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Es handelt sich um mein einfaches Leben von klein auf. Es waren die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, als die Unruhen in den Großstädten Berlin, Nürnberg und besonders in München ihren Anfang nahmen, in denen ich geboren wurde. Was mir meine Eltern vorlebten, war mir, sobald ich aus dem Hause war, nicht mehr so wichtig. Zu dieser Zeit sind viele meiner Kameraden bei der Hitlerjugend mitmarschiert und schmetterten im Gleichschritt die neuesten Kampflieder hinaus. Ich wäre auch gerne mitmarschiert, aber meine Eltern wollten von dieser Partei nichts wissen. Als sich diese Partei wie eine Pest über das ganze Land ausbreitete, hatte sie bald Millionen Anhänger. Dieser Seuche bin auch ich erlegen, wurde begeisterter Anhänger und glaubte an das Dritte, das ewige Reich. Erst als ich selbst Soldat werde und ich mich schon auf dem Transport nach Russland befinde, weiß ich, dass ich einem Fronteinsatz nicht mehr entkomme. Meine Fronterlebnisse, mein rätselhafter Heimatschuss am 10.7.1943 und die vielen Rettungserlebnisse kann ich auch hier nicht erklären, außer man glaubt an Wunder.
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Den ungerechten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg.
Cicero 106 v. Chr.
Vorwort
Notizen eines Deutschen Soldaten
Als ich im Oktober 1942 zur deutschen Wehrmacht einberufen wurde, tobte die größte Entscheidungsschlacht des 2. Weltkriegs. Die eingeschlossene 6. Armee in Stalingrad unter Führung von General Paulus musste schließlich Anfang Februar 1943 kapitulieren.
Die neue 6. Armee, unter Führung von General Schörner wurde aufgestellt, zu der ich auch gehörte. Sie sollte die Eingeschlossenen befreien und den Siegeszug weiterführen.
Ende Februar rollte unser Transport nach Russland. Als wir in Woroschilowsk ankamen, war die Stimmung nicht mehr so siegessicher, wie es die Partei im Radio, in der Presse und in den Wochenschauen propagierte.
Hinter der Front wurden wir Neulinge täglich von morgens bis abends gedrillt und schikaniert, sodass wir nach zwei Wochen froh waren, dass es am anderen Morgen an die Front ging.
Wir lösten eine Einheit ab, die etwa acht bis zehn Km vor Woroschilowgrad (heute Wolgograd) in Stellung lag. Es hieß, wir werden hier in Stellung warten, bis die Vorbereitungen zum Großangriff auf Stalingrad beendet sind.
Gott war aber nicht mehr der Partner des größten Feldherrn aller Zeiten Adolf Hitler. Dieser Gott hat uns verlassen.
Der Verlauf des Krieges bestand für uns nur mehr aus Verteidigung, planmäßigem Rückzug, wieder Verteidigung usw..
Auf unserem Koppelschloss steht aber „Gott mit uns“. Für uns ist es der gütige Gott, der Retter der vielen russischen Angriffe, der immer seine schützenden Hände über uns halten möge, der uns wieder in die Heimat führen möge.
Es war ein rauer Frühlingstag, dieser 22. April 1924, als ich im ersten Haus beim Dorfeingang von Osten kommend geboren wurde. Durch mein Erscheinen löste ich in der Familie großen Wirbel aus, obwohl ich von meinen Eltern schon mit Spannung erwartet wurde. Es waren schon ein vierjähriger Bruder und eine zweijährige Schwester da, die durch mein Erscheinen vollkommen überrascht waren.
Die Geburt ist ganz normal verlaufen, was nicht immer selbstverständlich ist und so gratulierte die Hebamme meine Mutter zu ihrem neuen Erdenbürger.
So ist der erste Tag in meinem Leben verlaufen, erzählte mir später meine Mutter.
Das Leben auf unserem Dorf Schönkirch in der nördlichen Oberpfalz war mehr armselig als wohlhabend. Die meisten Einwohner waren Arbeiterfamilien, von denen wiederum viele Väter arbeitslos waren. Nur einige hatten Bauernhöfe, die ihre steinigen Felder und Wiesen bewirtschafteten, um halbwegs davon leben zu können.
Es ist sehr eintönig im Dorf. Wenn im Frühjahr die Felder bestellt sind, hoffen die Landwirte, dass der dazugehörige Regen und Sonnenschein abwechselnd zum Erntesegen beitragen. Sie jammerten aber doch immer, weil einmal der Boden zu nass wurde, oder wenn im Sommer der heiße Wind alles austrocknete.
Die Arbeiter, zu denen der größte Teil der Dorfbewohner zählte, gehen oder fahren täglich mit dem Fahrrad bei jedem Wetter zu ihrer Arbeitsstelle, so wie unser Vater auch.
Viele Familienväter hatten aber keine Arbeit, sie gehen dafür zweimal in der Woche zum Stempeln und bekommen dafür auch ihr Geld. Manche von ihnen gehen damit gleich ins Wirtshaus, wo sie nach einiger Zeit schon fröhliche Lieder singen und bis in die Nacht hinein dort bleiben.
Unser Vater ging nie ins Wirtshaus, er musste ja die ganze Woche über arbeiten. Wir hatten immer wenig Geld und mussten immer sparen, Das wenige Geld, das sich unsere Eltern erspart hatten, hatten sie durch die Inflation verloren. Als danach die Rentenmark kam, mussten wir noch mehr sparen. Jeden Pfennig mussten wir mehrmals umdrehen, bevor wir ihn ausgaben.
Das Kreuz war eigentlich der Mittelpunkt in unserer Familie. Unsere Eltern lebten beispielhaft unseren christlichen Glauben vor. Ich sehe noch immer unseren Vater mit erhobenem Zeigefinger sagen: „Unser kurzes Erdenleben ist nur die Vorbereitungszeit für das ewige Leben!“ Als wir fragten, wie lange das ewige Leben dauert, sagte er nur: „Die Ewigkeit hat kein Ende.“ Er sagte auch: „Gott hat auch eine andere Zeitrechnung als wir: Bei ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag oder auch umgekehrt.“
Als ich eingeschult wurde, hatte ich schon vier Geschwister und meine Eltern sagten, vielleicht bekommen wir noch mehr Kinder. Auch andere Familien können noch Kinder bekommen. Schönkirch war schon ein kinderreiches Dorf. Die Dorfbewohner werden immer unruhiger, denn es werden auch immer mehr Arbeitslose. Überall ist Not und Elend, wodurch es in manchen Familien zu Streitigkeiten kommt. Die Leidtragenden waren immer die Mütter mit ihren Kindern.
In unserem Dorf gibt es einen Bäcker, einen Metzger und drei Kramerläden. Eingekauft wurde von vielen auf Pump, sie ließen aufschreiben und zahlten, wenn sie einmal Geld hatten.
Die Frauen jammerten immer, was sie kochen sollen, um die Familie satt zu kriegen. Probleme hatten die Mütter schon mit dem täglichen Pausenbrot. Kinder von Bauern hatten noch Butterbrote dabei, während wir Arbeiterkinder nur trockenes Brot hatten. Und manche nicht einmal das.
In den Großstädten wie Berlin, Nürnberg und besonders in München kamen zur allgemeinen Not noch die politischen Unruhen, Aufstände und sogar Straßenkämpfe, die die verschiedenen Parteien untereinander austragen.
Auch hier in unserem Dorf sympathisierten die Leute mit verschiedenen Parteien. Unser Lehrer war ein 100 prozentiger Nationalsozialist. Er beauftragte uns Kinder, überall für seine Partei für die kommende Wahl die Wahlplakate gut anzubringen. Wir wetteiferten untereinander. An vielen Hoftoren und Heustadeln ist unser Führer Adolf Hitler als Retter Deutschlands zu sehen. „Jeder bekommt Arbeit und Brot.“ Und: „Keiner soll mehr hungern und frieren!“, versprechen die Plakate. Er sagte auch: „Gebt mir 12 Jahre Zeit und ihr werdet Deutschland nicht wieder erkennen.“
Am 30.1.1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler. Das Dritte, das ewige Reich ist geboren. Alles änderte sich und die Partei greift eisern durch. Wer in der Gemeindekanzlei oder auf einem Amt etwas zu erledigen hatte, musste beim Eintreten mit erhobener Hand mit „Heil Hitler“ grüßen und auf dieselbe Art den Raum wieder verlassen. In der Schule wurde das Kreuz durch das Hitlerbild ausgetauscht, wogegen viele protestierten. Viele Arbeitslose gingen zur Partei, wodurch sie sich einen Vorteil erhofften. Sie sagten: „Wir sind deswegen dieselben Arbeiter.“ Unser Lehrer machte aber doch einen Unterschied.
Kinder, deren Väter bei der Partei sind, werden anders behandelt als wir anderen. Bei Eignung durften sie kostenlos auf eine höhere Schule oder auf ein Internat wechseln. Wer aber nicht bei der Partei war, wurde gleich als Parteigegner eingestuft.
Unser Lehrer organisierte auch die H.J. (Hitlerjugend), zu der sich die meisten meldeten. Sie marschierten mit der Hakenkreuzfahne schneidig durch unser Dorf und sangen dabei die neuesten Kampflieder. Ich wäre auch gerne mitmarschiert, durfte aber nur am Straßenrand zuschauen. An 1936 wurde es Pflicht, der H.J. beizutreten, wenn man später einen Beruf erlernen wollte. So willigte mein Vater letztendlich ein, worüber ich mich am meisten freute.
Wir hatten jede Woche ein mal Appell, den ich nie versäumte. Wir übten und exerzierten wie die Soldaten und führten Wettkämpfe durch. Am liebsten war mir das Schießen mit dem Luftgewehr. Wir lernten die neuesten Kampflieder, die wir singend oder mehr schreiend hinaus plärrten.
An einem sonnigen Nachmittag marschierten wir in den nahen Wald, sammelten Reisig und Holzreste zu einem großen Haufen, um ihn bei Dunkelheit anzuzünden. Als die Sonne untergegangen war, verteilten wir uns um den Haufen und zündeten ihn an. Unser Lehrer stimmte das neueste Kampflied an.
„Vorwärts, vorwärts, schmettern die Heldenfanfaren.
Vorwärts, vorwärts, die Jugend kennt keine Gefahren.
Deutschland, du wirst leuchtend stehn. Mögen wir auch untergehn.
Vorwärts, vorwärts, schmettern die Heldenfanfaren.
Vorwärts, vorwärts, die Jugend kennt keine Gefahren.
Ist das Ziel auch noch so hoch, die Jugend zwingt es doch.…Ref:
Unsere Fahne flattert uns voran.
In der Zukunft ziehn wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not.
Mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsere Fahne flattert uns voran.
Unsere Fahne ist die neue Zeit.
Unsere Fahne führt uns in die Ewigkeit.
Ja, die Fahne ist mehr als der Tod.“
Stille.
Nur das Knistern des Feuers ist zu hören. Wir sind alle so ergriffen, dass jeder sein Leben für die heilige Fahne geben würde.
Nun erklärt uns unser Lehrer den tiefen Sinn dieser Stunde.
„Wenn wir heute und jetzt in dieser Stunde dieses Feuer in uns einwirken lassen, so wollen wir geloben, dass diese Flamme auch nie wieder erlöschen soll.“
Als die letzten Flämmchen erloschen waren, marschieren wir wieder singend zum Dorf zurück. Am Kriegerdenkmal lässt uns der Lehrer mit einem „dreifach kräftigen Sieg Heil“ wegtreten.
Als ich an diesem Abend später als sonst vom Appell nach Hause kam, waren meine Eltern in Sorge, denn wir hatten beim Gebet Läuten heimzukommen. Ich dachte mir gar nichts dabei, denn wir feierten ja die Geburt dieses „Ewigen Reiches“. Mein Vater schimpfte aber auf diesen Appell oder Verein, der sich während der Nacht irgendwo herumtreibt. „Zum Gebet Läuten hast du heimzukommen, das gilt auch weiterhin.“
Vor einigen Minuten schwor ich noch auf die heilige Fahne und auf das Ewige Reich. Jetzt aber befinde ich mich wieder in meinem wirklichen Leben.
Diese Rüge verletzte mich und ich spürte in mir einen Groll gegen sie aufkommen. Sie haben noch nicht begriffen, dass wir in einer neuen Zeit leben. Unser Führer brachte uns allen Arbeit und Brot, so wie er es versprochen hat. Meine Eltern sind aber nicht so eingestellt und wollen von der neuen Partei noch gar nichts wissen.
An 1935 kehrt Saarland durch freie Wahlen wieder an Deutschland zurück, das wir durch den 1. Weltkrieg an Frankreich abtreten mussten. Auch die allgemeine Wehrpflicht wurde wieder eingeführt. Deutschland wird wieder eine mächtige Nation.
Mit 13 Jahren, im April 1937 ist meine Schulzeit zu Ende. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. An einem Sonntag besucht uns ein Mann und verhandelt mit meinem Vater über mein nächstes Dienstverhältnis. Sie vereinbarten, dass ich bei einem Bauern den Dienst antrete, um das Vieh zu hüten. Mein Lohn sind im Monat fünf Reichsmark, die aber am Ende meinem Vater ausbezahlt werden. Das Essen habe ich ja und wenn ich einmal Geld brauchen sollte, so soll ich zu meinem Vater kommen. Nachdem der Bauer auch mit mir ein paar Worte redete, verabschiedete er sich und fuhr mit seinem Fahrrad wieder weg. Ich wurde nicht einmal gefragt.
Als ich etwas später wieder in die Stube kam, schaute mich meine Mutter traurig an und sagte: “Aller Anfang ist schwer. Du wirst es selber bald merken, dass deine Schulzeit die schönste Zeit war. Je älter du wirst, desto schwerer wir auch dein Leben werden. Da gibt es einen frommen Spruch, den du dir merken musst: 'Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab. Und weiche keinen fingerbreit von Gotteswegen ab.' Die ersten Takte waren einmal im Radio die Pausenzeichen vor jeder Sendung. Und wenn du jeden Tag zu deinem Schutzengel betest, dann wird er auch dein ganzes Leben lang auf dich aufpassen.“
Nun frage ich noch, wann ich von hier, von daheim weg muss? „Schon nächste Woche!“ gibt sie mir traurig zur Antwort. „Das Dorf heißt Ilsenbach und ist gar nicht weit weg. Der Vater hat dir aus mehreren alten Fahrrädern ein brauchbares zusammengebaut, damit du ab und zu auch heimfahren kannst.“
Als die paar Tage vorbei waren, bittet mein Vater seine Mutter, die im Dorf vorne mit meinem Großvater eine Gastwirtschaft betreibt, ob sie mich zu meiner neuen Dienststelle bringt. Meine Mutter konnte meine kleinen Geschwister nicht allein lassen. Weil sie auf dem Rückweg eine Abkürzung durch den Wald nimmt, geht meine vier Jahre jüngere Schwester mit.
Meine Mutter packte mein Bündel zusammen, das meine Großmutter in einen Buckelkorb (Rückenkorb) steckte und wir machten uns auf normalen Straßen auf den Weg. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir meine Stelle, wo ich abgeliefert werde.
Als ich am Abend dem Knecht in unsere gemeinsame Schlafkammer folgte, versteckte ich meine Tränen unter der Bettdecke.
Am Morgen war unser erster Weg in den Stall. Jeder hatte seine zugeteilte Aufgabe. Alle Rinder müssen gefüttert, die Kühe gemolken und der Mist beseitigt werden. Ich hatte die Kälber zu versorgen. Nach dieser Arbeit gab es die Morgensuppe. Anschließend ging es auf die Felder, die für die Aussaat vorbereitet werden. Alle Arbeiten wurden mit Pferde- und Ochsengespann ausgeführt. Damals gab es im ganzen Dorf noch keinen Traktor.
Der Sonntag beginnt mit derselben Stallarbeit, nach dem Kaffee gehen alle in die Kirche zum Hochamt. Die Bäuerin und die Magd waren schon in der Frühmesse, sie bereiten nun das Mittagessen vor. Bevor es soweit ist, muss erst noch das Vieh versorgt werden. Der Nachmittag war frei. Am Abend musste nach der Fütterung wieder der Stall ausgemistet werden. Zum Abendessen stellt die Bäuerin eine Schüssel Brotsuppe auf den Tisch, wie an jedem Alltag auch.
Wenn am Morgen der Hahn kräht, werden auch wir geweckt und der lange Arbeitstag wird durch zwei Brotzeiten und eine halbe Stunde Mittagessen unterbrochen. Während der Dämmerung gehen zuerst die Hühner in ihren Stall, eine nach der anderen wie auf Befehl. Nur bei uns ist noch lange kein Feierabend. Da gibt es noch vieles zu tun. Man könnte auch sagen: „Abends wird der Faule fleißig.“ Wenn es während der Erntezeit manchmal bis zur Erschöpfung kommt, zeigt sich unser Bauer auch großzügig durch ein gutes Trinkgeld. Ich bekomme eine Mark und der Knecht und die Magd bekommen gleich zwei.
Mitte Mai. Nach den Eisheiligen ist es dann für mich soweit, dass ich jeden Nachmittag, auch am Sonntag, um vier Uhr meine Viehherde auf die Weide bringe und aufpasse, dass keines in fremden Wiesen oder Kleefeldern grast. Das ist zwar nicht so schwer wie die Feldarbeiten oder Heu wenden, aber den ganzen Nachmittag bis in die Nacht dem Vieh nachzulaufen ermüdet auch. Eintreiben darf ich erst, wenn ich geholt werde, wenn der Stall daheim ausgemistet und frisch mit Stroh ausgestreut ist. Sehr lang kamen mir diese Stunden an den Sonntagen vor. Am schlimmsten aber war der Hochsommer, wenn die Sonne immer heißer herunter brennt, die Bremsen über das Vieh herfallen und es nicht mehr fressen lassen. Oft ziehen dann vom Westen noch Gewitterwolken auf, die in kurzer Zeit den Himmel verdunkeln. Wenn es dann blitzt und zugleich knitschend kracht, weiß ich, dass sich das Gewitter über uns entlädt. Von diesem Knall erschrocken, stäuben meine Rinder in alle Richtungen auseinander und ich muss sie mit guten Zurufen wieder zusammen holen. Nachdem sich die Abstände zwischen Blitz und Donner vergrößerten, weiß ich, dass das Gewitter wieder abzieht.
Im Herbst wird das Vieh solange auf die Weide und Wiesen getrieben, bis es schneit und der Schnee auch liegen bleibt. Während dieser Schlechtwetterzeit laufen wir Hirtenbuben immer noch barfuß, aber uns wird trotzdem nicht kalt, weil wir ständig in frischen Kuhfladen steigen.
Als ich für dieses Jahr zum letzten Mal mein Vieh in ihren Stall bringe und jedes an seinem eingestreuten Platz befestigt hatte, gehe ich mit einer Bürste zum Hofbrunnen und beseitige den letzten Rest von Kuhfladen. Nach dem Trockenreiben belohnt mich ein angenehmes Grübeln.
Mir ist aufgefallen, dass ich hier noch keinen Appell hatte und auch nicht brauchte. Hier hat noch niemand mit „Heil Hitler“ gegrüßt. Hier ist eine andere Welt, obwohl mein Zuhause nur zehn Kilometer entfernt ist. Hier gibt es keine H.J. und keine Heldenfanfaren. Meine Aufgabe mit Vieh füllte mich voll aus. Jeden Abend krieche ich müde in mein Bett. Als ich dies einmal meinen Eltern erzählte, freuten sie sich darüber.
Während der Wintermonate gibt es auf einem Hof viele verschiedene Arbeiten. Zuerst wird das eingebrachte Getreide gedroschen – Damals gab es auch noch keinen Mähdrescher. Viele Wochen verbrachten wird mit Waldarbeiten. Auch damals gab es schon das Waldsterben. Alle dürren Bäume wurden ausgeholzt und zu Bau- und Brennholz verarbeitet. Mitten im Hof war der Misthaufen, der per Hand auf den Mistwagen aufgeladen, auf die Felder gefahren und wieder per Hand ausgebreitet wurde. Die Mistgabel war das einzige Werkzeug. Wir hatten immer Bewegung.
An Maria Lichtmess, den 2. Februar ist der einzige Tag, wo jeder Dienstbote seine Arbeitsstelle wechseln kann oder noch mal ein weiteres Jahr bleibt.
Meine Eltern redeten mit mir schon darüber und sie meinten, ich solle noch mal ein Jahr bleiben, weil ich ja alle Arbeiten kenne. Mein Vater sagte dann: „Für das nächste Jahr besorge ich dir eine Lehrstelle in der Stadt.“ Mit dieser Hoffnung fahre ich wieder zu meiner Rinderherde zurück.
Seit Tagen bewegen sich viele Militärfahrzeuge auf unseren Straßen, besonders auf der B 15, die hier in der Nähe verläuft. Kettenfahrzeuge mit angehängten Geschützen rasseln sogar über Bezirks- und Landstraßen, damit sie schneller an die tschechische Grenze kommen. Es sieht nach Krieg aus. Die Welt hofft auf München, wo gerade die Außenminister von England, Frankreich und Deutschland verhandeln. Alle rufen „Wir wollen heim ins Reich“. Es endete gut. Die Tschechoslowakei gibt Sudetenland frei. Der Führer zieht als Sieger ein und wird vom Volk stürmisch empfangen. Dieser Ruhm hat ihn zum Gott gemacht. Er ist größenwahnsinnig geworden. Deutschland wird zur Weltmacht aufsteigen und nichts und niemand werde ihn davon zurückhalten.
Unsere Nationalhymne, das Deutschlandlied, wird mit „Die Fahne hoch…“ ergänzt. Als Unterstützung dienten ihm die SA, die SS und eigentlich alle Parteigenossen. Zur Sicherheit und Abschreckung wurden Konzentrationslager errichtet.
Am 1. September 1939 hört ganz Deutschland die Stimme des Führers aus dem Radio: „Seit fünf Uhr wird zurückgeschossen“. Der zweite Weltkrieg hat begonnen. Polen wird überfallen und täglich große Teile erobert und besetzt. Als Stalin sieht, dass da etwas zu holen ist, greifen russische Truppen von Osten an und kommen Hitler entgegen. In der Mitte teilen sich beide dieses Land. In nur drei Wochen war Polen besiegt. Dieses Land gibt es nicht mehr.
Im Frühjahr 1940 wurde so nebenbei Dänemark und Norwegen besetzt und im Mai hören wir aus dem Radio das schneidige Marschlied: „Kameraden, wir marschieren nach Westen mit dem Bombengeschwader vereint. Und fallen auch viele der besten, wir schlagen zu Boden den Feind. Vorwärts voran voran, über die Maas, über Schelde und Rhein. Marschieren wir siegreich nach Frankreich hinein, hinein…“
In den Wochenschauen sieht man die deutschen Helden an brennenden feindlichen Panzern vorbei ziehen, während auf der anderen Straßenseite die gefangenen Franzosen zurückgebracht werden. Mitte 1940 kapitulierte Frankreich. Alle deutschen Jungen wurden von dieser Siegeseuphorie mitgerissen. In Nordafrika rollen Rommels Panzer gegen die Engländer vor. Die deutschen U-Boote jagen in allen Meeren die feindlichen Schiffe und die deutsche Luftwaffe beherrscht den europäischen Luftraum.
Wer jetzt noch an einem deutschen Endsieg zweifelt, sollte es für sich behalten.
Am 22.6.1941 greift Hitler sogar Russland an. Die Welt war schockiert. Diese Überraschung wurde auch von der deutschen Bevölkerung unterschiedlich aufgenommen. Während die Jugend sich gleich in Siegestaumel hineinsteigerte und viele sich gleich freiwillig zum Kriegsdienst meldeten, reagierten viele abwartend. Mein Vater sagte zu mir: „Das ist der Anfang vom Ende!“ Als ich ihn fragend anschaute, zeigte er mir im Atlas Europa und sagte: „Deutschland kann dieses Riesenland niemals besetzen und auch halten. Schon Napoleon versuchte es 1812 und kam sogar bis nach Moskau. Nur ein Teil blieb übrig.
Russland hat aber einen mächtigen Verbündeten, den General Winter und mit seiner Kälte und Frost, der monatelang alles Leben zum Erliegen bringt, auch heute noch.“
In den nächsten Tagen ging es auch an der Ostfront Schlag auf Schlag. Eine Stadt nach der anderen wurde erobert. Es gab nur deutsche Truppen auf dem Vormarsch und auch hier wieder auf der Gegenseite unüberschaubare Gefangene, die zurückgebracht werden. Mein älterer Bruder ist vom ersten Tag an mit dabei, worüber sich unsere Eltern große Sorgen machten. Nach drei Monaten, im September 1941 wurde er bei einem russischen Fliegerangriff schwer verwundet, wo er sieben Monate in Lazaretten verbrachte. Um nach seiner Genesung nicht gleich wieder an die Front zu müssen, meldete er sich als Abiturient auf eine Offiziersschule, wo er nach acht Wochen Leutnant wurde. Er wurde gleich wieder an die Ostfront abkommandiert, wo er nun eine schwerere Aufgabe bekam.
Auch bei mir blieb die Zeit nicht stehen. Als Bäckergeselle wurde ich 1942 zum Wehrdienst einberufen. Mein Chef versuchte, mit einem Gesuch an das Wehrbezirkskommando mich davon zu befreien. Nach einigen Tagen kam die Antwort: „Aus wehrpolitischen Gründen kann ihr Gehilfe Beer vom aktiven Wehrdienst nicht freigestellt werden.“ Mein Chef sagte dazu: „Wir haben damit schon gerechnet. Wir ham's halt versucht.“
Am 15.10.1942 melde ich mich bei der angegebenen Sammelstelle in Marktredwitz. Die Halle füllte sich bald mit meinen zukünftigen Kameraden. Zuletzt kamen zwei Soldaten mit Listen, die uns alle noch namentlich aufriefen.
Anschließend folgen wir den Soldaten zum Bahnhof, wo für uns die Wagons bereit stehen.
Als es dunkel wurde kommt die Lokomotive und bringt uns weg. Wir fahren die ganze Nacht durch und kommen am Morgen in Laun, einer kleinen tschechischen Garnisonsstadt an, wo sich oberhalb der Stadt die Kaserne befindet. Im Kasernenhof werden wir der Größe nach aufgestellt und in Züge und Gruppen eingeteilt.
Anschließend werden wir auf unser Zimmer gebracht. Wir sind 27 Mann. Rechts an der Wand sind 27 Spinde. Unsere Aufsicht, ein Gefreiter, hat sein Einzelbett, sein Spind steht am Fenster.
Unser Kompaniechef O-Lt. Geiling spricht zu uns: Jeder von uns ist verpflichtet, sein Leben für sein Vaterland zu geben. Das können wir aber nur, wenn wir gut darauf ausgebildet und vorbereitet werden.
In den nächsten Tagen werden wir eingekleidet, dann beginnt eine harte Zeit. Auf Schießen wird der große Wert gelegt. Wir müssen schneller und genauer als der Feind sein, um jeden Zweikampf zu gewinnen. Wir werden auch am MG 34 und 42 ausgebildet. Jeder muss auch bei der Nacht Lauf- und Schlosswechsel können, deswegen werden uns jetzt die Augen verbunden.
Am 15. Januar 1943 war unsere Ausbildungszeit zu Ende. Wir bekommen eine Woche Urlaub. Wir wissen, dass wir anschließend an die Front müssen.
Täglich wurden uns die militärischen Erfolge in der Luft, am Wasser und auf dem Lande durch Sondermeldungen bekannt gegeben. Leningrad (Petersburg) wurde eingeschlossen, die deutsche Spitze erreichte Moskau, auf dem höchsten Berg im Kaukasus, dem über 5000m hohen Elbrus, weht die deutsche Flagge und die 6. Armee zog Richtung Stalingrad.
Schlagartig bekam Russland einen Verbündeten. Es war der General „Winter„. Mit der Kälte setzen auch die Schneestürme ein und bringen alles Leben zum Stillstand. Schon einmal in der Geschichte wollte Kaiser Napoleon Russland erobern. Sein Siegeszug endete 1812 auch in Moskau, wo er von General Winter ebenfalls in die Knie gezwungen wurde.
Auch die heutige Technik kann dem Dauerfrost nicht stand halten. Mit schmerzlichen Erfrierungen mussten viele Ostfrontkämpfer in die Lazarette. Die Lücken konnten mit Reserve nicht aufgefüllt werden. Die Propaganda überbrückte das meisterlich. Mit dem Frühjahr sollten auch die Eroberungsangriffe fortgeführt werden. So wollte es unser Führer und seine Generäle. Der Widerstand der Russen wurde härter, denn die konnten ihre Verluste ohne Störung wieder erneuern, wogegen bei uns der lange Nachschubweg durch die Partisanen immer öfter unterbrochen wurde.
Der Abschied wird uns schwer fallen, besonders den Müttern und sie können gar nichts dagegen machen. Tausende Mütter haben schon diesen Schmerz ertragen und viele trauern schon um ihre Lieben, die irgendwo in fremder Erde liegen, ohne auch jemals das Grab zu besuchen.
Wieder zurück in der Kaserne legen wir uns zum letzten Mal in unsere Betten und werden am anderen Morgen eine Stunde später geweckt. Wir liefern unsere Bettwäsche ab und stellen uns gleich beim Furier an, um die Marschverpflegung zu fassen, wo je eine Flasche Schnaps dabei ist. Das Mittagessen ist auch besser und reichlicher.
Ein Pfiff vom UvD ruft uns auf den Kasernenhof, den wir diesmal für immer verlassen.
Auf dem Bahnhof unten steht der Zug schon bereit, der uns weg bringt.
Noch immer weiß keiner, wie unser Auftrag lautet. Wir sind nun schon einige Stunden unterwegs und die ersten öffnen ihre Flaschen. Bald prosteten sich alle zu, dabei steigt auch die Stimmung und keiner fragt mehr, wohin wir gebracht werden.
Gegen Mitternacht wird es immer ruhiger und die Kameraden liegen schon ausgestreckt auf und unter den Bänken. Die Luft ist aufgebraucht und stickig. Ich gehe mit einigen auf die Plattform hinaus, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Es ist kalt geworden. Der Nieselregen hat sich in Schneeregen verwandelt und wir gehen wieder in den Zigarettenrauch hinein. Ich hänge mir eine Decke um und versuche auch ein wenig zu schlafen.
Der neue Morgen hat auch das Wetter verändert und die Sonne verwandelt die Berggipfel gegenüber in pures Gold. Unser Zug hat das Gebirge überwunden und fährt erleichtert in das immer breiter werdende Tal hinein. In Klagenfurt ist unsere Fahrt zu Ende. Vom Bahnhof aus werden wir in Baracken untergebracht, wo nebenan auch schon einige Kameraden untergebracht sind. Sie kamen aus Zagreb und hatten dieselbe Grundausbildung wie wir. Es waren Österreicher. Ein hochdekorierter Gebirgsjäger Major begrüßte uns und sagte uns, dass wir als Gebirgsjäger Klagenfurt wieder verlassen. Der Gebirgsjäger ist der härteste Soldat von allen Waffengattungen, was wir bald merken.
Mitte Februar wurden wir - ein Gebirgsjägerbataillon - vom Bahnhof Klagenfurt nach Russland transportiert. Auf dieser Reise wurde unsere Lust auf das kommende Abenteuer von Tag zu Tag geringer. Während der Fahrt durch Polen und schließlich durch Russland wurde uns der Ernst dieser Reise bewusst. In Woroschilovsk war unsere Reise zu Ende. Wir marschierten noch einige Stunden weiter nach Osten und wir kamen in ein Dorf mit kleinen Häusern und Hütten, das unser Endziel war. Wir wurden gleich aufgeteilt in kleine Gruppen, sodass wir je sechs bis acht Mann Neulinge waren. Am nächsten Morgen verließ eine Kompanie mit über 300 Mann das Dorf weiter in Richtung Osten. Wir, die 2. Kompanie, marschierten nach Südosten in ein anderes Dorf. In den Häusern wohnten noch die Russen mit ihren Ziegen, Hühnern und manchmal mit einer Kuh. Sie waren uns gegenüber nicht einmal feindlich eingestellt. Wir wurden von morgens bis abends außerhalb des Dorfes geschliffen und gedrillt, was wir als Schikane auffassten. Warum die Offiziere und Unteroffiziere uns so durch den Dreck zogen, konnte sich keiner erklären. Wir kamen uns wertloser als Abfall vor. Aber keiner protestierte dagegen, keiner muckte auf.
Nach knapp zwei Wochen dieser Schinderei erklärte uns der Kompaniechef, dass wir morgen an die Front kommen, um eine andere Einheit abzulösen. Es war für uns eine Erlösung, denn dieses Leben war unmenschlich.
Es war Mitte März, bei sonnigem Wetter, als sich unsere Kompanie in Bewegung setzte. Bald sind wir vom aufgewirbelten Straßenstaub eingehüllt. Am späten Nachmittag machten wir an einem Hang Halt. Hier müssen wir die Dunkelheit abwarten, weil die andere Seite vom Feind eingesehen werden kann. Ab und zu hören wir ein dumpfes Grollen wie ein Gewitter, es waren Kanoneneinschläge. Sobald die Nacht da war, setzen wir unseren Marsch über den Hang fort. In weiter Ferne sehen wir am Horizont entlang wieder eine Anhöhe, aber da steigen schon ab und zu Leuchtraketen hoch. Es wird spannend. Bald sind wir im nächsten Dorf, in dem sich die dunklen Häuser gegen den Himmel abheben. Unsere Gruppe - 12 Mann - wurde von unserem Gruppenführer in eines dieser Häuser hineingeführt. Hier sollen wir warten, bis er von der Besprechung wieder zurückkommt. Wir waren alle Neulinge. Einer von uns zündete eine Kerze an, damit wir uns zurechtfinden. Wir stehen nun in einem großen Raum, in dem sich auch die russische Großfamilie befindet. Die Kinder liegen schon der Reihe nach auf ihrem Schlaflager und schauen uns neugierig an. In der anderen Ecke steht ein selbstgezimmerter großer Tisch, unter dem eine Ziege hervorspringt und uns ebenfalls anstarrt. Sie war am vorderen Tischbein angebunden. An der Wand entlang sitzen die Hühner auf ihren Stangen und gaggerten, weil wir sie störten. Wir setzen uns um den Tisch, um ein wenig zu essen. Eigentlich hatte ich keinen Hunger. Weil die anderen alle essen, nehme ich auch meinen Brotbeutel und mache mit. Kaum nehme ich den ersten Bissen zu mir, blitzt und kracht es draußen und das Häuschen wackelt, als würde es zusammenstürzen. Wie auf Kommando gehen wir alle unter der Bank und dem Tisch in Deckung. Die angebundene Ziege springt von uns erschreckt in die Mitte des Zimmers und zieht den Tisch mit sich. Nach einigen Sekunden wiederholte sich derselbe Feuerüberfall draußen, ohne dass das Häuschen getroffen wurde. Ich war der letzte vorne, hatte keinen Platz mehr unter der Bank und so hechtete ich dem Tisch nach und ziehe ihn zu uns zurück. Die angebundene Ziege nimmt den Kampf gegen mich auf und stemmt sich dagegen. Ich versuchte mit einem Ruck, den kleinen Schutz zurück zu erobern. Der Tisch war diesem Zweikampf nicht gewachsen und zerbrach. Der Tisch kippte um und alles, was darauf war, kullerte am Boden herum, dabei erloschen auch die drei Kerzenlichter. Zum dritten Mal wiederholte sich draußen das Inferno. Die Ziege springt mit dem angebundenen Tischbein aufgeregt umher, während wir zusammengepfercht warten, was nun geschehen wird. Die Tür geht auf und ein Soldat kommt herein. Wir waren auf alles gefasst. Es war nicht der Angriff der Russen, wie wir meinten, sondern unser zurückkehrender Gruppenführer. Mit einer Taschenlampe suchte er nach uns. Vollkommen erledigt und schwitzend kriechen wir aus unserer Deckung hervor. Wir wundern uns, dass er lebend vor uns steht. Er sagte zur Beruhigung, „etwa 50m hinter diesen Häusern hier steht unsere Artillerie und die feuerten einige Salven ab.“ Im selben Atemzug fordert er uns auf, sofort vor dem Haus anzutreten, denn es geht nach vorne zur Ablösung. Wir suchten unsere Sachen schnellstens zusammen, verpackten alles im Rucksack und mit Gewehr und Stahlhelm waren wir schon abmarschbereit. Durch die lange Dorfstraße, die mit Granattrichtern übersät war, stolperten wir in der Finsternis dem Dorfausgang entgegen. Dann folgten wir auf einem Seitenweg einen kleinen Hang hinunter und waren nach 300m an unserem Ziel. Die Infanteristen warteten schon auf uns und 10 Minuten später standen wir in unserem Schützengraben. Sogleich wurden wir jeweils zwei Mann auf Wachposten eingeteilt. Der Gruppenführer erklärte uns noch unsere unmittelbare Lage. „Etwa 50m vor uns ist ein Minenfeld angelegt, deren Minen mit Stolperdraht verbunden sind. Wenn die Russen uns angreifen, so müssen sie zuerst da durch.“ Aufmerksam beobachten wir für den Rest der Nacht, was sich vor uns ereignen wird. Der Morgen graut und allmählich nimmt das Niemandsland vor uns Gestalt an. 500m vor uns endet das Feld, in dem wir uns befinden, in einer langgezogenen Mulde, die mit Sträuchern und Stauden bewachsen ist. Hier werden sich die Russen versteckt haben, meinten wir. Nach genauen Beobachtungen sehen wir, dass sich in dem Geäst viele Elstern aufhalten. Da diese Raubvögel sehr menschenscheu sind, wissen wir, dass da vorne keine Russen sein können. Über der Mulde steigt das Gelände wieder an und ganz oben sehen wir tatsächlich einige Russen, wie sie sich geduckt hin und her bewegen.
Das ist die Stellung, die wir zu verteidigen haben, wurde uns erklärt. Es soll der Ausgangspunkt für die weiteren Eroberungen sein. Das also ist die HKL (Hauptkampflinie), die momentane Grenze zwischen Deutschland und Russland.
Der Vormittag vergeht ganz ruhig. Die Russen wissen nicht, dass ihnen fast lauter Neulinge gegenüberstehen, sie haben nichts von der Ablösung bemerkt. Nach der turbulenten und aufregenden Nacht kommt die Müdigkeit über uns. Es werden zwei Mann als Wachposten für je zwei Stunden eingeteilt, die übrigen konnten sich in einem kleinen Erdloch von ca. drei qm in Sitzstellung ausruhen (schlafen). Sobald es dunkel wurde, wurden zwei Mann zum Essen Holen eingeteilt und alle anderen mussten wieder auf Wache. So vergingen die ersten paar Tage und wir wurden leichtsinniger und wir bewegten uns fast aufrecht in unserem Schützengraben. Am vierten Tag hören wir einige dumpfe Abschüsse von den Russen und Sekunden später heulen die Granaten heran und schlagen unmittelbar neben unserem Erdloch ein. Sofort verteilen wir uns im Laufgraben und gehen in volle Deckung. Es waren etwa 50 Granattrichter um uns herum, aber nicht einer von uns wurde durch eine Granate verletzt. Ab nächsten Tag bewegten wir uns nur noch gebückt im Graben. Am Abend kam der Oberjäger zu uns und sagte, „einer von euch Beiden kommt auf Spähtrupp mit“, dabei klopfte er meinem Kameraden auf die Schulter. Ich bleibe also allein zurück. Nach etwa drei Stunden war der Spähtrupp wieder zurück. Mein Kamerad, der dabei war, wurde von einer Kugel getroffen, nun liegt er tot vor uns, keiner sagte ein Wort. Es hat mich so hart getroffen, dass ich aufschreien wollte. Man brachte ihn in das Dorf zurück, wo er auf dem Heldenfriedhof beerdigt wurde. Wir anderen gingen schweigend auf unsere Posten zurück. Erst am anderen Tag überkam uns die Wirklichkeit dieses Krieges. Einer von uns brachte die Stimmung von jedem von uns mit einem Satz zum Ausdruck, als er sagte, „wenn ich dürfte, würde ich zu Fuß nach Hause gehen.“ Nach einer weiteren Woche durfte jeweils ein Mann zum Dorf zurück, um sich auszuruhen und um sich zu reinigen. Als ich dran war, besuchte ich zuerst den Heldenfriedhof. Auf einem Birkenkreuz steht sein Name. Es kommt mir vor, als wäre das alles nicht wahr gewesen. Traurig und trostlos verlasse ich diesen ehrwürdigen Platz und frage mich nur „warum?“ Am Abend gehe ich wieder mit der Feldküche nach vorne in die alte Stellung. Für uns geht das Leben weiter.
Nach einigen Wochen wurden wir abgelöst. Wir kamen in ein Dorf zurück, unsere Ausfälle wurden aufgefüllt und wir wurden wieder gedrillt und geschliffen, bis wir erneut zum Einsatz kamen. Wieder im Schützengraben verlief eine Woche wie die andere. Noch immer geht es um die Vorbereitung zum großen Gegenangriff, heißt es. Keiner kann sich so recht vorstellen, wie das gehen soll. Niemand weiß, wie lange wir hier bleiben.
Ich war für unsere Gruppe der Essenholer. Um 21 Uhr war es hier schon finster, als ich mich auf dem Weg zum Kompaniegefechtsstand mache. Eine halbe Stunde brauche ich bis dort hin, ebenso bis das Essen ausgeteilt und auch die Post verteilt war und dann stapfte ich wieder denselben Weg zurück. Ein warmes Essen bekamen meine Kameraden nie. Um Mitternacht machte ich nochmals denselben Weg zum Kaffee holen. Es war ein schwarzes Gesöff, bitter, aber es war abgekocht. Es gab kein anderes Getränk. Um 1 Uhr war ich wieder mit einem Kameraden auf Wachposten und wir warteten wieder auf den neuen Morgen. Täglich wurden wir beim Morgengrauen von den Russen mit einer MG-Salve begrüßt. Das ging folgendermaßen: Uns gegenüber, etwa 1500m entfernt, war das russische MG in Stellung. Es hat sich genau auf unsere Schützengräben eingeschossen. Zuerst bekam die erste Gruppe ihre Salve. Dann waren wir an der Reihe, usw., bis alle sechs Gruppen durch waren. Nach einer Pause von ca. 10 Minuten wiederholte sich das ganze. Es war eigentlich nicht gefährlich, denn wir gingen nach der ersten Gruppe gleich in Deckung und warteten, bis unser Segen vorüber war. Am 10. Juli 1943, ein Morgen wie jeder andere, gingen wir beide wieder in Deckung, als wir an der Reihe waren. In dieser Hockstellung verspüre ich einen brennenden Stich im Oberschenkel und einen dumpfen Schlag im Oberbauch. Ein verirrter Querschläger hat mich verwundet. Zwei Kameraden eilen sofort herbei, verbinden mich, packen mich unterm Arm und versuchen, mich noch vor Tagesanbruch nach hinten zu bringen. Es war aber schon so hell, dass die Russen sehen konnten, wie sie mich die 200m zum Laufgraben zurückbringen. Sofort setzen sie Granatwerfer ein, um meine Rettung zu verhindern. Noch zweimal mussten meine Kameraden die Rettungsaktion wiederholen, bis ich in Sicherheit war. Der Sanitätswagen brachte mich zum Hauptverbandsplatz. Als ich hier meine Taschen leerte, weil die Kleidung zur Entlausung kam, merke ich, dass mein Taschentuch völlig durchlöchert ist. Ein harter Gegenstand fällt zu Boden. Bei genauerer Untersuchung kommt ein russisches Leuchtspurgeschoss zum Vorschein. Wie ich zu diesem Heimatschuss, zu dieser wunderbaren Verwundung kam, ist mir heute noch ein Rätsel. Das Geschoss durchschlug meinen Oberschenkel und blieb im Taschentuch stecken. Ich glaube, der russische MG-Schütze war mein Schutzengel.
Nach gut zwei Monaten Lazarettaufenthalt in Prag folgten drei Wochen Genesungsurlaub. Als ich daheim ankam, war mein Bruder ebenfalls schon zwei Tage im Genesungsurlaub zuhause. Er wurde fast zur gleichen Zeit wie ich verwundet. Wir verbrachten im Kreise unserer lieben Familie den schönsten Urlaub. Leider haben diese Tage auch nur 24 Stunden.
Nun müssen wir wieder auf unbestimmte Zeit voneinander Abschied nehmen. Jedermann wusste bereits, dass dieser Krieg niemals siegreich für uns endet, aber niemand durfte es laut sagen. Unsere lieben Eltern meinten, wir sollten versuchen, irgendwelche Lehrgänge zu machen, um einen sofortigen Fronteinsatz zu verzögern. Mein Bruder wurde nach Rückmeldung bei seiner Stammeinheit nach Li Bourne bei Bordeaux abkommandiert. Am nächsten Tag musste dann ich mich bei meiner Stammeinheit in Kufstein zurückmelden. Dort kam ich, wie jeder Verwundete, zur Genesungskompanie. Unsere Rekonvaleszenz erreichen wir am schnellsten wieder durch harte Arbeit. Morgens mussten die Marschfähigen zum Hohen Steinberg hinauf. Der Aufstieg dauerte drei bis vier Stunden. Dort wartete ein langer Holzstoß, der zum Tal gebracht werden musste. Jeder bekam, je nach der Schwere seiner Verwundung, einen Holzklotz in die Hände gedrückt, den wir den weiten Weg zur Kaserne zurücktragen mussten. Die Marschunfähigen zersägten und zerhackten diese Holzknüppel zu Brennholz. Auf diese Art wurde die ganze Kaserne mit Heizmaterial versorgt. Der schmerzhafte Muskelkater verschwand allmählich nach einer Woche.
