musste.
»Ich glaube, er hat seine Lektion gelernt«, sagte Dayita mit ruhiger Stimme und versuchte, nicht provokant zu klingen.
Wieder einmal wurde ihr klar, wieso sie die Menschen in Reskevink so sehr hasste. Wenn sie sich nicht mit Alkohol vollkippten, dann taten sie das mit Vorurteilen.
»Glaub mir, Wilde, das ist nicht das erste Mal, dass wir ihn hier finden«, widersprach der Kerl. Seine Züge waren von Wut und Spott verzerrt. »Er lernt einfach nicht aus dem, was wir ihm sagen und irgendwann reißt auch unser Geduldsfaden, also aus dem Weg jetzt!«
»Nein.« Sie baute sich vor ihm auf.
»Nein?«, wiederholte der Große lachend. »Was willst du denn tun? Glaubst du, ich hätte Angst vor dir. Wo ist überhaupt dein Pass?«
»Mein was?«, fragte sie verwirrt blinzelnd und noch während sie diese Worte aussprach, wusste sie, dass sein nächster Zug sie schlagen würde. Am liebsten hätte Dayita sich selbst gerügt, doch nun war es zu spät. Die Frage war ihren Lippen bereits entflohen.
»Jeder Bewohner dieser Stadt muss einen Pass mit sich herumtragen«, erklärte er grinsend. »Wo ist deiner, Fremde?«
»Ich habe ihn zu Hause vergessen«, antwortete Dayita so selbstsicher wie möglich.
Nun bloß nicht die Ruhe verlieren, riet sie sich im Stillen und versuchte damit die panischen Schreie in ihren Gedanken zu übertönen.
Der Blick des jungen Mannes glitt an ihr auf und ab. Jerik war es nicht gelungen, ihr vollkommen normale Kleidung zu kaufen, also trug sie nur einen schwarzen Mantel. Darunter blitzte der glänzende Stoff ihres violetten Gewandes hervor. Früher hatten kleine Metallplättchen den Stoff geziert, doch noch vor ihrer Ankunft in Reskevink hatte Dayita sie alle abgeschnitten und verkauft. Nur noch die hauchdünnen Fäden, an denen sie einst gehangen hatten, waren zurückgeblieben.
»Weißt du, was ich glaube?«, fragte er und trat näher an sie heran. »Du bist gar keine Bürgerin.«
»Wie ich gesagt habe. Er ist bei mir zu Hause.« Mit jedem Wort schwand die Selbstsicherheit weiter aus Dayitas Stimme.
»Na dann.« Er grinste gehässig auf sie hinab. »Begleite uns doch dorthin!«
Den jungen Mann hinter ihr schienen sie zu seinem Glück bereits vergessen zu haben. Sie schluckte schwer. Wie zum Teufel sollte sie nur aus dieser Situation herauskommen?
Der Große packte fest ihren Arm. Am liebsten hätte sie um Hilfe geschrien, doch das hätte alles nur noch komplizierter gemacht, als es ohnehin schon war. Wer sollte ihr helfen?
Jerik? Was konnte Jerik schon tun. Verstecken – darin war er gut. Im Kämpfen hingegen eher weniger.
»Du kommst mit mir, Wilde«, knurrte er. Jeglicher Humor war aus seiner Stimme gewichen, als er sie mit sich zerrte. Die Alarmglocken in ihrem Kopf wurden lauter und am liebsten hätte Dayita vor Frust aufgeschrien. Sie brauchte einen Plan!
»Entschuldige mal!«, rief sie empört und versuchte zurück in die Rolle einer feinen Dame zu schlüpfen. »Was willst du von mir?«
»Ich bin mir noch nicht sicher. Entweder ich händige dich der Stadtwache aus oder ich suche mir irgendein Freudenhaus, das dich für einen guten Preis nimmt«, verkündete er gehässig, ohne ihr in die Augen zu blicken. Er zerrte unablässig an ihr weiter, sodass Dayita nicht innehalten und Zeit schinden konnte.
Er hatte sie schon so weit mit sich gezogen, dass der Markt ein gutes Stück hinter ihnen lag. Den Blonden hatten sie ohne einen weiteren Blick zurückgelassen – Glück für ihn, Pech für Dayita.
»Ich habe einen Pass«, beharrte sie weiterhin, doch Panik breitete sich in ihr aus. Dayita war keine geschickte Denkerin und erst recht keine gute Lügnerin.
»Wenn du einen hast, wirst du auch Verwandte haben, die nach dir suchen oder du sagst mir einfach die Adresse, wo du wohnst!«, blaffte der Fremde.
Geräuschlos atmete Dayita ein und aus. Sie konnte nicht die Adresse des Cafés nennen. Die Gefahr, dass er die Stadtwachen dorthin schicken würde, war einfach zu groß.
»Sir?«Sie erstarrte. Hoffnung und Angst schlugen wie riesige Wellen von beiden Seiten gleichzeitig auf sie ein. Der junge Mann fuhr zu der Stimme herum und richtete sich noch in der Bewegung weiter auf. Jemand steuerte direkt auf sie zu.
Als Erstes erkannte Dayita ein blasses Gesicht, dann musterte sie den Mann genauer. Er musste um die dreißig sein.
Sein Haar war unter einem vornehmen Hut versteckt und er trug einen passenden Anzug, der das Bild des anständigen Kaufmanns vervollständigte.
Entschuldigend senkte er seine Kopfbedeckung, wobei der Blick auf seinen erschreckend kahlen Schädel offengelegt wurde. Er sah armselig aus. Armselig – aber unglaublich anständig!
»Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor«, fuhr er unbeholfen stotternd fort. »Diese junge Dame bei Ihnen ist meine Haushaltshilfe.«
Neben Dayita sah der Große den Mann abschätzend an. Er wollte ihm nicht glauben – das war offensichtlich – aber das Aussehen des Fremden beeinflusste ihn ungemein.
»Es tut mir sehr leid. Sie ist so schusselig und vergisst andauernd ihren Pass«, erklärte er eine ganze Spur unruhiger, so als würde er sich nicht um Dayitas, sondern sein eigenes Leben fürchten. »Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen meinen Pass.« Sofort wühlte er hektisch in seinen Taschen.
»Nicht nötig«, beschwichtigte der junge Mann. Er ließ sie los, wobei er sie ruppig vorschubste. »Daran ist nur Ihre Magd schuld. Sie sollten Ihr eine ordentliche Tracht Prügel dafür verpassen, dass sie so dumm ist.«
»Das werde ich, Sir«, willigte der Herr sofort ein und nickte dabei übertrieben heftig. Er sah nicht aus wie jemand, der überhaupt die Kraft hatte, um auszuholen.
Mit einer knappen Geste winkte er Dayita zu sich. Eilig kam sie auf ihn zu. Sie versuchte sein Gesicht von irgendwo wiederzuerkennen, doch da war nichts, was ihr bekannt vorkam. Dieser Mann war ihr durch und durch fremd.
Wieso hatte er sie gerettet? Menschen taten nichts, ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen – zumindest nicht in Reskevink.
»Einen schönen Tag noch, die Herren«, sagte ihr Retter mit einem höflichen Lächeln und setzte seinen Hut wieder auf, wobei seine Finger kaum merklich zitterten.
Er hatte sie gerettet, aber seine Angst ebbte nicht ab. Das konnte nur eines bedeuten: Die wahre Gefahr war noch nicht überwunden.
»Ihnen auch«, erwiderte die Gruppe, auch wenn Dayita deutlich hören konnte, wie sehr es ihnen missfiel, dass sie ihnen durch die Lappen gegangen war. Ihre zornigen Blicke lagen noch immer auf Dayita, die eilig dem Mann folgte, der, ohne auf sie Rücksicht zu nehmen, um eine Ecke verschwand.
Wer war er?
Und wovor hatte er solche Angst?
Sir Ragnar Molander
Zögerlich klopfte Sir Ragnar Molander an die Holztür, welche zu den privaten Gemächern von Lord Boetker führte. Während er auf eine Antwort wartete, zwang er sich, ruhig zu bleiben.
Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen und er war sich immer noch nicht sicher, ob sich all der Aufwand überhaupt ausgezahlt hatte. Aber er hoffte es, denn Molander war nicht bereit, sich in nächster Zukunft noch einmal so viel Mühe zu machen.
Wozu hatte der Lord drei Berater, wenn er die ganze anstrengende Arbeit allein machte? Wie konnte es nur sein, dass Kiergsten und Petrikson sich derart gegen Reisen sträubten und damit durchkamen?
»Herein!«, erklang die samtige Stimme des Lords. Im Inneren des Zimmers vernahm Sir Ragnar leise Schritte, die sich vom Ende des Raumes aus in seine Richtung zu bewegen schienen. Vorsichtig öffnete er die schwere Holztür und trat ein. In den Gemächern war es um einiges wärmer. Molander lauschte dem ruhigen Knistern des Kamins zu seiner Rechten, wobei er auf den Schreibtisch von Lord Boetker zuschritt, der sich dort soeben niedergelassen hatte.
»Man hat sie gefunden«, informierte er ihn knapp, ohne auf eine Aufforderung zu warten.
Ruckartig hob der Lord den Kopf. »So schnell?«
Er sah ehrlich überrascht aus.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Der Brief
Epilog
Die Autorin
Danksagung
Cover
