Sieben Todsünden - Stefan Kiechle - E-Book

Sieben Todsünden E-Book

Stefan Kiechle

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Beschreibung

Ist "Sünde" als Thema völlig out? In Zeiten globaler Krisen wird das Walten des Bösen nochmals offensichtlicher, und die Sünde ist allgegenwärtig. Die alte Tradition der "sieben Todsünden" greift zentrale Momente des Bösen im Herzen der Menschen auf. In den ignatianischen Exerzitien reflektiert man persönlich über Sünde und Schuld und erfährt Umkehr, Heilung und die Barmherzigkeit Gottes. Das Buch hilft zur Wahrnehmung der Sünde im persönlichen und im gesellschaftlichen Bereich. Es regt an, offen mit sich und mit anderen umzugehen und dem Gott der Liebe näherzukommen.

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Seitenzahl: 109

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Stefan Kiechle

Sieben Todsünden

Ignatianische Impulse

Herausgegeben von Igna Kramp CJ, Stefan Kiechle SJ und Stefan Hofmann SJ

Band 96

Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.

Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.

Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.

Stefan Kiechle

Sieben Todsünden

Hans Baldung Grien (1484/85–1545): Die sieben Todsünden (Holzschnitt). Abbildung: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

Inhalt

1. Zum Beginn: Sünde heute?

2. Sünde bei Ignatius von Loyola

3. Die sieben Todsünden und ihre Geschichte

4. Die erste Todsünde: gula – die Völlerei

5. Die zweite Todsünde: luxuria – die Wollust

6. Die dritte Todsünde: avaritia – der Geiz

7. Die vierte Todsünde: ira – der Zorn

8. Die fünfte Todsünde: invidia – der Neid

9. Die sechste Todsünde: acedia – der Überdruss

10. Die siebte Todsünde: vana gloria – die Ehrsucht

11. Die Wurzel aller Sünden: superbia – der Hochmut

12. Zum Ende: Neue Todsünden?

Anmerkungen

1. Zum Beginn: Sünde heute?

Das Thema scheint unendlich fern zu sein: Ja, im Mittelalter hatten die Menschen Sündenängste, und die Kirche redete sie ihnen ein. Heute empfindet sich niemand mehr als Sünderin oder Sünder, und selbst die Kirche traut sich kaum mehr, von der Sünde zu reden. Man hat auch keine Schuldgefühle, wenn man etwa gegen bürgerliche Verhaltensnormen verstößt. Jegliches Moralisieren in der Pädagogik oder in der Katechese gilt als unerträglich. Gott ist kein Wächter über die Sünde, der zornig wird bei Verfehlungen und dann rächt und straft. Gott ist barmherzig mit den Schwächen der Menschen. Er verzeiht und heilt, baut auf und hilft, liebt. In unserer Religion und Gesellschaft habe, so sagen viele, die Sünde definitiv keinen Platz mehr. Kein Mensch spricht mehr über sie. Doch stimmt das?

Schon im allgemeinen Sprachgebrauch gibt es sehr wohl den »Verkehrssünder«, den »Umweltsünder« und den »Steuersünder«; übrigens gendert man hier kaum. Es gibt die Kaloriensünde und die – natürlich völlig unverzeihliche – Modesünde, es gibt die Flugscham, die Tiere-essen-Scham und das Bodyshaming. Bei Skandalen aller Art zeigt man gerne mit dem Finger auf die Übeltäter: bei Steuerbetrug und bei Machtmissbrauch, ganz besonders bei sexuellen Übergriffen und bei deren Vertuschung. Es gibt also doch eine Moral, die heftig eingefordert wird, in mancher Hinsicht wohl strenger als in der guten alten Zeit. Es gibt einen durchaus neuen Moralismus im öffentlichen Bewerten anderer. Sünden werden gesehen und benannt, bewertet und abgestraft.

Wer die Zeitung liest oder im Internet surft, sieht sofort: Es gibt das Böse, es gibt Egoismus und Gier, es gibt Lüge und Hochmut, es gibt Autoritarismus und Verletzung von Menschenrechten, es gibt Machtstreben und Ausbeutung, es gibt Sklaverei und Mord – es gibt die Sünde, und sie schädigt Menschen unendlich. Lange schien das Sexuelle von der Liste gestrichen zu sein, aber seit einigen Jahren ist es wieder drauf, mit den Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche und auch gegen erwachsene Frauen und Männer, allerdings mehr als Machtmissbrauch und Gewalt denn als Verletzung eines Verbots, Sexualität zu leben. Wie schwer sexuelle Gewalt Betroffene beschädigt, an Seele und Leib, wurde lange nicht gesehen; heute ist dies, dafür sollte man auch dankbar sein, endlich präsent.

Was ist Sünde? Durch sein Verhalten schädigt jemand: sich selbst, eine oder einen anderen, eine Gruppe oder ein Volk oder die Menschheit. Sünde ist ein Beziehungsgeschehen. Aus Gier rafft jemand unrechtmäßig etwas an sich: Er will mehr haben oder mehr sein, als ihm zusteht. Mit Macht, auf Kosten und gegen die Würde anderer und gegen die Gerechtigkeit nimmt er, was ihm nicht gehört – er bricht Regeln. Meist verschleiert er die Sünde mit Lüge.

Sünde verdirbt die göttliche Schöpfung, die ja gut und gerecht sein soll – daher betrifft sie Gott und ist eine Störung der Beziehung zu Gott. Die Sprache verwendet dann »Sünde«, wenn eine Verfehlung in der Perspektive der Gottesbeziehung gesehen wird. Auch die säkulare Rede vom »Steuersünder« oder vom »Umweltsünder« meint eine Verfehlung gegen das Gemeinwohl und damit eine Störung der Weltordnung, die der Sprechende in irgendeinem Winkel seines Herzens vermutlich doch noch – zugegeben oder nicht – ein wenig als gottgegeben und heilig ansieht. »Heilig« wäre übrigens zur Sünde der Gegenbegriff: Jemand oder etwas ist durchdrungen von Gott, von seiner Kraft und seiner Wahrheit, von seiner Güte und seiner Weisheit, von seiner Gerechtigkeit und seinem Frieden, von seinem Trost und seinem Geist.

Sünde ist Verfehlung des Ziels: Das Ziel des Menschen ist – auch ignatianisch gedeutet – die Ehre Gottes. Nun ist die Ehre Gottes der lebendige Mensch; so sagt schon im zweiten Jahrhundert der Kirchenvater Irenäus von Lyon. Sünde beschädigt menschliches Leben und damit Gottes Schöpfung und Ehre. »Verfehlung« (eines Zieles) ist übrigens eine wörtliche Annäherung an das griechische Wort (harmartía) und ähnlich an das hebräische Wort (chata’a/chat’at im Tanach) für Sünde.

Sünde ist Seinwollen wie Gott: Der Sünder will so reich und mächtig und groß werden, wie Gott reich und mächtig und groß ist. Wer sündigt, leugnet nicht Gott, sondern er will sich mit ihm messen, will ebenbürtig neben ihm stehen, sucht seine Nähe. Er verleugnet, dass er als Geschöpf kleiner und ärmer ist als Gott, ihm fern und begrenzt und endlich. Er leugnet die Grenzen seiner Geschöpflichkeit und ebenso seine Gottebenbildlichkeit; denn er ist zwar Abbild, aber eben nicht Urbild. Er will sich zum Schöpfer seiner selbst machen. Heute will Künstliche Intelligenz menschliche Fähigkeiten erweitern und – wo sie einen quasi-religiösen und totalen Anspruch erhebt – vergöttlichen; ein solcher »Transhumanismus« wird unter dieser Rücksicht sündhaft.

Sünde wirft die Gottesfrage auf: Wo ist er? Warum lässt er Böses zu? Warum schuf er nicht eine sündenfreie Welt? Warum schützt er seine gute Schöpfung nicht gegen böse Übergriffe? Warum greift er nicht ein? Wann und wie überwindet er die Sünde?1

Jede und jeder waren und sind irgendwann unehrlich oder stolz oder egoistisch. Jeder Mensch hat seine Sündengeschichte: Alle waren einmal Täter ihrer Sünde, alle waren einmal Opfer der Sünde anderer – und auch ihrer eigenen. Die Sünde prägt und verändert uns, ob wir das sehen wollen oder nicht. Eine Wurzel aller Sünde ist sicherlich die Angst: Wir haben Angst, zu kurz zu kommen, etwas oder uns selbst zu verlieren, abzustürzen; Angst zu verarmen oder zu vereinsamen oder zu sterben. Wir wollen den Tod nicht akzeptieren und arbeiten daher am Absichern unseres Lebens. Die Sünde anzuschauen und zu bekämpfen, hilft uns, freier zu werden, zu vertrauen und zu leben. Gott bestimmte bei der Erschaffung der Welt, dass der Mensch ihm ähnlich sei, also frei und vertrauend und lebendig. Freilich werden wir Gott nur ähnlich, wenn wir nicht sein wollen wie Gott, sondern in aller Begrenztheit leben, mit Gott und in Gott.

2. Sünde bei Ignatius von Loyola

Wer das Exerzitienbuch aufschlägt, nimmt gleich wahr, dass Ignatius2, nach einigen Vorbemerkungen und einem kurzen Einleitungstext, in der »ersten Woche« fast nur von Sünde spricht. Tagelang soll die Exerzitantin3 in mehrfach wiederholten Übungen die Sünde der Welt und die Sünden ihres Lebens anschauen und sie bereuen. Ganz selbstverständlich spricht Ignatius von Sünde und gibt nie eine Definition oder Erklärung darüber – offensichtlich weiß zu seiner Zeit die Leserschaft, was gemeint ist. Erscheint uns das nicht als zu dick aufgetragen? Wirkt Ignatius da nicht etwas fixiert, hoffnungslos einseitig? Bei heutigen Exerzitienkursen wird man so sicherlich nicht einsteigen. Sehen wir zuerst kurz, wie das Thema in der Lebensgeschichte des Ignatius aufscheint.

»Bis zum Alter von 26 Jahren war er ein den Eitelkeiten der Welt ergebener Mensch (dado a las vanidades del mundo) …, mit einem großen und eitlen Verlangen, Ehre zu gewinnen (con un grande y vano deseo de ganar honra)« (BP 1)4 – so beschrieb Ignatius seine Jugend im Rückblick. Wichtige Motive dessen, was er später unter Sünde verstand, sind angedeutet: die Leere/Eitelkeit der Welt und das ebenso leere/eitle Verlangen nach Ehre oder Ruhm. Nach seiner inneren Umkehr in Loyola legte Ignatius auf dem Montserrat eine Lebensbeichte ab, in der er versuchte, all seine Jugendsünden zu überwinden – was aber so schnell kaum gelingen kann. In der darauffolgenden Wüstenzeit in Manresa quälte er sich lange mit seiner Sündenlast ab und verstrickte sich in Skrupeln – das sind Sündenängste wegen eingebildeter, nicht wirklicher Sünden. Kein extremes Fasten, kein täglich siebenstündiges Beten auf den Knien, kein ständig wiederholtes Beichten halfen ihm aus seinen Skrupeln und Suizidphantasien heraus. Erst nach Monaten entdeckte er wie durch ein Wunder, dass »Gott unser Herr ihn um seiner Barmherzigkeit willen« schon befreit hatte (BP 25), und er war aus seiner Qual befreit. Dennoch blieb in seiner persönlichen Spiritualität das Thema Sünde sein ganzes Leben lang wichtig: Er erforschte häufig sein Gewissen, bat immer wieder um Vergebung, wollte sein Verhalten ändern, und in den Exerzitien gab er der Thematik großen Raum. Ignatius blieb eine Person, so wird er heute gedeutet, mit deutlich zwanghaften und narzisstischen Anteilen – allerdings muss man mit diesen psychologischen Urteilen zurückhaltend sein; der Abstand der Jahrhunderte und der ganz anderen Kultur ist zu groß. In Ignatius’ Jugend war diese Kultur wohl klar »sündhaft«: materialistisch und ehrgeizig, machohaft und sexuell übergriffig, auch gewalttätig. Später erlebte er seine Sünde subtiler, vergeistigter – er empfand sie immer stark. In der spirituellen Kultur der Zeit5 war das Bewusstsein der Sünde allgegenwärtig.

Sünde besteht für Ignatius dann, wenn der für Gutes geschaffene Mensch seinen »ungeordneten Anhänglichkeiten« nachgibt (EB 1)6 und damit aus egoistischen Motiven Unordnung, Böses, Schaden schafft. Er nutzt die ihm anvertrauten Mittel nicht für gute Ziele, sondern für solche, die ihn von seinem Ziel, Gott zu dienen und ihn zu ehren, wegführen (EB 23). In der »ersten Woche«7 betrachtet der Exerzitant die Sünden der Welt und der Menschen und schließlich seine persönlichen Sünden. Er bittet um Scham und Verwirrung, um Schmerzen und Tränen wegen seiner Sünden. In tiefer Reue bittet er um Erbarmen und Vergebung. Er führt ein »Gespräch« – persönliches Gebet – mit Christus, der am Kreuz hängt und für seine Sünden stirbt (EB 53f.); von dort her kommen für ihn Vergebung und Erlösung. In einer Lebensbeichte lässt er sich auch sakramental diese Vergebung zusprechen. Am Ende der »ersten Woche« sieht er sich gleichsam als geliebten Sünder: Ein Leben lang ist er und bleibt er Sünder, aber zugleich ist er in Gottes erbarmender Liebe so umfassend geborgen, dass die Sünde nicht mehr zählt und nicht mehr wirkt.

In der »zweiten Woche« der Exerzitien betrachtet die Exerzitantin in der Übung von den zwei Bannern (136ff.), wie Luzifer, der »Anführer der Feinde«, die Menschen zur Sünde verführt. Er geht in drei Stufen vor: zuerst mit der Begierde nach Reichtum, dann mit der nach »eitler Ehre der Welt«, dann mit der nach »gesteigertem Hochmut« (142). Ehre ist das Ansehen bei den Menschen, Hochmut mehr eine geistliche Untugend: sich von Gott besonders erwählt und begnadet und daher den Dingen der Welt enthoben zu wissen. Dagegen angehend, will die Exerzitantin bei Christus sein und ihm dienen: Er bewegt sie in einem parallelen Dreischritt zur Tugend der Armut, zum Ertragen von Schmähungen und zur Demut (146).

In der »dritten Woche« schaut der Exerzitant nochmals auf den Gekreuzigten und seinen Leidensweg. Christus nimmt wegen seiner Sünden das Kreuz auf sich (EB 193) und befreit ihn durch seine Lebenshingabe von aller Schuld. Schon in der »ersten Woche« zeigte sich Gott im Gekreuzigten solidarisch mit ihm als Täter seiner Sünden, hier in der »dritten Woche« zeigt er sich darüber hinaus auch solidarisch mit ihm als Opfer der Sünden anderer. So erfährt er Vergebung seiner Schuld und Heilung seiner Wunden. Befreit kann er seinen Lebensweg mit Christus und in dessen Dienst gehen.