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In der feudalen Welt von Aktiria herrschen fünf Götter über die Menschen. Der sechste, Kritzschak, wurde vor langer Zeit ins Nichts verbannt, denn er war seinen Göttergeschwistern zu grausam und sadistisch. Doch Anhänger des Kritzschak lassen seine Bestien auf Aktiria los und bringen Richard, Fürst von Zantini, dazu, Kritzschak zu befreien. Richard setzt alles daran, den Gott ohne Gnade wieder zurück ins Nichts zu verbannen. Doch wie soll er das schaffen, nachdem er von Margaretha, der Königin von Aktiria, für die Befreiung Kritzschaks zur härtesten Strafe, die Aktirias Recht vorsieht, verurteilt wurde?
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Seitenzahl: 612
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Glossar
Auftretende Personen
Als er aufwachte, war es dunkel um ihn herum.
Es war eine komplette Schwärze, dunkler als jede Nacht, eine Schwärze, die wie eine dicke Flüssigkeit in seine Nase und seinen Mund kroch und die Augen verklebte. So dass er zunächst glaubte, zu ersticken.
Wie weit er seine Augen auch aufriss und seinen Kopf drehte: Es blieb dunkel um ihn herum.
„Oh, Hoher Herr Trashuige! Ich bin blind!“ durchfuhr ihn ein schrecklicher Gedanke. Aber das konnte nicht sein.
Nein, das durfte nicht sein.
„Hallo?“ rief er unsicher in die Schwärze hinaus. „Ist jemand hier? Ich kann nichts sehen und brauche Hilfe.“
Doch niemand antwortete. Seine Stimme verhallte in der vollkommenen Dunkelheit.
Vorsichtig tastete er mit seinen Händen die nähere Umgebung ab.
Kühler, glatter Boden ohne Fugen lag unter ihm. Um ihn herum jedoch: Nichts.
Langsam und etwas unsicher stand er auf und stellte sich auf Zehenspitzen, streckte die Arme aus. Aber auch über ihm: Nichts.
Er sackte wieder in sich zusammen.
„Ich muss eine Wand finden.“ dachte er verzweifelt.
Denn wo eine Wand war, musste sich auch irgendwo eine Tür befinden. Eine Tür, die vielleicht aus der Dunkelheit herausführte.
Langsam kroch er vorwärts. Immer mit vorgestreckten, tastenden Händen.
„Vorsichtig. Sei vorsichtig!“ ermahnte er sich selbst.
Ohne einen Funken Helligkeit konnte alles Mögliche im Dunkeln lauern. Dazu nistete in seinem Kopf immer noch die Angst, dass er blind geworden sein könnte.
Jedoch der Raum, in dem er sich befand, musste riesig sein. Denn so weit er auch kroch, eine Wand konnte er nirgendwo fühlen.
Nur Schwärze…und den kühlen Boden.
Nach einer Weile des Vorwärtstastens kroch Angst in ihm hoch. Er fing an, zu schwitzen und seine Hände zitterten immer stärker, doch er zwang sich zur Ruhe und tastete weiter.
Immer weiter…immer weiter…
„Da muss doch irgendwo eine Wand sein.“ dachte er schließlich nach einer ihm endlos vorkommenden Zeit des Kriechens und Tastens verzweifelt. So große Räume kannte er nicht. Wo war er?
Oder kroch er nur im Kreis?
Immer noch umgab ihn einzig düstere, klamme Schwärze. Seine Augen brannten bereits von dem Versuch, etwas in der Dunkelheit auszumachen. Wenn es allein nur deswegen war, dass er sich überzeugen wollte, nicht blind zu sein.
Doch nichts war zu sehen, nichts zu tasten. Es gab kein Licht, keine Wand und erst recht keine Tür.
Schließlich legte er sich einfach nur auf den kühlen Boden und fing an, zu weinen.
Er war bestimmt tot. Verdammt, auf ewig in Dunkelheit und Einsamkeit zu sein.
Da hörte er das Lachen…
Nur noch eine einzige Tür trennte Richard, Fürst von Zantini, von der Königin. Bis jetzt hatte ihn niemand aufgehalten.
Er atmete noch einmal tief durch, öffnete die schwere, dunkle Seitentür aus Holz und trat entschlossen mit klopfendem Herz in den Thronsaal.
Seine Schritte hallten wider, fast zu laut für seinen angespannten Geist, als er den weiten, hohen Saal in seinen blankpolierten Stiefeln durchschritt, sein Schwert an der Seite.
Gut sah er aus mit seinen braunen, gelockten Haaren, den dunklen Augen und den vollen Lippen. Seinen durchtrainierten Körper umspielte eine festliche Robe in satten grünen Farben.
Mit Erschrecken bemerkte er jedoch, dass Graf Johann von Prugha auch im Thronsaal anwesend war.
Früher einmal waren sie beste Freunde gewesen, waren zusammen aufgewachsen, hatten zusammen gelernt und gekämpft. Doch Johanns junge Ehefrau war durch die Hände Kritzschaks, des bösen Gottes, kurz nachdem Richard ihn beschworen und befreit hatte, grausam getötet worden. Seitdem verfolgte Johann Richard mit grenzenlosem Hass.
Johann stand neben der Königin und sprach leise mit ihr. Er trug immer noch schwarz, die Trauerzeit um seine Gattin war für ihn noch nicht vorbei. Vielleicht würde sie nie vergehen.
Richard sah, dass Johann sein schwarzes Haar nun etwas länger trug und dass dessen kluge dunkelblaue Augen, auch wenn sein Mund lächelte, vor Gram verschleiert waren.
Das machte den Gang durch den Thronsaal für Richard noch schwerer.
Er erreichte gerade einmal die Mitte des Saals, als ihn die Leibwache der Königin bemerkte. Sie erkannten den Fürsten von Zantini sofort, zogen ihre Waffen und eilten ihm entgegen.
„Achtung, Eure Majestät!“ rief Johann laut, als er Richard einige Sekunden später ebenfalls sah, und stellte sich schützend mit gezückten Schwertern direkt vor die Königin. Er ließ seine Schwerter langsam in seinen Händen kreisen, jederzeit zum Angriff bereit.
Richard hätte im Kampf keine Chance gegen ihn. Er hatte oft genug mit Johann die Klingen im Spiel gekreuzt und wusste, wie meisterhaft der Graf von Prugha mit ihnen umgehen konnte.
„Er trägt immer noch seine beiden Lieblingswaffen.“ registrierte Richard kurz, dann war die Leibwache fast bei ihm. Noch könnte er sich dem Angriff mit seinem Schwert stellen.
Aber lange genug hatte er sich allen Zugriffen entzogen. Jetzt sollten sie ihn endlich bekommen.
Richard blieb daher ruhig stehen. Sein Schwert ließ er in der Scheide. Sollten sie ihn ruhig hier und jetzt töten. Er würde nicht mehr fortlaufen.
Doch die Leibwache wurde zu ihrem Bedauern von der Königin zurückgerufen.
„Wartet!“ Margaretha die Dritte, Königin von Aktiria, hob ihre Hand und sah Richard mit ernstem Blick an. „Lasst ihn durch. Ich will hören, was er zu sagen hat.“
Richard war erleichtert, diese Worte zu vernehmen. Auch wenn er sich auf seinen Tod vorbereitet hatte, er würde Zeit bekommen, etwas zu erklären. Es würde nicht zum Letzten kommen…noch nicht.
Vorsichtig ging er weiter, die linke Hand fest an seinem Schwert.
Die anderen Besucher und die Diener im Thronsaal wichen ängstlich und angeekelt zugleich vor ihm zurück. Sie hatten ihn ebenfalls sofort erkannt. Kein Wunder, war er früher doch oft als Ratgeber und Freund der Königin hier gewesen.
Er versuchte, ihre Blicke zu ignorieren.
In Gedanken hatte er diese Szene schon mehrfach durchgespielt, immer, wenn er sich in irgendeiner dunklen Ecke vor seinen Verfolgern versteckt hatte, aber nun in der Realität war alles anders, komplizierter.
Er würde heute jedenfalls seinen Titel, und damit seine Privilegien und seine Familie, verlieren. Vielleicht sogar sein Leben.
Aber es gab keine Alternative. Er musste tun, was getan werden musste.
Der ganze Thronsaal starrte ihn feindselig an, die Leibwächter warteten immer noch mit gezückten Schwertern. Sie waren auf der Hut und würden ihn bei der geringsten falschen Bewegung niederschlagen, während er sich seinem Ziel, der Königin, näherte.
Aber man ließ ihn durch.
Er ging bis zu der ersten Stufe des Podestes, auf der der Thron stand.
Aktirias Thron war uralt, vor Jahrtausenden aus dem Stück eines einzigen, riesigen Weißblumenbaums geschnitzt. Herrliche Reliefs zeigten an den Seiten und im Rückenteil die Kämpfe der Glopa, der Götter des Reiches, gegen Kritzschak, den bösen Gott, ihren Bruder.
Eindrucksvoller als der Thron war nur Königin Margaretha, die auf ihm saß, Tochter Lothar des Ersten.
Sie trug eine einfache, goldene Ringkrone in ihrem feuerroten Haar und schaute ihn aus ihren klaren, grünen Augen an. Die seidene, sattgelbe Robe, die sie trug, gab ihr eine elfenhafte und zugleich ehrfurchtgebietende Erscheinung.
Sie war noch schöner, als Richard sie in Erinnerung hatte. Sie hatte ihn einst, vor der Befreiung Kritzschaks aus dessen Gefängnis, leidenschaftlich geliebt und er hatte sie ebenso leidenschaftlich zurückgeliebt.
Er liebte sie noch immer. Mehr denn je. Doch sie?
Wie gern hätte er sie jetzt in die Arme genommen und geküsst. Er würde es nie wieder können.
Richard blieb vor der ersten Stufe stehen und zog dann ganz langsam sein Schwert aus der Scheide. Dabei achtete er sehr darauf, keine unbedachte Bewegung zu machen, um die Leibwache und den Grafen zu beruhigen. Er wollte und durfte nicht mehr gegen seine Herrin kämpfen.
Doch hatte er überhaupt willentlich gegen die Königin gekämpft? Er hatte sich immer nur gegen ihre übereifrigen Häscher verteidigt.
„Aber macht das einen Unterschied?“ fragte sich Richard. Er hätte sich sofort stellen sollen und müssen.
So gab er sich in Gedanken auch gleich die Antwort: „Wohl kaum.“
Das Schwert, das er nun seiner Königin als Zeichen seiner Demut und Aufgabe überreichen wollte, war schon sehr lange in seiner Familie, vom ersten Herrscher des Reiches an den ersten Fürst von Zantini überreicht.
Es war immer noch eines der besten und schärfsten Waffen Aktirias, geschmeidig, biegsam und aus einem unbekannten Metall geschmiedet. Keine Waffe kam ihm gleich, nicht einmal die beiden vorzüglichen Schwerter des Grafen von Prugha.
Es hieß, Gott Trashuige selbst, der Hohe Herr des Kampfes, einer der Glopa, habe es geschmiedet. Es war ein Symbol für die Ehrhaftigkeit des Geschlechtes der Zantini. Richard blickte wehmütig auf den kunstvoll verzierten Griff und strich ein letztes Mal über die blanke Klinge, in deren Metall ein Satz fein ausgearbeitet geätzt worden war: „Trashuige zu Ehren wurde ich gemacht.“
Richard hatte dem Schwert keine Ehre gebracht. Er durfte es nicht behalten.
So fiel er nun schwer auf seine Knie und legte das Schwert sanft mit dem Griff zu Margaretha hin auf den Boden, um dann mit gesenktem Kopf vor ihr knien zu bleiben.
„Eure Majestät?“ sagte er in ängstlicher Erwartung in die nun herrschende Totenstille herein. „Ich erflehe mit meinem ganzen Herzen Eure Vergebung und begebe mich freiwillig und ohne Gegenwehr in Eure Hand. Tut mit mir, was ihr wollt.“
Dann fiel er mit ausgestreckten Armen zu ihren Füssen nieder.
Und wartete auf ihre Reaktion.
Oder auf den erlösenden Schlag mit dem Schwert.
Aber Margaretha sah ihn nur an, wie er da vor ihr lag.
Er fühlte deutlich ihren Blick auf seinem Körper. Die Scham verbrannte seine Haut.
Die Königin sagte zunächst nichts.
Johann hatte dagegen nicht so viel Geduld. Er spuckte vor ihm aus und seine Stimme zitterte vor unterdrücktem Zorn: „Wie kannst Du es wagen?! Für Dein Vergehen kann es keine Vergebung geben. Du bist Abschaum! Das Schlimmste, was unserem Reich passieren konnte!“
Margaretha hob ihre Hand, um Johann das Wort zu entziehen. Er verstummte wütend.
Die nun folgenden Worte Margarethas an Johann trafen Richard dagegen wie Pfeile ins Herz: „Ihr habt Recht, der vor uns liegende Fürst ist Abschaum, er ekelt auch mich an…“
Sie blickte verächtlich, so kam es Richard vor, auf ihn herab und fuhr zu Johann blickend fort: „…aber haltet Euch bitte zurück, Graf von Prugha. Er ist dennoch von hoher Geburt. Daher hat er das Recht, hier zu sein und von mir persönlich, seiner Königin, verurteilt zu werden.“
„Soweit bin ich also durch meinen Frevel gekommen.“ dachte Richard mit schmerzendem Herz. „Selbst Margaretha ist von mir angeekelt. Meine geliebte Margaretha… Warum nur habe ich diesen Zauber ausgesprochen?“
Sie sprach ihn endlich auch direkt an: „Warum glaubt Ihr, Fürst Richard von Zantini, von mir Vergebung erlangen zu können?“
Richard schluckte kurz.
Er erhob sich langsam, bis er nur noch auf den Knien lag. Sein Kopf blieb demütig gesenkt.
Dann antwortete er mit bebender Stimme: „Der Graf von Prugha hat Recht. Ich verdiene tatsächlich keine Vergebung, Eure Majestät. Nicht nach meiner verachtenswerten und unheilvollen Befreiung des Bösen. Dabei wollte ich nur das Beste für unser Reich…und habe das Schlechteste gebracht. Keine Buße wird meine Schuld tilgen noch ungeschehen machen können, was passiert ist. Ich bitte dennoch darum, mir wenigstens Gelegenheit zur Wiedergutmachung zu geben, damit ich vielleicht etwas der Schuld tilgen kann. Verbannt mich in die nördlichen Provinzen und lasst mich dort gegen die Bestien kämpfen. Ich verspreche, ich werde bis zum letzten Atemzug gegen das Böse antreten.“ Er hielt kurz inne und fuhr dann mit belegter Stimme fort: „Solltet Ihr jedoch meine Hinrichtung anordnen, so werde ich auch diese akzeptieren und mich ohne Gegenwehr in die Hände des Henkers begeben.“
„Glaubt ihm nicht, Majestät!“ warf Johann wütend ein. Er hatte seine Schwerter zwar inzwischen eingesteckt, war aber bereit, sie jederzeit gegen Richard einzusetzen. Richard verbeugte sich untertänig in die Richtung des Grafen: „Ich habe Euch gegenüber ebenfalls schwer gesündigt, Graf von Prugha, dessen bin ich mir nur allzusehr bewusst. Auch diese Schuld kann mir niemand nehmen. Aber Ihr könnt mir den Arm abschlagen, wenn ich es nicht ehrlich meine!“
Johann entgegnete böse: „Auf das Angebot komme ich gern zurück, sofern Ihre Majestät es mir erlaubt.“
Margaretha ging jedoch mit keinem Wort darauf ein.
Stattdessen stand sie auf und kam auf Richard zu. Sie hob sein Schwert auf und akzeptierte damit seine Aufgabe. Dann blickte sie es lange an.
Schließlich sagte sie: „Wir wissen wohl alle hier, welchen Verbrechens Ihr angeklagt seid: Der Befreiung Kritzschaks aus dem Gefängnis, in das ihn Euer Urahn durch die gnädige Hilfe der Glopas verbannen konnte. Ihr habt dadurch Jahrhunderte der Sicherheit vor der dunklen Seite eingetauscht in Gefahr und unberechenbare Zeiten und noch wissen wir nicht, was sich an Schrecklichem in Zukunft daraus wirklich ergeben wird. Wenn der dunkle Gott nicht wieder eingefangen werden kann, wird Aktiria untergehen in einer Welle des Terrors und der Grausamkeit. Das ist unentschuldbar!“
Sie hielt kurz inne und hob dann Richards Kinn hoch, so dass er in ihre Augen blicken musste: „Bevor ich mein Urteil fälle, frage ich dennoch: Habt Ihr etwas vorzutragen, das Eure Schuld abmildert?“
Richards Augen waren vor Scham und Schmerz ganz trüb. Er schüttelte erst nur stumm seinen Kopf, flüsterte dann aber: „Es geschah nicht mit Vorsatz und Absicht, Majestät.“
Margaretha hörte seine Worte und entgegnete: „Vielleicht war es wirklich so. Ich werde Euch daher Gelegenheit zur Buße geben. Aber Vergebung kann ich Euch nicht versprechen.“
Richard war erleichtert. Heute würde er immerhin noch nicht sterben. Dankbar küsste er den Saum ihres Kleides. Sie riss ihm jedoch, sichtlich angewidert, sofort das Kleid aus den Händen und schritt mit seinem Schwert in der Hand zurück zum Thron. Dort drehte sie sich um und blieb stehen.
Zum Thronsaal gewandt ertönte laut ihre volle Stimme: „Hört mich an! Der Fürst von Zantini hat sich heute, überraschend wohl für uns alle, freiwillig dem Urteil seiner Königin unterworfen. Bisher hat ihn niemand gefangen nehmen können, obwohl es oft genug versucht wurde. So verwerflich seine Tat auch war, ich als seine Königin werde ihm bei der Festsetzung seiner Strafe anrechnen, dass er sich nunmehr aus freien Stücken ergeben hat. Das Schwert, das er mir soeben zum Zeichen seiner Unterwerfung unter meinen Urteilsspruch überreicht hat, soll hier bleiben, bis die Schande des Fürsten fortgewaschen ist. Es ist so alt wie unser Reich. Ein Symbol für Ehre und Großmut. Der Fürst verdient es nicht mehr, es zu tragen.“
Zu Richard gewandt sagte sie nun etwas leiser: „Vielleicht wird Eure Schande auch nie vergehen und das Schwert für immer hier sein, aber jetzt hört meinen Richterspruch: Ein Jahr von heute an sollt Ihr durch unsere Lande wandern und Euch zu Diensten verdingen. Ihr seid ab heute ein Frangila, ein verurteilter Schwerverbrecher unter dem Schutz des Reiches. Niemand darf Euch ein sicheres Dach über dem Kopf geben oder ein richtiges Bett, Euer Essen müsst Ihr allein einnehmen. Jedem, der Euch um Hilfe bittet, müsst Ihr Hilfe geben, sei er ein Bettler oder ein Edler. Keine Arbeit darf Euch zu schade sein. Es ist jedoch ausdrücklich verboten, Eure Dienste zu beanspruchen, um einen Menschen zu verletzen oder zu töten. Tauscht die alten Worte aus und der Bund ist besiegelt. Ich hoffe für Euch, dass es Menschen gibt, die Eure Hilfe trotz Eurer Freveltat annehmen mögen. Waffen sind Euch verboten und immer, wenn es möglich ist, habt Ihr Euch für eine Stunde in einen Tempel der Glopa zu begeben und dort um Eure Vergebung zu bitten. Damit Ihr Euch auch wirklich daran haltet, und niemand Euch vor der Zeit tötet oder zum Krüppel macht, wird Euch als Bewacher der Graf von Prugha begleiten und Euch an einer Kette mit sich führen. Ihr werdet sein Sklave sein, soweit Ihr nicht in Diensten seid.“
Der Graf von Prugha blickte Margaretha fassungslos an. Er konnte nicht glauben, was sie soeben getan hatte. So rief er: „Das könnt Ihr nicht wirklich meinen, Majestät! Bitte…Dieser Frevler ist selbst zu schäbig, um meinen Schatten zu küssen! Benennt jemand anderen als seinen Bewacher. Ich bitte Euch! Ich kann Euch hier oder an den nördlichen Grenzen mehr nützen, als mit diesem… diesem… Mörder durch unsere Provinzen zu reiten.“
Auch Richard stöhnte kurz entsetzt auf.
Damit hatte er nicht gerechnet. Wie sollte er ein Jahr unter der Aufsicht von Johann hinter sich bringen, seinem alten Freund, der ihn durch seinen Frevel tiefer hasste als jeder andere im Reich?
„Mein Richterspruch steht fest, Graf. Ich dulde keinen Widerspruch!“ stellte Margaretha fest. „Nach einem Jahr will ich Euch beide wieder vor mir sehen und von Euch, Graf, hören, ob der Frevler Buße getan hat! Und ich will ihn lebendig und unversehrt hier haben. Das ist mein persönlicher Befehl. Beachtet: Ihr tut es als Dienst an unserem Reich. Ich habe Euch nicht gewählt, weil Ihr zufällig hier seid, sondern mit Absicht. Es wird keinen besseren Bewacher geben, denn Ihr sollt nicht nur seine Buße kontrollieren, sondern ihn auch schützen, wenn es nötig ist. Eure Schwertkunst ist unübertroffen. Wenn Ihr wieder hierher kommt, werdet Ihr meine Wahl hoffentlich verstehen.“
Sie schaute Johann unmissverständlich, Gehorsam einfordernd, an und Johann, Graf von Prugha, senkte kurz wütend seinen Kopf, bevor er zurücktrat und entgegnete: „Ich werde gehorchen, Eure Majestät.“
Margaretha atmete auf.
„Richard, Fürst von Zantini, akzeptiert auch Ihr mein Urteil?“ fragte sie dann.
Leise sagte dieser: „Ja, meine Königin.“
Margaretha hatte ihn zu der schärfsten Strafe verurteilt, die das Recht Aktirias kannte. Selbst der Tod war gnädiger. Aber seine Tat war natürlich auch nicht mit einem normalen Verbrechen zu vergleichen. Er hatte das Urteil verdient.
Er fiel wieder auf den Boden zu ihren Füssen.
Dann fuhr sie fort: „So sei es! Du bist nun ein Jahr lang ein Frangila, Richard Zantini. Alle anderen Menschen sind Deine Herren, ohne Unterschied der Person. Und diene besonders Deinem Bewacher gut. Sonst kann er Dich nach seinem Gutdünken bestrafen. Allein töten oder verstümmeln darf er Dich nicht.“ Dabei blickte sie kurz eindringlich den Grafen an ihrer Seite an. „Diene gut und tue Buße, dann kann Aktiria Dir vielleicht in einem Jahr vergeben.“
Das Schwert legte sie auf die Rückenlehne des Throns. Dort waren Kerben, die exakt zum Schwert passten. Das war Richard noch nie vorher aufgefallen.
Kaum war das Schwert abgelegt, verwandelte es sich vor den Augen aller in Holz und verschmolz mit dem Thron, als sei es schon immer Teil der Reliefs gewesen. Die Götter hatten das Schwert wieder an sich genommen und es wertlos gemacht. So wie er wertlos geworden war. Richard brannte der Körper vor Reue. Er hatte das Urteil wirklich verdient.
Margaretha befahl ihren Leibwächtern: „Führt den Frangila heraus und gebt ihn in die Hände des Schmieds, damit dieser ihm die Rotkette anlegen kann. Dann übergebt ihn an den Grafen von Prugha. Morgen sollen sie aufbrechen. Mögen die Glopa dem Frevler irgendwann vergeben.“
Sie setzte sich wieder hin, das Schwert, nun in Holz, schwebte hell über ihrem Kopf. Richard war entlassen.
Mit schweren Beinen stand er auf, drehte sich um und wurde sofort von zweien der Leibwächter mit gezückten Schwertern in die Mitte genommen und zum Schmied geführt.
Recht unsanft schlugen sie ihn immer wieder an die Seite, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen, doch er ließ alles widerstandslos über sich ergehen. Hatte er doch das Urteil angenommen.
Der Schmied passte ihm mit Freude die Frangilakette an. Lieber hätte er Richard getötet, aber den Fürsten zum Frangila zu machen, gefiel dem Schmied ebenfalls.
Als er Richard das Metallband mit Absicht zu heiß um seinen Hals legte und dabei seine Haut verbrannte, ertrug Richard es ohne Laut.
Kurze Zeit später stand der Frangila, um einige Brandwunden reicher, in den Gemächern, die dem Grafen von Prugha im Königspalast zur Verfügung gestellt worden waren.
Um Richards Hals wand sich jetzt ein rot-goldenes, breites Metallhalsband, auf das in großen, geschwärzten Buchstaben das Wort „Frangila“ stand. Ein sichtbares Zeichen seiner Schande.
An diesem war eine lange, ebenfalls rote Kette befestigt, die Rotkette, aus dem härtesten Metall, das das Reich kannte. Das Ende der Kette hatten ihm die Leibwächter in die Hand gedrückt.
Richard fasste impulsiv an das Band um seinen Hals.
Es fühlte sich nun unangenehm kalt an und scheuerte, denn der Schmied hatte sich nicht viel Mühe gemacht, das Metall zu glätten. Doch er hatte sich daran zu gewöhnen, denn für ein Jahr würde es nunmehr seinen Hals schmücken.
Richard nahm die Hand wieder fort.
Er wusste, was er noch zu tun hatte, um sein neues Leben und die damit verbundene Strafe endgültig anzunehmen. Der Graf von Prugha wartete bereits auf seinen Frangila vor dem Kamin.
Aufrecht stand Johann vor dem Feuer, das ihn umrahmte wie heller Sonnenschein.
Sein Gesicht war erfüllt mit Hass, als er Richard erblickte, doch in seinen Augen zeigte sich weiterhin tiefe Trauer.
Richard ging langsam und unsicher auf ihn zu.
Seit er wusste, dass Kritzschak Johanns Frau getötet hatte, hatte er genau diese Begegnung gefürchtet. Nun war er auch noch zum Frangila verurteilt und Johann sein Bewacher.
Seine Scham ließ sein Gesicht brennen. Johann würde ihm nie verzeihen.
Es kostete ihn einige Überwindung, aber vor Johann fiel er schließlich auf die Knie und hielt ihm mit gesenktem Kopf das Ende der Kette entgegen: „Bitte… Herr. Nehmt mich in Besitz.“
Die alten Worte, wie es von einem Frangila gegenüber seinem Bewacher erwartet wurde. Damit unterwarf sich der Frangila endgültig dem Urteil.
Richard wartete darauf, dass Johann die Kette aus seiner Hand entgegennahm.
Doch Johann nahm die Kette nicht, sondern schlug stattdessen ohne Vorankündigung mit voller Wucht und flacher Hand auf Richards Wange, so dass dessen Unterlippe aufplatzte und er zu Boden fiel. Klirrend fiel die Kette auf die Fliesen. Richard schmeckte Blut.
„Du verabscheuungswürdiges Nichts!“ schrie Johann ihn an. „Du hast meine Frau umgebracht! Durch Deinen Eigennutz und Deinen Größenwahn! Ich weiß nicht, wie Margaretha gerade mich dazu verurteilen konnte, ein ganzes Jahr mit Dir Scheusal zu verbringen! Ich würde Dich am Liebsten…“
Er ballte seine Faust, um nicht völlig seine Beherrschung zu verlieren und fuhr dann verächtlich fort: „Richard, Du bist weniger wert als der Staub unter meinen Füssen! Und so etwas nannte ich einmal meinen Freund!“
Das letzte Wort entwich seinem Mund wie ein Fluch.
Richard wischte sich vorsichtig das Blut von den Lippen. Johann war mehr als wütend. Er hatte alles Recht der Welt, mit ihm so zu verfahren. Es würde für sie beide ein schweres Jahr werden.
Mit einem tiefen Seufzer griff Richard wieder nach dem Ende der Kette. Dann kniete er nochmals so devot, wie es ihm nur möglich war, vor dem Grafen nieder und streckte das Ende der Frangilakette empor.
„Herr, ihr hasst und verachtet mich. Aber glaubt mir, ihr könnt mich niemals so sehr verachten wie ich mich verachte.“ erklärte er voller Bitterkeit. „Wenn ich es nur könnte, ich würde mein Leben für das Eurer verstorbenen Frau hingeben. Aber alles, was ich tun kann, ist, für meine Tat zu büßen, solange mein Leben noch währt. Bitte, Herr, nehmt die Kette.“
Wütend riss Johann ihm die Kette aus den Händen. Damit war der Bund zwischen Frangila und Bewacher für ein Jahr besiegelt.
„Ihre Majestät wünscht es, also werde ich ihrem Befehl folgen.“ zischte Johann Richard an. „Aber glaube nicht, dass ich Dich in irgendeiner Weise schonen werde, nur weil Du einst mit mir befreundet warst. Ich werde Dir den Tod meiner Frau nie vergeben.“
„Ich weiß.“ flüsterte Richard. „Das ist auch nicht zu vergeben. Ich konnte es nicht glauben, als ich hörte, dass Iluni…“
„Kein Wort mehr, Frangila!“ unterbrach ihn Johann grob. „Ich will Ilunis Namen nie, hör mir genau zu: nie wieder aus Deinem Mund hören. Und jetzt steh auf!“
Richard gehorchte stumm. Mit gesenktem Kopf blieb er vor Johann stehen, seine Hände vor sich verschränkt.
„Deine Kleidung“, Johann musterte ihn verächtlich von Kopf bis Fuß, „passt nicht zu einem Frangila. Viel zu kostbar. Viel zu wertvoll. Viel zu ehrenhaft! Dort hinten am Boden liegt neue Kleidung für Dich. Zieh sie an!“
Vor der Truhe in einer Ecke des Zimmers lagen einige einfache Kleidungsstücke, ein Leinenhemd und eine wollene Hose, beides einfach geschnitten und ungefärbt, dazu ein grobes Seil als Gürtel. Derartige Sachen trugen in Richards Fürstentum nicht einmal die ärmsten Bauern. Aber wenigstens waren sie neu und würden Richard gegen die ärgste Kälte in der Nacht schützen, wenn sie erst unterwegs waren. Mit zittrigen Fingern tauschte Richard seine edle Fürstenrobe gegen die Frangilakleidung aus.
„Was ist mit Deinen Stiefeln? Glaubst Du wirklich, dass ein Frangila solche Stiefel haben darf?“ fragte Johann. „Ausziehen!“
„Dann bin ich aber barfuß, Herr.“ wagte Richard, zu entgegnen.
„Wir werden schon noch etwas anderes für Dich finden. Zieh die Stiefel aus!“
Richard gehorchte stumm. Johann nahm ihm die Stiefel weg.
„Wohin soll ich die alte Kleidung tun, Herr?“ fragte Richard leise. Die hatte Johann noch nicht angerührt.
„Verbrenn sie im Kamin.“ befahl der Graf.
Richard zögerte.
„Verbrenn sie auf der Stelle hier im Kamin! Sie ist gänzlich verdorben durch die Berührung mit Deinem Körper. Kein anderer wird sie mehr tragen wollen. Ich sage es nicht ein weiteres Mal!“ Johanns Stimme bebte drohend. Richard nahm sofort seine Robe und warf sie ins Feuer. Die teuren Stoffe kräuselten sich zusammen und zerfielen zu Asche. Mit ihnen verging endgültig seine Existenz als Fürst von Zantini.
Dann kniete er wieder vor Johann nieder.
Johann ohrfeigte ihn fast augenblicklich nochmals. Der Hass stand immer noch überdeutlich in seinem Gesicht. „Schau mir in die Augen, Richard! Sag mir, warum Du es getan hast. Warum hast Du den Bösen befreit?! Ich verstehe es nicht. Warum?! Du wusstest, dass dies wirklich das schlimmste Verbrechen ist, das jemand begehen konnte!“
Ja, warum hatte er es getan? Johann hatte ein Recht auf eine Antwort, aber Richard hatte Kritzschak gar nicht in das Reich lassen wollen. Schon gar nicht befreien aus dem Nichts.
Warum war es dann aber passiert?
Er wusste es nicht. Seit der Beschwörung, die so schief gelaufen war, war er verwirrt und verzweifelt.
„Ich weiß es doch selber nicht.“ stieß er schließlich hervor. „Ich dachte, ich würde unserem Reich nützen, etwas Gutes bewirken… und dann ist alles schief gelaufen. Du glaubst es mir bestimmt nicht, aber ich dachte, ich würde den Hohen Herrn Trashuige beschwören, einen unserer fünf Götter. Ich wollte ihn um Hilfe bitten. Haldu, mein Bruder, hatte mir gesagt, der Hohe Herr würde mir nach der Beschwörung erscheinen und mich anhören. Jetzt ist Haldu verschollen…“
Schon wurde er wieder von einer Ohrfeige Johanns zu Boden gerissen: „Lüg mich nicht an, Frangila! Ich glaube Dir kein Wort! Außerdem: Seit wann darf ein Sklave seinen Herrn duzen?“
Richard zwang sich wieder in eine kniende Position. Blut lief ihm nun auch aus einer geplatzten Augenbraue über das Gesicht: „Ich lüge nicht,…Herr. Warum statt des Gottes dann der Böse beschworen und befreit wurde… ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, Herr. Aber ich verachte mich zutiefst für meine Naivität und meine Vermessenheit, die unser Reich nun ins Unglück gestürzt hat.“ Er schaute Johann schmerzerfüllt in die Augen und sagte dann ernst: „Schlagt mich ruhig weiter, aber das ist die Wahrheit.“
Johann erhob tatsächlich wieder seine Hand.
In Erwartung eines weiteren Schlags zuckte Richard zusammen und schlug reflexartig seine Arme vor sein Gesicht, um es zu schützen.
Aber dann überlegte es sich Johann doch anders und ballte die Hand nur zur Faust, bevor er sie widerwillig senkte.
Statt Richard weiter zu schlagen, band er die Rotkette an einen seiner Bettpfosten und schob Richard mit dem Fuß eine Schale Suppe hin, die vorher auf einem Tisch gestanden hatte.
„Iss, Frangila! Wir haben morgen einen langen Tag vor uns. Wir werden früh aufbrechen, damit Du genug Gelegenheit zur Buße bekommst. Morgen geht’s nach Zantini.“ sagte Johann mürrisch.
Zantini. Richards Fürstentum. Es lag zwar nur eine Tagesreise mit dem Pferd vom Königspalast entfernt und war daher relativ schnell erreichbar. Doch das galt genauso für die Grafschaften Graju, Korasse und Hiolt.
Johann hatte jedoch mit Bedacht Zantini ausgesucht, um seinen früheren Freund zu demütigen.
Ja, dachte Richard, Margaretha hatte seine Strafe wirklich gut gewählt. Er würde durch Johanns Gegenwart jeden Tag an sein Verbrechen erinnert werden und sollte er es doch einmal vergessen, würde Johann ihn bestimmt schnellstens daran erinnern. Richard war sich sicher.
Johann herrschte ihn nochmals ungeduldig an: „Iss, Frangila!“
Mit den Augen suchte Richard nach einem Löffel, doch da war keiner. Als er Johann fragend ansah, wusste er, dass er ohne Löffel würde auskommen müssen. Johann grinste ihn hämisch an.
Richard wollte nun nach der Schüssel greifen, da verbot Johann es ihm: „Wage ja nicht, Deine Hände zu benutzen! Oder ich werde Dich persönlich auspeitschen, Frangila. Und Du weißt, wie ich mit der Peitsche umgehen kann! Fresse wie ein Hund, wie ein Tier, denn nichts anderes bist Du für mich.“
So beugte sich Richard, der ehemalige Fürst von Zantini, hinunter zur Schale und schlürfte mit tränengefüllten Augen auf allen Vieren die Suppe.
Wer wusste schon, wann Johann ihn das nächste Mal essen ließ. Der Hass im Grafen war augenscheinlich übermächtig, so wie Richards Verachtung für sich selbst.
Dennoch wollte Richard unbedingt bei Kräften bleiben und das Jahr seiner Strafe irgendwie überstehen. Erst dann konnte er vielleicht wirklich etwas gut machen.
Johann sah die Erniedrigung Richards mit Befriedigung. Der Frangila sollte büßen für den Tod Ilunis, jeden Tag des kommenden Jahres.
Dann…ja, dann würde Johann ihn langsam und qualvoll töten.
Die Nacht verbrachte Richard vor Johanns Bett, auf dem Boden, ohne Decke, zusammengerollt und von Alpträumen geplagt. Das Halsband war weiterhin kalt, nahm die Wärme seines Körpers nicht an und scheuerte an den Brandwunden. Die Kette klirrte bei jeder Bewegung, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Seine Verletzungen im Gesicht pochten und brannten und wenn er in der kratzigen neuen Kleidung doch einmal kurz die Augen zumachte, sah er wieder den bösen Gott Kritzschak vor sich, der lachte und lachte und lachte…
Richard war froh, als die Sonne aufging.
Jetzt musste er immerhin nicht mehr so tun, als würde er schlafen und durfte vor dem Bett Johanns auf den Knien warten, bis dieser erwachte.
Er schaute Johann an, wie dieser in seinem Bett lag, schweißnass von Alpträumen, die Laken zerwühlt.
„Hoffentlich kannst Du mir irgendwann einmal vergeben und sei es, wenn ich tot bin.“ dachte Richard voller Reue. Kurz danach wachte Johann ebenfalls auf, noch den Namen seiner Frau auf den Lippen.
Auch Johann hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Seit Ilunis Tod hatte er nicht eine Nacht mehr durchgeschlafen. Er träumte immer wieder von seiner geliebten Frau und rief im Traum verzweifelt und laut nach ihr.
Richard stiegen Tränen in die Augen. Was hatte er seinem Freund nur angetan? Er hatte Iluni ebenfalls sehr gemocht. Sie war die richtige für Johann gewesen. Immer fröhlich und anpackend, eine intelligente, witzige Frau, die dazu noch hübsch gewesen war wie ein kühler Frühlingsmorgen. Er hatte sich so für Johann gefreut, als sie Johanns Werben voller Freude nachgegeben und ihn geheiratet hatte.
Jetzt lag sie tot in der Familiengruft der Prughas. Sein Vergehen. Seine Schuld. Seine Bürde.
Schnell senkte er den Kopf. So konnte Johann die Tränen nicht sehen.
Johann sah ihn kurz verwirrt an, als könne er nicht glauben, dass Richard immer noch da war.
Dann sprang er mit den Worten aus dem Bett: „Ich hoffe, Du hast genauso schlecht geschlafen wie ich.“
Johann ging zu der Waschschüssel und befreite sich mit Hilfe des kalten Wassers von seinen Alpträumen. Richard blieb währenddessen vor dem Bett knien.
Als Johann fertig war und sich für die Reise angezogen hatte, löste er Richards Kette vom Bettpfosten und sagte: „Steh auf und folge mir. Wir brechen auf, sobald ich gefrühstückt habe. Du wirst die Zeit nutzen, um im Tempel des Hohen Herrn Trashuige um Vergebung zu bitten.“
Richard folgte ihm stumm und mit knurrendem Magen. Der Tempel lag fast direkt neben dem Königspalast. Beide waren in der Mitte der Reichshauptstadt Haograw gebaut worden.
Als Bestandteil des Haupttempelkomplexes der Glopa war Trashuiges Tempel größer und schöner als jeder andere im Reich. Die Götter des Reiches, die Glopa, wurden auf dem gesamten Gelände des Komplexes von besonders vielen Priestern geehrt. Hier gab es für jeden der fünf Glopa einen Tempel mit Gebetsraum und hier war auch der Amtssitz des Hohen Rates, der aus den Hochpriestern der Glopa bestand.
Trashuiges Tempel war ein fünfeckiger Kuppelsaal aus weißem Marmor und Trashuige, der Gott des Kampfes, war der Glopa, den Richard hatte beschwören wollen. Trashuige war auch der Hausgott der Fürsten von Zantini. Eine weitere absichtliche Demütigung Richards durch Johann.
Normalerweise war der Tempel nur zu bestimmten Zeiten für nichtgeweihte Gläubige geöffnet. Daher befanden sich nun auch nur einige Priester im Innern des Saals.
Die Priester, die Geweihten des Gottes, blickten den Grafen von Prugha verwundert an, als er mit Richard an der Kette das Gebäude betrat.
Ein Priester kam fragend näher: „Graf von Prugha, der Tempel ist gerade für normale Gläubige geschlossen. Bitte sagt mir, was kann ich für Euch tun?“
„Dieser Frangila wurde von Ihrer Majestät dazu verurteilt, einmal am Tag eine Stunde um Vergebung zu beten, wenn ein Tempel in der Nähe ist. Ihr wisst, dass Frangilas unter diesen Bedingungen von den normalen Öffnungszeiten befreit sind, da man nie wissen kann, wann ein solcher Verbrecher in die Nähe eines Tempels gelangt. Wo kann ich ihn anbinden?“
„Wir haben schon von der Verurteilung gehört, Eure Exzellenz. Ist er der, der ihn befreit hat?“ fragte der Priester, ein älterer Mann, weiter.
„Ja.“ antwortete Johann kurz. Richard senkte voll innerer Pein seinen Blick.
„So möge ihm von den Glopa vergeben werden.“ sagte der Priester mit einem Blick auf Richard, der voller Mitleid war.
Das konnte Richard jedoch fast noch weniger verkraften als den Hass Johanns.
Dann führte der Geweihte Trashuiges Johann mit Richard in die hinterste Ecke des Gebetssaals.
Dabei schaute er Richard immer wieder mitleidsvoll an, vermied es aber, ihm nahe zu kommen.
Richard wusste, dass die Priester später den Bereich, in dem er nun angekettet wurde, mit Heilkräutern ausbrennen, neu weihen und so von seiner bösen Ausstrahlung reinigen würden. Er war in jeder Hinsicht ein Ausgestoßener.
Aber jetzt war ihm immerhin für eine Stunde erlaubt, sich hier dem Urteil Trashuiges zu unterwerfen.
Johann ging, um etwas zu essen und sich für die Reise fertig zu machen.
Richard würde nichts zu essen bekommen. Er sollte um Vergebung bitten und nicht essen.
„So sehr, wie Johann mich hasst, werde ich froh sein können, wenn er mir ab und zu einige Reste hinwirft.“ dachte Richard bitter.
Voller Schuldgefühle warf sich Richard in seiner dunklen Ecke zu Boden. Was sollte er nur sagen? Einmal hatte er den Hohen Herrn Trashuige direkt angerufen und das hatte schreckliche Folgen gehabt. Wenn er es nun ein zweites Mal wagte, und wenn er auch nur um Vergebung bitten wollte, wer wusste schon, was dann passierte.
So lag er zunächst einfach nur da, ausgestreckt auf dem kalten, marmornen Boden.
Es war überraschenderweise ein gutes Gefühl. Die Kühle des Steins und die Ruhe im Saal beruhigten ihn. Seit Wochen fühlte er wieder etwas wie Geborgenheit und Klarheit.
In der Mitte des Tempelsaals stand, alles überragend, eine Statue des Gottes, die man komplett umgehen konnte: Sie stellte einen hochgewachsener Mann mit Pfeil und Bogen in den Händen dar, Symbol dafür, dass Trashuige der Gott des Kampfes war.
Das Standbild war wie der Thron im Königspalast aus Weißblumenbaumholz gefertigt und der Gott selber als einfacher Krieger abgebildet, sein Gesicht umrahmt von schulterlangem Haar, in den Haaren trug er einen Kranz aus Weißblumen.
Richard blickte das Abbild ehrfurchtsvoll kurz aus der Ferne an und verschränkte dann mit gesenktem Kopf seine Hände zum Gebet.
Leise sprach er schließlich doch noch den Gott an: „Hoher Herr, geliebter Beherrscher unserer Seelen, bitte hört die Worte Eures demütigen Sklaven. Ihr seid allwissend und gnädig. Ich habe mich schwer versündigt vor Euch und den anderen Göttern. Könnte ich doch alles wieder rückgängig machen… „
Richard versagte die Stimme. In ihm waren so viel Trauer und so viel Verachtung für seine Tat. Es hörte sich alles nur sinnlos in seinen Ohren an. Der Glopa würde ihm, dem Frevler, nie zuhören.
Da wurde es plötzlich hell um ihn herum. War ein Priester mit einer Lampe hereingekommen? Richard drückte sich noch stärker in seine Ecke und schloss die Augen.
„Bitte beachte mich nicht.“ dachte er voller Scham.
Aber jemand sprach mit ihm: „Steh auf, Richard, und schau mich an.“
Die Stimme war machtvoll und gleichzeitig sanft. Richard konnte einfach nicht anders, als ihr zu gehorchen. Sie zwang ihn, aufzustehen und den Kopf zu heben.
Vor ihm stand ein hochgewachsener Mann mit langem, lockigem Haar. Er war in leuchtend rote Kleider gehüllt und mit einem silbernen Köcher auf dem Rücken und einem schwarzen Bogen in der Hand ausgestattet. Warmes Licht ging von ihm aus und erfüllte die Luft.
Richard warf sich voller Furcht wieder zu Boden. „Das kann nicht sein!“ dachte er zu Tode erschrocken.
Vorsichtig blickte er auf die Stelle, an der gerade noch das Standbild des Hohen Herrn gestanden hatte. Sie war leer. Das Standbild fort.
Der Mann, der vor ihm stand und mit ihm sprach, war Trashuige!
Der Gott selbst war persönlich zu ihm gekommen.
Richard erbebte vor Furcht. Seine ihm jetzt drohende Strafe würde fürchterlich sein. Warum sonst sollte der Glopa ihm erscheinen, wenn nicht, um ihn auf das Härteste für sein abscheuliches Verbrechen zu bestrafen?
Verzweifelt versuchte er, wieder ins Dunkel zu kriechen, dem Licht zu entkommen, vor dem Glopa zu fliehen, aber die Kette hinderte ihn daran. Kurz riss er sogar panisch an seinem Halsband, vergebens.
So reckte er seine Hände bittend zu Trashuige empor und presste panisch hervor: „Bitte…vergebt mir…Hoher Herr.“
Trashuige berührte ihn sanft, zog ihn wieder hoch und umhüllte ihn mit seinem Licht: „Hab keine Angst, Richard. Wir wissen, dass Du nur Gutes wolltest. Aber Du hättest wissen müssen, dass man uns nicht einfach beschwören kann. Wir sind die Glopa, frei im Kommen und Gehen. Selbst Kritzschak, unseren bösen Bruder, hast Du nicht beschworen, sondern Du hast nur seine Gefängnistür geöffnet, hinter der wir ihn vor so langer Zeit gesperrt haben, um ihn für immer vom Reich fern zu halten. Aber Du hast nie gewusst, was Du mit der Beschwörung anrichtest. Das ist uns klar. Haldu hat Dich ausgenutzt und Dich betrogen. Er ist ein Diener Kritzschaks, unseres bösen Bruders und wusste genau, wozu die Beschwörung führt, wenn Du sie anwendest. Finde Haldu und überführe ihn. Glaub mir, auch wenn Deine Situation nun aussichtslos erscheint, Du wirst noch dieses Jahr neue Freunde finden und Johann wird seine Trauer überwinden und Dir vergeben.“
Richard hörte ungläubig, was der Gott ihm sagte.
Voller Überraschung über Trashuiges Gnade und voller Entsetzen über Haldus Verrat, der ihm vom Gott enthüllt worden war, stammelte er: „Hoher Herr, ich bin doch nur noch ein Frangila, unfrei und gehasst von jedem im Reich. Und Johanns Hass ist besonders stark. Wer wird mich noch zum Freund haben wollen? Ich bin für immer aus der Gemeinschaft unseres Reiches ausgeschlossen.“
Trashuige entgegnete ruhig und mit sanfter Stimme: „Ach, Richard, sei doch nicht so hart zu Dir. Du musst vor allem Dir selbst verzeihen. Das Reich und auch wir sind auf Dich angewiesen. Denn nur Du kannst Kritzschak, den Dunklen, wieder zurück in das Nichts schicken, aus dem er entkommen ist. Allein Du. Und dabei werden Dir vier weitere Auserwählte helfen. Du wirst dann auch wieder Freude am Leben haben. Wichtig ist nur, dass Ihr zu fünft seid, wie wir Glopa. Verzweifle nicht. Es gibt Hoffnung für das Reich und besonders auch für Dich…“
Das Licht verblasste und mit ihm verschwand der Gott und wurde wieder zum Standbild aus Holz.
Aber was muss ich tun? Bitte! Gebieter Trashuige, Hoher Herr!“ rief Richard, doch der Gott war nicht mehr da.
Stattdessen spürte er einen scharfen Peitschenschlag auf seinem Rücken. Richard stöhnte vor Schmerz auf und blickte in Johanns Augen. Seine Stunde war vorbei.
„Du hörst sofort auf, hier den Namen des Gottes in Deinen dreckigen Mund zu nehmen, elender Frangila! Der Hohe Herr soll in seinem geweihten Haupttempel nicht durch Deine Stimme besudelt werden. Du beleidigst damit die wahren Gläubigen! Und wer hat Dir erlaubt, aufzustehen? Sofort auf den Boden mit Dir!“ Wütend blickte Johann ihn mit der Peitsche in der Hand an.
Richard warf sich sofort vor ihm auf die Knie und senkte seinen Kopf. Der Peitschenschlag brannte wie Feuer, obwohl er das Hemd anhatte, einen weiteren wollte er nicht riskieren.
„Verzeiht, Herr…es wird nicht wieder geschehen.“ flüsterte er.
Johann schien den Gott nicht gesehen zu haben. Trashuige war nur Richard erschienen, dem Frevler…und hatte Hoffnung in dessen Herzen gepflanzt.
Vielleicht konnte Richard doch noch irgendwann gut machen, was er verbrochen hatte.
Johann band wütend und kopfschüttelnd die Kette von der Säule und zog Richard mit sich mit. Draußen standen Johanns Pferd, ein feuriger Fuchs, und ein Packpferd mit den nötigsten Dingen für die lange Reise. Kein Pferd für Richard.
Der Fuchs schnaubte freudig, als er seinen Reiter sah.
Mit einer schnellen Bewegung band Johann die Frangilakette an seinen Sattel und schwang sich aufs Pferd.
Richard musste neben ihm zu Fuß gehen. Der Frangila hatte nichts anderes erwartet.
Auf dem Gelände des Tempels ritt Johann nur im Schritt und Richard konnte ruhig mit lockerer Kette mithalten.
Da es noch immer sehr früh am Morgen war, begegneten ihnen auch nur wenige Menschen. Diejenigen, die auf sie trafen und die den Schriftzug auf Richards Halsband lasen, wichen entweder entsetzt vor ihm zurück oder spuckten ihn wütend an. Mehr als einmal musste er sich beschämt sein Gesicht abwischen.
Johann ließ jedoch nicht zu, dass jemand jetzt schon seine Dienste beanspruchte. Die wenigen, die es versuchten, wies der Graf mit dem Hinweis ab, dass Richard erst außerhalb der Hauptstadt dienen dürfe und ansonsten von ihm noch in seiner Stellung unterwiesen werden müsse. Dabei betonte er insbesondere, dass der frühere Fürst nur einen erbärmlichen Frangila abgeben würde, wenn ihm nicht die richtige Demut antrainiert werde.
Richard schauderte davor, was Johann ihm noch antun würde, um dieses Training an ihm zu absolvieren.
Je weiter sie sich von den Gebäuden entfernten und je mehr sie sich auf der freien Ebene vor der Hauptstadt befanden, desto mehr trieb Johann sein Pferd an.
Richard war immer noch barfuß. Seine Fußsohlen waren relativ weich und empfindlich, denn er hatte als Fürst immer Schuhe getragen.
Solange sie die Sandwege nutzten, hielt es Richard dennoch gut aus. Auch, als er schließlich laufen musste, um mithalten zu können.
Zu seinem Glück war er wenigstens immer schon ein guter und ausdauernder Läufer gewesen, wenn er auch nie vorher so lange gelaufen war. Und schon gar nicht gekettet an ein Pferd, mit einem Metallband um den Hals.
Zudem hielt Johann auch noch ein moderates Tempo ein. Ab und zu erlaubte er Richard sogar, kurz anzuhalten, um aus einem Bach oder einem Teich etwas zu trinken. Was Richard dankbar in Anspruch nahm.
Nach einem halben Tag kamen sie dann jedoch auf unebenes Gelände, in dem es nur noch sporadisch angelegte Wege gab und sie ansonsten das Gelände selber durchqueren mussten.
Richard musste immer wieder über Steine laufen und aufpassen, dass er nicht stolperte. Seine Fußsohlen waren bald an mehreren Stellen aufgeschnitten und bluteten. Jeder Schritt ließ Richard leise vor Schmerz aufstöhnen. Doch verbissen lief Richard dennoch weiter. Er wollte sich keine Blöße vor Johann geben.
Doch Johann erhöhte plötzlich das Tempo.
Das Frangilahalsband zerrte jetzt schmerzhaft an Richards Hals und obwohl er verzweifelt versuchte, sich an der Kette aufrecht zu halten, konnte er schließlich nicht mehr, wurde umgerissen und fiel schwer zu Boden. Johann brachte sein Pferd endlich zum Stehen.
Er sprang hinunter und ging langsam zu Richard hin, der nach Luft ringend am Boden lag.
Als Richard Johann erblickte, flehte er völlig außer Atem: „Bitte, Johann, ich tue, was Du willst, aber lass mich bitte am Leben… Ich halte dieses Tempo nicht länger durch. Meine Füße sind total zerschnitten und bluten.“
„Steh auf.“
Mit schmerzerfülltem Gesicht gehorchte Richard. Er rang immer noch nach Luft und konnte fast nicht stehen, weil seine Füße so schmerzten. Seine Kleidung war nun verdreckt und an einigen Stellen zerrissen, er hatte an den Knien und den Händen neue Schürfwunden, aber er war froh, dass Johann endlich angehalten hatte.
Johann stellte sich direkt vor ihm auf, blickte mit seinen blauen Augen in Richards braune und sagte nur voller Groll: „Ich hasse Dich!“
Richard hielt seinem Blick stand: „Ja, ich weiß.“
„Am liebsten würde ich Dich so lange hinter mir her schleifen, bis Du tot bist!“
„Ich weiß.“
Dann ging jedoch ein Ruck durch Johann, als er sagte: „Aber ich muss mich zumindest das eine Jahr zurücknehmen. Ich stehe unter dem Befehl von Margaretha. Dein Glück! Du weißt, dass das der Grund ist, warum sie mich als Deinen Bewacher benannt hat? So kann ich Dich nicht töten! Mir sind die Hände gebunden. Ich kann es nicht, weil ich ihr gehorchen muss. Hätte sie jemand anderen benannt, dann wären schon längst meine Schwerter an Deinem Hals. Ich habe Iluni an ihrem Totenbett geschworen, denjenigen, der sie getötet hat, zu richten. Und, glaube mir, ich werde es tun!“
Richard senkte seinen Blick. Er wusste, dass Johann es ernst meinte und ihn als Ilunis Mörder ansah.
Der Graf trat einen Schritt zurück und blickte sich um. Das Geröll nahm einige Meter weiter ein Ende und wurde zu einem grasbedeckten Hügel, auf dem einige vereinzelte Bäume standen.
Johann zeigte darauf und fuhr fort: „Wir werden hier rasten. Mach ein Feuer und bereite mir das Essen. Ich kümmere mich um die Pferde.“
Richard tat noch vom Sturz sein ganzer Körper weh, die Füße brannten wie Feuer und bluteten immer noch etwas, aber er gehorchte, suchte hinkend Feuerholz, zündete ein Feuer an und machte dann ein Essen aus den Vorräten, die Johann mitgenommen hatte.
Dann ging er zu Johann, der gerade seinen Fuchs striegelte, und kniete völlig erschöpft vor ihm nieder: „Ich bin fertig, Herr.“
Ohne Erwiderung nahm Johann die Kette wieder auf und zog ihn mit sich zum Feuer. Er schnupperte: „Das Essen riecht gut. Du konntest schon immer gut kochen.“
Dann hielt er ihm ein Stück des gemachten Fleisches vor die Nase: „Koste vor!“
Richard zuckte beschämt zusammen. „Glaubst Du wirklich, ich will Dich vergiften?“
Johann sah ihn drohend an: „Wer hat Dir erlaubt, mich zu duzen?“
Richard senkte schnell seinen Blick: „Vergebt, Herr. Es wird nicht wieder vorkommen.“
„Koste!“
Ja, Johann traute Richard zu, ihn vergiften zu wollen.
Also nahm Richard das Fleisch in seinen Mund und kaute. Er hatte nun seit mehr als zwölf Stunden nichts mehr gegessen, war dafür aber länger gerannt als je vorher in seinem Leben. Das Fleisch schmeckte köstlich.
Johann hatte Recht, wenigstens kochen konnte er. Wie gern hätte er nun noch mehr gegessen. Sein Magen knurrte immer noch und ihm wurde nun sogar leicht übel.
Aber Johann beobachtete ihn nur einige Zeit, um sich zu vergewissern, dass das Essen gut war, und aß sich dann satt. Richard, der die ganze Zeit nebenher knien musste, bot er nichts an. Erst als Johann fertig war, füllte er den kläglichen Rest in die Richard schon bekannte Schüssel vom Vorabend und stellte sie wortlos vor ihm hin.
Und während Richard wieder auf allen Vieren die Schüssel leerte, packte Johann für den Weiterritt und löschte das Feuer.
Dann holte er vom Packpferd eine kleine Dose und wies Richard an, vor ihn hinzutreten.
„Hier!“ sagte er und reichte ihm die Dose. „Behandle Deine Wunden, damit sie sich nicht entzünden.“
Vorsichtig nahm Richard die Dose entgegen und betupfte mit der darin enthaltenen Heilsalbe seine Verletzungen, besonders die unter seinen Füßen. Er spürte fast sofort, dass die Schmerzen weniger wurden. Dankbar reichte er Johann kniend die Dose zurück, der sie wieder in den Packsätteln verstaute.
Dann zog Johann zwei Stofftücher hervor und sagte: „Verbinde Deine Füße. Sie sollen sich nicht entzünden.“ Richard setzte sich vor Johann auf das Gras und verhüllte die immer noch leicht blutenden Sohlen mit dem Stoff.
Und dann holte Johann zwei einfache Lederschuhe hervor und warf sie Richard hin: „Für Dich.“
Richards Herz krampfte sich zusammen. Damit hatte er nicht mehr gerechnet. Leise sagte er: „Danke, Herr.“
Vorsichtig schob er die Schuhe über die verbundenen Füße. Sie schmerzten natürlich immer noch, aber waren nun wenigstens vor weiteren Verletzungen geschützt.
Johann saß ohne Kommentar wieder auf, band Richards Kette an den Sattel und ritt dann langsam los.
Richard war froh, dass Johann nun wenigstens so ritt, dass er nicht mehr völlig außer Atem kam und er trotz seiner verletzten Füße mithalten konnte. Es war immer noch sehr anstrengend und er musste sich manches Mal an der straff gespannten Kette festhalten, aber wenigstens fiel er nicht wieder um.
Am späten Abend eines weiteren Tages hatten sie Richards Fürstentum fast erreicht. Zantini lag grün und satt vor ihnen. Die ersten Gehöfte waren schon zu sehen, aber Johann bestand darauf, noch vor diesen nahe einem kleinen Wäldchen die Nacht zu verbringen.
Wieder befahl er Richard, Feuer und Essen zuzubereiten, während er die Pferde versorgte. Und Richard musste wieder das Essen probieren, bevor Johann wagte, davon zu nehmen.
„Ich vertraue Dir nicht.“ stellte Johann fest.
„Warum solltet Ihr auch, Herr.“ sagte Richard mutlos. Er kniete in einiger Entfernung vom Feuer entfernt und wartete darauf, dass Johann ihm die Schüssel füllte.
Aber Johann wollte reden.
„Noch vor zwei Jahren hätte ich meine Hand ins Feuer für Dich gelegt, Richard. Wie konntest Du uns nur so verraten und anlügen, unser Reich in solche Gefahr bringen?“ Johann schüttelte hasserfüllt seinen Kopf. „Ich an Margarethas Stelle hätte Dich auf der Stelle umgebracht. Du verdienst weder Buße noch Vergebung. Man sollte Dich zertreten wie einen Käfer.“
Richard wartete einen kurzen Moment. Die Nacht war klar und voller Glühwürmchen. Ein leichter Wind strich über die nahen Felder und bewegte das Getreide sanft wie ein Meer aus Pflanzen. Die noch grünen Ähren versprachen jetzt schon eine reiche Ernte. Zantini war wirklich ein wunderschönes Fürstentum und hatte ihn nicht verdient.
„Darf ich sprechen, Herr?“ fragte er leise und zögernd.
Johann nickte kurz.
„Es fällt mir wahnsinnig schwer, darüber zu reden. Aber Ihr müsst wissen, dass ich Euch nicht hintergehen wollte. Ja, Ihr wart einst mein Freund, und genauso hätte ich mein Leben für Euch gegeben…und würde es noch heute tun, auch wenn mein Leben nichts mehr wert ist. Wenn ich an die vergangenen Monate zurückdenke, dann frage ich mich selber immer wieder, welcher Wahnsinn über mich gekommen ist.“ Richard krallte verzweifelt seine Hände in seine Haare. „Wenn ich mir darüber nur im Klaren wäre….Als damals die Feuerbären und die Blutwölfe über die Grenze unseres Reiches einfielen und allen klar wurde, dass unsere normalen Streitkräfte es nur unter hohen Verlusten schaffen würden, sie zurück zu halten und wir es vielleicht nie schaffen würden, sie vollständig zu besiegen, da fiel wie durch einen Zufall ein Beschwörungszauber in meine Hände. Ich habe Dir…vergebt mir…Euch bereits erzählt, was er bewirken sollte. Heute glaube ich nicht mehr daran, dass es ein Zufall war, aber damals konnte ich mein Glück nicht fassen. Zunächst wollte ich ihn dem König geben, aber dann starb seine Majestät überraschend und seine Tochter war auf Pilgerreise zur Hohen Herrin Askaja. Ihr seid losgezogen, um sie zurück zu holen…was Euch ja auch gelungen ist. Ich war währenddessen mit der Verteidigung unserer Grenzen beschäftigt und musste jeden Tag zusehen, wie die Bestien immer mehr wurden und uns immer mehr zurückdrängten. Es starben so viele unter furchtbarsten Qualen! Irgendwann habe ich nicht mehr warten können: Ich musste etwas tun! Unsere Magier und Hexen waren auf die Schnelle unauffindbar. Ich habe niemanden gefunden, der den Zauber anwenden konnte. Da hat mich Haldu daran erinnert, dass es in unserer Familie mütterlicherseits einst einen großen Zauberer gegeben hatte. Wisst Ihr, in meinen Adern fließt auch ein ganz klein wenig Magierblut, da ich unserer Mutter ähnlicher bin als Haldu. Meine Mutter hat es mir einmal gesagt. Nicht bei weitem genug, um Magier zu werden. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Aber in meiner Verzweiflung und Verblendung habe ich den Zauber schließlich selber angewandt. Denn nicht einen Tag länger hätte ich die Toten und Verletzten, die ich jeden Tag sah, ausgehalten. An jenem Tag wurde mir auch noch ein Kind gebracht, deren Körperoberfläche fast vollständig durch die Feuerbären verbrannt worden war. Seine Haut war über und über mit Brandblasen bedeckt gewesen und hatte sich blutend abgeschält. Das Kind hat mich nur aus schreckensgeweiteten Augen angeschaut. Ich werde diesen Anblick nie vergessen, Herr. Ich bin einfach der festen Überzeugung gewesen, dass uns der Gott des Kampfes zu Hilfe kommen würde, wenn nur der Zauber gesprochen wird. Doch stattdessen habe ich den bösen Lord Kritzschak selber aus seinem Gefängnis befreit. Ich weiß nicht, warum er auf seiner Flucht ausgerechnet Eure Frau töten musste. Ich wünsche mir wirklich, ich wäre es gewesen! Und er hinterließ noch so viele weitere Tote auf seinem Weg in den Norden… So viele!“ Richard blickte Johann mit tränengefüllten Augen an. „Die Bestien haben sich zwar jetzt zurückgezogen, wenigstens stirbt gerade niemand mehr durch die Feuerbären und die Blutwölfe, aber ich weiß genau wie Ihr, dass Kritzschak in der Grafschaft Ramag, die meinem Bruder gehört, nur Kräfte sammelt. Und deswegen seine Bestien zurückhält. Sobald er sich stark genug fühlt, wird er uns mit seinen Horden überrennen, wenn nicht ein Wunder geschieht. Dann wird Aktiria nicht mehr existieren. Ich bin bereits schuld an dem vielfachen Tod Unschuldiger. Und ich werde noch schuld werden an dem Tod noch mehr Unschuldiger.“
„Ja, Du bist schuld, Richard! Es ist ansonsten völlig egal, was Du sagst. Allein. Du. Bist. Schuld!“ zischte Johann.
Die Worte trafen Richard wie einen Peitschenhieb, dennoch fuhr er leise, nur etwas zögernd fort: „Doch gestern im Tempel eröffnete mir jemand, Herr, dass ich mit vier Helfern Kritzschak wieder zurück schicken kann. Ich weiß nur noch nicht, wie. Aber ich werde alles tun, um das wahr zu machen.“
Johann lachte höhnisch auf: „Wer soll Dir das bitte eröffnet haben?“
Richard blickte zu Boden und biss sich auf die Unterlippe: „Ihr würdet es mir nicht glauben, Herr.“
„Sehr clever.“ spöttelte Johann.
Mit einer abrupten Bewegung riss er Richards Kopf an den Haaren zurück. Richard verzog vor Schmerz sein Gesicht.
Johann fragte eisig: „Was bist Du, Verdammter?“
„Ein Frangila.“ antwortete Richard erschrocken.
„Ja. Genau. Ein Frangila. Und wer bin ich?“
„Mein Bewacher und Herr.“
„Richtig.“ Johann ließ ihn wieder los und herrschte ihn an: „Du kennst ja doch Deine Position. Ich befehle Dir, mir sofort zu sagen, wer Dir das eröffnet hat!“
„Unser Hoher Herr Trashuige.“ flüsterte Richard vorsichtig.
Kaum hatte er den Namen genannt, drückte ihn Johann schon mit unerbittlicher Gewalt zu Boden und zischte ihm mit frostiger Stimme zu: „Du unbelehrbarer Lügner! Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass Du auf keinen Fall den Namen des Gottes in Deinen Mund nehmen darfst. Ich verbiete es Dir zum letzten Mal! Beim nächsten Mal werde ich Dich so auspeitschen, dass Du wünschst, ich würde Dich töten! Hast Du mich verstanden?“
Richard presste stöhnend heraus: „Es ist aber die Wahrheit, Herr.“ Er bekam fast keine Luft mehr. Ihm war in dem Moment egal, was mit ihm geschah.
Johann ließ ihn jedoch wieder los und stieß ihn weg: „Du bist geisteskrank. Natürlich. Anders ist das nicht erklärbar. Der Hohe Herr Trashuige würde sich nie einem erbärmlichen Lügner und Frevler wie Dir zeigen. Und schon gar nicht mit ihm reden.“
Richard verteidigte sich nicht. Es hätte keinen Zweck gehabt. Er holte würgend Luft. Beinahe wäre er erstickt. Sobald er wieder einigermaßen atmen konnte, kniete er vor Johann nieder und senkte demütig seinen Kopf: „Ich bitte meinen Bewacher und Herrn um Verzeihung, dass ich es wagte, den Namen des Hohen Herrn zu nennen. Es wird nicht wieder vorkommen.“
„Das hoffe ich für Dich, Frangila! Du hast ab sofort keine Erlaubnis zum Sprechen mehr. Begib Dich dort hinten an den Baum.“ befahl ihm Johann.
Richard gehorchte stumm, während Johann ihn für die Nacht an den Baum fesselte. Zum Essen bekam Richard nichts.
Dann kehrte Johann zum wärmenden Feuer zurück, bevor er sich zum Schlafen hinlegte. Morgen würden sie die Fürstin von Zantini besuchen, Richards Mutter.
Einige hundert Kilometer entfernt lag Haldu, Richards nur ein Jahr älterer Bruder, in seinem gemütlichen, großen Bett in weißen, weichen Linnen und freute sich. Der dunkle Gott, sein Herr und Gebieter, war sehr zufrieden mit ihm gewesen.
Doch etwas anderes gefiel ihm noch viel mehr.
„Endlich ist Richard gefallen.“ dachte er und lachte selig vor sich hin. „Mein dummer Bruder, immer so beliebt und begehrt. So ehrenhaft und voller Tugend…Idiot! Wer wird wohl nun der Fürst?“
Noch einmal lachte Haldu laut vor sich hin.
Denn heute hatte ihm einer seiner Sklaven einen Brief überreicht.
Gleich nach Richards Bestrafung waren alle Krieger und Truppen Margarethas darüber informiert worden, dass nicht länger nach dem Fürsten von Zantini gesucht werden müsse. Er sei gefasst und für ein Jahr zum Frangila verurteilt worden.
Haldus Männer hatten eine Brieftaube abgefangen, die genau diese Nachricht hatte überbringen sollen.
Schade, er wäre gern dabei gewesen, als Richard das Frangilaband umgebunden wurde. Aber schon in seiner Vorstellung gefiel es ihm über alle Maßen.
Haldu kicherte glücklich.
Er würde seinen Herrn bitten, ihm zu erlauben, den verhassten Bruder hierher zu bringen. Als Sklave würde Richard ihm gut dienen. Und er würde ihm endlich persönlich alles heimzahlen können.
Mit einem Grinsen auf den Lippen schlief Haldu ein. Bald würde er unter Kritzschaks Herrschaft Fürst von Zantini sein, so wie es eigentlich sein Geburtsrecht gewesen war.
Noch lag er allerdings in der Burg Grundstein der Grafschaft Ramag in seinen Gemächern im linken Turm.
Die Hauptgemächer hatte er selbstverständlich seinem Herrn, dem dunklen Gott Kritzschak, überlassen, als dieser sich ihm in Ramag offenbarte.
Kritzschak benötigte als Gott zwar grundsätzlich keine Gemächer, hatte sich aber herabgelassen, einstweilen eine menschliche Gestalt anzunehmen und sich in Haldus Burg niedergelassen.
Haldu schauderte noch immer leicht, wenn er daran dachte, welche grauenhafte Bosheit von Kritzschak bei ihrer ersten Begegnung ausgegangen war.
Wie ein dunkler, zäher Nebel, der alles Leben und jede Freude um den Gott herum erstickte. Nur noch Furcht und Verzweiflung waren geblieben.
Dabei hatte der Gott in seiner Verbannung viel von seiner früheren Stärke verloren, doch auch mit der noch verbliebenen Kraft war er mächtiger als Haldu es sich vorstellen konnte. Haldu mochte sich nicht vorstellen, wie Kritzschak erst mit seiner gesamten Macht sein würde.
Doch er machte sich auch keine allzu intensiven Gedanken darüber. Solange alles nach seinem Plan lief, würde er Kritzschak dienen.
Was hatte der dunkle Gott ihm noch erklärt?
Zeit war für Kritzschak als unsterblichen Gott ohne besonderen Belang, besonders, da er nun wieder frei war. Er wollte zuerst seine alte Stärke zurückgewinnen und dafür benötigte er vor allem Menschenopfer. Diese ließ er sich nun in Ramag zuführen. Frauen, Männer, Kinder… es war dem bösen Gott egal.
Da Kritzschak deshalb nicht vorhatte, in nächster Zeit Ramag zu verlassen, hatte er nach seiner Befreiung zunächst die Bären und Wölfe wieder in die Grenzen von Haldus Grafschaft zurück gerufen. Und Haldu mitgeteilt,
