Goldeneye - Matthew Parker - E-Book

Goldeneye E-Book

Matthew Parker

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Beschreibung

Die großartige Biografie über Ian Fleming, seine geniale Erfindung James Bond und die Rolle der Insel Jamaika in der Entstehung der Legende. Von 1946 bis zum Ende seines Lebens verbrachte Ian Fleming jedes Jahr zwei Monate in Goldeneye, dem Haus, das er an der Nordküste Jamaikas oberhalb eines schmalen weißen Sandstrandes hatte erbauen lassen. Hier schrieb er sämtliche Romane und Erzählungen rund um James Bond. Schon bei seinem ersten Besuch war Fleming von Jamaika fasziniert, das damals noch ein entlegener Winkel des britischen Empire war. Hier, inmitten bezaubernder Naturschönheiten, konnte er die englische Nüchternheit und den Niedergang des postkolonialen Großbritanniens vergessen. Auf Jamaika fand Fleming das perfekte Zusammenspiel von britischem Konservativismus alter Schule und einer Atmosphäre von Gefahr und Sinnlichkeit vor. Diese außergewöhnliche Mischung prägte auch sein Schreiben und trug wesentlich zum Erfolg seiner Werke bei. Diese Biografie zeichnet Flemings Leben und Werk anhand seiner Aufenthalte in Goldeneye nach und verbindet die Entwicklung der Person und des Werkes mit den politischen Entwicklungen der Nachkriegszeit, wie etwa dem Kalten Krieg, dem Weg Jamaikas in die Unabhängigkeit und dem Zerfall des britischen Empire.

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EPUB

Seitenzahl: 923

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

1943 Fleming und Jamaika - der erste Kontakt

1946 Oracabessa und das »Alte Jamaika«

1947 Die Junggesellenrunde

1948 Lady Rothermere

1949 Noël und Ian, Samolo und Jamaika

1950 Doktor Jamaika

1951 »Gebändigte Exotik«

1952 Casino Royale

1953 Der erste Jamaika-Roman: Leben und sterben lassen

1954/55 Moonraker, Diamantenfieber

1956 Liebesgrüße aus Moskau

1957 Jamaika in Gefahr: Dr. No

1958-60 Goldfinger, In tödlicher Mission, Feuerball

1961/62 Der Spion, der mich liebte, Im Geheimdienst Ihrer Majestät

1963/64 Man lebt nur zweimal, Der Mann mit dem goldenen Colt

Epilog Goldeneye nach Fleming

Danksagung

Abkürzungen und Werke

Sekundärliteratur in deutscher Übersetzung

Sekundärliteratur Englisch

Anmerkungen

Leseproben

Steven Millhauser - Stimmen in der Nacht

Steven Millhauser - Edwin Mullhouse

James Tiptree Jr. - Helligkeit fällt vom Himmel

James Tiptree Jr. - Die Mauern der Welt hoch

Nona Fernández - Space invaders / Chilean Electric

Jan Kjaerstad - Das Norman-Areal

Ryū Murakami - In Liebe, Dein Vaterland (I)

Ryū Murakami - Das Casting

Shūsaku Endō - Skandal

Shūsaku Endō - Skandal

Ekaterine Togonidze - Einsame Schwestern

Park Hyoung-su - Nana im Morgengrauen

Originaltitel: Goldeneye

Where Bond Was Born: Ian Fleming’s Jamaica

© 2014 by Matthew Parker

Die Zitate in diesem Buch aus

James Bond Romanen oder Kurzgeschichten

folgen den Übersetzungen von Anika Klüver und Stephanie Pannen.

Mit freundlicher Genehmigung von Cross Cult, Ludwigsburg

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-66-8

© 2018, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Sonja Menner

Cover: Jürgen Schütz

Umschlagbild: © Harry Benson / Getty Images

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen

ISBN: 978-3-902711-72-4

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.twitter.com/septimeverlag

Matthew Parker

wurde 1970 in El Salvador als Sohn einer Auswanderer-Familie geboren und wuchs in England, Norwegen und Barbados auf. Er schrieb für mehrere Zeitungen in England, arbeitete an einer Vielzahl an TV- und Radio-Programmen mit und unterrichtete auf der ganzen Welt. Zudem arbeitete er in diversen Bereichen der Buch-Branche. Zu seinen Bestsellern und von Kritikern gefeierten Büchern zählt – neben Monte Cassino, Panama Fever und The Sugar Barons – Goldeneye, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt. Er lebt mit seiner Familie in East London.

Klappentext

Von 1946 bis zum Ende seines Lebens verbrachte Ian Fleming jedes Jahr zwei Monate in Goldeneye, dem Haus, das er an der Nordküste Jamaikas oberhalb eines schmalen weißen Sandstrandes hatte erbauen lassen. Hier schrieb er sämtliche Romane und Erzählungen rund um James Bond.Schon bei seinem ersten Besuch war Fleming von Jamaika fasziniert, das damals noch ein entlegener Winkel des britischen Empire war. Hier, inmitten bezaubernder Naturschönheiten, konnte er die englische Nüchternheit und den Niedergang des postkolonialen Großbritanniens vergessen. Auf Jamaika fand Fleming das perfekte Zusammenspiel von britischem Konservativismus alter Schule und einer Atmosphäre von Gefahr und Sinnlichkeit vor. Diese außergewöhnliche Mischung prägte auch sein Schreiben und trug wesentlich zum Erfolg seiner Werke bei. Diese Biografie zeichnet Flemings Leben und Werk anhand seiner Aufenthalte in Goldeneye nach und verbindet die Entwicklung der Person und des Werkes mit den politischen Entwicklungen der Nachkriegszeit, wie etwa dem Kalten Krieg, dem Weg Jamaikas in die Unabhängigkeit und dem Zerfall des britischen Empire. 

Matthew Parker

GOLDENEYE

Ian Fleming und Jamaika

Wo James Bond zur Welt kam

Aus dem Englischen von Felix Mayer

Für Anne und Paul Swain, in Liebe und Dankbarkeit für ihre unermessliche Großzügigkeit und Begeisterung

An der Nordküste ließ ich ein kleines Haus errichten, das ich Goldeneye nannte. An diesem Ort, ja vielleicht sogar durch diesen Ort, sowie durch das Leben, das ich auf Jamaika führte, hat sich mein ganzes Dasein tiefgreifend verändert.

Ian Fleming, 1963

1943

Fleming und Jamaika – der erste Kontakt

Juli 1943. In der jamaikanischen Hauptstadt Kingston findet eine britisch-amerikanische Marinekonferenz mit hochrangigen diplomatischen Vertretern statt. Deutsche U-Boote haben in der Karibik schwere Zerstörungen angerichtet und die Flotte der Alliierten empfindlich getroffen.

Der Leiter der britischen Marineaufklärung entsendet seinen Assistenten Ian Fleming auf die Insel. Dieser soll dabei helfen, eine Lösung für das drängende Problem zu finden. Gerüchten zufolge hat der schwedische Millionär Axel Wenner-Gren, dem Verbindungen zu Hermann Göring nachgesagt werden, auf Hog Island, einer Insel der Bahamas, die sich in seinem Privatbesitz befindet, einen geheimen U-Boot-Stützpunkt errichten lassen. Um weitere Bedrohungen für die Schifffahrtsroute vom Golf von Mexiko nach Europa und Afrika abzuwenden, ist rasches Handeln erforderlich.

Fleming reist zusammen mit Ivar Bryce, einem Freund aus Kindertagen, der ebenfalls für den Geheimdienst arbeitet. Bryce will die Gelegenheit nutzen, um Fleming Jamaika zu zeigen, wo seine Frau kürzlich das Anwesen Bellevue gekauft hat, ein ehemaliges Herrenhaus einer Plantage, das rund 450 Meter oberhalb von Kingston liegt und wo die beiden während ihres Aufenthalts auch wohnen werden.

Fleming und Bryce treffen sich in New York und reisen von dort aus mit dem Schnellzug Silver Meteor nach Miami – dieselbe Fahrt, die später Bond und Solitaire in Leben und sterben lassen (Live and Let Die) machen werden (LSL, 171 f.). Von Miami fliegen sie nach Kingston, wo es »in Strömen goss und die Luft vor Hitze flirrte, wie in einem türkischen Hamam«. Die fünftägige Konferenz findet im Myrtle Bank statt, einem der größten und besten Hotels der Insel, das in Kingston direkt am Meer liegt. Doch dank Ivars Gastfreundlichkeit kann Fleming sich jeden Abend aus der schwülen Hitze der Stadt in die Abgeschiedenheit des höher gelegenen Bellevue zurückziehen.

Dort, in Bellevue, nimmt die Geschichte von Fleming und Jamaika ihren Anfang. Dort verliebt Fleming sich in die Insel, auf der seine berühmteste Schöpfung das Licht der Welt erblicken wird, eine Ikone der Popkultur: der britische Geheimdienstagent James Bond.

Mit einem geliehenen Auto fuhren Fleming und Bryce im Dauerregen durch die einsetzende Dunkelheit nach Half Way Tree (damals noch ein Vorort von Kingston), bogen von der Hauptstraße ab und schlugen einen steil ansteigenden, kurvigen Weg ein, »der einem Flussbett glich«. Nach »unzähligen Haarnadelkurven«, die mit sorgfältiger Fahrkunst gemeistert werden wollten, erreichten sie schließlich Bellevue. Im Inneren des Hauses brannte kein Licht, die Türen waren verschlossen und das Anwesen hatte offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen. Sie machten sich durch Klopfen und Rufen bemerkbar, bis nach einer Weile die alte jamaikanische Haushälterin Elizabeth erschien, sie hineinließ und ihnen ein »zähes und fades« Hühnchen sowie »gewöhnungsbedürftige« Yamswurzeln vorsetzte. Alkohol gab es nicht, nur eine Flasche Grenadine, mit der sie sich an diesem ersten Abend begnügen mussten. Fleming nahm sein Glas mit der rosa schimmernden Flüssigkeit mit hinaus auf die Veranda und setzte sich so weit nach vorn, wie der Schleier des unaufhörlich niedergehenden Regens es erlaubte. Von dort aus blickte er in die wasserschwere Dunkelheit und hing seinen Gedanken nach.

Zweihundert Jahre lang waren Würdenträger, die die Insel besuchten, und hochrangige Kolonialbeamte vor der Hitze und der Feuchtigkeit der unterhalb liegenden Stadt in das Herrenhaus geflüchtet. Auch Admiral Nelson – den Fleming sehr bewunderte – hatte dort logiert. Seit damals war Bellevue durch die Hände zahlreicher Besitzer gegangen, und auf der dazugehörigen kleinen Plantage waren im Lauf der Zeit Kaffee, Piment, Ingwer, Avocados und Bananen angebaut worden. In Flemings Tagen erstreckten sich unterhalb des Anwesens, am Fuß der westlich gelegenen, rötlich schimmernden Hügel, weitläufige grüne Zuckerrohrfelder. Hinter dem Haus lag ein dicht mit tropischen Pflanzen bewachsener Garten, in dem auch eine Reihe Muskatnussbäume stand. Am östlichen Horizont erhoben sich die Berge mit ihrem höchsten Gipfel, dem 2.256 Meter hohen Blue Mountain Peak, und von der Vorderseite des Anwesens bot sich eine faszinierende Aussicht auf Kingston, die Bucht und die azurblaue See.

Blanche Blackwell, geborene Lindo, später Flemings Geliebte und engste Freundin in Jamaika, kam Ende der 1920er-Jahre als Teenager zu Besuch nach Bellevue. Sie erlebte das Anwesen als einen außergewöhnlichen, aber auch bedrohlichen Ort. Sie erinnert sich noch gut an die »bezaubernden Anlagen«, die es umgaben, aber auch daran, dass das Haus eine »düstere Geschichte« hatte. Der Sage nach hatte sich einst eine junge Frau von dem Felsvorsprung am Rand des Grundstücks gestürzt. »Dort spukte es, ganz ohne Zweifel.« Während ihres Besuchs versuchten Blanche und ihre Brüder, mithilfe eines Ouijabretts Kontakt zum Geist der Verstorbenen aufzunehmen.

Heute sind von dem ursprünglichen Gebäude nur noch die steinernen Partien zu sehen: die Küche, ein Regenbecken, die Grundmauern und eine Außentoilette. In den Räumen, die noch erhalten sind, hat sich ein Aufpasser eingenistet, der dafür sorgt, dass das Gestrüpp dem verrammelten Gebäude nicht zu nahe kommt. Ein Hund stromert über das zugewachsene Gelände, auf dem alle nur erdenklichen Früchte von den Bäumen fallen: Akipflaumen, Jackfrüchte, Kakaobohnen, Zimtäpfel und Breiäpfel. Nur wenige davon werden aufgelesen, und die herumliegenden Früchte wimmeln nur so von Wespen, Fliegen und krabbelnden Insekten. In der drückend heißen Luft liegt ein süßlicher, fauliger Geruch. Im rückwärtigen Teil des Anwesens steht inmitten von wild wucherndem Gestrüpp eine hässliche Ansammlung von Häusern, manche davon unfertig. Von der Vorderseite des Gebäudes bietet sich jedoch noch immer der Blick über Kingston. Der gegenwärtige Besitzer, ein leicht ungepflegter, blauäugiger, aber dunkelhäutiger Jamaikaner, kennt die angeblichen Spukgeschichten, betont jedoch, er glaube nicht an Geister, allerdings nicht ohne mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen: »Woher wollen Sie wissen, dass ich kein Geist bin?«

An den folgenden fünf Tagen fuhren Fleming und Bryce frühmorgens nach Kingston hinab, nahmen in der schwelenden Hitze der Stadt an der Konferenz teil und machten sich in der Dunkelheit auf den beschwerlichen Rückweg hinauf nach Bellevue, wo mittlerweile der unentbehrliche Gin bereitstand, dazu »eine größere Auswahl an Speisen sowie Körbe voll schmackhafter, uns völlig unbekannter Früchte«. Nur das Wetter kannte kein Erbarmen. »Es schüttete wie aus Kübeln«, notierte Fleming. Bryce berichtete, dass »über Nacht kleine Pilze in unseren Lederschuhen wuchsen«. Er bedauerte, dass er Fleming nicht die ganze Pracht des Anwesens von Bellevue und der anderen »romantischen« Sehenswürdigkeiten der Insel zeigen konnte, von denen er ihm ausführlich erzählt hatte. »Ich hatte gehofft, Ian würde Gefallen an Jamaika finden und vielleicht bei uns wohnen, wenn der Krieg jemals ein Ende nähme«, schrieb er. Doch leider hatte Jamaika sich »von seiner abscheulichsten Seite gezeigt«.

Doch als auf der Rückreise ihr Flugzeug in den Himmel über Kingston stieg, schloss Fleming plötzlich seine Aktentasche und wandte sich an Bryce: »Ivar, ich habe eine weitreichende Entscheidung getroffen. Wenn wir diesen vermaledeiten Krieg gewonnen haben, werde ich mich auf Jamaika niederlassen. Ich werde auf Jamaika leben, die Insel in vollen Zügen genießen, im Meer schwimmen und Bücher schreiben.«

Die viel gelobte Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London präsentierte den zahlreichen Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt Szenen aus der britischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser Bilderbogen stellte Großbritannien in einem ausschließlich positiven Licht dar – keine Spur von Kolonialgeschichte oder Sklaverei – und verfolgte unübersehbar das Ziel, eine bestimmte Vorstellung von Britishness zu bekräftigen, eine Mischung aus Verschrobenheit, Ideenreichtum und Toleranz, die wir alle guten Gewissens bejubeln konnten.

Den unumstrittenen Höhepunkt der Show bildete natürlich der Auftritt der Queen – zusammen mit James Bond. Die beiden großen britischen Anachronismen. In einem vorbereiteten Film war Bond zu sehen, wie er die Queen im Buckingham Palace abholt und mit ihr einen Hubschrauber besteigt. Dieser erschien kurz darauf am Nachthimmel, und zu den Klängen der wohl bekanntesten Erkennungsmelodie der Filmgeschichte sprangen Bond und ihre Majestät mit Fallschirmen in das Rund des Olympiastadions.

Das war eine witzige Idee und es war durchaus erstaunlich, dass die Queen sich bereit erklärt hatte, gemeinsam mit dieser fiktionalen Figur ersten Ranges in einer kurzen Sequenz aufzutreten, die sich über ihr Alter lustig machte und in deren Anschluss ihr Double mit einer Handtasche im Arm in das Stadion segelte. Doch als das Lachen verklungen war, vertrieben wohl auch von der ernsten Miene der echten Queen, die nun auf den Rängen erschien, dürfte sich so mancher Zuschauer am Kopf gekratzt und »ein zweites Mal hingeschaut« haben: Wie war es dazu gekommen, dass Ian Flemings James Bond zu solchen Weihen aufgestiegen und zu einer nationalen Ikone geworden war?

Der erste James Bond-Roman erschien 1953, im Jahr der Krönung Elizabeths II. Seitdem haben sich Flemings Bücher über sechzig Millionen Mal verkauft. Nun ließe sich einwenden, dass nicht die Bücher, sondern die Filme der Figur James Bond ihren Platz in der Gegenwartskultur verschafft haben. Aber wie John Pearson, Flemings Freund und erster Biograf, 2003 erläuterte, enthalten die Filme »überraschend viel von Ian. […] Es scheint geradezu, als habe Ians Persönlichkeit als unverrückbares Vorbild für alle James Bond-Filme gedient.«

Mit Ausnahme der Queen hat nicht vieles aus Flemings 1940er- und 1950er-Jahren überlebt, einer Zeit, in der Großbritannien noch über ein Empire herrschte. Die meisten Elemente der damaligen Kultur haben wir seitdem über Bord geworfen: die Popmusik, die Künste, das Kino sowie – was von weitaus größerer Bedeutung ist – unsere Ansichten über Frauen, Sexualität und das Verhältnis der Rassen zueinander. Doch an Bond halten wir fest. Was sagt das über Fleming, und was sagt es über uns?

James Bond wurde nicht nur vor langer Zeit erschaffen, sondern auch an einem weit entfernten Ort. Von 1946 bis zu seinem Tod achtzehn Jahre später verbrachte Ian Fleming jedes Jahr zwei Monate in dem Haus, das er sich an der Nordküste Jamaikas gebaut hatte, an einer erhöhten Stelle, zu deren Füßen ein weißer Sandstrand sowie, nicht weit entfernt, ein Korallenriff lagen. Hier in Goldeneye entstanden alle Romane und Kurzgeschichten um James Bond. Dieser Ort ist die Wiege des patriotischen Helden der Kolonialzeit, durch dessen Taten Großbritannien wieder die Oberhand gewinnt und seine Macht in allen Winkeln der Erde festigt.

Das Jamaika der Kolonialzeit sowie der ersten Jahre der Unabhängigkeit liefert den farbenfrohen Schauplatz für drei der Romane und etliche Kurzgeschichten, doch auch fast alle anderen Bücher Flemings nehmen darauf Bezug. Seine eigenen Unterwasserabenteuer am Riff vor Goldeneye – ein beeindruckend schöner, aber auch gefahrenreicher Ort – dienten als Vorlage für einige der gelungensten Szenen in seinem Werk. Darüber hinaus hat der Charakter der Insel – ihre exotische Schönheit, die unvorhersehbaren Gefahren, ihre Schwermut sowie ihre Neigung zu Übertreibung und zu Schauermärchen und Melodrama – die Geschichten wesentlich beeinflusst.

Betrachtet man die »Zutaten«, die Fleming im warmen Schlafzimmer von Goldeneye zusammengemixt hat, um daraus Bond zu erschaffen – die Welt der Upperclass und des Jet-Set-Tourismus, in der sein Held sich bewegt, das ständig schwelende Rassenproblem, der dräuende Zerfall des Empire und der Niedergang der britischen Nation, die prekären neuen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, ja sogar der Kalte Krieg –, so führen all diese Spuren nach Jamaika.

1965, ein Jahr nachdem Fleming im Alter von nur sechsundfünfzig Jahren gestorben war, kam John Pearson zum ersten Mal nach Goldeneye. »Das hier ist ureigenstes Flemingland«, schrieb er in sein Notizbuch. »Dies ist der Ort, an dem er geschrieben hat, und über den er geschrieben hat. Hier ist sein Geist stärker als irgendwo sonst zu spüren.« Pearson mutmaßte, dass Fleming sich nur auf Jamaika »entspannen und ganz er selbst sein konnte«. Der Schriftsteller Peter Quennell, in den 1950er-Jahren häufig zu Gast in Goldeneye, hatte sich zehn Jahre zuvor ähnlich geäußert: »Auf Jamaika wirkte Ian, als fühle er sich dort ganz zu Hause – falls er sich jemals irgendwo wirklich zu Hause gefühlt hat.«

Was Fleming mit diesem Ort verband, der für sein literarisches Schaffen von so immenser Bedeutung war, lässt sich nur verstehen, wenn man sich die einschneidenden Veränderungen vor Augen führt, denen die Insel zu der Zeit unterworfen war, in der sie, exemplarisch für viele andere Teile des Empire, einen grundlegenden Wandel durchlebte und auch ihre Beziehungen zu Flemings Heimatland Großbritannien neu definierte. Denn Jamaika ist der Schlüssel für einen neuen, unvoreingenommenen Blick auf Fleming, Bond und das Verhältnis der Briten zu dieser nationalen Ikone.

Auf Jamaika hatte Fleming etwas entdeckt, das ihn unwiderstehlich anzog, einen Facettenreichtum, in dem er sich mit seiner ausgefallenen Persönlichkeit wiederfand. Kurz vor seinem Tod sagte er in einem Interview über sich selbst: »Ich bin recht melancholisch und vermutlich auch leicht manisch veranlagt. […] Wahrscheinlich begann das alles mit einer überprivilegierten Kindheit.« Fleming kam am 28. Mai 1908 als zweiter von vier Söhnen zur Welt, und er war ein freches, schwieriges, unruhiges Kind. Seine Familie bildete eine komplexe und widersprüchliche Mischung aus Neureichen und dem Establishment, gleichzeitig puritanisch und hedonistisch. Sein Großvater Robert Fleming stammte aus Dundee und kam aus einfachen Verhältnissen, hatte eine Bank gegründet und mit Investitionen in amerikanische Eisenbahngesellschaften ein Vermögen gemacht. Obwohl er notorisch sparsam war und etwa kein einziges Mal in seinem Leben ein Taxi nahm, erwarb die Familie ein Haus in London und einen Landsitz samt ausgedehntem Anwesen in Oxfordshire. In Schottland hatte man für »ländliche Vergnügungen« eine Jagd gepachtet. Ians Vater Valentine besuchte die Schule in Eton und die Universität in Oxford, absolvierte die Ausbildung zum Anwalt und wurde ein Landedelmann, der sich sein eigenes Rudel Beagles hielt. 1910 zog er als Kandidat der konservativen Partei für den Wahlkreis Henley in Oxfordshire ins Parlament ein, wo er ein enger Vertrauter Winston Churchills wurde, der ebenfalls Abgeordneter sowie Offizier im Regiment der Oxfordshire Yeomanry war.

Obwohl Ian sich nicht für die Freizeitunternehmungen unter freiem Himmel, wie sie in der Oberschicht üblich waren, begeistern konnte, war er doch der Lieblingssohn seines Vaters, der ihn »Johnny« nannte und über die Maßen verwöhnte. Als Junge interessierte Ian sich besonders für alles, was in der Natur geschah, von den Vögeln hoch oben am Himmel zu den Insekten unten im Boden, konnte sich aber nicht mit der Vorstellung anfreunden, Tiere zu töten. Später schrieb er in einem Brief: »Wenn ich wählen müsste, würde ich lieber keinen Lachs fangen als kein Birkhuhn schießen.« Während er sich »draußen hätte herumtreiben und irgendetwas totschießen sollen«, blieb er lieber zu Hause und hörte Hawaiigitarrenmusik, vor allem die exotischen tropischen Klänge der Royal Hawaiian Serenaders.

Ians Mutter Eve war von ganz anderem Schlag als die enthaltsame schottische Familie ihres Mannes: eine bohemehafte Frau von bemerkenswerter Schönheit, eitel, egozentrisch und extravagant. Ihre beiden Brüder waren stadtbekannte Schürzenjäger und Lebemänner. Wie ihre Enkelin Lucy Williams sich erinnert, war Eve auch herrschsüchtig: »Eine furchteinflößende Frau […] wunderschön und von makelloser Erscheinung, die mit ihrem durchdringenden Blick ihr Gegenüber geradezu durchbohren konnte.« Sie neigte auch dazu, ihren empfindsamen Zweitgeborenen in der Öffentlichkeit zu erniedrigen. Auf einem Foto, das sie zusammen mit ihren vier Söhnen zeigt, lächeln alle außer Ian, der sich auf unbeholfene Weise bei seiner Mutter eingehakt hat und unselbstständig und gereizt wirkt.

Bei Ausbruch des Krieges 1914 meldete sich Valentine Fleming unverzüglich als Freiwilliger und trat schon bald darauf seinen Dienst als Major im Regiment der Oxfordshire Hussars an. Als Ian sieben Jahre alt war, wurde er zusammen mit seinem achtjährigen Bruder Peter auf die Durnford School in der Nähe von Swanage in der Grafschaft Dorset geschickt, ein Internat, das schon damals als altmodisch galt. Die Einrichtung war spartanisch, die Schüler wohnten auf beengtem Raum, bekamen dürftige und widerwärtige Verpflegung vorgesetzt und hatten keine ordentlichen sanitären Anlagen zur Verfügung. Zum Tagesprogramm gehörten kalte Tauchbäder vor dem Frühstück und regelmäßige körperliche Züchtigungen. Ian entzog sich dem Gepiesacktwerden, indem er so wenig wie möglich von sich preisgab. In dieser Zeit bildete sich auch das fast schon neurotische Bedürfnis nach Zeit für sich selbst heraus, das ihn sein Leben lang begleiten sollte und das Menschen, die ihm nahestanden, später als nervtötend, faszinierend oder irritierend empfanden. In Der Spion, der mich liebte (The Spy Who Loved Me) wird auch Vivienne Michel von dieser Sehnsucht nach Einsamkeit getrieben und erklärt sie sich auf ihre Art: »Die Tatsache, dass ich so viel glücklicher damit war, allein zu sein, war zweifellos ein Anzeichen für einen fehlerhaften, einen neurotischen Charakter.« (SML, 9)

Im Mai 1917, acht Tage vor Ians neuntem Geburtstag, stand die Schwadron seines Vaters in der Picardie, auf dem Stützpunkt bei Guillemont. Um drei Uhr früh eröffnete die deutsche Artillerie das Feuer, um den Angriff der Infanterie vorzubereiten. »Der Feind kam bis auf 50 Yard an die Frontlinie heran«, so der Bericht der Schwadron, »wurde aber von Gewehrfeuer zurückgeschlagen. Wir machten zwei Gefangene. Während des vorausgehenden Bombardements fielen Maj. V. FLEMING, 2/Lt. F.S.T. SILVERTOP sowie drei weitere Soldaten.« Ian wurde sofort aus der Schule geholt, informiert und kurzerhand wieder zurückgeschickt. Valentine Fleming erhielt postum den Orden für herausragende Dienste, und in der Times widmete sein Freund Churchill ihm einen überschwänglichen Nachruf, den Ian – säuberlich gerahmt – Zeit seines Lebens aufbewahrte.

In der Folge »verschanzte Ian sein Innerstes hinter dicken Mauern«, wie ein Freund es später formulierte, und besuchte wie sein älterer Bruder Peter ab 1921 die Schule in Eton. Dort gewann er Freunde fürs Leben, erwarb sich aber auch den Ruf eines Unnahbaren, der zur Selbstzerstörung neigt. Robert Harling, ein enger Freund Flemings, sah nicht lange vor dessen Tod die Ursache für die viel kritisierte Gewalt und den Sadismus der Bond-Romane in der »Einkerkerung der Gefühle«, zu der es komme, wenn Jungen aus der Oberschicht mit acht Jahren ins Internat gesteckt werden: »Die Angehörigen der englischen Oberschicht brauchen Zuneigung ebenso dringend wie die Angehörigen jeder anderen Schicht, aber wenn diese Jungen ihre Emotionen zeigen wollen – was ja doch so wichtig für sie wäre –, werden solche Vorstöße unterdrückt. […] Sie wachsen heran und lernen zu behaupten, dass sie hassen, was sie doch so dringend brauchen.« Ivar Bryce, in Eton Flemings Schulkamerad, hat den Ian dieser Zeit als einnehmend, aber launisch in Erinnerung. Ein anderer Freund beschreibt ihn als »selbstverzehrend«.

Fleming hatte Ivar Bryce, der ihn 1943 auf der Reise nach Jamaika begleiten sollte, 1914 am Strand von Bude in Cornwall kennengelernt, als er selbst sechs und Ivar acht Jahre alt war. Als sie sich in Eton wiederbegegneten, war Ivar in der Altersstufe von Peter Fleming, verstand sich aber mit Ian besser. Bryce stammte aus einer englisch-peruanischen Familie, die durch Handel mit Guano zu Reichtum gekommen war. Sein gutes Aussehen führte er auf seine Abstammung von den Azteken oder den Inka zurück. Mit seinen von Sinnlichkeit zeugenden Gesichtszügen und seinem entspannten Auftreten haftete ihm etwas Exotisches und Rebellisches an, was Fleming faszinierte.

Bryce hatte ein gebrauchtes Motorrad der Marke Douglas aufgetrieben, mit dem die beiden Freunde in der Gegend um Windsor, Maidenhead und Bray Streifzüge unternahmen und auf Jagd nach Abenteuern gingen, oder genauer gesagt nach Mädchen. Bei einer dieser Touren machte Ian auf dem Boden einer Loge des Royalty Kinema in Windsor seine erste sexuelle Erfahrung, eine Episode, die sich in Der Spion, der mich liebte wiederfindet, wo sie aus der Sicht des Mädchens erzählt wird (der Junge ist dort ein arroganter Kerl, der eine Privatschule besucht). Als Ian sechzehn war, fuhren sie einmal mit dem Motorrad bis nach London, um in Wembley die British Empire Exhibition zu besuchen, eine große Ausstellung, die das britische Kolonialwesen präsentierte.

Flemings Schulzeit in Eton war nicht von Erfolg gekrönt. Obwohl er klug und ein guter Sportler war, stand er immer im Schatten seines hochintelligenten und charismatischen älteren Bruders Peter. Je älter er wurde, desto weniger kam er mit den Einschränkungen des Schullebens zurecht, darüber hinaus war sein Heimvorsteher ausgesprochen sadistisch veranlagt. Nach etlichen Verweisen stand wegen einer weiteren Mädchengeschichte der Rauswurf schließlich unmittelbar bevor. Um diese Peinlichkeit zu vermeiden, griff Ians Mutter beherzt ein und nahm ihn nach dem zweiten Trimester von der Schule. Nach ihrem Willen sollte er wie sein Vater, der für sein Land gestorben war, in die Armee eintreten, weshalb sie ihn auf eine spezialisierte Schule schickte, die ihn auf die Aufnahmeprüfung an der Militärakademie Sandhurst vorbereitete.

Ian lernte fleißig und machte gute Fortschritte. Sein Lehrer schrieb seiner Mutter: »Aus ihm dürfte ein hervorragender Soldat werden – vorausgesetzt, die Frauen richten ihn nicht zugrunde.« Doch für den pausenlosen Drill und die strikte Disziplin war er nicht gemacht und schwänzte daher den Unterricht, wann immer er konnte. Als er ein Trimester versäumte, weil er sich bei einer Londoner Prostituierten den Tripper geholt hatte, entschied er sich, nicht mehr zurückzukehren, und verließ die Schule im August 1927.

Nach den Plänen seiner Mutter sollte er sein Glück nun im Außenministerium versuchen, doch erst einmal verbrachte er ein Jahr in Tirol, wo er Ski fuhr, Sprachen lernte, viel las und zahlreiche Affären hatte (»er vergnügte sich dort mit all den Heidis und Lenis und Trudis«, wie sein Freund Cyril Connolly später schrieb). In seinen Reisebeschreibungen Thrilling Cities berichtet Fleming, dass österreichische junge Frauen »eine grandiose Schwäche für junge Engländer haben« (TC, 192). Bei diesem einen jungen Engländer, dem »die Frauen einfach nicht widerstehen konnten«, wie ein Mitschüler sich erinnert, traf das ganz gewiss zu. Ein anderer Freund aus dieser Zeit berichtete später, diese Anziehungskraft habe zum großen Teil daher gerührt, dass Flemings Wesen »etwas Stürmisches und Verwegenes ahnen ließ«.

Nach dem Aufenthalt in Österreich ging Fleming nach München und anschließend nach Genf und lernte für die strenge Aufnahmeprüfung für den Auswärtigen Dienst. Trotz intensiver Vorbereitung bestand er jedoch nicht, woraufhin wieder einmal seine Mutter das Heft in die Hand nahm und ihm eine Anstellung bei Reuters in London verschaffte. Die drei Jahre, die er dort verbrachte und die ihn unter anderem nach Moskau und Berlin führten, blieben Fleming stets in guter Erinnerung. Weil er aber schließlich genug davon hatte, mit seiner manipulativen Mutter Unterhaltszahlungen auszuhandeln, nahm er sich vor, in die Finanzbranche einzusteigen und dort ordentlich Geld zu verdienen. Den letzten Ausschlag für diese Entscheidung gab das Testament seines Großvaters Robert Fleming, der im August 1933 verstorben war und sein gesamtes Vermögen von drei Millionen Pfund seiner Witwe und seinem ältesten Sohn vermacht hatte, ohne Eve und ihre Familie zu bedenken.

Der Posten in einer Handelsbank, den Fleming zunächst annahm, bescherte ihm nicht den ersehnten Erfolg, weshalb er sich schon bald in einem alteingesessenen Geldhaus als Börsenmakler versuchte. Dort bezog er ein großzügiges Jahresgehalt von 2.000 Pfund, das ihm erlaubte, einen eigenen Hausstand zu gründen. Weil er sich jedoch als »der schlechteste Börsenmakler der Welt« erwies, blieb der Traum vom großen Vermögen nur ein Traum.

Sein Privatleben bestritt er mit dem Sammeln von Büchern, mit Golf, Bridge und mit Frauen. Er war bekannt für seine freizügige Haltung in Sachen Sex, sein geradezu obsessives Interesse daran und seine zielstrebige Art der Verführung. Er hatte zahlreiche Affären mit Frauen, mit jungen und alten, mit alleinlebenden und verheirateten. Eine seiner Freundinnen aus späteren Zeiten sagte, er sei der beste Liebhaber, den sie je gehabt habe. Ivar Bryce erinnert sich an »eine ganze Reihe äußerst reizender Nymphen« aus dieser Zeit. »Die Bewunderung der Damen durchlief stets dieselben Phasen: glamouröses Kokettieren, demütige Unterwerfung und schließlich warmherzige Sehnsucht, in genau dieser Reihenfolge.«

Während Flemings älterer Bruder Peter von Erfolg zu Erfolg eilte – 1933 veröffentlichte er mit Brazilian Adventure (Brasilianisches Abenteuer) einen der brillantesten Reiseberichte des Jahrhunderts –, trat er selbst auf der Stelle und machte sich durch seine abweisende Art, seinen hochnäsigen Charme und seine gepflegten Umgangsformen einen Namen, ohne es jedoch außerhalb des Schlafzimmers weit zu bringen.

Der Zweite Weltkrieg sollte Flemings Rettung sein. In Man lebt nur zweimal (You Only Live Twice) beschreibt der Neurologe Sir James Maloney dieses Phänomen: »Ihm fielen die zahllosen neurotischen Patienten ein, die für immer aus seiner Praxis verschwunden waren, als der letzte Krieg ausgebrochen war.« (MLZ, 29) Mithilfe der Empfehlungen befreundeter Banker und Börsenmakler wurde Fleming im Rang eines Commander (der Rang, den auch Bond innehaben wird) bei der britischen Marineaufklärung als persönlicher Assistent des Leiters, Admiral Sir John Godfrey, eingestellt. Zwar konnte er in dieser Funktion seine Tapferkeit und Nervenstärke nicht im Kampfeinsatz beweisen, doch passte die Stelle perfekt zu seinem Charakter und seinen Wesenseigenschaften, zu seiner fantasievollen Einbildungskraft, seiner Reiselust und seiner Freude an technischen Spielereien, seiner Wissbegierde und seiner Detailverliebtheit.

»Der Krieg hätte für mich nicht interessanter verlaufen können«, erzählte Fleming viele Jahre später in der BBC-Radiosendung Desert Island Discs. Auch Ivar Bryce erlebte ihn in dieser Zeit als »glücklich und quicklebendig, wie elektrisiert«. Allerdings wiederholte sich eine Familientragödie: Flemings Bruder Michael geriet in Dünkirchen in Kriegsgefangenschaft und erlag bald darauf seinen Verletzungen. In Thrilling Cities, den Reisebeschreibungen, die vierzehn Jahre nach Kriegsende erschienen, schrieb Fleming: »Ich verließ Berlin ohne jedes Bedauern. Aus dieser düsteren Stadt waren die Befehle gekommen, die 1917 meinen Vater und 1940 meinen jüngsten Bruder das Leben gekostet hatten.« (TC, 177) Durch den Krieg verlor Fleming auch Muriel Wright, eine Freundin und Geliebte, die sehr an ihm hing und die 1944 bei einem Luftangriff durch eine Kopfverletzung starb. Als er die Leiche identifizieren sollte, plagte ihn Zeugen zufolge die Reue, dass er Muriel nicht besser behandelt hatte.

Gegen Ende des Krieges hatte die Affäre mit einer Frau, die von deutlich anderem Kaliber als seine sonstigen zwanglosen Eroberungen war, Flemings Liebesleben gründlich durcheinandergewirbelt. Zum ersten Mal war er Ann O’Neill, wie sie damals hieß, im August 1935 an einem Swimmingpool im mondänen französischen Urlaubsort Le Touquet begegnet, dem Vorbild für Royale-les-Eaux in Casino Royale. Sie hielt sich dort mit ihrer Freundin Loelia auf, der Herzogin von Westminster, die den siebenundzwanzigjährigen Fleming als den »attraktivsten Mann, den ich je gesehen habe« bezeichnete. Ann, die kurz zuvor geheiratet hatte, fand ihn »hübsch und launenhaft«, »gottgleich, aber unnahbar«.

Ann, eine geborene Charteris, war fünf Jahre jünger als Ian und durch ihre Mutter, eine Tennant, gleichsam mit der ganzen britischen Aristokratie verwandt. Die Mutter war gestorben, als Ann elf Jahre alt gewesen war. Später schrieb Ann in einem Brief an ihren Bruder Hugo: »Keiner von uns hat in unserer stürmischen Kindheit echte Zuneigung erfahren, und erst sehr viel später habe ich erkannt, wie wichtig das gewesen wäre.« Aus ihrer Ehe mit Lord O’Neill gingen zwei Kinder hervor, Raymond und Fionn, geboren 1933 und 1936, doch Ann blieb so rastlos und unkonventionell wie zuvor. Ein Freund, der sie ihr Leben lang begleitete, beschrieb sie als »schlanke, düstere, hübsche, äußerst nervöse Bilderstürmerin, mit betörenden, bedrohlich flackernden Augen. […] Sie löst extreme Reaktionen aus, so wie eine Wespe Panik auslöst.«

Fleming hatte mit Anns Ehemann Golf gespielt und dieser hatte ihn zum Bridge ins Hotel Dorchester eingeladen, wohin sich die O’Neills und ihre Entourage, wie die gesamte Londoner Elite, während des Krieges zurückgezogen hatten. Dort, inmitten all der Herzöge und Herzoginnen, lernten Ian und Ann einander näher kennen. »Ich fand ihn originell und amüsant«, erinnerte sich Ann. »Er war außerordentlich attraktiv und besaß einen umwerfenden Charme.« Darüber hinaus war er »anders als alle Männer, die ich je kennengelernt hatte. Er hatte etwas Schutzsuchendes und Ungebändigtes an sich, wie ein wildes Tier.«

Nachdem Shane O’Neill England verlassen hatte, um in Afrika als Major bei den North Irish Horse Guards zu dienen, fingen Ann und Ian an, gemeinsam zum Essen oder ins Kino zu gehen. »Ich habe Ian nie spüren lassen, dass ich in ihn verliebt war«, schrieb Ann später. »Er stützte sich zunehmend auf mich und ich wusste, das würde nicht ohne Folgen bleiben. Er sagte, mit meinem Herz einer Tambourmajorin würde ich seine Melancholie verscheuchen.« In Abwesenheit ihres Ehemannes machten etliche Männer Ann den Hof, doch es war Fleming, der sie mit seiner verwegenen Nonchalance und seiner »äußerst dominanten Persönlichkeit« am meisten anzog. Nicht lange nach Kriegsbeginn gab sie seinem Werben nach. In einem Nebensatz sagte sie einmal zu einer Freundin, sie verstehe nicht, weshalb die Leute sich wegen ihrer Gefühle den Kopf zerbrächen. Sie selbst fühle sich nun einmal zu »Lumpen und Schurken« hingezogen.

Nachdem O’Neill 1944 in Italien gefallen war, rechnete Ann damit, dass Ian um ihre Hand anhalten würde. Ihre Hoffnung erfüllte sich nicht, und so nahm sie im Juni 1945 den Antrag eines anderen Liebhabers an, Esmond Harmsworth, Viscount Rothermere, der Eigentümer der Daily Mail, mit dem sie bereits seit 1936 eine Affäre hatte. Ann berichtete später: »Am Abend vor der Hochzeit mit Esmond ging ich mit Ian essen und anschließend machten wir einen ausgedehnten Spaziergang im Park. Er sagte immer wieder: ›Ich möchte bei dir meine Spuren hinterlassen.‹ Hätte er um meine Hand angehalten, ich hätte Ja gesagt.«

Ann zog zu Rothermere in dessen prunkvolle Residenz Warwick House am Green Park. Dort wurde sie zu einer der wichtigsten Gastgeberinnen der Londoner Gesellschaft. Warwick House war der erste Ort, an dem man – bereits 1946 – wieder die »opulente Vorkriegsmanier« pflegte. Bei Anns Dinnerpartys versammelten sich berühmte Künstler, Schriftsteller und Minister, hauptsächlich aus dem Establishment und dem Lager der Torys. Unter ihnen waren Prinzessin Margaret und Winston Churchill, der über »Attlee, diese kleine Ratte« wetterte, und Ann gab stets die »anregende inspiratrice«, die »Gefallen fand an einem geistreichen Disput, den sie bisweilen selbst befeuerte«.

Ann führte die Affäre mit Fleming weiter; sie konnte der seltsamen Mischung aus Achtung und Geringschätzung, die er ihr entgegenbrachte, nicht widerstehen, und ihre noch junge Ehe verlieh wohl auch der Beziehung zu Fleming noch einmal besonderen Schwung. William Plomer, ein enger Freund Flemings und ebenfalls in der Marineaufklärung tätig, beschrieb ihn als »vielgesichtigen Menschen«, der »sein innerstes Ich versteckte oder unterdrückte«. Ein anderer Freund erlebte ihn als einen »von Ideen sprühenden und geistreichen Gesprächspartner, der zu allem etwas zu sagen hatte«, auf andere jedoch machte er den Eindruck, »auch in Gesellschaft einsam zu sein«. Fleming besaß demnach also wohl eine vielschichtige Persönlichkeit, deren Züge bisweilen einander widersprachen, er war ein Produkt seiner Epoche und seiner Herkunft, blieb diesen Ursprüngen gegenüber jedoch stets distanziert und stand nie wirklich im Einklang mit ihnen. Umso mehr brauchte er einen Ort, der weitab von all dem lag und an dem er endlich voll und ganz er selbst sein konnte. Als er sich 1943 auf Jamaika wiederfand, mag es ihm vorgekommen sein, als habe er endlich – und völlig unverhofft – diesen Ort gefunden.

1946

Oracabessa und das »Alte Jamaika«

Mr. Luttrells Haus blieb unbewohnt, Fensterläden schlugen im Wind. Bald sagten die Schwarzen, es spuke dort, und weigerten sich, auch nur in die Nähe zu gehen.

Jean Rhys, Die weite Sargassosee

Als Fleming Ivar Bryce von seinem Vorhaben erzählte, auf Jamaika ein Haus zu bauen, bat er ihn auch sogleich um Hilfe bei der Suche nach dem passenden Ort: »Etwa vier Hektar groß, abgeschieden und direkt am Meer […]. Mit einer Steilküste und einer versteckt gelegenen Bucht, und ohne Straßen zwischen dem Haus und dem Ufer. Wenn du so ein Grundstück für mich gefunden hast, werde ich darauf ein Haus bauen und dort leben und schreiben.«

Nach Kriegsende kam Bryce wieder nach Jamaika und machte sich dort mit größter Freude entlang der »Nebenstraßen und Buchten« auf die Suche. Den Rückzugsort, nach dem Fleming sich sehnte, fand er jedoch, indem er sich per Brief an einen einheimischen Grundstücksmakler wandte, einen »älteren Herrn namens Reggie Aquart […] der vornehmlich weißer Abstammung war«. Aquart stammte aus Martinique, lebte aber in Highgate in der Nähe von Port Maria. Seiner Aussage nach wollte Fleming »ein kleines Grundstück, wo man gut schwimmen konnte, und mit einer Insel davor«. Auf Bryces Anfrage antwortete Aquart schon bald, er habe etwas Passendes gefunden, falls »der Commander« bereit sei, 2.000 Pfund aufzuwenden.

Gemeinsam mit Aquart besichtigte Bryce das Grundstück, einen rund acht Hektar großen Landstreifen, etwa 450 Meter lang und 180 Meter breit, an der Nordküste in der Gemeinde St. Mary neben dem Hafenort Oracabessa gelegen. Auf dem Gelände standen etliche große Bäume – Banyan-Feigen und Baumwollbäume – und der größte Teil war mit Gras, Gestrüpp und Gebüsch überwachsen. Eine Weile zuvor war dort eine Rennbahn gewesen, von der jetzt allerdings nur noch ein paar Zaunpfähle und die Reste eines Kiosks standen, an dem während der Rennen Bananenklößchen verkauft worden waren. Zum Meer hin bot sich ein beeindruckender Ausblick auf eine stille, tiefblaue Bucht, die von einem breiten, vielgestaltigen Riff geschützt wurde, das etwa 20 Meter vor der Küste lag. Oberhalb der Bucht fiel das Gelände in einer rund zwölf Meter hohen Steilküste ab. Bei ihrem Besuch krochen Bryce und Aquart vorsichtig nach vorn, bis sie von der Kante aus hinabsehen konnten. Unter ihnen erstreckte sich ein Streifen aus silber glänzendem Sand, »etwa so lang wie ein Cricket-Schlagplatz«. Bryce sah in Gedanken bereits die Steintreppe, die zu diesem abgeschiedenen Paradies führen würde. Drei Meter vor dem Sandstrand lag ein kleiner Fels im Wasser, auf dem eine Portlandia grandiflora wuchs, eine auf Jamaika heimische Pflanze, die große, weiße, glockenförmige Blüten trägt. Vermutlich stellte dieser Fels die von Fleming gewünschte Insel dar. An der Pflanze war ein Einbaum vertäut, dem sich in gemächlichen Schwimmzügen eine nackte junge Frau näherte. »Er wird begeistert sein«, sagte Bryce. »Machen Sie den Kauf morgen klar, Reggie.«

Bryce telegrafierte Fleming nach England und erhielt umgehend eine eindeutige Antwort: »Sofort zugreifen Ian.« Fleming überwies dem Besitzer des Grundstücks, einem irischstämmigen Jamaikaner namens Christie Cousins, 2.000 Pfund, und der Kauf war vollzogen. Umgehend machte er sich an die Planung des Hauses, das er an diesem Ort, dessen Beschreibung so idyllisch klang, errichten wollte, vertiefte sich in Bücher über die Geschichte der Region und in das Studium von Seekarten seiner frisch erworbenen Besitzung.

Das Stück Land, das Bryce und Aquart entdeckt hatten, besaß etwas Unschuldiges, Unberührtes, ja Magisches. Genau diese Küste war Kolumbus entlanggesegelt, als er 1494 auf seiner zweiten Reise Jamaika »entdeckte«, das er in seinem Bericht als »paradiesisch« bezeichnete, als »das anmutigste Eiland, das je ein menschliches Auge geschaut; so gebirgig, dass die Erde den Himmel zu berühren scheint«.

Jamaika war zu dieser Zeit die am stärksten bevölkerte Insel der Großen Antillen, seine Küsten dicht mit Dörfern übersät. Die Taíno, die Kolumbus Arawak nannte, lebten dort seit etwa 2.500 Jahren, und im Gebiet der späteren Gemeinde St. Mary, wo Fleming sich niederließ, lag eine ihrer ältesten Siedlungen. Sie hatten sich auf der ganzen Insel – die sie »Hamaika» nannten, »Land des Waldes und der Flüsse« – ausgebreitet, die meisten Ortschaften lagen jedoch in Küstennähe. Als die Europäer die Insel zum ersten Mal betraten, lebten dort Schätzungen zufolge bis zu 50.000 Taíno.

Obwohl sie ein friedliebendes, »unbegehrliches« und sanftmütiges Volk waren, wurden die Taíno-»Indianer« nach Kolumbus’ Landung auf der Insel im Lauf von zwei Generationen ausgelöscht. Infolge der Mühsal und der Demütigungen der Sklaverei, in die die Spanier sie bei der Suche nach nicht vorhandenem Gold zwangen, sowie der eingeschleppten Krankheiten, insbesondere der Pocken, überlebten nur wenige Taíno. Von ihrer Existenz zeugen nur noch einige Keramikobjekte und andere Gegenstände sowie (im Englischen) »eine Handvoll Worte, die in unseren Ohren herzerweichend entspannt klingen«, wie etwa hammock (Hängematte), barbecue, savannah, canoe (Kanu).

Auch die Spanier siedelten zunächst in der späteren Region St. Mary. Der Hauptort Port Maria, östlich von Oracabessa gelegen, fand erstmals 1516 Eingang in die Weltchroniken, als die Spanier dort ihre zweite Ansiedlung an der Nordküste gründeten. (In Casino Royale gibt Bond, als er inkognito reist, Port Maria als seinen Wohnsitz an.) Unweit davon fand die spanische Herrschaft 150 Jahre später auch wieder ihr Ende. Die meisten Spanier waren auf der Suche nach der sagenhaften Goldstadt Eldorado weitergesegelt, und die wenigen, die auf der Insel ausgeharrt hatten, waren kaum wehrhaft. Dennoch zogen sie sich, nachdem Streitkräfte aus dem von Cromwell regierten England 1655 die Insel vereinnahmt hatten, mit ihren verbliebenen Sklaven in die Berge zurück und lieferten sich mit den Besatzern einen erbitterten Guerillakrieg, bei dem gelegentlich auch Stoßtrupps an der Nordküste anlandeten. 1658 gingen im Zuge eines groß angelegten Versuchs der Wiedereroberung knapp 1.000 Männer aus Kuba an der Küste östlich von Oracabessa an Land und errichteten dort in kürzester Zeit an einer strategisch günstigen Stelle auf einer Anhöhe eine Befestigung, die durch den tiefen Rio Nuevo geschützt war.

Edward D’Oyley, der englische Gouverneur Jamaikas, befand sich zu diesem Zeitpunkt auf der anderen Seite der Insel. Statt den Kampf im Landesinneren zu suchen, umschiffte er die Insel und landete mit 750 Mann unweit des spanischen Stützpunkts. Er schlug sich durch das dichte Gestrüpp an der Rückseite des Forts und fand schon bald eine ungesicherte Stelle. Die Vorhut lancierte Granaten einfachster Bauart hinter die Palisaden, flugs wurden Leitern aufgerichtet und die Befestigung war durchbrochen. »Etlichen von ihnen gelang die Flucht aus ihrer Veste, und wir setzten ihnen drei oder vier Meilen weit nach und töteten sie«, berichtet D’Oyley. 300 spanische Soldaten fielen, die Engländer verloren 50 Mann. Die überlebenden Spanier retteten sich ans Meer, wo die küstennahe Strömung sie mit sich riss. Der Sieg der Engländer am Rio Nuevo zerstörte die letzten Hoffnungen der Spanier auf eine Rückeroberung und führte Jamaika als einzige Insel der Großen Antillen unter die Herrschaft Großbritanniens.

Als Ian Fleming Anfang Januar 1946 auf dem Palisadoes Airport in Kingston landete, machte der Regen, der ihm den ersten Besuch zweieinhalb Jahre zuvor vergällt hatte, zum Glück eine Pause, und Fleming konnte die Fahrt in der Dunkelheit entlang der »von Kakteen gesäumten Straße« vom Flughafen in die Stadt uneingeschränkt genießen. In Dr. No beschreibt er Bonds Eindrücke auf derselben Strecke: »[…] das beständige Zirpen der Grillen, die warme, duftende Luft, die Kette schimmernder Lichter am Hafen« (DN, 55).

Fleming war sehr angetan von dem Grundstück, das Bryce für ihn gefunden hatte, und brachte sogleich die Bauarbeiten auf den Weg, indem er Reggie Aquart dafür gewann, das Vorhaben zu leiten, und das ortsansässige Architekturbüro Scovell and Barber damit beauftragte, die Entwürfe, die er selbst noch in London angefertigt hatte, zum Leben zu erwecken. Besonderen Wert legte er darauf, dass das Gebäude »schlicht« wurde und »keine Fensterscheiben, sondern nur traditionelle jamaikanische Jalousien« bekam. Wie Fleming später schrieb, wollte er eine Bauweise, die es ermöglichte, »dass die Vögel hindurchfliegen konnten und er selbst sowohl drinnen wie auch draußen wohnte«. Die Baukosten einschließlich einer Garage und einer Unterkunft für die Hausangestellten beliefen sich auf weitere 2.000 Pfund.

Die Gestaltung des Hauses fiel tatsächlich äußerst schlicht, ja fast rein zweckmäßig aus, wie bei Grants Villa in Liebesgrüße aus Moskau (From Russia with Love): »modern – ein flacher länglicher Kasten ohne Zierrat« (LGM, 11). Anders als auf Jamaika üblich hatte das Gebäude dicke Wände aus einheimischem Kalksteinbruch, die nicht verstärkt, sondern mit Kalksteinplatten verkleidet waren. Die amerikanische Künstlerin Marion Simmons, die sich kurz darauf in der Nähe ebenfalls ein Haus baute (das sie Glory Be nannte), beschreibt eine Szene, wie sie für die Bauarbeiten typisch ist: Der »Trupp der Einheimischen« ist »eine kleine Gruppe aus Männern, Frauen, Kindern und Eseln. Die Männer hauen mit dem Vorschlaghammer mächtige Felsbrocken entzwei, die Kinder schleppen die Stücke zu den Frauen, die die Steine mit kleinen Hämmern noch weiter zerkleinern. Die Szene wirkt wie ein Zigeunerlager und ist durchaus pittoresk. Überall brennen kleine Feuer, über denen sie ihre Mahlzeiten zubereiten, und das Sonnenlicht perlt durch die Bäume und sprenkelt ihre farbenfrohe Kleidung. Sie singen, lachen und streiten und scheinen sich rundum wohlzufühlen.«

Die Decke des Gebäudes (die heute nicht mehr existiert) war niedrig angebracht und bestand aus bloßen Hartfaserplatten. Flemings ausdrücklichen Wünschen entsprechend wurde das Gebäude von einem großen Hauptraum beherrscht, von dem aus man freie Sicht auf das Meer hatte, während die »unbedeutenden und kleinen« Schlafzimmer zur Rückseite hin lagen. Schränke gab es keine, nur Haken, an denen Kleidung aufgehängt werden konnte. Der Fußboden war marineblau gestrichen (das Thema der Seefahrt wurde in den gleichfalls blauen Handtüchern und der blauen Bettwäsche fortgeführt), so wie auch die Fensterläden. Diese gaben, wie Bryce berichtet, »immer wieder Anlass zu Ärger, durch ihr Gewicht, ihre Angeln und ihre Verriegelungen, aber Ian liebte sie, und wenn an sonnigen Tagen das ganze Zimmer nach außen hin offen war, wurde er für die Mühen entschädigt«.

Das Haus war in jeder Hinsicht einfach gehalten und frei von jedem Komfort. Eine große Küche, die Platz für einen Kühlschrank oder andere Geräte geboten hätte, befand Fleming nicht für nötig. »In den Tropen kann man doch Früchte essen«, sagte er zu Bryce, »und natürlich Fisch. Wir werden ihn selbst fangen und somit immer frischen Fisch haben. Sie [i.e. das Personal] brauchen nur einen Herd und eine Spüle.« Warmes Wasser erschien ihm gleichfalls »unsinnig und unnötig«, auch wenn er in dieser Hinsicht nach einigen Jahren seine Meinung änderte. Gleichwohl blieben die Installationen auf das Nötigste beschränkt. Später räumte Fleming ein, dass die Dusche und das Waschbecken oft »wie Vipern zischeln oder wie verwundete Bluthunde heulen«.

Mit dem Bau der Stühle und Tische, die nach seinen eigenen detailgenauen Angaben aus Massivholz gefertigt werden sollten, beauftragte Fleming einen ortsansässigen Schreiner. Bryce erinnert sich an einen »äußerst unbequemen Esstisch, der nach Ians dezidiert spartanischem Entwurf gezimmert war«. Reggie Aquart bekam die Aufgabe, das Gelände zwischen den Türen auf der Seeseite des Hauses und der Felskante auf einer Fläche von zwanzig mal dreieinhalb Metern auszuheben, sodass ein tiefer liegender Garten entstand. »Das war ein ganzes Stück Arbeit«, erzählte er später. »Wir mussten ein bisschen tricksen. In einem halben Meter Tiefe stießen wir auf Fels, also häuften wir an den Rändern etwas Erde auf, damit der Eindruck entstand, der Garten läge tiefer.« Wo der Garten auf die Klippe traf, sollte ein stabiles Holzgeländer errichtet werden. Aus Zement und Felsbrocken sollte eine Treppe angelegt werden, die zur Bucht führte, und der Strand sollte von Seegras befreit werden.

Natürlich gab es bei all diesen Arbeiten Verzögerungen und Enttäuschungen, doch Fleming dachte, wie ein Freund berichtet, »durch und durch praktisch und konkret, und er fand immer rasche und kluge Lösungen«. Genauso entschlossen zeigte er sich, was den Namen für sein neues Domizil anging. Das Gelände war zuvor »Rock Edge« oder »Rotten Egg Bay« genannt worden – beides Namen, die Fleming unmöglich übernehmen konnte. Freunde hatten ihm »Shame Lady« vorgeschlagen, nach der Grünpflanze, die dort gewuchert hatte (Mimosa pudica, die ihre Blätter bei der geringsten Berührung schließt und einklappt), oder auch »Rum Cove«. Doch Fleming nannte sein neues Haus Goldeneye, nach einer Operation im Zweiten Weltkrieg, an deren Planung er beteiligt gewesen war und mittels derer im Falle eines Kriegseintritts Spaniens Gibraltar hätte verteidigt werden sollen, und weil der Name gut zu Oracabessa passte, was auf Spanisch so viel wie »Goldener Kopf« bedeutet. Außerdem lag darin eine Anspielung auf Carson McCullers’ eigentümlichen und düsteren Roman Reflections in a Golden Eye (Spiegelbild im goldenen Auge) von 1941.

Während dieses zweimonatigen Aufenthalts wohnte Fleming die meiste Zeit bei seinem Freund Sir William Stephenson. »Little Bill«, wie er genannt wurde, war ein kanadischer Millionär, der während des Krieges die Operationen des britischen Geheimdienstes in Nordamerika geleitet hatte. Seit sie sich im Juni 1941 während einer USA-Reise Flemings kennengelernt hatten, verband die beiden eine enge Freundschaft. Stephenson und seine Frau Mary hatten kurz zuvor Hillowtown gekauft, ein Herrenhaus und früheres Wohnhaus eines Plantagenbesitzers in der Nähe von Montego Bay. Es hatte 7.000 Pfund gekostet und war nach Ansicht Stephensons »das schönste Haus der Insel«.

Stephenson führte Fleming in die Gemeinschaft der Upperclass-Ausländer ein, die auf Jamaika lebten oder ein Haus besaßen. Gleichfalls in der Nähe von Montego Bay lag Cromarty, das jamaikanische Herrschaftshaus von Lord Beaverbrook, Pressemogul und zu Kriegszeiten Minister für Flugzeugproduktion und Kriegsnachschub. Die erste Begegnung von Fleming und Beaverbrook verlief ziemlich frostig. Fleming bezeichnete einen Artikel in Beaverbrooks Daily Express – zu diesem Zeitpunkt die am weitesten verbreitete Zeitung der Welt – als geschmacklos. »Dieser Grünschnabel!«, schimpfte Beaverbrook später gegenüber Stephenson über Fleming. Er verbat sich nachdrücklich, dass man ihn an seinem eigenen Tisch darüber belehrte, wie er seine Zeitungen zu führen habe. Bei dem darauffolgenden Abendessen in Hillowtown jedoch ließ Fleming seinen ganzen Charme spielen, und so war der Friede wiederhergestellt. Der Inhaber des Daily Express sollte sich noch als äußerst nützlicher Freund erweisen.

Seit den Glanzzeiten der Zuckerbarone war Jamaika ein Zufluchtsort für britische Exzentriker, für zweit- und drittgeborene Söhne von Aristokraten und reiche Sonderlinge. Lord Ronald Graham, der zweite Sohn des 6. Herzogs von Montrose, hatte England 1940 verlassen, nachdem ihn die Sympathiebekundungen für die deutschen Nationalsozialisten, die er vor dem Krieg geäußert hatte, in immer größere Schwierigkeiten gebracht hatten. Auf Jamaika betätigte er sich als Immobilienmakler und wickelte unter anderem den Kauf von Goldeneye zwischen Fleming und Christie Cousins ab (beim Erwerb von Land müsse man unbedingt auf »einwandfreie Dokumente« achten, so Fleming später). Lord Peregrine »Perry« Brownlow, der unter Edward VIII. am britischen Hof als Lord-in-Waiting gedient und somit im Zentrum der Macht gestanden hatte, war gleichfalls an der Nordküste der Insel gelandet. Er hatte Aufsehen erregt, als er eine Woche vor Edwards Abdankung Wallis Simpson auf der Flucht vor der Presse quer durch Frankreich chauffiert hatte. Darunter hatte sein Ansehen in der Gesellschaft stark gelitten und er gehörte nun zu denen, die »Von den Windsors verweht« waren. Wie die meisten wohlhabenden Zugezogenen hatte er ein ehemaliges Herrenhaus einer Plantage gekauft. Es lag in Roaring River in St. Ann’s Bay, von Oracabessa aus knapp zehn Kilometer hinter Ocho Rios.

Diese Männer, die mit großer Dienerschaft in renovierten Herrenhäusern residierten, betrachteten sich als die Erben der alten Großgrundbesitzer. Die Wände von Stephensons Anwesen Hillowtown schmückte eine Serie wertvoller Stiche von J. B. Kidd, die berühmten »Ansichten der Insel Jamaika«. Diese Bilder atmen einen traditionell-imperialistischen Geist, führen eine gezähmte Wildnis vor und zeigen Schwarze, wenn überhaupt, nur als kleine, unbedeutende Gestalten, die eher wie domestizierte Tiere wirken. Der karibische Dichter und Nobelpreisträger Derek Walcott sagte von solchen Darstellungen, sie erweckten den Eindruck, »als sei der Himmel eine Glaskuppel, unter der eine kolonialisierte Vegetation drapiert wurde, um darin geruhsame Spaziergänge und Kutschfahrten durchzuführen«. Wer solche Bilder zeigte, feierte Jamaikas Vergangenheit und die Blütezeit der großen Plantagen.

Sir Harold Mitchell, Geschäftsmann und Millionär und vielleicht der prominenteste Ausländer an der Nordküste, erschuf gleichsam aus dem Nichts eine Szenerie im kolonialen Habitus. Nachdem er vierzehn Jahre lang für die Konservativen im Parlament gesessen hatte und auch stellvertretender Parteivorsitzender gewesen war, hatte er 1945 nach dem deutlichen Wahlsieg der Labour-Partei sein Mandat verloren. In der Folge verbrachte er mindestens die Hälfte des Jahres auf Jamaika, begleitet von seiner Familie und rund einem halben Dutzend seiner wichtigsten Bediensteten. Als Kind hatte ihm ein Onkel, der auf der Insel lebte, »Geschichten von Piraten und Banditen […], von Freibeutern aus elisabethanischer Zeit, von Erdbeben und Kolibris« erzählt. Die Erinnerung daran veranlasste ihn, unbesehen 480 Hektar Land am Steilufer östlich von Oracabessa zu kaufen.

Auf diesem Gelände befand sich ein Gebäude, das nur entfernt an ein Herrenhaus erinnerte. Es trug den Namen Prospect und war nicht mehr als ein schlichtes, eingeschossiges Steinhaus aus dem 18. Jahrhundert, befestigt und mit Schießscharten versehen, um die Franzosen oder die rachsüchtigen Sklaven abzuhalten. Mitchell hatte die Errichtung eines zweiten Stockwerks im Stil der Plantagenhäuser in Auftrag gegeben. Im Inneren wurden die Wände mit verwittertem Zedernholz verkleidet und »die Haupträume mit ausgesuchten antiken Möbeln aus Mahagoni ausgestattet«. An den Wänden hingen Porträts der Admirale Rodney und Vernon, die sich beide in der Karibik ihren Ruhm erkämpft hatten, sowie mächtiger Zuckerbarone aus der Zeit der Sklaverei wie etwa Rose Fuller oder Peter Beckford. Neben Stichen von J. B. Kidd fanden sich dort auch zahlreiche Reproduktionen von Zeichnungen George Robertsons, der jamaikanische Besitzungen vornehmlich auf eine idealisierte Weise zeigte, die nichts von der brutalen Wirklichkeit des Lebens auf den Zuckerplantagen ahnen ließ. Diese Bilder sind noch heute in Prospect zu sehen, neben Mitchells Cricketschläger, einem Gradidge Imperial Driver.

Mitchell baute Kokosnüsse, Limetten und Piment an, hielt eine große Viehherde und versuchte sich auch einmal im Zuckergeschäft. Geld hat er mit seiner »Plantage moderner Prägung« jedoch nie verdient. Das Ganze war eher ein gesellschaftliches Experiment, eine Übung in imperialistischer Nostalgie.

Natürlich war Jamaika auch deshalb attraktiv, weil man dort dem kalten Londoner Winter entfliehen konnte. In Dr. No ist Bond erleichtert, »Hagel- und Graupelschauer« hinter sich zu lassen, die niedergehen, »während die Leute unglücklich zur Arbeit strömten. Der Sturm peitschte ihnen die Schöße ihrer Regenmäntel gegen die Beine, und ihre Gesichter liefen vor Kälte rot an.« (DN, 19) Auf Jamaika dagegen genießt er die »stickige Hitze« (DN, 52). In der weitaus später entstandenen Kurzgeschichte »Octopussy« tritt Bond in den Hintergrund, während Fleming den Reiz Jamaikas beschreibt, wie ihn die Hauptfigur erlebt, Dexter Smythe, der gerade eben dorthin ausgewandert ist: »Der Prince’s Club in den Gebirgsausläufern über Kingston war in der Tat ein Paradies.« (OP, 39) (In Dr. No heißt der Club »Queen’s Club«. Vorbild dafür ist der Liguanea Club, ein Lokal, das noch heute in Betrieb ist.) »Die Mitglieder waren alle recht angenehm, die Bediensteten wundervoll, es gab genug zu essen und günstige Getränke, und das alles spielte sich vor der schönen Kulisse der Tropen ab […].« (OP, 39 f.) Dexter Smythe und seine Frau genießen ein Leben »aus endlosen Feierlichkeiten […]. Ja, es war wirklich ein Paradies, während die Menschen in ihrem Heimatland Dosenfleisch aßen, auf dem Schwarzmarkt handelten, die Regierung verfluchten und unter dem härtesten Winter seit dreißig Jahren litten.« (OP, 40)

Doch Jamaika hatte mehr zu bieten als nur Sonne, Rum und billige Dienstboten. In seinen Memoiren denkt Mitchell nostalgisch an frühere Zeiten zurück, »als diese großflächig rotgesprenkelten Weltkarten, die die Macht und den Einfluss einer kleinen Insel dokumentierten, noch eine Tatsache zum Ausdruck brachten«. Viele Engländer, unter ihnen Fleming, teilten diese Sehnsucht nach den »großen Zeiten des britischen Empire«, dessen Fortbestand nun bedroht war. Wie Bond in Man lebt nur zweimal beklagt, war Großbritannien »durch ein paar Weltkriege ziemlich ausgeblutet« (MLZ, 115). 1946 war das Land bankrott, die Rationierungen wurden strenger, und nach den kriegsbedingten sozialen Umwälzungen sowie dem Wahlsieg der Labour-Partei im Juli 1945 war das Klassengefüge auf bedrohliche Weise ins Wanken geraten. Dies hatte, wie Bond fortfährt, zu einer »Wohlfahrtsstaatspolitik« geführt, die zur Folge hatte, »dass wir zu viele Dinge für umsonst erwarten« (MLZ, 115). Außerdem hatte Großbritannien 1941 die Atlantik-Charta unterzeichnet und sich damit, zumindest theoretisch, zur Dekolonisation verpflichtet. Die Labour-Regierung wollte sich offenbar an diese Zusage halten. In vielen Teilen des Empire, vor allem in Indien, wurden die Forderungen nach Unabhängigkeit immer lauter.

In Jamaika lagen die Dinge auf den ersten Blick anders. Die Insel schien wie in einer bequemen Zeitblase gefangen, die kolonialen und sozialen Strukturen praktisch unverändert wie hundert Jahre zuvor. In Dr. No fährt Bond mit Quarrel von Kingston über die Insel nach Norden. Unterwegs sehen sie einen Mann, »der zu seinem Zuhause am Berghang wollte, sein neunzig Zentimeter langes Buschmesser in der rechten Hand, während er in der linken sein Frühstück, ein Stück rohes Zuckerrohr, hielt«. Etwas weiter die Straße entlang begegnen sie einer Frau, »die die Straße entlangschlenderte, um ihren Korb voller Gemüse zum Stony Market zu bringen. Ihre Schuhe trug sie auf dem Kopf. Sie würde sie erst in der Nähe des Dorfes anziehen.« Bond stellt befriedigt fest: »Es war ein primitiver, friedlicher Anblick, der sich abgesehen vom Straßenbelag in den letzten zweihundert Jahren kaum verändert hatte.« (DN, 107) Solche Szenen hätten tatsächlich der Zeit der Sklaverei entstammen können.

In vergleichbarer Weise begegnete die jamaikanische Bevölkerung der weißen englischen Oberschicht mit einer Ehrerbietung, die diese in ihrem Heimatland und in anderen Regionen des Empire mittlerweile vermisste. Ramsay Dacosta, der in jungen Jahren als Gärtner für Fleming gearbeitet hat, berichtet: »Wir hatten Angst und trauten uns nicht in die Nähe der Weißen. Die hätten uns ja grob anreden können oder so.« In den Schulen wurde britische Geschichte und Literatur gelehrt. Blanche Blackwell, die in den 1920er-Jahren auf Jamaika aufwuchs, erinnert sich daran, dass den Schülern »die Vorstellung eingetrichtert wurde, England sei das einzige Land auf der Welt«. Nur wenige nicht-weiße Kinder besuchten weiterführende Schulen, wo sie, wie einer der Betroffenen später beklagte, »die Doktrin verinnerlichten, dass Weiß für Tugend, Macht und Klugheit stand, und Schwarz für Laster, Schwäche und Dummheit«. Für Engländer, die dem Empire nachtrauerten, war Jamaika also ein Ort, der ihnen eine Menge liebgewonnener, alter imperialistischer Gewissheiten bot und an dem ihnen ihr relativer Wohlstand, die Tatsache, dass sie Engländer waren, und ihre helle Haut einen besonders herausragenden Status verliehen.

Wie ein Autor des Gleaner, der ältesten jamaikanischen Zeitung, einmal schrieb, lag das Epizentrum »des gesellschaftlichen Lebens der Angehörigen der Oberschicht, die aus England stammten oder gerne so taten, als ob«, in King’s House, dem Wohnsitz des Gouverneurs und seiner Familie. 1946 hatte Sir John Huggins dieses Amt inne, der als Offizier in den Kolonien Karriere gemacht hatte und den die Jamaikaner als »sehr zurückhaltend und sogar unfreundlich« erlebten, als »fantasielosen Mann ohne besondere intellektuelle Vorlieben oder Interessen«. Huggins blieb in Jamaika eine blasse Figur, ganz im Gegensatz zu seiner Frau Molly.

Chris Blackwell, der Sohn von Blanche und heutiger Eigentümer von Goldeneye, hat Molly als »äußerst lebhafte, beeindruckende Persönlichkeit« in Erinnerung: »Eine großgewachsene Frau, an die eins achtzig. Sie sah gut aus. Hatte einen starken Charakter.« Er kann sich nicht an eine Begegnung mit dem Gouverneur erinnern, »aber Molly blieb einem unweigerlich im Gedächtnis«. Molly gab in der weißen Gesellschaft, in der nun auch Fleming verkehrte, den Ton an und bestimmte auch die Haltung der Weißen gegenüber Jamaika und den Jamaikanern: eine wohlwollende und warmherzige Einstellung, die aber von Unwissenheit, Arroganz und Doppelmoral verwässert wurde.

Molly war ein Kind des Empire. Sie kam 1907 in Singapur zur Welt, war also nur ein Jahr älter als Fleming, und ging in England zur Schule, während ihr Vater in den Kolonien auf der Malaiischen Halbinsel arbeitete. Nachdem sie »mit größter Freude« bei der Beendigung des Generalstreiks von 1926 mitgeholfen und sich in etlichen Affären amüsiert hatte, heiratete sie 1929 in Kuala Lumpur John Huggins, der zu diesem Zeitpunkt Beamter in der Kolonialverwaltung von Britisch-Malaya war und mit 37 Jahren sechzehn Jahre älter als sie.

Nach Stationen in Trinidad und Washington wurde das Paar, das schon bald drei Töchter hatte, 1943 nach Jamaika entsandt, wo Huggins das Amt des Gouverneurs antrat. Molly nahm an ihrem neuen Wohnort als Erstes die Instandsetzung von King’s House in Angriff. Das herrschaftliche Wohnhaus war bei dem Erdbeben von 1907 bis auf das zentral gelegene Esszimmer zerstört und anschließend als ein – in Mollys Worten – »scheußliches, plumpes, graues Gebäude aus Zement« wiedererrichtet worden. Das Innere verlangte »sofortige Renovierung, Krieg hin oder her«. Ihre Töchter dagegen waren glücklich: Sie hatten einen Swimmingpool und 60 Hektar Land, auf denen sie ausreiten konnten.

Im Zuge der Generalsanierung ließ Molly das Silber aus den Beständen des West India Regiment polieren und zur Schau stellen und schickte Joshua Reynolds’ Porträts von George III. und der Königin Charlotte zur Restaurierung nach England. Bei ortsansässigen Händlern kaufte sie antike Mahagonimöbel, »die größtenteils in den alten Tagen der mächtigen Zuckerbarone aus England hierhergebracht worden waren«. Schon bald waren die Räumlichkeiten für die große Anzahl an Besuchern und die Einladungen, die folgen sollten, angemessen ausgestattet. In dieser Hinsicht wollte Molly sich deutlich von ihren Vorgängern absetzen: »Anfangs sorgten wir für Irritationen, weil wir auch farbige Jamaikaner zum Tennis einluden, was bislang eher die Ausnahme gewesen war. Doch wir hatten schon sehr früh entschieden, dass wir keinerlei Rassenvorurteile pflegen wollten.«

»Lady Molly«, wie sie schon bald überall auf Jamaika genannt wurde, empfand die Karibik als »sträflich vernachlässigt« und erlebte die Region als »ausgesprochen arm, vor allem im Gegensatz zum wohlhabenden Malaya«. »Die jamaikanischen Großgrundbesitzer (die meist weißer Abstammung waren) hatten viel für das Sozialwesen getan«, so Molly in ihren Erinnerungen, doch »wurden die Arbeiter auf den Zuckerplantagen noch immer äußerst schlecht bezahlt und lebten, außer auf einigen wirklich gut geführten Anwesen, in äußerst dürftigen Verhältnissen«. Aus jeder Gemeinde kamen »zahllose« Anträge auf bessere Versorgung mit Wasser und Strom sowie bessere Unterkünfte und Straßen. Kaum war Molly auf Jamaika eingetroffen, wurde sie mit Briefen überschüttet, in denen die unterschiedlichsten Organisationen sie baten, den Vorsitz zu übernehmen, »sowie mit etlichen mitleidheischenden Schreiben, deren Absender um Geld, Kleidung, Arbeit oder um Hilfe jeglicher Art baten«. Kurzerhand sagte sie zu, den Vorsitz der Gesellschaft zur Verhinderung von Gewalt gegen Tiere zu übernehmen (ein Thema, das ihr besonders am Herzen lag, und ein Anliegen, das sie mit Fleming teilte), »sowie sämtlicher Vereinigungen, die sich um Frauen und Kinder kümmerten […]. Ich nahm mir vor, viel zu leisten.« »Nachdem ich so viel Armut und Hilfsbedürftigkeit gesehen hatte«, schreibt sie, »erkannte ich schon bald, dass die jamaikanischen Frauen in erster Linie Orientierung brauchten.« Daher gründete Lady Huggins 1944 den Jamaikanischen Frauenbund und gab ihm das Motto »Für unsere Familien und unser Land«. Den Vorstand bildeten hauptsächlich bedeutende Wohltäterinnen – unter ihnen Blanche Blackwells Schwägerin Pamela Lindo und die Frau des Herausgebers des Gleaner –, doch die Mitgliedschaft stand allen Frauen offen und schon bald zählte der Verein 25.000 Mitglieder aus allen Bevölkerungsschichten, wenn auch vornehmlich aus der Mittelklasse. Jedes Mitglied zahlte einen Penny pro Monat, und die Beiträge wurden für Schuluniformen und Bücher ausgegeben, für Mädchenclubs sowie für Unterricht im Nähen, Kochen und Stricken.

»Ich glaube, ich habe mich auf Anhieb in Jamaika und seine Bewohner verliebt«, schreibt Molly in ihren Erinnerungen und bekräftigt damit die Gefühle, die sie in ihren zahlreichen Artikeln über sich selbst beschrieben hatte. »Der Arbeit für diese Menschen habe ich große Teile meines Herzens, meines Denkens und meiner Kraft gewidmet. Der Widerhall aus Liebe und Dankbarkeit, den sie mir dafür entgegenbrachten, war eine der wichtigsten und schönsten Erfahrungen meines Lebens.«