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Die Erzählung eines die Bombardierungen des Ruhrgebietes Überlebenden mit Mutter und jüngerem Bruder. Schutz hat nur, wer weiblich ist und Kinder hat: Hitlers, Görings und Goebbels Nachwuchs als Kanonenfutter zur Eroberung der Welt; und den Unterschlupf auch noch jederzeit rechtzeitig erreicht. Bombardierung der Städte hier am Tag und des Nachts. Nach dem Verlust der Wohnung eines Nachts, Zwangsevakuierung der drei in einem Dorf südlich der Schwäbischen Alb. Hier aber macht sich die französische Armee schon über den Rhein als Dank für ihr zuvor überfallenes Land. Spannend erzählt bis in die Zeit der beginnenden Hungersnöte in Deutschland nach Ende des Krieges. Lesens- und wissenswert für Jung und Alt.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2017
Inhaltsverzeichnis
Impressum
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI
XXXII
XXXIII
XXXIV
XXXV
XXXVI
Epilog
Impressum
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© 2016 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-95840-183-9
ISBN e-book: 978-3-95840-184-6
Lektorat: Katja Wetzel
Umschlagfoto: Sergey76 | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
I
Wir hatten November und eine Grippewelle hatte mich erwischt. Ich lag mit nachlassendem Fieber den dritten Tag im Bett. Es war Nachmittags – meine Frau musste ihrem Beruf nachgehen –, und ich blickte vor mir auf die nackte Wand meines Zimmers und ab und zu nach rechts in das trübe Stück Himmel draußen vor meinem Fenster unseres Reihenhäuschens. Und da marschierten laut derbe Stiefelschritte auf dem gepflasterten Weg draußen vor meinem Haus vorüber: Touk – Touk – Touk – Touk de Touk polterten sie und erinnerten mich plötzlich wieder an meine Geschichte als kleiner Junge, in der Stiefelschritte wie diese ein bleibendes Merkmal meines Erlebens in einer finsteren Dezembernacht geworden waren. Mir Riesenangst vor der Person des Stiefelträgers machend, aber unfähig dieser auszuweichen. Am Schluss der Geschichte aber in einer Synthese endend in Form eines unerwarteten Geschehens.
Begonnen hatte alles in einer Dezembernacht im Krieg im Luftschutzbunker in unserer Heimatstadt im Ruhrgebiet im Jahr 1944.
Nach einem Fliegerangriff wohl nach Mitternacht, denn eine Uhr besaßen die Schlafzellen des Bunkers nicht.
Wir übernachteten schon seit dem Frühjahr nur noch in diesem Luftschutzbunker. Meine Mutter, mein zweijähriger Bruder Bernd und ich. Mein Name ist Heino. Ich war acht Jahre alt.
Unser Vater war vermisst als Soldat in Russland.
Wir übernachteten im Bunker, weil die Nächte nicht mehr sicher waren vor Fliegerangriffen auf das Ruhrgebiet.
Zum Glück für uns lag der Bunker an unserer Straße und nur etwa zehn Minuten Fußweg entfernt von unserem Zuhause, sodass der Marsch hierher und morgens zurück nach Hause keine Strapaze für uns war.
Die Luftschutzbunker waren jedoch der einzige Schutz vor den Bomben in den Städten.
Und das Ruhrgebiet, in dem unsere Heimatstadt lag, war für feindliche Fliegerangriffe ein bevorzugtes Gebiet mit seinen vielen Hochöfen, Stahl- und Walzwerken und Kohlezechen. Denn schließlich wurden hier neben der Kohleförderung fast nur Eisen und Stahl erzeugt, was zum Herstellen von Panzern, Kanonen, Bomben, Gewehre, Lastkraftwagen, Eisenbahnwaggons und Gewehrkugeln benötigt wird; alles Gegenstände, die zum Töten dienen, sowie das „schwarze Gold“, wie man die abgebaute Kohle nannt.
Die Flugzeuge kamen – wenn nicht täglich – dann doch jetzt jede zweite oder dritte Nacht und warfen irgendwo über einer unserer Städte des Reviers ihre Lasten ab.
Sie warfen aber nicht nur auf Fabriken ihre Bomben, sondern auch auf Wohngebiete.
Aber schließlich schien es nach Ansicht unserer Mutter Absicht der alliierten Gegner Deutschlands jetzt zu sein, auch die Zivilbevölkerung mit den Familien der im Krieg befindlichen Soldaten zu demoralisieren. „Kampfgeist zu schwächen“, meinte sie, sei unter anderem auch ihr Ziel.
Kein Wunder aber erklärte sie mir: Denn die von Deutschland überfallenen Länder Polen, Dänemark, Norwegen, dann die Länder Belgien, Niederlande und Luxemburg und danach unser Nachbar Frankreich, hatten nicht den Krieg angefangen mit Deutschland, sondern Deutschland hatte diese Länder einfach überfallen. Von einer „verrückten deutschen Regierung“, wie meine Mutter diese heimlich nannte.
„Heimlich“, weil wer so etwas offen sagte, machte sich strafbar und wurde eingesperrt.
Aber die Tatsache allein genügte, dass einem jeden Deutschen dieser Gedanke von selbst sich eigentlich aufdrängen musste: Ein europäisches Land überfällt sieben andere europäische Länder! Wie soll das normal sein? Noch heute fasst man sich beim Nachdenken darüber an den Kopf!
Und zuletzt die allergrößte Dummheit: Die deutsche Wehrmacht überfiel dann auch noch Russland im Juni 1942, mit dem es zuvor auch noch – man glaubt es nicht – einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. „Wie konnte ein Volk wie Deutschland nur eine Regierung aus solchen Lügnern wählen?!“, meinte meine Mutter im Stillen.
Zu diesem Feldzug gegen Russland war dann unser Vater – der schon zuvor als Soldat eingezogen worden war – im Laufe des Jahres 1942 von einem Truppenkommando zu einem anderen abkommandiert worden.
Schon beim Aufzählen der überfallenen Länder müsste die ganze Welt sich fragen, nach meiner Mutter, ob die Deutschen verrückt geworden seien.
Aber es war ja so.
Ein vom deutschen Volk gewählter Reichstag in Berlin erhielt im Frühjahr 1933 bei einer Wahl für die Abgeordneten zum Deutschen Reichstag eine Mehrheit von 2/3 der Reichstagsabgeordneten für die Partei der Nationalsozialisten der (NSDAP) und des Deutschen Zentrums einer sich katholisch nennenden, konservativen Partei; die dann für ein Ermächtigungsgesetz stimmten, das dem Führer der mächtigsten Partei, der NSDAP (den Nationalsozialisten), erlaubte, in der Regierung gegenüber dem eigenen Land und auch gegenüber dem Ausland zu verfahren, wie er wollte und meinte. Beide Parteien zusammen stimmten im Reichstag – dem Parlament der Deutschen bis dahin – für das gewünschte Gesetz, das der Partei der Nationalsozilisten und deren Führer Hitler dann alle Rechte zubilligte, die um das Land zu regieren nach dessen Meinung erforderlich waren.
Ich wusste das alles von meiner Mutter und vom Hörensagen auf dem Schulhof.
Beide Parteien zusammen haben das Parlament damit aufgelöst, und den Reichstag als nicht mehr relevant behandelt.
Das Sagen über ganz Deutschland hatte nach diesem Gesetz nur noch eine Person, und das war Hitler, der dann die Kriege gegen die genannten Länder begonnen hatte und der sich jetzt Führer nennen ließ.
Das hatte zunächst dazu geführt, dass dann Deutschland alle oben genannten Länder überfiel und sich in den überfallenen Ländern wohl die Meinung bildete, dass dies die Meinung und auch Absicht des ganzen Volkes Deutschlands sei. In Wirklichkeit war es nie gefragt worden.
Allerdings sprach sich später unter den Menschen Deutschlands offen nie dagegen jemand aus nach meiner Mutters Ansicht, weil niemand als Gegner Deutschlands in Verruf geraten und eingesperrt werden wollte; denn das war die Folge solcher geäußerten Meinungen gewesen. Die kommunistischen Reichstagsabgeordneten waren zuvor verhaftet und eingesperrt worden. Nach der Anstimmung geschah Gleiches mit den Sozialdemokraten, weil diese auch gegen das Ermächtigungsgesetz und gegen Hitler waren.
Die Nordamerikaner halfen schließlich dem überfallenen Russland mit militärischer Ausrüstung. Aber erst am 6. Juni 1944 – zwei Jahre später! – kamen sie dann den Engländern und Frankreich militärisch zu Hilfe und schließlich damit auch Russland, mit der Invasion in der Normandie an der französischen Atlantikküste.
Und seitdem nahm dann auch die Bombardierung bei uns im Rheinland zu. Mehr nachts als am Tag.
Und gleichzeitig wurden jedoch auch deren Bomben gefährlicher. Insbesondere die, die man Luftminen nannte, waren jetzt nach dem Erzählen der Leute und laut Radioberichten erheblich stärker und auch raffinierter geworden: Sie fielen nicht mehr bis auf die Erde, um dann zu explodieren, sondern explodierten kurz zuvor noch in der Luft in Hausdachhöhe. Somit rissen sie von dort die Dächer ab oder auf, mit der Folge für die Flieger, dass sie nun ihre Brandbomben von oben in die unbedeckten Dachböden der Häuser regnen lassen konnten.
So wurden ganze Wohnsiedlungen und später ganze Stadtteile in Brand gesteckt. Hamburg und Dresden waren später Beispiele dazu.
Alles brannte nach diesem Vorgehen lichterloh und die Feuerwehren der Städte waren oft nur noch Stafette; eine hilflose Gruppe, die nur noch das weitere Ausbreiten des Feuers versuchen konnte zu verhindern, wenn sie wegen der zuvor auf die Straßen gefallenen Dächer überhaupt noch rankamen zu den brennenden Häusern.
Die Brandbomben waren wohl gefüllt mit Pech und Phosphor und ähnlichem Inhalt.
Und man stelle sich vor: eine solche Brandbombe fällt ungehindert auf den trockenen – jetzt offenen daliegenden, weil abgerissenen – Dachboden eines Hauses, vor allem eines mehrstöckigen. Das brennt dann wie eine Fackel gen Himmel.
Nicht selten wurden dabei auch flüchtende Bewohner und Passanten unten auf der Straße beim Davonrennen von Splittern der Brandbomben getroffen und rannten dann mit brennender Kleidung wie Fackeln über die Straßen, wurde erzählt. Lebendig brennende Menschen!
Und irgendwo im Ruhrgebiet jaulten, zumindest bei Nacht, nunmehr jetzt immer irgendwo die Alarmsirenen. Und meist begannen dann auch die Sirenen der anderen Städte des Ruhrgebiets zu singen.
Man sagte „singen“, aber es war kein Singen: Es war mehr ein Jaulen: Ooooouuuuuuuuuuu! und wieder Ooooouuuuuuuuuuu! So hörte es sich an. Und immer auf und ab im Ton bei Alarm. Eine ganze Weile. Und sogleich folgte die Nachbarstadt mit dem Heulen ihrer Sirenen. Und dann oder gleichzeitig folgten auch die anderen Städte des Ruhrgebiets. Man hörte auch sie, denn die Städte hier sind ja fast alle übergangslos, eng und an- oder nebeneinander gebaut, sodass man auf der Straße die Sirenen schließlich jaulen hörte aus allen Horizonten. Und eine Verständigung im Freien war auf der Straße wegen des Lärms dann kaum noch möglich. Oooooooouuuuuuuuuuuu – Oooooooouuuuuuuuuuuu, so klang es immer in den Ohren. Es begann mit O am Anfang und lief weiter bis zum Ende mit U. Und sowohl das O am Anfang als auch das lange U danach machte einem schon Angst, dass es einem die Schulterblätter und den Nacken zusammenzog.
Die Sirenen verdeckten mit ihrer Lautstärke freilich dabei auch das sonst meist hörbare Brummen der feindlichen Flugzeuge am Himmel über einem, sodass man – war man dabei auf der Straße – nicht wusste, ob die Flieger jetzt direkt über einem waren oder nicht. Musste man in den nächsten Eingang irgendeines Hauses fliehen oder mindestens unter einen Dachvorsprung oder gar nur unter den scheinbaren Schutz eines Baumes? Oder waren sie weiter weg? Und in welche Richtung flogen sie? Und man dazu noch überlegen konnte: was tun? Wohin laufen? Oder Abwarten, was geschehe …?
All das war nicht möglich mangels des Hörens der feindlichen Flieger während des Jaulens der Sirenen. Viele schimpften deswegen und meinten, die Städte sollten ihre Sirenen nur kürzere Zeit singen lassen.
Zu Hause eilte man dann in den Keller. Aber wissend nach Beobachtungen und den Meinigen meiner Mutter und anderer Hausbewohner von uns, dass der nicht viel Schutz bot. Und die Gefahr darin bestand des Lebendig-zugeschüttet-Werdens vom Feuer oder einfach nur zu ersticken unter dem Zusammenfall des Hauses über einem.
Eine Nachbarin unseres Hauseingangs hörte ich mal zu einer anderen Frau und zu unserer Mutter sagen, als wir wegen eines Alarms am Tage zusammen die Treppe in den Keller gingen: „Dann will ich lieber gleich tot sein, als vom Haus hier über mir zugedeckt zu werden oder vom Feuer oder einfach nur ersticken zu müssen hier unten.“
Das stellte einen vor die Frage, ob man lieber unten im Keller zugedeckt werden wolle vom brennenden, zusammengestürzten Haus oder oben in der Wohnung und die Bombe direkt auf den Kopf über einem.
Egal aber wo man war: Hörte man das Fallen der Bombe oder von mehreren Bomben mit dem Wumm oder ähnlichen Tönen, wusste man, man lebte noch. Hatte überlebt. Denn ein Toter hört nichts mehr, weil der Schall immer erst nach dem Ereignis kommt.
Wenn nicht gleich danach das nächste Wumm kam und wer weiß wie viele und wie oft noch.
Man dankte dann Gott, weil man unversehrt geblieben und die Bombe oder Bomben anderswo niedergefallen waren.
„Ein Dank, dass lieber andere getroffen wurden?“, fragte ich mal unsere Mutter. „Nein!“, sagte sie. „Dass woanders überhaupt niemand getroffen werde, meine und bete ich.“
Tatsächlich aber hörte ich mal auf unserem Hinterhof am Haus eine Nachbarin von uns zu einer anderen sagen, sie glaube nicht mehr an Gott, weil er nicht eingreife und etwas unternehme.
Diesen Krieg hatten nach den Worten meiner Mutter die Deutschen angefangen. Sie las – mit Ausnahme sonntags – täglich eine Tageszeitung und hörte abends Nachrichten im Radio. Und auf das, was meine Mutter sagte, war Verlass, wie ein Schneckenhaus auf sein Tierchen hat. Und was sie sagte, hatte Hand und Fuß und stimmte meistens so sicher, wie ein Punkt auf ein kleines i gehört. Das war so und ist noch heute so!
Die Bomber hatten hier im Rheinland die Schachtanlagen der Kohlenbergwerke des Ruhrgebiets, seine Kokereien, die Hochöfen und die Stahl- und Walzwerke im Visier.
Aber es schien, als warfen die Flieger ihre Lasten auf alles, was unter ihnen war oder sie nur erahnten oder vermuteten. Wohnhäuser schienen inbegriffen, das schien sicher! Sonst wären die Abwürfe nicht auch weit von einer Fabrik auf Wohn- oder Siedlungshäuser erfolgt.
Einen älteren Jungen aus der Schule hörte ich mal während eines Fliegeralarms unten im Keller unter der Schule sagen: Seine Mutter habe gesagt, dieser Krieg sei gnadenlos gegenüber Bewohnern der bombardierten Städte; denn ein Soldat im Krieg habe vielfach sogar die Möglichkeit, sich notfalls seinem Feind zu ergeben und damit sein Leben zu retten. Die Frauen und Kinder in den Städten, auf die die Bomben fielen, hätten eine solche nicht!
Aber Kriege hielt unsere Mutter sowieso für ein Verbrechen und unzulässig. „Nicht die Kriege“, berichtigte sie sich mal, „die Menschen, die sie machen, sind nicht gescheit. Jeder, der mit Worten schon dafür ist, gehört eigentlich sofort eingesperrt“, sagte sie mir mal. „Damit er Zeit bekommt, zu überlegen, warum das falsch ist, was er denkt.“
Sie sagte mir das aber mit dem Finger vor dem Mund. Denn sie war eine strikte Gegnerin der herrschenden Regierung und wurde auch oft deswegen angefeindet. Sie war aber wohl vorsichtiger geworden, wenn sie etwas in diese Richtung sagte, denn solche Leute wurden angezeigt und eingesperrt. Wer etwas gegen die herrschende Regierung oder ihre Kriege sagte, war nicht einfach ein Mensch mit anderer Meinung, sondern ein Feind der Regierung und wurde als Staatsfeind behandelt und verhaftet und eingesperrt. Wenn nicht gar mit dem Tode bedroht.
„Deutschland ist ein Land von Idioten geworden“, flüsterte sie mir mal. „Aber das behalte für dich!“
Die neuesten Bomben bewiesen, dass der Krieg immer schlimmer und heftiger wurde.
Aber Schuld hatten ja nicht die gegnerischen Länder; denn Deutschland hatte ja den Krieg angefangen und hätte ihn jeden Augenblick beenden können. Das wurde auch auf dem Schulhof gesagt.
Nach dem, was aber im Radio gesagt und berichtet wurde, meinte man: Ach du armes, von Bomben bedrohtes Deutschland …
„Das stimmt, Junge, glaub mir“, hatte mir meine Mutter jedoch auch gesagt. „Die Deutschen sind von ihrer Regierung überhaupt nicht gefragt worden, ob sie Krieg wollten. Und Wahlen und Meinungsfreiheit waren von den jetzt Regierenden verboten worden. Wer sie fordert, wird eingesperrt“, sagte sie.
Als Ergebnis konnte man jetzt nicht mehr ruhig schlafen oder am Tag im Freien auf der Straße spazieren gehen. Immer und jeden Augenblick war die Angst vor Fliegeralarm und dem darauf folgenden Gebrumme mit anschließendem Wumm der Bomben – nah oder fern oder auch neben sich oder auf einen drauf …
Und befand man sich in einer solchen Gefahr, wusste man nicht, ob man in zehn – ja fünf – Sekunden noch lebe oder nicht.
II
Unser Luftschutzbunker zum Übernachten war daher nach unserer Meinung ein sicherer Ort des Aufenthaltes, zu mindestens in der Nacht und zum Schlafen – vor allem mit seinen für uns drei nur zehn Minuten Fußweg.
Im Bunker übernachten durften jedoch nur Mütter mit ihren Kindern. Keine Männer. Bis zu halbstündige Wege hatten viele Mütter mit ihren Kindern auch abends und morgens zurückzulegen. Zu laufen gar, wenn keine Straßenbahn oder ein Autobus in der Nähe fuhr.
Wir drei, mit unseren kaum 10-minütigen Fußmärschen, wurden daher von vielen als Glückspilze angesehen. Nur hatte diese Nähe in der jetzigen Nacht dann seine Schattenseite, wie wir dann erlebten.
Wegen unserem Vater kam kurz, nachdem er von einem Heimaturlaub an die Front im Herbst 1942 zurückgekehrt war, eine Nachricht von der Wehrmacht an unsere Mutter, dass er von einem Einsatz an der Front nicht wieder zurückgekehrt sei. Ob er gefallen (also den Tod gefunden habe) oder gefangen genommen worden sei, wisse man nicht. Man betrachte ihn daher bis auf Weiteres als „vermisst“.
So hieß das im Amtsdeutsch. Vermisst, statt tot oder tot, statt vermisst. In Gedanken konnte man es sich aussuchen: Hoffnung machen oder nicht. Bangen und Hoffen, von einem zum anderen Tag.
Es war die letzte Nachricht über unseren Vater, die wir hatten. Wir haben danach nie mehr was von ihm gehört.
Unsere Mutter war hernach lange Zeit krank gewesen und hatte nur noch geweint.
III
Unser Bunker war ein großer, hoch aufgerichteter, grauer, viereckiger, fensterloser Klotz aus Beton aus angeblich meterdicken Wänden. Und hoch gebaut, ich glaube, fast doppelt so hoch wie er breit war. Viele Etagen hoch. Und er stand etwas abseits von der Straße in einem Park.
Ein Luftschutzbunker sollte möglichst viele Mütter mit Kindern in den Nächten aufnehmen können und vor nächtlichen Fliegerangriffen schützen.
Untergebracht war man auf engstem Raum in einer kleinen Zelle mit zwei sich gegenüberliegenden Zweier- oder Dreier-Etagenbetten. Alles eng und schmal.
Einen Schlafplatz erhielten nur Mütter mit Kindern. Kinderlose Stadtbewohner erhielten keinen Platz. Auch Männer von Kindern nicht. Nur die Mütter. Es sei denn, die Mütter seien nachweislich schwer krank, dass sie nicht mit ihren Kindern zum Bunker gehen konnten.
„Das hat aber mit Kinderliebe des Staates nichts zu tun“, das habe ich mal auf dem Schulhof von drei älteren Mitschülern aus meiner Schule flüstern hören, „sondern der Schutz der Kinder erfolge nur deshalb, weil aus Jungen einmal Soldaten werden können, und aus Schulmädchen Fabrikarbeiterinnen für Waffen und Munition!“ Das sei der Grund, und nicht etwa Kinderliebe der Regierung, wie viele glaubten und meinten und auch noch erzählten und vielleicht anderen weismachen wollten, hörte man sagen.
Zu Hause fragte ich meine Mutter, ob die drei Schüler recht haben könnten, und sie fragte: „Was meinst du?“
Ich sagte: „Klar. Wenn unser Vater gefallen ist, gibt es einen Soldaten weniger. Einer von uns beiden, von uns Brüdern, ersetzt ihn später. Und der andere ist sogar ein zusätzlicher Soldat!“
Meine Mutter sagte nichts darauf und streichelte nur meine Haare.
Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit mal zu mir gesagt: „Dein Vater war ein heftiger, ernster Kriegsgegner. Er war Mitglied einer gegnerischen Partei zu dem jetzigen Machthaber. Und in einer Gewerkschaft. Im Deutschen Metallarbeiterverband! Die waren beide für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Beide sind jetzt verboten. Er ist gezwungen worden, Soldat zu werden. Wer das verweigert, wird eingesperrt. Und wer weiß, was man mit denen dort macht oder mit ihm gemacht hätte …“
Das waren ihre Worte.
Seitdem ist und war ich riesig stolz auf meinen Vater; er war für mich ein Held, weil er nicht zu den Verrückten gezählt hatte, die diesen Krieg gewollt hatte, sondern dagegen gewesen war. Und nicht nur ein Achselzucker nach dem Motto: „Was weiß ich – mich geht’s nichts an.“ Ein Held war er daher für meine Mutter ganz sicher auch! Und klug!
Dass trotzdem ein solcher Mensch gezwungen wird, gegen sein Gewissen andere totzuschießen, ist für mich nicht begreiflich.
IV
Zurück in unseren Bunker: Auf seinem Dach war eine Luftschutzsirene angebracht, deren Heulen bei Alarm und Entwarnung man trotz des dicken Dachs und der dicken Betonwände drinnen leise jaulen oder singen hörte.
So wussten wir auch immer, wann Alarm draußen in der Nacht war und wann nicht. Denn wenn sie heulte – und sie heulte bei jedem Fliegeralarm – und auch danach zur Entwarnung –, hörte man sie drinnen, wenn man wach war, leise singen oder jaulen.
Ich wurde meistens wach dabei. Dachte aber: „Durch den Bunker können uns die Flieger nichts anhaben.“
Bei Entwarnung – wenn sie wieder weg waren – sangen die Sirenen einen nur gleichmäßigen Ton: Ouuuuuuuuuuuuuuuuuu… Ziemlich lange anhaltend. Zu lang, um zu versuchen, ihn hier wiederzugeben.
Am Tage kamen die feindlichen Flugzeuge seltener, weil man sie ja bei einem wolkenlosen oder leicht bewölkten Himmel sehen konnte und sie daher leichter abgeschossen werden konnten von den Flakabwehrkanonen an den Rändern der Städte oder im übrigen Land.
In der Dunkelheit nachts waren sie daher einigermaßen geschützt vor einem Abschuss von hier unten. Ob sie oben am Himmel von deutschen Flugzeugen verfolgt wurden, weiß ich nicht.
Sagte auch niemand.
Dafür versuchten aber die Abwehrkanonen der Flak auf der Erde rund um die Städte diese nachts mit starken Suchscheinwerfern am Himmel einzufangen. Und wenn sie eine Maschine in ihrem Lichtkegel am Himmel erfasst hatten, schoss die Flak sofort darauf – mit dem Ziel, dass sie abstürze.
Über den Städten war das bloß ein Problem für die Bewohner: Wohin die abstürzende Maschine fallen würde.
Nach Hörensagen gelang das der Flak aber nicht so oft. Die feindlichen Flieger waren meist zu weit oben in der Luft und dann nur als Winzling im Lichtschein erkennbar – einem silbernen, kleinen Fisch ähnlich.
Die Flieger warfen wohl deshalb lieber eher blindlings Bomben von weit oben herab, als genauer und gezielter und sich selbst dabei aber in Gefahr zu bringen. Statt Fabriken oder Schachtanlagen von Kohlebergwerken trafen sie dann Wohnhaussiedlungen mit Frauen und Kindern. „Aber es sind ja nicht deren eigne Frauen und Kinder“, hörte ich mal einen älteren Mann auf unserem Hinterhof sagen.
Am Tage in der Schule – ich ging ins zweite Schuljahr zu der Zeit –, mussten wir, wenn Alarm während des Unterrichts aufkam, hinunter in enge Kellerräume unter dem Schulgebäude und dort so lange warten und hocken – auch auf der Erde mangels Platz – bis die Sirenen der Stadt wieder Entwarnung heulten.
Wir hatten aber Angst, denn die Schule war nicht als Bunker gebaut. Die Kellerräume waren „eng wie Hühnerställe“, sagte mal ein Schüler und die Decken niedrig, dass die Lehrer sich oft bücken mussten.
Seit dem letzten Frühjahr kamen die Flieger auch am Tage schon mehrmals!
Der Staat versuchte daher immer heftiger, wie meine Mutter mir sagte, auf die Eltern von schulpflichtigen Kindern einzuwirken, um ihre Kinder in eine sogenannte Kinderlandverschickung herzugeben. Gemeint war damit ein Sammellager außerhalb von Großstädten auf dem Land, wo man mit vielen anderen Kindern wie in einer Kaserne in Wohnheimen untergebracht war und dort zur Schule gehen musste. Die Eltern durften einen nur gelegentlich mal besuchen.
Welche Eltern wollten schon dafür ihre Kinder hergeben? Zumal solche Unterkünfte ja auch nicht bombensicher waren.
Meine Mutter wehrte sich immer wieder gegen solche Forderungen der Regierung. Und auch ich wollte sowieso nicht in ein solches Lager, sondern bei meiner Mutter und meinem kleinen Bruder bleiben. Bislang noch mit Erfolg. Meine Mutter sagte immer: „Was soll das?“ Und sie wurde sicher wütend dann dabei. „Wozu? Hört sofort auf mit dem Krieg!“, sagte sie, „dann ist das alles überflüssig, die Kinder von ihren Müttern zu trennen. Und zwar sofort! Dann kommen sofort keine Flugzeuge mehr und werfen Bomben auf uns ab. Hört auf, sofort!“ Das waren ihre Worte gewesen, als einer von einer Behörde oder dem Schulamt mal in unserer Wohnung war. Ich glaub, sie war sehr mutig dabei, machte sich damit bei Regierungsfreunden aber unbeliebt. Wer zu laut und bei seinen Worten gegen die Regierung sprach, konnte sogar einsperrt werden, hörte ich mal Nachbarinnen von uns reden.
Denn das Normalste in der Welt, das Einleuchtendste, wurde – wie ich meinte, mitbekommen zu haben – mit Unfreundlichkeit und Feindseligkeit zurückgewiesen von Autoritätspersonen und Partei- und Regierungsleuten und jedem, der meinte, auch was zu sagen zu haben oder sich schlauer fühlte, wie ich von Nachbarn hinter unserem Haus und neben unserem Kinderspielplatz habe reden hören.
„Aber was ich sage, verhallt sowieso wie ein Schrei gegen den Wind“, sagte unsere Mutter mal zu mir.
Und man feindete sie sogar deswegen an, sagte sie mir mal ins Ohr.
Ich glaube aber, mein Bruder und ich haben eine mutige Mutter gehabt, in dieser Zeit.
Sie hatte jedenfalls Angst, dass man mich einfach von ihr nehme und damit basta! Schließlich gehörten nach Meinung bestimmter Autoritätspersonen die Kinder dem Staat, statt der Staat den Kindern, wie es nach meiner Mutters Meinung wohl hätte sein sollen! Man warf – genau umgekehrt – ihr Bösartigkeit und Uneinsichtigkeit vor. Vernünftiges und folgerichtiges Denken, wie man als Kinder zunächst meint, in der Schule lernen zu sollen, schien verboten, verpönt, ja strafbar zu sein.
V
Wenn bei uns in der Stadt Fliegeralarm war, heulten die Sirenen sofort auch reihum aus den angrenzenden Städten des Ruhrgebiets.
Und weil man das Brummen der feindlichen Maschinen am Himmel während des Heulens nicht hörte, konnte man auch nicht hören oder schätzen, ob viele Feindflugzeuge gerade jetzt über einem flogen und ihre Bomben abwerfen konnten oder wollten oder nur wenige oder einzelne. Oft kamen sie auch einfach mit geleerten Bäuchen von irgendwo aus dem Osten unseres Landes zurück, wo sie ihre Lasten bereits abgeladen und wahrscheinlich Tote hinterlassen hatten und auf ihrem Weg nach Hause waren.
In unserem Keller zu Hause erlebten wir im Frühsommer an einem Sonntag bei Tage den Niedergang zweier Bomben in unserer Nachbarschaft. Zum Glück für uns fiel sie aber von uns aus hinter einem hohen Eisenbahndamm, der nach den Worten unserer Mutter „wie ein Schutzwall gewirkt haben musste gegen den Luftdruck der Luftminen“.
Dennoch sahen wir in unserem Keller sitzend bei der Erschütterung der Erde durch die Explosionen Kalk von unserer Kellerdecke und den Wänden rieseln. Ganz fein und sachte.
Unser Haus schien zu beben und zu zittern. Und in unserer Mutters Kellerregal aus Holz neben uns klirrten dabei sogar die leeren Einmachgläser.
Wir bekamen Angst, unser Haus stürze ein und wir könnten hier unten begraben werden und ersticken.
Durch den Schutz des hoch gebauten Bahndamms, hinter dem die Bomben – an einem Sonntag war es – gefallen waren, wurde vom Luftdruck der Bomben zum Glück jedoch kein Haus auf unserer Seite des Damms beschädigt.
Hinter dem Damm, am Ort des Abfalls, lag aber eine Bergarbeitersiedlung. Wohnhäuser von Bergarbeitern mit kleinen Gärtchen gesäumt. Zum eigenen Gemüseanbau der Bewohner oder auch für Blumen. Und weiter davon, von der Siedlung aus nur aus der Ferne zu sehen, lag ein Lager mit russischen Kriegsgefangenen, russischen Soldaten, die in Russland von deutschen Soldaten gefangen genommen worden waren und jetzt hier in Holzbaracken schliefen und Untertage – in der Erde unten – Kohle abbauen mussten für Deutschland.
Die Wohnhäuser der Bergarbeiter waren meist einstöckige werkseigene, kleine sogenannte Doppelhäuschen mit zu Schlafzimmern ausgebauten Dachböden im Obergeschoss. Nicht weit von der Kohlezeche mit Förder- und Einfuhrschacht entfernt, für deren Kumpels und Familien.
Das Wort „Kumpels“ ist die übliche Bezeichnung für die werkseigenen Untertagearbeiter.
Mit „werkseigenen“ oder auch „zechenangehörigen“ Arbeitern waren oder sind nicht Arbeiter gemeint, die der Zeche gehörten wie früher vielleicht in den Geschichtsbüchern der Schule beschriebene „leibeigene“, fast rechtlose Landarbeiter der adeligen Landbesitzer, sondern solche, die nur durch Arbeitsvertrag an die Zeche gebunden waren oder sind.
Was aber auch für jeden Arbeiter oder auch Angestellten der Zeche so was wie ein Kaufvertrag mit der Zeche ist. Denn er muss und darf seine Arbeitskraft nur der Zeche zur Verfügung stellen und darf für niemand anderen für Geld arbeiten. Und wenn einer die Zeche verließ, das heißt, den Arbeitsplatz im Bergbau aufgeben wollte, musste er auch das Haus aufgeben oder eine zecheneigene Wohnung. Ausziehen also!
Etwas entfernter, näher zum Bergbauschacht hin, lag das Russenlager, wie es nur genannt wurde. Ein Lager mit gefangenen russischen Soldaten, die untertage Kohle für Deutschland abbauen mussten.
Es war mit hohem Stacheldraht und Wachtürmen mit militärischen Wachposten umzäunt und zuweilen in der Nacht mit Scheinwerfern bestrahlt.
In der Nähe der Umzäunung war man unerwünscht. Das merkte man am drohenden Verhalten der Wachposten, wenn man dem Lager näher kam oder nach Ansicht der Wachposten zu nahe.
Anderntags, als das mit den Einmachgläsern in unserem Keller war, kamen drei Jungs und zwei Mädels aus dieser von Bomben getroffenen Wohnsiedlung nicht mehr zur Schule. Denn es war ja ein Sonntag gewesen, und sie waren zu Hause. Eines der beiden Mädels war aus unserer Klasse. Viele von uns – besonders unsere Mädels – weinten und konnten nicht aufhören, als sie und wir alle davon erfuhren.
Ein Unterrichten schien den Lehrerinnen oder Lehrern nicht mehr möglich an dem Tag. Wir standen nur auf dem Schulhof mit blassen Gesichtern.
Aber die herrschende Partei (die Nationalsozialisten) machte daher auf die Eltern der Schüler noch mehr Druck, ihre Kinder freizugeben zu der sogenannten Kinderlandverschickung in Orte außerhalb von bombenbedrohten Städten. In Jugendheime mit eigenen Schulen.
Auch an meine Mutter gingen solch Aufforderungen wegen mir. Bislang hatte sie sich dagegen aber immer erfolgreich wehren können, wie sie mir sagte. Und ich wollte schon gar nicht in solch ein Lager! Sie hatte ja recht mit ihrer Behauptung, die Deutschen brauchten nur mit ihrem angefangenen Krieg aufzuhören, dann kämen auch keine Bombenflieger mehr. „Wahrscheinlich schon ab morgen oder übermorgen nicht mehr“, sagte sie mal zu mir und mir schien das auch einleuchtend! Denn der Grund für Bombenabwürfe lag dann nicht mehr vor.
Meine Mutter ging Tage später durch die Straßenunterführung unter der Eisenbahn in die Siedlung hinüber, um sich die Zerstörung in der Nachbarschaft hinter dem Bahndamm nur anzuschauen. Sie kam mit auffallend blassem Gesicht zurück, das den ganzen Tag – wie ich meine – noch angehalten hatte. Sie schüttelte nur den Kopf beim Kommen, wobei sie meinte, nicht sprechen zu wollen.
Und sie sagte auch nichts.
Ob das russische Gefangenenlager mit getroffen worden war, wusste sie nicht und hatte das auch nicht in der Zeitung erfahren.
Uns interessierte das, weil Russland schließlich keinen Krieg mit Deutschland angefangen hatte, sondern zuvor einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte mit Deutschland. Die gefangenen Russen konnten einem leidtun.
Mit einem Nachbarsjungen von uns schlich ich mich einen Tag darauf, an einem schulfreien Nachmittag, hinüber durch die Unterführung des Damms der Eisenbahnbrücke.
Wir blieben gleich hinter dem Brückendurchgang stehen, weil wir außer zwei riesengroßen, gelben Sandlöchern fast nur ganz oder halb zertrümmerte Häuser und Steine, Balken, Dachlatten und Dachziegel und auch Möbel herumliegen sahen. Nur die Häuser am Rand – die Hälfte der Häuser war unzerstört und verschont geblieben oder hatte nur eingedrückte Fenster oder Türen.
Feuerwehrmänner und Aufräumarbeiter waren jedoch noch jetzt überall am Ort. Und ein weißes Auto, ein Krankentransporter und zwei schwarz lackierte Wagen mit schwarzen Gardinen hinten rundum (Leichentransporter), standen irgendwo abseits.
Der Sand aus dem Loch der Bombe, („Krater“, sagten die Leute dazu, oder Trichter), war an einer Stelle bis gegen den Damm der Eisenbahn hochgeworfen und bis zu deren Gleisen geschleudert worden.
Auch dort oben auf den Gleisen sahen wir Arbeiter mit Eisenbahnermützen auf den Gleisen arbeiten.
Wie kehrten gleich wieder zurück nach Hause. Uns verging der Anblick.
Es sollen zwei Sprengbomben gewesen sein. Brandbomben waren keine gefallen, sodass die Zerstörung nur vom Luftdruck der Sprengbomben stammte. Wahrscheinlich hätten sie die Förderschächte mit ihren Förderkörben treffen sollen, sind aber weit danebengefallen.
Hinterher machte meine Mutter sich Vorwürfe, dass sie mir das Rübergehen nicht verboten hatte. Denn sie meinte, es würden sicher auch noch Tote geborgen werden und wir sollten das als Kinder nicht sehen.
Die Häusersiedlung war etwa zwei- bis dreihundert Schritte im Durchmesser breit gewesen und etwa anderthalb mal so lang längs des Bahndamms gelegen, mit ihren kleinen Gärten drumherum. Als Wohnsiedlung war das immer eine interessante Wohngegend gewesen. Vor allem wegen der kleinen Gärten.
Auf dem Rückweg sahen wir uns die Eisenbahnüberführung – die Brücke – von unten an, durch die wir gekommen waren. Hier waren an den Mauerwänden allerlei schon leicht verblasste Bemalungen angebracht: Parolen, sagte man dazu: mit Pinsel und roter und weißer Farbe: „NAZIS RAUS!“ und „KPD“ und „Wählt SPD“ und „Wählt Zentrum“. „Alles Parteien für die letzte Wahl zum Deutschen Reichstag vor mehreren Jahren“, sagte mir meine Mutter zu Hause, seien das gewesen. Von denen es jetzt nur noch die Nationalsozialisten (die Nazis, sagte sie) gebe. Alle anderen seien von den Nazis verboten worden. Auch die Gewerkschaften der Arbeiter und die Gewerkschaft meines Vaters, der Deutsche Metallarbeiterverband, in der unser Vater so etwas wie ein Vertrauensmann gewesen war – gewählt von seinen Kollegen und deren Sprecher gegenüber ihrem Arbeitgeber und der Gewerkschaft selbst.
„Man darf in Deutschland jetzt nur noch eine Meinung haben, und das ist die der Oberen, dieser einen Partei!“, sagte mir unsere Mutter mal. „Im Ausland zeichnet man die Deutschen mit Schlafmütze auf dem Kopf, weil sie nicht mehr sehen und gesehen haben, was sie sich mit den Nazis eingehandelt haben“, sagte mir meine Mutter, die viele Bücher an der Wand unseres Wohnzimmers zusammen mit den Büchern unseres Vaters hatte.
„Wer eine andere Meinung heute hat und diese äußert, wird jetzt eingesperrt“, sagte sie. „Das haben die Deutschen sich selbst gewählt, Heiner, aber rede daher draußen und in der Schule oder auf dem Schulhof nicht über das, was ich hier vielleicht zu Hause oft sage oder gesagt habe! Oder worüber wir uns unterhalten haben. – Hörst du?“
Ich hatte heftig genickt, denn ich hatte meine Mutter viel zu gern, um sie auch nur in die geringste Gefahr zu bringen. Darum hatte ich mir ihre Worte eingebläut!
Daher redete ich draußen oder auf dem Schulhof lieber zu wenig als zu viel. Obwohl es mich oft reizte, weil ich glaubte, etwas und einiges besser zu wissen, als was andere sagten.
Aber ich redete am liebsten gar nichts über das, was wir zu Hause über draußen redeten oder geredet hatten. Stellte stattdessen aber oft Fragen und berichtete meiner Mutter über das, was andere meinten oder sagten.
Ich kannte beide getroffenen Mädchen aus der Nachbarschafts- Siedlung gut. War oft mit jener aus meiner Klasse stammenden zur Schule und zurück ein Stück Weg mit ihr gegangen.
Ich war danach tagelang – nach meiner Mutters Aussage – unkonzentriert! Konnte nicht verstehen, dass es sie nicht mehr gebe. Dass sie nicht mehr komme, einfach nicht mehr da sei. Verschwunden. Tod. Aus. Nie wieder zu sehen! Ihr Lachen! Etwas so Lebendiges. Lebendiger und freudiger als ich. Nie wieder … Einmal, an einem Morgen zur Schule, sah ich in der Ferne ein Mädchen kommen und ich dachte: „Da kommt sie doch wieder.“ Aber es war ein Irrtum. Es war ein anderes Mädchen, das aus der Richtung der Unterführung kam.
Es war mein erstes Erlebnis mit einem Menschen, den ich gut kannte und gemocht hatte, der durch Tod gegangen war.
Die hinter dem Damm unter den Trümmern der Häuser und dem Sand Begrabenen waren wohl einfach erstickt von der über sie geworfenen Erde und dem Sand aus den Löchern und den Trümmern der Häuser über sich.
Das muss grausam sein.
Wir beide, der Junge, mit dem ich in der Siedlung war, sind gleich wieder zurück auf unsere Seite des Damms. Ich jedenfalls hatte keine Lust mehr, mir das Zerstörte noch weiter anzusehen und wirre Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Trotzdem hatte ich dann welche im Kopf, die immer mal wiederkamen. Vor allem wegen dem Mädel!
Wochen später wurde ich dann mal auf dem Heimweg von der Schule vom Fliegeralarm überrascht. Aber die Flieger waren weit weg von meinem Weg, meinte ich, und ich hatte nur entfernt ihr Brummen am Himmel gehört.
Dann aber hörte ich zwei, drei Mal ein Donnern der Explosionen von Bomben. Und von der Entfernung her viel näher, als ich mir das nur vom Hören des Brummens der Maschinen vorgestellt hatte.
Meine Mutter warnte mich beim Nach-hause-Kommen nach meinem Bericht und sagte: „Erstens: Heiner, halt dich künftig auf dem Schulweg und auch von der Schule zurück überhaupt nirgendwo mehr auf. Ob Alarm ist oder nicht. Und sollte Alarm kommen unterwegs und du hörst schon Flugzeuge am Himmel brummen – egal wie weit du meinst, dass sie noch weg seien: geh’ nicht weiter! Such dir einen Hauseingang, wo du rein kannst – in den Flur zur Not. Klopf an, dass dich jemand hört, und ruf einfach Hallo, dass sie an deiner Stimme erkennen, dass du noch kein Erwachsener bist. Vielleicht holt dich jemand rein oder vielleicht sogar mit in den Keller, bis die Sirenen wieder Entwarnung singen.
Wenn nicht, hock dich in den Hausflur. Und wenn die Tür verschlossen ist, hock dich dicht an die Außenseite der Haustür und mach dich klein. Und falls es knallt vor dir auf der Straße oder gegenüber, halte immer deine Hände schon vorher schützend über den Kopf wegen der Splitter, oder noch besser deinen Tornister – deinen Ranzen – gegen das Gesicht! Wenn das Dröhnen der Bomber am lautesten wird, sind sie über dir. Dann mach dich so klein, wie du kannst.“
Zuvor hatten wir uns nämlich mal, noch im Frühjahr an einem warmen Sonntag, getraut, den Duisburger Tierpark zu besuchen.
Wir hatten blauen Himmel mit herrlicher Sonne. Was die feindlichen Flieger allerdings auch zu lieben scheinen, weil ihnen dann keine Wolken die Sicht nach unten auf ihre beabsichtigten Ziele versperren. Nur war das noch vor der Invasion der Amerikaner an der Küste in Frankreich gewesen und die Gefahr auf Fliegeralarm noch geringer als danach.
Im Tierpark kamen die Flieger jedoch ohne Vorwarnung durch Alarm von Sirenen! Der kam später erst: Wir hatten gerade den Kassenschalter verlassen und spazierten nun erwartungsvoll, mit nur wenig anderen Besuchern – denn es war noch früh am Morgen – in den Park, da kamen sie an: im Tiefflug. Von hinten. Aus Westen.
Der Sirenen-Alarm kam erst, nachdem sie schon da und vorbei waren: im Tiefflug kamen sie von hinter uns angesaust und dabei so tief über der Erde fliegend, dass die Flugzeuge Schatten von der Sonne unter sich auf die Erde warfen und vorbei waren, ehe wir sie überhaupt richtig hatten erblicken können. Und sie ließen obendrein ihre Schusskanonen an Bord blindlings vor sich zur Erde knattern.
Es waren drei Maschinen gewesen. Hintereinander.
Wobei Asphalt, Erde und Sand und Steine von den Geschossen der Bordkanonen auf die Erde in die Luft hochspritzten und wir uns gerade noch mit unserem Kinderwagen links an eine Hauswand hatten flüchten können, unter einen schmalen Dachvorsprung, eng gegen die Wand gepresst, aber mit dem Rücken den Fliegern zu. Meine Mutter den Kleinen auf den Arm gegen die Brust gehalten, mich gegen ihren Rock, den Fliegern den Rücken zugewandt.
Zum Glück trafen sie – auch nach meiner Mutters Zeitung am Tag darauf – niemanden im Park und wohl auch keine Tiere.
Seitdem hasste ich die Flieger jedoch! Denn Frauen und Kinder und Tiere hatten denen nichts getan!
Wir waren gleich wieder umgekehrt und mit der Straßenbahn nach Hause gefahren. Nicht mit dem Zug. Denn dieser hielt nicht, wenn Flieger angeflogen kamen. Die Straßenbahnen aber sehr wohl! Sodass man raus an den Straßenrand rennen und in einem Hauseingang Schutz suchen konnte, so lange, falls man meinen oder befürchten musste, dass sie die Bahn beschießen wollten oder sie weg waren.
Aber wenig später wurde unsere Schule dann wegen der zunehmenden Fliegeralarme geschlossen und ich konnte – oder musste sogar – zu Hause bleiben. Denn ich ging nicht ungern zur Schule.
Seit diesem Sommer etwa heulten die Alarmsirenen aber immer öfter am Tag. Und wir waren froh, abends noch meistens ohne Alarm unseren kurzen Weg hin zum Bunker in vermeintlicher Sicherheit gekommen zu sein.
Meine Mutter wollte, dass der Krieg beendet wird. Aber was andere Leute dachten, wusste ich nicht. Meine Mutter war schon oft froh, wenn sie am Tag zum Einkaufen im Konsum, unserem Einkaufsladen an unserer Straße in der Nähe unserer Wohnung, heil hin- und zurückgekommen war.
„Der fette Göring in Berlin ist doch völlig machtlos“, hatte mal, als die Schule noch nicht geschlossen war, ein Schüler der Oberklasse neben mir im Keller der Schule während eines Alarms geflüstert.
Mit „der fette Göring“ meinte der Schüler des obersten Feldherrn, Hitlers Luftfahrtminister: „Marschall Göring“. So nannte der Dicke sich laut Zeitung meiner Mutter oder laut Radio. Einer, dessen Bild in meiner Mutters Tageszeitung öfters abgebildet war und auffiel wegen seines Aussehens: einem breit grinsenden Gesicht mit eiskalt wirkenden Äuglein und einem Bauch wie ein Bierfass von einer Bierkutsche vor einem Bierlokal in unserer Straße. In einer Uniform, die ihm wohl zu eng war und mit Orden behangen so viel, dass man sie selbst auf dem Bild nicht hätte zählen können.
Mit einem Degen am Schenkel hängend, „wie früher wohl Napoleon“, sagte der Schüler.
