Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Ausdruck "Exerzitien" klingt ein bisschen geheimnisvoll und mystisch. Nach alter Tradition suchen Menschen in geistlichen Übungen – so das deutsche Wort –, Gott zu begegnen, ihr Leben mit Christus zu gestalten und im Alltag spirituelle Wege zu gehen. Stefan Kiechle erläutert die Praxis heutiger Exerzitien – ihre Methoden und Inhalte – ganz aus der Tradition des Ignatius von Loyola. Das Buch gibt konkrete Hilfe sowohl für Menschen, die andere in Exerzitien begleiten, wie auch für jene, die selbst einen Exerzitienweg gehen. Wer geistlich übt, will Gott in allen Dingen, ja im ganzen Leben suchen und finden, und das in innerem Trost und in der Freude des Herzens.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Stefan Kiechle
Gott in allen Dingen
Stefan Kiechle
Kurze Praxis der ignatianischen Exerzitien
echter
Der Umwelt zuliebe verzichten wir bei unseren Büchern auf Folienverpackung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
1.Auflage 2024
© 2024 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
Umschlag:Vogelsang Design, Jens Vogelsang, Aachen
Innengestaltung: Crossmediabureau, Gerolzhofen
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN
978-3-429-05982-8
978-3-429-06691-8 (PDF)
978-3-429-06692-5 (ePub)
Zum Beginn
Praxis der Exerzitien
Ziele der ignatianischen Exerzitien
Ziele dieses Buches
I. Weise des Vorangehens
1. Haltung des Exerzitanten
Was suchen?
Zeit mitbringen
Großmut und Freigebigkeit
Ergebnisoffen
Gerade, freie Psyche
Übungen empfangen
2. Haltung der Begleiterin
Selbst beten
Die eigenen Fallen und Grenzen kennen
Übungen geben
Wie eine Waage
Bei der Unterscheidung der Geister helfen
Priesterlicher Dienst
Ausbildung?
3. Der äußere Rahmen
Abgeschiedenheit und Stille
Schweigen und Leere
Fasten und Einfachheit
Gruppe
Liturgie
4. Vorangehen der Exerzitantin
Schriftbetrachtung
Vier Schritte, eine biblische Geschichte zu betrachten
Weitere Übungen
Beten mit dem Leib
Kontemplative Elemente
Tägliches Gespräch
5. Vorangehen des Begleiters
Gespräche führen
Die Geister unterscheiden
Zum Gebet führen
Übungen geben
Sich selbst wahrnehmen
Geistlicher Missbrauch?
Tiefer führen?
6. Vier Wochen?
Programm des Exerzitienbuchs
Heutige Inhalte
Freies Begleiten
7. Fühlen mit der Kirche
Exerzitien machen ist Kirche
Gottunmittelbar und gemeinschaftlich
Die Schrift als Buch der Kirche
Der Geist leitet
Exerzitien für alle Christen
II. Themen der Übungen
8. Prinzip und Fundament
Ziel und Bitte
Gebetsweisen
Betrachtungen
Weitere Schrifttexte
9. Erste Woche
Ziel und Bitte
Gebetsweisen
Betrachtungen
Weitere Schrifttexte
10. Zweite Woche
Ziel und Bitte
Gebetsweisen
Betrachtungen
Weitere Schrifttexte
11. Dritte Woche
Ziel und Bitte
Gebetsweisen
Betrachtungen
Weitere Schrifttexte
12. Vierte Woche
Ziel und Bitte
Gebetsweisen
Betrachtungen
Weitere Schrifttexte
Zum Schluss
Zehn Leitsätze des Übens
Zehn Leitsätze des Begleitens
Literatur (Auswahl)
Über den Autor
Praxis der Exerzitien. Menschen, die ihr geistliches Leben stärken wollen und ihre Gestalt der Nachfolge Jesu suchen, haben seit Jahrhunderten in geistlichen Übungen – exercitia spiritualia – Weisung und Hilfe gefunden. Die Weisen, wie man solche Übungen macht und wie man sie begleitet, haben sich immer wieder gewandelt. Jede Generation wird neu ihre Gestalt suchen und finden, angepasst an die Kultur ihrer Zeit und an die Bedürfnisse und Stile der Menschen dieser Zeit. Daher muss jede Generation ihre Praxis der Exerzitien ausprobieren, sie entwickeln und sie reflektieren.
Heute gibt es, neben den ignatianischen Exerzitien im engeren Sinn, recht verschiedene Weisen der Exerzitienpraxis: Kontemplative Exerzitien führen in ein schweigendes Schauen auf Gott, angeregt unter anderem durch asiatische Meditationspraxis, mit einer Nähe zum Herzens- oder Ruhegebet. Benediktinische Exerzitien verbinden das Üben mit Psalmengesang und -betrachtung. Karmelitische Exerzitien integrieren ins Üben die mystische Gebetslehre der Teresa von Avila und des Johannes vom Kreuz. Es gibt unter anderem Wander- und Surf-, Mal- und Filmexerzitien; diese Formen machen körperliche oder ästhetische Erfahrungen für das Üben fruchtbar. Charismatische Exerzitien verbinden das Üben mit Lobpreisgebet in der Gruppe. Exerzitien „auf der Straße“ macht man in Städten, meist im Freien; sie sensibilisieren besonders für soziale Fragen. In Bibliodrama-Exerzitien spielt man in der Gruppe biblische Szenen nach, um sie zu verinnerlichen. In Ehepaar- oder Jugend-, Priester-, Ordensleute- oder Führungskräfteexerzitien richtet man die Themen der Übungen auf die Lebensfragen der Zielgruppen aus. Die Liste ließe sich erweitern. Meist geht es bei diesen Exerzitienformen darum, dass existentielle spirituelle Erfahrungen – leibliche und seelische, individuelle und solche in Beziehungen und in Aufgaben – zum Üben und Beten helfen und es fördern. Mit ihren Inhalten und Methoden greifen diese Formen auf das ignatianische Erbe zurück; insofern wäre es falsch, ihnen den ignatianischen Charakter abzusprechen oder sie gar aus diesem oder einem anderen Grund abzuwerten. Die Vielfalt der Exerzitienformen ist beeindruckend; wo sie passen, helfen sie suchenden Menschen erheblich.
Als „ignatianische Exerzitien“ seien hier solche verstanden, die vorrangig und recht genau nach dem Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola, Gründer der Jesuiten (1491–1556), vorangehen; „recht genau“ möchte sagen, dass wohl keine Exerzitien ganz wortgetreu den Methoden und Weisungen des Exerzitienbuchs folgen, sondern alle die dort beschriebenen Übungen an heutige Sprache und Kultur anpassen – was ja durchaus ignatianisch ist. Ja, das Anpassen ist geradezu ein ignatianisches Markenzeichen: Einige diffamieren es als lax und zeitgeistig und damit als typisch jesuitisch, andere loben es als kluge Weise der Inkulturation. Was die Gebetsweisen betrifft, bevorzugen heutige ignatianische Exerzitien in der Regel die Schriftbetrachtung, die ja im Exerzitienbuch den Schwerpunkt bildet, ergänzt durch Übungen der Phantasie und des Erwägens, sei es mit den Bild- und Sprachwelten des Exerzitienbuchs, sei es mit neuen passenden Bildern und Texten. Außerdem brauchen ignatianische Exerzitien immer starke Elemente des Schweigens. Und sie sind ein persönlicher Weg und werden individuell von dafür kompetenten Personen begleitet.
Ziele der ignatianischen Exerzitien. Drei Ziele ignatianischer Exerzitien seien formuliert:
Die Exerzitantin1 will ihr Leben ordnen: Sie will von Verletzungen geheilt werden und die Barmherzigkeit und Vergebung Gottes erfahren. Sie will sich abkehren von Unordnung und Sünde und hinkehren zu Gott – Exerzitien zielen auf Umkehr und neue Ordnung.
Der Exerzitant sucht die Beziehung zu Gott: In allen Dingen will er seinen Schöpfer und Herrn suchen und finden. Er will in Christus leben und ihn lieben, in Gott ruhen, aus der Erfahrung göttlicher Gegenwart wirken. Exerzitien sind immer und vor allem Gebet – Exerzitien zielen auf mystische Begegnung.
Die Exerzitantin will Jesus nachfolgen. Sie sucht ihre Gestalt der Nachfolge Christ, in Gemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen. Sie will ihre konkrete Form des Dienstes wählen oder sich in ihrer früher gewählten und derzeit praktizierten Form erneuern – Exerzitien zielen auf apostolischen Dienst.
Alle drei Ziele gehören wesentlich zu Exerzitien, und sie sind eng miteinander verbunden. Keines ist auszuschließen, und man darf sie nicht gegeneinander ausspielen, vor allem nicht die individuellen gegen die sozialen Ziele oder die mehr „innere“ spirituelle Erfahrung gegen das „äußere“ soziale und kirchliche Engagement. Selbstverständlich ist es auf einem bestimmten Exerzitienweg möglich und bisweilen angezeigt, sich vorrangig auf eines dieser Ziele auszurichten.
„Gott in allen Dingen“ – der Titel des Buches deutet an, dass ignatianische Spiritualität Gott nicht außerhalb der Welt sucht, also gleichsam in Weltflucht und in Sonderwelten, sondern im Hineingehen in die Welt. Ignatius schreibt in einem Brief an Ordensstudenten: Sie sollen „sich darin üben, die Gegenwart unseres Herrn in allen Dingen zu suchen, wie im Umgang mit jemand, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Verstehen und in allem, was wir tun; denn es ist wahr, dass Seine göttliche Majestät durch Gegenwart, Macht und Wesen in allen Dingen ist. Und diese Weise zu meditieren, indem man Gott unseren Herrn in allen Dingen findet, ist leichter, als wenn wir uns zu den abstrakteren göttlichen Dingen erheben und uns in ihnen mühsam gegenwärtig machen.“2 Karl Rahner spricht in diesem Zusammenhang von der „ignatianischen Weltfreudigkeit“3. Im Kontakt mit ihrem Leben und mit allen Dingen findet die Exerzitantin zur Umkehr, zur mystischen Begegnung und zum apostolischen Dienst.
Ziele dieses Buches. Das Buch will die Praxis ignatianischer Exerzitien beschreiben und reflektieren. Es schöpft aus der langjährigen Erfahrung des Autors als Exerzitant und als Exerzitienbegleiter, aus dem Studium der Quellen4 und der Literatur5 und aus zahlreichen Gesprächen6 und intensiver Reflexion. Das Buch ist geschrieben für Begleiterinnen und Begleiter von Exerzitien7 und ebenso für Menschen, die selbst den Weg der Exerzitien gehen, für ihn Anregung suchen und ihn besser erleben und verstehen möchten8. Ein solches Buch ist in der Weise, wie es Methoden und Gedanken vorstellt, immer subjektiv und selektiv, immer begrenzt und fehlbar. Andere haben andere Erfahrungen gemacht und kennen weitere Methoden und Inhalte; sie können vieles ergänzen, anpassen und verbessern. Gottes Wirken ist immer weiter und größer als alles menschliche Erfahren und Denken und Agieren – und als alle von Menschen geschriebenen Bücher.
Zuvorderst bezieht sich das Buch auf Exerzitienkurse in festen Häusern. Diese Kurse dauern meist sechs bis neun Tage. Anregen will das Buch auch für 30-tägige Exerzitien9 und für kürzere Exerzitienformate, etwa Wochen endkurse. Auch für Exerzitien im Alltag10 und für andere Exerzitienformen – die oben erwähnten Wander-, Bibliodramaexerzitien usw. – wird das Buch einige Hilfen für das Vorangehen bieten. Die Hinweise zum Begleiten, zu Gebetsweisen und zu Schrifttexten können auch für Geistliche Begleitung im Alltag hilfreich sein.
Der erste Teil beschreibt vor allem die Methode und das Setting von Exerzitien – entsprechend den „Anmerkungen“ im Exerzitienbuch (EB 1–20). Der zweite Teil behandelt mehr die Inhalte und geht nach den fünf Etappen des Exerzitienwegs voran. Das Buch will das frühere Buch des Autors „Gott die Ehre. Kurze Theologie der ignatianischen Exerzitien“ (Echter Verlag 2021) fortsetzen und in die Praxis bringen – viele ignatianische Grundbegriffe, die hier verwendet werden, wurden dort genauer erläutert und theologisch entfaltet. Mehr zum Begründer der modernen Exerzitien findet sich in „Ignatius von Loyola. Leben – Werk – Spiritualität“ (Echter Verlag32010). Zahlreiche Einzelaspekte der Exerzitienspiritualität werden in der Buchreihe „Ignatianische Impulse“ (Echter Verlag) entfaltet.
1Um die Kompliziertheit gendergerechter Sprache zu vermeiden, wechsle ich immer wieder das Geschlecht der beispielhaft erwähnten Personen – gemeint sind selbstverständlich immer alle.
2Ignatius von Loyola, Briefe und Unterweisungen, Würzburg 1993, 350.
3Karl Rahner: Der betende Christ. Geistliche Schriften und Studien zur Praxis des Glaubens (SW 7), Freiburg 2013, 279.
4Die wichtigste ist das Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola („Geistliche Übungen“, 32015), zitiert mit „EB“ und der in allen Editionen gleichen Randnummerierung.
5Das Buch profitiert von der zahlreichen Exerzitienliteratur, setzt sich aber nicht direkt mit ihr auseinander und zitiert sie nur wenig. Im Literaturverzeichnis ist einiges aufgeführt.
6Dankbar bin ich Mitbrüdern im Jesuitenorden und anderen Menschen, die mich in meine eigenen Exerzitien, ins Begleiten und in die theologische Reflexion der Exerzitien eingeführt haben und immer wieder für den Austausch offen sind.
7Die Lektüre des Buches ersetzt freilich nicht, dass Begleitende selbst den Weg intensiver Exerzitien gehen, diesen reflektieren und sich außerdem ins Begleiten einführen und dafür schulen lassen.
8Die Lektüre des Buches ersetzt ebenso nicht, dass Exerzitanten und Exerzitantinnen die Übungen wirklich machen und sich dafür persönliche Begleitung suchen.
9Ignatius sah diese volle Form von 30 Tagen vor, doch er erwähnt auch kürzere Formen. Nachdem 30-tägige Exerzitien noch vor wenigen JahrzehntenfastausschließlichvonJesuitengemachtwurden, verbreiten sie sich heute wieder mehr. Wer daran teilnimmt, will einen intensiven geistlichen Weg gehen – und muss selbstverständlich die dafür nötige Zeit und die Ressourcen auf bringen. Manche sprechen auch von „Großen Exerzitien“ – doch welche längeren oder kürzeren Exerzitien „groß“ sind, darüber sollten wir Menschen m. E. kein Urteil fällen.
10Man macht zuhause und im Alltag, über mehrere Wochen oder Monate hinweg, täglich eine oder zwei Übungen; mit der Gruppe trifft man sich in der Regel wöchentlich zum Austausch und zu Anregungen durch die Kursleitung. Auf diese Weise geht man einen wohl weniger konzentrierten, aber dafür mit dem alltäglichen Leben noch besser verbundenen Exerzitienweg. Solche Exerzitien, von Ignatius nur kurz erwähnt (EB 19), wurden in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt, haben sich weit verbreitet und sind eine gute Form für Menschen mit wenig Zeit.
Ignatianische Spiritualität ist sehr pädagogisch, d. h., sie will anleiten, einführen, helfen; sie geht methodisch voran und setzt auf Lerneffekte. Dabei muss die Exerzitantin selbständig Wege gehen und selbst erspüren, wohin und wie sie geführt wird. Für diese Pädagogik sind Methoden, Haltungen und Settings sehr wichtig; sie haben selbst spirituellen Wert. Ignatius spricht daher in den Anmerkungen (EB 1–20) ausführlich über „die Weise des Vorangehens“ (modo/orden/forma de proceder); in diesem ersten Teil des Buches wird sie für heute vorgestellt. Vieles davon – etwa das Schweigen – klingt für jene, die mit Exerzitien vertraut sind, selbstverständlich, ist freilich in heutiger Lebenskultur wenig plausibel und wird oft nicht leicht akzeptiert. Daher ist es ratsam – besonders zu Beginn eines Kurses –, das Setting und die Methode gut zu erklären, für sie zu werben und sie klug anzuwenden.
Was suchen? Wer vor allem Erholung und Ruhe, Ordnung des Lebens, Weisheit für den Alltag, kluge Entscheidungen, Selbsterfahrung und Selbstbewusstsein sucht, strebt Wichtiges an, freilich fehlt ihm die eigentliche Motivation für Exerzitien. Er sollte zumindest eine Offenheit, besser eine aktive Suche nach wirklich geistlich-religiöser Erfahrung mitbringen, das innere Verlangen nach etwas, das über irdische Erfüllung hinausweist, den Wunsch nach einer Lebensgestaltung in der Nähe zu Jesus Christus oder zu Gott. Eine spirituelle Suche, wenigstens als Sehnsucht11 oder als Anfang eines Weges, ist unabdingbar. Sonst geht man besser in ein Wellnesshotel oder in eine psychosomatische Reha – für viele Menschen sehr hilfreiche Einrichtungen. Um die Sehnsucht nach Gott kann der Exerzitant auch bitten; das öffnet und befreit ihn.
Zeit mitbringen. In Exerzitien muss die Seele zunächst in gewissem Maß in die Stille und zur Ruhe kommen. Sie öffnet sich für das Wirken des Geistes, das nicht sofort kommt und oft nicht leicht erkennbar ist. Sie wird Umwege gehen und Zeiten der Trostlosigkeit durchlaufen. Spirituelle Wege brauchen Zeit und Muße. Der Lebens- und Aktivitätsrhythmus wird sich entschleunigen. Geduld ist eine Tugend gegen den Zeitgeist – die Exerzitantin muss sie bejahen und einüben und lernen. Schnelle Ergebnisse wird sie nicht erreichen, vielleicht bekommt sie überhaupt keine Ergebnisse, die sie mit nach Hause nehmen könnte, sondern nur ein Tasten und Suchen und zögerliches Erfahren. Zwischenzeitlich wird sie das Üben für Zeitverschwendung halten und an seinem Sinn zweifeln. Und doch muss sie die nötige Zeit mitbringen, gegen innere und äußere Hemmnisse. Im Laufe der Zeit wird sie lernen, von innen her zu verkosten und zu verspüren (vgl. EB 2), mit großer Freude und mit innerem Gewinn.
Großmut und Freigebigkeit. Diese von Ignatius erwähnten Tugenden (EB 512) meinen, dass der Exerzitant mutig und selbstbewusst, offen und frei in die Exerzitien eintritt. „Freigebig“ ist die Haltung des Besitzenden, der von seinen Gütern gerne und großzügig, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, an Ärmere abgibt. Der Exerzitant bietet sich Gott an, dass dieser ihm Ungeordnetes wegnehme, ihn „zu seiner Liebe und seinem Lobpreis umarme“ (EB 15), frei über ihn verfüge und ihn in die Welt sende. Der Exerzitant darf um diese größere Verfügbarkeit bitten. Wenn er merkt, dass er von Verlustängsten bestimmt wird oder sonstige Widerstände hat, soll er diese akzeptieren, aber auch sich bemühen, sie zu überwinden, mit Gottes Hilfe. Anfanghaft tritt er in die Exerzitien mit jener Haltung ein, die Ignatius später „indifferent“ nennt (EB 23).
Ergebnisoffen. Bisweilen geht man mit einer bestimmten Lebensfrage in die Exerzitien oder mit dem Wunsch nach Klarheit für eine wichtige Entscheidung. Manchmal wird man dann feststellen, dass man sich eigentlich schon festgelegt hat und nun die spirituelle Bestätigung sucht. Soweit möglich, sollte man jedoch ergebnisoffen in die Exerzitien gehen: Die Exerzitantin bietet sich Gott an, damit dieser verfüge, wie er will. Sie lässt sich führen, hört auf die Stimme von oben, öffnet sich für neue Ideen oder Lösungen, überwindet ihre Abwehr und Angst vor Projekten, die sie mit neuen Orten, Aufgaben und Verantwortlichkeiten herausfordern. Wenn sie zu einer Frage Klärung sucht, soll sie diese ins Gebet bringen und Gott um Klarheit bitten, aber sie soll Gott zugleich die Freiheit geben, ihr zu antworten oder nicht, ihr auf diese oder jene Weise und zu diesem oder jenem Zeitpunkt zu antworten, ihr letztlich auch diese oder jene Antwort zu geben. Wäre sie nicht ergebnisoffen, würde sie Gott instrumentalisieren für ihre schon gewählten Projekte, und das Gespräch mit ihm wäre keine freie und ehrliche Begegnung.
Gerade, freie Psyche. Wer in Exerzitien geht, so heißt es, sollte in der Regel psychisch gesund sein, mit altersgemäßer Reife und mit innerer Freiheit und Verfügbarkeit. Nun ist es leicht, solche Ideale aufzustellen. Freilich ist wohl fast jeder – oder eigentlich jeder – auch psychisch da und dort eingeschränkt: Unordnung im Verhalten oder in Beziehungen; zwanghafte oder depressive oder narzisstische Anteile, die sich eben doch bemerkbar machen; Verletzungen, Enge, Ängste. Ja, genau mit diesen Einschränkungen darf und soll er in die Exerzitien gehen und um Befreiung und Reifung bitten – Exerzitien ermöglichen bisweilen erstaunliche Wege des Heilens und Wachsens. Gott beruft den Menschen mit seinen Mängeln. Wenn jedoch der Exerzitant durch massive psychische Störungen belastet ist? In diesem Fall ist es sehr ratsam, diese in einem Vorgespräch zu thematisieren. Oft ist es besser, Störungen zunächst psychotherapeutisch oder psychiatrisch behandeln zu lassen und eventuell später Exerzitien zu machen. Wenn die Störung jedoch behandelt ist und der Exerzitant sie angenommen und einen guten Umgang mit ihr gelernt hat, ist es durchaus möglich und oft sehr fruchtbar, wenn er Exerzitien macht: Mit den gleichsam freien Anteilen seiner Seele lässt er sich auf die Gottesbeziehung ein und entdeckt neue und faszinierende, heilende und tröstende Welten. Solche Exerzitienwege sind auch für die Begleiterin erstaunlich und trostvoll.
Übungen empfangen. Ignatius nennt den Exerzitanten „den, der die Übungen empfängt“ (z. B. EB 15). Angeleitet und geführt wird er demnach vor allem dadurch, dass er sich von seiner Begleiterin Übungen geben lässt. Er billigt der Begleiterin Autorität zu und unterstellt sich dieser. Dafür braucht er persönliche Offenheit und Vertrauen – hilfreich ist, wenn beide sich vor Beginn der Exerzitien kennenlernen, sich über ihre Erwartungen an die Exerzitien austauschen und sich erst danach zur Begleitung entscheiden. Während der Exerzitien berichtet der Exerzitant auch über innere, manchmal sehr persönliche Erfahrungen – er akzeptiert auch darin die Asymmetrie der Beziehung. Und doch ist deutlich, dass sein erster und gleichsam intimster Gesprächspartner Gott ist. Vor allem in dieser Beziehung öffnet er sich und lässt sich beschenken und verwandeln und führen.
Selbst beten
