Goldman oder Der Klang der Welt - Mirt Komel - E-Book

Goldman oder Der Klang der Welt E-Book

Mirt Komel

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Beschreibung

Die Geschichte der titelgebenden Hauptfigur des Romans - Gabriel Goldman - erinnert nicht von ungefähr an den kanadischen Pianisten Glenn Gould. Goldman findet sich in einem New Yorker Krankenhaus wieder, nach einem mysteriösen Vorfall, der eine Berührungsphobie ausgelöst hat. Ist daran eine unglückliche Liebe schuld, das Fehlen jeglicher zärtlicher Berührung oder das seelenlose, mechanische Hämmern von Klaviermaschinen, die der Musik Seele und Emotion zu rauben drohen? In die Gegenwartsszenerie des Krankenhauses mischt sich die Vorgeschichte eines seltsamen Wunderkindes. Mirt Komels Debüt, eine Mischung aus Bildungs-, Liebes- und philosophischem Roman, beschreibt sprachlich spielerisch und virtuos das eigentlich Unbeschreibliche: Musik.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2019

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MIRT KOMEL

GOLDMAN ODERDER KLANG DER WELT

Roman

Aus dem Slowenischen von Sebastian Walcher

Mirt Komel: Goldman oder der Klang der Welt

Roman

Aus dem Slowenischen von Sebastian Walcher

Originaltitel: Pianistov dotik© 2015, Založba Goga

Lektorat: Teresa ProfanterUmschlaggestaltung: Nikola StevanovićSatz: Daniela SeilerHergestellt in der EU

Alle Rechte vorbehalten© HOLLITZER Verlag, Wien 2019www.hollitzer.at

ISBN 978-3-99012-518-2

INHALT

I

Dämon

II

Musikalisches Alphabet

III

Unversehrt

IV

Piano, pianino

V

Nichts zu sehen

VI

Knall im Kasten

VII

Pause in der Brust

VIII

Der einarmige Pianist

IX

Toccata e fuga

X

Finger in Freiheit

XI

Délire de toucher

XII

Ich vertone, also bin ich

Für Iréna

IDÄMON

Dunkelheit. Zeitlose, farblose, schwerelose, bleierne Leere ohne mich, dich, ihn oder jemanden oder etwas anderes. Macht nichts. Nicht gerade unausweichlich folgt die unterbewusste Bewegung des Körpers, dann das Erwachen des Bewusstseins: Schmerz, gleißende Helligkeit, Schmerz, Leere, Schmerz – Stimmen. Das eigene Ächzen und Stöhnen. Das Herz schlägt, atme, Blut rinnt, atme, die Wunde heilt, atme. Licht.

Er erwachte, den Blick auf eine Wand und die Nase in einem Beatmungsgerät auf der Reanimationsstation eines allgemeinen Krankenhauses in New York, wohin man ihn vor unbestimmbar langer Zeit gebracht hatte, nachdem er gestürzt war und das Bewusstsein verloren hatte. Später erzählte man ihm, er sei mit dem Gesicht auf den Asphalt geknallt und habe sich, verständlicherweise, verletzt, zugleich sei er gänzlich unverständlicherweise auch ins Koma gefallen, aus dem er erst jetzt erwacht war. Ungewöhnlich war die völlige Ungewissheit darüber, ob der erste Fall den zweiten bedingt hatte oder umgekehrt.

Das Erwachen nach dem Sturz erinnerte ihn an das, was jeder erlebt, woran sich aber niemand erinnern kann, geschweige denn es nacherleben: die eigene Geburt, der gezwängte Austritt aus der gemütlichen und warmen Wohnung (Vollpension à la carte) durch die schleimig beengende Tür in die larmoyant bedrückende Welt (eine warme Mahlzeit täglich wird nur bei der Mutter garantiert, die es nur einmal gibt, oder in der nächsten Kirche oder Moschee). Sieh dir das Sofa an, lege dich hin, schließe die Augen und entspanne dich beim Gedanken: Es ist am besten, gar nicht erst geboren zu werden. Doch was soll man tun, wenn dieses Glück nur selten jemandem beschert ist. Die meisten plumpsen ins Leben. Niemand hatte behauptet, das Leben sei gerecht.

Unter der Woche in die Welt geschleudert, an einem Mittwoch, zu Ende der unruhigen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, hineingeboren in das deutlich ruhigere Heim einer jüdischen New Yorker Familie, die in einer unanständig feudalen Wohnung eines im wiederbelebten Renaissancestil erbauten Gebäudes im Herzen von Brooklyn lebte. Damals tauchten auf der Welt gleich drei im vergangenen Jahrhundert noch undenkbare neue Töne auf: das dumpfe Pulsieren eines Satelliten im tonlosen Weltall; die Rufe der Studentenproteste in allen untergehenden westlichen Hauptstädten; die Musik in Gabriels Kopf und der Klang seiner goldmanschen Stimmbänder.

Der Neuankömmling auf dieser Welt war bloß eines von eintausendvierundvierzig Kindern, die sich in einer heißen Augustnacht in die Welt geheult hatten, als Mars den Sternenhimmel dominierte, Hades noch immer über die unterirdischen Schatten herrschte und in New York achtundachtzig Verkehrsunfälle geschahen, sechzehn bewaffnete Raubüberfälle, drei Morde und ein einziger Selbstmord, den ein gewisser Michel Levy beging. Überraschend wenig für die Saison, wie der Bürgermeister voll Eigenlob anmerkte: Hitze eben, Menschen gebären, Menschen sterben, Menschen töten einander im Laufe eines einzigen Tages in solch hoher Zahl, dass die Bedeutung dieser Zahl in so stark besiedelten Breiten verschwimmt, ebenso wie ein Bild verschwimmt, wenn einem während der Fahrt die Brille von der Nase fällt. Warum sollte man denn überhaupt Sandkörner am Strand zählen, Grashalme auf einer Wiese, Autos auf der Straße, Auflagenhöhen von Zeitungen, die Noten von Bachs Präludium in C-Dur? Es hat nicht den geringsten Sinn. Vor allem, wenn man die Brille nicht wieder unter dem Sitz hervorangeln kann.

Jedes Neugeborene ist für seine Eltern und die Umgebung unendlich weniger als die Masse, zugleich jedoch auch unendlich mehr als bloß eine Zahl: Wenngleich es aus Sicht der Welt nur ein kleines Ereignis ist, geschieht es doch immer wie ein immenses Ereignis im Kleinen. Gabriel? Natürlich, auch er. Auf den ersten Blick war er nur einer von vielen, glich allen anderen, die bloß anhand der unterschiedlichen Namen auf den Schildern auseinanderzuhalten waren, die anfangs am Bettrand hängen und dann, viel später, an den Eingangstüren. Wenn man in der glücklichen Lage ist, überhaupt eine eigene Tür zu haben, versteht sich.

Doch keinem, nicht einmal dem grobsten Gehör, entging, dass sich seine Stimme – sowohl was den Ton als auch was die Klangfarbe betraf – so sehr von den anderen unterschied, dass er die Krankenschwestern, die jeden Tag mit ihm zu tun hatten, damit nicht wenig in Verlegenheit brachte. Die Ärzte schrieben die Deformation seiner Stimmbänder, ebenso wie die blauen Flecken, die auf eine deutlich sensiblere Haut als üblich hindeuteten, den Geburtsproblemen der jungen, entschieden zu jungen, Mutter zu. Ihr zarter, im Grunde genommen noch mädchenhafter Körper gebar das Kind unter größten Mühen, sodass ihn die feuchten Wände, entlang derer er in die Welt gekrochen kam, geraume Zeit eingeengt auf halbem Wege zurückgehalten hatten, ehe er zum ersten Mal mit der eigenen Lunge einatmete und eine Stimme ertönen ließ, vor der alle Anwesenden erstarrten.

Etwas in ihm brodelte bereits seit früher Kindheit an, viel heißer noch als jene Sommernacht, eine besondere Hitzigkeit, die mit Sicherheit in einer viel größeren Zahl an Menschen in dieser Welt brodelt, als es sich die veraltete elitäre Minderheit vorstellt, die nach einer willkürlichen Auswahl den Großen zu große Denkmäler setzt, aber dennoch in kleinerer Zahl, wie es sich die moderne Mehrheit wünschen würde, die in jedem untalentierten Kind bloß ein unrealisiertes Talent sieht. In Gabriels Fall könnte es sich beispielsweise so äußern, dass er eine Leinwand bemalen, ein Standbild aus Stein befreien oder ein Blatt Papier mit Tinte (Feder im neunzehnten, Schreibmaschine im zwanzigsten, Tastatur und Drucker im einundzwanzigsten Jahrhundert) vollschreiben würde. Doch etwas außerhalb seiner Selbst, außerhalb seiner Macht, verhinderte, dass sich diese Sache in ihm, dieser noch intimere Funke als seine eigenen Gedanken, anders ausdrücken könnte als durch Musik.

Nein, das waren nicht seine Eltern, noch weniger seine Verwandten, Freunde der Familie oder Lehrer. Trotz des seit Jahrhunderten andauernden Stereotyps, es gäbe kein jüdisches Ohr, das keine Musikalität habe, hatte seine Familie väterlicherseits nicht ein einziges starkes Musiktalent hervorgebracht, und mütterlicherseits bloß ihren Vater, einen alten russischen Pianisten, der niemals die Schwelle des Amateurspiels übertreten hatte. Das Heim der Goldmans war nicht annähernd eine Musikschule im Kleinen, in der es vor Meistern und Schülern nur so wimmelte, wie es üblicherweise der Fall war, wenn dieses oder jenes Haus einen Musiker vom Format Mozarts oder einem etwas kleineren Format heranzog (schließlich gibt es kein größeres).

Es war nichts Menschliches daran, das Gabriel daran hinderte, dass er sich nicht nur nicht mit etwas anderem ausdrücken durfte als mit Musik, sondern dass er sich überhaupt nicht nicht ausdrücken durfte: Es trieb ihn sogar an, so wie ein unerbittlicher Reiter sein Pferd mit der Gerte antreibt und ihm weder Rast noch Ruh gewährt, bis er am Ziel ist, selbst wenn es dort an Ort und Stelle stirbt, erschöpft und zermürbt von der Anstrengung. Um die Wahrheit zu sagen und im Namen der Liebe zur künstlerischen Täuschung soll fürs Protokoll festgehalten werden, dass es sich in Gabriels Fall um einen Dämon handelte, der sich ihm im Laufe seines Lebens sogar ein paarmal flüchtig als Silhouette im Lichtspiel der Schatten zeigen sollte.

Zum ersten Mal hatte er ihn als Kind gesehen, als er sich aufgrund einer flüchtigen Erfahrung zumindest ein notdürftiges Bild gemacht hatte, an das er diese unerbittliche Präsenz heften konnte, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Gegen Ende einer Nacht, als beinahe schon der Tag anbrach, weckte ihn ein ungewöhnliches Geräusch; etwas, das wie der Wind klang, der durch eine Baumkrone weht. Im Halbschlaf folgte er dem Rascheln ins Wohnzimmer, wo er den Dämon oben auf der alten Kredenz entdeckte, hockend, wie eine Statuette zwischen kitschigen Ziergegenständen: die Arme über die Knie gelegt, die Hände verschränkt, mit langen dunklen Haaren und noch dunkleren Augen, wie die Figur eines Malers, jetzt todernst und entschlossen, jetzt heiter und lächelnd, den Konturen nach für das Auge als überaus menschlicher wehmütiger Junge zu erkennen (Der Dämon, Öl auf Leinwand, 1890).

Sofort lief er ins Schlafzimmer, in die Umarmung seiner Mutter, die ihn wieder in sein Zimmer begleitete, ihm ein Schlaflied vorsang und sich selbst tröstete, ihr Kind habe nur geträumt, wie sie es schon oftmals zu sich gesagt hatte, wenn ihr etwas ausgesprochen Ungewöhnliches untergekommen war, dessen Existenz in dieser Welt sie nicht eingestehen wollte. – „Ich habe nur geträumt!“ – der Trost vieler, die etwas außerhalb der alltäglichen Ordnung der Menschen und Dinge erleben, und dann entweder an ihrem oder dem Verstand aller anderen zu zweifeln beginnen (ein wenig wie jemand, der auf der Autobahn fährt, im Radio hört, ein Verrückter fahre in die falsche Richtung, und kommentiert: „Nicht einer – alle!“). Tatsächlich, man muss verrückt sein – oder zumindest Künstler –, um an Dämonen zu glauben, die den Menschen ein Schicksal spinnen, in etwa so wie es ein Schriftsteller seinen Figuren erfindet.

An dieser Stelle, als Zwischenbericht und Einwurf für empfindlichere Leserinnen und Leser sowie direkt an all jene gerichtet, die ein Buch nach seinem Ende beurteilen und deswegen der letzten Seite entgegeneilen: All diesen sei bereits im Vorfeld versichert, dass der Roman nicht mit dem Tod des Protagonisten enden wird (Änderungen des Schlusses vorbehalten im Namen der kapriziösen künstlerischen Freiheit).

IIMUSIKALISCHES ALPHABET

Gabriels Anima fuhr von der Reanimationsstation, die ihren Namen Ersterer verdankt sowie beide dem Lateinischen, in einer dantesken Miniaturreise, die am Ende nicht den Verlust von Beatrice und den Anblick Gottes versprach, sondern genau das Umgekehrte, ein paar Gänge weiter und ein paar Stockwerke höher. Ähnlich Dantes Seele reiste auch seine mit einem Körper, von dem sie zurzeit getrennt war; hätte sie jemand etwas früher zurückzurufen versucht, so hätte er wahrscheinlich ein Summen gehört: „Diese Seele ist im Moment nicht erreichbar – bitte versuchen Sie es später noch einmal!“

Das Ziel? Die Station für Rehabilitation, die ihrem Namen ebenso dem Lateinischen verdankt, diesmal jedoch nicht der altlateinischen, sondern der mittelalterlichen Form: rehabilitare, was, soviel er sich aus der Schulzeit erinnern konnte, die Gesundung durch Therapie oder Training bedeutet, jedoch auch die Wiedererlangung zuvor erhaltener Privilegien oder Ehren in Politik, Kirche, Universität oder anderen Institutionen, wo neben hierarchischen Machtverhältnissen auch symbolisches Kapital und verwandtschaftliche Bande zählen: in der Armee, bei Gericht, bei der Polizei, der Feuerwehr, im Krankenhaus und so weiter bis ans Ende der Welt und zurück zum Beginn der Menschheit.

Auf dieser nicht im Geringsten göttlichen und noch weniger komödiantischen Reise mit zur Decke gerichtetem Blick, an der sich Neonleuchten, dicht mit Punkten verzierte Fliesen und blitzende Metallrohre abwechselten, begleitete ihn kein Herr Doktor Vergil mit Sinn für Humor, da ihn dieser bereits nach ein paar Minuten und einem mehr oder weniger einseitigen Dialog in der Reanimation verlassen hatte. An seiner Stelle übernahm ein Doppel ohne Steuermann das Ruder, zwei lebhaft plaudernde Krankenschwestern, für die Gabriel, von Gott weiß welchen legalen Drogen zugedröhnt, sinnlose Sätze aneinanderreihte, wie etwa: Man müsse „früher oder später im Leben wenigstens einmal zumindest ein bisschen bluten, aber nicht so wie Jesus, Gott behüte, der übertrieb es gewaltig“; dass „jeder Abschied ein kleiner Tod ist und jeder Tod ein zu schneller Abschied, gerade so wie ein Orgasmus“; und wie „weit es noch bis Mitternacht ist, dieser Lücke in der Zeit, in der der Dämon erwacht!“. Im Glauben, es handle sich um Tändelei und in der Überzeugung, er stehe unter Medikamenteneinfluss, verziehen ihm die Schwestern unterschiedlicher Mütter diese Sinnlosigkeiten, brachten ihn in ein Zimmer, wo sie ihn, ohne Parkgebühr zu zahlen, in einer verstaubten Ecke direkt unter einem schmutzigen Fenster abstellten.

Deutlich angenehmer als die hundert Jahre alte Station für Rehabilitation war das Heim der Familie Goldman, wie man es vor einem halben Jahrhundert besuchen konnte, als Gabriel noch um einiges kleiner war, zugleich aber auch deutlich weniger verängstigt als jetzt, da er im Bett lag, ohne zu wissen, was eigentlich vorgefallen war. Das Goldmanhaus war zwar kein Tempel der göttlichen musiké, wie es etwa das Haus der Familie Bach mit all seinen musikalisch gebildeten Onkeln gewesen war, doch Cecilias Stimme war dennoch der erste menschliche Lehrmeister, den Gabriel in Musikbelangen hatte. „Cecilia“. Der aufmerksame und in Musik bewanderte Leser bemerkt, wie es die weise und philologisch gebildete Prudentia wünschte, dass Gabriels Mutter den Namen der Patronin der Musik trug; und tatsächlich bemühte sie sich um ihn, indem sie ihrem Sohn bereits im Embryonalstadium beinahe unwissentlich das Alphabet der Musik beibrachte.

Sehr gerne lauschte er der melodischen Stimme seiner Mutter, ihr fröhlicher Gesang war für ihn schöner als das reizende Lächeln, mit dem sie ihn erfreute, wenn sie sich ihm beim Abwaschen zuwandte; noch schöner als das sanfte Streicheln über die Haare, wenn sie auf dem Weg von der Küche ins Badezimmer für einen Moment innehielt; sogar schöner als ihre warme Umarmung, wenn er länger auf ihren kleinen Brüsten ruhte, den Rhythmus ihres Herzens hörte und das dezente Parfum an ihrem Schwanenhals roch, eine Hand über ihre schmalen Arme gelegt, während die andere mit ihren hellen Locken spielte.

Kinder sind billige Nachahmer, doch da sie noch minderjährig sind, kann sie niemand vor Gericht zerren, und Gabriel war dahingehend keine Ausnahme. Tag um Tag hörte er seiner Mutter zu, wie sie während der Hausarbeit sang, sodass er versuchte, mit all der Ungestimmtheit seiner damaligen Stimme auch selbst die Melodie ihres Gesangs aufzunehmen, während er mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der seine Mutter den Haushalt führte, kindlich spielerische Aufgaben erledigte.

Eine komische Sache: Spielzeug, vor allem das didaktische, das von erwachsenen Geistern für den praktischen Verstand kindlicher Hände erdacht wird. In ihrer erwachsenen Schlichtheit meinen sie, Kinder würden sich einfach vergnügen, wenn sie etwa den passenden Stein für eine mit geometrischen Formen durchstanzte Fläche suchen, und wissen dabei nicht, dass es um nichts weniger vergnüglich ist, den kleinen Euklid zu spielen, als es für Euklid selbst war, seinen Hörern zu erklären, dass Dinge, die ein und derselben Sache gleich sind, auch einander gleichen. Den meisten Spielen widmen sich Kinder mit ebenso geringer Lust, wie sie in zeitlich exakt bemessenen Intervallen essen, doch die Eltern bestehen natürlich auf Kauen und Spielzeug für das Kindeswohl, sodass sich die kleinen Würfelspieler und Esser nicht etwa an das eine und andere gewöhnen, weil sie den Sinn in all diesen für sie größtenteils unsinnigen Handlungen erkennen würden, sondern vornehmlich den Eltern zuliebe.

Von diesem reichhaltigen Repertoire, das Gabriel als kleines, noch nicht sprechendes Kind zur Verfügung stand (bei Goldman et Co. liefen die Geschäfte zu dieser Zeit so gut, dass die blühende amerikanische Spielzeugindustrie auf dem Teppich des Kleinen fruchtbaren Boden fand), baute er tatsächlich nur zu einer einzigen Sache eine tiefe Bindung auf: So wie wir, wenn wir lieben, unsere Liebe nicht in der Masse verteilen, sondern sorgfältig auswählen und geschmackvoll diskriminieren, verliebte sich Gabriel in ein winziges Xylophon.

Aufgrund seiner geringen Größe hatte das Instrument nur sieben Metallplättchen in Regenbogenfarben, aufgereiht nach Pythagoras’ Lehre, laut der die Tonhöhe der mit Holz unterlegten Plättchen umgekehrt proportional zu ihrer Länge ansteigt. Der einfachen diatonischen C-Leiter entsprach das wechselnde Farbspektrum, indem dem tiefsten Ton die dunkelste Farbe zufiel, blau, und dem höchsten die hellste, gelb. Diese kindlich-simple Aufteilung verknüpfte bei Gabriel für immer eine bestimmte Farbe mit einem entsprechenden Ton, sodass ab diesem Zeitpunkt Farben in Töne übergingen und sich Töne in Farben ergossen. Bald konnte er keine Farben mehr betrachten, ohne den betreffenden Ton zu hören, und natürlich auch umgekehrt, da vor seinen Augen – ob offen oder geschlossen – jedes Mal, wenn er diesen oder jenen Ton klar und deutlich hörte, exakt jene Farbe auftauchte, die mit ihm verbunden war.

Auf dem Regenbogeninstrument entdeckte der kleine Junge mit erschreckender Systematik alle Kombinationen der sieben zur Verfügung stehenden Töne. Zuerst nutzte er alle vorgegebenen Noten, dann erreichte er mit einer immer geringeren Anzahl von Schlägen, dass er nur ein Plättchen anschlug, lauschte seiner Vibration über die Grenzen des für ein gewöhnliches Ohr Hörbaren, bis hin zum schweigenden Null-Klang der Stille, in der gemeinsam mit dem Nachhall des Tons auch die entsprechende Farbe verblasste. Der Prozess brachte immer neue Versuche hervor, die er mit derselben Gründlichkeit wie zuvor auf seinem kleinen Instrument ausprobierte. Immer und immer wieder spielte er alle Tonkombinationen, doch mit wechselnder Lautstärke, die er in unterschiedliche Nuancen unterteilte, da er immer besser die Intensität der Schläge seiner schmächtigen Hände kontrollieren konnte, mit denen er die runden, umwickelten Schlägel schwang.

Die nuancierte Kombination der Töne ermöglichte ein Vermischen der Farben auf der Malerpalette seiner Fantasie, sodass er nun nicht bloß die Unterschiede zwischen Abstufungen von blau, rot, grün oder anderen Farben entdeckte, sondern auch ihre unzähligen Mischungen, bis an die Grenze des Ultravioletten an einem und des Infraroten am anderen Ende des sichtbaren Spektrums. Dieses musikalisch gefärbte oder farblich vertonte Spiel erfreute ihn dermaßen, dass er sich nicht allzu sehr um anderes Spielzeug oder Ernährungsgewohnheiten kümmerte, da er dem Xylophonspiel zuliebe sowohl die auf den Magen drückende Ernährung als auch das dem Geist langweilige Stapeln von geometrischen Formen vernachlässigte. Cecilia bemerkte, wie schwer sich ihr Sohn von seiner ersten Liebe trennte, und war daher besorgt, das Kind könnte, so sie es nicht selbst jedes Mal zum Essen holte, beim Klang des Xylophons vor Hunger sterben. Wäre sie, frei nach Shakespeare, der Ansicht, dass „Musik der Liebe Nahrung“ sei, würde sie sich damit nicht sonderlich belasten, könnte sie doch überzeugt sein, der junge Gabriel nähre sich durch das Musizieren mit dem gleichen Genuss und Sättigungsgefühl, wie er es noch kurz zuvor an der mütterlichen Brust getan hatte: „Spiel weiter!“

Doch er ahmte sie noch in etwas anderem nach, das zu seinem frühesten Begreifen der Musik beitrug: Er sah seine Mutter immer fröhlich und lächelnd, ihre gute Stimmung schrieb er ihrem ständigen Gesang zu. Aus seiner Perspektive konnte der Junge nicht das von der Hausarbeit erschöpfte Gesicht der Frau sehen, da sie ihm jedes Mal, wenn sie sich ihm zuwandte, nur ein Lächeln schenkte. Ebenso konnte er nicht sehen, dass sie sich, wobei sie ihre Tränen hinter einem Lächeln versteckte, oftmals traurig von ihm entfernte, wenn sie in ihrer Panik nicht wusste, was sie mit dem Kind machen sollte, das beim Heranwachsen immer beängstigendere und unkontrollierbarere Anfälle hatte, ausgelöst von etwas, das niemandem verständlich war.

All das sah der Junge unschuldig aus einem ganz anderen Blickwinkel: Der Gesang hatte, so war er überzeugt, ausgesprochen wohltuende Wirkung, er hatte sogar die wunderbare Kraft, beim Abwasch zu helfen, die Wäsche und noch viele andere Arbeiten zu erledigen, denen sich die Mutter mit ihrer Stimme und einer Melodie widmete. Daher half er sich auch selbst mit Gesang, sei es zur Zerstreuung, wenn er sein liebgewonnenes Xylophon spielte, sei es, wenn er schwierigere Aufgaben wie das Stapeln von Klötzen oder etwas Vergleichbares vor sich hatte. Wenn er etwa mit einem Holzhammer auf das blaue Dreieck klopfen musste, das in die ebenso dreieckige Öffnung in der hübsch lackierten Platte musste, stimmte er zuerst ein Lied in der passenden Tonart an, mit dem er sich Mut für den Schlag machte, dann schlug er entschlossen zu: Wie durch Hexerei – und zur großen Freude des kleinen Musikzauberers – wallte die Farbe mit der Frequenz des gesungenen Tons auf und der Stein glitt an seinen Platz. Wenn aber einmal der Gesang nicht bewirkte, was er seiner Überzeugung nach sollte, war daran nicht die Musikmagie schuld, sondern die dummen Spielzeugwürfel (sie liegen falsch in der Schachtel, mit dem Klotz ist etwas nicht in Ordnung, die Unterlage passt nicht etc.), was zwar nichts mit der objektiven geometrischen Ordnung der Wirklichkeit zu tun hatte, es entsprach jedoch der Maxime, die Musik habe die größte Macht; in dieser, jener und allen anderen Welten zugleich.

Es ist bekannt, dass Kinder – vor allem die männlichen, die sich im Vergleich zu Mädchen in emotionaler Hinsicht langsamer entwickeln – ihr Verhältnis zum Paar Vater-Mutter in Schwarz-Weiß-Zeichnungen darstellen, auf denen die Mutter oft in hellen und der Vater in dunklen Tönen gehalten ist. Das lehrte uns unter anderem ein Wiener Zigarrenraucher, der jedoch leider keine exaktere Gebrauchsanweisung oder farbige Linse beilegte, mit denen es möglich gewesen wäre, solch eine bipolare Optik zu verhindern. Das Negativ ist keine zufriedenstellende Lösung, da es nur die gleiche Logik umdreht (Mutter dunkle, Vater helle Farben), ebenso wenig wie dramatische Alternativen (das depressive Leben eines Aschenputtels oder die groteske Komödie des tragischen Königs Ödipus).

Auch der kleine Gabrielius Rex fand sich entgegen seinem Willen in solch einem traditionellen zweifärbigen Druck, dem er jedoch als Urheber eigene Nuancen hinzufügte: dem hellen Glanz der Mutter schrieb er ungerechtfertigt einen engelhaften Sopran zu, wenngleich ein menschlicher Mezzosopran viel eher zu ihr passte, in des Vaters dunkleren Farben hörte er zu Unrecht den Bass, wenngleich ein unbefangenes Ohr in dessen baronhafter Stimme einen etwas höheren, beinahe schon marquisartigen Bariton erkennen würde. Im Einklang mit der eigenen jungenhaften Ordnung vergötterte der Kleine die Mutter, ihren Gesang und Tanz und die Stimme und Statur mit dem gleichen Eifer, wie er des Vaters Gesetzgebung verachtete, laut der die oberste Regel vorschrieb, der Gesang habe zu enden, wenn das erschöpfte Familienoberhaupt nach Hause käme. Nun, wenn man es genau nimmt, nicht nur das Haupt, sondern auch die Arme und Beine und all das Zeug dazwischen, ohne das das Leben zwar einfacher wäre, doch kann sich der Mensch nur schwer vorstellen, wie er ohne diese fünf Körperteile umherspazieren sollte – und dennoch, versuchen wir es: die Beine würden jedes für sich hüpfen, die Arme würden sich mit Hilfe der Finger wie eine Spinne mit Schweif dahinschleppen, der Kopf würde rollen, indem die Zunge nach jeder Runde neuen Schwung gäbe.

Natan Goldman als ganzheitlich ausgestaltete Person mit Vor- und Zunamen und Kopf und allem anderen am jeweils passenden Ort mochte weder Gesang noch Tanz noch irgendetwas anderes Musikbezogenes, im Grunde genommen mochte er überhaupt nichts Künstlerisches, sodass man ihn fragen könnte, was seinem Leben Genuss bereitete (wenn er es überhaupt genoss). Man könnte ihn fragen, doch antworten würde er wahrscheinlich nicht, da er durch so eine Frage mit Sicherheit beleidigt wäre. Antwortete er doch, so würde er wohl sagen, dass er die Arbeit genoss (doch lassen wir die Mutmaßungen und fragen wir direkt: „Was bereitet Ihrem Leben Genuss, Herr Goldman?“ – (mit beleidigtem Unterton:) „Der Handel mit Konserven natürlich!“). Nun lässt sich ein klein wenig besser verstehen, warum ihn Cecilias unnützes, nicht verwertbares und ungerechtfertigtes Singen beunruhigte, diese Miniatur einer wahren Kunst, die zuallererst und vor allem sich selbst zum Zweck hat (da können die Kunstfunktionalisten, Stipendisten, Propagandisten und alle anderen „-isten“ in ihrem neiderfüllten Dasein sagen, was sie wollen). Umso mehr als er Cecilias Gesang für ein schlechtes Vorbild für die ohnehin bereits problematischen Lautäußerungen seines Sohnes halten dürfte, wie seine ausgesprochen scharfsinnige psychologische Interpretation lautete, die unter Umständen bis in den tiefsten Kern des Unterbewussten vordringt. Tatsächlich war es genau umgekehrt, schließlich lehrte Cecilia Gabriel entsprechend ihrer Mission als Schutzheilige der Musik, die Willkürlichkeit des Klangs zu beherrschen (nota bene das Fehlen von „der eigenen Stimme“ im Satz).

Natan erklärte sich alles – so wie die meisten Spontanpsychologen, die man überall, vor allem in Bars und Kaffeehäusern, zu späten Abendstunden antrifft –, indem er seine eigenen Vorlieben als Maßstab anlegte. In etwa so, wie es die Juden in den frühen Morgenstunden der Geschichte getan hatten, als der Mensch, der noch keinen Kaffee getrunken hatte, noch herzhaft gähnte: Dieses ausgesprochen musikalische, doch offensichtlich bildnerisch untalentierte Volk verbot sich nämlich die Schaffung von Abbildern und sah in jeglicher bildlichen Darstellung die Lasterhaftigkeit aller anderen Völker am Werk. So auch Natan: Musik gefiel ihm nicht, daher war die Musik schuld am problematischen Zustand seines Sohnes, der zu einer immer größeren Bedrohung für seine eigene Geschäftstätigkeit wurde. Auf ähnliche Weise verabscheute er den Müßiggang und sah daher in der Faulheit die Quelle allen Übels, als sei er nicht Teil des auserwählten Volkes, sondern der fleißigen protestantischen Gemeinschaft, die in jedem Tag des Herren eine passende Gelegenheit für schon wieder eine Stimmabgabe findet. Schließlich hasste er auch die Demokraten, weil gerade die Demokratie am schlechten Zustand der Republik schuld war, wobei der Ausdruck „hassen“ vielleicht etwas übertrieben ist, denn er mochte Demokraten in etwa genauso wenig wie Rindfleisch, dem er die Schuld für seine schlechte Verdauung gab und in weiterer Folge für den schlechten Zustand des amerikanischen Geistes.

Der pater familias Goldman verbot also in seinem Haus Musik und all ihre mehr oder weniger entfernten Verwandten wie Geräusche und Lärm, vor allem wenn er ankündigte, sich kontemplativen Dingen zu widmen, was in folgender hierarchischer Ordnung und unter maximaler Ausnutzung der geräumigen Wohnung Folgendes umfasste: Studium der Thora, die er – um einwandfreie Beleuchtung sicherzustellen – auf einem Ständer am Fenster seines präsidentenhaft ovalen, tresorartig abgesperrten Arbeitszimmers gestellt hatte; Lesen der bunten Palette an Tageszeitungen, von denen nur das Wall Street Journal den Status der objektiven Wahrheit hatte, am großen Tisch im Esszimmer, um den zwölf Personen Platz hätten; regloses Schachspiel mit seinem Freund Bauman am offenen Kamin im Wohnzimmer, der die exakt geschnitzten schwarzen und weißen und schwarz-weißen Figuren erhellte und sie auf besondere Weise vor den Augen des kleinen Gabriel zum Leben erweckte, der während der Partie die Luft anhielt, in etwa so, wie es Staatsbürger während der Herrschaft der Partei tun.

Im Moment, als Natan von der Arbeit nach Hause kam und im Vorzimmer das Rasseln der Schlüssel zu hören war, hörte Cecilia erschrocken auf zu singen und machte schweigend weiter, womit sie gerade beschäftigt war. Ein paarmal wandte sie sich besorgt zu ihrem Sohn, der ebenso erschrocken verstummte, um dann mit aller Liebenswürdigkeit, über die eine gute Ehefrau verfügt, und allen schauspielerischen Fähigkeiten, die sie sich beim Dramazirkel erworben hatte, den Auftritt ihres Mannes auf die Bretter der heimischen Bühne zu begrüßen. Auch das ahmte der kleine Imitator gewissenhaft nach, was ihn vor so mancher Unannehmlichkeit bewahrte; vor allem aber trug zur Vermeidung von Spannungen der Umstand bei, dass alle musikalischen Aktivitäten auf die Vormittage beschränkt waren, wenn er sich mit seiner Mutter Spiel, Gesang und Tanz hingeben konnte. Cecilia sang ihrem Sohn viele Lieder vor, deren Texte oder zumindest Melodien sie von Platten kannte, die sie auf einem Grammophon der prestigeträchtigen Marke His Master’s Voice abspielte. Ihr Mann hatte es ihr – nicht ohne Missfallen über ihren Wunsch, nicht von Stille umgeben zu sein, wenn er fort war – beim Einzug gekauft.