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Ein Mann zwischen Aufbruch und Untergang Die wilden 90er Jahre in Berlin neigen sich dem Ende zu, und Johan versucht, der sich normalisierenden Stadt zu entkommen. Er folgt seinem Drang nach Freiheit und Abenteuer – das funktioniert zunächst, aber nicht ohne Kompromisse. Seine Träume muss er immer wieder der Realität anpassen. Mit dem Übergang ins neue Jahrtausend keimt neue Hoffnung. Voller Zuversicht startet Johan in die Selbstständigkeit, erhält spannende Aufträge im Ausland und erlebt, wie vieles in seinem Leben scheinbar perfekt läuft. Doch innerlich spürt er, dass Kräfte gegen ihn arbeiten. Zwischen Familie und Fernreisen, Verantwortung und Freiheitsdrang gerät er in eine existenzielle Krise. Dann eröffnet sich ihm plötzlich eine überraschende Chance – riskant, aber unwiderstehlich. Zerrissen zwischen Fernweh und Erschöpfung trifft Johan eine Entscheidung, und sein Leben nimmt eine dramatische, scheinbar unumkehrbare Wendung. Er gerät in eine Spirale aus Schuld, Bedrohung und Angst. Schließlich erkennt er, dass der größte Kampf nicht draußen, sondern in ihm selbst tobt. GOLDOCKER ist ein fesselnder, atmosphärisch dichter Roman über das Ringen zwischen Ideal und Pflichtgefühl, zwischen Freiheit und Bindung. Abenteuer, psychologische Tiefe und gesellschaftlicher Hintergrund verbinden sich zu einer Geschichte über Bewegung und Verwurzelung, Ideal und Realität – hochaktuell und berührend.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Johan steht an der Schwelle zwischen Freiheit und Untergang. Ein riskanter Schritt, und sein Leben gerät außer Kontrolle – der größte Kampf aber findet in ihm selbst statt.
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© 2025 Jo Haning / Stefan Elsing
Im Dickicht 35, 14532 Kleinmachnow
Cover: Stefan Elsing
ISBN: 9783819470103
1. Auflage November 2025;
Überarbeitete und gekürzte Neuausgabe des Romans
„Der unwiderstehliche Sog des Abendlichts über einer sanften Hügellandschaft zum Ende eines Sommertags"
Die in dieser Erzählung geschilderten Ereignisse und Handlungen sind fiktiv. Der Hintergrund, vor dem sie für die Leserin und den Leser ausgebreitet werden, basiert auf tatsächlichen Gegebenheiten und wahren Geschichten.
Einzelne Figuren könnten von real existierenden Personen inspiriert sein. Daher wurden sämtliche vorkommenden Personennamen und Bezeichnungen von Institutionen geändert.
Ich dachte, ich sei so frei, wie es nur wenigen Menschen möglich ist. Das konnte ich überzeugend erzählen und glaubte es selbst. Ich konnte die Signale meiner Gefühle und Gedanken ignorieren.
Wirklich frei bin ich erst, seit ich das unsichtbare Korsett sprengen konnte, lange nachdem ich es zu spüren begann und es schließlich erkannte.
Eine Sprengung ist immer dramatisch. Es geht um Leben und Tod.
Johan
1997.
Johan sitzt in einem provisorisch eingerichteten Besprechungsraum in den Ruinen riesiger Abhöranlagen aus den Zeiten des Kalten Krieges. Hier, auf dem Teufelsberg in Berlin, müsste er genau das spüren, wofür er nach Berlin gekommen ist: Wie die Stadt nach Wegen sucht, mit ihren Vergangenheiten umzugehen und dabei Schritte in die verheißungsvoll erscheinende Zukunft unternimmt.
Allerdings spürt er davon nichts. In dem Meeting geht es um eine mögliche Nutzung des Areals als Hotelanlage. Und die Ingenieurgesellschaft, für die Johan aktuell gerade tätig ist, soll einen Auftrag zur Untersuchung verschiedener Varianten für die Verkehrserschließung bekommen. Er ist maximal halb bei der Sache. Und was er denkt, hat weniger mit Berlins Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft zu tun, als vielmehr mit seinem eigenen. Wie sehr er sich in Besprechungen wie dieser langweilt - und dabei von einer Rückkehr nach Afrika träumt.
Seit ein paar Tagen weiß er, dass sich dazu vielleicht demnächst eine Chance ergibt. Seit er hastig den lang ersehnten Brief der European Association for Co-Operation geöffnet hat.
Es ist mehr als zweieinhalb Jahre her, dass er den ersten von vielen Schritten machte in dem Bewerbungsverfahren. Schon damals lebte er mit Henrieke zusammen in einer gemeinsamen Wohnung in Berlin. Dennoch konnte er sich weitgehend ungebunden fühlen und nach Jahren des Angestelltendaseins und der Arbeit in Deutschland seine Fühler wieder in Richtung Ausland austrecken. Seine Freundin hatte seine Pläne von Anfang an unterstützt. Henrieke konnte sich sogar vorstellen, mit auszureisen.
Aber gerade im Hier und Jetzt genießen sie beide das Leben in Berlin. Und aktuell sogar mehr als je zuvor, denn sie haben vor Kurzem ihre Tochter bekommen – Rosa, ein Wunschkind! Im nächsten Monat soll sie getauft werden, auf ihrer Hochzeit.
Die Träume von einem erneuten Auslandsaufenthalt wurden also in den letzten Monaten deutlich in tiefere Schichten des Bewusstseins verdrängt. Außerdem: Das waren ja nur Pläne – bis jetzt.
Das Telefon klingelte früh am Morgen. Henrieke schlief noch, Johan wollte gerade zu dem Akquisitionstermin am Teufelsberg aufbrechen. Er hob eilig den Hörer ab und meldete sich unwirsch. Auf Englisch hörte er:
„Spreche ich mit Johan?“
„Ja, der ist am Apparat“, beeilte er sich deutlich freundlicher zu antworten. In den vergangenen Monaten waren Anrufe, bei denen sich die Anruferinnen auf Französisch oder Englisch meldeten, immer wichtig und erfreulich gewesen, es ging in der Regel um Vereinbarung von Terminen für Auswahltests und Bewerbungsgespräche, oder aber es wurde ihm mitgeteilt, dass er einen Test bestanden habe und eine Runde weiter in dem komplexen Auswahlverfahren sei. Er hielt den Atem an vor Spannung.
„Ich rufe aus Brüssel an, es geht um die diesjährige Besetzung der Stellen für Beigeordnete Sachverständige in der Kommission der Europäischen Gemeinschaften.“
„Ja ….?“
Johan stockte der Atem.
„Bestens! Also, ich kann Ihnen heute mitteilen, dass sie für einen solchen Posten ausgewählt wurden.“
Das war genau das, was Johan hören wollte. Unglaublich, diese Worte einfach so unspektakulär aus dem Hörer fallen zu hören. Er wollte sich einfach nur freuen, aber das Gespräch war ja noch nicht zu Ende.
Oh je, habe ich jetzt eine zu lange Pause gemacht?
„Ja … ähem. Wow, das ist eine gute Nachricht. Da habe ich lange drauf gewartet und kaum noch mit gerechnet...“
„Ja, das Verfahren zieht sich. Es ist aber auch nicht ganz unkompliziert. Wir haben die erfolgreichen Bewerber den aktuell offenen Stellen gegenübergestellt. In Ihrem Fall haben wir aufgrund Ihrer Vorerfahrung versucht, sie möglichst in der Generaldirektion 8 unterzubringen.“
Perfekt! Johan hatte Probleme, seine Freude nicht spontan ausbrechen zu lassen, sondern möglichst professionell zu bleiben. Die GD 8 der Europäischen Kommission ist – das weiß er natürlich – für die Zusammenarbeit mit den Staaten Afrikas, des Pazifikraums und der Karibik zuständig.
„Können Sie denn kurzfristig eingesetzt werden?“
Johan sackte das Herz in die Hose. Kurzfristiger Einsatz? Er wird in wenigen Wochen heiraten! Da gibt es noch einiges zu tun. Und Ihre Tochter ist gerade erst ein paar Wochen alt, da hat sich noch keine Routine eingestellt. Und in seiner Firma weiß man noch nichts von seinen Plänen, zu kündigen.
„Hm, was hieße den in diesem konkreten Fall ´kurzfristig´?“
„Sie müssen ja ein Pre-Posting-Programm in Brüssel durchlaufen, bevor sie zu Ihrem Einsatzort geschickt werden können.“
Pause.
„Ja ...“
„Ich könnte sie in einem Programm unterbringen, dass im September anläuft. Das Pre-Posting dauert zwei Wochen. Sie sollten im Oktober dann im Einsatzland sein.“
Okay, das müsste machbar sein. Die Hochzeit ist am Sommeranfang, wir hätten den ganzen Juli und den August zur Vorbereitung. Mit der Kündigung muss ich sehen – die Kündigungsfrist von drei Monaten kann ich nicht einhalten, aber aufgrund der mauen Auftragslage sind sie in der Firma sicher froh, einige Mitarbeiter kurzfristig loszuwerden.
Jetzt ist Anfang Juni. Das ist schon zu machen, auch wenn es sicher sportlich wird …
„Okay, zeitlich kriege ich das hin.“ Johan war erleichtert. Er fasste sich ein Herz: „Können Sie mir sagen, was mein Einsatzort sein soll?“
„Natürlich. Sie kommen in die Delegation in Freetown, Sierra Leone.“
Kurze Zeit fiel ihm nichts ein. Er konnte keinen richtigen Gedanken fassen. Als er merkte, dass eine längere Gesprächspause entstand, fragte er leise und hoffte, als er sich sprechen hörte, nicht zögerlich zu wirken:
„Sierra Leone – herrscht da nicht gerade Bürgerkrieg?“
„Das stimmt schon, aber nach unserer Einschätzung der Lage, die natürlich laufend aktualisiert wird, ist es in der Hauptstadt durchaus noch sicher.“
„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich wirklich und kann mir auch vorstellen, in Freetown zu arbeiten. Aber wie Sie vielleicht wissen, werde ich mit Familie ausreisen. Wie ist es denn dann mit der Sicherheit und der Bewegungsfreiheit meiner Frau und meiner Tochter?“
„Tochter? Wieso Tochter? Hier steht nichts von einer Tochter. Wie alt ist sie denn?“
„Bald zwei Monate …“
„Dann haben sie uns vielleicht noch nicht gemeldet, dass sie eine Tochter haben?“
„Na ja, doch. Ich habe bei der zuständigen Stelle in Deutschland Bescheid gegeben. Vielleicht haben die die Information noch nicht nach Brüssel weitergeleitet?“
Johan wurde unruhig. Hatte er einen Fehler gemacht, der ihn jetzt aus dem Rennen beförderte?
„Wie auch immer, aber ich sehe hier aktuell keine Einschränkung für mitausreisende Familien. Das sollte also kein Problem darstellen.“
Johan atmete tief ein und aus. Also erstmal annehmen und dann in Ruhe sehen, wie wir damit klarkommen, denkt er. Dann beeilte er sich, dem Mann am anderen Ende der Leitung zu versichern:
„Das beruhigt mich. Ich freue mich sehr über die Zusage und auf die Stelle. Wie geht es denn nun weiter? Wie komme ich an meinen Vertrag?“
„Den senden wir Ihnen zu, mit allen Angaben zur Ausreise und dem Pre-Posting. Sobald wir den unterschriebenen Vertrag haben, informieren wir die Delegation in Freetown und dann geht es an die Buchungen für das Seminar in Brüssel und den Umzug nach Sierra Leone.“
Johan legte langsam den Hörer auf.
Sierra Leone. Ausgerechnet Sierra Leone. Nach mehr als zweijährigen Auswahlverfahren bietet ihm die Recruiting-Organisation endlich einen Job an. Und es handelt sich tatsächlich um einen Job in Afrika! Aber in einem Bürgerkriegsland.
Er beschloss, Henrieke noch nichts zu dem Jobangebot zu sagen. Zuvor braucht er dringend mehr Informationen zur Lage vor Ort und generell zu Freetown und Sierra Leone. Er schlich sich aus dem Haus, um seine Freundin und seine Tochter nicht zu wecken. Auf dem Weg zum Teufelsberg nahm er sich vor, nach dem Meeting in die Stadt zum Geographischen Institut der Universität zu fahren und dort in den Zeitschriften und Büchern nach Informationen zu suchen. Und sich mit Argumenten für das Gespräch heute Abend mit Henrieke einzudecken. Denn ihm schien, er könne – er dürfe – das Angebot nicht ablehnen.
1997.
In der Besprechung sind seine Gedanken nicht bei dem Vortrag der Investoren, die an diesem Ort ein Luxusressort inmitten eines Schutzgebietes errichten wollen. Wenn er versucht, sich auf das Thema hier im Raum zu konzentrieren, merkt er, dass er schon auf Abstand gegangen ist. Er kann das befreiende Gefühl schon spüren, das sich einstellen wird, sobald seine Entscheidung für den Posten in Freetown gefallen ist. Seine Gedanken schweifen immer und immer wieder ab – und immer öfter landen sie bei dem heute Abend anstehenden Gespräch mit Henrieke.
Nach dem Meeting schwingt er sich auf seine Vespa und fährt in die Bibliothek des Geographischen Instituts am Breitscheidplatz. In den Katalogen sucht er nach aktuellen Zeitungsartikeln zur Situation in Sierra Leone und nach Zeitschriftenartikeln zur Entwicklung in diesem west-afrikanischen Land. Er sichtet Material und hofft dabei, auf Informationen zu stoßen, die aus dem für ihn unbekannten Sierra Leone ein Gebilde machen, dass ihn an Ghana erinnern kann.
Nach gut zwei Stunden macht er sich mit einem Stapel Zeitungen, Zeitschriften und ein paar Büchern auf den Weg zum Kopierer. Während er Seite für Seite interessante Artikel und Textstellen kopiert, stellt er sich vor, wie Henrieke auf seine Nachricht reagieren wird.
Wie soll ich es ihr überhaupt sagen? Und auf welche Reaktionen sollte ich mich einstellen?
Als er mit einer prall gefüllten Mappe voller DIN A4 Kopien im Rucksack zu seinem Roller geht, hat er immer noch keine Antworten auf seine Fragen.
Was, wenn Henrieke es rundherum ablehnt, mit Rosa nach Freetown auszureisen? Er merkt, dass er für sich schon entschieden hat, das Wagnis einzugehen.
Auf dem Weg nach Hause fährt er noch im Büro vorbei und ruft von dort aus die Vermittlungsagentur in Frankfurt/Main an, die für ihn Ansprechpartner auf deutscher Seite im Auswahlverfahren ist. Leider können sie ihm keinen Kontakt zu jemandem herstellen, der aktuell in Sierra Leone arbeitet oder vor Kurzem dort gearbeitet hat.
Johan fällt ein, bei seinen damaligen Kolleginnen im Kenia-Projekt einmal nachzufragen, wie es aus ihrer Sicht um einen Einsatz in Sierra Leone steht: Julia arbeitet mittlerweile beim Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit, und Susanne bei einer großen internationalen Nicht-Regierungsorganisation.
Die beiden Gespräche beflügeln ihn. Susanne und Julia freuen sich riesig für ihn, sie wissen, wie sehr er nach einer Möglichkeit sucht, wieder in Afrika zu arbeiten. Beide haben auch schon Kinder und würden – so sagen sie – mit denen durchaus nach Sierra Leone ausreisen. Sie sind der Meinung, die Sicherheitslage werde von den zuständigen Stellen zuverlässig überprüft und eingeschätzt, bei Gefahr würde frühzeitig gehandelt. Und in den Hauptstädten Afrikas könne man sich und Kinder sehr gut versorgen, auch medizinisch. Konkret können sie beide niemanden nennen, der die Situation vor Ort aus eigener Anschauung kennt, aber sie würden sich in ihren Kreisen umhören.
Das ist doch schon mal ein Anfang, macht sich Johan Mut. Er ist der letzte Mitarbeiter im Büro, alle anderen sind bereits gegangen. Er schaut durch die leeren Räume und denkt daran, dass – wenn alles gut läuft – seine Tage hier gezählt sind. Aber da ist keine Wehmut! Beschwingt verlässt er das Büro und rast mit seiner Vespa durch den dichten Feierabendverkehr nach Hause ins Heidefeld am Rande Berlins. Als er den Roller im Garten des großen, aber nach dem Verfall während der DDR-Zeit noch nicht wieder renovierten Hauses parkt, in dem sie eine günstige Wohnung gemietet haben, ist er nervös.
Wie wird Henrieke reagieren?
Bevor er das herausfinden kann, muss er erst einmal seine Freundin und seine Tochter ausgiebigst begrüßen. Es ist für ihn immer noch unfassbar, dass das hier seine Familie ist, dass er Verantwortung trägt für das kleine Wesen, das da so schutzbedürftig in seiner Wiege liegt. Ihm kommen wieder Zweifel: Kann ich wirklich so tun, als sei das kein Risiko, mit einem dann gut halbjährigen Kind in die Tropen zu reisen, und das auch noch in ein Land, in dem in weiten Teilen ein Bürgerkrieg herrscht?
„Ich muss mit dir reden.“
„Worum geht’s denn?“
„Die haben sich endlich aus Brüssel gemeldet.“
„Wirklich? Ehrlich? Hast Du einen Job? Wo geht es hin?“
„Na ja, nicht in die Karibik oder in den Pazifik …“. Johan weiß, dass Henrieke Gefallen daran findet, sich auf einer Karibik- oder Pazifikinsel zu sehen, mit ihrer Tochter am Strand…
„Schade. Aber okay, stattdessen? Spann mich doch nicht so auf die Folter!“
„Nach Freetown.“
„Ähm, wo ist das?“
„Westafrika. Sierra Leone.“
Stille. Man hört das Knistern der Spannung bei Johan und das Rattern der Gehirnzellen bei Henrieke.
„Sierra Leone? Das ist nicht dein Ernst! Da herrscht doch Bürgerkrieg! Wissen die, dass wir ein Baby haben?“
„Ja, jetzt schon.“
„Jetzt schon?“
„Ja, ich glaube, meine Mitteilung dazu ist nicht an alle Stellen weitergeleitet worden. Aber sie sagen, Freetown sei sicher.“
„Willst du das machen?“
„Nur, wenn wir das zusammen machen!“, stellt Johan sofort klar. Nicht eine Minute hat er darüber nachgedacht, alleine nach Sierra Leone auszureisen.
„Es ist, was ich mir gewünscht habe. Abgesehen von den Unruhen im Land. Aber das kann sich ja auch schnell wieder beruhigen. Aktuell gibt es keine Einschränkungen für einen Aufenthalt in der Hauptstadtregion. Die Lage wird beobachtet und wenn sich etwas ändert sofort neu bewertet. Ich denke, darauf kann man sich erstmal verlassen.“
„Du würdest das also machen wollen?“
„Na ja, ich bin nicht uneingeschränkt begeistert. Natürlich mache ich mir Sorgen – ich habe den ganzen Tag nach aktuellen Infos gesucht.“
„Wo denn?“
„In der Bibliothek. Außerdem habe ich in Frankfurt bei der Vermittlungsagentur angerufen. Die konnten nicht viel sagen, aber meinten, ich solle das machen. Es ist halt eine Chance. Und ich weiß nicht, ob da eine zweite kommt.“
„Hm, …“
„Ich habe auch mit Susanne und Julia gesprochen. Sie würden es machen, auch mit ihren Kindern. Sie sagen, die internationalen Organisationen schicken einen nirgendwo hin, wo es zu gefährlich ist.“
Henrieke atmet durch. Sie muss erstmal Johans Vorsprung an Gedanken aufholen.
„Och man, ich hatte mir das so vorgestellt, dass ich meinen Mutterschaftsurlaub mit dir und Rosa entspannt in einem tollen Land verbringe und wir es kreuz und quer bereisen und erkunden. In Sierra Leone könnten wir nicht durchs Land reisen, oder?“
„Im Moment nicht, aber das ändert sich ja ständig.“
„Wir wären also in der Region um Freetown eingeschlossen.“
„Wahrscheinlich“, muss Johan zugeben. Das ist ein Gedanke, der ihm selber überhaupt nicht behagt. Schnell ergänzt er: „Aber Freetown ist echt eine spannende afrikanische Stadt …“
„Wann musst Du zusagen?“
„Na ja, irgendwie habe ich schon zugesagt …“
„Was?“
„Na ja, ich muss mir das doch warmhalten. Und absagen kann ich immer noch, die schicken ja jetzt erstmal den Vertrag.“
„Ich muss mir das genau durch den Kopf gehen lassen.“
„Klar doch, ich ja auch. Ich habe mal interessante Stellen aus den Unterlagen kopiert. Das ist schon reizvoll … Und Susanne und Julia hören sich mal unter ihren Kollegen um, vielleicht können wir uns vor der Entscheidung nochmal mit jemanden unterhalten, der vor Ort ist oder war.“
„Okay, lass uns da gemeinsam langsam rangehen. Ich will nicht, dass wir irgendein Risiko für Rosa eingehen.“
Henrieke wirkt nun gestresst – und das ist wirklich nicht die Reaktion, die sich Johan erträumt hat, wenn er ihr die Nachricht von einem Angebot in Afrika überbringt.
„Ich doch auch nicht. Was meinst Du, wie enttäuscht ich bin, dass ich da jetzt einen Job angeboten bekomme, wie ich ihn mir seit Langem erträume: in der EZ, in Afrika, sogar gut bezahlt. Alles passt, sogar das Timing. Und dann ist es ein Land, in dem Bürgerkrieg herrscht.“
„Weißt du, vor der Schwangerschaft hätte ich sofort zugesagt. Aber so... Irgendwie kann ich mich nicht richtig freuen. Wann sollte es denn losgehen?“
„Im September wäre ein zweiwöchiges Pre-Posting in Brüssel. Wir würden direkt anschließend daran von dort nach Freetown fliegen.“
„Puh, dann kriegen wir das mit der Hochzeit und der Taufe gerade noch so hin.“
Die Nacht ist unruhig. Mehrfach steht Johan auf, geht hinüber ins Kinderzimmer, das er kurz vor Rosas Geburt noch lindgrün gestrichen hat, mit einer dunkelgrünen Bordüre. Er steht an der Babywiege aus Bast, die sie als Erbstück von Henriekes Familie für Rosa ausgeliehen haben, schaut auf seine Tochter und hält eines ihrer kleinen Händchen. Draußen ist es stockdunkel, aber er muss kein Licht anmachen, um jede Kleinigkeit und jede Bewegung in Rosas Gesicht genauestens betrachten zu können, da die alte DDR-Laterne ihr angenehmes gelbes Licht bis in das Kinderzimmer wirft. Sie ziehen die weißen Stoffvorhänge nie vollständig zu.
Es müsste vollkommen sein, denkt sich Johan, während er genau fühlt, dass irgendetwas fehlt. Er schaut sich um, lauscht in die Nacht, kein Geräusch ist zu hören. Nur das ruhige Atmen seiner kleinen Tochter. Dieses Gefühl tief in ihm, irgendwo zwischen Kopf und Bauch, nistet sich ein, um zu bleiben.
2006.
Johan reist viel in seinem neuen Job. Die vielen Flüge, die er absolvieren muss, resultieren nicht nur aus der großen Anzahl von Projekten in aller Welt, sondern auch aus der Tatsache, dass es sich bei den meisten der Länder, in denen er tätig ist, eher um kleinere, oft neue Staaten handelt, mit großem Nachholbedarf was die Flugverbindungen in die damaligen Zentren Europas angeht. Und da Berlin immer noch weit davon entfernt ist, ein Drehkreuz im Luftverkehr zu sein, beinhalten seine Flugverbindungen meistens einen oder zwei Zwischenstopps, was die Anfälligkeit für Störungen des Reiseverlaufs sehr erhöht.
Als Vielflieger klagt er über die regelmäßigen Verspätungen und Flugausfälle, die dazu führen, dass er viel zu oft – vor allem freitags – nicht bei seiner Frau und den zwei kleinen Kindern sein kann, sondern sich im Pulk mit vielen anderen Reisenden an auf der einen Seite überfüllten und auf der anderen Seite unterbesetzten Transferschaltern der unterschiedlichsten Flughäfen um Umbuchungen auf möglichst die nächsten Verbindungen kümmern muss.
Oft endet ein solcher Abend mit einer Übernachtung auf einem Flughafen. Oder man wird in ein Airport-Hotel einquartiert, was aber nicht wirklich eine bessere Option darstellt: Man muss sich am Counter anstellen, um einen Voucher für den Shuttle-Bus zum Hotel und für die Über-nachtung zu bekommen. Dann steht man Schlange am Shuttle, der verschiedene Hotels nicht etwas im Umfeld des Flughafens, sondern im weiten Umland Frankfurts oder Münchens abfährt. Beim Check-in im Hotel der Kategorie „Vertreter-Hotel“ wartet die nächste Schlange. Nach der späten Ankunft bleibt zum Hungerstillen nur noch ein abgegessenes Buffet inmitten benutzen Geschirrs. Das Frühstück frühmorgens – der Shuttle-Bus fährt bereits in aller Herrgottsfrühe los, um rechtzeitig bei Schalteröffnung am Flughafen zu sein – besteht aus eingeschweißten Schnitten, den Kaffee kann man sich am Automaten ziehen oder aus Thermoskannen einschenken, die wahrscheinlich schon am Abend zuvor aufgefüllt wurden.
Johan muss viel zu viel Zeit an den Flughäfen verbringen. Der für den Umstieg zwischen zwei Flügen einzuplanende Zeitpuffer ist im Laufe der letzten Jahre, insbesondere nach den Anschlägen von 11. September 2001, immer größer geworden.
Gleichzeitig sank die Aufenthaltsqualität an Bord und in den Abflugbereichen. Die Fluglinien und Flughäfen stellten auf Massenbetrieb um, der Anstieg der Fluggäste und Flüge erfolgte aber schneller als der Ausbau der Infrastruktur. Jeglicher Anspruch an Service und Gediegenheit des Fliegens wurde über Bord geworfen. Die Ankunfts- und Abflugbereiche wurden einander immer ähnlicher und führten gemeinsam immer unübersichtlichere Prozeduren ein. In den Terminalbereichen setzte sich eine langweilige Tristesse durch, der Aufenthalt am Flughafen wurde langweilig – oder zum Stresserlebnis.
Mit den Jahren hat sich Johan angewöhnt, die Wartezeiten mit dem Beobachten von anderen Reisenden zu verkürzen – Touristen und Geschäftsreisenden. Interessanterweise zählt er sich zu keiner dieser Kategorien.
Ganz besonders interessante Beobachtungen macht er an den Gepäcktransportbändern der Airports in den unterschiedlichsten Winkeln der Erde. Noch müde vom Flug betrachtet er die dort kreisenden Koffer und Taschen. Das ist insbesondere dann spannend, wenn die Passagiere mehrerer Flüge auf ihr Gepäck warten und sich somit Geschäftsleute, Backpacker, Auswanderer und nicht eindeutig zu klassifizierende Reisende um die Gepäckbänder drängen – immer so dicht, dass diejenigen, die endlich ihren Koffer auf dem Band erspähen, nicht ohne Gewaltanwendung nach vorne gelangen können, um ihn aufzunehmen. Das gehört offensichtlich zum Spiel.
Wie oft hat er den drei, vier Koffern hinterhergeschaut hat, die prinzipiell immer übrigbleiben, auf dem Band ihre Runden drehen und immer wieder an ihm vorbeikommen, während er zunehmend ungeduldig und verzweifelt auf sein Gepäck wartet. An manchen Flughäfen hat er erlebt, dass solche Gepäckstücke in einem Schuppen oder gar auf einer ungeschützten Fläche am Rande des Flugfeldes gesammelt werden und dort ohne weitere Beachtung auf ihre Besitzer warten. Er hat schon in mehreren Fällen seine beim Abflug aufgegebene Tasche aus einer solchen Situation befreit. Es ist nämlich keineswegs so, dass einem Flugreisenden sein verspätetes Gepäck in jedem Fall ins Hotel geliefert wird, sobald es mit dem nächsten Flug nachgekommen ist. Er erinnert sich noch genau an die Momente, in denen er in Podgorica, Skopje oder Chișinău während seines Einsatzes zum Flughafen musste, um inmitten von Bergen gestrandeten Flugreisegepäcks nach seiner Reisetasche zu suchen.
Manchmal denkt er daran, einmal zu einer der Auktionen des Zolls zu gehen, auf denen Fluggepäck, das nach der Ankunft nicht abgeholt oder auf der Reise irgendwo liegengelassen wurde, versteigert wird. Letztendlich ist er nie hingegangen. Seine Überlegung: Viele Koffer werden ganz bewusst nicht abgeholt, weil die Besitzer nicht auf die Gepäckausgabe warten wollen. Das kann er gut verstehen. Wie oft stand er in Tegel, meist nach einer ohnehin verspäteten Ankunft, vor dem Gepäckband, ohne das sich etwas tat. Und seine Familie wartete. Dann ging er in Gedanken den Inhalt seiner Reisetasche durch und überlegte sich, einfach ohne diese nach Hause zu fahren. Aber immer fielen ihm dann doch wichtige Unterlagen oder Geräte ein, die er schlecht zurücklassen konnte. Aber wenn ein Berliner nach einer Pauschalreise zurückkommt, dann hat er doch wahrscheinlich hauptsächlich schmutzige Wäsche im Gepäck. Die Touristen, die nach Berlin kommen, benötigen ihre Klamotten für die langen Tage und Nächte in den Clubs, die warten auf ihre Koffer. Und Geschäftsreisende, so vermutet Johan, lassen ihr aufgegebenes Gepäck ebenso wenig zurück wie er. Also kann er sich nicht vorstellen, dass bei den Kofferversteigerungen an den Flughäfen ein paar überraschende Schnäppchen gemacht werden können.
Zudem nimmt er an, dass Zollmitarbeiter die Koffer auf Waffen, Drogen oder auch auf Bargeld oder verderbliche Lebensmittel prüfen. Da mindert die Aussicht auf einen Schatzfund bei einer Auktion erheblich, sodass Johan sich bisher nie den letzten Schubs geben konnte, sich das einmal näher anzuschauen.
Obwohl es ihn immer noch reizt.
1997.
Gäbe es die eindeutige Aussage, für Kleinkinder sei das Klima in Sierra Leone zu schädlich, die Umweltbedingungen in Freetown zu ungesund, die Infrastruktur im Gesundheitswesen auch in der Hauptstadt nicht akzeptabel, eine Eskalation der Unruhen und deren Ausdehnung auch nach Freetown unausweichlich – Johan hätte nicht weiter überlegt, sondern sofort abgesagt. Aber so überwiegen in seinem Kopf Erinnerungen an Nairobi, Mombasa, Accra und Kumasi – afrikanische Städte, die er bereits kennenlernen durfte und in die er ohne zu zögern auch mit seiner kleinen Tochter ziehen würde.
Es geht um eine große Chance. Er hat erfahren, wie schwer es ist, im Bereich Internationale Entwicklung einen Fuß in die Tür zu bekommen. Den hatte er bereits dort und die Tür stand für ihn weit offen, nachdem er sein Projekt in Kenia abgeschlossen hatte. Doch mit seiner Entscheidung, 1991 erstmal zu schauen, was in den neuen Bundesländern passiert, hat sich die Tür schneller als gedacht wieder geschlossen. Als er dann wieder anfing, Bewerbungen für Stellen im Ausland zu schreiben, war sie schon fast zu. Der Wert erworbener Berufserfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit, insbesondere als Nachwuchskraft, verfällt schnell und Berufserfahrung außerhalb der EZ zählt gar nicht.
Ihm schwant also, dass es sich hier um eine ganz seltene, wenn nicht gar einmalige Chance handelt.
Am Morgen nimmt er sich spontan frei. Er hat das Gefühl, in einem Gespräch mit Henrieke würden sich seine Gedanken – oder vielmehr ihrer beider Gedanken – viel besser sortieren lassen. Das beste Umfeld für ein solches Gedankensortieren, da sind sich beide einig, bieten ihre zahlreichen Lieblings-Frühstückslokale in Kreuzberg. Zum Glück hat sich ihre Tochter als vollkommen unkompliziert erwiesen, sie scheint die Atmosphäre in solchen Lokalen (und zu Johans großer Freude auch die von Biergärten!) durchaus zu mögen. Also sitzen sie zu dritt und warten, dass sich nach dem ersten Kaffee die Überlegungen so weit formieren, dass sie ausgesprochen werden können.
„Also, wo stehen wir?“ startet Johan. Er will zumindest eine Tendenz erfahren, bevor das üppige Frühstück serviert wird.
„Du musst wissen: Ich freue mich, dass du im Bewerbungsverfahren erfolgreich warst“, Henrieke schaut ihn an. „Es ist auf jeden Fall ein großer Erfolg für dich. Und eigentlich ist das Timing nicht schlecht: Wir können vorher wie geplant heiraten. Ich kann meinen Mutterschaftsurlaub nehmen und nach unserer Rückkehr wieder zurück auf meine Stelle. Du bist unzufrieden in deinem Job. Wie es mit der Firma weitergeht, ist unklar. Bei der EU würdest du gut verdienen. Und es wäre der Startpunkt für eine Karriere – wie auch immer – im Bereich Internationale Entwicklung. Und in Afrika hat es uns beiden gefallen.“
„Das waren jetzt die positiven Punkte?“, fragt Johan nach.
„Genau. Das sind schon eine Menge. Vor allem sind sie recht konkret. Die Gegenargumente sind: Es geht hier leider nicht um Kenia, sondern um Sierra Leone. Und es gibt dort Unruhen oder gar einen Bürgerkrieg. Der hat zwar noch nicht die Hauptstadt erreicht, aber wer weiß?“
„Also, es ist doch eigentlich nur ein Gegenargument: die Sicherheitslage, oder?“
„Ja, und dass wir halt besondere Anforderungen daran stellen, weil wir mit Kleinkind ausreisen würden.“
„Okay, aber das weiß die Kommission ja jetzt, hoffe ich. Und sie würden uns dort nicht hinschicken, wenn die Sicherheitslage oder andere Umstände dagegensprächen. Viele Experten oder Entwicklungshelfer sind mit Kindern unterwegs, oft auch an Einsatzorten abseits der Hauptstädte, also richtig abgelegen, wie in Marsabit. Die kriegen das ja auch hin.“
„Aber wenn alles so bleibt, wie es ist, würden wir uns ja nur in Freetown und Umgebung aufhalten können.“
„Na ja, vielleicht wird das ja auch besser. Und würden wir denn mit Kleinkind wirklich so viel durch die Tropen reisen? Das würde doch anders als in Kenia und Tansania sein, als wir komplett ungebunden waren.“
Das Frühstück wird serviert. Als die Kellnerin außer Hörweite ist, sagt Henrieke:
„Wir müssen auch bedenken, dass es möglich ist, dass deine Firma zu macht oder dich entlässt, und dann stehen wir erstmal ohne Einkommen da, denn ich kann frühestens in einem Jahr wieder zurück in meinen Job.“
„Das ist ein weiteres Argument für den Job in Sierra Leone, oder?“
„Ich glaube einfach, dass wir uns diese Chance nicht entgehen lassen dürfen. Wenn die zuständigen Stellen sagen, wir können da alle zusammen hin, dann sollten wir das machen.“
Johan fühlt eine bislang in Lauerstellung verharrende Erleichterung und Freude sich Bahn brechen. Unweigerlich beginnt er zu grinsen.
Henrieke fährt fort: „Jetzt schauen wir uns den Vertrag an. Und vielleicht kannst du ja herausbekommen, was passiert, wenn du unterschreibst und nachher verschlechtert sich die Lage.“
„Alles klar, das kläre ich“, strahlt Johan seine zukünftige Frau an. „Und ab jetzt läuft die Vorbereitung auf unser erstes großes Abenteuer als Familie: Einsatz in Freetown!“
Voller Appetit stößt er die Gabel in das Rührei und schaut dann kauend auf seine Familie.
„Das kriegen wir hin. Das wird großartig!“
In den folgenden Tagen ist Johan beseelt. Alle Zweifel sind zwar nicht weg, aber lauern im Hintergrund und kommen nur hin und wieder nach vorne, um Präsenz zu zeigen. Zum Beispiel, wenn er seine Tochter badet oder an ihrem Bettchen sitzt und ihre winzige zerbrechliche Hand hält. Aber er genießt es nun, die ersten Schritte in der Vorbereitung auf die Ausreise zu tun.
Der Vertrag kommt. Aus den zahllosen Anlagen geht hervor, dass, sollte ein Einsatz an dem zugedachten Einsatzort aus Sicherheitsgründen nicht möglich sein, ein Ersatz gesucht wird. Auch sind dort die Regeln für den Fall einer Evakuierung erläutert.
Im Zuge der Vertragsgestaltung für seinen Einsatz wird Johan dermaßen von Papierkram konfrontiert, dass er den Eindruck gewinnt, es sei wirklich jedes Detail durchdacht und Vorkehrungen für alle Eventualitäten getroffen. Das ist zwar nervig, aber trägt zu seinem Gefühl der Sicherheit bei.
Nachrichten aus Sierra Leone schaffen es in der Zeit kaum in die Medien. Das verleitet Johan zuusätzlich, sich einer trügerischen Sicherheit hinzugeben.
Er unterschreibt den Vertrag.
2006.
Mitten in der Nacht landet Johan vollkommen übermüdet in Yerevan. Es ist seine erste Reise nach Armenien. Er hat den Sonntagabendflug ab Wien gebucht und ist um halb acht in Tegel in den Zubringer gestiegen. Trotz großzügig eingeplantem Puffer war es wegen des verspäteten Abflugs in Tegel beim Umsteigen in Wien knapp geworden. Mit Mühe hat er es noch rechtzeitig in den Flieger geschafft und steht nun nach der Einreiseprozedur in Armenien vor der Gepäckausgabe. Es ist für die späte Uhrzeit viel los am Flughafen, fällt Johan auf.
Er sieht sich um. Es ist trotz nächtlicher Stunde immer noch sehr warm. Er ist froh, von einem Fahrer der DGZ, der Deutschen Gesellschaft für Entwicklung und Internationale Zusammenarbeit, seinem Auftraggeber, abgeholt zu werden. Müde wie er ist, würde er sich nur ungern in den nach seiner Erfahrung zu erwartenden unübersichtlichen Trubel vor dem Flughafen um ein Taxi zum Hotel begeben müssen. Er wartet, starrt auf die Klappe in der Wand, wo sich aus seiner Perspektive der Anfang des Gepäckbandes befindet. Aber so ein Band hat weder Anfang noch Ende, es läuft und läuft und mal kommen in einem Pulk viele Gepäckstücke dicht gedrängt, und dann wieder eine Zeit lang kein einziges. Bislang ist seine Reisetasche nicht von der Klappe ausgespuckt worden. Er wird langsam ungeduldig.
Ob der Fahrer wartet? Die Passagiere seines Fluges sind so ziemlich alle bereits mit ihrem Gepäck hinter der Aus-gangstür verschwunden. Auf dem ratternden Rondell ziehen die unvermeidlichen drei, vier geheimnisvollen Koffer ihre einsame Bahn, die von niemandem aufgenommen und anscheinend nicht vermisst werden.
Irgendwann wird ihm klar, dass da kein weiteres Gepäckstück aufs Band geworfen wird. Er stöhnt und beeilt sich, zum Lost and Found Schalter zu kommen. Dort befindet sich – natürlich – bereits eine lange Menschenschlange. Er schaut auf seine Uhr.
Hoffentlich wartet der Fahrer! Die Bearbeitung der Meldungen der verlorenen Gepäckstücke dauert. Ausführliche Beschreibungen werden handschriftlich aufgenommen, Flugdaten notiert, Durchschläge weitergereicht, Unterschriften eingesammelt. Als er endlich an die Reihe kommt, ist es bereits nach 04:00 Uhr, er ist müde, nervös und will nur schnell raus, hoffentlich den Fahrer noch vorfinden, und dann ins Hotel. Er hat morgen um 10:00 Uhr seinen Antrittstermin im Ministerium. Auch bei ihm dauert es ewig, bis er seine Meldung vollständig aufgegeben hat. Am Ende der Prozedur drückt ihm einer der Bearbeiter einen hand-geschriebenen Zettel in die Hand. Johan meint zu verstehen, dass er bei Vorlage dieses Zettels sein Gepäck ausgehändigt bekommt.
„Aber wann wird es denn hier eintreffen?“
„Mit dem nächsten Austrian Airlines Flug.“
„Und wann kommt der hier an?“
„Am Mittwoch.“
„Mittwoch erst? Aber ich brauche doch meine Sachen! Im Koffer befinden sich meine Anzüge …“.
Der Mann hinter dem Schalter unterbricht ihn lächelnd und erklärt bestimmt:
„Bei Austrian Airlines bekommen sie eine Tasche mit den notwendigsten Utensilien.“
„Bei Austrian Airlines … Und wo finde ich die?“
„Die haben ein Büro hier am Flughafen.“
„Oh, danke, wie komme ich dahin?“
„Da müssen sie erst durch den Ausgang, dann wieder in die Eingangshalle und dort befindet sich das Büro in der Nähe der Check-in Schalter.“
„Okay, dann gehe ich dort schnell vorbei. Ich brauche ja etwas für die Nacht, und morgen habe ich einen wichtigen Termin.“
„Ah, sie können jetzt nicht zum Austrian Airlines Büro.“
„Wieso nicht?“
„Der Flug nach Wien ist bereits abgefertigt. Sie schließen nach der Abfertigung und machen erst vor dem nächsten Flug wieder auf. Aber die haben auch ein Büro in der Innenstadt.“
„Ja klar, trotzdem Danke“, stöhnt Johan. Er ist genervt, aber gleichzeitig erleichtert, sich nicht nochmal irgendwo anstellen und warten zu müssen, sondern zusehen zu können, jetzt schnell ins Bett zu kommen.
Er hastet zum Ausgang, inständig hoffend, dort jemanden ein Schild mit seinem Namen hochhalten zu sehen.
So ist es nicht ganz. Ein Armenier lehnt in der ziemlich leeren Ankunftshalle an einer Säule und richtet sich hastig auf, als er ihn sieht.
„Johan?“
„Ja, bin ich. Tut mir leid für die Verspätung, aber mein Gepäck ist nicht mit angekommen.“
„Ah, kein Problem!“, lacht der Fahrer, der ihm das Schild und einen Ausweis vor die Nase hält, aus dem hervorgeht, dass er tatsächlich für die DGZ arbeitet.
„Ich bin Zaza.“
„Ich bin Johan. Freut mich unendlich, dich zu sehen.“
„Komm, wir sehen zu, dass du schnell ins Hotel kommst. Ich soll dich morgen dort um 09:30 Uhr wieder abholen.“
Johan stöhnt erneut.
„Meinst du, ich bekomme Zahnpasta und Zahnbürste im Hotel?“
„Auf jeden Fall, wir haben dich in einem sehr guten Hotel untergebracht. Das Armenia Marriott ist das erste Hotel am Platz.“
„Freut mich zu hören.“ Johan lässt sich tiefer in den Beifahrersitz sinken. Nach einem Blick auf seine bequeme Jeans und die Turnschuhe an den Füßen wendet er sich erneut an Zaza.
„Nächste Frage: Ich habe ja keine angemessene Kleidung, die ich für den ersten Termin mit dem Minister anziehen kann. Wo bekomme ich denn jetzt noch einen Anzug her?“
„Das ist schon schwieriger.“ Zaza überlegt. „In Yerevan öffnen die Läden, die Kleidung verkaufen, frühestens um 10:00h. Du musst versuchen, morgen auf dem Markt etwas zu finden. Der ist nicht weit vom Hotel entfernt und öffnet schon um 06:00h.“
„Oh Mann, da lohnt es sich ja kaum, sich noch hinzulegen.“
„Wann kommt denn dein Gepäck an?“
„Am Mittwoch.“
„Also“, denkt Zaza laut, „Mittwochnacht, mit dem Flug aus Wien. Da bringen sie es dir frühestens am Donnerstagmorgen.“
Johan fällt etwas auf: „Woher wissen die denn, in welchem Hotel ich bin?“
Jetzt lacht Zaza laut auf: „Alles klar, sie haben dir einen Abholschein gegeben, richtig?“
„Ja, klar.“
„Nein, das ist nicht klar. Eigentlich sollten sie dich fragen, wohin sie das Gepäck liefern sollen und dir eine Telefonnummer geben, unter der du dich nach dem Stand erkundigen kannst.“
„Oh, ich war so fertig und unruhig, dass mir das nicht aufgefallen ist.“
„Da bist du nicht der Einzige. Also, besorge dir morgen etwas für den ersten Termin, den Rest für die Tage bis Donnerstag holen wir am Nachmittag. Dann fahren wir auch bei Austrian Airlines vorbei.“
Die Fahrt vom Flughafen in Zvartnots zum Hotel im Zentrum von Yerevan dauert fast eine halbe Stunde, obwohl sie mit ziemlich hoher Geschwindigkeit durch die um diese nächtliche Stunde leeren Straßen jagen. Schließlich halten sie vor einem imposanten Gebäude, das an einem riesigen Platz, dem Republic Square, liegt.
„Ich hole dich also pünktlich hier ab“, ruft Zaza und winkt beim Einsteigen fröhlich.
„Ja! Also bis in weniger als fünf Stunden“, seufzt Johan.
Nach der quälend umständlichen und langsamen Check-in Prozedur kann sich Johan endlich auf das Bett in dem wirklich beeindruckenden Hotelzimmer sinken lassen. Er hat tatsächlich an der Rezeption Zahnpasta und -bürste bekommen. Nach einer schnellen Dusche stellt er im Bett den Wecker auf 08:00 Uhr. Keine drei Stunden Schlaf!
Und kann nicht einschlafen. Als er vom Wecker aus dem Tiefschlaf gerissen wird, hat er den Eindruck, er sei erst ganz kurz vorher eingenickt.
1997.
Die Hochzeitsreise fällt sehr kurz aus. Einen Tag nach der Hochzeitsfeier, die in dem Ort stattfand, in dem Johan aufgewachsen ist und wo seine Eltern heute noch leben, fahren sie für drei Tage an die Nordsee, in eine wunderbare Pension am Meer, in ein riesiges Zimmer mit Erker. Diese kurze Zeit zu dritt ist großartig und tut ihnen gut nach der trubeligen Hochzeitsvorbereitung. Es war ganz schön stressig bis hierher. Dass die ganze Planung ihrer Ausreise, die Klärung der vielen Details in der Vertragsgestaltung und das Festzurren der Rahmenbedingungen für den Umzug nach Freetown parallel mit den Hochzeitsplanungen stattfinden mussten – das hätten sie gerne anders geplant, wenn es denn eine Möglichkeit gegeben hätte. Aber es ist nun mal so, wie es ist.
Und dann die ganzen Traditionen, denen man bei einer Hochzeit auf dem Land nachkommen muss. Vor allem das „Kränzen“ mit der Nachbarschaft seiner Eltern zwei Tage vor der Hochzeit hat Johan zugesetzt. Eigentlich hat er seitdem nur noch gefeiert. Aber hier, im rauen, salzigen Wind und dem kühlen Wasser kann er wieder zu sich kommen, das aufgeheizte Gemüt abkühlen, sich beruhigen.
Sie freuen sich sehr auf die kommende Zeit und nehmen es daher auch in Kauf, dass die Hochzeitsreise nun kürzer ist, als sie es unter anderen Umständen gewesen wäre. Es steht eine viel aufregendere Reise an und sie nehmen sich vor, ihren Honeymoon irgendwann nachzuholen – und wenn auch erst, wenn die Tochter soweit ist, dass sie sie nicht mitnehmen müssen.
Auch das kühle, gar nicht sommerliche Wetter nehmen sie so, wie es ist, genießen es sogar – als einen ganz bewusst wahrzunehmenden Kontrast zu dem tropischen Wetter, das sie in Sierra Leone erwartet.
Zurück in Berlin warten bereits unzählige Unterlagen zur anstehenden Ausreise auf sie: Versicherungspolicen, Anfragen zu den Umzugsarrangements, Buchungsbestätigungen für das Hotel in Brüssel, Abfragen zu den Anforderungen an die Wohnung in Freetown, Vorschläge für Flug-verbindungen, Termine für die medizinischen Checks etc.
Ihre Wohnung haben sie bereits gekündigt. Für die Möbel, die sie nicht mit nach Sierra Leone nehmen können, haben sie eine Garage angemietet. Die Gegenstände, die sie in der Zeit in Freetown brauchen werden, holt ein internationales Umzugsunternehmen ab. Sie werden für die Verschiffung nach Freetown in einen Container gepackt.
Als sie aus ihrer leeren Wohnung treten, mit ihrer Tochter im Arm, und den Schlüssel in den Briefkasten werfen, überkommen sie gleichzeitig freudig-erregte wie auch mulmige Gefühle.
„Okay, there`s no way back!“
Er setzt seine Tochter in den großen Volvo Kombi, der mit all den Klamotten, die sie in Brüssel, auf der Reise nach Sierra Leone und dort in den ersten drei Wochen brauchen werden, voll bepackt ist. Es ist das Auto von Freunden, die sie heute in aller Frühe zum Flughafen Tempelhof fahren. Ihr eigenes haben sie vor ein paar Tagen verkauft.
In Tempelhof nähern sie sich leicht zweifelnd dem Check-in: Ihr auf mehreren Trolleys aufgetürmtes Gepäck wirkt wirklich beeindruckend. Allein die Sachen für das Baby nehmen einen großen Teil des zulässigen Gewichts ein. Den Kinderwagen, bereits mit Blick auf die Reise so ausgesucht, dass er sehr klein zusammenzufalten und gut zu verstauen ist, sowie den Kinder-Autositz müssen sie als Sperrgepäck aufgeben. Aber dank Business-Class Tickets und sehr freundlichem Service geht das ebenso wie das Übergepäck ohne weiteren Aufpreis mit.
Als sie über das Flugfeld zum bereitstehenden Flugzeug laufen, die Tochter auf dem Arm, am Horizont die über dem innerstädtischen Flughafen aufgehende Sonne, wechseln sich wieder zwei bekannte Stimmungen ab. Die eine ist geprägt von der freudigen Erregung und Spannung, die mit dem Blick auf die kleine Propellermaschine und das riesige Flugfeld inmitten der Hauptstadt mit der vertrauten Silhouette noch gesteigert wird. Die andere ist eine melancholische, dominiert von dem Gefühl, eine ganze Menge von dem hinter sich zu lassen, das sie sich selber aufgebaut haben und das sie lieben, und das bis hierher doch prima funktioniert hat.
2006.
Johan studiert die an der Rezeption ausgehängte Liste mit den Umtauschkursen des Armenischen Dram und lässt sich den Weg zum Markt erklären. Er ist wirklich in der Nähe und er findet ihn sogleich.
Es ist ein Markt, wie er ihn auch in Afrika gesehen hat. Genauso lebhaft am frühen Morgen, vielleicht nicht so bunt und nicht ganz so laut. Auch nicht so fröhlich, ohne Musik. Aber es gibt tatsächlich alles zu kaufen. Johan geht strategisch vor und arbeitet eine Prioritätenliste ab. Dabei hilft ihm ein aufgeweckter Junge, der ihn anspricht, als er mit dem Zettel in der Hand inmitten des Marktgeschehens steht und versucht, sich zu orientieren. Der Junge schleppt ihn zuerst an einen Stand, an dem unzählige Anzüge hängen. Alle in dunklen Farben von dunkelbraun über grau bis schwarz. Johan zeigt auf einen grauen – das hält er für eine angemessene Farbe für seinen Zweck, das sollte zu den meisten Schuhen und Hemden passen.
Der Verkäufer nimmt Augenmaß, stochert dann mit einer Stange, an deren vorderem Ende ein Haken von einem Kleiderbügel befestigt ist, in einer an einer Art Bauzaun vertikal übereinander hängenden Reihe von identischen Anzügen und angelt einen heraus. Johan zieht nur das Jackett über – das passt. Die Hose hält er sich an die Beine – ist zu lang. Mit ein paar schnellen Griffen wird eine kürzere Version des Beinkleides hervorgezaubert. Die scheint von der Länge zu passen, denkt sich Johan und überlegt, dass die Weite nicht ganz so entscheidend ist, da kann man einiges mit dem Gürtel machen, den er in seiner Jeans hat. Und er ist eher schlank bis dürr, sodass er keine Sorge hat, die Hose könne zu eng sein. Dass er sie partout nicht anprobieren möchte, sorgt für verständnisloses Kopfschütteln beim Verkäufer. Johan zuckt bedauernd mit den Schultern und deutet mit dem Finger auf seine Uhr.
Die Gestik ist eindeutig. Der Händler holt einen Taschenrechner, tippt eine Zahl ein und reicht den Rechner an Johan. Der versucht, anhand des Umtauschkurses zu ermitteln, wie viel der Händler hier gerade aufruft. Parallel schaut er den Jungen an, aber der zeigt keine Regung. Obwohl er es hasst, zu handeln, und sich natürlich bewusst ist, dass allen Beteiligten mehr als deutlich ist, in welch schwacher Verhandlungsposition er sich befindet, nimmt er den Rechner und tippt einen um zirka ein Viertel niedrigeren Betrag ein. Empört hebt der Verkäufer beide Hände gen Himmel, bevor er schnaubend seinen zweiten Preis eintippt. Johan schaut und nickt. Er hat keine Zeit mehr und will die Sache abkürzen. Also zahlt er wahrscheinlich viel zu viel, nimmt den Anzug, verabschiedet sich vom strahlenden Händler und folgt dem Jungen in einen anderen Gang des Marktes, wo er schon von Weitem die Schuhe auf den Tischen und in den auf verschiedenste Arten konstruierten Regalen sieht.
Hier ist es etwas leichter: Er nimmt ein paar schlichte schwarze Schnürschuhe, zeigt auf seine Füße, deutet mit seinen Findern eine „44“ an und probiert das Paar aus, das ihm der Verkäufer hinstellt. Sie sind recht steif und etwas eng – und da Johan plant, trotz der Hitze zwei Paar Socken in den Schuhen zu tragen, um Druckstellen und Blasen zu vermeiden (als erste Schicht die oft getragenen und bequemen, in denen er gekommen ist, und darüber neue schwarze, die er noch erstehen muss), lässt er sich die Schuhe eine Nummer größer bringen. In Größe 45 passen sie, er kauft sie zu einem Preis, der nach einem ähnlichen Verhandlungsprozess wie zuvor beim Kauf des Anzugs zustande kommt. Die Socken und weiter noch ein weißes Hemd und eine Krawatte sind ohne anprobieren und nach ebenfalls jeweils kurzem Handeln gekauft.
Puh, das hat trotz allem länger gedauert als geplant. In gut zwanzig Minuten kommt Zaza.
Ohne den Jungen hätte er es überhaupt nicht pünktlich geschafft. Er gibt ihm einige Dram und hofft, dass das ein angemessenes Trinkgeld darstellt. Der Junge scheint zufrieden und dreht grinsend ab. Johan hastet zurück zum Hotel, auf sein Zimmer, wirft die Einkäufe aufs Bett und zieht sich um. Das heißt, er behält seine Unterwäsche an, ebenso die Socken, und zieht das Hemd und die neuen Socken drüber.
Es geht jetzt nur um die Optik, sagt er sich.
Also, rein in die Anzughose, die eigentlich mit Gürtel ganz gut sitzt, allerdings etwas unangenehm auf der Haut ist. Aber das ist nichts gegen das weiße Oberhemd: Der Stoff ist unfassbar steif, vor allem der Kragen. Dafür ist es faltenfrei. Aber es riecht dermaßen ungesund nach Chemikalien, dass Johan sich vornimmt, es gleich nach dem Termin gegen ein anderes Hemd auszutauschen, für das er durchaus bereit ist, mehr Geld zu zahlen. Dieses Hemd wird er dann im Hotel zum Reinigen geben und dann mal sehen … Socken und Schuhe, Krawatte - fertig. Genau 09:30 Uhr. Johan eilt zum Hoteleingang, wo Zaza schon wartet.
„Respekt!“, ruft er schon von Weitem. „Alles hier vom Markt?“
„Jepp, und nur erstklassige Ware!“
„Na ja, aber schon gut für den Termin jetzt. Der Vize-Minister wird teilnehmen und du wirst einigen Leuten vorgestellt, die wichtig für das Projekt sind. Da ist der erste Eindruck wichtig. Hab mir schon etwas Sorgen gemacht und einen meiner Anzüge ins Auto gepackt.“
„Na bestens.“
Der Termin verläuft erfolgreich, obwohl Johan gegen seine Müdigkeit ankämpfen muss – und gegen den immer stärker werdenden Reflex, sich zu kratzen. Aber so, dass es keiner merkt. Er hat das Gefühl, der Hemdkragen verursache Schürfwunden am Hals. Die Chemikalien aus dem Hemd reizten die Haut. Während der Besprechung im tiefgekühlten Konferenzraum des Ministeriums für Territoriale Entwicklung geht das sogar noch. Aber draußen in der Hitze kommt es zu einer extrem hautreizenden chemischen Reaktion zwischen dem Hemd und dem Schweiß. Noch auf dem Weg zum Auto reißt sich Johan die Krawatte vom Hals und öffnet die obersten Hemdknöpfe. Er zieht das Jackett aus und krempelt die Hemdsärmel auf. Die Haut an den Armen ist knallrot. Er ahnt, dass er auch am Hals diesen Ausschlag hat. Im Auto schaut er in den Rückspiegel und sieht, dass es dort noch viel schlimmer aussieht: Es haben sich dort zusätzlich dunkelrote, juckende Pusteln gebildet. Schnell zieht er das Hemd aus und wird es auf den Rücksitz zu Jackett und Krawatte.
„Ich brauche ein oder besser zwei andere Hemden“, sagt er zu Zaza, der zunächst belustigt geschaut hat, als Johan nach dem Termin zurück zum Auto eilte. Nun hat sich etwas Besorgnis in seinen Blick gemischt.
„Alles klar, ich fahre dich zu ein paar Geschäften, wo du fündig werden kannst.“
Es startet eine Einkaufstour in der Innenstadt von Yerevan, bei der Zaza als ortskundiger Reiseführer Johan zu Läden schleppt, von denen er denkt, dass Johan sich so etwas vorstellt. So fahren sie zunächst zu einigen protzigen Nobelboutiquen, vor denen Johan sich bemüßigt fühlt, Zaza ausführlich zu erklären, dass er in solche Läden auch in Deutschland keinen Fuß setzen würde. Ableger europäischer Modeketten scheint es noch nicht nach Yerevan verschlagen zu haben und so landen sie bei einem Geschäft eines armenischen Schneiders, der eine große Auswahl von „Business-Shirts“ im Schaufenster hängen hat. Der Laden und sein Besitzer sind Johan sympathisch, außerdem hat er das Gefühl, die Chauffeurdienste von Zaza bereits arg strapaziert zu haben, daher ist ihm klar, dass er hier ungeachtet der Preise (die ohnehin nicht ausgewiesen sind) zwei akzeptable Hemden nehmen muss.
Anschließend fahren sie noch beim Austrian Airlines-Büro vorbei. Dort bekommt Johan nach Schilderung seiner Situation ein Schulterzucken und immerhin ein kleines Übernachtungs-Set mit einem weißen T-Shirt, grauen Socken und Hygieneartikeln.
Zurück im Hotel duscht Johan ausgiebig und tatsächlich lässt das Jucken an den Armen nach, allerdings bleiben die Pusteln am Hals und fangen später in der Hitze auch wieder an zu jucken.
Die Woche verläuft dann in der üblichen Dienstreise-Routine: Tagsüber Termine im DGZ-Büro und bei den Ministerien, in der terminfreien Zeit Dokumentenstudium sowie Vor- und Nachbereitung der Meetings und Workshops. Und abends dann Einladungen zu Essen oder geselligem Zusammenkommen mit Projektleitern und -mitarbeitern, den Mitarbeitenden der DGZ oder anderen in das Projekt involvierten Ministerien, Behörden oder NGOs.
Am Donnerstagmorgen fährt Zaza ihn zum Flughafen, um das Gepäck abzuholen. Johan hat zwar keine Nachricht erhalten, dass seine Reisetasche auch tatsächlich angekommen ist, doch Zaza erklärt ihm, das sei in den Fällen, wo den Passagieren einfach der Abholschein in die Hand gedrückt werde, auch nicht üblich. Er habe ja auch nicht angegeben, in welchem Hotel untergebracht sei. Johan erinnert sich, dass er beim Ausfüllen der Formulare am Lost and Found Schalter seine Heimatadresse und seine Mobilnummer angegeben hat, aber keine Angaben zur Erreichbarkeit in Armenien. Und vielleicht scheut die für die Zustellung der Gepäckstücke zuständige Stelle die Kosten für einen internationalen Anruf an eine deutsche Mobilfunknummer.
In Zvartnots angekommen findet er mit Hilfe von Zaza recht schnell eine Flughafenmitarbeiterin, die ihm den Weg zur Ausgabestelle für das verspätet eingetroffene Gepäck zeigen kann. Nach einem kurzen Blick auf seinen Abholschein lässt sie ihn vor einer geöffneten Tür unter einem Schild stehen, das ausschließlich in Armenisch beschriftet ist und das er daher nicht entziffern kann.
Eine unüberschaubare Menge an Koffern und sonstigen Gepäckstücken stapeln sich in einem zirka 60 Quadratmeter großen Lagerraum. An einigen befindet sich noch der Baggage Tag, an anderen fehlt dieser. Einige wurden ganz offensichtlich geöffnet, es liegen auch Kleidungsstücke und andere Gegenstände herum, die wahrscheinlich einmal in einem verlorenen Koffer gesteckt haben. Eigentlich gibt es etwas von allem, was man so an den Check-in Countern und Gepäckausgaben dieser Welt sieht, nur seine Reisetasche findet er nicht. Dabei handelt es sich um ein relativ auffälliges und teures Exemplar, dass er sich nur angeschafft hat, weil er es mit den Meilen auf seinem Miles & More Konto bezahlen konnte. Durch seine zahlreichen Flüge quer durch Osteuropa hatte er inzwischen den Frequent Traveller Status erworben. Ärger steigt in ihm auf, als er seine Tasche mit seinen persönlichen Dingen, die er jetzt gerade sehr gerne bei sich hätte – er kratzt sich am Hals – auch beim dritten Rundgang durch den Raum nicht finden kann. Er sieht sich um, es ist niemand da, den er fragen könnte, wo die jeweils zuletzt hinzugekommenen Stücke abgeworfen oder gestapelt werden.
Er schaut auf den Zettel in seiner Hand. Darauf stehen nur seine Flugnummer und das Flugdatum, darunter ein kaum leserlicher Stempel mit einer Unterschrift. Er geht nochmal langsam durch die Halle und lässt diesmal einen leicht veränderten Blick auf die Koffer, Taschen und Pakete schweifen. Eine dunkle Reisetasche, die entfernt an die seine erinnert, fesselt seine Aufmerksamkeit.
Ob da wohl Kleidung drinsteckt, die mir passt? Johan ist überrascht über seine Gedanken, gibt sich ihnen aber mit einem leichten Kribbeln weiter hin.
Wer mit so einer Tasche statt einem soliden Koffer reist, ist sicher insgesamt etwas lockerer, legerer und sportlicher unterwegs, denkt er. Auch er selbst bevorzugt eher sportliche Reiseausrüstung, die einen gewissen Hauch von Abenteuer verströmt. Hartschalenkoffer und Trolleys, in denen man sein Gepäck hinter sich herzieht, kommen für ihn absolut nicht infrage.
Je länger er auf die Tasche schaut, umso mehr wächst seine Aufregung. Obwohl er eigentlich noch gar keinen konkreten Plan hat. Aber die Tasche und ihr unbekannter Inhalt reizen ihn zunehmend. Die Tasche könnte jemandem gehören, der keine Lust zu warten hat und bewusst sein Gepäck zurücklässt. Abgesehen von der Tatsache, dass er einige der Inhaltsstücke in seiner Situation gut brauchen kann – er geht schon in Gedanken durch, wir er Kleidung aus der Tasche im Hotel zur Reinigung gibt – ist da auch die Vorstellung, mit dem Öffnen der Tasche Geheimnisse zu lüften. Bevor er sich ausmalt, was genau so ein Geheimnis sein könnte, sieht er sich auf die Tasche zugehen. Seine Hände entfernen das um die Griffe angebrachte Baggage Tag und befestigen es am nebenstehenden Koffer. Er greift die Reisetasche und geht festen Schrittes mit einem bestimmten Ausdruck im Gesicht (so hoffe er zumindest) zum Tor der Aufbewahrungshalle. Er wird nicht angesprochen, kann die Halle ungehindert Richtung Gepäckausgabe verlassen und dort den Ausgang ansteuern.
1997.
Am Flughafen in Brüssel herrscht ein Trubel, der ihnen noch einmal klarmacht, wie bequem das Boarding in Tempelhof war. Hier ist es deutlich schwieriger, mit Kind und Reisegepäck durch die Menschenmassen zu manövrieren. Als sie endlich ein großes Taxi gefunden haben, sind sie schon einigermaßen angespannt. Als sie dann endlich ihr ganzes Gepäck in das überraschend kleine Hotelzimmer gewuchtet haben – hat keiner bedacht, dass sie hier mit einem Kleinkind wohnen werden? – lassen sie sich aufs Bett fallen, legen Rosa zwischen sich, und schnaufen tief durch.
„Das war Teil eins der Reise“, fasst Johan zusammen. „Soweit alles klar, oder?“
„Na ja, das Zimmer könnte etwas geräumiger sein“, Henrieke schaut sich skeptisch um. „Und das Hotel hat ja auch keine Bereiche, in denen ich mich mit Kind aufhalten kann, wenn du arbeiten bist.“
„Ja, schon richtig, aber es ist ja nur für zwei Wochen. Abends werden wir ja essen gehen. Ihr könnt mich von der Arbeit abholen. Tagsüber könnt ihr euch die Stadt anschauen – lass uns hoffen, dass das Wetter so gut bleibt.“
Am folgenden Tag macht Johan sich auf den Weg zum Treffpunkt in einem Gebäude der Europäischen Kommission. Das Hotel in der Rue Franklin wurde offenbar so ausgesucht, dass es fußläufig zu vielen der Einrichtungen gelegen ist, die er in den kommenden Tagen aufsuchen muss. Im Pre-Posting-Seminar finden sich angehende Mitarbeiter in EU-Delegationen in allen Winkeln der Erde und für alle möglichen Positionen. Zu Beginn bekommen sie umfassende organisatorische und technische Einführungen und praktische Hinweise, wie zum Beispiel zu den Geldtransfers.
In der Mittagspause geht Johan zur KBC-Bank am Rond Point Robert Schuman, wo er ein Girokonto in Belgischen Franken eröffnen muss, auf das sein Gehalt überwiesen werden kann. Von dort aus wird dann ein Teil des Geldes per Dauerauftrag an ein noch zu eröffnendes Konto in Freetown überwiesen. Das kann alles schon hier im persönlichen Gespräch mit dem Berater der Bank vorbereitet werden. Es ist offensichtlich, dass der des Öfteren mit solchen Anliegen zu tun hat.
Johan merkt, wie schnell er hier mit seinen Französischkenntnissen an Grenzen stößt. Nicht nur in der Bank, sondern auch in den Stellen der Europäischen Kommission, in denen er vorstellig werden muss, wird vor allem Französisch gesprochen – deutlich seltener Englisch und fast nie Deutsch. Er kommt manchmal mit seinem Niederländisch, das er auf dem Gymnasium im Rahmen eines Euregio-Projektes lernen konnte, besser zurecht.
Auf seinem persönlichen Laufzettel stehen die wesentlichen Kontaktpersonen innerhalb des Brüsseler Hauptquartiers. Für ihn sind das vor allem Mitarbeiter innerhalb der Generaldirektion 8, die zuständig für die Zusammenarbeit mit den Staaten Afrikas, sind. Der Nachmittag vergeht mit Einführungen in die Beziehungen zwischen der EU und den Einsatzländern. Am nächsten Tag steht dann erstmals Landeskunde auf dem Programm und Johan soll sich morgens am Sitz der Generaldirektion 8 beim Sierra Leone Desk melden.
Nach dem letzten Termin eilt Johan zum Hotel zu Henrieke und Rosa. Er ist überwältigt von all den neuen Eindrücken und daher umso enttäuschter, als er merkt, dass Henrieke seine Begeisterung nur bedingt teilen kann.
„Es ist einfach sehr eng hier mit Kind. Alles ist umständlich. Ich muss die Milch in der Küche unten warm machen lassen. Dort ist aber nicht immer jemand greifbar. Mit dem Kinderwagen ist es dann auf den Straßen mühsam und in die Metro komme ich damit gar nicht rein – er passt nicht durch die Zugangsschleusen.“
Johan schnallt sich den Babybjörn um, eine neuartige Trage für Babys, die sie sich mit Blick auf die wahrscheinlich nur in geringem Umfang vorhandenen und noch weniger für Kinderwagen geeigneten Straßen in Freetown angeschafft haben. Aber sie haben beim Ausprobieren schon in Berlin schnell gemerkt, dass ihre Tochter diese Art des Transports sehr genießt, sich dabei entspannt und oft auch schläft. Und Johan liebt es, seine Tochter auf diese Weise zu tragen. Es fühlt sich innig und sicher an. So laufen sie durch den abendlichen Cinquantenaire Park, bevor sie in der Nähe etwas essen gehen. Henrieke lässt sich mit dem Tag versöhnen. Dazu trägt auch die Aussicht auf die kommenden Tage bei, denn Johan erklärt ihr, dass es ein Programm für die mitausreisenden Begleiter gibt. Zudem hat er von einem Brüssel-Insider Tipps für das Wochenende bekommen.
Als er am nächsten Tag mit seinem Laufzettel in der Hand auf der Suche nach der richtigen Büroschlucht durch überall gleich aussehende, überwiegend menschenleere und stille Gänge streift, ist er überrascht, dass er anscheinend dorthin muss, wo am meisten los ist. Türen stehen weit auf, die dort offensichtlich arbeitenden Menschen rennen von einem zum anderen Büro. Durch die offenstehenden Türen kann er sehen, dass überall telefoniert wird und Gruppen angespannt lauschender Menschen um die Telefonierenden herumstehen. Keiner nimmt Notiz von ihm. Von den hektisch hin und her geworfenen Sätzen kann er nur Fetzen verstehen, denn alles wird auf Französisch gerufen.
Er nimmt sich ein Herz und spricht einen Mann an, der etwas abseits einer Menschentraube um den Schreibtisch in dem Raum steht, dessen Nummer auf seinem Laufzettel notiert ist.
„Entschuldigen Sie. Ich soll mich heute hier melden. Ich nehme gerade am Pre-Posting für eine Stelle in der Delegation in Sierra Leone teil“.
Der Mann starrt Johan mit offenem Mund an und schaut dann in die Runde. Dort reagiert man noch gar nicht auf Johans Ankunft.
„Oh, das ist jetzt… Ich meine, hm, das müssen wir erstmal,… Nein, das wird sicher nichts. Aber warten sie, ich hole mal meinen Vorgesetzten.“ Er drängt sich an den Schreibtisch zu dem Mann, der den Telefonhörer in der Hand hält.
Er spricht ihn erst an, als dieser das Telefonat beendet hat – und unterbricht ihn dabei, gleich wieder eine Nummer zu wählen. Sie sprechen kurz – Johan kann nicht verstehen, was sie sagen, denn unmittelbar mit Ende des Telefonats sind alle Umherstehenden in einen lautstarken Austausch getreten. Der Desk Officer und der Mann, den er angesprochen hat, schauen verwirrt und irgendwie betreten zu Johan herüber. Als der Desk Officer aufsteht und um den Tisch herum auf Johan zugeht, verstummen die anderen Menschen im Büro und schauen zu ihnen beiden.
„Guten Morgen. Ich bin Jacques, Desk Officer Sierra Leone“, beginnt er förmlich und streckt Johan seine Hand entgegen. Johan nimmt die Hand und stellt sich vor.
„Sicher. Sie wollen zu mir, ich bin informiert. Und wir haben sie erwartet, auch wenn das jetzt nicht so wirkt. Es ist nur so: Es gibt da Entwicklungen, die uns jetzt ganz in Beschlag nehmen. Die Delegation in Freetown musste evakuiert werden.“
„Was?“, Johan kann die Bedeutung des letzten Satzes nicht sofort begreifen.
„Heute Nacht haben die Rebellen auch die Hauptstadt erreicht. Es gibt Massaker, die Aufständischen hacken ihren Gegnern die Unterarme ab. Wir haben gerade noch rechtzeitig alle Mitarbeiter zusammensammeln und zum Flughafen bringen können. Viele sind bereits auf dem Weg nach Brüssel. Sie mussten alles zurücklassen. Wir versuchen gerade, die Ortskräfte in Sicherheit zu bringen. Wir wissen nicht, wie lange der Flughafen und die Grenzen noch offen sind.“
Und jetzt? Johan unterdrückt die Frage. Da gibt es aktuell andere Prioritäten, das ist klar.
„Kann ich etwas tun?“, fragt er unsicher.
„Ich denke nicht“, sagt der Desk Officer, „und ich schätze, dass wir nichts für Sie tun können. Wir müssen nun sehen, was wir mit unseren Mitarbeitern aus der Delegation machen, wenn sie hier heute Abend oder morgen ankommen. Viele werden nicht wissen, wo sie wohnen können. Da sind sie in ihrem Pre-Posting gut aufgehoben. An eine Ausreise nach Sierra Leone ist vorläufig nicht zu denken.“
„Verständlich, aber soll ich dann hierbleiben? Macht dann das Pre-Posting noch Sinn?“
„Das klären sie am besten mit der Personalabteilung. Ich habe auf jeden Fall erstmal keinen Posten mehr, auf den ich Sie jetzt schicken könnte.“
„Alles klar. Ich drücke allen die Daumen, dass das glimpflich abgeht.“
„Danke, wir müssen dann mal wieder ans Telefon. Die Lage ändert sich minütlich. Wenn es noch was gibt – ich meine, wenn es sich alles etwas beruhigt hat und wir klarer sehen, können Sie ja nochmal vorbeischauen.“
„Gut. Bis dann.“
„Bis dann.“
Johan dreht sich um und verlässt unter den Blicken aller Anwesenden den Raum. Was war das denn für eine unwirkliche Situation?
